Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Dritter Band

Part 8

Chapter 83,715 wordsPublic domain

»Nein,« sagte Jeremias ruhig, »wir wollen gerade das Gegentheil thun und augenblicklich hinaufsteigen und meinen Versteck betrachten, damit Sie sich erst von Allem überzeugen, und nachher noch lange keine Anzeige machen, bis wir den Bux fest haben. Wissen Sie ungefähr wo er steckt, so wird das auch nicht so schwer halten, und wenn wir dem Herrn Director dann die Beweise unter die Nase reiben, _muß_ er den Gefangenen herausgeben, oder -- wir stecken ihm das Haus über dem Kopf an und räuchern ihn zum Tempel hinaus. Gott straf' mich, es wird überhaupt Zeit, daß die Wirthschaft einmal ein Ende nimmt!«

Könnern mußte sich, er mochte wollen oder nicht, dem kleinen Burschen fügen, der sein Pferd in das Dickicht führte und dort anband und dann mit ihm in die Schlucht hinaufstieg, damit er mit dem Terrain genau bekannt würde. Dabei erzählte er ihm eine Menge Einzelheiten aus Bux' Leben, wie er seine Familie mißhandelte und sich überhaupt die kurze Zeit in der Colonie benommen habe, und kehrte dann Nachmittags mit dem jungen Mann nach Santa Clara zurück, wo dieser ohne Säumen die beiden Freunde aufsuchte, um mit ihnen das Nöthige zu berathen.

Herr von Schwartzau billigte auch ganz Jeremias' Vorschlag: vor allen Dingen sich der Person des wahrscheinlichen Mörders zu versichern, ehe man gegen den Director ein Wort von dem Verdacht äußerte. Es schien allerdings kaum möglich, daß dieser, nur um einem Gefühl der Rache zu folgen, dem wirklichen Verbrecher Gelegenheit zur Flucht verschaffen würde, aber -- sicher blieb sicher, und er hatte nachher keine Ausrede mehr.

Graf Rottack erbot sich augenblicklich, Könnern zu begleiten, brachte das doch einmal eine Abwechslung in sein monotones Leben, wie er meinte, und die jungen Leute beschlossen, keinem Menschen ein Wort von ihrer Expedition zu sagen. Daß Jeremias schwieg wußten sie außerdem, und je geheimer das Ganze betrieben wurde, auf desto sicherern Erfolg konnten sie rechnen.

An dem nämlichen Tage hatten fast sämmtliche Einwohner Santa Clara's auf Günther's Veranlassung eine Adresse an die Regierung in Rio aufgesetzt und unterzeichnet, in der sie mit einfachen aber klaren Worten die gegenwärtigen Verhältnisse und deren Rechtszustand schilderten und um Abhülfe baten. Sie sagten außerdem darin, »sie wollten die Regierung nicht drängen, ihren jetzigen Director wieder abzurufen, obgleich es keinen verhaßteren Menschen in der Colonie gäbe, aber das könnten sie verlangen, daß wenigstens ein ehrlicher Mann als Delegado ihnen zugetheilt würde und die Polizeigewalt, nicht länger in Einer Hand mit der bürgerlichen Obrigkeit sei. Die Colonisten wären sonst verrathen und verkauft und hätten keinen Platz in der Welt, wo sie Recht und Gerechtigkeit bekommen könnten, als das abgelegene und schwer zu erreichende Rio de Janeiro.«

Der eigentliche Postdampfer, der zwischen den Colonien und Rio, angeblich regelmäßig, lief, wäre allerdings schon wieder seit zwei Tagen fällig gewesen, aber es herrscht unter den Dampfern aller jener Linien an der brasilianischen Küste eine solche consequente Unregelmäßigkeit, daß man nie mit Sicherheit darauf rechnen konnte; ja, es war schon vorgekommen, daß der eine vierzehn Tage über seine Zeit ausblieb und der andere dann dicht hinter ihm her oder mit ihm gar zu einer Zeit eintraf.

Günther wollte sich also dem nicht aussetzen und nahm Passage auf einem nach Rio bestimmten Schooner, demselben, der die Parcerie-Colonisten hieher gebracht und indessen eine Ladung Bohnen, Maniokmehl und etwas geräuchertes Fleisch eingenommen. Er hatte die ganze Nacht gearbeitet und seine Karte über die Vermessung der Colonie beendet und copirt, da er die Copie dem Director zurücklassen mußte, schickte ihm dieselbe am nächsten Morgen in's Haus und nahm dann von den Freunden Abschied, die ihn bis zur Landung hinunter begleiteten. Beide junge Leute versprachen ihm auch fest, ihn in der Heimath aufzusuchen, sobald sie selber wieder Fuß auf deutschen Boden setzen würden, und eine halbe Stunde später sprengten Graf Rottack und Könnern auf der Straße hinaus, die an der Meierei vorüber in den Wald führte.

7.

Bux auf der Flucht.

»Was wir doch eigentlich für ein wunderliches, abenteuerliches Leben führen,« brach Felix endlich das Schweigen, denn Könnern's Herz war heute, wo er sich dem Platze wieder näherte, an dem er Elisen zum ersten Mal gesehen, schwer und gedrückt, und wie die Ahnung eines großen Unglücks lag es auf seiner Seele. -- »Heute hier, morgen da, heute philisterhaft sich mühend, um das tägliche Brod zu verdienen, nur des täglichen Brodes wegen, und morgen wieder im Sattel -- wie wir Beide heute -- als Rächer und Verfolger: ein paar richtige Romanhelden, wie man sie nicht brauchbarer erfinden könnte.«

»Mein lieber Graf,« sagte Könnern, »wie oft auch gleicht unser Leben einem künstlich erdachten und selbst unnatürlich combinirten Romane, mit all' den Zufälligkeiten, die hineingreifen und alle Pläne über den Haufen werfen. Und wir brauchen dazu nicht einmal nach Brasilien auszuwandern; Tausende und Tausende solcher Beispiele finden wir eben so gut daheim, eben so in den anscheinend hausbackensten Verhältnissen, die nach außen die glatte, nichtssagende Oberfläche zeigen. Könnten wir oft den Schleier heben, der darauf liegt, was für wunderbare und interessante Dinge würden wir zu sehn bekommen!«

Graf Rottack lächelte still vor sich hin, denn er dachte in diesem Augenblick an seine Scene mit der Madame Baulen.

»Apropos,« sagte er, »haben Sie kürzlich Nichts von unserer _Gräfin_ gehört? Ich vergaß in der kurzen Zeit, die ich in Santa Clara war, ganz nach ihr zu fragen -- oder kennen Sie die Dame gar nicht?«

»Ich habe sie wohl ein paar Mal auf der Straße gesehen,« sagte Könnern, »aber nie das Vergnügen ihrer persönlichen Bekanntschaft gehabt. Ja, ich muß sogar zu meiner Schande gestehen, daß ich selbst meine Schuldigkeit versäumt habe: ihr nämlich meine Aufwartung nach der unbenutzten Einladung zu machen. Wie ich aber neulich von Jeremias zufällig gehört, so scheinen Mißhelligkeiten in der Familie ausgebrochen zu sein.«

»In der gräflichen?« lachte Felix.

»Allerdings; da ich mich jedoch für die Leute nicht interessire, sind mir auch die Einzelheiten wieder entfallen -- ich hatte überhaupt damals den Kopf voll genug. Nur so viel erinnere ich mich, daß die Verbindung zwischen der Comtesse und Herrn von Pulteleben abgebrochen ist ...«

»Ha!« rief Felix, sich erstaunt im Sattel aufrichtend.

»Und daß sich die Comtesse sogar von ihrer Mutter getrennt hat,« fuhr Könnern fort, »was vielleicht Aufsehen in der Colonie erregt hätte, wenn die Leute nicht in der Zeit gerade mit wichtigeren Dingen beschäftigt gewesen wären. Gesprochen wurde aber doch viel darüber.«

»Helene fort?« sagte Felix nachdenkend; »was mag da vorgefallen sein? -- Und wo wohnt sie jetzt? -- Wo konnte sie hin?«

»Das habe ich zufällig bei Rohrlands gehört, ohne der jungen Dame selber aber dort zu begegnen. Sie hat sich in Rohrland's Hause ein Zimmer gemiethet und einen Theil ihrer Möbel wie ebenfalls ihr Pferd an Director von Reitschen verkauft.«

»Wunderbar, wunderbar!« murmelte der junge Mann kopfschüttelnd vor sich hin. »Von der _Mutter_ getrennt, und die Verbindung mit dem Bräutigam abgebrochen, da muß etwas ganz Absonderliches geschehen sein. Sehen Sie, Könnern, da haben Sie gleich wieder einen kleinen Familienroman mit den interessantesten Persönlichkeiten: einem schönen Mädchen, einer intriguanten Mutter und -- einem überflüssigen Bräutigam. Schade nur, daß der wirkliche _Geliebte_ fehlt, der zu einem wünschenswerthen Schluß gehört, denn _die_ Damen, die in einem Buche immer zuerst die letzten Seiten lesen, betrachten das als eine stillschweigende Bedingung. -- Und da drüben auch,« fuhr er fort und deutete mit der linken Hand nach der Stelle hinüber, wo des alten Meier Haus lag -- »dort hat sich ebenfalls eine anscheinend glückliche Familie plötzlich ohne bekannt gewordene Veranlassung zerstreut -- die Mutter ist in's Wasser gesprungen, Vater und Tochter sind verschwunden -- verdorben vielleicht, und Alle hatten die Berechtigung an dieses Leben, wie wir -- gerade so gut als wir, und jetzt Alles -- Alles zerstoben wie ein Traum! Sonderbare Geschichte das, höchst sonderbare Geschichte, und man weiß zuletzt wirklich nicht einmal ganz gewiß, wer von uns Allen denn auch sicher _wacht_.«

Könnern, dem die Worte des Grafen den alten Schmerz auf's Neue wach riefen, ohne daß Felix eine Ahnung davon haben konnte wie erbarmungslos er in die frische Wunde eingeschnitten, ritt schweigend an seiner Seite, und da auch durch Rottack's Seele eine Menge von alten Erinnerungen und Bildern zuckte, trabten die Beide eine lange Strecke still und schweigend neben einander hin.

»Hol' der Teufel die Grillen,« sagte Felix plötzlich mit seinem frühern wilden Humor, »man ist bei Gott ein Thor, sich ihnen hinzugeben, wenn man selbst überflüssige Zeit hat, und das -- haben wir hier nicht einmal! Wir wollen an unsere Jagd denken, Könnern, Diebsfänger, die wir doch jetzt nun einmal sind, an den mörderischen Schuft und an das glückliche Gesicht der jungen allerliebsten Frau -- um die ich den Gefangenen, aufrichtig gesagt, beneide. Sie mögen mich auslachen wie Sie wollen, aber ich tauschte den Augenblick mit ihm, selbst mit seinem jetzigen Aufenthalt in dem ungesunden Loch, wenn ich nur wüßte, daß mich beim Herauskommen ein Paar _solcher_ Arme in Glück und Seligkeit umschlingen würden. -- Aber was haben _wir_ Beiden, wenn wir zurückkommen? -- Quartier bei Bodenlos für unser gutes Geld und ein einschläfiges Gastbett, zweischläfig mit Flöhen versehen -- es ist zum Todtschießen!«

»Ich denke Sie wollen nicht mehr sentimental werden?« lächelte Könnern.

»Wollt' ich auch nicht,« sagte der junge Graf; »aber unwillkürlich steckt die sentimentale Fratze den Kopf durch jedes Gespräch, selbst wenn man sich von Mördern und Dieben unterhält. Wo haben Sie denn jenen Bux -- so heißt der Kerl ja wohl -- zum letzten Mal gesehen?«

»Wir biegen an der nächsten Chagra links in den Wald,« sagte Könnern, »und können den Ort dann etwa mit Dunkelwerden erreichen.«

»In den Wald? Wie, zum Henker, sind Sie denn da hineingekommen -- auf der Jagd?«

»Wo streift ein Maler nicht überall umher,« war Könnern's ausweichende Antwort -- »noch dazu, wenn er sein Gewehr auf dem Rücken hat!«

»Von dem sind Sie unzertrennlich?«

»Bei unserm jetzigen Ritte war es nöthig, denn wir wissen nicht, wie wir es gebrauchen können. Es ist wenigstens unwahrscheinlich, daß sich jener verwegene Bursche so gutwillig wird gefangen geben. Sind _Sie_ kein Jäger?«

»Nein, und nie gewesen,« sagte der junge Mann; »zu Hause hätte ich dazu Gelegenheit genug gehabt, aber ich konnte nie Freude daran finden, mich irgendwo in den Hinterhalt zu legen und ein armes, ahnungslos daherkommendes Stück Wild wie ein Meuchelmörder niederzuschießen. Die Jäger nennen das freilich »auf dem Anstand«, ich hielt es aber für unanständig -- wie ich denn überhaupt mein ganzes Leben lang mit den verschiedenen Menschenklassen verschiedener Meinung gewesen bin. Ich habe auch nur selten ein Gewehr in die Hand genommen; desto häufiger hetzte ich aber dafür Füchse und Hasen im freien Felde. Das ist List gegen List, Muskel gegen Muskel, und ein viel gleicherer Kampf als mit Pulver und Blei, dem das arme Wild keine ähnliche Waffe entgegenzusetzen vermag.«

»Aber eine Tigerjagd mit der Büchse hier in Brasilien würden Sie doch nicht für so ungleichen Kampf halten?«

»Nein,« meinte Felix; »wenn die Tiger nur nicht anderer Meinung wären. Aber Wochen lang hier im Gestein und Dorngestrüpp umherkriechen, von Durst und Hitze halb aufgerieben werden und dann nicht einmal einen Tiger zu Gesicht zu bekommen, nur höchstens einmal seine Fährte zu finden, wo _er_ seinen Durst löschte, während ich auf irgend einem unwirthbaren Bergrücken saß und schmachtete, dafür danke ich ebenfalls. Dazu gehört eben eine Passion die mir fehlt, und ich überlasse es denen, die wirklich Freude daran finden.«

Die Reiter hatten indessen die nächste Chagra, die ebenfalls einem Deutschen gehörte, erreicht, und Könnern hielt hier, ohne das Haus zu berühren, gleich schräg in den Wald hinein, umritt die Umzäunung und traf auf der andern Seite derselben wieder einen schmalen Weg, der fast direct nach Westen hinüberlief. Diesem folgten sie mehrere Stunden lang und mußten sogar Einer hinter dem Andern reiten, so schmal war die Bahn an vielen Stellen und so viel hineingebrochenes Holz lag darin. Hier und da führte auch manchmal ein schmaler Pfad rechts und links ab; Könnern schien aber völlig vertraut mit seiner Bahn und zögerte nur immer lange genug, ehe er die als richtig erkannte verfolgte, bis er die Abwege genau und sorgfältig untersucht hatte.

Endlich erreichten sie einen Fleck, wo Reisende eine Nacht zugebracht hatten. Halbdurchgebrannte Stücke zusammengetragenen Holzes lagen dort, und abgebrochene, nicht mit Messer oder Beil abgehauene Zweige waren mit unkundiger Hand verwandt worden, eine Art von Schutzdach gegen den Nachtthau herzustellen.

Könnern erfaßte ein herbes, bitteres Weh, als er den Platz wieder sah, denn hier hatte -- dem Berichte der Leute nach, die in der nächsten Colonie wohnten -- seine arme Elise mit dem Vater eine Nacht im Walde zugebracht und mit ihren zarten, solcher Arbeit ungewohnten Händen Holz herbeigetragen, sein Lager weich mit trockenem Laube bereitet, und versucht eine Hütte für ihn zu spannen. -- Und an der nächsten Chagra eben verlor sich vollständig ihre Spur. Der Pfad war von da an steinig, da er in das Gebirge hineinlief, aber selbst in der nächsten menschlichen Wohnung wollte Niemand Etwas von ihnen gesehen haben. Weit noch war er damals umhergestreift, rechts und links vom Wege ab, durch Dornen und Dickicht brechend, immer das Eine, theure Ziel im Auge -- umsonst, wie in den Boden hinein schien das hülflose Paar verschwunden, und es blieb keine andere Möglichkeit, als daß sie vom Wege abgekommen seien und sich verirrt hätten, wo sie dann rettungslos in der furchtbaren Wildniß verderben mußten.

Wieder durchlebte Könnern, als er sich dieser Gegend auf's Neue näherte, alle jene furchtbaren Stunden, die damals so schwer auf seinem Herzen gelegen; aber er scheute sich, dem Begleiter sein nagendes Leid mitzutheilen -- was konnte er ihm auch helfen, wo durfte er selbst hoffen, daß er ihn verstehen würde?

»Hier haben Reisende campirt,« sagte Rottack, als Könnern unwillkürlich sein Pferd neben dem alten Lagerplatze anhielt und darauf niederstarrte, -- »ob das _unsere_ Familie gewesen ist?«

»Nein -- Andere,« sagte Könnern leise -- »Bux hat mit seiner Familie an dem nächsten Hause gelagert und sich Essen auf der Chagra geben lassen. -- Aber vorwärts, oder wir versäumen hier die schöne Zeit!«

Weiter und weiter ritten sie durch den wilden Wald, bis sie plötzlich wieder eine kleine Hochebene erreichten, in der sich ebenfalls Deutsche niedergelassen hatten, und zwar, unbesorgt vor Indianern, welche der Director zur Entschuldigung brauchte, sich eine Polizei- und Militärmacht in die Colonie zu legen.

Die Sonne neigte sich indessen dem Horizont zu, und die Reisenden beschlossen, hier zu übernachten. Essen und Trinken fanden sie auch genug. Die deutschen Colonisten brachten willig was sie hatten, und waren außerdem froh, wieder einmal ein menschliches Wesen in ihrer Einsamkeit zu sehen.

Felix fragte sie auch, was um Gottes willen sie nur bewogen haben könnte, sich in dieser Einöde niederzulassen, wo sie ihre Producte nicht einmal verwerthen konnten. Die Sache war einfach genug: die Regierung hatte früher die Absicht gehabt, an dieser Stelle eine neue deutsche Colonie anzulegen, die mit Santa Clara sollte in Verbindung gebracht werden. -- Ähnliche Projecte haben an vielen Stellen stattgefunden, und anstatt einen Centralpunkt anzunehmen und von dem aus weiter in das Land hinein zu bauen, versuchte man es auf andere Art, wählte im Walde zerstreute Punkte und wollte von diesen aus gleichzeitig nach dem Centralpunkt zu arbeiten -- aber es ging nicht.

Diese in den Wald mitten hinein gezwungenen Colonien konnten mit den besser gelegenen nicht concurriren, weil ihnen der Transport ihrer Producte zu viel Geld kostete. In der Regenzeit wurden außerdem noch die, nie von einem Sonnenstrahl getrockneten, engen Waldpfade zu bahnlosen Morästen, und die darauf gesetzten Colonisten verließen meist alle ihr Land wieder, um sich an einer Stelle anzubauen, wo sie mit der Welt noch in Verbindung standen.

Einzelne blieben aber trotzdem zurück; es gewährte ihnen einen eigenen Reiz, so mitten im Walde zu sitzen und mit keinen Nachbarn Etwas zu schaffen zu haben. Land konnten sie hier ebenfalls in Besitz nehmen so viel sie wollten, kein Mensch hatte Etwas dawider; die Jagd bot ihnen auch hier und da Unterhaltung, und im Stillen hofften sie immer noch, daß die für jetzt aufgegebene Colonie doch wieder erneuert werden könnte. Dann aber stieg nachher ihr Land natürlich bedeutend im Werth, und ihre Producte fanden schon unter den frischen Einwanderern raschen und günstigen Absatz.

Hier erhielten die Verfolger Nachricht von Bux, denn dies war der Platz, an dem ihm sein Esel damals zusammenbrach und mit der zu großen Last nicht weiter konnte. Der alte Deutsche hier hatte aber kaum Worte dafür, wie roh und niederträchtig er die arme Frau sowohl wie auch sein überladenes Lastthier behandelt habe. Seiner Aussage nach wollte er nach einer andern Colonie hinüberschneiden, nach der zu ein Weg von der nächsten Chagra aus abging. Er hatte angegeben, daß er das Schmiedehandwerk verstehe -- was recht gut sein konnte -- und als er hier erfuhr, daß sie dort einen Schmied nothwendig brauchten, schien er den Entschluß gefaßt zu haben. Was sein eigentliches Ziel gewesen, und weshalb er hieher in den Wald gekommen sei, darüber sollte er kein Wort geäußert haben, und die Colonisten waren auch froh gewesen, als sich sein Esel wieder so weit erholt hatte, daß er weiter konnte.

Die beiden jungen Leute erwähnten kein Wort davon, weshalb sie hinter dem Burschen her seien und daß sie ihn überhaupt suchten, machten sich die Nacht ihr eigenes Lager mit ihren Sätteln und Satteldecken zurecht und brachen am nächsten Morgen mit Tagesgrauen wieder auf. Die nächste Chagra lag etwa zwei Legoas entfernt, und dort konnten sie recht gut frühstücken.

Jene Chagra erreichten sie etwa um neun Uhr Morgens und hörten hier zu ihrem Erstaunen, daß Bux bis gestern dort gehalten habe und in der That noch länger geblieben sein würde, wenn die Deutschen nicht seiner überdrüssig geworden wären. Ein Theil seiner Ladung lag aber noch hier, denn der ermattete Esel, der sich in den ersten Tagen nothdürftig wieder erholt, war nicht im Stande gewesen, seine frühere Last noch einmal aufzunehmen. Der Meinung des Bauers nach konnte der Bursche indessen kaum zwei oder drei Legoas entfernt sein, denn die Frau war ebenfalls krank geworden und so schwach, daß sie sich mit dem Kinde kaum vorwärts schleppte.

Nachdem Könnern und Rottack gefrühstückt und ihre Pferde gefüttert hatten, folgten sie in scharfem Trab dem Flüchtigen, der ihnen jetzt nicht mehr entgehen konnte. Überall an weichen Stellen im Wege sahen sie die kleinen, zierlichen Spuren des Esels und die der nägelbeschlagenen Schuhe des Mannes; nur gegen Mittag etwa waren die Spuren plötzlich verschwunden und der Weg hier augenscheinlich wohl von Pferden, aber von keinem kleinen Eselshuf und keinem nägelbeschlagenen Mannesschuh berührt worden. Sie fanden ein paar Stellen, wo sich in dem weichen Boden jede Fährte hätte abdrücken _müssen_, und die Wanderer, des Gebüsches wegen, auch weder rechts noch links ausweichen konnten, und trotzdem keine Spur der Verfolgten irgendwo hinein.

»Nun, durch die Luft sind sie _nicht_,« tröstete sich aber Könnern, »und jedenfalls hat sich der Bursche rechts oder links irgendwo abgewandt, um etwaige Verfolger irre zu führen; daß sie ihm so dicht auf den Fersen wären, dachte er wohl nicht. Wir müssen also ein Stück zurück, Graf Rottack, und jetzt aufgepaßt, wo wir den schmalen Eselshuf zuerst wieder in Sicht bekommen.«

Sie wandten ihre Pferde, hatten aber kaum zweihundert Schritt zurückgelegt, als sie wieder auf die Spur kamen, und jetzt entdeckte Könnern's scharfes und an den Wald gewöhntes Auge auch einen ganz schmalen Fußweg, der, von Gras überwachsen, links in den Wald führte und kaum zu passiren war. Und doch wurde der Eselshuf und der nägelbeschlagene Schuh hier wieder sichtbar.

»Wohin, im Namen jedes gesunden Menschenverstandes,« rief Felix, »hat sich der unglückselige Mensch gewandt? Er wird doch nicht mitten in den Wald hinein gelaufen sein, denn in diesem brasilianischen Urwald einer Fährte zu folgen, davor habe ich allen möglichen Respect!«

»Ich habe mich nur gewundert,« sagte Könnern, »daß er nicht schon lange vorher einen solchen Abstecher gemacht hat, denn die Möglichkeit einer Verfolgung war doch da, und der konnte er auf solche Weise am Allerleichtesten entgehen. Jetzt möchte ich aber die größte Wette eingehen, daß wir ihn am nächsten Wasser finden.«

»Ja,« sagte Felix leise, »und seine Frau und Kinder auch. Hören Sie, Könnern, wir haben uns die Geschichte eigentlich doch nicht ordentlich überlegt, und hätten es am Ende lieber der Polizei überlassen sollen, den entflohenen Verbrecher einzufangen. Das wird jedenfalls eine Scene geben, an die wir später einmal mit Schaudern und Entsetzen zurückdenken. Den Schuft selber, ja mit Wonne wollt' ich ihn einfangen und vor Gericht schleppen, aber wenn nachher eine jammernde Frau dazu kommt -- und krank soll sie ohnedies sein -- und kleine Kinder -- verfluchte Geschichte, und daß mir das gerade erst jetzt einfällt, wo es natürlich schon ein paar Posttage zu spät ist!«

»Ein angenehmes Amt ist's gerade nicht,« sagte Könnern ernst, »aber ich habe die feste Überzeugung, daß der Frau gar kein größerer Segen widerfahren kann, als von diesem nichtsnutzigen Galgenstrick befreit zu werden, und wer weiß, ob sie uns nicht unendlich dankbar dafür ist. Keinesfalls können wir's jetzt ändern, und denken Sie nur immer an Köhler's junges Weibchen, das sich jetzt die Augen roth weint, weil ihr nicht einmal verstattet wird, den _erkrankten_ Mann zu pflegen. _Der_ müssen wir ihren Frieden wiederbringen, und ich denke, nachher werden wir auch wohl im Stande sein, für das arme Weib mit ihren Kindern zu sorgen. Meinen Sie nicht?«

»Sie haben Recht!« rief Felix jetzt entschlossen aus -- »der armen Frau soll es an Nichts fehlen, damit sie nicht an dem unverschuldeten Leid zu tragen hat, und eine Beschäftigung für sie wird sich auch schon finden. So denn jetzt mit allem Eifer hinter dem Mörder her. Ich freue mich wie ein Kind auf den Augenblick, wo wir ihn gebunden dem Herrn Director überliefern können. Aber sind wir denn noch auf der Fährte? Ich sehe hier gar Nichts mehr.«

»Hier laufen die Spuren hin, gerade nach jenem Thal hinab,« erwiederte Könnern, der kein Auge vom Boden verwandt hatte.

»Und dort unten liegt auch eine Ansiedlung,« rief Felix plötzlich, denn Könnern hatte gar nicht voraus und nur auf die Spuren gesehen -- »das da unten muß doch eine Chagra sein.«

»Wahrhaftig, dort liegt eine Hütte,« sagte Könnern, der Richtung mit den Augen folgend -- »wie hat sich denn nur ein Colonist dort hinunter in das enge Thal verloren? Aber hier biegen die Fährten wieder links ab, als ob er die Stelle hätte umgehen wollen.«

»Er wird nicht gerade aus gekonnt haben,« sagte Rottack, »denn wir verdanken den Blick auf das Haus wahrscheinlich einem steilen, dazwischen liegenden Hange, den er umgehen mußte.«

Dieses erwies sich in der That so. Die Lehmwand, mit röthlichen Porphyrblöcken untermischt, fiel ein kleines Stück weiter vor so schräg ab, daß die Passage mit Lastthieren, wenn nicht gefährlich, doch sehr beschwerlich gewesen wäre, und die beiden Reiter suchten sich eben einen Platz aus, an dem sie bequemer und sicherer zu Thal kommen konnten, als Könnern plötzlich leise rief:

»Halt! Ich höre Stimmen!«