Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Dritter Band
Part 7
Immer mehr Gäste kamen herein, so daß sich das große Zimmer ziemlich gefüllt hatte, und das Gespräch wurde immer lebhafter, gab es doch heute auch genügenden Stoff, um bei einem Glas Bier oder Wein die Tagesfragen gehörig durchzunehmen! Das junge Volk aber, das sich darüber bald ausgesprochen hatte -- denn Keiner von Allen glaubte, daß Köhler länger als bis morgen früh zu sitzen haben würde -- fing an zu singen. An dem einen Ecktisch bildete sich ein Quartett, und »Ännchen von Tharau«, »Wir sitzen so fröhlich beisammen« und eine Menge andere deutsche Lieder wurden vorgenommen.
Bohlos' Hotel war nämlich das beliebteste in Santa Clara, denn man wußte jetzt, daß Buttlich nur eine Creatur des neuen Directors war, und wollte Nichts mit ihm zu thun haben.
Indessen war es neun Uhr geworden, als die Thür plötzlich aufging, einer der braunen brasilianischen Soldaten den Kopf hereinsteckte und in portugiesischer Sprache nach dem Wirth fragte. Bohlos, der gerade, eine Partie Bierkrüge in der Hand, an der Thür vorbeigehen wollte, blieb stehen, sah den Burschen an und fragte:
»Na? Was ist nu wieder los?«
»Es ist neun Uhr,« erwiederte der Soldat, der jetzt voll in's Zimmer trat.
»So?« sagte Bohlos, »bist Du Nachtwächter hier im Orte geworden?«
»Es ist neun Uhr,« wiederholte jedoch der Bursche, »und der Director hat befohlen, daß um neun Uhr alle Leute nach Hause gehen und daß nicht mehr gesungen wird.«
»Nanu?« rief Bohlos, beinahe stumm vor Staunen.
»Was ist los? Was giebt's da?« riefen eine Menge Gäste durch einander, welche den Soldaten bemerkt hatten und Bohlos' Erstaunen sahen. »Was will er, Bodenlos? Ist er durstig?«
»Polizeistunde, bei Gott!« rief jetzt der Wirth, »und das Singen stört den Herrn Director.«
»Da soll er sich doch Baumwolle in die Ohren stecken,« lachte Berthold -- »Polizeistunde, na, weiter fehlte Nichts in Brumsilien!«
»Alle sollen nach Hause gehen und Singen aufhören!« schrie der Soldat über den ganzen Lärm hinaus, und stieß dabei seinen Gewehrkolben heftig auf den Boden nieder, und wie er das gethan hatte, antwortete es draußen dem Signal. Die Gewehrkolben ziemlich der ganzen Mannschaft stießen draußen auf, die Thür wurde aufgerissen, und die Gäste sahen zu ihrem Staunen, daß hier wirklich Ernst gemacht wurde.
»Ei, da schlag' denn doch ein Himmeldonnerwetter drein!« schrien aber ein paar von den jungen Leuten, die sich einer solchen boshaften Willkür nicht gutwillig fügen mochten, und sprangen von ihren Sitzen auf. Die Soldaten wollten jetzt in's Zimmer dringen, aber die deutschen Burschen faßten ein paar von den braunen, verlebten Gestalten, daß diese eben nicht sanft und pfeilschnell auf ihre Kameraden zurückflogen, und es wäre jedenfalls zu einer ganz ordentlichen Schlägerei gekommen, wenn nicht Bohlos dazwischen gesprungen wäre.
»Meine Herren,« rief er auf die Gäste ein, »ich bitte Sie um Gottes willen, widersetzen Sie sich nicht den, wenigstens angeblich gesetzlich gegebenen Anordnungen des Directors, der auch zugleich Delegado ist. Sie wissen nicht, in was für Schererei wir deshalb kommen können. Thun Sie _mir_ den Gefallen und gehen Sie heute Abend ruhig nach Haus -- morgen wollen wir dann schon sehen, was sich in der Sache thun läßt.«
Es gelang ihm auch wirklich, die Ruhe wieder herzustellen, und die Gäste folgten seinen Bitten und verließen -- aber alle mit bitteren Flüchen auf den Director in portugiesischer Sprache, damit es die Soldaten verstehen sollten -- das Hotel. Draußen aber formirten sie sich zwei Mann hoch und zogen jetzt Arm in Arm und laut singend und jubelnd vor des Directors Haus. Natürlich schlossen sich ihnen noch gleich eine Menge anderer Colonisten an, und das Resultat war dann eine ganz richtige deutsche Katzenmusik, die ihrem weltlichen Oberhaupt in der Stille der Nacht gebracht wurde; dann zerstreuten sie sich lachend durch den Ort, um ihre eigenen Wohnungen aufzusuchen.
Etwa drei Viertelstunden später traten drei Soldaten in Bohlos' Hotel, gingen in die nur von einem Talglicht erhellte und sonst vollkommen leere Gaststube, und verlangten eine Flasche Branntwein zu kaufen.
»Thut mir leid, meine Herren,« sagte Bohlos ruhig -- »Sie haben mir im Namen des Herrn Directors selber verboten, nach neun Uhr noch Etwas auszuschenken; von mir können Sie also Nichts bekommen. Ich habe übrigens gesehen, daß sich das Verbot nicht auf den andern Wirth Buttlich auszudehnen scheint. Bei dem sitzen die Gäste noch fest; wenn Sie also Branntwein haben wollen, bemühen Sie sich dort hinüber.«
Indessen waren noch drei oder vier andere Soldaten nachgekommen, und sprachen leise mit den übrigen. Endlich drehten sie sich, um hinauszugehen.
»Hier ist's verdammt dunkel!« rief der Eine, und da er draußen ein Gepolter hörte, nahm Bohlos das Licht vom Tisch und trat hinaus auf den Hausflur. In dem Augenblick sah er, daß einer der Soldaten mit einem großen Zaunpfahl, den er von draußen mit hereingebracht hatte, gegen ihn ausholte. Er behielt eben noch Zeit, seinen rechten Arm empor zu werfen, um sich vor dem Schlag zu schützen, als dieser mit voller Wucht auf ihn niedertraf. Unwillkürlich stieß er einen Schmerzens- und Hülfeschrei aus, als die Soldaten lachend und fluchend aus der Thür sprangen, und im nächsten Augenblick im Dunkel draußen verschwunden waren.
Bohlos' Frau kam jetzt aus ihrem Zimmer gestürzt, und die Dienstleute eilten herbei. Bohlos aber, der noch mit dem Licht in der Hand, doch todtenbleich vor ihnen stand, sagte ruhig:
»Lauf doch einmal Einer von Euch zum Bader. Die Halunken haben mir den Arm zerbrochen« -- und sank dann ohnmächtig zusammen.
6.
Vorbereitungen.
So lange die Colonie Santa Clara stand, hatte noch keine solche Aufregung geherrscht, wie in diesen Tagen, und es fehlte wahrlich nicht viel, so wäre eine wirkliche Revolution ausgebrochen. Nur die älteren Leute hielten das junge Volk noch zurück, daß sie nicht das Directions-Haus stürmten und Herrn von Reitschen selber »zu allen Teufeln« jagten.
Herr von Reitschen mochte auch etwas Ähnliches fürchten, denn die Stimmung gegen ihn _konnte_ ihm nicht verborgen bleiben, und er hatte zwölf Mann seines sogenannten Indianerschutzes unten in sein eigenes Haus gelegt, wo sie mit geladenen Gewehren Wache halten mußten. Die Übrigen waren theils vor das Gefängniß, theils in das »Auswanderer-Haus« postirt worden, und die armen Parcerie-Arbeiter hätten am Fluß-Ufer lagern müssen, wäre ihnen nicht durch Bohlos eines seiner Hintergebäude angewiesen worden.
Bohlos' Arm war übrigens durch den Schlag dicht über dem Handgelenke wirklich gebrochen, und auf eine Klage seiner Frau bei dem Director erwiederte dieser:
Bohlos sei ein widerspänstiger Gesell und in seinem Hause gestern sogar offene Widersetzlichkeit gegen die Militärgewalt vorgefallen, was übrigens noch weiter geahndet werden würde. Diesen Fall nun betreffend, der unwahrscheinlich genug klinge, daß der Wirth nämlich von einem Polizeisoldaten solle ohne weitere Veranlassung überfallen und ihm der Arm zerschlagen sein, so möge er den betreffenden Soldaten bringen und die Sache werde dann weiter untersucht werden.[3]
Natürlich war das unmöglich, denn auf dem dunklen Hausflur, zwischen den braunen, schmutzigen Gesichtern, alle in ähnlicher Uniform, die sich selbst am Tag auffallend glichen, wäre es ganz unmöglich für Bohlos gewesen, den Thäter mit Bestimmtheit bezeichnen zu können -- und vielleicht wußte das auch der Director, denn es geschah weiter Nichts in der Sache. Wohl aber wurde Bohlos drei Tage später davon in Kenntniß gesetzt, daß er »wegen Widersetzlichkeit gegen die Behörden« fünfzig Milreis Strafe zu zahlen habe, und ihm, bei einem Wiederholungsfalle, die Schankgerechtigkeit entzogen werde.
Und Köhler kam nicht frei. Erst am fünften Tage, als das Gesicht des Directors nicht mehr so deutlich die Spuren der erlittenen Mißhandlung zeigte, wurde er zum _ersten_ Mal zu seinem Verhör geführt und -- als er nicht bekennen wollte -- wieder in seine Zelle zurückgebracht.
Könnern war indessen abwesend und nach irgend einer andern Colonie geritten, Niemand wußte wohin. Als er aber nach acht Tagen zurückkehrte, saß Köhler noch immer, und er beschloß jetzt den Director selber aufzusuchen. Der Erfolg war indessen, wie er sich hätte voraus denken können, kein günstiger, denn daß ihm der Director nicht freundlich gesinnt sei, da dieser ihn als Sarno's Freund kannte, läßt sich denken. Außerdem war er Zeuge oben auf Köhler's Chagra gewesen, wie er jene Mißhandlung erlitten, und mit aller Höflichkeit und einigen nichtssagenden Redensarten wurde der junge Mann abgespeist, daß er das Directionsgebäude empört verließ.
Was jetzt thun? Er war fest entschlossen, die Sache zum Äußersten zu treiben, und beschloß nun Günther aufzusuchen und dessen Rath einzuholen. Günther stak aber irgendwo im Walde bei seinen Vermessungen, Niemand konnte ihm genau die Stelle angeben, wo er ihn möglicher Weise treffen würde, und es dauerte drei Tage, bis er ihn endlich in seinem aufgeschlagenen Lager fand.
Hier erzählte er Günther mit kurzen Worten die Vorgänge in Santa Clara, und dieser saß dabei, nickte mit dem Kopfe und lächelte nur still vor sich hin.
»Ich hab' mir's gedacht, daß es etwa so kommen würde,« sagte er endlich, »und der Herr Baron scheint seiner Protectorin alle Ehre zu machen; aber ich denke, sein Spiel soll nicht ewig dauern. Haben Sie guten Muth, Könnern, dem armen Teufel, dem Köhler, können sie doch Nichts anhaben, denn das darf er nicht wagen, und er läßt es auch nicht zum Äußersten kommen, und wenn es jetzt für unseren jungen Freund auch schlimm genug ist, von dem allerliebsten Frauchen so lange getrennt zu sein, kann er sich doch darauf verlassen, daß er glänzende Genugthuung erhält. Also Ihr habt den Herrn Director droben auf verbotenen Wegen erwischt? Was gäb' ich nicht drum, wenn ich dabei gewesen wäre und das später einmal der Frau Präsidentin hätte recht ausführlich erzählen können! Aber die alte Geschichte -- wenn's Brei regnet, fehlt mir jedes Mal der Löffel -- so 'was Gutes kommt an mich nicht!«
»Und können Sie mit hinunter?«
»Ja,« sagte Günther nach einigem Zögern -- »das heißt heute nicht mehr, aber morgen Abend oder spätestens übermorgen früh habe ich meine Arbeiten hier oben so weit beendet, daß ich das Übrige an jeder andern Stelle fertig machen kann -- mein neuer Hülfsarbeiter hat mich aber auch wacker dabei unterstützt.«
»Und haben Sie sich leicht in die Arbeit gefunden, lieber Graf?«
»Vortrefflich!« lachte der junge Mann -- »und außerdem hatte ich nie im Leben wirklich geglaubt, daß ich noch je einmal zu Etwas nützlich sein könnte, während ich sogar jetzt das volle Vertrauen des von der Regierung angestellten Beamten besitze.«
»Du findest gewiß noch solche Freude an dieser Beschäftigung,« sagte Günther, »daß Du wacker dabei aushältst, und gar noch ebenfalls brasilianischer Beamter wirst.«
»Möglich, aber nicht wahrscheinlich,« sagte Felix achselzuckend; »jedenfalls hat es mir hier geholfen eine Quantität Zeit todtzuschlagen, und das ist schon immer ein unberechenbarer Gewinn, den ich selber gar nicht hoch genug anzuschlagen weiß.«
»Du bist unverbesserlich!« lachte Günther -- »und nun wieder an die Arbeit, denn wenn ich bis morgen fertig werden will, haben wir Beide noch genug zu thun.«
Die Arbeit wurde in der That in der angegebenen Zeit beendet, aber doch zu spät, um noch an dem nämlichen Abend an den Abmarsch denken zu können, den sie auf den andern Morgen mit Tagesanbruch festsetzten.
»Und haben Sie Nichts wieder von jenem alten Mann und seiner Tochter gehört?« fragte Günther den Freund, als er mit ihm zusammen einen Waldweg nach Santa Clara hinüber ritt -- Felix war gerade ein Stück zurückgeblieben.
»Nichts -- gar Nichts,« sagte Könnern leise -- »ich habe sie sogar gesucht -- ich bin fünf Tage nach ihnen in der ganzen Nachbarschaft umher geritten, und die ersten zwei ihrer Spur gefolgt. Dann war diese urplötzlich verschwunden. Kein Mensch konnte mir weitere Nachricht von den Verschollenen geben, und der Gedanke ist mir jetzt furchtbar, daß ihnen, allein und hülflos wie sie waren, ein Unglück zugestoßen sein könne. Meine arme, arme Elise!«
»Spurlos verschwunden?« sagte Günther, ungläubig mit dem Kopf schüttelnd -- »wie wäre das _hier_ in der Colonie _möglich_?«
»Und warum nicht? Sobald sie die Hauptstraße verlassen und sich nach rechts oder links in den Wald ziehen, wo überall noch einzeln zerstreute Hütten liegen, wer soll ihnen da folgen? Und ehe ich sie aufzufinden vermöchte, können sie verdorben sein.«
»Und von dem Mörder des Schneiders hat man ebenfalls keine Spur? Gar keinen Verdacht?«
»Keinen -- der liederliche Gesell hatte zu wenig Geld bei sich, als daß das könnte einen Menschen zum Morde gereizt haben, und, kleine Häkeleien ausgenommen, hat er sich auch Niemanden in der Colonie so zum Feinde gemacht, daß man glauben könne, der Mord sei irgendwie aus Rache verübt. Es bleibt räthselhaft.«
»Der Director kann doch unmöglich Köhler für schuldig halten?«
»Sicher nicht,« sagte Könnern, »aber eine bessere Gelegenheit fände er im Leben nicht, sich an dem zu rächen, der ihn einmal mißhandelt hat, und daß er sie eben benutzt, liegt in seiner Natur.«
»Gut, dann wollen wir einmal sehen, was wir gegen ihn ausrichten können. Die erste Warnung vor dem Mann, der hierher als Director gesetzt ist, hat der Minister des Innern schon von mir aus Santa Catharina bekommen; jetzt ist Nichts weiter nöthig, als in Santa Clara die genauen Daten der letzten Vorfälle zu sammeln, und dann gehe ich selber mit der nächsten Gelegenheit nach Rio ab, um das Weitere zu betreiben.«
»Sie wollen wirklich fort -- und dann nach Deutschland?«
»Dann nach Deutschland, nach meinem Thüringen!« rief Günther, und spornte fast unwillkürlich sein Pferd zu schärferem Trab, als ob ihn schon der Gedanke seinem Ziele rascher entgegenführe.
»Und Sie kommen vorher nicht noch einmal hieher zurück?«
»Hieher? Gewiß nicht! Ich habe das wilde, unstäte Leben recht von Herzen satt bekommen und muß doch jetzt auch wieder einmal fühlen lernen, wie einem wirklichen Menschen zu Muth ist. Sechs Jahre, Könnern -- sechs Jahre lebe ich jetzt hier, mit dem Bewußtsein, daß Alles, was mir lieb und theuer auf der Welt ist, da drüben treu und geduldig, aber mit immer wachsender Sehnsucht meiner harrt. Jetzt ist's genug! Der Brief, der mich drüben anmeldet, ist schon damals von Santa Catharina abgegangen; jetzt habe ich weiter Nichts in Rio zu thun, als meine Berechnungen vorzulegen und mein Geld einzucassiren -- wobei ich aber dafür sorgen werde, daß Sarno Gerechtigkeit widerfährt, und dann mit dem nächsten Dampfer heim -- heim -- es giebt ja gar kein schöneres Wort in unserer reichen, deutschen Sprache -- _heim_!«
Könnern war schweigend neben ihm hingeritten, denn die heiße Sehnsucht, welche den Freund zurück in die Heimath trieb, fand in _seinem_ Herzen keinen Wiederklang. Für ihn war die Heimath todt und leer, denn all' _sein_ Hoffen, all' _sein_ Lieben deckten die düsteren Schatten des brasilianischen Urwaldes -- vielleicht schon mit Todesnacht -- arme Elise!
Noch an demselben Nachmittag erreichten sie die Colonie, in der sich in den Tagen Nichts verändert hatte, das ausgenommen, daß die Erbitterung gegen den Director fast noch mit jedem Tage gestiegen war. Herr von Reitschen verkehrte jetzt auch nur noch mit dem Baron und der Gräfin; die gewöhnlichen Colonisten durften seine Stube gar nicht mehr betreten und wurden stets auf dem Vorsaal abgefertigt, wo sie mit abgezogenem Hut warten mußten, bis der Herr Director einmal einen Augenblick zu ihnen heraustrat.
Günther von Schwartzau ließ sich übrigens, als er Alles das erfuhr, gar nicht bei ihm melden und sandte ihm nur ein paar Zeilen, worin er ihm anzeigte, daß er seine Arbeiten in der Colonie beendet habe und mit der ersten Gelegenheit nach Rio Janeiro gehen würde. Wünsche der Herr Baron ihn zu sprechen, so sei er Morgens bis zehn Uhr in Bohlos' Hotel zu finden.
Natürlich kam Herr von Reitschen, über eine solche Zumuthung empört, _nicht_, arbeitete aber dafür sehr fleißig an verschiedenen Depeschen, die allen möglichen ungünstigen Berichten in Rio entgegenwirken sollten. Wußte er doch recht gut, daß er an Herrn von Schwartzau keinen Fürsprecher finden würde.
Könnern hatte den Mittag wieder einen vergeblichen Versuch gemacht, bei dem Gefangenen vorgelassen zu werden, und saß eben in seiner Stube mit einiger Correspondenz beschäftigt, die Günther mit nach Rio nehmen sollte, als es an die Thür klopfte. Er rief: »Herein!« und im nächsten Augenblicke steckte Jeremias sein dickes, gutmüthiges Gesicht, aber mit einem besondern Grad von Vorsicht, in die Thür.
»Heda, Jeremias!« rief Könnern, der den kleinen, komischen Burschen gern leiden mochte, noch dazu da er wußte, wie treu er früher an Sarno gehangen -- »läßt Du Dich denn auch einmal wieder sehen?«
»Wieder sehen?« sagte Jeremias, nachdem er sich überzeugt hatte, daß Könnern allein im Zimmer sei -- »Sie haben mich wohl erwartet, und _ich_ laufe mir seit beinahe einer Woche im ganzen Neste die Beine ab und suche den Herrn Könnern in allen Winkeln und Ecken.«
»Mich -- und weshalb? -- Ich war im Walde draußen.«
»Na ja, das hab' ich mir etwa gedacht, aber -- wollen Sie mir einen Gefallen thun?«
»Wenn ich kann, recht gern, doch jetzt bin ich beschäftigt.«
»Wie lange?«
»Ist es so wichtig?«
»Ja.«
»Nun denn, heraus damit!«
»Hier nicht. Sie müssen einen Spaziergang mit mir machen.«
»Was hast Du denn nur, Du thust ja so geheimnisvoll?«
»Es ist auch ein Geheimniß,« sagte Jeremias, sich leise und scheu umsehend, »das ich zwischen den papiernen Wänden hier nicht auskramen möchte, denn man weiß nicht wer dahinter steckt.«
»Und wie lange wird es mich aufhalten?«
»Eine gute Stunde -- vielleicht zwei -- vielleicht eine Woche.«
»Alle Teufel,« lachte Könnern, »Dein Geheimniß scheint dehnbar zu sein; doch dann laß mich erst diesen Brief schließen und siegeln, nachher habe ich eine Stunde Zeit für Dich -- vorausgesetzt aber, daß es wirklich wichtig ist.«
Jeremias antwortete gar nicht; er setzte sich ruhig auf einen Stuhl, seinen Hut zwischen den Knieen, und wartete dort geduldig, bis Könnern seine Correspondenz völlig beendet und seine Schreibmaterialien weggeschlossen hatte. Dann erst, als er seinen eigenen Hut nahm und nun sagte: »So komm!« stand er auf, öffnete dem jungen Mann die Thür und folgte ihm die Treppe hinunter.
»Und wohin wollen wir?« fragte Könnern, unten angelangt, und sah zu seinem Erstaunen, daß ihm Jeremias schon sein Pferd gesattelt und angebunden hatte -- »ist es so weit?«
»Nein,« meinte Jeremias; »aber Sie können's sich eben so gut bequem machen. Nur den Berg hinauf steigen Sie ab und ich erzähle Ihnen dann die ganze Geschichte.«
Könnern wurde wirklich neugierig; Jeremias hielt sich aber hinter seinem Pferde, bis sie den Fuß des Hügelrückens erreichten, über den der Weg nach Zuhbel's Chagra führte. Dort sprang er vor, hielt Zügel und Steigbügel, bis der Reiter abgestiegen war, nahm dann das Pferd am Zügel und begann nun, ohne die geringste Vorbereitung, Könnern, zu dem er ein großes Vertrauen hegte, seine ganzen Geldverhältnisse zu erzählen und ihm den Platz zu beschreiben, wo er den Sack versteckt gehalten. Dann kam er auf den Abend, an dem er das vom Director Sarno erhaltene Geld dort einheimsen wollte, und zuletzt zu seinem Abenteuer, wie ihm der Dieb seines eigenen Geldes, den gestohlenen Sack, freilich unfreiwillig, vor die Füße geworfen habe, und dann in wilder Flucht in den Wald gesprungen sei. -- Sie hatten indeß dieselbe Stelle erreicht und Jeremias konnte dem jungen Mann genau den Fleck zeigen, wo der Verbrecher gestürzt und in den Busch hineingebrochen war.
»Ja, mein guter Jeremias,« sagte Könnern endlich, »das ist eine ganz interessante und höchst wunderbare Geschichte, aber -- nimm mir's nicht übel -- was geht _mich_ das eigentlich an?«
»Das will ich Ihnen gleich sagen,« erwiederte der kleine Bursche, nicht im Mindesten dadurch gekränkt. »Sie wissen doch, daß sie den Köhler, als des Mordes verdächtig, eingesperrt haben? -- ich weiß aber jetzt wer der wirkliche Mörder ist.«
»Du -- Du kennst ihn?« rief Könnern rasch und erstaunt.
»Ahem!« nickte Jeremias entschieden mit dem Kopfe -- »Bux.«
»Bux? -- Wer ist Bux?«
»Sie kennen Buxen nicht? -- den Bauchredner, den Lump?«
»Und wo ist er jetzt?«
»Pfutsch!« sagte Jeremias mit einer entsprechenden Handbewegung.
»Und woher glaubst Du das?«
Jeremias holte, ohne zu antworten, aus seiner Tasche ein altes Klappmesser und zeigte es Könnern.
»Sehen Sie,« sagte er, »das hat der Lump bei der Arbeit verloren und im Stich gelassen. Es war mir auch gleich so, wie er an mir vorübersprang, als ob ich die Canaille kennte. In der Stadt hab' ich mich indessen vorsichtig erkundigt, wem das Messer gehört, und der Buttlich kannt' es und wollt' es mir abnehmen. -- So, und jetzt steigen wir zu meinem Versteck hinauf, in dem das Messer eingeklemmt war, und dort zeig' ich Ihnen die ganze Bescheerung, auch den Platz, wo der Mann erschlagen ist.«
»Und weshalb sollte der den Schneider ermordet haben?«
»Die Sache ist einfach genug,« sagte Jeremias, der mit ziemlich richtiger Combination der That folgte. »Die beiden Lumpen, denn der Justus war nicht um ein Haar besser, haben mir, Gott weiß _wie_, nachgespürt, oder auch vielleicht hier oben irgendwo gerade Etwas ausgeheckt, als ich vorbei kam. Nachher sind sie mir nachgekrochen und haben mein Versteck gefunden; dann hat der Bux den Schneider auf den Kopf geklopft, um den ganzen Sack für sich allein behalten zu können. Mit dem bösen Gewissen aber und dem Mord auf der Seele bekam er die Angst, sah nicht auf den Weg, stürzte und glaubte nun im ersten Schrecken, als er eine Stimme neben sich hörte, er solle des Mordes wegen abgefaßt werden, weshalb er, wie vom Teufel gehetzt, in die Büsche fuhr.«
»Bux? -- Bux? -- Ich kann mich auf den Menschen gar nicht besinnen.«
»Aber ich bitte Sie,« sagte Jeremias -- »der Liedrian, der immer einen Tressenstreifen um die Mütze trug.«
»Der?« rief Könnern, rasch auffahrend -- »den hab' ich neulich auf meinem Ritt in die Colonien getroffen. -- Es war ihm Etwas geschehen, ich glaube, sein Lastthier, ein Esel oder Maulthier, war ihm gestürzt, und er mußte dort bei einem Bauer liegen bleiben.«
»Dann kriegen wir ihn auch,« sagte Jeremias bestimmt.
»Aber weshalb, um Gottes willen, hast Du den Verdacht, der fast an Gewißheit gränzt, nicht schon lange ausgesprochen?« rief Könnern vorwurfsvoll -- »und der arme Köhler sitzt die ganze Zeit!«
»So?« sagte Jeremias, »und wenn ich Etwas gegen den Buttlich oder einen von den Consorten hätte merken lassen, dann wär' der Bux wohl nicht unter Hand gewarnt worden, nur um den Köhler noch ein Bißchen länger unter dem Daumen zu halten? Und dann, sollt ich's _denen_ wohl auch auf die Nase binden, daß ich so viel Geld hätte, um es verstecken zu müssen? -- Über jeden Milreis würden sie mir Rechenschaft abverlangt haben, und meines eigenen Lebens wäre ich von da an keinen Augenblick mehr sicher gewesen. Nein, lieber nicht, und ich hätt's auch jetzt noch nicht, und selbst Ihnen nicht gesagt, wenn nicht -- der Köhler heute krank geworden wäre. Der arme Teufel hält die Hitze in dem Loche aber nicht mehr lange aus, und wenn dem 'was passirte -- _das_ möcht' ich nicht auf dem Gewissen haben -- da noch lieber die Angst, bestohlen zu werden. Fassen sie den Bux, so kommt's nachher mit _meinem_ Gelde auch heraus, das ist sicher, denn gestehen muß er und wird er, weshalb er den Justus todtgeschlagen. Nachher freue ich mich aber nur auf das dumme Gesicht von ihm, wenn er erfährt, wo er sein Geld die Nacht hingeworfen hat, und daß ich beinahe eben so erschreckt gewesen wäre, als er selber.«
»Dann wollen wir augenblicklich hinunter und die Anzeige machen,« rief Könnern rasch.