Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Dritter Band

Part 5

Chapter 53,764 wordsPublic domain

»Hol's der Henker!« dachte Herr von Pulteleben -- denn dem sonst so gutmüthigen Menschen lief endlich die Galle über, »da geh' ich doch lieber auf mein Zimmer und lasse die Leute zu _mir_ kommen. Die behandeln Einen ja wie einen -- als ob sie Einen auf der Straße aufgelesen hätten!« Und dem Entschluß die That folgen lassend, ging er rasch in seine eigene Wohnung zurück, zog seinen Rock aus, nahm sein Schreibzeug her und entwarf die Idee zu einem Epos, in dem er die Erbärmlichkeit des Menschengeschlechts schildern wollte.

Indessen bereitete sich unter ihm eine andere Scene vor. Oskar war vor etwa einer halben Stunde allein fortgeritten, und Helene, schon vollständig angezogen, aber in einem ganz einfachen Mousselinkleide, öffnete ihr Zimmer, ging zu dem ihrer Mutter hinüber und klopfte an.

»Wer ist da?«

»Ich bin's.«

»Gleich!« sagte die Stimme inwendig -- »einen Augenblick nur,« und Helene hörte, wie drinnen ein paar Schiebladen hastig auf- und zugemacht wurden. Jetzt drehte sich der Schlüssel im Schlosse und die Comtesse trat ein.

»Guten Morgen,« sagte Helene ruhig und kalt, und trat zum Fenster, um das eine Rouleau hinauf zu ziehen, und den Sonnenschein herein zu lassen.

»Guten Morgen, mein Kind,« sagte die Gräfin, die sich aber heute, der Tochter gegenüber, merkwürdig verändert benahm, denn sie schien ganz das hochfahrende, nachlässige Benehmen, das sie sonst selbst Helenen gegenüber beibehielt, abgelegt zu haben. Sie stand im Zimmer, sie zu begrüßen, rückte ihr sogar einen Stuhl und sagte:

»Du siehst heute Morgen bleich aus, Helene; hast Du schlecht geschlafen, mein Kind?«

»Ich glaube ich habe gar nicht geschlafen,« sagte Helene ruhig, ohne die Mutter anzusehen -- »doch -- das hat mit dem Nichts zu thun, über das ich mit Ihnen sprechen möchte.«

»Mit _Ihnen_?« rief die Gräfin erschreckt -- »Helene!«

»Bitte, setzen Sie sich,« sagte das junge Mädchen kalt -- »wir haben Manches mit einander zu besprechen, und es ist nöthig, daß dies in aller Ruhe geschieht.«

»Aber um Gottes willen, Helene, was hast Du nur -- wie bist Du?« rief die Frau und wollte Helenens Hand ergreifen.

»Was ich habe?« sagte das junge Mädchen staunend und sah ihr zum ersten Mal voll und ernst in's Auge -- »und das fragen Sie noch? Aber, bitte, setzen Sie sich, und erlauben Sie vor allen Dingen, daß ich Ihnen einen Brief vorlese, der gestern zufällig in meine Hände kam.«

»Der unglückselige Brief!« jammerte die Frau und setzte sich mit gefalteten Händen und wie gebrochen auf das Sopha nieder.

»Derselbe,« sagte Helene mit eiserner Ruhe, faltete den Brief dann aus einander, den sie die Nacht über schon unzählige Male gelesen und über den sie heiße, bittere Thränen geweint, und las jetzt mit fester, ruhiger, auch nicht die geringste Bewegung verrathender Stimme:

»Liebe Constance!

Anbei sende ich Ihnen -- dieses Mal _direct_ -- den zweiten Semester-Wechsel für die Erziehung meiner Tochter Helene. Sie sehen, ich habe auch Ihren Wunsch erfüllt und die Adresse an die _Gräfin_ Baulen gerichtet, obgleich ich mit einer solchen Täuschung nicht einverstanden und vollkommen dagegen bin. Ich kenne aber die brasilianischen Verhältnisse nicht, und es _mag_ vielleicht dort nöthig sein. So geschehe es denn Helenens wegen.

Es freut mich, so Günstiges über die Fortschritte des Kindes zu hören, und ich hoffe, daß Sie Ihr Wort halten und wie eine Mutter für sie sorgen.«

»Und hab' ich das nicht gethan, Helene? Hab' ich das nicht immer und immer gethan und Dir jetzt wieder bewiesen, indem ich einen braven Mann für Dich gesucht?« rief die Frau und hob die Hände zu der Jungfrau empor.

Helene las ruhig weiter:

»Es grüßt Sie freundlich Ihre Ottilie von ....«

»Der Name wie Ort und Datum fehlen.«

»Hab' ich das nicht immer gethan? Sag' wahr und aufrichtig, ob ich das _nicht_ gethan habe?«

»Nein,« sagte Helene, und das Wort hatte eigentlich keinen Klang, aber es traf doch deutlich und furchtbar an das Ohr der Frau, die ihr Taschentuch herausnahm und es gegen die Augen hielt.

»Wie heißt meine Mutter?« fragte Helene endlich mit derselben tonlosen Stimme wie vorher -- »wie heißt sie und wo wohnt sie, und welches Geheimniß liegt auf meiner Abstammung, daß ich hinausgeschickt wurde unter fremde Menschen?«

»Liebe Helene,« sagte da die Frau, das Tuch vom Gesicht nehmend und ihre Augen trocknend -- »ich habe einen furchtbaren Eid schwören müssen das Geheimniß zu bewahren, wenigstens so lange zu bewahren, bis ich den Auftrag dazu von Deiner Mutter selber bekomme, es Dir mitzutheilen. Ich darf und kann den Eid nicht brechen -- fordere es nicht!«

Helene schwieg; ihr Auge haftete noch immer fest auf der Frau und ein schwerer Seufzer hob ihre Brust.

»Ich bin mündig,« sagte sie endlich -- »ich bin einundzwanzig Jahr. _Darf_ mir der Name meiner Mutter -- meiner Eltern länger vorenthalten werden?«

»Ich will augenblicklich nach Deutschland schreiben,« sagte die Frau -- »gewiß, Helene, mit dem nächsten Schiff, und will Deine Mutter bitten mich meines Eides zu entbinden; aber ehe das geschehen ist, und wenn sie _nicht_ darein willigt, kann und darf ich es ja doch nicht thun. Du selber wirst doch nicht wollen, daß ich einen Meineid auf meine Seele lade.«

Helene hatte ihr Herz wie krampfhaft mit der Hand gefaßt und sah die Frau noch immer mit ihrem kalten, durchdringenden Blick an, endlich sagte sie leise:

»Also Sie wollen mir den Namen meiner Mutter nicht nennen?«

»Ich _kann_, ich _darf_ nicht, Kind -- wenigstens jetzt noch nicht. Laß Dir Zeit -- in wenig Monaten kann ein Brief hinüber- und zurückgehen, und ich zweifle keinen Augenblick, daß Deine Mutter mich meines Eides entbinden wird. Dann von Herzen gern. Aber -- was nutzt es Dir, Helene?« fragte sie wie schüchtern nach kurzer Pause, »denn -- Du würdest ihr doch nicht nahen dürfen.«

»Nicht nahen dürfen?« rief Helene erschreckt; »wer will das Kind dem Herzen der Mutter fern halten?«

»Frage mich nicht weiter -- dringe nicht in mich, Deiner eigenen Ruhe wegen.«

»Also _das dürfen_ Sie mir doch sagen,« rief Helene rasch, »und aus Schonung für mich glaube ich nicht, daß Sie es zurückzuhalten brauchen. Ich verlange von Ihnen zu wissen, _weshalb_ mir die Mutter vorenthalten werden soll. Ich mache Sie für Alles verantwortlich was daraus entstehen kann, wenn ich es _nicht_ erfahre, und beim ewigen Gott! ich halte was ich verspreche, wenn ich Ihnen zuschwöre, daß Sie bei einer Weigerung keine schlimmere Feindin in der Colonie haben sollen, wie mich. Ich denke, Sie trauen mir zu daß ich mein Wort halte.«

Helene war von ihrem Stuhl aufgesprungen und stand der Frau mit zürnendem, drohendem Blick gegenüber.

»Thörichtes Kind,« sagte Frau Baulen, ohne sich jedoch dieses Mal aus ihrer Ruhe bringen zu lassen, denn sie kannte die Waffe, über die sie verfügte -- »Du verlangst Etwas, was Dich unglücklich für Dein ganzes Leben machen wird.«

»_Noch_ unglücklicher als ich jetzt schon bin?« lachte Helene bitter -- »Sie scherzen, Frau _Gräfin_.«

»Und wem zu Liebe nahm ich den Titel an, der mir nicht gebührt?« rief die Frau, jetzt selber gereizt -- »wem zu Liebe stürzte ich mich in Ausgaben, die über meine Mittel gingen -- wem zu Liebe hab' ich selbst die Heimath verlassen, in der ich glücklich und zufrieden mit meinem Sohn hätte leben können?«

»_Mir_ zu Liebe, nicht wahr?« sagte Helene kalt und bitter, »nur Alles _mir_ zu Liebe, nicht dem Jahrgehalte! Doch genug, übergenug der Reden! Täuschen Sie sich nicht, daß ich nach dem, was ich jetzt weiß, auch nur noch einen Augenblick an Ihren wahren Gesinnungen zweifeln könnte. Wir Beide haben fortan Nichts mehr mit einander gemein, und das nur verlange ich jetzt von Ihnen zu wissen, welche Schuld auf mir oder meiner Mutter lastet, daß ich ihr nie im Leben angehören soll?«

»Gut -- Du _sollst_ es wissen, Undankbare!« sagte die Frau jetzt nach kurzem Zögern mit entschlossenem Blick -- »Du sollst es wissen, um zu fühlen, _wie_ allein Du auf der Welt stehst, und wie es mich Ein Wort kostet, Herrn von Pulteleben, auf dessen Hülfe Du jetzt pochst, von Dir zurücktreten zu lassen. Ich hoffe, Du wirst dann vernünftig werden und einsehen, wie ich nur stets und immer Dein Bestes gewollt, wie ich es _noch_ will, und wie kein Mensch hier _so_ für Dich sorgen kann und wird, als gerade _ich_. Vielleicht ist es auch gut so, daß der Brief in Deine Hände kam, denn über kurz oder lang hättest Du es doch erfahren müssen. Es wird Deinen starren Charakter milder und nachgiebiger machen und Dich wieder in die Arme _der_ Frau führen, die bis jetzt allein eine wirkliche und wahre Mutter für Dich gewesen ist. Pulteleben selber wird es mir später danken -- wenn _er_ auch Nichts davon zu wissen braucht.«

»Herr von Pulteleben,« sagte Helene mit all' der alten Bitterkeit im Ton -- »doch davon später -- nun Ihr Geheimniß, Madame, wenn es Ihnen gefällig ist.«

Die Frau war selber zum Äußersten gereizt; sie stand rasch vom Sopha auf, ging nach der Thür, öffnete sie und sah hinaus. Dann kam sie zurück auf Helenen zu, bog sich zu ihr nieder und flüsterte ihr einige Worte in's Ohr.

Helene wurde todtenbleich; sie schloß die Augen und stand wohl eine Minute lang regungslos wie aus Stein gehauen. Dann hob sie die Hände, deckte ihr Antlitz, und heiße, heiße Thränen quollen ihr zwischen den Fingern durch. Endlich sah sie wieder auf. Ihr Gesicht war marmorbleich, aber ohne einen Zug von Schmerz oder Leid, und sie wandte sich, als ob sie das Zimmer verlassen wollte.

»Geh' jetzt nicht, Kind,« sagte aber die Frau, ihre Hand ergreifend und sie zurückhaltend -- »die Leute draußen brauchen nicht zu erfahren, daß zwischen uns irgend ein Mißverständniß vorgefallen. Bleibe hier in meinem Zimmer, bis Du Dich vollständig erholt hast, und denke ruhig über das Gehörte nach; Dein eigener gesunder Verstand wird Dir dann schon sagen, was Du zu thun und zu lassen hast.«

»Und glauben Sie, daß ich _darüber_ auch nur noch einen Augenblick in Zweifel bin?« fragte das Mädchen, und der Blick, den sie auf die Frau heftete, schien sich in deren Inneres zu bohren.

»Was das Kind für einen Trotzkopf hat,« sagte die Frau, den Kopf herüber und hinüber werfend -- »es ist nur ein Glück, daß Andere noch für Dich denken und handeln, Du richtetest Dich von vorn herein zu Grunde. Der arme Pulteleben wird seine bittere Noth mit Dir bekommen.«

»Ich glaube nicht, daß ich Herrn von Pulteleben je belästigen werde,« erwiederte Helene. »Ich hatte mich dem Furchtbaren gefügt, einen Mann zu heirathen, den ich nicht liebe -- ja, nicht einmal _achten_ konnte, nur der _Mutter_ wegen. Ich glaubte damit eine Schuld loszukaufen, die schwer auf meiner Seele lastete. Gott sei Dank, daß der Himmel wenigstens _das_ Opfer nicht von mir angenommen hat -- ich wäre unglücklich und elend gewesen mein ganzes Leben lang.«

»Helene, sei vernünftig!« rief Madame Baulen erschreckt; »Du wirst doch nicht ...«

»Ich werde Herrn von Pulteleben sein Wort zurückgeben.«

»Das darfst Du nicht ...«

»Und wenn Sie mich drängen, ihm auch sagen, weshalb.«

»Du handelst wie eine Wahnsinnige. Und wovon willst Du leben?«

»Was mein Eigenthum hier im Hause ist, mein Instrument, meinen Schreibtisch, meine Bücher und mein Pferd werde ich zum Theil verkaufen, und mit dem Erlös mein Leben fristen, bis ich mir selber in ehrlicher Weise mein Brod verdienen kann.«

»Aber das Geschäft, das wir begonnen haben -- Herr von Pulteleben wird den Augenblick zurücktreten, wenn _Du_ ihn so auf das Tödtlichste beleidigst.«

»Und was kümmert das _mich_?«

Die Frau erschrak, denn erst jetzt fühlte sie, daß sie ihr Spiel mit Helenen vollständig verloren hatte. Das Mädchen, welches sie die langen Jahre benutzt, mit allen nur erdenkbaren Intriguen ein bequemes Wohlleben für sich und ihren vollkommen nutzlosen Sohn zu schaffen, glitt ihr unter den Händen fort, und zum ersten Mal trat ihr die furchtbare Möglichkeit vor Augen, daß sie auf sich selber angewiesen werden könne. Helene aber, die wohl ahnen mochte welche Gedanken sie jetzt bewegten, wandte sich verächtlich von ihr ab, und schritt der Thür zu, die sie aufschloß. Dort blieb sie noch einmal stehen und sagte, ohne sich aber umzusehen:

»Was ich heute oder morgen über meinen künftigen Aufenthaltsort beschließen werde, weiß ich noch nicht -- aber ich weiß, daß ich ein Recht habe, hier in diesem Hause zu wohnen, so lange ich es für passend finde. Ich werde Sie später das Nöthige wissen lassen« -- und ehe Madame Baulen ein Wort darauf erwiedern konnte, war sie durch die Thür verschwunden.

Arno von Pulteleben, ahnungslos über alles Das, was in der nämlichen Zeit unter ihm vorging, saß indessen oben in seinem Zimmer, kaute an seiner Feder und verdarb ein paar Bogen sehr gutes Velinpapier mit seinen poetischen Ergießungen über die Erbärmlichkeit des Menschengeschlechts, die endlich darauf hinausliefen, daß er Helenen als einen Engel schilderte, der eigentlich gar nicht hieher gehöre, und einzig und allein aus Versehen auf die Welt gekommen sei.

Von dem nämlichen Engel -- er war gerade aufgestanden, hatte seinen Rock wieder angezogen, seine Frisur in Ordnung gebracht, und wollte eben hinunter gehen, um seine Verlobte aufzusuchen -- erhielt er da einen Brief, den die alte Dorothea heraufbrachte und den er mit einem selbstzufriedenen Lächeln öffnete. Was konnte ihm seine Braut anders schreiben als einen freundlichen Morgengruß! Der Brief lautete:

»Herrn Arno von Pulteleben.

»Mein Herr! Wir sind Beide das Opfer einer Täuschung geworden. Der einzige Trost nur bleibt mir, daß es noch nicht zu spät ist, den Schritt zurück zu thun, der uns für dieses Leben an einander ketten sollte. Ich weiß, daß Sie von Herzen ein guter Mensch sind, aber -- wir passen nicht für einander -- ich habe Sie nie geliebt, und wir wären auch nie glücklich zusammen geworden.

»Die einzige Bitte, die ich noch an Sie habe, ist: meinen festen und unumstößlichen Entschluß zu achten, und keinen Versuch zu machen ihn zu ändern -- es wäre doch vergeblich.

»Indem ich Ihnen noch hiermit für die freundliche Gesinnung danke, die Sie mir stets bewiesen, und in dem Bewußtsein, selbst _mit_ diesem Schritt Nichts gethan zu haben, was mich könnte in Ihrer Achtung sinken lassen, zeichnet sich

_Helene_.«

Herr von Pulteleben las den Brief drei- oder viermal durch, und drehte ihn dann immer noch in der Hand herum und besah ihn als ob er in einer vollkommen fremden, ja unbekannten Sprache geschrieben wäre. Endlich bekam sein Erstaunen Worte, ohne sich aber anfänglich auch nur in mehr als gebrochenen Sätzen und Ausrufungen zu äußern.

»Opfer einer Täuschung? -- einziger Trost? -- guter Mensch? -- unumstößlicher Entschluß? -- Achtung sinken lassen? -- Bin _ich_ denn verrückt, oder ist irgendwo im Weltgebäude eine Schraube losgegangen? -- Freundliche Gesinnung? -- Bewußtsein? -- Wenn ich auch nur Ein Wort von dem ganzen Brief verstehe, will ich mir den Hals mit einem Falzbein abschneiden lassen! -- Hab' ich denn nur, um Gottes Christi willen, irgend Etwas in der weiten Welt gethan, womit ich sie hätte beleidigen können? -- Hab' ich denn je, auch nur einen Augenblick, die schuldige Ehrerbietung aus den Augen gesetzt? -- Hat denn nicht die Schwiegermutter selber -- holla, da sitzt der Haken -- in _dem_ Kuchen hat die Schwiegermutter wieder einen Finger -- meinen Kopf wollte ich drauf verwetten! Das ist wirklich eine ganz erschreckliche Frau, und es wird wieder viel, sehr viel Geld kosten, um sie vollkommen zufrieden zu stellen. Jetzt bin ich nur neugierig, was sie _nun_ haben will, denn bis jetzt hat sie mir auch nicht die geringste Andeutung gegeben. Na, es wird schon herauskommen,« tröstete er sich selber, »denn damit hält sie gewöhnlich nicht lange hinter dem Berge.«

Mit dieser Schlußfolgerung hatte sich von Pulteleben vollkommen beruhigt, denn er war jetzt so fest überzeugt, daß der ganze Brief auf Nichts weiter als eine pecuniäre Laune der Schwiegermutter hinauslief, daß er sich weiter gar keine Sorgen mehr machte. Helene _konnte_ ja doch _die_ Zeilen nicht im Ernst geschrieben haben. Übrigens bildeten sich bei ihm schon ganz in der Stille dunkle Pläne von Widersetzlichkeit gegen das drückende Regiment der Schwiegermutter -- »wenn er nur erst einmal verheirathet war« -- denen er aber vorerst noch keine bestimmte Form gab.

Somit nahm er allerdings die ganze Sache auf die leichte Achsel. Aber es war ihm doch trotzdem ein unbehagliches Gefühl, sich den Morgen nach seiner Verlobung, den er sich so wunderhübsch gedacht und ausgemalt, auf eine solche Weise verbittern zu lassen, und er beschloß, ohne Weiteres hinunterzugehen, und der Sache auf den Grund zu kommen; nachher -- daran zweifelte er keinen Augenblick -- war dann Alles rasch in's Reine gebracht.

Diesem Vorsatz ließ er die That auf dem Fuße folgen, und um die Sache gleich beim richtigen Ende anzufassen, gedachte er sich vor allen Dingen der Schwiegermutter zu versichern, erstaunte aber nicht wenig, als er deren Thür noch immer verschlossen fand, und auf sein Anklopfen von innen die Antwort erhielt, sie sei nicht recht wohl, und könne ihn jetzt unmöglich sehen.

Auch Helenens Thür blieb für ihn verschlossen, und selbst zum Mittagessen ließ sich keine der beiden Damen sehen; Pulteleben mußte mit Oskar, dem er aber natürlich kein Wort von dem Vorgang sagte, seine Mahlzeit allein verzehren.

In dem kleinen, sonst so ruhigen Städtchen war es indessen merkwürdig lebhaft und bewegt geworden. Die Leute liefen auf der Straße, oder standen in kleinen Gruppen zusammen, irgend Etwas eifrig zu besprechen. Es mußte augenscheinlich etwas ganz Außergewöhnliches vorgegangen sein, das sie derart bewegen konnte. Selbst Herr von Pulteleben merkte das, und als er aus reiner Verzweiflung noch einmal unten in den Arbeitssaal getreten, und dann vor die Thür ging, um frische Luft zu schöpfen -- die ganze Atmosphäre kam ihm heute so dumpf und schwül vor -- fiel ihm eben dieses rege Leben auf.

»Na, was ist denn -- was habt Ihr denn heute?« fragte er einen vorbeigehenden Arbeitsmann, der ebenfalls in großer Eile zu sein schien.

»Sie haben ihn gefunden!« sagte dieser, und zog seine Mütze ab.

»Gefunden -- wen?«

»Nu, den Justus!« sagte der Mann.

»Den Justus? -- Wer ist denn der Justus?«

»Na, der verrückte Schneider, von dem man geglaubt hatte, daß er durchgebrannt wäre. Todtgeschlagen haben sie ihn im Wald, den armen Teufel, und jetzt läuft Alles hinaus, um ihn anzusehen, denn er soll so schrecklich zugerichtet sein, daß er sich gar nicht mehr transportiren läßt -- bei die Hitze auch!«

Und der Mann machte ebenfalls daß er hinauskam, um sich den schauerlichen Anblick eines Ermordeten zu gönnen, und dann Nächte lang in dem Gedanken daran nicht schlafen zu können.

Herr von Pulteleben, froh nur Etwas zu haben, das ihn in diesem Augenblick von seinen Gedanken abzog, schlenderte langsam mit hinaus, um sich das Nähere selbst anzusehen.

Vor Buttlich's Wirthshaus hielt eine Familie, die eben, wie es schien, ausziehen wollte. Es war Bux mit Frau und Kindern, und der Mann beschäftigt, das wenige Gepäck das er bei sich führte, auf einen Esel zu laden. Die Frau und der älteste Junge halfen ihm dabei, und das Kleinste lag vor dem Haus auf seinem Bettchen, damit es die Mutter gleich nehmen konnte, wenn es schrie.

Bux hatte den größten Theil seiner Sachen theils versetzt, theils verkauft -- um nicht zu verhungern, wie er sagte -- und wollte nun Santa Clara verlassen, um in einer andern Colonie sein »Glück« zu versuchen. Schon seit ein paar Tagen hatte er das bewerkstelligt, und heute Morgen brach er mit seiner Familie auf.

Gerade als von Pulteleben vorüberging, schnürte er das Gepäck auf dem Esel fest, und der Junge sollte ihm von der andern Seite das Seil herübergeben. Er reichte ihm aber aus Versehen das falsche, und als er seinen Fehler auf Anschreien des Vaters, der ihn dadurch nur noch verwirrter machte, nicht gleich verbesserte, sprang der rohe Mensch um den Esel herum, und trat den armen Jungen mit einem gotteslästerlichen Fluch gegen den Schenkel, daß er heulend mitten in die Straße flog.

»Aber Ihr seid doch wahrhaftig schlimmer als ein Vieh,« rief von Pulteleben, der Zeuge dieser Scene gewesen war, entrüstet aus -- »das nehme mir denn doch kein Mensch übel!«

»Geht's _Euch_ was an?« knurrte der Mann, indem er, ohne sich um seinen mißhandelten Jungen weiter zu bekümmern, das Seil selber herumwarf und festschnürte, und zwar so fest, daß das arme Thier kaum noch athmen konnte -- »einen Quark habt _Ihr_ drein zu reden, und ich kann mit meinem Jungen machen was ich will!«

»Gefühlloser Mensch,« murmelte der junge Mann vor sich hin und ging vorbei, denn er dachte gar nicht daran, sich mit einem so rohen Burschen auf offener Straße in einen Streit einzulassen. Er hätte auch jedenfalls den Kürzeren ziehen müssen.

Die Leute zogen sich die Straße hinauf, in welcher der Schneider Justus gelebt hatte. Vor der Thür seiner Wohnung stand die alte Frau und erzählte heulend und schreiend drei oder vier anderen alten Damen Scenen aus dem Leben des Verstorbenen, die als höchst brauchbarer Stoff zu weiterer Verwendung begierig aufgefangen wurden.

Herr von Pulteleben ging die Straße hinauf, weiter und weiter. Er bedauerte schon sein Pferd nicht mitgenommen zu haben, denn er war kein Freund von langen Spaziergängen, aber es ließ sich jetzt nicht mehr ändern -- der Weg zog sich schmählich in die Länge und die Sonne brannte unausstehlich. Jetzt bogen die Leute rechts ab und kletterten in die heißen Felsen hinauf, in denen ein, gegenwärtig freilich sehr unbedeutender Bergbach in der Regenzeit mächtiges Gestein mit heruntergewaschen und durch einander geworfen hatte. Oben zog sich ein kleiner Damm quer durch die Schlucht, der einen dünnen Wasserfall bildete, und rechts davon, vielleicht zweihundert Schritt entfernt, in einem Dickicht von Lorber und Cactus, lag die furchtbar entstellte Leiche des Ermordeten, der man sich unter dem Winde gar nicht nähern durfte.

Herr von Pulteleben schauderte übrigens zurück, wie er nur einen Blick darauf geworfen; er konnte etwas Derartiges nicht sehen und begriff jetzt selber nicht, weshalb er hier eigentlich heraufgestiegen sei. Von den Umstehenden erfuhr er aber bald die Einzelheiten des Thatbestandes. Der Justus war, wie sich ganz zweifellos ergab, einfach todtgeschlagen worden, und zwar mit einem etwa vierpfündigen Steine, den man circa vierzig Schritt von der Stelle, wo die Leiche lag, ganz mit Blut bedeckt gefunden hatte. Der Ermordete konnte ihn dort nicht hingeworfen haben, denn der ganze Schädel war ihm zerschmettert, und er todt da niedergesunken, wo er lag. Der Mörder mußte den Stein also weggeworfen haben.

Daß der Unglückliche bei einem zufälligen Sturz um's Leben gekommen sei, zeigte sich als unmöglich, denn wenn auch ein kleiner Felshang gerade dort emporragte, so hätte er doch von da oben herunter nie an die Stelle stürzen können, wo er sich befand und wo sich die einzigen Blutspuren zeigten, und dann war auch der Abhang nicht hoch genug, eine solche Beschädigung glaubbar zu machen -- selbst ohne den entfernt davon gefundenen blutigen Stein.

Geld trug der Ermordete nicht bei sich, ein paar Kupfermünzen ausgenommen, eben so wenig eine Uhr, obgleich er nie ohne eine solche ausging. Er lag -- als man ihn, durch eine Unmasse darüber kreisender Aasgeier aufmerksam gemacht, gefunden hatte -- auf dem Gesicht, beide Arme von sich gestreckt, und war jetzt nur noch halb bekleidet, denn die Beinkleider hatten ihm schon die Soldaten ausgezogen und bei Seite gebracht. Die Stiefel mochten sie wohl nicht abbekommen haben.

Jeremias stand auch oben, die Hände in beiden Hosentaschen, und betrachtete sich nachdenklich, ohne jedoch den geringsten Ekel zu verrathen, den Ermordeten; aber er machte keine Bemerkung, that keine Frage und ging, nachdem er sich Alles genau angesehen, wieder ruhig in die Stadt zurück.