Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Dritter Band
Part 2
»Das hälfe gar Nichts,« meinte Jeremias trocken, indem er das Theebret vorschob -- »bitte, langen Sie zu, mir schläft der Arm schon ein -- die jungen Damen sollten sich lieber verschwören, Jeden zu küssen der _nicht_ raucht -- was nachher für ein Gereiße um den Herrn Director wäre!«
Helene und Herr von Pulteleben lachten dieses Mal und der Director sah Jeremias über die Schulter verächtlich an, was aber an diesem ruhig abprallte.
Oskar, welchen die Gesellschaft langweilte, hatte sich an's Instrument gesetzt und spielte einen Walzer, aber so falsch und außer allem Tact, daß ihn selbst seine Mutter bat, aufzuhören.
»Bitte, Comtesse,« fragte der Director, »wollten _Sie_ nicht die Freundlichkeit haben und uns Etwas zum Besten geben? Ich habe schon so viel von Ihrem Spiel gehört, aber noch nie die Freude gehabt, selber Ohrenzeuge zu sein.«
Helene verneigte sich leicht, zog ihre Handschuhe aus und ging auf das Clavier zu. Jeremias blieb mit dem Theegeschirr vor Herrn von Pulteleben stehen.
»Und sind _Sie_ nicht musikalisch, würdiger Greis?« sagte der junge Mann, indem er zulangte und sich eine Tasse bereitete.
»Ich leider nicht,« meinte Jeremias, indem er zusah, wie sich Jener ein Stück Zucker nach dem andern in die Tasse warf -- »aber ich stamme aus einer ganz musikalischen Familie.«
»So?«
»Ja,« sagte Jeremias -- »ich habe drei Schwestern, die sind alle musikalisch, die eine schlägt das Clavier, die andere spielt das Pianoforte und die dritte ist Witwe -- nehmen Sie nicht _noch_ ein Stückchen Zucker?«
»Ruhig da,« sagte Günther, als Helene gerade zu präludiren begann, und Jeremias drückte sich mit dem jetzt überall herumgereichten Bret zur Thür hinaus.
Helene, die einen vortrefflichen Lehrer gehabt, spielte wirklich wunderschön, und das Beste dabei, mit tiefem Gefühl -- und wie seelenvoll trug sie jetzt das Adagio von Mozart vor, wie kräftig und frisch sprang sie zu dem Allegro über, durch das immer und immer wieder die süßen und wehmüthigen Klänge zuckten.
Felix lehnte mit in einander geschlagenen Armen an dem Fenster nächst dem Clavier. Er hatte kalt und gleichgültig bleiben wollen, aber die Töne sprachen zu mächtig zu ihm. Es war die nämliche Melodie, mit der ihm Helene, als er den letzten Abend unter ihrem Fenster gespielt, geantwortet hatte, und jetzt -- er deckte seine Augen mit der Hand, und Alles, was ihn umgab, schwamm in einem wilden, wirren Chaos zusammen, aus dem nur die Töne wie Sphärenmusik zu ihm herüber drangen.
Jetzt schwiegen sie -- »Bravo, Bravo, vortrefflich -- wirklich meisterhaft!« tönte es von allen Seiten -- nur Felix wandte sich ab und schaute stumm und still in die dunkle Nacht hinaus, deren frischer Luftzug seine Schläfe kühlte -- die leeren Beifallsphrasen thaten ihm weh.
Ein anderer Spieler hatte den Platz am Pianoforte eingenommen -- die junge Frau Rohrland, die eine sehr hübsche Polka ganz allerliebst und mit großer Fertigkeit abspielte. Felix hörte es gar nicht, als eine leise Stimme an seiner Seite sagte:
»Sind Sie nicht auch musikalisch?«
Der junge Mann schrak empor, als ob er einen Stich in's Herz bekommen hätte, und als er sich wandte, stand neben ihm Helene, das liebe Antlitz fragend zu ihm aufgehoben, während der Glanz der Lichter ihr goldblondes Haar wie mit einem Heiligenscheine zu umgießen schien.
»Sind Sie nicht auch musikalisch?« wiederholte Helene die Frage, als sie sah, daß sie der Fremde fast verwirrt anstarrte, als ob er die Worte überhört hätte.
»Ich? -- Nein,« stammelte Felix und biß die Zähne auf einander, daß er sich, gerade _dem_ Mädchen gegenüber, so schwach und unbeholfen gezeigt -- »nein, Comtesse,« wiederholte er fest, und fast rauh -- »mir träumte einmal, daß ich spielen könnte -- aber die Zeit liegt dahinten und -- ich sehne sie auch nicht zurück.«
»Und hören Sie gern Musik?« fragte Helene weich.
»Nein,« erwiederte der junge Graf nach einigem Zögern -- »Musik sollte ein Genuß, eine Erholung für uns sein, und mir -- reißt sie nur immer wieder alte Erinnerungen und Bilder wach, die besser abgethan im Dunkeln schlafen. Ich _hasse_ Musik!«
»Oder _fürchten_ sie,« sagte Helene ernst.
»Fürchten? Es giebt wenig, was ich auf der Welt fürchte, Comtesse -- und doch könnten Sie Recht haben -- ich fürchte sie vielleicht.«
»Und bietet uns nicht auch gerade die Musik so manchen süßen Trost in Schmerz und Leid!«
»Sie reden, Comtesse,« sagte Felix, fast spöttisch lächelnd, »als ob _Sie_ schon ein Leben voll bitterer Erfahrungen hinter sich und nicht -- einen Blumengarten knospender Erwartungen vor sich hätten.«
»Lieber Gott,« sagte das junge Mädchen unbefangen -- »Jeder von uns trägt seine Last an Sorgen und Schmerz, die sich oft hinter der glattesten Stirn verstecken -- wer will sagen, daß er die schwereren trüge. -- Aber wir werden zu ernst,« brach sie freundlich ab -- »wissen Sie, Herr Randolph, daß wir Beide eine merkwürdige Übereinstimmung in unseren Träumen haben?«
»_Wir_ Beide?«
»Ja -- auch mir träumte neulich einmal, daß Sie -- spielen könnten, und doch hatte ich Sie selber kaum mehr als einmal und nur flüchtig auf der Straße gesehen. Finden Sie das nicht wunderbar?«
»Allerdings -- _sehr_ wunderbar!« rief Felix und schaute überrascht zu ihr auf, Helene sah ihn aber so ruhig und unbefangen an, daß er den Kopf wieder abwandte und sagte: »Aber wer kann für seine Träume? Sie kommen eben und gehen, und drücken dabei trotzdem ihre Fährten in unsere Erinnerung, daß wir in späteren Jahren die wirklichen von den geträumten kaum noch unterscheiden können. Lassen Sie uns Beide unsere Träume vergessen.«
Dunkles Roth schoß in Helenens Züge und ihre Lippen öffneten sich wie zu einer Erwiederung, aber kein Wort verließ sie, und der laute Applaus der eben beendeten Polka, bei dem besonders Pastor Beckstein mit seinen breiten Händen wacker arbeitete, brachte die Gesellschaft wieder unter einander, die sich jetzt um Frau Rohrland drängte und ihren Dank für den Genuß aussprach. Helene wurde dadurch ebenfalls von Felix getrennt, und Oskar's laute Ankündigung, daß der Tisch gedeckt sei und der Gäste harre, machte überhaupt jede weitere Unterhaltung unmöglich.
2.
Fortsetzung.
Herr von Pulteleben hatte sich rasch zu Helenen durchgearbeitet, um ihr seinen Arm anzubieten, Baron Jeorgy bot den seinen der Frau Rohrland, da der Director schon die Frau Gräfin um die Ehre gebeten, und Herr Rohrland führte, zur augenscheinlichen Erleichterung ihres Gatten, die Frau Pastorin zu Tische; die übrigen Gäste folgten mit Oskar der kleinen Escorte in das Speisezimmer, wo sich Oskar indessen den Spaß gemacht hatte, die von seiner Mutter vorher sorgfältig geprüfte und durch kleine Namenszettel bezeichnete Rangliste der Sitzenden, gründlich durch einander zu werfen und zu verwirren.
Die Frau Pastorin kam dadurch oben an die Tafel, mit Herrn Randolph an der einen und dem Director an der andern Seite; neben diesen die Frau Gräfin, Pulteleben zwischen den Pastor und Herrn Rohrland, Oskar selber zwischen dessen Frau, mit der er sich sehr gern unterhielt, und den Baron, der ihn nicht leiden konnte, Günther auf die andere Seite zwischen Frau Rohrland und Helenen, die wiederum rechts von Felix zu sitzen kam.
Ehe die Verwirrung auch nur bemerkt wurde, hatten die Frau Pastorin und mehrere Andere, die ihre Zettel aufgelegt fanden, schon Platz genommen. Unter ihnen, das Gefühl gekränkter Eitelkeit in Fracturbuchstaben an der Stirn, der Baron, der dabei der Gräfin einen Bände sprechenden Blick zuwarf.
Die Gräfin, in dem Gefühl vollständiger Sicherheit, Alles nach besten Kräften angeordnet zu haben, trat nur eben noch einmal in die Thür, um Jeremias ein paar Befehle hinauszurufen, und als sie sich wieder umdrehte, war das Unglück geschehen.
»Aber, meine Herrschaften,« rief sie entsetzt -- »wie -- wie haben Sie sich denn gesetzt?«
»Wie unsere Zettel lagen, meine Gnädigste,« antwortete der Baron scharf -- es war die einzige Rache, die er nicht unter seiner Würde hielt.
»Aber das ist ja ganz falsch -- eine Verwechselung!«
»Ach, wir sitzen ja recht hübsch hier,« sagte die Frau Pastorin, die sich an der Seite des Herrn Directors wohl fühlte -- »wir bleiben so, nicht wahr?«
»Ja, wir bleiben so,« lachte auch die kleine, muntere Frau Rohrland, der Oskar schon mit ein paar Worten seinen Streich erzählt hatte -- »so ein Durcheinander ist ganz hübsch und gemüthlich.«
Die Gräfin warf ihrem Sohn einen Dolchblick zu, dem sich aber Oskar wohl zu begegnen hütete, und von Pulteleben, der noch immer seinen Platz nicht eingenommen hatte und hinter seinem Stuhl in Erwartung einer Änderung stehen geblieben war, setzte sich endlich auch seufzend und mit einem kläglichen Blick zwischen den Herrn Pastor und Herrn Rohrland hinein. Dann kam Jeremias mit der Suppe, und unter den also Zusammengewürfelten begann bald, mit dem Klappern der Teller und Löffel, eine lebhafte Unterhaltung.
Herr von Pulteleben allein fand sich auf seinem Platz vollkommen an die Luft gesetzt. Wie hatte er sich Alles ausgedacht, die Rede, welche er zu halten sich vorgenommen »mit der jungen Dame an meiner Seite« -- rechts saß der Pastor, links der trockene Kaufmann Rohrland, und seine Schwiegermutter in spe konnte er nicht einmal ansehen, um den geeigneten Moment aufzufangen; er hätte dann um den dicken Beckstein herumgucken müssen.
Helene, die ebenfalls augenblicklich ihren Bruder in Verdacht hatte, die Verwirrung bewirkt zu haben, fühlte sich am Unbehaglichsten zwischen den beiden Fremden, noch dazu, da Felix mit der größten Unbefangenheit ein vollkommen gleichgültiges Gespräch mit ihr anknüpfte und sogar mit dem Wetter begann. Sie gab ihm auch nur kurze und einsilbige Antworten -- und doch war ihr das Herz dabei so weh -- so sonderbar bedrückt -- sie wußte sich selber nicht ordentlich Rechenschaft zu geben, weshalb -- und ihr Nachbar an der andern Seite, Herr von Schwartzau, beschäftigte sich ausschließlich mit _seiner_ Nachbarin zur Rechten.
Am Besten nahm die Frau Pastorin die Gelegenheit wahr, die sich ihr vielleicht nicht so bald wieder bot, ihren Nachbar, den Herrn Director, gründlich mit ihren Ansichten über Gemüsebau und Schweinezucht bekannt zu machen, die, wenn er sie befolgen wollte, die segensreichsten Folgen für die Colonie tragen mußten.
Der Director versuchte, um dieser Plage zu entgehen, verschiedene Male, sich ausschließlich der Frau Gräfin zuzuwenden -- aber umsonst. Die Frau Pastorin hielt, was sie einmal hatte -- welches Zeugniß ihr auch ihr Mann zu Zeiten ausstellte -- und er mußte sich endlich in sein Schicksal ergeben und ruhig und geduldig ausharren.
Die Gräfin hatte indessen über den Tisch hinüber, so oft das nur unbemerkt geschehen konnte, die Züge des jungen Grafen gemustert, der sich unter dem bescheidenen Namen Randolph bei ihr eingeführt. Wo nur hatte sie das Gesicht schon gesehen -- wo diese Züge, die ihr so merkwürdig bekannt waren, und durch eine zufällige Ähnlichkeit mit einem jungen Brasilianer in Santa Catharina ihr Gedächtniß immer wieder auf eine falsche Fährte brachten? -- Felix konnte es eben so wenig entgehen, daß ihn die Dame oft und stark fixirte, wenn er auch dann nie nach ihr hinübersah -- aber ein paar Mal zuckte es wie ein leichtes, fast spöttisches Lächeln um seine Lippen und beunruhigte sein #vis-à-vis# zuletzt so, daß sie sich fest vornahm, ihn gleich nach Tisch selber zu fragen, wo sie sich schon einmal im Leben getroffen hätten, ob in Rio oder wirklich auf Santa Catharina. Sie war dadurch so in ihre Gedanken vertieft geblieben, daß sie ganz überhörte, wie Herr von Pulteleben in einem geringen Grade von Verzweiflung schon ein paar Mal hinter seinem dicken Nachbar weggerufen hatte: »Beste Frau Gräfin, beste Frau Gräfin!« -- und der Pastor, durch den Schall getäuscht, sich dann jedesmal nach der verkehrten Seite umsah.
Jetzt endlich konnte er seine Ungeduld nicht länger bezähmen, stand auf, trat hinter den Stuhl der Gräfin und flüsterte:
»Beste Frau Gräfin, glauben Sie nicht, daß es -- daß es jetzt etwa Zeit sein dürfte, der Gesellschaft -- der Gesellschaft den wichtigen Schritt mitzutheilen? -- Wir sind schon beim Dessert.«
»Sie haben Recht,« erwiederte die Gräfin, rasch aufstehend und einen flüchtigen Blick über die Gäste werfend -- »es wird in der That Zeit; bitten Sie den Baron darum, er wollte den Toast übernehmen.«
Herr von Pulteleben verneigte sich -- es war ihm in der That _nicht_ recht, jetzt erst noch einmal den Baron darum zu bitten, aber es ließ sich Nichts mehr an der Sache thun. Er warf einen Blick nach Helenen hinüber, die das Flüstern bemerkt und dessen Bedeutung errathen haben mochte, denn sie erbleichte sichtbar.
Herr von Pulteleben war aber in diesem Augenblick viel zu sehr mit sich selber beschäftigt, um das zu bemerken oder zu beachten. Er trat zum Baron und flüsterte diesem einige Worte leise zu.
»Mein lieber junger Freund,« sagte der Baron achselzuckend, »hier _unten_ von der Tafel? Wünschen Sie das wirklich?«
»Ich bitte Sie dringend darum im Namen der Frau Gräfin.«
»Bitte, lieber Baron,« winkte ihm auch die Dame von ihrem Platze zu.
»Hm,« sagte der Baron und wischte sich mit der Serviette den Mund -- »hm -- es ist -- eigentlich gegen meine Grundsätze, aber -- wenn Ihnen damit ein Gefallen geschieht, junger Freund« -- und er stand dabei langsam von seinem Stuhl auf und legte seine Finger auf den Fuß des vor ihm stehenden, erst gefüllten Glases, während er mit der andern Hand leicht seinen Messerrücken dagegen schlug.
»Meine Herrschaften!«
»Wollen Sie Käse?« fragte Jeremias, der das Anschlagen des Glases gehört hatte und mit dem Käseteller auf den Baron zufuhr.
»Meine Herrschaften!« wiederholte der Baron, indem er Jeremias mit seinem Teller verächtlich den Rücken zukehrte und alle Gäste ihn erwartungsvoll ansahen. »Es ist mir die sehr angenehme und ehrenvolle Pflicht geworden, die Namen zweier junger Leute neben einander zu nennen, die gesonnen sind, hinfüro eben so neben einander durch dieses Leben zu wandern. Ich weiß, daß Sie alle von Herzen in meine Wünsche einstimmen werden, daß ihnen nämlich eben dieses Leben nur Rosen und keine Dornen, nur Sonne und keinen Schatten ....«
»Hübsch in Brasilien,« sagte Jeremias halblaut.
»Nur Freuden und keine Leiden bieten möge,« fuhr der Baron fort, »und ich bitte Sie deshalb, mit mir anzustoßen auf das Wohl von Comtesse Helene und Herrn Arno von Pulteleben -- Sie leben hoch!«
»Hoch! Hoch!« rief Alles, von den Stühlen aufstehend und die Gläser erhebend und gegen einander stoßend.
»Jetzt ist die Bombe geplatzt,« sagte Jeremias, und sprang an einen Nebentisch, wo er sich ebenfalls ein Glas bis zum Rande mit Rheinwein füllte.
Neben Helenen war Felix von Rottack aufgestanden, und ihr sein Glas entgegenhaltend, sagte er artig, aber kalt:
»Erlauben Sie, _Comtesse_, daß ich der Erste sei, der Ihnen seinen aufrichtigen Glückwunsch zu Ihrer Verlobung mit Herrn von Pulteleben bringt -- es ist ja auch das Einzige, was wir anderen armen Teufel bringen können, die außerdem nur noch den Glücklichen beneiden mögen, daß er die -- schönste Blume Santa Clara's pflücken darf.«
Helene, als sie ihr Glas mit dem seinigen berührte, sah scheu zu ihm auf, denn sie fühlte das Bittere im Tone. Jeder Blutstropfen hatte dabei ihr Angesicht verlassen, und ein so tiefer Schmerz lag in diesem Moment in ihren Zügen, daß Felix unwillkürlich davor erschrak und mit leiser, herzlicher Stimme hinzusetzte: »Sein Sie glücklich!«
Herr von Pulteleben mußte um den ganzen Tisch herum, um zu seiner Braut zu gelangen. Er hatte erst auf des Barons Toast noch Etwas erwiedern wollen, aber es ging nicht; der Spectakel war zu groß geworden, und er drängte sich jetzt nur zwischen die Übrigen hinein, um nicht ganz aus dem Weg gesetzt zu sein.
»Das ist ja in der That eine große Überraschung,« sagte die Frau Pastorin, die das Geheimniß schon einige Tage früher als die betreffenden Personen selbst gewußt hatte -- »ei, da gratulir' ich ja recht von Herzen und von ganzer Seele und mit ganzem Gemüth, und der Herr gebe seinen reichsten Segen dazu -- und was man Ihnen sonst noch alles Gute wünschen kann!«
Helene stieß mit Allen an -- sie wußte gar nicht mit wem -- sie bemerkte auch kaum, daß ihr Bräutigam sich ihr nahte und verlegen sein Glas mit dem ihrigen berührte; sie hörte nur, wie er flüsterte:
»Meine liebe, liebe Helene -- o, daß ich Sie jetzt so nennen darf!«
Der Herr Director Reitschen, der eben sein Glas erhoben hatte, fühlte sich leise am Ellbogen berührt und wandte sich danach. Er sah auch Jeremias mit dem gefüllten Pokal vor sich; ehe er es aber verhindern konnte, stieß der kleine Bursche, ihm freundlich und vertraulich zunickend, mit ihm an und leerte seinen Wein dann auf einen Zug.
Der Baron war ein entsetzter Zeuge dieser Zwischenscene gewesen.
Die Gläser wurden wieder gefüllt, und vielleicht zum Beweis, wie unvorbereitet ihnen Allen diese Nachricht kam, las der Herr Pastor jetzt ein langes Gedicht ab, das er zur Feier dieser »unerwarteten« Gelegenheit verfaßt hatte.
Während sie übrigens standen, zog ihnen Jeremias, der seine besonderen Gründe haben mochte, den Nachtisch nicht zu lange auszudehnen, vorsichtig die Stühle weg, stellte sie in die Ecke und meldete zugleich, daß der Kaffee im andern Zimmer servirt sei. Die Übrigen sahen es auch alle, nur Beckstein, mit seinem etwas unleserlich geschriebenen Gedichte beschäftigt, hatte nicht darauf geachtet, wollte sich nach Beendigung desselben wieder niedersetzen und wäre mitten in die Stube geschlagen, wenn ihn der dicht hinter ihm stehende Rohrland nicht noch gefaßt und gehalten hätte.
Der Kaffee wurde im andern Zimmer servirt, und dort hatte sich Felix wieder von den Übrigen zurückgezogen. Günther, der es bemerkte, trat zu ihm und sagte freundlich:
»Ziehe doch nicht ein so furchtbar grämliches Gesicht, Felix. Siehst ja, bei Gott, aus, als ob wir nicht zu einer Verlobung, sondern viel eher zu einem Begräbniß geladen wären!«
»Es hat auch so etwas Ähnliches,« sagte der junge Mann düster; »aber wahrhaftig, Günther, ich -- wollte, ich wäre gar nicht hierher gekommen. Ich fühle, daß ich anfange bitter und vielleicht ungerecht zu werden, und -- Andere entgelten lasse, was -- möglicher Weise Andere gar nicht verschuldet haben.«
»Du bist und bleibst ein Träumer,« sagte Günther; »aber warte nur; wenn ich Dich erst im Walde draußen habe, will ich Dich schon curiren. Morgen früh um acht Uhr geht's an die Arbeit.«
»Ich wollte, ich wäre schon draußen. Glaubst Du nicht, daß wir uns jetzt empfehlen könnten?«
»Nur noch einen Augenblick; ich muß Etwas mit dem Director besprechen, was mir morgen einen Weg erspart, und habe ihm bis jetzt nicht beikommen können.«
»So eile Dich, mir brennt der Boden unter den Füßen.«
Günther mischte sich wieder unter die Gesellschaft, um des Directors habhaft zu werden, der gerade mit dem Pastor in einer sehr eifrigen Debatte über die Einführung von Futterkräutern in die Colonie verhandelte.
Die Frau Gräfin ging mit Herrn von Pulteleben Arm in Arm im Saale auf und ab, während Jeremias gerade mit dem Kaffee hereingetreten war, und der Baron stand nicht weit von Felix an der Seite mit seiner Tasse und beobachtete Helene, die neben der jungen Frau Rohrland auf dem Sopha saß.
Die Gräfin schwelgte in dem Gefühl, ihren Zweck erreicht zu haben -- die nächste Zeit war ihr wieder gesichert, und auf weiter dachte sie ja überhaupt nie hinaus.
»Ach, Jeremias,« rief Oskar, der sich bis jetzt damit beschäftigt hatte, einen defecten Stuhl als »Falle« irgendwo am Tische aufzustellen, mit der stillen Hoffnung, daß sich Jemand darauf setzen würde -- »thun Sie mir den Gefallen und holen Sie mir ein Glas Wasser -- ich werde Sie königlich belohnen!«
»So? Sie wollen mir wohl einen Orden geben?« sagte der kleine Bursche, ohne weiter Notiz von ihm zu nehmen -- da hinten steht die Caraffe mit Gläsern -- bitte, langen Sie zu -- oder wollen Sie lieber den Kaffee haben? Der ist dünn genug.«
Die Frau Gräfin ging an Felix vorüber und warf ihm einen flüchtigen, sehr vornehmen Blick zu, vor welchem der junge Mann die Zähne fest zusammenbiß. Als sie sich wandte, verließ sie Herr von Pulteleben, um nach Helenen hinüber zu gehen. Wie die Dame wieder an Felix vorüberrauschte und mit dem Fächer dabei wedelte und Herrn Rohrland gnädig zuwinkte, der ihr das heruntergefallene Taschentuch aufgehoben, wandte sie sich plötzlich gegen den jungen Grafen, und in einer imposanten Stellung vor ihm haltend, und ihn vom Kopfe bis zu den Füßen musternd, sagte sie scharf:
»Apropos, mein Herr, wie war doch gleich Ihr Name -- ah, ja, Randolph -- wo habe ich Sie eigentlich schon gesehen, denn Ihr Gesicht kommt mir merkwürdig bekannt vor. Waren Sie nicht einmal Commis auf Santa Catharina?«
»Es wundert mich kaum, daß Sie mich nicht mehr kennen, Madame Baulen,« sagte Felix und sah sie fest an, »denn als Sie den Dienst meiner Mutter verließen, trug ich noch keinen Bart. Mein Name ist Felix Randolph, Graf von Rottack.«
Er sprach das Erste mit nur halblauter Stimme, seinen Namen jedoch klar und deutlich, wie für die ganze Gesellschaft bestimmt. Hätte aber ein Erdbeben das Haus in seinen Grundfesten erzittern machen, und Wände und Decke durch einander geworfen, die Frau Gräfin Baulen würde nicht mehr und furchtbarer erbebt sein, wie sie jetzt, an allen Gliedern gelähmt, vor ihm stand, und ihn mit stieren, entsetzten Blicken anstarrte.
»Um Gottes willen, was ist Dir, Mama?« rief Helene, welche in diesem Augenblicke auf sie zuflog und sie mit ihren Armen stützte.
»Nichts als ein leichtes Unwohlsein,« sagte Graf Rottack kalt, verbeugte sich flüchtig und schritt auf Günther zu, der eben mit dem Director gesprochen hatte. Er nahm auch ohne Weiteres dessen Arm und führte ihn vor die Thür hinaus.
»Willst Du fort?« fragte dieser.
»Ich sagte Dir vorhin, daß ich schon zu lange geblieben bin,« erwiederte Felix, und ihre Hüte von den Haken nehmend, schritten die beiden Freunde in die Nacht hinaus.
Die Gräfin hatte sich indessen gewaltsam gesammelt, und ihr Auge scheu umher werfend, traf ihr Blick den des Barons, welcher ein sehr erstaunter Zeuge der ganzen Scene gewesen, aber leider etwas schwerhörig war, um Alles genau zu verstehen. Nur den letzten Namen hatte er vernommen. Er trat indessen rasch auf sie zu und fragte artig:
»Ist Ihnen nicht wohl, meine Gnädige? Wenn die Comtesse vielleicht ein wenig englisches Salz in der Nähe hätte.«
»Ich danke Ihnen, Baron,« wies aber die Gräfin die Hülfe zurück -- »ich danke Dir, mein Kind -- »es ist schon vorüber. Meine albernen Nerven spielen mir manchmal einen solchen Streich.«
Herr von Pulteleben, welcher von der ganzen Scene gar Nichts gesehen und gehört hatte, da er sich gerade auf den von Oskar hingestellten Stuhl gesetzt und beinahe damit umgefallen wäre, schlug jetzt einen Spaziergang im Garten vor. Es war eine wundervolle Nacht, und er hoffte jedenfalls auf eine Promenade Arm in Arm mit seiner Braut. Die meisten Gäste waren aber müde, da sie heute den ganzen Tag auf der Auction zugebracht, der Director schien ebenfalls erschöpft, da er noch außerdem dem Wein sehr tüchtig zugesprochen, und es dauerte nicht lange, so rüstete sich Alles zum Aufbruche.
Eine kleine Verwirrung entstand jetzt, da durch irgend ein Versehen -- Oskar war außer sich über Jeremias' Tölpelhaftigkeit -- alle Tücher und Hüte an falsche Plätze und in die größte Unordnung gerathen waren. Aber auch das regulirte sich endlich, und während Oskar noch ein Wenig in den Garten ging, um dort unten in aller Bequemlichkeit und in der frischen Nachtluft seine Cigarre rauchen zu können, trat Herr von Pulteleben noch einmal in das Zimmer der Damen -- hatte er doch jetzt ein Recht gewonnen, sich ihnen vertraulich zu nähern -- und bat Helenen, daß sie ihm erlauben möchte, ihr noch einmal zu sagen, wie glücklich sie ihn heute gemacht habe.