Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Dritter Band
Part 11
»Ja -- Frau Gräfin,« sagte der junge Mann, mit dem Hut in der Hand und sich verlegen nach einem Stuhl umsehend -- »ich -- und ich bin Ihnen sehr dankbar dafür, daß Sie ....«
»Und mit was kann ich Ihnen dienen? Bitte, nehmen Sie Platz,« sagte die Gräfin.
»Sie erlauben -- ja, Frau Gräfin -- Sie können sich doch wohl denken,« sprang von Pulteleben verzweifelt gleich mitten in die Frage hinein, »daß mir der jetzige Zustand -- die Vernachlässigung meiner -- Ihrer Fräulein Tochter, der Comtesse, unerträglich werden muß, und ich habe mir Tag und Nacht den Kopf darüber zerquält, _was_ die Veranlassung dazu gewesen sein könnte. Wenn -- wenn Sie mich nur über Eines beruhigen möchten.«
»Und das wäre?«
»Der Brief,« sagte von Pulteleben entschlossen.
»Welcher Brief!« fuhr die Frau Gräfin auf und schoß einen mißtrauischen Blick nach ihrem #vis-à-vis#. Hatte Helene etwa ihr Geheimniß verrathen? Aber von Pulteleben verscheuchte bald diese Befürchtung.
»Der Brief, den die junge Dame an jenem Abend aus Ihrem Zimmer brachte,« sagte er entschlossen, »denn von jenem Augenblick an datirt sich die mir so ungünstige Veränderung, und ich kann in der That jetzt nicht anders glauben, als daß irgend eine mir böswillig gesinnte Hand darin Nachrichten über mich gegeben hat, die zu widerlegen mir wahrscheinlich ein Leichtes sein würde, wenn ich -- nur eben wüßte worauf sie basirten.«
»Beruhigen Sie sich darüber,« erwiederte die Gräfin, der damit ein Stein vom Herzen fiel; »der Brief hatte nicht das Geringste mit Ihnen zu thun und betraf in der That auch nur gleichgültige Gegenstände. Meine Tochter benutzte das nur als Vorwand. Sein Sie versichert, daß von Ihnen nie auf ungünstige Weise die Rede gewesen ist, und ich hoffe selbst jetzt noch Helene zu bestimmen, ihre Meinung zu ändern. Lassen Sie uns die Sache nur ruhig abwarten und Nichts übereilen. Wir müssen im Gegentheil unser in der letzten Zeit sehr vernachlässigtes Geschäft wieder mit frischen Kräften in die Hand nehmen und ich bin dann überzeugt ....«
»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche,« sagte von Pulteleben, den schon bei Erwähnung des »Geschäfts« ein eigenes Grauen beschlich; wußte er doch jetzt, daß sich das Ganze allein darauf beschränkte, zu einem ihm vollkommen räthselhaften Betrieb nur fortwährend frische Summen aus ihm herauszudrücken. Selbst die Aussicht auf die für das Rittergut zu erwartenden Gelder hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie sonst verklärte. -- »Ich für meine Person setze nicht mehr die geringste Hoffnung auf die Comtesse, denn -- wie groß auch meine Liebe für sie war und ist, darf ich doch nicht daran denken, mich ihr aufzudringen, und jedem weiteren Schritt von meiner Seite ließe sich kein anderer Name geben.«
»Aber, lieber Pulteleben!«
»Deshalb,« fuhr aber der junge Mann unbeirrt fort, »bin ich auch fest entschlossen, mich -- von dem Geschäft zurückzuziehen, da ich -- doch auch nachgerade anfange einzusehen, daß ich einer solchen Arbeit nicht gewachsen bin, und Oskar -- sich entschieden weigert, mir darin beizustehen.«
»Aber das wird sich Alles reguliren,« suchte ihn die Gräfin zu beschwichtigen; »wir müssen nur nicht verlangen, daß wir mit _einem_ Mal Schätze sammeln wollen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß wir mit dem neuen Tabak ....«
»Ich bin fest entschlossen, für _meine_ Rechnung _keinen_ Tabak mehr zu kaufen,« sagte der zur Verzweiflung Getriebene. »Wollen Sie es auf _eigene_ Rechnung fortführen, so wünsche ich Ihnen alles Glück und allen Segen dabei, Frau Gräfin, aber ich bitte Sie ernstlich, mich von diesem Augenblick an von jedem Betrieb desselben zu dispensiren.«
»So?« sagte jetzt die Frau Gräfin, die wohl fühlte, daß die Bande gelockert, ja, vielleicht schon gelöst waren, die den jungen, schüchternen Menschen bis dahin an sie gefesselt gehalten, indem sie zu ihrer _letzten_ Waffe griff, denn sagte sich Helene jetzt vollständig von ihr los, von was sollte sie dann mit ihrem Sohn leben? -- »und das sind Sie im Stande mir in's Gesicht zu sagen? Das halten Sie jetzt für gut und nützlich, nachdem Sie mich erst, eine arme Frau, die von Geschäften gar Nichts verstehen _kann_, verleitet haben, meine ganzen Existenzmittel in ein solches Unternehmen zu stecken?«
»Aber, Frau Gräfin!« rief von Pulteleben wirklich entsetzt, denn auf _diese_ Anschuldigung war er nicht gefaßt gewesen.
»Ist das männlich, ist das selbst nur _ehrlich_ gehandelt?« fuhr die Frau fort, die wieder Boden zu fühlen glaubte. -- »Ich habe mein ganzes Vertrauen auf Sie gestellt gehabt, junger Mann, ich sah, daß ich es mit einem braven, rechtlichen Menschen zu thun hatte, und überließ Ihnen _ohne_ Rückhalt Alles, und jetzt wollen Sie, wo einmal eine flüchtige Wolke vor die Sonne tritt, muthlos und feig die Flinte in's Korn werfen und mich im Stich, mich allein mit allen übernommenen Verbindlichkeiten lassen? _Können_ Sie das über's Herz bringen, _dürfen_ Sie das? Nein, ich sehe, daß Sie den unüberlegten Schritt schon bitter bereuen; ich trage Ihnen auch keinen Groll deshalb nach, Arno -- ich will sogar diesen Augenblick, der recht, _recht_ bitter für mich war, das sage ich Ihnen aufrichtig, vergessen -- es soll nicht einmal der Schatten desselben mehr zwischen uns liegen!«
»Frau Gräfin!«
»Keine Entschuldigung, lieber Arno,« sagte die Dame, die ihre besonderen Gründe hatte sich auf keine Einzelnheiten einzulassen. »Ich gehe jetzt zu meiner Tochter Helene -- in wenigen Tagen kommt außerdem der schon längst erwartete Dampfer, der mir sicher meine Briefe bringt, und -- Sie werden mir noch fußfällig abbitten, daß Sie je an mir gezweifelt haben. -- Werd' ich Ihnen doch beweisen können, daß ich wirklich wie eine Mutter für Sie gesorgt!«
»Beste Frau Gräfin!«
»Es ist schon gut,« lächelte seine Gönnerin -- »wir sprechen heute Abend weiter darüber. -- Guten Morgen, lieber Arno -- guten Morgen!«
Die Frau Gräfin stand auf, grüßte noch einmal freundlich mit der Hand und rauschte dann durch die Thür die Treppe hinunter -- hätte sie aber sehen können, was in Arno von Pulteleben's Busen vorging, sie hätte ihn nicht so rasch verlassen -- wenigstens jetzt noch nicht.
Gerade als die Gräfin um die Ecke bog, kam Jeremias in das Haus herein und stieg langsam die Treppe hinauf. Herr von Pulteleben hatte ihn kommen sehen und erwartete ihn oben. Leise murmelte er dabei: Ja, ich weiß schon: mit Helenen sprechen, Briefe von Deutschland erwarten, mit den Wechseln, die nie eintreffen! -- Nein, Frau Gräfin, _das_ zieht nicht mehr, und wenn ich da nicht Gewalt brauche, bin ich wieder angeführt! -- »He -- Jeremias -- Jeremias! Kommen Sie einmal rasch herauf!«
»Nun?« sagte Jeremias, indem er dem Rufe Folge leistete, »was haben Sie denn heute so Eiliges? Die Post geht noch nicht!«
»Jeremias,« sagte von Pulteleben, der sich in sichtbarer Aufregung befand, »wollen Sie -- wollen Sie zwei Milreis verdienen?«
»Sind Sie ein komischer Mensch!« schmunzelte Jeremias; »können Sie mir einen vernünftigen Grund sagen, warum nicht?«
»Wo ist Oskar?«
»Sitzt drüben bei Buttlichs und trinkt eine Flasche Bier.«
»Gut, dann schaffen Sie mir dieses Gepäck in Bohlos' Hotel hinüber. Wenn Sie binnen jetzt und fünfzehn Minuten drüben sind, bekommen Sie zwei Milreis; für jede Minute, die Sie es _früher_ abmachen, lege ich Ihnen hundert Reis auf, für jede, die Sie _später_ dorthin kommen, ziehe ich Ihnen hundert ab. Sind Sie das zufrieden?«
»Aber die Koffer sind ja noch nicht einmal gepackt!«
»Das ist in zwei Minuten geschehen und zählt nicht.«
»Hurrjeh!« sagte Jeremias, indem er aufgriff was auf den Stühlen lag, und rücksichtslos in die offenen Koffer hineinstopfte -- »mein Karren steht gerade unten an der Thür, in sieben und einer halben Minute bin ich drüben.«
»Um Gottes willen, Sie zerdrücken mir ja Alles!« rief Herr von Pulteleben, über den Eifer jetzt ordentlich erschreckt, den der kleine Bursche entwickelte.
»Schad' Nichts, bügeln wir Alles wieder aus!«
»Hier die Stiefel.«
»Nehmen wir in die Hand.«
»Den Plaid.«
»Können wir oben aufschnallen.«
»Die Hutschachtel.«
»Schmeißen wir auf den Karren -- und die Cigarrenkiste auch.«
»Die bleibt hier.«
»Desto besser -- geben Sie einmal den Schlafrock her.«
»Da klingelt noch Etwas darin.«
»Macht Nichts -- werden ein paar Louisd'or sein -- können Sie drüben herauspuddeln -- Einer wär' fertig!«
»Da hängt noch eine Weste -- halt, das Handtuch bleibt auch hier.«
»Sollten Sie sich eigentlich zum Andenken mitnehmen,« meinte Jeremias; »Jemine, ist das ein Vergnügen! -- Sonst noch 'was? -- Haarlocken vielleicht oder getrocknete Blumen?«
»Hinunter mit dem, ich mache indessen den andern fertig!«
Jeremias packte den einen Koffer auf, und die Dorothea stürzte erschreckt aus der Küche heraus, als er damit auf der oberen Treppe ausrutschte und sechs oder acht Stufen mit furchtbarem Spectakel hinabpolterte. Jeremias war aber nicht der Mann, sich bei Kleinigkeiten aufzuhalten, und stand im Nu wieder auf den Füßen.
»Herr du meine Güte!« rief aber Dorothea bestürzt -- »ist denn Feuer oben?«
»Noch nicht, aber 's riecht schon nach Rauch,« sagte Jeremias und war im Handumdrehen die zweite Treppe hinunter.
Zehn Schritt vom Hause stand sein Karren, den er rasch vor die Thür zog; der Koffer lag darauf und mit immer drei Stufen auf einmal lief er nach dem zweiten, den ihm Herr von Pulteleben schon durch die Thür entgegenzog.
Wie er mit einer Masse kleinen Handgepäcks beladen auf die erste Etage kam, stand die Dorothea da, schlug die Hände zusammen und sagte:
»Aber Herr von Pulteleben, wollen Sie denn _auch_ fort?«
»Ich -- werde eine kleine Reise machen, Dorothea,« sagte der junge Mann, der sich selber vor der alten Magd genirte, seine Flucht einzugestehen; »hier -- ist Etwas für Ihre Bemühungen für mich,« und er drückte ihr dabei fünf Milreis in die Hand.
»Ach, ich danke auch schön -- das war ja gar nicht nöthig -- na, da wird's aber jetzt recht einsam bei uns werden.«
»Guten Morgen, Dorothea!«
»Guten Morgen, Herr von Pulteleben!«
Unten an der Treppe begegnete er dem Bäckermeister Spenker, der eben hinauf wollte.
»Ach, Sie wollen wohl verreisen, Herr von Pulteleben, da ist mir's sehr lieb, daß ich Sie noch treffe. -- Ich wollte meine Miethe holen. Die Frau Gräfin hat mich wieder so lange damit hinausgezogen.«
»Die Frau Gräfin wird den Augenblick wieder zurück sein,« sagte Herr von Pulteleben -- »ich habe die Casse nicht mehr -- guten Morgen, Herr Spenker!«
»_Sie_ haben die Casse nicht mehr?« brummte der Bäckermeister leise vor sich hin, als Herr von Pulteleben schon aus dem Hause war -- »na, da bin ich wirklich neugierig, wer sie jetzt hat. Das ist eine Staatswirthschaft!«
»Wollen Sie nicht lieber warten, bis die Frau Gräfin zurückkommt?« schmunzelte Jeremias, als er sein Tragband draußen umhing und sich vorspannte, und sah dabei Herrn von Pulteleben mit einem höchst komischen Blick von der Seite an; »würde ihr doch unendlich leid thun --«
»Sieben Minuten sind schon um,« sagte Herr von Pulteleben, nach seiner Uhr sehend.
»Und in dreien bin ich drüben!« rief Jeremias und rasselte auch im nächsten Augenblick mit seinem Karren die Straße hinab, als ob er vor eine Feuerspritze gespannt wäre und zur Rettung eilte. Herr von Pulteleben konnte gar nicht mit ihm Schritt halten. --
10.
Graf Rottack's weitere Beschäftigung.
Durch die kleine Colonistenstadt wälzte sich ein Menschenschwarm, der von Minute zu Minute wuchs und gerade auf das Directionsgebäude zu hielt.
Herr von Reitschen spielte eben mit dem Baron eine Partie Schach, als das Geschrei und Jubeln an sein Ohr schlug, und er sprang erschreckt in die Höhe, denn er kannte recht gut die gegen ihn herrschende Stimmung der Colonisten, und hielt den Ausbruch einiger Tollköpfe gar nicht für unmöglich. Freilich wußte er aber auch, daß sie keinen Führer hatten, und was die Masse auch vielleicht gethan hätte, wenn richtig zusammengehalten, die Einzelnen wieder waren viel zu indolent, aus eigenem Antrieb etwas Derartiges zu beginnen.
Übrigens hatte er die bewaffnete Mannschaft größtentheils unten in seinem Wohngebäude liegen, die Übrigen waren seines Rufes gewärtig im Auswanderungshaus, und diese Macht hielt er für vollkommen genügend, ein paar unzufriedene deutsche Bauern im Zaum zu halten. Nichts desto weniger sprang er an's Fenster, um zu sehen was es gäbe, und mit dem Baron neben sich beobachtete er die Schaar, die wunderlich geführt war, aber allem Anschein nach doch nichts Feindseliges gegen ihn bezweckte.
»Was zum Teufel haben die Holzköpfe nur wieder, Jeorgy, daß sie da am hellen Tag durch die Straßen brüllen? So wie man ihnen die Zügel nicht immer straffer und straffer zieht, werden sie den Augenblick wieder übermüthig. Wen, um Gottes willen! bringen sie denn da auf einem Maulthier? Ist der Mann nicht gebunden?«
»Wahrhaftig!« sagte der Baron Jeorgy, der sein Opernglas aufgeschraubt hatte und damit hinaus auf den Zug sah -- »das ist der Mensch, der sich hier eine Zeit lang herumgetrieben und dann mit seiner Familie die Colonie verlassen hat. Bux heißt er, glaub' ich, und wollte hier Vorstellungen im Bauchreden und dergleichen geben, was ihm aber nicht glückte.«
»Und wer ist der Reiter neben ihm?«
»Der junge Graf Rottack; wie aber _die_ Beiden auf solche Art zusammenkommen, ist mir ein Räthsel.«
»Nun, wir werden ja gleich hören, denn augenscheinlich kommen sie hierher. -- Daß Ihr mir Keinen von dem Volk in's Haus laßt!« rief er dann auf Portugiesisch den beiden Soldaten zu, die vor seinem Haus standen -- »nur der Herr, der zu Pferd sitzt, kommt herauf.«
Vor dem Hause hielt der Schwarm, der noch ununterbrochen von Hinzuströmenden anwuchs. Und in der That war es auch ein wunderliches Schauspiel, denn auf dem Maulthier, das von zwei fremden Negern geführt wurde, festgeschnürt, die Ellbogen außerdem noch auf dem Rücken zusammengebunden, saß bleich und blutig der gefangene Mörder, während der junge Graf, in seinen zerfetzten Kleidern, Könnern's Gewehr über der Schulter, auf seinem Rappen daneben saß und zu den Umstehenden sprach.
Endlich stieg der Reiter ab, gab sein Pferd einem der Leute, der es augenblicklich in das Hotel hinüberführte, um nur recht bald wieder zurück zu sein, und schritt dann langsam in das Haus. Die beiden Soldaten ließen ihn, dem Befehl gehorsam, hinein und verstellten dann wieder die Thür -- aber es wollte ihm außerdem Niemand folgen, denn er hatte sie gebeten, seine Rückkunft hier draußen abzuwarten.
Unten im Hause trieben sich noch einige Soldaten herum, die ihn neugierig betrachteten -- sonst war Alles leer und öde. Der junge Mann stieg langsam die Holztreppe hinauf, die zu dem Zimmer des Directors führte, welchem er wenige Minuten später gegenüberstand.
»Guten Abend, meine Herren!«
»Ah, guten Abend lieber Graf,« sagte der Baron mit etwas verlegener Freundlichkeit, während der Director nur eine stumme Verbeugung machte -- »Parbleu! Sie sind gut zugerichtet; wo, um Gottes willen! haben Sie nur gesteckt?«
»Draußen im Walde, Baron. -- Herr Director, ich weiß nicht ob es nöthig ist, daß ich mich Ihnen noch einmal vorstelle?«
»Graf Rottack?« sagte der Director -- »ich hatte das Vergnügen bei der Frau Gräfin.«
»Ja,« sagte der junge Mann, während ein spöttisches Lächeln um seine Lippen zuckte -- »bei der Frau Gräfin -- doch zur Sache. Ich bringe Ihnen den Mörder des Schneiders, jenen Bux, an dessen Statt Sie den armen Köhler so lange unschuldig eingesperrt gehalten haben.«
»Und sind Sie dessen gewiß?« fragte der Director, eben nicht angenehm überrascht.
»Hier,« sagte Rottack vollkommen ruhig, indem er eine Uhr und ein rothseidenes Tuch aus der Brusttasche nahm, »sind zwei Gegenstände, welche dem Ermordeten gehört, und die wir bei seinem Mörder gefunden haben. Die Uhr warf er auf der Flucht von sich und ich hob sie selber auf -- das Tuch hatte er unter seinem Hemd um den Leib gebunden. Außerdem gestand er schon den Mord, welchen er nur auf allerlei ausweichende Art zu entschuldigen sucht.«
»Hm,« sagte der Director, ohne die auf den Tisch gelegten Sachen anzufassen -- »und sind Sie fest überzeugt, daß Uhr wie Tuch dem Ermordeten -- wie hieß er gleich, Baron?«
»Justus Kernbeutel.«
»Dem Justus Kernbeutel gehört haben?«
Rottack sah etwas überrascht Herrn von Reitschen an, dann antwortete er wieder ruhig:
»Ich habe Ihnen schon gesagt, Herr Director, daß der Mann den Mord gestanden hat. Außerdem haben wir beide Gegenstände der alten Haushälterin des Ermordeten gezeigt, und sie ist erbötig, jeden Augenblick zu beschwören, daß sie nicht allein sein Eigenthum waren, sondern daß er sie auch am Tage der That getragen hat.«
»Hm -- das sind allerdings sehr starke Beweise, und demnach scheint es,« sagte der Director, »als ob der Köhler nicht den Mord begangen hat -- keinesfalls wenigstens allein.«
»Außerdem,« fuhr Rottack fort, »ist, wie ich eben da unten höre, der Colonist jetzt mit vor der Thür und hat seinen Schwager und seine beiden Brüder mitgebracht, in dessen Hause sich Köhler gerade die Nacht, in welcher der Mord verübt wurde, aufgehalten. Der Mann war schon einmal da, um seine Aussage zu beschwören, wurde aber nicht vorgelassen, und mußte wieder nach Hause, weil seine Frau schwer krank lag.«
»Hm -- gut -- ich will wünschen daß er unschuldig ist,« sagte der Director, nach seiner Uhr sehend -- »doch das werden wir ja Alles bei dem Verhör herausbekommen. Ich werde gleich Auftrag geben, den gefangenen Verbrecher in Gewahrsam zu nehmen -- heute ist es doch zu spät noch daran zu gehen, und morgen früh um zehn Uhr ersuche ich Sie dann, sich wieder hierher zu verfügen, um das Weitere zu erwarten.«
»Herr Director,« sagte Rottack staunend, »der arme Mann, der Köhler, hat Wochen lang unschuldig gesessen, und ist in seinem Gefängniß sogar erkrankt; wir haben jetzt den bestimmten Beweis, daß er unschuldig war -- wollen Sie ihn noch eine Nacht länger ohne Noth in dem Zustande lassen?«
»_Sie_ haben den Beweis, mein lieber Herr Graf,« lächelte der Director, »aber _ich_ habe ihn nicht eher, als bis das Verhör geschlossen ist. Sie nehmen sich überhaupt der Sache mit einem solchen Feuereifer an, daß Sie sogar ganz in Gedanken bewaffnet in mein Zimmer gekommen sind.«
»Herr Director,« sagte der junge Graf finster, »der Ort wimmelt hier so von Bewaffneten, daß man sich ordentlich in einem Belagerungszustand glaubt, und da kann Einem etwas Derartiges wohl passiren. Doch das sind Nebendinge, und im Auftrag der sämmtlichen Colonisten von Santa Clara ersuche ich Sie recht freundlich, das Verhör des Gefangenen jetzt _gleich_ vorzunehmen und den Unschuldigen seiner Familie wieder zu geben.«
Der Baron bog sich zu dem Director über und flüsterte ihm ein paar Worte in's Ohr. Es lag Etwas in Rottack's Auge, das ihm nicht gefiel, und er war von je ein Mann des Friedens gewesen.
»Mein lieber Baron,« sagte aber der Director, »es thut wir wirklich leid, aber ich kann und werde von meinen bestimmten Geschäftsstunden nicht abgehen. Es ist vier Uhr vorüber« -- er sah wieder nach der Uhr -- »ja, sogar schon ein Viertel auf Fünf vorbei, und es bleibt uns heute keine Zeit mehr, die Sache vorzunehmen. Wie ich Ihnen also gesagt habe, Herr Graf, morgen früh um zehn Uhr.«
Graf Rottack stand Herrn von Reitschen gerade gegenüber -- nur der Tisch war zwischen ihnen -- und man sah es ihm an, wie er sich gewaltsam zwang, ruhig zu bleiben.
»Herr Director, im Namen der Menschlichkeit bitte ich Sie, von Ihrem Grundsatz heute einmal abzugehen. Köhler _muß_ seiner Familie heute wiedergegeben werden.«
»Von einem _Muß_, Herr Graf, kann hier gar keine Rede sein,« erwiederte ihm Herr von Reitschen kalt und fast höhnisch -- »ich bitte Sie, _Ihre_ Worte ein Wenig auf die Wage zu legen; _mein_ letztes Wort haben Sie.«
»Nun denn, beim ewigen Gott!« rief Rottack, der seinen ausbrechenden Zorn nicht mehr mäßigen konnte -- »dann hören Sie auch meines! Glauben Sie denn, Sie erbärmlicher Miniatur-Tyrann, daß Sie hier wirthschaften können wie Sie wollen, und mit Sclaven, anstatt mit freien Colonisten zu thun haben? Ich gebe Ihnen zwanzig Minuten Zeit, und hat bis dahin das Verhör nicht begonnen, dann verderbe meine Seele, wenn ich nicht an der Spitze der Schaar da unten dieses Gaunernest stürme und Sie höchsteigenhändig aus dem Fenster werfe!«
»Herr Graf!« rief der Director erschreckt und trat an's Fenster.
»Lieber, bester Graf!« bat der Baron.
»Zum Teufel mit Ihrem Grafen!« rief der junge Mann außer sich. »Soll Einem die Galle nicht überlaufen, wenn man da eine solche bleiche Canaille alle Menschenrechte mit Füßen treten sieht! Ha, sehen Sie sich nach Ihren Soldaten um -- glauben Sie, der Schwarm hohläugiger, in Mark und Saft verdorbener Brasilianer könnte einem einzigen Anprall unserer deutschen Bauern widerstehen? Ist _das_ der ganze Schutz den Sie haben, und mit dem hatten Sie die Frechheit, hier aufzutreten wie Sie aufgetreten sind? Hier, meine Uhr zeigt auf fünf Minuten vor halb -- hat um drei Viertel das Verhör nicht begonnen, dann sind Sie jetzt gewarnt. Das Blockhaus, in dem Köhler sitzt, wird mit dem Schlag drei Viertel über den Haufen geworfen, und fällt ein einziger Schuß von Ihrer Schaar, so stürmen wir das Nest hier, und daß _Sie_ schneller hinausfliegen als Sie hereingekommen sind, dafür bürgt Ihnen mein Ehrenwort -- also auf Wiedersehen!« und mit den Worten stürmte er hinaus, die Treppe hinunter und unbelästigt von den Wachtposten, die mit Staunen den Lärm da oben gehört hatten, unter die vor dem Hause versammelten Colonisten.
Die Erbitterung gegen den Director hatte aber in der ganzen Colonie schon einen solchen Grad erreicht, daß es wirklich nur noch des zündenden Funkens bedurfte, den jetzt der junge, wüthende Graf unter sie brachte, um zu explodiren. Kaum hatte er ihnen unten zugerufen, was der Director beabsichtige und was _er_ ihm zugeschworen, als die jungen Burschen nach allen Richtungen auseinander stoben, und kaum zehn Minuten später mit Gewehren, Heugabeln, Sensen, Dreschflegeln und allen möglichen anderen, zu Waffen zu verwendenden Dingen angesprungen kamen.
Der Director war indessen fast sprachlos vor ohnmächtiger Wuth in seinem Zimmer auf und ab gelaufen, und sein eigenes Gewehr von der Wand reißend, schwor er, daß er die Bande wolle zusammenschießen lassen, und wenn er selber dabei zu Grunde ginge. Der Baron aber sah weiter: Brach hier im Ort eine Revolution aus, so warfen sich die »Demokraten« allerdings zuerst auf das Directionsgebäude -- und er selber hatte nur geringes Vertrauen zu den brasilianischen Soldaten. Dann aber mußte sich die Wuth, ihr erstes Ziel erreicht, im natürlichen Lauf der Dinge gegen die übrige Aristokratie wenden, und daß er selber nicht übermäßig im Ort beliebt war, wußte er eben so gut. Aus innerstem Herzen heraus bat er deshalb den Director -- nur um Blutvergießen zu vermeiden -- der Gewalt nachzugeben, eine spätere Untersuchung sollte dann schon die Schuldigen bestrafen und besonders den Rädelsführer treffen. Er war Zeuge, und der Director konnte in allen Fällen auf ihn rechnen -- wozu jetzt Alles auf Eine Karte setzen, während noch dazu die Chancen des Spieles gegen ihn waren.
Der Director sah aus dem Fenster -- unten wogte und tobte es -- mehr als dreihundert Männer in Hemdsärmeln, ihre Gewehre und andere Waffen im Arm, sammelten sich dort um den Grafen Rottack, der mit der Uhr in der Hand zwischen ihnen stand. Der Director sah nach seiner eigenen Uhr -- es fehlten noch fünf Minuten an drei Viertel. -- Die Soldaten im Hause hatten sich vor der drohenden Bewegung gesammelt, und der Unterofficier steckte jetzt ganz verblüfft den Kopf in die Thür und fragte, welche Befehle der Herr Director gäbe. Es war den Blaujacken da unten auch nicht wohl geworden, denn einem einzelnen hülflosen Colonisten gegenüber hatten sie Muth genug gezeigt, heute aber sah es beinahe aus, als ob sich das Spiel umdrehen solle, und die kleine Schaar hatte eigentlich schon unter sich einen Plan gemacht, wenn die Sache bös abliefe, in geschlossenem Trupp nach den Booten zu fliehen und den Fluß hinabzugehen.