Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Dritter Band
Part 10
»Ein Freund,« sagte Könnern, die Geliebte mit dem linken Arm umschlingend, indem er sie mit der rechten stützte -- »ein Freund, der nicht mehr von Elisens Seite weichen wird, so lange sie ihn selbst nicht von sich stößt!«
»Lieschen!«
»Vater!« rief das Mädchen, wand sich aus Könnern's Arm, flog an seine Seite und barg ihr Haupt wieder an seiner Schulter.
Der alte Mann lag still und regungslos; er hatte die Augen geschlossen, und nur das leise Athmen seiner Brust verrieth, daß er noch lebe. Endlich schlug er die Augen wieder auf. Sein Blick fiel auf das zu ihm niedergebeugte, schmerzbewegte Gesicht des jungen Mannes.
»Herr Gott, ich danke Dir,« sagte er leise -- »Lies--chen, leb' -- wohl -- sei glücklich -- Gott segne Dich« -- und wie er noch einmal seine Hand auf ihr Haupt legen wollte, sank sie ihm herunter -- er war todt. -- --
Draußen im Walde hielt Rottack neben dem gebundenen Verbrecher Wache, der jetzt still und verstockt am Boden lag und mit den Zähnen knirschte. Wohl hatte er schon vorsichtig versucht, die Bande von seinen Armen zu streifen, aber die Schleife, welche Könnern gezogen, saß zu fest, und als sein Wächter es merkte, drohend den Gewehrkolben hob und ihm versicherte, er würde ihn bei dem geringsten Fluchtversuche zu Boden schlagen, lag er still. Er trotzte noch darauf, daß die beiden Fremden hier im Wald nicht im Stande sein würden, ihn gebunden zu transportiren, und baute für die Nacht seine Pläne zur Flucht.
Da rief unten vom Weg eine Stimme ihr »Hallo«, und als Rottack darauf geantwortet, brachen und rauschten die Büsche, und der Brasilianer stand im nächsten Augenblick vor der Gruppe.
»Ei sieh' da,« sagte er, einen Blick auf den am Boden Liegenden werfend, »das scheint ja ein sauberer Patron, der hier im Sprenkel hängt! -- Wie geht's, Fremder? Wollt Ihr Euch den mit in die Colonie nehmen?«
»Er hat einen Mord verübt,« sagte Rottack, nachdem er den Gruß des Alten erwiedert -- »und da sind wir hinter ihm drein und haben ihn da oben im Wald, wo er wahrscheinlich vom Wege abschnitt, um nicht verfolgt zu werden, erwischt. Aber wo ist mein Kamerad?«
»Im Hause -- ich hab' einen Deutschen mit seiner Tochter dort, und der Mann liegt im Sterben.«
»Im Sterben?«
»Ja -- aber jetzt kommt, daß wir den Patron da hinunterschaffen. Wo sind Eure Pferde?«
»Oben am Hang stehen sie und die unglückliche Familie dieses Schuftes sitzt dort ebenfalls.«
»Und hat der Lump auch Familie?« sagte der alte Brasilianer entrüstet; »das ist recht, nur immer gleich Frau und Kinder mit unglücklich gemacht! Und was wird nun aus denen?«
»Sie müssen mit in die Colonie zurück; es sind Deutsche genug dort, die für sie sorgen werden -- besser als der da es gethan. Soll ich hinauf und die Pferde lieber holen?«
»Laßt's nur sein, Fremder,« sagte der Brasilianer, »die Familie könntet Ihr doch nicht gleich mitbringen; ich schicke dann vom Hause aus ein paar von meinen Negerjungen hinauf, die das viel besser und rascher besorgen. Aber Ihr blutet ja!«
»Nur ein Ritz; der Schuft stieß mit dem Messer nach mir, als wir ihn fassen wollten.«
»Natürlich -- wenn's einmal an den Kragen geht, kommt's nachher auf die Kleinigkeit mehr oder weniger auch nicht an. Also vorwärts, mein Bursche, steh' einmal auf und gebrauch' Deine Spazierhölzer -- oder sollen wir Dir Beine machen?«
»Er versteht kein Portugiesisch.«
»Oho -- noch ein Frischer? Also importirt ihr derartige Sorte auch nach Brasilien? Für die ist's aber kaum der Mühe werth, daß der Staat Passage bezahlt, denn es kostet ihm nachher immer noch außerdem einen Strick. -- So sagt _Ihr_ ihm einmal auf gut Deutsch, daß er gutwillig mitgeht, sonst kann ich es ihm doch vielleicht auf Brasilianisch begreiflich machen.«
Er nahm dabei sein schweres Buschmesser aus dem Gürtel, hieb einen jungen Stamm ab und hackte, noch während er sprach, die Äste davon herunter.
Bux hatte dem Gespräch der Männer in der ihm unverständlichen Sprache mit scheuem Blick gelauscht. So lange er sich noch allein in den Händen der Deutschen befand, schien ihm seine Lage immer nicht zum Äußersten gefährlich. Jetzt zum ersten Mal überkam ihn der Gedanke an die Strafe, der er entgegenging, überkam ihn zugleich die Angst davor.
»Steh' auf,« sagte Rottack zu ihm; »Du wirst einsehen, daß Dir weiteres Sträuben Nichts hilft, und Du kannst höchstens Deine Lage noch verschlimmern.«
»Landsmann,« sagte Bux mit heiserer, angstgepreßter Stimme, »Ihr werdet mich nicht den Fremden übergeben -- ich -- ich will ja Alles gestehen -- ich bin ein armer Teufel -- der Böse plagte mich -- der Justus war auch ein schlechter Kerl -- er hat mich verführt -- er reizte mich. -- Landsmann,« bat er dringender, als sich Rottack mit Ekel von ihm abwandte, indem er sich auf die Kniee warf und die gebundenen Hände zu ihm aufhob -- »laßt mich laufen -- ich will ein ordentlicher, braver Kerl werden -- ich will meine Frau nicht mehr prügeln und die Kinder -- ich will arbeiten, daß mir das Blut unter den Nägeln vorspritzt -- Landsmann, habt Barmherzigkeit -- Barmherzigkeit!« -- und er schrie die letzten Worte in Todesangst gellend heraus.
»Die suche Dir bei Gott,« sagte Rottack erschüttert -- »Deinetwegen sitzt schon ein unschuldiger, braver Mann die ganze Zeit, und der muß frei werden. Komm, wir haben keine Zeit mehr zu versäumen.«
Unten auf dem schmalen Waldwege knarrten Räder, und der Brasilianer, der einen Blick hinabgeworfen, pfiff auf seinem Finger. Bei dem Karren gingen vier Neger, die Bauholz zu einer neuen Scheune im Walde geschlagen. Drei von ihnen kamen den kleinen Abhang heraufgesprungen.
»Werft einmal Euer Holz ab,« sagte der Brasilianer, »und ladet den Burschen hier auf; fahrt ihn aber nicht zum Hause, sondern in den kleinen Schuppen drüben bei den Kaffeebäumen, daß ihn meine Frau und die Kinder nicht zu sehn bekommen. Du, Joao, springst hinauf -- wo ungefähr sind Ihre Pferde mit der Familie des Burschen da?«
»Etwa in dieser Richtung,« sagte Rottack, mit dem Arm aufwärts deutend -- »aber die Frau versteht kein Portugiesisch, ich will lieber mit den Leuten gehen; wenn Sie nur so lange die Bewachung des Verbrechers übernehmen wollen.«
»Für den steh' ich gut. Also Du gehst mit dem Senhor dort hinauf, und thust was er Dir sagt; und Ihr Beiden packt einmal den Gesellen da auf, wenn er nicht gutwillig gehen will, und werft ihn auf den Karren.«
Die Neger sprangen lachend auf den Gebundenen zu, der in Angst und Entsetzen auffuhr und sich den Hang hinabwerfen wollte; aber die Leine, mit der er an den jungen Stamm befestigt war, warf ihn zu Boden, und wenige Minuten später fand er sich machtlos in der Gewalt der beiden riesigen Schwarzen, die ihn wie ein Kind zwischen sich nahmen und hinabschleppten. --
Eine Stunde später etwa kam Rottack mit der armen, in Thränen aufgelösten Frau und den Kindern, die vor Angst und Bangen sprachlos schienen, hinunter zur Chagra. Es war ein schweres Amt für ihn gewesen, den Jammer der Frau mit anzusehen und sich dabei sagen zu müssen, daß er eigentlich die Mitschuld daran trage; aber es konnte auch nicht umgangen werden, denn die so schon unglückliche Frau durften sie hier nicht allein und hülflos mitten in dem fremden Walde zurücklassen; sie wäre _mit_ den Kindern verdorben. Was aber in seinen Kräften stand, sie zu trösten, that er. Er gab ihr vor allen Dingen alles Geld das er bei sich führte, und versprach, für sie in Santa Clara zu sorgen, auch ihre Kinder unterzubringen -- sie ginge jetzt einem bessern Leben entgegen, als sie an der Seite des Verbrechers geführt -- die Colonisten in Santa Clara würden sich ihrer annehmen, und sie solle außer Sorgen für die Zukunft sein. Er nahm ihr auch das kleinste Kind ab und trug es selber, daß sie leichter vorwärts kam, und that alles Mögliche, nur erst einmal ihre Thränen zu stillen. Es war ihm furchtbar, wenn er einen erwachsenen Menschen weinen sah.
So erreichten sie endlich die Chagra, der junge Graf noch immer das schreiende Kind auf dem Arm, als ihm Könnern entgegensprang.
»Graf Rottack, _Sie_ als Kinderwärter?« sagte er lächelnd, indem er vor ihm stehen blieb, »und doch steht es Ihnen gut -- Sie haben ein schweres, schweres Amt gehabt!«
»Allerdings,« seufzte der junge Mann, indem er einer auf ihn zukommenden Negerin das Kind übergab -- »da, mein Schatz, sei Du so gut und sieh einmal zu, ob Du den Schreihals stopfen kannst, der Außerordentliches auf dem Weg hierher geleistet -- und daß die arme Frau da Etwas zu essen bekommt. Ich fürchte fast, daß ihre Hauptkrankheit der Hunger ist. -- Aber was ist denn mit Ihnen vorgegangen, Könnern? -- Ihr Gesicht strahlt ja ordentlich vor Seligkeit!«
»Rottack -- Rottack,« rief Könnern, seine Hand ergreifend -- »ich habe sie gefunden!«
»_Sie_ -- so?« sagte der junge Graf in komischem Erstaunen; »so viel ich weiß, hatte _ich sie_ gesucht, und Sie hatten es nur mit einem _ihn_ zu thun.«
»Elise mein' ich.«
»Elise? -- des alten Meier Tochter?«
»Sie ist hier -- hierher geflüchtet; ihr Vater wurde krank, und ist eben in ihren Armen verschieden.«
»Nun,« sagte Rottack trocken, »für einen derartigen Sterbefall sehen Sie leidlich vergnügt aus. Wollen Sie aber so freundlich sein und mir sagen, weshalb _Sie_ darüber so entzückt sind?«
»Aber wissen Sie denn nicht, daß ich Elise schon wie ein Verzweifelter im ganzen Walde gesucht hatte?«
»So? -- nicht übel; also deshalb dieser Eifer, dem armen Köhler wieder zu seiner Freiheit zu verhelfen und dem Mörder auf die Spur zu kommen, und ich wurde eigentlich blos mitgenommen, um zuerst den Diebsfänger, nachher den Brautführer zu machen, und nebenbei schreiende Kinder durch den Wald zu schleppen, wie verzweifelte Mütter zu trösten!«
»Lieber, bester Graf!«
»Lassen Sie es gut sein; ich sehe schon wie es ist, immer die alte Geschichte -- Günther geht heim zu seiner Braut, Köhler wartet nur darauf bis wir zurückkommen, und sitzt dann wieder mit seiner jungen Frau da oben in dem Miniaturparadies -- Sie haben ebenfalls jetzt _gefunden_, was Sie gesucht, und ich bin wie gewöhnlich der, welcher leer ausgeht. _Mein_ einzig sichtbarer Vortheil ist auch wohl nur der, daß ich mich jetzt von Kopf bis zu Füßen neu kleiden kann und außerdem noch eine Apotheker-Rechnung für Pflaster zahlen, und für Herrn Bux' Familie sorgen darf! Hol' der Teufel Brasilien!«
»Armer Rottack!« lachte Könnern gutmüthig.
»Ja wohl, armer Rottack,« sagte der junge Mann, »und das ist noch nicht einmal Alles! Sie können natürlich die junge Dame jetzt nicht mit dem todten Vater allein lassen, um alles das zu besorgen, was irgend nöthig ist. Also darf _ich_ mit ein paar sehr unangenehm ausdünstenden Negern wahrscheinlich den Transport allein übernehmen -- wieder ein Vortheil!«
»Von Herzen gern will _ich_ das thun,« rief Könnern rasch, »wenn _Sie_ nur dann meine Stelle _hier_ vertreten wollen.«
»Hm, so? -- damit Sie mir dann auch noch in Santa Clara den Dank der jungen Frau wegschnappen? Nein, damit ist's denn doch Nichts; _das will_ ich wenigstens haben, und wenn ich's mir stehlen müßte. Aber wie weit ist's von hier nach Santa Clara -- haben Sie eine Idee?«
»Dieser Weg,« erwiederte Könnern, »führt nach der Colonie Santa Martha hinüber und soll bequem im Thal hinlaufen. Von dort haben Sie breite, trockene Fahrstraße bis Santa Clara, etwa sieben Legoas im Ganzen.«
»Nun, das geht an; dann brech' ich aber in einer Stunde auf. -- Und wann kommen Sie nach?«
»Morgen früh wird die Leiche des alten Mannes beerdigt, dann hält mich hier Nichts weiter, und wenn es irgend möglich ist, bringe ich die Familie des Verbrechers gleich mit. Wir müssen jedenfalls sehen, daß wir für die arme Frau ein Unterkommen in der Colonie finden.«
»Das giebt wieder eine passende Beschäftigung für mich,« sagte Rottack, indem er zu seinem Pferde ging und es absattelte. Es mußte erst ein Wenig gefüttert werden, ehe er den Heimritt darauf antreten konnte.
9.
Herr von Pulteleben.
Nur verhältnißmäßig kurze Zeit war doch vergangen, seit Sarno die Colonie Santa Clara verlassen und Baron von Reitschen sein Regiment dort begonnen hatte, und welche traurige Veränderung brachte dieser kurze Wechsel in dem sonst so gemüthlichen, selbst freundlichen Orte hervor! Jede Beschäftigung schien darnieder zu liegen; die Colonisten zeigten zu keiner Arbeit mehr Lust; die Handwerker saßen den Tag über in der Schenke, um ihrem Ingrimm bei einem Glas oder mehreren Gläsern Bier Luft zu machen, und Herr von Reitschen -- regierte indessen ruhig weiter und verübte unter dem Schutz seiner, stets bis an die Zähne bewaffneten Soldaten, jede Willkür, die ihm irgend beliebte.
Die wenigen Menschen, die noch zu ihm hielten -- und das waren in der That wenige genug -- wurden in jeder Weise begünstigt und konnten thun und lassen was sie wollten; die Übrigen durften nicht einmal ihr Recht fordern, wo es gekränkt worden, und die Soldaten besonders verübten in rohem Übermuth so viel nutzlose Streiche, daß wirklich der urgeduldige deutsche Charakter dazu gehörte, das Alles zu ertragen, ohne gewaltsam dagegen aufzustehen.
Herr von Reitschen kümmerte sich um das Alles nicht; er machte mit dem Baron, von dem er jetzt unzertrennlich schien, seine regelmäßigen Spaziergänge -- bei denen er aber stets einen Revolver bei sich führte -- und hatte dem Baron sogar, was er den armen Parcerie-Arbeitern rund abgeschlagen, eine der bestgelegenen Colonien _gratis_ überlassen, der Regierung gegenüber unter dem Vorwande natürlich daß der Baron eine »Musterwirthschaft« darauf anlegen und dadurch den Ackerbau in der Colonie »wissenschaftlich« heben wolle.
Der gute Baron, der nicht einmal seine eigene kleine Chagra hatte lebensfähig verwalten können!
Natürlich machte das Alles nur immer mehr böses Blut, aber es half eben Nichts -- es blieb Alles beim Alten, und nur der Polizeizwang wuchs von Tage zu Tage. Besonders litt darunter der arme Köhler, der immer noch in seinem Gefängniß stak und trotz seiner sonst gesunden Natur ein Fieber davongetragen hatte. So wenig weitere Beweise aber gegen ihn vorlagen, schien der Director fest entschlossen, sich an dem jungen Bauer für die erlittene Behandlung zu rächen, wo er die Gewalt dazu so trefflich in Händen hatte, und was etwaige Klagen oder Beschwerden der Colonisten selber in Rio de Janeiro betraf, so vertraute er dabei mit ziemlicher Sicherheit dem Schlendrian der brasilianischen Obergerichte, deren Gefahr sich auf Null reducirte, wenn er seine eigenen dort lebenden Freunde mit in Rechnung brachte. Er wußte auch besser als mancher Andere, daß sich alle diese Beamten, theils so oder so, compromittirt hatten, und nur dadurch, daß sie Einer den Andern hielten, konnten sie selber hoffen, keine Untersuchungen gegen sich und ihr eigenes Gebahren aufgebracht zu sehen.
Ganz Südamerika leidet ja an dem nämlichen Übel.
Äußerst wenig um die politischen, aber desto mehr um seine eigenen Verhältnisse kümmerte sich indessen Herr von Pulteleben, der bis dahin des festen und süßen Glaubens gelebt hatte, daß er mit schwellenden Segeln in einen reizenden und vollkommen sichern Hafen eingelaufen sei, und mit der ersten Morgendämmerung zu seiner Bestürzung fand, er sei gar nicht mehr flott, sondern sitze wie fest genagelt auf dem Trockenen in Schlamm und Sand, mit keiner Aussicht wieder loszukommen.
Von dem Augenblick an, wo er Helenens Brief erhielt, war er solcher Art von dem Gipfel seiner Hoffnungen herunter gerutscht -- im Anfange zwar noch langsam und widerstrebend, je mehr er aber in Schuß kam, desto rascher, und jetzt fuhr er mit einer Schnelle in die Tiefe der prosaischen Wirklichkeit hinab, daß ihm ordentlich selber die Sinne darüber vergingen.
Umsonst hatte er sich dabei mit einer wahrhaft rührenden Ausdauer bemüht, von der einst gehofften Schwiegermutter genügende Auskunft über Helenens räthselhaftes Betragen zu erhalten. Das Einzige _was_ er von ihr erhielt, war die Erlaubniß, die einlaufenden Rechnungen zu bezahlen, und daß _er_ unter solchen Umständen darin bald ermüdete, läßt sich denken.
Das erste Resultat war, daß die Arbeiter ihre Beschäftigung einstellten, was ihn aber nicht im Geringsten mehr interessirte, denn er hatte den Arbeitsplatz schon lange nicht mehr betreten, und er schloß nur _daraus_, das noch genügender Absatz vorhanden sei, weil die aufgestapelten Kisten mit frischen Cigarren zusehends abnahmen -- ohne daß er selber freilich das Geld für eine einzige derselben eincassirt hätte.
In der Colonie konnten diese Vorgänge natürlich auch nicht unbeachtet bleiben, denn daß die Comtesse ihrer Mutter Wohnung verließ und zu fremden Leuten zog, war ein zu sehr in die Augen springendes Factum. Aber mit anderen, wichtigeren Dingen beschäftigt, bildete man sich rasch eine eigene Motivirung dieses Schrittes, die auch manches Wahrscheinliche für sich hatte. Diese lautete: die alte Frau Gräfin wolle der Comtesse den Herrn von Pulteleben zum Mann aufdringen, die Comtesse wolle aber den Herrn von Pulteleben nicht haben, und da sie allbekannt stets sehr selbstständig aufgetreten, so war sie einfach aus dem Hause gezogen, bis es der ihr nicht zusagende Bräutigam verlassen habe. Sobald der fort war, würde sie natürlich zu ihrer Mutter zurückkehren.
Das klang freilich nicht sehr schmeichelhaft für Herrn von Pulteleben, aber der arme Teufel sah, wenn er recht darüber nachdachte, selber keinen andern Grund für das merkwürdige Betragen seiner früheren Braut, und begriff dann nur nicht, weshalb sie früher so freundlich mit ihm gewesen war und selbst die Verlobung stillschweigend geduldet hatte. -- Er ärgerte sich jetzt noch, wenn er daran zurückdachte, daß er sich nicht wenigstens an jenem Abend den Verlobungskuß hatte geben lassen, und daran war Niemand weiter schuld, wie der nichtsnutzige Junge, der Oskar, mit seinen albernen Streichen. Über die Tafel hinüber ging das freilich nicht.
Und was sollte jetzt werden? Sein Geld ging auf die Neige, neuen Zuschuß von Hause konnte er kaum unter drei Monaten erwarten -- und was würden sie zu Hause sagen, wenn sie von der rückgängig gewordenen Verbindung mit der Comtesse hörten? -- Er _wollte_ -- er _mußte_ fort -- aber die Schwiegermutter -- er hatte eine Heidenangst vor der Frau Gräfin, und saß heute wieder in seinem Zimmer, wo er schon so oft gesessen, und überlegte und grübelte, wie er sich am Besten und Anständigsten aus der Affaire ziehen könne.
Draußen wurden Schritte laut, und gleich darauf ging die Thür auf, durch die Oskar, eben von einem Ritt zurückkehrend, trat und sich mit einem »Donnerwetter, ich bin müde!« auf das Sopha warf. Herr von Pulteleben rührte sich nicht, und Oskar, der ihn eine Weile von der Seite betrachtete, lachte; endlich sagte er:
»Na, Pulteleben, Sie schneiden ja ein Gesicht, als ob Ihnen die Petersilie verhagelt wäre. Was ist nun wieder los?«
»Nichts Besonderes, daß ich wüßte,« erwiederte der junge Mann, gerade nicht in der Stimmung, eine Unterhaltung mit seinem Besuche anzuknüpfen.
»Was der Lene in den Kopf gefahren ist,« nahm Oskar das Gespräch auf, der die Niedergeschlagenheit seines Gesellschafters natürlich auf diese Quelle zurückführte -- »das weiß der Henker! Das Mädel muß übergeschnappt sein, denn sie nimmt _meinen_ Besuch nicht einmal mehr an. Was sagen Sie dazu?«
Herr von Pulteleben antwortete nicht, er war entschlossen den jungen Grafen todtzuschweigen.
»Die Alte steckt dahinter,« fuhr Oskar aber trotzdem, und etwas unehrerbietig diese »Alte« auf die Frau Gräfin beziehend fort -- »so viel ist sicher, und Sie müssen durch irgend Etwas bei ihr in's Fettnäpfchen getreten haben. Machen Sie nur um Gottes willen wieder Frieden mit ihr, denn das ist ja hier im Hause jetzt gar nicht mehr auszuhalten. Ihr seid _Alle_ unausstehlich, und das Schlimmste dabei, daß man Euch noch dazu Alle einzeln aufsuchen muß, um sich einzeln über Euch zu ärgern.«
Herr von Pulteleben schwieg. Er hatte auch andere Ansichten über die »Alte«, denn von seiner Seite war in der That Alles geschehen, ein mögliches Mißverständniß -- wenn _er_ auch nicht wußte, durch was es entstanden sein konnte -- aufzuklären. Helene war verändert, seit sie den _Brief_ gelesen hatte, so viel blieb sicher, aber was in dem Briefe gestanden und wie weit er damit in Beziehung stehen konnte, begriff er nicht, wenn nicht -- er sprang mit einem Mal von seinem Stuhl auf und lief in der Stube auf und ab, ohne Oskar's Gegenwart weiter zu berücksichtigen. -- Hatten sie -- es lief ihm mit einem unbehaglichen Gefühl über die Seele -- hatten sie vielleicht nach Deutschland geschrieben und von dort aus Nachricht erhalten, daß _seine_ Verhältnisse nicht so glänzend waren, wie er hier zuweilen angedeutet?
»Na, wo brennt's nun wieder?« sagte Oskar, der dem Hausgenossen erstaunt zugesehen hatte.
Herr von Pulteleben war aber schon mit sich einig -- er hatte noch nie so schnell gedacht. -- Um aus dieser Ungewißheit gerissen zu werden, mußte er, und zwar gleich, mit der Gräfin sprechen. Es war überhaupt nothwendig, daß er sie aufsuchte, denn _so konnte_ ihr Verhältniß nicht mehr fortbestehen, und ein entscheidender Schritt mußte nach der einen oder andern Seite hin geschehen.
»Lieber Oskar,« sagte er plötzlich zu dem jungen Manne -- »Sie erlauben wohl, daß ich mich anziehen kann, ich -- muß Ihre Frau Mutter sprechen.«
»Ja, ich habe Nichts dagegen,« lachte Oskar -- »aber Sie _sind_ ja angezogen.«
»Ich -- habe schon einen Spaziergang gemacht und -- möchte meine Wäsche wechseln.«
»So -- aha, und da soll ich derweil gehen?« sagte Oskar, sich langsam erhebend -- »nun, meinetwegen. Aber, Pulteleben, noch Eins, weshalb ich eigentlich heraufgekommen war. Bitte, borgen Sie mir doch bis morgen früh zwanzig Milreis; ich brauche sie nothwendig.«
Herr von Pulteleben, der schon angefangen hatte seine Cravatte abzubinden, hörte mit seiner Beschäftigung auf und sah sich nach dem jungen Mann um.
»Lieber Oskar,« sagte er endlich, »es thut mir wirklich leid, keine zwanzig Milreis mehr über zu haben, denn Ihre Frau Mutter hat in der letzten Zeit so bedeutend auf mich gezogen, daß ich -- daß ich wirklich das wenige mir noch Gebliebene zusammenhalten muß.«
»S--o?« sagte Oskar gedehnt und sah von Pulteleben an.
»Überhaupt,« fuhr dieser fort, »müssen Sie in den letzten Tagen mehrere recht hübsche Einnahmen _gehabt_ haben, denn ich sehe, daß sich die Cigarrenkisten da unten auffallend vermindern.«
»Da fragen Sie meine Mutter,« rief der junge Bursche, »_die_ besorgt das; ich habe mit Müh' und Noth tausend Stück für mich gerettet.«
»Gerettet? -- hm!«
»Also Sie haben Nichts?«
»Im Augenblick wirklich nicht. Zu was brauchen Sie's denn?«
»Na, wissen Sie,« sagte Oskar, »wenn Sie Nichts haben, kann Ihnen das auch einerlei sein. -- Guten Morgen!« Und damit verließ er das Zimmer und warf die Thür hinter sich in's Schloß.
»Weiter fehlte mir gar Nichts,« brummte von Pulteleben, riegelte hinter ihm zu und begann dann mit äußerster Sorgfalt seine Toilette zu machen. Selbst den schwarzen Frack bürstete er sehr sorgfältig aus, seufzte über einige Mottenlöcher, die ihm hineingefressen waren, klingelte dann, und als Dorothea heraufkam, ließ er sich bei der Frau Gräfin melden, »da er etwas Wichtiges mit ihr zu sprechen habe.«
Das Mädchen kam nach einiger Zeit zurück und berichtete, es würde der Frau Gräfin sehr angenehm sein, und von Pulteleben stieg jetzt genau mit dem nämlichen Gefühl die Treppe hinab, als ob in der ersten Etage ein Zahnarzt wohne, unter dessen Händen er sich einer sehr gefürchteten Operation unterwerfen wolle.
Die »Frau Gräfin« -- wir müssen sie doch jetzt schon so fort nennen, da ja von Pulteleben auch keine Ahnung vom Gegentheil hatte -- saß in voller Toilette auf ihrem Sopha, denn auch sie war eben im Begriff gewesen auszugehen und einen Besuch bei Rohrlands zu machen. Immer wiederholte sie diese Besuche, in der steten Hoffnung Helenen dort einmal allein treffen und sprechen zu können, und immer wich ihr Helene aus, ja, schloß sich sogar ein, wenn sie es erzwingen wollte.
»Sie haben gewünscht mich zu sprechen, Herr von Pulteleben?«