Die Chronik der Sperlingsgasse
Part 9
Nachdem er lange unstät sich umhergetrieben hatte, heiratete in Italien der Graf Friedrich Seeburg eine schöne, vornehme, aber arme Italienerin; sie ward die Mutter Helenens und starb sie gebärend im zweiten Jahr ihrer Ehe. Die Griechen dachten sich die Kluft zwischen Gott und dem Menschtum ausgefüllt durch ein Vermittelndes, das Dämonische: da schwebten, »damit das Ganze in sich selbst verbunden sei,« Geister »viel und vielerlei« auf und nieder; strafende und lohnende Boten der Gottheit, und niemand entging seinen Taten. Diese Geister verfolgten auch den Grafen: Reue, Ruhelosigkeit, Lebensüberdruß hießen sie, und auf jede Lebensfreude legten sie ihre ertötende Hand. Wieder zog der Graf über die Alpen nach Deutschland. Das Schloß Seeburg war verkauft, -- er kam nach Wien, wo er menschenscheu und finster in einem einsamen, kleinen Hause wohnte. Oft hörte ihn seine Tochter auf- und abgehen in der Nacht; sie hatte keine Bekanntinnen, keine Freundin; eine alte Dienerin ihrer Mutter war ihr ganzer Umgang. So verlebte sie ihre ersten Jugendjahre fast ganz sich selbst überlassen; während ihr Vater immer finsterer und finsterer ward. Er verbot ihr zu singen, zu spielen; sie seufzte und fügte sich. Da wurde eines Morgens der alte Graf Seeburg tot im Bett gefunden; kein Mensch war bei seinen letzten Augenblicken zugegen gewesen, er war gestorben wie ihn Helene nur gekannt hatte -- einsam und allein. Einsam und verlassen war aber auch sie jetzt, ein junges Mädchen in einer großen, fremden Stadt, die sie nicht kannte, wo niemand sie kannte. Es fand sich, daß die Hinterlassenschaft ihres Vaters kaum hinreichte, die während seines Aufenthalts in Wien gemachten Schulden zu bezahlen.
Unter den wenigen, die von Zeit zu Zeit das Haus ihres Vaters betreten hatten, war ein Doktor Berg, ein nicht mehr ganz junger Mann, und dieser war der einzige, welcher, an das Totenbett des alten Grafen gerufen, nachdem er ihm die Augen zugedrückt hatte, sich der jungen Waise annahm. Er brachte ihre Vermögensverhältnisse in Ordnung; er führte sie, die ebenfalls fast menschenscheu Gewordene, zu guten Menschen, zu seiner alten, freundlichen Mutter. Er schien alles, was er tat, nur als seine Pflicht anzusehen, und er, der ihr anfangs gleichgültig war, gewann ihre Zuneigung mehr und mehr. Da bot er ihr seine Hand, und die Gräfin Helene Seeburg ward seine zufriedene, glückliche Gattin, bald noch glücklicher durch die Geburt eines Sohnes, der Gustav genannt wurde. Da zwangen Verhältnisse -- auch seine Mutter war gestorben -- den Doktor Berg, Wien zu verlassen; er zog hieher und bemühte sich, eine Praxis zu gewinnen. Eben schien es ihm zu gelingen, als eine heftige Seuche, die verheerend von Osten kam und über das ganze Land todbringend zog, auch ihn wegraffte; er ließ seine Frau und seinen Sohn fast unbemittelt zurück. Auf dem Johanniskirchhof, zwanzig Schritte von Franz und Marie Ralff, ward er begraben.
Das war es, was die Frau Helene Berg erzählte, während der Ring mit dem Wappen der Grafen Seeburg, die Schlange, welche den Rubin umwand, vor ihr auf dem Tische funkelte. Noch an demselben Abend trug ich ihn auf die Königsbrücke und warf ihn weithin in den Strom, nachdem ich ihn in zwei Stücke zerbrochen hatte. Helene lehnte neben mir am Geländer, und schweigend gingen wir zurück in die Sperlingsgasse zu unsern Kindern.
* * * * *
War's nicht ein hübsches, ein glückliches Vorzeichen, dieser kleine goldgelbe Vogel, der zwischen den beiden Wohnungen hin und her flatterte, der seine Wohnung dort und hier hatte, oft ein kleiner treuer Bote war, und an seinem beweglichen Hälschen gar wichtige Nachrichten, Fragen oder Antworten hinüber- und herübertrug?
»Schau mal nach, Lise, das Flämmchen trägt wieder einen Zettel am Halse. Jetzt werden wir wohl erfahren, wo der Bösewicht, über den ich die alte Martha draußen noch brummen höre, steckt.«
Zwitschernd hüpft Flämmchen auf Elisens Hand. Sie nimmt ihm den Zettel ab, und in einer weitbeinigen Knabenhandschrift lautet die Botschaft:
»Lise!
Da ich mich vor morgen bei Euch nicht zu zeigen wage und noch dazu leider gezwungen bin (scheußlich!) 3 Seiten, schreibe drei Seiten, voll lateinischen Unsinns zu übersetzen (ich möchte nur wissen, wozu ein Maler, und ich _will_ einer werden, Latein braucht?????) so bitte ich Dich, den Onkel (_Du brauchst ihm diesen Brief nicht zu zeigen_) ebenso auf seinem Lehnstuhl festzubinden, wie ich die alte Martha festgebunden habe und #sobald als möglich# vor die Tür zu kommen. -- Ich will Dir mal was Wichtiges sagen.
Gustav.
^P. Scr.^ Ich passe auf, und wenn ich Deine Nasenspitze sehe, schleiche ich an den Häusern hin zu Euerer Tür! Komme bald!!
^P. Scr.^ Bring Deine Korbtasche mit!«
»Was mag er nur wollen?« fragt Lischen, die schon nach dem Nagel guckt, an welchem ihre Tasche hängt, während ich trotz des warnenden Passus den Brief des Übeltäters und seine echte Tertianerlogik studiere. Es ist prächtig: _weil_ ich ein Exerzitium von bedenklichster Länge machen muß -- _so komme sobald als möglich!_ Und dann die kleine Heuchlerin, die recht gut weiß, was der Faulpelz will!
»Was für einen Tag haben wir heute, Lischen?«
»Ah -- Sonnabend!« ruft Elise. »Jetzt weiß ich's! Er hat sein Taschengeld gekriegt.«
»Welches eigentlich die alte Martha konfiszieren müßte. Höre, Lischen; schreib ihm als Bedingung Deines Kommens vor, daß die >scheußliche< Arbeit fertig sein müsse.«
»Wie lange dauert das wohl, Onkel?« fragte die Lise ganz bedenklich; sie zöge das »Sobald als möglich« unbedingt vor.
»Nun -- zwei Stunden, mindestens.«
»Oh, oh zwei Stunden?!«
»Ja, und dann wimmelt sie doch noch von Fehlern, einer immer schlimmer als der andre.«
»Onkel, Gustav sagt aber: je länger er an einer Arbeit säße, desto mehr Böcke mache er.«
»Nun denn, wenn er das sagt, so soll er sie fürs erste nur fertig machen und mit herüberbringen. Schreib ihm das.«
Elise stellt jetzt eine große Auswahl unter meinen Federn an und beklagt sich sehr über »unsere« schlechte Tinte; während Flämmchen, auf einer Stuhllehne sitzend, anfangs geduldig wartet, dann aber, als ihm die Sache zu lange dauert, sich bemüht, über dem Tisch flatternd, ebenfalls in das Tintenfaß zu schauen, um den Grund der Zögerung zu erfahren. Endlich jedoch ist Elise mit ihren Vorbereitungen fertig und schreibt:
»Lieber Gustav!
Dein Brief ist glücklich angekommen. Flämmchen hat ihn gebracht. Die alte Martha hat einen nassen Waschlappen im Fenster liegen; sie will Dich tüchtig waschen, wenn Du kommst. Den Onkel kann ich nicht festbinden, er rennt heute immer in der Stube auf und ab und sitzt keinen Augenblick still. Du sollst erst Dein Exerzitium fertig machen und es mitbringen, eher soll ich nicht kommen! Mach schnell!!! Meine Tasche bringe ich mit!
Elise.«
Auch diese Botschaft wird dem Flämmchen umgehängt; die Praxis hat es gelehrig gemacht; zwitschernd schüttelt es das Köpfchen, als wolle es sagen, nun ist's aber genug, jetzt komme ich nicht wieder, und -- verschwunden ist's. Elise sitzt wartend vor ihrem Nähtischchen unter der Efeulaube, ich vertiefe mich wieder in meine Bücher, aber keine halbe Stunde vergeht, da ertönt unterm Fenster ein heller Pfiff, und Elise springt auf und schaut hinaus.
»Da ist er schon!« ruft sie halb zurück mir zu.
»Komm herauf, Gustav!« ruft sie hinunter.
»Dieses weniger!« erschallt unten die Schülerredensart, und mich wundert wirklich, daß der Bengel diesmal nicht die noch dazu gehörende weise Benachrichtigung damit verbindet: Aber mein Bruder bläst die Flöte.
»Hast Du Dein Exer?« (^scilicet citium^) ruft Elise.
»Versteht sich; fix und fertig, komm herunter, Du kannst es _ihm_ hinaufbringen.«
Elise sieht mich fragend an, und ich nicke. Herunter ist sie wie der Blitz, und ich gehe ans offene Fenster, hüte mich aber wohl, etwas von meiner werten Persönlichkeit sehen zu lassen.
»Du bist aber schnell damit fertig geworden, Gustav!« sagt Elise, und ich stelle mir eben lebhaft vor, wie der Schlingel grinst, als er ihr sein Machwerk einhändigt.
»Mit Geduld und Spucke Fängt man jede Mucke!«
lautet die Antwort: »Hier, nimm Dich in acht, es ist noch naß; und höre, Lischen -- komm schnell wieder herunter, eh er hineingeguckt hat; er könnte mich noch zurückrufen!«
»Taugenichts! das mag was schönes sein!« moralisiert Elise, die ich nun die Treppe heraufkommen höre.
»Da ist's, Onkel!« ruft sie in die kaum handbreit geöffnete Tür, wirft das edle Manuskript auf den nächsten Stuhl, schlägt die Tür zu, und -- in drei Sätzen ist sie die Treppe hinunter.
»Lise, Lischen, Elise!« rufe ich, aber wer nicht hört, ist Fräulein Elise Johanne Ralff.
»Komm schnell, er ruft schon!« sagt unten der Schlingel, sie am Arm fassend, und fort sind sie um die Ecke!
Da liegt nun das blaue Heft, auf dem Umschlag: »Gustav Berg« und drunter die geniale Übersetzung ^Gustavus Mons^ mit Angabe von Wohnort, Datum und Jahreszahl. Ich schlage es auf, und es ist in der Tat zweifelhaft, ob der Kollaborator Besenmeier es mit roter Tinte, oder ob es Meister ^Gustavus Mons^ mit schwarzer geschrieben hat. -- Hier sind die neuesten Seiten. Reizend! ^Ita uno tempore quatuor locibus^ (Schlingel!) ^pugnabatur etc. etc.^ Als Schulmeister müßte ich ausrufen: »Was _soll_ aus dem Jungen werden?« Als Nichtschulmeister aber halte ich mich an das -- Löschblatt und rufe aus: »Was _kann_ aus dem Jungen werden!« -- Hier »an vier Orten« schlagen sie ebenfalls Römer, Karthager, Mazedonier, Sarden, und zwar besser als im Latein: Pferde, Menschen, ^Hannibal ante portas^, Triarier, Veliten, Prinzipes! Ausgezeichnet! Ich werde dem Schlingel eine tüchtige Rede halten sowohl über seine »^locibus^« als auch über die Unverschämtheit, ein Heft mit solch beschmiertem Löschblatt drin »abliefern« zu wollen. Das letztere aber werde ich konfiszieren, und Zeichenstunde soll der Junge auch haben; dieser Signifer hat doch etwas zu lange Arme.
Eine halbe Stunde sitze ich nun noch arbeitend, dann schlägt es auf der Sophienkirche Sechs. Ich weiß nicht, ist es das schlechte Beispiel, welches mir da eben gegeben wurde, oder der blaue Sommerhimmel und die Sonne draußen; auf meinem Papier rücke ich nicht weiter, wohl aber unruhig auf dem Stuhle hin und her. Elise hat übrigens auch recht: »unsere« Tinte ist wirklich abscheulich. Ich schlage meine Bücher zu, ziehe den Rock an und gehe den Tönen eines Fortepianos nach, welche von drüben herüberklingen. Wenn ich in Nr. Zwölf die Treppe hinaufgestiegen bin, so finde ich dort in dem einfach aber hübsch ausgestatteten Zimmer des ersten Stockes eine Dame vor dem Klavier sitzen, die mir freundlich zunickt, ohne sich in ihren Phantasien stören zu lassen. Ich setze mich neben die Rosen- und Resedatöpfe im Fenster, der Musik lauschend, und kann dabei zugleich einen musternden Blick über das Zimmer gleiten lassen. Hier gleich neben mir unter den Blumen steht Flämmchens Messingbauer, in welchem der kleine Vogel bereits auf der Stange sitzt, und das Köpfchen unter den Flügel gezogen hat. Müde von den Anstrengungen des Tages, ist er früh zu Bett gegangen. Im zweiten Fenster, mir gegenüber, steht ein ähnliches Nähtischchen wie das, vor welchem ich sitze; ein Stickrahmen mit angefangener Arbeit liegt darauf. Das ist Elisens Platz; auch sie hat wie Flämmchen hier eine zweite Behausung. Zwischen beiden Fenstern, gegen das Licht gezogen, macht sich ein einst rot bemalt gewesener Tisch breit; bedeckt mit Büchern, Schreibzeug, Heften, Federmessern usw. usw.; bekritzelt, zerschnitten, zerhackt, ist er der Schauplatz von Gustavs »stillen Freuden«.
Hier brütet das Genie über seinen »^locibus^«, den Kopf auf beide Fäuste gestützt und in den Haaren wühlend; hier füllen sich die Blätter mit Fratzen aller Art, statt mit lateinischen Phrasen; hier werden alle die Dummheiten ausgebrütet, welche die Gasse in Verwunderung und Verwirrung setzen sollen; hier werden mit dem demütigsten Gesicht, der reuevollsten Miene, die Ermahnungen und Vorwürfe, welche die Mutter von ihrem Thron herab auf das Haupt des Taugenichts der Sperlingsgasse schüttet, in Empfang genommen und richtig quittiert durch -- einen tollen Streich, eine Viertelstunde nachher; hier, kurz hier -- ist Gustav Bergs Schreibtisch!
Als die Tante Helene ihr Spiel beendet hat, erzähle ich ihr die Geschichte des Katzendiners, von dem sie natürlich noch nicht das mindeste weiß.
»Ich kann ihn nicht bändigen!« ruft sie halb lachend, halb in Verzweiflung aus. »Und die Elise verdirbt er mir auch ganz! Statt zu sticken und Vokabeln aufzuschlagen, schießen sie sich mit Papierkugeln; wenn er ihr einen Käfer in den Nacken gleiten läßt, bin ich sicher, daß sie ihm einen Zopf ansteckt oder einen Eselskopf auf den Rücken malt. Ich spreche und schelte mich heiser und müde, aber es hilft nichts! >Tante, er hat angefangen, ich saß ganz ruhig!< >Mutter, 's ist nicht wahr, sie hat zuerst geschossen!< So geht das den ganzen lieben Tag! Wo mögen sie nur jetzt wieder stecken?«
»Wenn man den Wolf an die Wand malt, so kommt er um die Ecke!« sagt das Sprichwort, und unsere Altvordern wußten, was sie taten, als sie es aufbrachten. Mit Helenens Frage öffnet sich die Tür, oder vielmehr, sie wird aufgerissen, und herein, hochrot, stürzen -- Windbeutel und Wildfang! Kaum erblickt mich aber Freund Gustav, so macht er Kehrt und sucht schleunigst die Tür wiederzugewinnen, glücklicherweise aber bin ich diesmal schneller.
»Halt, Meister! hiergeblieben!«
»Ja, hiergeblieben, Gustav!« ruft die Mutter.
Ich beginne nun das Verhör.
»Wie alt bist Du jetzt, Gustav? Antwort!«
»Vierzehn und ein halb!«
»Welchen Platz in der Klasse hast Du jetzt?«
»Ich bin der Vierundzwanzigste von oben!«
»Und von unten?«
»Der -- der -- der Fünfte!« -- (Pause.)
Ich lege nun ein Gesicht an wie Zeus Kronion, wenn's lange heiß gewesen ist, und er donnern will, und beginne eine Rede, die anfängt: Als ich in Deinem Alter war (wie ^Nota bene^ alle Väter und Erzieher beginnen, seit Adam seinen Erstgeborenen »rüffelte«); ich flechte die Milchgeschichte ein, gehe dann zu den »^locibus^« in der letzten Arbeit über, bringe einen kleinen Seitenhieb auf Elise an und ende, indem ich die rührend-pathetische Seite -- den Kummer der Mutter -- herauskehre.
Während der ganzen Dauer dieser »Pauke« hat mein Missetäter, bald auf dem einen, bald auf dem andern Fuß stehend, mit einem dummpfiffigreuigwehmütigen Gesicht angestrengt einen Punkt oben an der Decke, der ihm sehr merkwürdig erscheinen muß, ins Auge gefaßt. Kaum aber habe ich geendet, so verliert auch besagter Punkt alles Interesse für den Schlingel, »die Erde hat ihn wieder«, er schiebt sich hinter Elise, die fortwährend mit ihrer Schürze zu tun gehabt hat, und dann zu seiner Mutter, die ihm bemerkt:
»Siehst Du; ich hab's Dir oft gesagt, aber auf _mich_ hörst Du nicht. Wie heiß Ihr seid! Geh' aus dem Zugwind, Elise, Kind, Du erkältest Dich! Wo habt Ihr eigentlich gesteckt?«
»Wir sind nur auf dem Fontänenplatz gewesen!« sagt Elise, mit dem Rücken der Hand über den Mund fahrend.
»So! -- Und was habt Ihr da gemacht?«
»Wir haben die Goldfische gefüttert!«
»Die Goldfische?! -- Gustav, wieviel von Deinem Taschengeld hast Du noch?«
Bei dieser Wendung des Gesprächs steht Gustav auf einmal wieder auf einem Bein und scheint sehr zu bedauern, daß er sich nicht wie die Gänse mit dem andern hinterm Ohr kratzen kann. Langsam fährt er mit der Hand in die Tasche, besinnt sich aber und zieht sie schnell zurück.
»Nun?!«
»Hast Du's mir zum Ausgeben gegeben, Mama?« fragt der Schlingel, den seine Erziehung Weiberlogik kennen gelehrt hat.
»Freilich -- aber -- aber« -- -- --
»Nun, ausgegeben hab' ich's! Lise kann es bezeugen!«
»Ja, das _kann ich_!« ruft Lischen ganz eifrig. »Darüber braucht Ihr ihn nicht auszuschelten!«
Ich komme jetzt der bedrängten Tante zu Hilfe.
»Ausgeben kann er's freilich, aber das >Wie< ist jetzt die Frage. Was habt Ihr mit dem Gelde angefangen?«
Das Paar sieht sich stumm an. Plötzlich greift Lise in die Tasche, zieht einen Kirschkern hervor und schnellt ihn Gustav an die Nase. Die Frage ist gelöst.
»Ach so!« ruft die Tante Berg. »Nun, es ist gut, daß es fort ist, so kann er wenigstens nicht wieder Zigarren dafür kaufen, wie in der vorigen Woche.«
Auch ich bin ganz damit einverstanden, während Elise den Vetter mit dem Ellenbogen in die Seite stößt und ihm zuflüstert: »Warte nur, morgen kriege ich meins!«
* * * * *
Glückliche Kindheit! Alle späteren Lebensalter, die eine einsame Minute fröhlich verträumen wollen, lassen dich vor sich aufsteigen, und ich -- der alternde Greis fülle diese Bogen mit längst vergangenen, längst vergessenen Kindergedanken und Kindersorgen! Träumt nicht sogar die Menschheit von einem »goldenen Zeitalter«, einer längst untergegangenen glücklichen Kinder-Welt?
Am 28. Februar.
Es ist gar kein übler Monat dieser Februar, man muß ihn nur zu nehmen wissen! -- Da ist erstlich die ungeheuere Merkwürdigkeit der fehlenden Tage. Wie habe ich mir einst, vor langen Jahren, den Kopf über ihr Verbleiben zerbrochen. Jeder andere Monat paßte aufs Haar mit Einunddreißig auf den Knöchel der Hand, mit Dreißig in das Grübchen, und nur dieser eine Februar -- 's war zu merkwürdig! -- Das ist ein Stück aus der formellen Seite der Vorzüge dieses Monats, jetzt wollen wir aber auch die inhaltvolle in Betrachtung ziehen. Was ist an diesem Regen auszusetzen? Tut er nicht sein möglichstes, die Pflicht eines braven Regens zu erfüllen? Macht er nicht naß, was das Zeug halten will und mehr? Der alte Marquart in seinem Keller ist freilich übel daran, seine Barrikaden und Dämme, die er brummend errichtet, werden weggeschwemmt, seine Treppe verwandelt sich in einen Niagarafall. Alles, was Loch heißt, nimmt der Regen von Gottes Gnaden in Besitz. Immer ist er da; seine Ausdauer grenzt fast an Hartnäckigkeit! Man sollte meinen, nachts würde er sich doch wohl etwas Ruhe gönnen. Bewahre! Da pladdert und plätschert er erst recht. Da wäscht er Nachtschwärmer von außen, nachdem sie sich von innen gewaschen haben; da wäscht er Doktoren und Hebammen auf ihren Berufswegen; da wäscht er Kutscher und Pferde, Herren und Damen -- maskiert und unmaskiert, da wäscht er Katzen auf den Dächern und Ratten in den Rinnsteinen; da wäscht er Nachtwächter und Schildwachen selbst in ihrem Schilderhaus. Alles was er erreichen kann, wäscht er! Kurz: »Bei Tag und Nacht allgemeiner Scheuertag, und Hausmütterchen Natur so unliebenswürdig, wie nur eine Hausfrau um drei Uhr nachmittags an einem Sonnabend sein kann.« Das ist das Bulletin des Februars, den man einst ^mensis purgatorius^ nannte. -- Jetzt finde ich auch einen Vergleich für das Aussehen der großen Stadt. Lange genug hab' ich mich besonnen, keiner schien passend. Nun aber hab' ich's! Aufs Haar gleicht sie einem unglücklichen Hausvater, welchen die Fluten des sonnabendlichen Scheuerns auf einen Stuhl am kalten Ofen geschwemmt haben, wo er sitzt -- ein neuer Robinson Crusoe -- mit Kind, Hund, Katze und Dompfaffenbauer, die Beine auf einen hohen Schemel stehend und die Schlafrockenden herabhängend in die Wogen.
Brr! -- Das ist mal wieder ein Wetter, um in alten Mappen zu wühlen, und ich wühle auch darin schon seit geraumer Zeit! Da muß ein Brief sein, den ich trotz aller Mühe nicht finden kann, und der doch eigentlich schon früher der Chronik hätte eingelegt werden sollen. Briefe mit späterem Datum von derselben Hand finde ich genug; sie berichten von Kindtaufen, und einer auch von dem Hinscheiden eines ehrwürdigen Pudels, »Rezensent« genannt. Ich möchte aber gern ein älteres Schreiben haben, welches noch nicht von Kindtaufen erzählt! Gottlob, hier ist's! Die Chronik hätte es, wie gesagt, viel früher aufnehmen müssen, aber was tut's. Je älter _solche_ Briefe werden, je älter ihr Schreiber selbst geworden ist, desto frischer klingen sie!
Hier ist das Skriptum:
»Unter Verantwortlichkeit der Redaktion.«
_Liebe und Getreue!_
Eben hatte ich diesen Anfang >Liebe und Getreue< gemacht, als sich auf einmal ein kleines Patschhändchen auf meine Schulter legte, ein brauner Lockenkopf sich vorbeugte, und ein Stimmchen ganz fein sagte:
>Erlaube, liebes Kind (>liebes Kind,< das bin ich, der Dr. Wimmer) -- erlaube, liebes Kind, an was für ein Frauenzimmer willst Du da schreiben?< Ich sah verwundert auf und erblickte -- eine kleine runde Dame (sie sitzt neben mir und zieht mich für das >rund< tüchtig am Ohr), die ein allerliebstes Mäulchen machte:
>Liebes Kind ich möcht's halt gern wissen!<
>Sollst Du auch, Schatz,< sagte ich lachend. Gib acht, es ist eine seltsame Geschichte! -- Es war einmal ein Mann, der lief in der Welt herum, und die Leute nannten ihn Dr. Heinrich Wimmer; einige freilich titulierten ihn auch >Esel< oder so. Das waren aber nur die, welchen er dasselbe Epitheton gegeben hatte -- was er oft sogar schriftlich, Schwarz auf Weiß, tat. Gut, dieser Mensch hatte eigentlich nur wenig wahre Freunde (Bekannte genug), denn er war so eine Art von Vagabond, wenn auch nicht in der schlimmsten Bedeutung des Worts. Er war ein Literat. Zu den Freunden, die ihn ertrugen und nicht >Esel< nannten, gehörte erstens ein Schulmeister Namens Roder, zweitens ein ältlicher Herr, Wachholder genannt, und drittens -- ein junges Mädchen (beruhige Dich, Nannette, sie war höchstens elf Jahre alt, als wir schieden), Namens Elise Ralff. Wir wohnten in einer großen Stadt, wo es viel Staub gibt, und aus der sie mich, höchst wahrscheinlich aus Sorge um meine Gesundheit, wegjagten, weil jener Staub mich stets zum Husten brachte, ziemlich dicht zusammen, und betrugen uns gegeneinander, wie gute Freunde sich betragen müssen. Sogar der Pudel Rezensent, mein vierter Freund, fühlte oft eine menschliche Rührung darüber; wie es in der Tat ein vortreffliches Vieh ist, was Du auch dagegen sagen magst, Nannerl!
Und nun höre -- grimme Othelloin, das »Liebe und Getreue« gilt den _drei_ Freunden und >halt< nicht einem Frauenzimmer, Du Eifersucht!
Da wir nun aber einmal dabei sind, so laß Dir auch weiter erzählen, liebe Nannette. Mit diesen Freunden lag ich an dem Tage, an welchem ich den letzten Staub von den Füßen über jene Sand-Stadt schüttelte, in einem Holze, wo wir den ganzen Tag über Vogelnester gesucht, Blumen gepflückt und Märchen erzählt hatten, als auf einmal ein Gefühl bodenloser Einsamkeit und moralischen Katzenjammers u. s. w. u. s. w. über mich kam. Da stieg plötzlich, mitten im grünen Walde, wo die Vögel so lustig sangen, und die Sonne so hell und fröhlich durch die Zweige schien, ein Gedanke in mir auf, ein Gedanke an ein kleines hübsches Mädchen, mit welchem ich einst zusammen gespielt, und an das ich oft, oft gedacht hatte in späteren Jahren. -- Daran aber dacht' ich in dem Augenblick nicht, daß zwischen dem Kinderspiel und dem Waldtage so lange Zeit lag; -- ich dachte -- ich dachte: Heinrich warum gehst du nicht nach München, wo du geboren bist, wo dein Onkel Pümpel, wo dein -- kleines liebes Mühmchen Nannette wohnt?
Wie ein Lichtstrahl, viel heller und fröhlicher als die Sonne -- durchzuckte mich das, ich sprang auf, warf den Hut in die Luft und schrie: >Hurra, ich gehe nach München zu meinem Onkel Pümpel, zu meiner Cousine Nannerl!< -- Die Freunde sahen mich verwundert und lächelnd an, und der Lehrer Roder sagte: >Junge, das wäre prächtig, wenn Du -- solide würdest!<
(Gib mir einen Kuß, Schatz, und ich erzähle weiter.)
Sieh', da wand die kleine Lise Ralff dem Pudel einen hübschen Waldblumenkranz um den Pelz, sie drückten mir alle die Hand -- das kleine Mädchen weinte sogar -- und -- -- -- ich ging nach München.