Die Chronik der Sperlingsgasse

Part 5

Chapter 53,582 wordsPublic domain

»Dummes Zeug,« brummt der Doktor, der eine echte zeitungsschreibende Bummelnatur ist, und dem die Störung durchaus nicht mißfällt. »Dummes Zeug; ich schreibe >Fortsetzung folgt<, und wir führen die Dirne in Schreiers Hunde- und Affenkomödie; der Rezensent hat's auch nötig, daß seine ästhetische Bildung aufgefrischt werde, wie ein Pack verflucht sonderbar riechender Zeitungsnummern in der Ecke zur Genüge beweist. Machen Sie sich fertig, Verehrtester!«

Damit verschwindet der Doktor vom Fenster; ich höre drüben auf der Treppe ein Getrappel kleiner Füßchen, und Lise erscheint, begleitet vom Rezensenten, in der Haustür. Mit einem Satz ist sie über die Gasse, ebenso schnell bei mir und im Handumdrehen fertig, wenn's sein müßte, eine Reise um die Welt anzutreten.

Einige Minuten später stürzt Fritze, der Druckerjunge, aus der Tür von Nummer Elf mit einem Blatt Papier, welches noch sehr naß zu sein scheint, denn er trägt es gar vorsichtig und hält es mit beiden Händen weit von sich ab. Jetzt erscheint der Doktor ebenfalls in der Gasse, den österreichischen Landsturm pfeifend, die Zigarre im Munde und mit dem Hakenstock sehr burschikose Fechterübungen gegen einen eingebildeten Gegner machend. Er brüllt herauf:

»Wetter, edler Philosoph, lassen Sie die deutsche Presse nicht zu unvernünftig lange warten.«

Halb gezogen von Lischen, halb umgeworfen vom Rezensenten, der wie es scheint, seiner höheren Bildungsschule sehr ungeduldig entgegengeht, stolpere ich die Treppe hinunter, über Eimer und Besen, über Kinder und Körbe. Aus allen Türen blicken alte und junge, männliche und weibliche Köpfe, die alle der kleinen Lise Ralff freundlich zunicken. Und wirklich, sie ist auch -- wie einst ihre Mutter, nur jetzt noch auf andre Weise -- das bewegende Prinzip der ganzen Hausgenossenschaft. Auf der Gasse taucht der Klempner Marquart aus seiner Höhle auf und erhält von der Lise Gruß und Handschlag, nicht aber vom Rezensenten, der den Feuerarbeiter haßt, und, wie es so oft in der Welt geschieht, das Werkzeug für die Ursache nimmt. Hat nicht Marquart auf hohe polizeiliche Anordnung ihm, dem ehrbaren, soliden Rezensenten, dem Muster aller Pudel, den Maulkorb mit der Steuermarke um die beschnurrbartete Schnauze geschlossen? Wer verdenkt es dem braven Köter, wenn er wehmütigwütig vor dem Keller den husarenfederbuschartig zugeschnittenen Schwanz zwischen die Beine zieht und seitwärts schielend vorbeischleicht, »sich in die Büsche schlägt« wie Seume und mein Freund Wimmer sagen? Und nun durch die Gassen! Himmel, was sollen wir der Kleinen nicht alles versprochen haben! Da eine »reizende« Gliederpuppe mit Wachsgesicht, an jenem Laden wieder ein »wonniges« kleines Puppenservice von gemaltem Porzellan und so fort, daß der Doktor ganz wehmütig den Hut auf die Seite schiebt und sich hinter dem Ohr kratzt.

»Ja, gucke nur, Onkel Wimmer, hast Du nicht gesagt, Du wolltest mir solch ein hübsches Kaffeegeschirr kaufen, wenn ich nicht wieder aus Deinen alten, schmutzigen Schreibbüchern dem Rezensenten einen Federhut machen wolle?«

»Denken Sie, Wachholder« -- sagt der Doktor zu mir -- »da hatte die Herostratin vorgestern einen ganzen Bogen Manuskript, das ganze zwanzigste Kapitel der Flodoardine zu dem eben von ihr erwähnten Zwecke vermißbraucht! Denken Sie sich meine Verblüfftheit, als der Köter so geschmückt aus seinem Winkel mir entgegenstolziert, auf den Stuhl mir gegenüber springt und einen verachtenden Blick über den Schreibtisch und die noch übrigen Bogen wirft, als wolle er sagen: Pah, aus dem andern Schund machen wir eine ganz famose Jacke!«

»Kriege ich mein Geschirr?« ruft der kleine Verzug zwischen uns ungeduldig.

»Ja,« sagte der Doktor gravitätisch; »mit der zweiten Auflage der Flodoardine!«

»Ach,« mault die Kleine, wehmütig über diese dunkle, ihr unverständliche Vertröstung, »ich sehe schon, Du hast wieder mal kein Geld!«

Lachend marschierte ich weiter, während der Doktor ebenfalls etwas Unverständliches in den Bart brummte.

Und jetzt sind wir am Eingange der buntgeschmückten Bude angekommen und einen Augenblick darauf auch drinnen. Affen und Äffinnen, Hunde und Hündinnen machten ihre Kunststücke, und die Bretter bedeuteten auch hier eine Welt, und Affe und Äffin, Hund und Hündin betrugen sich wie Menschen. Die kleine Elise jauchzte, und Rezensent starrte verwundert seinen Stammesgenossen auf der Bühne zu. Er schien ganz perplex, und von Zeit zu Zeit stieß er einen heulenden Laut aus, den der Doktor verdolmetschte:

»Berichterstatter war außer sich vor Entzücken.«

Bellte der gelehrte Pudel kurz und schroff, so meinte der Doktor, das bedeute:

»Berichterstatter war außer sich über die Insolenz eines so unreifen Künstlers, vor einem so kritisch gebildeten Publikum, wie das unserer Residenz, zu erscheinen.«

Wedelte das rezensierende Vieh mit seinem Husarenbusch, so hieß das:

»Diese junge Künstlerin verdient alle Ermunterung. Bei fortgesetztem, fleißigem Studium verspricht sie etwas Großes zu leisten.«

Gähnte der Köter, so sagte der Doktor:

»Berichterstatter rät dem Verfasser dieses geistvollen Stücks, sein elendes Machwerk nicht für dramatische Poesie auszugeben. Mit einer Tragödie hat es nichts gemein als fünf Akte!«

Als am Schluß der Vorstellung das große und kleine Publikum sich erhob und Beifall klatschte, der Pudel aber, wie von einer großen Verpflichtung befreit, unter die Bank sprang, erklärte der Doktor, das bedeute:

»Gottlob, daß die Geschichte vorbei ist. Jetzt kann man sich doch mit Gemütsruhe eine Zigarre anzünden und zu Butter und Wagener am Gänsemarkt gehen.«

Und das tat der Doktor auch. Vorher aber hob er die kleine Elise noch zu sich empor und gab ihr -- wie sehr sie sich auch sträubte -- einen tüchtigen Schmatz.

»Also bei der zweiten Auflage der Flodoardine schaffen wir uns ein neues Teeservice an,« sagte er lachend.

Rezensent schien erst im Zweifel mit sich zu sein, welcher von beiden Parteien er folgen solle. Zuletzt gewann aber der Gedanke an Wurstschelle und so weiter die Oberhand. Er trabte dem Doktor nach.

Wir aber gehen nicht zu Butter und Wagener am Gänsemarkt. Wir kaufen noch Obst von der alten Hökerfrau an der Ecke, und kehren glücklich -- das kleine Herz voll vom Affen Kätz mit der Laterne und dem Spitz Hudiwudri, der lustigen Madame Pompadour und all den andern Wundern, zurück in unsere Sperlingsgasse und schlafen, müde vom Gehen, Lachen und Jubeln, schon beim Auskleiden ein.

Dann steigt der volle reine Mond über den Dächern auf. Der Abendwind weht frischere Lüfte über die große Stadt. Der Lärm des Tages ist vorbei; manche bedrückte Brust atmet leichter in der dämmerigen Kühle. Mancher sehnige Mannesarm, welcher den Tag über den Hammer, das Beil, die Feile regierte, legt sich sanft um ein befreundetes Wesen, das ihm neuen Mut im harten Kampf gegen die Materie gibt; manche harte Hände heben kleine, schlaftrunkene Kindchen aus den ärmlichen Bettchen, um an den kleinen Lippen Hoffnung und Mut zum neuen Schaffen zu saugen! Und auch ich beuge mich dann über meine schlafende Pflegetochter, den leisen, ruhigen Atemzügen der kleinen Brust lauschend, während die alte Martha am Fußende des Bettes strickt.

Das Lockenköpfchen des Kindes liegt auf dem rechten Ärmchen, das Gesichtchen ist in dem Kopfkissen vergraben; ich kann die lieblichen, reinen Züge nicht sehen.

* * * * *

Da sieh! Plötzlich wendet sich das Kind um und dreht mir voll das Gesicht zu -- es murmelt etwas. »Mama!« flüstert es leise, und ein heiliges, glückseliges Lächeln gleitet über das Gesichtchen.

Wer raunt der Waise das süße Wort zu? -- Die alte Martha hat die Hände gefaltet und betet leise. -- »Mama, liebe, liebe Mama!« flüstert das Kind wieder, das Ärmchen ausstreckend.

Ist es ein Traum, oder kommt die erdentote Mutter zurück, über ihrem Kinde zu schweben?

Dann fällt wohl ein Mondstrahl glänzend durch das Efeugitter auf das Bild Mariens, der Kanarienvogel zwitschert auch wie im Traume auf, eine Wolke legt sich vor den Mond, der Strahl verschwindet, -- das Kind versenkt, sich umdrehend, das Köpfchen wieder in die Kissen.

»Gute Nacht, Elise! ^Felicissima notte^, sagen sie in dem schönen Italien, wo Du heute weilst, eine glückliche, liebende Frau: ^Felicissima notte^, Elise!«

Am 10. Januar.

Seit ich jene Mappe, überschrieben: Ein Kinderleben, -- hervorgenommen habe, ist in meinem bisherigen Fenster- und Gassenstudium eine Pause eingetreten. Es soll draußen sehr kalter Winter sein; Strobel behauptet es, auch Rosalie ist nicht dagegen. Ich kann nicht sagen, daß ich viel davon wüßte. In diesen vergilbten Blättern hier vor mir ist es sonniger Frühling und blühender Sommer. Es macht mir Freude, mich darin zu verlieren, und ich erzähle deshalb weiter.

Da ist so ein altes Blatt:

Wir sind sehr ungnädig. Ein alter, dicker, lächelnder Herr ist dagewesen, hat uns den Puls gefühlt, noch mehr gelächelt, einigemal mit seinem spiegelblanken Stockknopf seine Nasenspitze berührt, hat Tinte und Papier gefordert und kurze Zeit auf einem länglichen Papierstreifchen gekritzelt. Martha hat diesen Zettel darauf fortgetragen, der Alte hat uns auf das Köpfchen geklopft und gesagt: »Schwitzen, schwitzen!«

»Brr!« -- --

Mühe genug hat's dem Onkel Wachholder gekostet, einen solchen kleinen strampelnden Wildfang zur Räson und ins Bett zu bringen. 'S ist auch zuviel verlangt, die Arme so ruhig unter die Decken zu halten und nur den Kopf frei zu haben. -- Himmel, was bringt Martha da für einen kleinen braunen Kerl an! Er gleicht fast: dem Sem, dem Ham oder dem Japhet aus dem Noahkasten, trägt ein rotes Mützchen über das Gesicht gezogen und mit einem Faden umbunden, und schleppt hinter sich her einen langen papiernen Zopf. Was ist's für ein Glück, daß wir noch nicht imstande sind, die Inschrift darauf zu lesen:

Fräulein Elise Ralff. Alle 2 St. einen Eßlöffel voll.

Wir sehen den Burschen aber doch mißtrauisch genug aus unserm Bettchen an, und der Doktor Wimmer, der zur Hilfe herübergekommen ist (natürlich begleitet vom Rezensenten), meint gegen mich gewandt:

»Geben Sie acht, Wachholder, ohne Spektakel wird's nicht abgehen. Das Volk hat sich erkältet oder erhitzt; einerlei! Schwitzen, schwitzen! Schweiß und Blut! ^Probatum est.^«

Martha kommt nun mit einem Löffel, einem Glas Wasser und einem Stück Zucker, während die Kleine in ihrem Bette immer unruhiger wird, und Rezensent immer gespannter auf die Entwicklung der Dinge zu warten scheint.

»Ich mag nicht einnehmen!« wehklagt jetzt Lise, als ich dem Meister Sem die rote Mütze abziehe -- »es schmeckt so scheußlich!«

»Aha,« lacht der Doktor Wimmer -- »die oktroyierte Verfassung!«

Während ich mich mit dem Löffel voll Medizin der Kleinen, die sich immer weiter zurückzieht, nähere, suche ich vergeblich alle möglichen Gründe für das schnelle Herunterschlucken hervor.

»Gib's dem Rezensenten, er war auch gestern mit im Regen!« ruft Lischen endlich weinerlich.

»Ja, das ist auch wahr; kommen Sie, Onkel Wachholder! Der Redaktionspudel soll's wenigstens kosten, damit die Lise sieht, daß es den Hals nicht gilt.«

Und der Doktor nimmt, den Rücken der Kleinen zukehrend, den Köter zwischen die Kniee, tut als ob er ihm einen Löffel voll Mixtur eingösse und liebkost den Pudel dabei, daß dieser freudig aufspringt und lustig bellt.

»Siehst Du, Jungfer, wie prächtig es ihm geschmeckt hat! Allons, kleine Donna! Frisch herunter! -- -- -- Eins! zwei! drei! und« ...

Herunter war's. Schnell das Glas Wasser und das Stück Zucker dahinterher!

»Du häßlicher Hund!« sagt die Kleine ärgerlich, den Mund in dem Deckbett abwischend, während die alte Martha sie fester wieder zudeckt.

Der Doktor geht nun zurück zu seinen Korrekturbogen, aber der Hund begleitet ihn diesesmal nicht, sondern springt auf den Stuhl neben dem Bettchen seiner grollenden Gespielin und schaut gar ehrbar auf sie herab.

»Ja, gucke mich nur so an und lecke Deinen Schnurrbart,« sagt Lischen. »Es schmeckte ja doch bitter?! Warte nur, wenn ich erst wieder aus dem Bette darf.«

Da Rezensent nicht antwortet, so nehme ich für ihn das Wort:

»Vielleicht freute sich das arme Tier nur, daß es nun auch bald wieder gesund werden könne, es war doch ebenso naß geworden wie Du und hat gewiß auch die ganze Nacht hindurch gehustet.«

»Nein,« sagte die Kleine, »er tat's nur, weil ich ihm meine Schürze über den Kopf gebunden hatte. Sieh nur, wie er sich freut, wie er seinen Schnurrbart leckt!«

Dagegen läßt sich nichts einwenden, das Redaktionsvieh leckt wirklich mit ungeheuerm Behagen die Schnauze, und ich ziehe es vor, die moralische Seite herauszukehren.

»Das war aber auch sehr unrecht von Dir, Elise! Was hatte Dir denn das arme Tier getan? Eigentlich dürfte ich Dir nun die schöne Geschichte, die ich weiß, gar nicht erzählen.«

»Wir wollen uns wieder vertragen,« sagt Elise wehmütig und nickt dem Pudel zu. »Nicht wahr, Du?«

Glücklicherweise legt Rezensent gravitätisch seine schwarze Pfote auf die Bettdecke, und so nehme ich den Frieden für geschlossen an.

»Gut denn, wenn Du hübsch artig und still liegen bleiben und weder Händchen noch Füßchen hervorstrecken willst, so werde ich Dir eine wunderbare Geschichte erzählen, die noch dazu ganz und gar wahr ist.

Höre:

Es war einmal ein -- Küchenschrank: ein sehr vortrefflicher, alter, ehrenfester Küchenschrank, und er stand und steht -- draußen in unserer Küche, wo wir ihn uns morgen ansehen wollen! -- Er war fest verschlossen, welches von zwei sehr wichtigen und angesehenen Personen, die davor standen, für das einzige Übel an ihm erklärt wurde. Martha hatte aber die Schlüssel in ihrer Tasche, und beide Personen, die ich Dir sogleich näher beschreiben will, erklärten das einstimmig -- sie waren sonst selten _einer_ Meinung -- für sehr unangenehm, sehr unrecht und sehr Mißtrauen und Verachtung erregend.

Ich habe schon gesagt, daß beide davor sitzende Personen von großem Ansehen und Gewicht waren, sowohl in der Küche wie auf dem Hofe und dem Boden. Beide machten sich oft nützlich, oft aber auch sehr unnütz. Jede hatte ein Amt zu verwalten und verwaltete es auch -- das war ihre Pflicht; jede mischte sich aber auch nur zu gern in Dinge, die sie durchaus nichts angingen, und das -- war sehr unartig. Vor dem Küchenschrank zum Beispiel hatten sie in diesem Augenblick durchaus nichts zu tun, und doch waren sie da, guckten ihn an, guckten darunter, guckten an ihm herauf. Es roch aber auch gar zu lieblich daraus hervor!

Die eine dieser Personen war mit einem schönen weißen Pelz bekleidet, einen kleinen Schnurrbart trug sie um das Stumpfnäschen und schritt ganz leise, leise auf vier Pfoten mit scharfen Krallen einher. Einen schönen, langen, spitzen Schwanz hatte sie auch, und sie schwang ihn in diesem Augenblick heftig hin und her, denn sie ärgerte sich eben sehr und zwar über drei Dinge:

erstens: über den verschlossenen Schrank, zweitens: über die andre Person, drittens: über sich selbst.

Es war, es war ... nun, Lischen, wer war es?«

»Die Katze, die Katze!«

»Richtig, die Katze, Miez, der Madame Pimpernell Katze. (Holla, Rezensent! Du brauchst nicht aufzustehen!) Die andre Person war etwas größer als Miez, hatte einen braunen Pelz an, marschierte auch auf vier Beinen einher, wie Miez, aber lange nicht so leise, und sie ärgerte sich auch über drei Dinge: das Schloß am Schranke, die Katze und sich selbst. Ihren Schwanz hätte sie ebenfalls gern hin und her geschleudert, aber sie konnte es leider nicht, denn sie besaß nur einen ganz kleinen Stummel, nicht der Rede wert. Das machte sie fast noch ergrimmter als Miez, denn die konnte doch wenigstens ihrem Zorn Luft machen.

Nun, wer mochte diese zweite Person wohl sein Lise?«

»Der Hund, Marquarts Bello!« schrie Elise ganz entzückt.

»Geraten, es war Bello, der Edle; ein weitläufiger Verwandter vom Rezensenten und sonst auch ein ganz netter Kerl, aber -- wie gesagt -- vor dem Schrank hatte er nichts zu suchen!

>Nun?< sagte Miez, den Bello anguckend.

>Nun?< sagte Bello, die Miez anguckend.

>Miau!< klagte Miez, den Schrank anguckend.

>Wau!< heulte Bello, den Schrank anguckend.

So weit waren sie; sie wollten aber dabei nicht bleiben.

>Packen Sie sich auf den Hof,< sagte die Katze, >was haben Sie hier zu gaffen?<

>_Sie_ hätte ich Lust zu packen,< schrie der Hund, >scheren Sie sich gefälligst auf Ihren Boden und fangen Sie Mäuse. Aufkriegen _Sie_ ihn doch nicht!<

>Pah!< sagte die Katze und schleuderte ihren schönen Schweif dem Hunde zu, welches so viel heißen sollte, als: >Armer Kurzstummel, wenn ich nur wollte!< Das war aber dem armen Bello zu viel, denn jede Anspielung auf seinen Stummel machte ihn wütend, wie auch der Swinegel, der, wie Du weißt, mit dem Hasen auf der Buxtehuder Heide um die Wette lief, nichts auf seine krummen Beine kommen ließ.

Auf sprang also Bello, heulte furchtbar und wollte eben der Miez an ihr schönes glattes Fell, als auf einmal ...

Piep, Piep, Piep! es im Schranke ertönte.

>Mause, Mi--ause, Mi--ause am Braten drinnen -- und ich dri--außen, dri--außen, dri--i--i--außen!< jammerte die Katze.

>Wau, wau; das kommt von Ihrem albernen Betragen und Ihrer Nachlässigkeit!< heulte der Hund, und dann -- kam Martha vom Markte zurück, und Hund und Katze gingen hin, wo sie her gekommen waren.

Jetzt aber, mein Kind, schlaf ein und schwitze recht tüchtig, damit wir morgen die Stelle besehen können, wo diese merkwürdige Geschichte vorgefallen ist.« Und so geschah's; Lischen schlief ein, ich aber freute mich, wieder einmal ein Märchen beendet zu haben, wie ein wahres Märchen enden muß; nämlich ohne allzu klugen Schluß und Moral. Daß der Doktor nicht bei meiner Erzählung zugegen war, konnte mir ebenfalls nur lieb sein. Jedenfalls hätte er wieder schnöde politische Vergleiche und Anspielungen losgelassen, was mir sehr unangenehm gewesen wäre.

»Herr Wachholder,« sagte Martha auf einmal ganz treuherzig -- »das Loch im Schranke hat der Tischler Rudolf schon wieder zugemacht. Die Mäuse können nun nicht mehr hinein.«

»Bis sie sich wieder durchgefressen haben, Martha!« Ich dachte an den Doktor und seine Anspielungen.

Am 11. Januar.

Wie der Efeu aus dem Ulfeldener Walde höher und höher hinaufsteigt an der Wand des Fensters, geküßt von der warmen Sonne, getränkt von kleinen sorgenden Händen, welche alle verwelkten gelben Blätter abpflückten, daß die Pflanze immer frisch und jung dastehe!

Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre, und das junge Menschenkind wächst und entfaltet sich schöner und blühender als die köstlichste, wundersamste Pflanze. Die alte Martha wird immer älter und gebückter, und graues Haar mischt sich mehr und mehr unter mein braunes. Zum erstenmal ist der Tod an mein Kind herangetreten. Es hat über der ersten Leiche geweint. Der hübsche goldgelbe Kanarienvogel, der so zahm und lieb war, lag eines Morgens kalt und erstarrt auf dem Boden seines kleinen Hauses.

So fand ihn Elise und schrie auf, nahm ihn in ihre Hände, hauchte ihn an und suchte ihn zu erwärmen, -- ach, armes Kind: die Toten kommen nicht wieder!

Leg ihn nieder, deinen kleinen Freund; auch dir jungem Wesen ist es jetzt schon nicht mehr vergönnt, zu klagen und zu trauern, wie du wohl möchtest; auch dich hat das Leben jetzt schon erfaßt und in seine Wirbel gezogen; -- gehe hin mit deinem gedrückten kleinen Herzen, daß du die Schule nicht versäumst! -- Elf Jahre alt ist mein Kind jetzt in den Blättern der Chronik. Das runde Gesichtchen zieht sich schon mehr und mehr zu jenem Oval, welches das Bild dort an der Wand so lieblich macht; aus Lischens Kinderstimme klingt mir nun oftmals -- wenn sie sich wundert, sich freut oder klagt -- ein Ton entgegen, der mich fast erschreckt auffahren läßt. Es ist derselbe Ausruf, den _sie_ an sich hatte! Wer hat ihn dich gelehrt, kleines Herz? Diesen Ton, den ich für ewig verklungen hielt, und welcher jetzt nach so langen Jahren wieder frisch und lebendig wird?

Weine nicht mehr, Lischen, sieh, ich will dich an ernstere Gräber führen, draußen vor der Stadt. Da wollen wir uns hinsetzen unter die blühenden Rosenbüsche und denken, daß die Welt so groß, so unendlich groß sei, und doch nichts darin verloren gehe! Da wollen wir auch dem toten Vogel sein kleines Grab graben und uns vorstellen, daß im nächsten Frühlinge aus seinem Leibe eine hübsche goldgelbe Blume aufsprießen werde: zur Freude des bunten winzigen Schmetterlings und des großen, ewigen Gottes.

Stecke dein Butterbrot in deine Korbtasche, Lischen (wenn du es heute vielleicht auch verschenken wirst) -- gib mir einen Kuß und grüße den Herrn Lehrer Roder. Du kannst ihn auch fragen, ob er nicht morgen am Sonntag mit uns hinausgehen wolle in den Wald und vielleicht noch weiter.

Lischen nickte und ging -- noch immer schluchzend; ich aber machte mich auf den Weg zur Expedition der >Welken Blätter<, ohne eine Ahnung von dem neuen tragischen Ereignis, welches den Tag noch wichtig machen sollte.

Mohrenstraße Nr. 66 war damals schon und ist auch heut noch das Bureau dieses bekannten Blattes. Ich hatte bald meine Geschäfte abgemacht mit dem Hauptredakteur, dem Doktor Brummer, einem kleinen, quecksilbrigen Individuum mit goldener Brille und roter Perücke -- jetzt lange tot -- und schwatzte noch mit den anwesenden Journalisten und den Künstlern beiderlei Geschlechts, die gelobt sein wollten, als plötzlich die Türe aufgerissen wurde, und der Doktor Wimmer erschien, begleitet von dem uns nur zu wohl bekannten dicken, hochrotgesichtigen Polizeikommissar Stulpnase. Da sie miteinander eintraten, war es nicht ausgemacht, wer von beiden den andern eigentlich mitschleppe.

»Meine Herren,« schrie einen gestempelten Bogen schwingend der Doktor, »ausgewiesen!«

»Ausgewiesen!?« ertönte es im Chor verwundert und fragend.

»Auskewiesen? Was das sein, Signore dottore?« fragte Signora Lucia Pollastra, die jüngst angekommene Baßsängerin.

»Ausgewiesen -- ausgewiesen -- das heißt -- ^cela veut dire^: -- ^eliminito^!« sagte der Hauptredakteur, der alle Sprachen zu kennen glaubte.

»^Dio mio^!« rief die Sängerin, die so klug als zuvor war.

»Sehen Sie, Wimmer, ich hab's mir gleich gedacht!« schrie eine feine sächsische Stimme, die dem zweiten Redakteur Flußmann aus »Dresen« zugehörte -- »wie konnten Sie aber auch _das_ schreiben?«

Der Journalist nahm die letzte Nummer der >Welken Blätter< und las:

... Und wenn alle Esel dieser Maßregel Beifall brüllen sollten: ich kann sie nur »_bewimmern_!«

-- »Und er hatte seinen Lohn dahin und wurde selbst gemaßregelt!« sagte der Doktor, welcher sehr gemütlich, den Hut auf einem Ohr, die Zigarre im Munde, auf einem hohen Dreibein saß.

»Ich hätte das Deinetwegen schon nicht aufnehmen sollen, Wimmer!« sagte Brummer.

»Dann hättest Du ja selbst unter die Beifallsbrüller gehört, Alter!«

Jetzt mischte sich aber die hohe Polizei ein, welche bis dahin stillgeschwiegen und nur mit Würde geschnauft hatte.

»Also in vierundzwanzig Stunden, Herr Doktor« ...

»Habe ich das Nest hinter mir, Edelster! Seien Sie unbesorgt!« lachte der Doktor. »Aber halt, Verehrtester, würden Sie mir vielleicht wohl erlauben, Ihnen jetzt noch eine kleine Rede zu halten? -- Fritze, Lümmel! Gib dem Herrn Kommissar einen Stuhl!«

Fritze, der unendlich selig grinste, kam dem Gebote nach; die Polizei ließ sich schnaufend nieder, und ihr Opfer -- begann: