Die Chronik der Sperlingsgasse

Part 12

Chapter 123,575 wordsPublic domain

3 Uhr. Ich habe mir eine Zigarre angezündet, den Bogen neben mich ins Fenster gelegt und beginne meine Beobachtungen. Zuerst bringe ich zu Papier natürlich das Wetter: das holdseligste Himmelblau, den prächtigsten Sonnenschein. Hätte ich nur einen Funken poetischen Feuers in mir, so würde ich mir beide durch ein junges, schönes Paar personifizieren, welches da hoch oben im Himmelszelt auf seinem weißen, weichen Wolkendivan tändelt und kost und total vergessen hat, daß noch so viel hunderttausend deutsche Hausfrauen auf -- Märzschnee warten zum Seifekochen! Wahrhaftig, da ist ja eine Fliege! Welch ein Fund für einen Chronikschreiber! Summend stößt sie gegen die sonnenbeschienenen Scheiben, die wir schnell schließen wollen, um das arme Tierchen zu seinem Besten vor dem heuchlerischen Frühling da draußen zu bewahren. Sie scheint auch jetzt ihre Torheit einzusehen, sie läßt ab und umfliegt mich. Halt, jetzt setzt sie sich auf meine Knie, nach mehreren vergeblichen Angriffen auf meine Nasenspitze; sie nimmt den Kopf zwischen beide Vorderbeine, kratzt sich hinter den Ohren und -- -- -- kleiner ...! -- Dahin geht sie, eine Spur hinterlassend auf meinem Knie und -- in der Chronik der Sperlingsgasse. Ich wollte, es gäbe ein Sprichwort: »Schämt Euch vor den Fliegen an der Wand.« Um wie viel menschliche Tollheiten und Torheiten schnurren diese winzigen Flügelwesen. Wer weiß, was der Punkt, den der kleine Tourist da eben niedergelegt hat, eigentlich bedeutet? Wer weiß, ob es nicht ein deponiertes Tagebuch ist, voll der geistreichsten Bemerkungen; ein Tagebuch, das man nur aufzurollen und zu entziffern brauchte, wie einen ägyptischen Papyrus um wunderbare, unerhörte Dinge zu erfahren. Welch eine Revolution würde es hervorbringen, wenn dem so wäre; wenn man sich vor den Fliegen an der Wand schämen müßte! Wie würden die Fliegenklatschen in Gang kommen. Arme Fliegen! Kein »redlicher Greis in gestreifter kalmankener Jacke« würde euch mehr verschonen »zur Wintergesellschaft«. Wie den Vogel Dudu würde man euch ausrotten, und höchstens -- einige in Uniform gesteckt, mit einer Kokarde auf jedem Flügel, als Regierungsbeamte besolden. Es wäre schrecklich, und ich breche ab. --

3¼ Uhr. -- Welche Reisegedanken dieser blaue Himmel schon wieder in mir erweckt! An solchen Vorfrühlingstagen, wo der Geist die Last des Winters noch nicht ganz abgeschüttelt hat, ist's, wo die Sehnsucht nach der Ferne uns am mächtigsten ergreift. Es ist ein sonderbares Ding um diese Sehnsucht, die wir nie verlieren, so alt wir sein mögen. Da zupft etwas an unserem tiefsten Innern: Komm heraus, komm heraus, was sitzest du so still, du Tor, und hältst Maulaffen feil? Hier findest du nicht, worüber du grübelst, wonach du dich sehnst, ohne es zu kennen. Sieh, wie blau, wie duftig die Ferne! Viel, viel weiter liegt's! Komm heraus, heraus!

Bah, diese blaue, duftige Ferne; wie oft hab' ich mich von ihr verlocken lassen. Die Erde läßt uns ja nicht los; wir sind ihre Kinder, und sie ist nichts ohne uns, wir nichts ohne sie. -- Folge jetzt der lockenden Stimme, deine Füße werden schon in dem weichen Boden versinken; närrische Sprünge wirst du mit den Erdklößen an den Stiefeln machen! Fühle, daß zur Zeit, wo die Sehnsucht am stärksten ist, auch die Fesseln am stärksten sind; kehre um, ziehe Pantoffeln an und nimm die gestrige Zeitung vor die Nase: das Glück liegt nicht in der Ferne, nicht über dem wechselnden Mond! --

3½ Uhr. -- Da höre ich eben unten in der Gasse eine merkwürdige Redensart aus dem Munde eines Tagelöhners, der einen andern, sehr übelgelaunt Aussehenden, mit den Worten auf die Schulter klopft: »Man muß nie verzweifeln; kommt's nicht gut, _so kommt's doch schlecht heraus_!« In demselben Augenblick öffnet sich nebenan ein Fenster. Eine beschmierte rote Sammetmütze auf einem Wald schwarzer Haare beugt sich hervor; es ist mein würdiger Freund ^Monsieur Anastase Tourbillon^, seines Zeichens ein französischer Sprachlehrer. Er scheint die Redensart drunten auch gehört und -- verstanden zu haben und gähnt: »^Ah, ouf, quelle bête allemande! Eh vogue la galère, jusqu'à la mort tout est vie!^«

Da habt ihr die beiden Nationen und ...... Wetter! -- da gebe ich nicht acht und -- meine Fliege von vorhin entschlüpft summend aus dem wiedergeöffneten Fenster! Nie mehr wird sie wieder meinen Freund Wachholder umschwirren, nie mehr auf dem Rande der Zuckerdose umherspazieren oder gegen die Scheiben stoßen! Sie hat, was sie wollte -- unbegrenzte Freiheit, aber ach -- heute Abend -- keinen warmen Ofen mehr, sich daran zu wärmen; in den Rinnsteinen der Sperlingsgasse fließt weder Milch noch Honig! -- Verflucht sei die Freiheit! Amen! --

3¾ Uhr. Die meisten Dichterwerke der neuesten Zeit gleichen dem Bild jenes italischen Meisters, der seine Geliebte malte als Herodias, und sich in dem Kopfe des Täufers auf der Schüssel porträtierte. Da pinseln uns die Herren ein Weibsbild, Tendenz genannt, hin, welches anzubeten sie heucheln, und welches auf dem Präsentierteller, hochachtungsvoll und ergebenst, uns das verzerrte Haupt des werten Schriftstellers selbst überreicht. Die Nützlichkeit solchen Treibens läßt sich nicht abstreiten, also -- nur immer zu! -- Wie komm' ich _darauf_. --

4 Uhr. -- Es ist merkwürdig; seit ich dieses Blatt bemale, ist dieselbe Traumseligkeit über mich gekommen, welche dieser Chronik ein so zerfetztes, zerlumptes Ansehen gegeben hat. Wachholder hat recht, es ist ein eigentümlich behagliches Gefühl, seinen Gedankenspielen sich so ganz und gar hinzugeben, ohne sich Geist-herausquälend im Kreise zu drehen, wie ein hartleibiger Pudel.

Wo war ich eben, als das Kindergeschrei drunten auf der Straße mich aufweckte? Ich will es versuchen, es der Chronik einzuverleiben, worin zugleich für meinen ehrenwerten Freund Wachholder die größte Genugtuung für meine vorigen Reden liegen wird.

Es war an einem Sonntagmorgen im Juli, als ich auf braunschweigschem Grund und Boden am Uferrand der Weser lag und hinüberblickte nach dem jenseitigen Westfalen. Früh vor Sonnenaufgang war ich, über Berg und Tal streifend, mit dem ersten Strahl im Osten, in ein gleichgültiges Dorf hinabgestiegen. Ich hatte Kaffee getrunken unter der Linde vor dem Dorfkrug, hatte behaglich das Treiben des Sonntagsmorgens im Dorf belauscht und andächtig der kleinen Glocke zugehört, die in dem spitzen, schiefergedeckten Kirchturm läutete. Manchem hübschen, drallen, niedersächsischen Mädchen, das sich über den sonderbaren, plötzlich ins Dorf geschneiten Fremdling wunderte, hatte ich lächelnd zugenickt; ich hatte Bekanntschaft mit der gesamten Kinder-, Hühner-, Gänse- und Entenwelt des »Krugs« gemacht, dem weißen Spitz den Pelz gestreichelt und manche Frage über »Woher und Wohin« beantwortet. Mit meinem Wirt (der zugleich Ortsvorsteher war) hatte ich das Bienenhaus besucht; darauf die Gemeinde, den Kantor und Pastor in die Kirche gehen sehen, und hatte mich zuletzt allein im Hofe unter der Linde gefunden, nur umgeben von der quakenden, piepsenden, geflügelten Schar des Federviehs. Aus diesem ^dolce far niente^ hatte mich plötzlich das Schreien eines Kindes aufgeschreckt. Es drang aus dem Haus hinter mir und bewog mich, aufzustehen und in das niedere, vom Weinstock umsponnene Fenster zu sehen. Eine alte Frau war eben beschäftigt, einen widerspenstigen, heulenden, strampelnden Bengel von vier Jahren mit Wasser, Seife und einem wollenen Lappen tüchtig zu waschen, welcher Prozedur drei bis vier andere kleine »Blaen« angstvoll zusahen, wartend, bis die Reihe an sie kommen würde.

»Nun, Mutter,« sagte ich, mich auf die Fensterbank lehnend; »und Ihr seid nicht in der Kirche?«

Die Alte sah auf und sagte lachend: »Et geit nich immer; ek mott düsse lüttgen Panzen waschen und antrecken -- Herre -- Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch!«

Ich nahm den Hut ab und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Welch eine wunderbar schöne Predigt lag in den fünf Worten des alten Weibes! Eine Schwalbe beschrieb eben ihren Bogen um mich, ihrem Neste unter dem niedrigen Dachrande zu, und klammerte sich, ihre Beute im Schnabel, an die Tür ihrer kleinen Wohnung, begrüßt von dem jubelnden Gezwitscher der federlosen Brut. Ich konnte der alten Frau kein Wort mehr sagen.

»Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch!« murmelte ich leise, zu meinem Tisch unter der Linde zurückgehend. Ich riß ein Blatt aus meiner Brieftasche, schrieb darauf: Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch, und zog es mit einem Strauß Waldblumen unter das Hutband.

Träumend schritt ich dann durch die Tür des Dorfkirchhofs, vorüber an den bunten, geputzten Gräbern, zu dem offenen Kirchtor (auf dem Lande braucht der Protestantismus seine Kirchen während des Gottesdienstes noch nicht zu schließen) und lehnte andächtig an der Esche davor. Mit großer Freude hörte ich, wie der junge Pastor eine Gellertsche Fabel in das Gleichnis aus dem fernen Orient schlang; während die Schwalben in dem heiligen Gebäude hin und her schossen, und ein verirrter Schmetterling seinen Weg durch die geöffnete Kirchtür eben wieder zurückfand.

»Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch!« rief ich, über die niedere Mauer in das freie Feld springend, und durch die gelben Kornwogen mit ihrem Kranz von Flatterrosen am Rande, der Weser zuwandernd. Da hatte ich mich ins Gras unter einen Weidenbusch geworfen und träumte in das Murren des alten Stromes neben mir hinein; während drüben im katholischen Lande eine Prozession singend den Kapellenberg zu dem Marienbild hinaufzog, und hinter mir die protestantischen Orgeltöne leise verklangen. Welch ein wundervoller, blauer, lächelnder Himmel über beiden Ufern, über beiden Religionen, welch eine wogende Gefühlswelt im Busen, anknüpfend an die fünf Worte der alten Bäuerin! Ich war damals jünger als jetzt und legte das Gesicht in die Hände:

»Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott! Ich habe keinen Namen Dafür! Gefühl ist alles« -- -- -- --

Ein näher kommender Gesang weckte mich plötzlich; ich blickte auf. Brausend und schnaufend, die gelben Fluten gewaltig peitschend, kam der »Hermann« die Weser herunter. Der Kapitän stand auf dem Räderkasten und griff grüßend an den Hut, als das Schiff vorbeischoß. Hunderte von Auswanderern trug der Dampfer an mir vorüber, hinunter den Strom, der einst so viele Römerleichen der Nordsee zugewälzt hatte. Ein Männerchor sang: »Was ist des Deutschen Vaterland,« und die alten Eichen schienen traurig die Wipfel zu schütteln; sie wußten keine Antwort darauf zu geben, und das Schiff flog weiter. Die Weser trägt keine fremden Leichen mehr zur Nordsee hinab; wohl aber murrend und grollend ihre eigenen unglücklichen Söhne und Töchter! -- Ich verließ meinen Ruheplatz und ging durch den Buchenwald den nächsten Berg hinauf bis zu einer freien Stelle, von wo aus der Blick weit hinausschweifen konnte ins schöne Land des Sachsengaus. Welch eine Scholle deutscher Erde! Dort jene blauen Höhenzüge -- der Teutoburger Wald! Dort jene schlanken Türme -- die große germanische Kulturstätte, das Kloster Corvey! Dort jene Berggruppe -- der Idth! ^cui Idistaviso nomen^ sagt Tacitus. Ich bevölkerte die Gegend mit den Gestalten der Vorzeit. Ich sah die achtzehnte, neunzehnte und zwanzigste Legion unter dem Prokonsul Varus gegen die Weser ziehen und lauschte ihrem fern verhallenden Todesschrei. Ich sah den Germanicus denselben Weg kommen und lauschte dem Schlachtlärm am Idistavisus; bis der große Arminius, der »^turbator Germaniae^« durch die Legionen und den Urwald sein weißes Roß spornte, das Gesicht unkenntlich durch das eigene herabrieselnde Blut, geschlagen, todmüde. Ich sah, wie er die Cheruska von neuem aufrief zum neuen Kampf gegen die »^urbs^«; wie das Volk zu den Waffen griff: ^pugnam volunt, arma rapiunt; plebes, primores, juventus, senes^!

Aber wo ist denn die Puppe? kam mir damit plötzlich in den Sinn. Ich schleuderte den Tacitus ins Gras, stellte mich auf die Zehen, reckte den Hals aus, so lang als möglich, und schaute hinüber nach dem Teutoburger Walde. Da eine vorliegende »Bergdruffel« (wie Joach. Heinr. Kampe sagt) mir einen Teil der fernen blauen Höhen verbarg, gab ich mir sogar die Mühe, in eine hohe Buche hinaufzusteigen, wo ich auch das Fernglas zu Hilfe nahm. Vergeblich; -- nirgends eine Spur vom Hermannsbild! Alles, was ich zu sehen bekam, war der große Christoffel bei Kassel, und mit einem leisen Fluch kletterte ich wieder herunter von meinem luftigen Auslug. Hatte ich aber eben einen leisen Segenswunsch von mir gegeben, so ließ ich jetzt einen um so lauteren los. Ich sah schön aus! »Das hat man davon,« brummte ich, während ich mir das Blut aus dem aufgeritzten Daumen sog, »das hat man davon, wenn man sich nach deutscher Größe umguckt: einen Dorn stößt man sich in den Finger, die Hosen zerreißt man, und zu sehen kriegt man nichts als -- den großen Christoffel.« Ärgerlich schob ich mein Fernglas zusammen, steckte den Tacitus zurück in die Tasche und ging hinkend den Berg hinunter, wieder der Weser zu. Ärgerlich warf ich mich, am Rande des Flusses angekommen, abermals ins Gras. Was hatte sich alles zwischen die gefühlsselige Stimmung von vorhin und den jetzigen Augenblick gedrängt! Der Himmel war noch ebenso blau, die Berge noch ebenso grün, der Papierstreifen von vorhin steckte noch neben den Waldblumen an meinem Hute, und doch -- wie verändert blickte mich das alles an! Hätte das Dampfschiff mit seinen Auswanderern nicht später kommen können, da es doch sonst immer lange genug auf sich warten läßt! Hätte ich Narr nicht unterlassen können, nach dem Hermannsbild auszuschauen? Wie ruhig könnte ich dann jetzt im Grase meinen Mittagsschlaf halten, ohne mich über den großen Christoffel, den so viele brave Katten mit ihrem Blute bezahlt haben, zu ärgern! -- Ich versuchte mancherlei, um meinen Gleichmut wieder zu gewinnen; ich kitzelte mich mit einem Grashalm am Nasenwinkel, ich porträtierte einen dicken, gemütlichen Frosch, der sich unter einem Klettenbusch sonnte, -- es half alles nichts! -- Der Dämon Mißmut ließ mich nicht los, wütend sprang ich auf, schrie: Hole der Henker die Wirtschaft! und marschierte brummend auf Rühle zu -- -- -- -- -- -- Wetter, was ist das für ein Lärm in der Sperlingsgasse?! Heda, -- da ist ein Hundefuhrwerk in einen Viktualienkeller hinabgepoltert, und ich -- ich, der Karikaturenzeichner Ulrich Strobel, sitze hier und schmiere Unsinn zusammen! Hol' der Henker auch die Chronik der Sperlingsgasse! -- Adieu, Wachholder!

Am 21. März. Abend.

Es gibt ein Märchen -- ich weiß nicht, wer es erzählt hat -- von einem, der nach großem Unglück sich wünschte, die Erinnerung zu verlieren, und dem in einer dunkeln Nacht sein Wunsch gewährt ward. Er empfand von da an keinen Schmerz, keine Freude mehr; er verlernte zu weinen und zu lachen; es ward ihm einerlei, ob er Blumenknospen oder Menschenherzen zertrat: alles das hübsche Spielzeug, welches das Leben seinen Kindern mitgibt auf ihrem Wege von der Wiege bis zum Grabe, zerbrach ihm in den Händen mit der Erinnerung. Das ist eine schreckliche Vorstellung! Ihr Weisen und Prediger der Völker, nicht der Gedanke an Glück oder Unheil in der Zukunft ist's, der liebevoll, rein, heilig macht; nie ist dieser Gedanke rein von Egoismus, und über jede Blüte, die das Menschenherz treiben soll, legt er den Mehltau der Selbstsucht: die wahre, lautere Quelle jeder Tugend, jeder wahren Aufopferung, ist die traurig süße Vergangenheit mit ihren erloschenen Bildern, mit ihren ganz oder halb verklungenen Taten und Träumen. Wer könnte ein Kind beleidigen, der daran denkt, daß er einst selbst sich an die Mutterbrust geschmiegt, daß ein Mutterauge auf ihn herabgelächelt hat? Die Erinnerung ist das Gewinde, welches die Wiege mit dem Grabe verknüpft, und mag das dunkle stachlichte Grün des Leidens, des Irrtums, noch so vorwaltend sein; niemals wird's hier und da an einer hervorleuchtenden Blume fehlen, bei welcher wir verweilen und flüstern können: »Wie lieblich und heilig ist diese Stätte!«

Ich habe meine kleine Lampe angezündet und träume wieder über den Blättern meiner Chronik. Das, was die ältliche, freundlich-schöne Frau, die mir heute den Strauß junger Veilchenknospen herüberbrachte, auf den Wogen ihrer Melodien sich schaukeln läßt, kann ich ja nur auf diese Weise festhalten. -- Ich habe bis jetzt Bilder gezeichnet aus unserer Kinder Kinderleben, heute will ich ein andres farbiges Blatt malen, wie ein Zauberspiegel voll blühenden Lebens, voll süßen Flüsterns, voll träumenden Sehnens und lächelnden Träumens, -- ein einziges Blatt aus der vollen Pracht des Herzensfrühlings, ein einziges Blatt aus der Zeit der jungen Liebe!

»O, daß sie ewig grünen bliebe, Die schöne Zeit der jungen Liebe!«

sang der Dichter, und überall treffen wir den Spruch an auf Kaffeetassen, in Stammbüchern und auf Pfeifenköpfen. Das soll kein Spott sein! Was das Volk erfaßt hat, will es auch vor sich sehen, es spielt mit ihm, es spricht den gereimten Gedanken, den es zu seinem Eigentum gemacht hat, oft zwar mit einem Lächeln auf den Lippen aus, aber es trägt ihn darum doch tief im Herzen. Das Volk steigt nicht zu dem Wahren und Schönen hinauf, sondern zieht es zu sich herab; aber nicht, um es unter die Füße zu treten, sondern um es zu herzen, zu liebkosen, um es im ewig wechselnden Spiel zu drehen und sich über seinen Glanz zu wundern und zu freuen. Über der Wiege des ewigen Kindes »Menschheit« schweben die guten Genien, die großen Weltdichter, schütten aus ihren Füllhörnern die goldenen Weihnachtsfrüchte herab und sind mit ihren Wiegenliedern stets da, wenn häßliche, schwarze Kobolde erschreckend dazwischen gelugt haben.

Schön ist die Zeit der jungen Liebe! Sie ist gleich der Morgendämmerung, wo der Himmel im Osten leise sich rötet, wo Knospen, Blumen und alles Leben dem kommenden Tage in die Arme schlummern, und nur hin und wieder eine Lerche, den Tau von den Flügeln schüttelnd, jubelnd, glückverkündend emporsteigt. Noch bedeckt der Nebelduft zauberhaft, geheimnisvoll alle Abgründe und öden Stellen des Lebens; die jungen Herzen glauben nur Blumen und flatternde Schmetterlinge und bunte nesterbauende Vöglein unter dem Schleier der Zukunft verborgen.

»Süßes Geliebtsein, süßeres Leben!« hat ein anderer Dichter einmal ausgerufen, und ich, ein alter, einsamer Mann, bedecke die Augen mit der Hand, denke an die Gräber auf dem Johanniskirchhof, denke an den Stern meiner Jugend: »Maria!« -- -- -- -- -- -- -- -- Würde ich diese Erinnerung mit all ihrem Schmerz für der ganzen Welt Macht, Reichtum, Weisheit lassen? -- -- -- -- Ich glaube nicht. --

Der Mond kommt wieder hervor über die Dächer und vermischt sein weißes Licht mit dem kleinen Schein meiner Lampe; über und durch den alten immergrünen Efeu aus dem Ulfeldener Walde schießt er seine blanken Strahlen, seltsame Schatten auf den Fußboden und an die Wände werfend. Mit sich bringt er das heutige Blatt der Chronik der Sperlingsgasse.

* * * * *

Dort auf dem Stühlchen im Fenster zeichnet sich die feine, liebliche Gestalt Elisens dunkel in der Monddämmerung eines lange vergangenen Abends ab; während auf einem anderen Stuhl niedriger neben ihr eine andere Gestalt sitzt. Was haben die beiden so heimlich, so leise sich zuzuraunen, was haben sie zu kichern? Ein Garnknäuel, der von Lischens Nähtisch fällt und, über den Boden rollend, um Stuhl- und andere Beine sich schlingt, ein verirrter Nachtschmetterling, eine vorbeischießende Fledermaus, ein Ball, welcher von der Straße ins Zimmer fliegt und über dessen Herausgabe Gustav mit dem unvorsichtigen Besitzer kapituliert, alles, alles wird in dieser Mondscheindämmerung zu einem Märchen, zu einem Traum. Ist nicht die Dämmerung die Zeit der Märchen; ist nicht die Zeit der jungen Liebe die Zeit des Traums? --

»Liebe kleine Elise!« flüstert Gustav, in das mondbeglänzte zu ihm sich herabbeugende Gesicht schauend.

»Lieber großer Junge!« lächelt Elise, indem sie dem vormaligen Taugenichts der Gasse die Locken aus der Stirn streicht. Sie sagen einander weiter nichts, aber diese abgebrochenen Worte enthalten alles, was das Menschenherz in seinen heiligsten Augenblicken bewegt.

»Ich liebe Dich so!« flüstert Gustav wieder, worauf Elise nichts erwidert, sondern den Kopf in die Blätter ihres Efeus verbirgt. Der Mond kann sich in diesem Augenblick wahrscheinlich in einem flimmernden Perlentröpfchen, das in einem blauen Auge hängt, spiegeln, und als das Köpfchen sich wieder erhebt aus dem grünen Blätterwerk, ist an Gustav die Reihe, Elise die Locken aus der Stirn zu streichen.

»Sieh, wie der Mond da oben schwimmt,« sagt Elise. »Warum macht er uns oft so tiefes Heimweh, als ob wir hier auf der Erde gar nicht recht zu Hause wären, Gustav? Sieh, da ist nur noch ein einziger kleiner Stern, mutterseelenallein, wie ein goldener Funken. Sieh, -- rechts vom Monde!«

»Ich sehe noch zwei!« sagt Gustav. »Ganz nah', und habe darum auch gar kein Heimweh und -- willst Du wohl wieder die Augen aufmachen, Blondkopf! -- Sieh, das hast Du davon; was ich noch Weises sagen wollte, hab' ich nun rein vergessen!«

»Dann war's gewiß eine Lüge, Braunkopf!« meint Elise lachend. »Und nun steh' auf, der Onkel und die Tante sitzen da den ganzen Abend im Dunkeln; -- es ist sehr unrecht, daß wir uns gar nicht um sie bekümmern. Komm, wir müssen wirklich zusehen, ob sie nicht eingeschlafen sind.«

Gewiß waren sie nicht eingeschlafen. Nur das Spinnrad der alten Martha hatte aufgehört zu schnurren, und schlummernd saß sie in ihrem Winkel.

»Soll ich Euch Licht anzünden, oder -- sollen wir wieder einmal einen Mondscheingang machen?« fragt Elise, mir den Arm um die Schulter legend.

»_Euch_?« fragt die Tante Helene. »Warum denn nur >_Euch_< Licht anzünden?«

»Das will ich Dir sagen, Mama,« mischt sich Gustav ein. »Du kannst bekanntlich keine Mäuse _sehen_, und da es seit einiger Zeit hier beim Onkel Wachholder ordentlich von ihnen wimmelt, so sind wir Deinetwegen so aufopfernd, im Dunkeln zu sitzen.«

»Waren das etwa Mäuse, was wir da am Fenster knuspern und pispern hörten?« frage ich.

»Ich habe nichts gehört!« sagt Lischen treuherzig, während Gustav: »Versteht sich!« ruft und den Inhalt eines Obstkörbchens in seine Tasche ausleert.

»Was machst Du da, Mäusekönig?« fragt seine Mutter.

»Ich verproviantiere mich zu unserer Mondscheinfahrt, Mama; Lischens Frage war natürlich höchst überflüssig. Da, Lise, nimm den Rest -- ich kann nicht mehr lassen.«

Elise läßt sich das nicht zweimal sagen und scheint in der Tat ihre Frage für unnötig zu halten. Nach einigen Einwendungen der Tante wegen kalter Abendluft usw. machen wir uns auf, hinaus in die Sommermondscheinnacht!

Die scharfen Schatten auf dem Pflaster und an den Häuserwänden, das Glitzern der Fensterscheiben, die ziehenden, beleuchteten Wolken am dunkeln Nachthimmel, die flüsternden Gruppen in den Haustüren und an den Straßenecken, alles wird nun zu einem Bild für Gustav, zu einem Märchen für Elise. Da beleben sich die Straßen, Gassen und Plätze mit den wundersamsten Gestalten; auf den Ecksteinen lauern, zusammengekauert, grimmbärtige Kobolde; aus den dunkeln Torwegen der alten Patrizierhäuser treten seltsame Gesellen mit nickenden Federn und weiten Mänteln, und schöne Damen besteigen weiße Zelter, in die Nacht davonreitend; Söldner im Harnisch, die Partisanen auf den Schultern, ziehen über den Markt; Prozessionen vermummter Mönche winden sich langsam aus dem Domportal, und alles liegt morgen, in den hübschesten Skizzen festgebannt, auf Elisens Nähtischchen oder treibt sich auf dem Fußboden umher.