Die Chronik der Sperlingsgasse

Part 11

Chapter 113,577 wordsPublic domain

»Siehst Du! Seht Ihr! Da gesteht sie ihre Schlechtigkeit selbst ein. Denken Sie, Onkel Wachholder, auf einmal dreht sie sich um, rennt davon wie eine Gazelle und läßt mich an der Ecke stehen wie ein Kamel, beladen mit Rosen von Schiras und Gemüse aus dem Tal von Schâm. Elise, Lischen, Cousine Ralff! rufe ich aus vollem Halse; Lise, mit dem Korb kann ich doch nicht ins Atelier gehen! Himmlische Cousine Lischen, befreie mich von diesem Stilleben! -- Wer aber nicht hört, ist Elise. Was war zu tun? Ich setze mich in Trab; mit Korb und Mappe, mit Rüben und Rosen hinter ihr her. Solch eine Jagd! -- Von Zeit zu Zeit sehe ich ihren Strohhut oder ihr blaues Kleid zwischen dem Schwefelholz-, Herings-, Butter- und Käsehandel -- ich glaube sie zu haben, -- Täuschung, da ist sie wieder hinter einer Bude verschwunden! Ich fange an, dem kaufenden und verkaufenden Publikum sehr lächerlich zu werden mit meiner Mohrrübe, die ich noch immer krampfhaft in der Hand halte. Ich trete in einen Eierkorb! Riesiger Skandal! -- Die Polizei erscheint! >Verkoofen Se Ihr Grünkraut sachte,< sagt grinsend Polizeimann Nr. 69, >immer langtemang!< -- Ich bezahle für den Eierkorb mit blutendem Herzen und gelben Stiefeln; von Elise keine Spur! -- Neue Jagd, -- ich glitsche über einen Kohlstrunk aus, -- baff, da liege ich mit Korb und Mappe; Kohlrüben, Rosen, Zwiebeln, meine Zeichnungen und Elisens Marktrechnungen im malerischen Durcheinander um mich her. >O Jotte, det arme Kind,< sagt eine dicke Gemüsefrau, >ebent in die Eier und nu in den D...! Soll ich Se ufhelfen, Männeken?< -- >Immer langtemang,< grinst wieder Polizeimann Nr. 69, der mir wie mein böses Prinzip gefolgt ist. -- Ich suche meine Schätze, die ich zu allen Teufeln wünsche, gleich im Liegen auf und erhebe mich dann in einer wirklich anmutigen Verfassung. Außer Atem und hinkend schlage ich mich durch die Menge und sinke auf den Eckstein an derselben Ecke, wo mein Leiden begonnen hatte. Ich stelle den Korb zwischen die Beine und starre mit äußerst bitterem Gefühl hinein. Soll ich das Ungetüm wirklich hinschleppen nach der Sperlingsgasse? Vorüber an der Kaserne der Zweiunddreißiger und an Schnollys Konditorei? -- Einen Spitznamen hätte ich und meine ganze Nachkommenschaft weg -- drei Ellen lang! Mein innerster Mensch sträubt sich zu mächtig dagegen. Eine Droschke konnte ich nicht nehmen, denn meinen Geldvorrat hatte das Eierunglück aufgefressen, es blieb mir nichts anderes übrig, als eine neue Mohrrübe abzukratzen, meine Verzweiflung an ihr zu verbeißen. Das kommt davon, wenn man mit soliden Vorsätzen von Hause weggeht! Wie gemütlich hätte ich in dem Augenblick, statt auf diesem fatalen Eckstein, bei dem Frühstück der Freiwilligen sitzen können! Ich weiß nicht, wie lange ich so brütend dagekauert habe, als ich plötzlich, um zum Himmel zu schauen, meinen Blick aufschlage, aber ihn halbwegs erstarrt ruhen lasse! -- -- _Da saß sie_! -- Kichernd lehnt sie an dem Eckstein der anderen Straßenecke, mir gegenüber, eine große, grüne, angebissene Birne in der Hand! >Guten Morgen, Vetter!< lacht sie, ohne sich vom Fleck zu rühren. >Könntest Du mir jetzt vielleicht meinen Korb geben? Ich muß wirklich nach Haus; der Onkel kriegt sonst nichts zu essen!< -- Ich fahre mit der Hand über die Stirn, ich muß wirklich erst meine Sinne zusammensuchen: ich stoße einen tiefen Seufzer aus, -- da erhebt sie sich, als schicke sie sich an, wieder fortzurennen. In Todesangst springe ich auf, bin mit einem Satz mit dem verdammten Korb an ihrer Seite, hänge ihn ihr an den Arm und sinke nun auf den Eckstein neben ihr, um auch ihn als Sitzmittel zu probieren. -- >Hab' ich Dich aber gesucht, Gustav!< hohnlächelt die Boshafte. >Gott, wie siehst Du aus? Wo hast Du denn gesteckt?< -- >[Griechisch: Daimoniê]!< murmele ich dumpf, während es noch dumpfer auf der unierten Kirche Elf schlägt, und die Atelierszeit ihrem Ende naht; und so ziehen wir nach Haus, Elise immer kichernd voran, ich hinkend hinter ihr her, meine Rockschöße vorsichtig zusammenhaltend. Eine derangierte Toilette, ein leerer Geldbeutel, müde Beine, ein gräßlicher Nachgeschmack von den fatalen Mohrrüben, und das bodenlose Gefühl, mich unendlich lächerlich gemacht zu haben, das waren die Ergebnisse dieses Morgens! Und nun richten Sie, Onkel Johannes!«

»Onkel, laß das Richten nur sein,« sagt Elise. »Er hat sich schon selbst gerichtet. Hat er nicht?«

»Ich glaube auch,« sagt die Tante Berg.

»Ich desgleichen,« gebe ich mein Verdikt ab.

»Das dachte ich wohl,« brummt der denkende Künstler. »Wann hätte je die Unschuld gesiegt?! Abgemacht. Wie wird's nun mit unserem Spaziergang?«

»Ja, wo wollen wir hin?« ruft Elise, und Gustav meint:

»Ein Vorschlag zur Güte: wir gehen nach dem Wasserhof; da ist ^bal champêtre^! Was meinst Du, Lischen?«

»_Kann_ man da hingehen?« fragt die Tante Berg bedenklich.

»Warum nicht? Sind _wir_ doch dabei!« sagt der denkende Künstler, gravitätisch den Halskragen in die Höhe zupfend »Übrigens ist heute auch das Atelier mit seinen Schwestern da; ebenso der Professor Frey mit seinen sechs Nichten, und ...«

»Nach dem Wasserhof!« rufe ich elektrisiert. »Tante Berg, man _kann_ dahin gehen!«

Und wir gehen hin. --

Wer kennt nicht den Wasserhof? Hat ihn nicht Goethe im >Faust< unsterblich gemacht? »Der Weg dahin ist gar nicht schön.« Welcher Weg um diese Stadt ist schön? Es lebe der Wasserhof! Da gibt es Schatten und kühle Lauben am Tage; Musik, bunte Lampen und fliegende Johanniswürmer am Abend; da gibt es Kellner mit einst weißen Servietten, die in der rechten Hosentasche stecken; da gibt es vor allem einen -- prächtigen Tanzplatz im Grünen!

»Lischen, heute Morgen hast Du mir einen Korb gegeben; ich will Dir das verzeihen, wenn Du mir jetzt keinen anhängen willst: Mein Fräulein, darf ich um den ersten Walzer bitten?«

»Laß uns erst ankommen, Vetter!« sagt Lischen, die auf dem ganzen Wege stets die Vorderste wäre, wenn nicht Gustav gleichen Schritt mit ihr hielte. -- --

Da sind wir! Heda, da sitzt schon der alte Meister Frey mit der langen Pfeife hinter einer Flasche Wein, behaglich dem lustigen Treiben zuschauend, und lächelnd das schwarze Käppchen auf den langen, weißen Haaren hin und her schiebend. Schon aus der Ferne winkt er uns, als wir uns durch die Menge drängen, und ruft uns sein »Willkommen« entgegen. Hurra, da ist das »Atelier mit seinen Schwestern«, wie Gustav sagt, und die sechs Nichten des Professors. Eine lustige Gruppe: lange Haare, schwarze Sammetröcke, Kalabreser mit gewaltigen Troddeln; dann wieder weiße Kleider, bunte Bänder, Strohhüte; und Gustav und Elise natürlich sogleich mitten dazwischen. Beim heiligen Vocabulus, ist das nicht der lange Oberlehrer Besenmeier, der da, ^aptus adliciendis feminarum animis^, der dicken Frau Rektorin Dippelmann einen Stuhl erobert? Wahrlich, er ist's, und da ist der Rektor selbst, der Ruten und Beile so vollständig abgelegt hat, daß ihn in diesem Augenblick jeder Sekundaner, ohne böse Folgen, um -- Feuer für seine Zigarre bitten könnte. Wen haben wir hier? Darf ich meinen Augen trauen! der königliche Professor der Gottesgelahrtheit, Hof- und Domprediger Dr. Niepeguck!? -- Wirklich, er ist's; mit Frau und Kindern steuert er durch die Menge. »Weg die Dogmatik!« lautet das Studentenlied: warum sollte der alte Hallenser das an einem solchen prächtigen Abend nicht auch noch einmal in -- das Doppelkinn summen dürfen? Wie die Universität vertreten ist! Professoren! Privatdozenten und Studenten von allen Fakultäten und Verbindungen! Dacht' ich mir's doch, da sind die »unmoralischen Menschen«, die Freiwilligen! Natürlich durften sie nicht fehlen! --

»Guten Abend, Cäcilie, Anna! Guten Abend, Elise, Johanne, Klärchen, Josephine! Das ist ja prächtig, daß Ihr auch da seid!« schwirrt und summt das durcheinander!

»Gott, wo bleibt mein Tänzer! der abscheuliche Mensch wird mich doch nicht >_sitzen_< lassen?!«

»Auf keinen Fall, mein Fräulein!« sagt der Auskultator Krippenstapel, sein ambrosisches Haupt über die Schulter der erschrockenen Sprecherin streckend und etwas von »nur Personalarrest« murmelnd.

»Lischen, keinen Korb -- bitte!« ruft Gustav, ein Paar wundersame Handschuhe anziehend und eine Rosenknospe ins Knopfloch steckend.

»Nun, Vetter, -- wenn's denn nicht anders sein kann -- so komm' schnell, die Musik fängt schon an.«

»Höre, Peter van Laar,« sagte Gustav, schon im Rennen, zu einem wohlbeleibten Kunstjünger, »wenn Du mich wieder auf den Fuß trittst, wie neulich, stecke ich Dich morgen mit der Nase in Dein Terpentinfaß! Komm, Lischen!« --

Prr -- davon sind sie: »Mutwill'ge Sommervögel.«

Ich habe unterdessen mit der Tante Helene Platz am Tisch des Meister Frey genommen, der eben unter schallendem Gelächter eine Schnurre aus seinem italischen Wanderleben beendet. Der Domprediger redet über die Wirkungen des Weißbieres auf seine Konstitution, während Petrus und Paulus, seine Sprößlinge, sich unter dem Tisch wälzen und balgen und die Frau Domprediger sich darüber aufhält, daß die Kellner sich mit der Hand schneuzen.

»Es ist immer noch besser als in die Serviette!« sagt der Rektor Dippelmann, eine Prise nehmend und in der Zerstreuung die Dose der Tante Helene anbietend. An ein und demselben Punkte werden nun zwei Gespräche angeknüpft: die Weiber plumpsen in die große Wäsche, und der Domprediger mit dem Rektor Dippelmann in die -- Theologie.

»Kommen Sie, Wachholder,« sagt der Professor Frey, »wir wollen lieber den Kindern beim Tanzen zusehen! Mir wird wässerig und schwül zugleich.«

Da ich wirklich etwas Ähnliches in mir spüre, nehme ich den Vorschlag mit Freuden an, und wir wandeln durch die Gänge mit den bunten Lampen und Laubgewinden dem Tanzplatz zu. Da ist ein lustiges Treiben.

»Welche prächtigen Reflexe!« ruft der alte Maler ganz enthusiasmiert. »Sehen Sie, Wachholder, da kommt der Berg, aus dem ich Ihnen trotz seiner sporadischen Bummelei und Liederlichkeit doch noch einen _echten_ Künstler mache. Nun ^fanello^,« wendet er sich an den Herbeieilenden, »ich hoffe, Ihr werdet meine Mädchen nicht >dörren< lassen -- wie sie sagen!«

Der denkende Künstler grinst auf eine unbeschreibliche Weise:

»Wir tun unser möglichstes, Herr Professor. Sehen Sie nur den Peter Laar! Segelt er nicht wie ein wahrer Fapresto mit Fräulein Julie dahin? Hier können Sie sich doch wahrlich nicht beklagen, daß er keine Fortschritte mache. Sehen Sie nur, wie er weiter kommt. Sehen Sie, wie -- buff! Dacht' ich's doch! Da bohrt er den Auskultator Krippenstapel mit seiner Donna zu Grund! Alle Wetter! das gibt Skandal! Da muß ich retten!«

»Herr!« schreit der königliche Auskultator wütend aufspringend und seine Tänzerin trostlos-lächerlich auf ihrem »^séant^« sitzen lassend. »Herr, können Sie nicht sehen, haben Sie keine Augen im Kopfe, Sie ...«

»Halt, Krippenstapel!« fällt hier Gustav ein, den gefallenen Engel des Juristen aufhebend. »Sie sollen fürchterlich gerächt werden, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! Peter Holzmann, Bamboccio, Ungetüm! ein schreckliches Los harrt morgen Deiner! -- Mein Fräulein, Sie haben sich doch nicht weh getan? Wollen Sie eine kalte Messerklinge auflegen, das soll gut sein gegen Beulen? -- Fräulein Julie, geben Sie doch gefälligst dem dicken Ungeheuer an Ihrer Seite einen tüchtigen Nasenstüber als Vorgeschmack! -- Krippenstapel, sei'n Sie ein guter Kerl und fangen Sie keinen Lärm an; kommen Sie, lassen Sie sich von Ihrer Dame eine Stecknadel geben, ehe Sie weiter schweben. Vergessen Sie's nicht, es ist wichtig; ich als Ästhetiker muß das wissen!«

Ein allgemeines Gelächter löst die Sache in Wohlgefallen auf. Krippenstapel schleicht mit seiner Stecknadel ingrimmig ins Gebüsch; seine Dame verkündet hinter ihrem Taschentuch, keine kalte Messerklinge anwenden zu wollen; Peter Holzmann stolpert mit Fräulein Julie zu einem Sitz, und alle übrigen Paare ordnen sich zu einem neuen Tanz.

Schon während des Verlaufs dieser Szene habe ich mich gewundert, nirgends Elisens Lockenkopf hervorlugen zu sehen, nirgends ihr helles Lachen zu hören; als nun ein neuer Tanz beginnt, und sie auch jetzt nicht erscheint, wird mir die Sache bedenklich.

»Gustav, heda hier! Wo hast Du denn meine Lise gelassen?«

»Ich? -- Onkel, fragen Sie lieber: wo hat Dich die Lise gelassen. Sie behauptet böse zu sein und ist mit Fräulein Henriette Frey weggelaufen, nachdem sie mich einen -- einen -- >Teekessel< genannt hat.«

»So? -- was habt Ihr denn wieder vorgehabt?«

»Ich kann mich auf weiteres nicht einlassen!« sagt der »denkende Künstler«, zieht ein wehmütig-seinsollendes Gesicht und verschwindet unter der Menge.

»Wenn die Sachen so stehen,« lacht der alte Frey, »so werden die Mädchen jetzt wohl bei der Wäsche und Theologie sitzen. Kommen Sie, wir müssen uns doch erkundigen, was der Friedensstifter (machte er seine Sache nicht prächtig?) da für Unheil und Unfrieden angestiftet hat?«

»Ich kann's mir schon vorstellen,« brumme ich in den Bart, und so schlagen wir uns seitwärts ins Gebüsch und gelangen zu unserm Tisch zurück.

»Richtig, da sitzen die Turteltäubchen!« ruft der Professor. »Wie andächtig sie dem Oberlehrer Besenmeier zuzuhören scheinen und doch ganz wo anders sind! Kurre, kurre, kurre, Fräulein Elise, mein Täubchen, was hat Ihnen denn ein gewisser -- hm -- gewisser >Teekessel< getan?«

»Wer?« fragt Lischen, die sich dicht an die Tante gedrängt hat und von ihr mit einem gewaltigen Tuche umwickelt ist, während Henriette an ihrer andern Seite emsig sich mit ihrer Teetasse beschäftigt.

»Wer? fragst Du!« nehme ich das Wort. »Nun wir begegneten eben jemand, der ziemlich nahe am -- >Überkochen< war.«

»Ach, Du meinst den Vetter! -- Pah -- _Der_!«

»Nun, was hat's gegeben? Tante Helene, hat sie Ihnen vielleicht schon ihr Herz ausgeschüttet?«

»Nein!« sagt die Tante. »Haben sie sich wieder gezankt?«

»Es scheint so! Fräulein Henriette, Sie wissen gewiß etwas Näheres davon?«

»Soll ich's sagen, Lischen?« fragt kichernd Henriette, ihre Freundin am Ohr zupfend.

»Meinetwegen!« sagt Elise, mit einem Gesicht wie Menschenhaß und Reue einen Nachtschmetterling verscheuchend, der ihr um den Kopf flattert und mit aller Gewalt sich in ihren Locken fangen will.

»Er hat -- Herr Gustav hat gesagt: -- wenn er ihr nicht die Tänzer schicke und Propaganda (ich glaube so heißt's) für sie mache, so würde sie -- ihr Lebtag außer ihm keinen kriegen. Sie müsse daher hübsch dankbar und zuvorkommend gegen ihn sein und« -- --

Ein Ausruf des Entsetzens entringt sich allen.

»Abscheulich!« ruft die Tante Berg. »^Finis mundi!^« lacht der Rektor Dippelmann. »Schändlich!« ächzt die Frau Rektorin; »Gräßlich!« die Frau Dompredigerin. »Beim Himmel, das ist stark!« meint ihr Gemahl. »Das hätte ich nicht gedacht!« brumm' ich. »_Das_ soll er büßen,« ruft der Professor Frey, »und« ...

»Er büßt es schon!« sagt eine Stimme, und der Übeltäter guckt durch das Gebüsch hinter Elisens Platze. »Teilweise hat er es sogar schon gebüßt!«

Mit diesen Worten windet sich der Blasphemist vollends hervor, schiebt sich ganz sachte zwischen seine Mutter und Elise, die schnell nach der andern Seite rückt, wohin er ihr ebenso schnell folgt. Seinen Arm um sie legend, hält er folgende Rede: »Lischen, englische Cousine Ralff, ich beschwöre Dich, höre mich! -- Glaubst Du etwa, ich habe, nachdem Du jenem Schauplatz eitler Freuden den Rücken gewandt, weiter gewalzt? Du irrst! Du irrst! Gute Werke habe ich getan, meine Schuld zu sühnen: den edlen Holzmann, -- Holzmann, komm mal her und gib mir die Schachtel mit den feurigen Tränen! -- den edlen Holzmann habe ich aus den Klauen des racheschnaubenden Krippenstapels gerettet; Fräulein Thekla Stichel habe ich aus der amüsantesten aller Lagen, oder vielmehr Sitzungen, emporgezogen; als mitten im Kontertanz dem Freiwilligen Breimüller der Steg riß und ihm die Unnennbare bis zum Knie hinaufschnurrte, habe ich ihm eine Droschke herbeigepfiffen; kurz überall, wo Tränen zu trocknen waren, war auch ich -- wie gesagt, nur um meine Schuld zu büßen. Und hier, Lischen (Holzmann, gib mir die Schachtel), nicht allein getrocknet habe ich Tränen, auch gesammelt habe ich welche! -- Sieh, Lischen!«

Einen Ausruf der Verwunderung und Freude stößt Elise trotz ihrem Groll aus, als ihr der Bösewicht den Inhalt seiner Schachtel in den Schoß schüttet, und unzählige, funkelnde, leuchtende Johanniswürmer um sie herum kriechen und schwirren.

Die Lampen sind weit genug entfernt, daß die Tierchen in ihrem ganzen Glanz erscheinen können, und es ist wirklich ein hübscher Anblick -- diese besternte Elise!

»Das sind meine Reuetränen, und Du -- kriegst Tänzer leider zu viel -- ohne mich! -- und ich _bin_ ein Teekessel und ^et cetera^ -- Lischen?! -- Lischen, gucke _mich_ mal an!«

»Taugenichts!« sagt Elise, dem Sünder in die Haare greifend, und -- der Friede ist geschlossen! --

War denn der alte Meister Frey an diesem Abend ganz aus Rand und Band? Auf einmal verkündete er, daß er seinen morgenden 69sten Geburtstag (es war der letzte seines Lebens) jetzt feiern wolle, da bei solchen Gelegenheiten das Improvisieren den wahren Genuß und Jubel hervorbringe. Das halbe Atelier machte er halb betrunken, die ganze weibliche Welt ganz angeheitert. Ein Kranz wurde ihm aufgesetzt trotz allem Sträuben, -- ein Kranz, der nur so sein mußte. Der Domprediger hielt eine Rede, die »verehrter Greis« anfing und ähnlich endete, und Reden wurden losgelassen und Toaste ausgebracht bis zwölf Uhr. Dann erhob sich das alte bekränzte Geburtstagskind, beklagte sich über Nachtkühle und Nachtfeuchte, und -- das Fest war vorbei.

* * * * *

Vorbei! Wo sind heute alle die, welche es feierten?

Tot ist der alte Meister Frey, zerstreut in alle Welt sind seine Schüler. Peter Holzmann, genannt Peter van Laar, oder auch Bamboccio, ist 1849 in einer römischen Villa von französischen Plünderern erstochen, als er eine Raphaelsche Madonna vor ihrer Zerstörungswut schützen wollte. Der Domprediger ist noch immer nicht zum Mormonentum übergetreten, und der Oberlehrer Besenmeier hat Fräulein Julie Frey geheiratet und steht, -- »mit dem Gürtel, mit dem Schleier reißt der schöne Wahn entzwei,« -- fürchterlich unter dem Pantoffel. Die Frau Rektor Dippelmann knüpft noch wie immer alle Morgen ihrem Gemahl die Halsbinde um, steckt ihm das Butterbrot, in die gestrige Zeitung gewickelt, in die Rocktasche und sieht ihm stolz nach aus dem Fenster, wie er über die Friedensbrücke nach dem Schimmelstädtischen Gymnasium wandelt.

Und _Gustav_ und _Elise_? -- -- -- Ich werde nachher dieses Blatt der Chronik hinübertragen zu jener schönen ältlichen Frau in Nr. Zwölf der Sperlingsgasse, deren Fortepianoklänge sich schon den ganzen Nachmittag über in meine Gedanken verwoben haben. Dann werden wir von _Gustav_ und _Elise_ sprechen!

Am 14. März.

»Hören Sie, Wachholder,« sagte heute Strobel, mit den zusammengehefteten Bogen der Chronik aufs Knie schlagend, »wenn Ihnen einmal Freund Hein das Lebenslicht ausgeblasen hat; irgend jemand unter Ihrem Nachlaß diese Blätter aufwühlt, und er sich die Mühe gibt, hineinzugucken, ehe er sie zu gemeinnützigen Zwecken verwendet, so wird er in demselben Fall sein, wie der alte Albrecht Dürer, der ein Jagdbild lobte, aber sich zugleich beklagte: er könne nicht recht unterscheiden, was eigentlich die Hunde, und was die Hasen sein sollten. Sie würfeln wirklich Traum und Historie, Vergangenheit und Gegenwart zu toll durcheinander. Teuerster, wer darüber nicht konfus wird, der ist es schon! Und wenn Sie noch Ihre Bilder einfach hinstellten, wie ein alter, vernünftiger, gelangweilter Herr und Memoirenschreiber! Aber nein, da rennt Ihnen Ihr Mitarbeitertum der >Welken Blätter< zwischen die Beine, da putzen sie Ihre Erinnerungen auf mit dem, was Ihnen der Augenblick eingibt; hängen hier ein Glöckchen an und da eins, und ehe man's sich versieht, haben Sie ein Ding hingestellt wie -- wie ein Gebäude aus den bunten Steinen eines Kinderbaukastens. Das ist hübsch und bunt, aber -- es paßt nichts recht zusammen, und wenn man es genau besieht -- puh! -- Nehmen Sie's nicht übel; aber manchmal gleicht Ihre Chronik doch dem Machwerk eines angehenden literarischen Lichts, das sich mit Rousseau getröstet hat: ^Avec quelque talent qu'on puisse être né, l'art d'écrire ne s'apprend pas tout d'un coup.^«

Ich hatte dieser langen Rede des Karikaturenzeichners geduldig zugehört, jetzt sagte ich, während ich erbost meine Pfeife ausklopfte: »Sie haben vor einiger Zeit versprochen, ein Mitarbeiter meiner Chronik werden zu wollen, ich nehme Sie jetzt nach Ihrer so tief eingehenden Kritik sogleich beim Wort und -- lasse Sie mit Tinte, Feder und Papier allein, daß Sie ihren Beitrag derselben auf der Stelle anhängen. Der einst Konfuswerdende mag auch von Ihnen etwas mit aufwühlen. Guten Abend!«

Der Karikaturenmaler lachte, sagte »^fiat^« und begann eine Feder zu schneiden, während ich Hut und Stock nahm und abzog mit dem Gefühl eines Menschen, der eine belebte Straße hinabzieht unter der festen Überzeugung, daß ihm hinten ein ungreifbares ellenlanges Band vom Vorhemd über den Rockkragen baumelt. »Und recht hat er doch!« brummte ich, indem ich die Treppe hinabstieg. »Wenn nur die Lise erst wieder da wäre! Komm zurück, Schlingel von Gustav, und bringe sie mit, daß Euer alter Onkel ruhig wieder an seinem Werke ^de vanitate^ weiter schreiben kann!«

Damit trat ich aus dem Hause und zog eben die Handschuhe an, als sich oben mein Fenster öffnete, der Karikaturenzeichner den Kopf heraussteckte und herunterrief:

»Hören Sie, alter Herr, ich kann Sie so nicht weggehen lassen -- ich habe Gewissensbisse und muß erst Öl in Ihre Wunden gießen! Hören Sie, meine Tante teilt die Bücher in zwei Arten: gute, über welche sie nach Tisch einschlafen kann, und schlechte, bei denen das nicht geht. Ihre Chronik würde sie unter die ersteren rechnen, wenn sie, aufgewühlt, ihr in die Hände fallen sollte. Adieu!«

Ich wandte dem unverschämten Gesellen lachend den Rücken und marschierte ab.

Am Abend.

Ich bin zurückgekommen von meinem Spaziergang und sitze wieder allein und einsam vor den zerstreuten Bogen meiner Chronik. Der Karikaturenzeichner hat wirklich ein Blatt vollgekritzelt, alle meine Federn verdorben, einen Tintenklex auf dem Fußboden gemacht, meinen Siegellackvorrat zerbissen, zerdreht und zerbrochen und -- eine Ecke von meinem Schreibtisch abgeschnitzelt. -- Er hat mir fast die Fortsetzung der Aufzeichnung meiner Phantasien verleidet, und es war doch so süß, wenn der Blick an irgend einen Gegenstand meines Zimmers, dort an jenes kleine leere Messingbauer, an jenen Sessel vor dem Nähtischchen, an ein altes Blatt, eine vertrocknete Blume, eine bunte Zeichnung in meiner Mappe sich fest hing, und allmählich eine Erinnerung nach der andern aufstieg und sich blühend und grünend darumschlang. Wir sind doch törichte Menschen! Wie oft durchkreuzt die Furcht vor dem Lächerlichwerden unsere innigsten, zartesten Gefühle! Man schämt sich der Träne und -- spottet; man schämt sich des fröhlichen Lachens und -- schneidet ein langweiliges Gesicht; die Tragödien des Lebens sucht man hinter der komischen Maske zu spielen, die Komödien hinter der tragischen; man ist ein Betrüger und Selbstquäler zugleich! -- Mit einem Kinderbaukasten verglich Strobel diese bunten Blätter ohne Zusammenhang? Gut, gut, -- mag es sein, -- ich werde weiter damit spielen, weiter lustige, tolle Gebäude damit bauen, da _die_ fern sind, welche mir die farbigsten Steine dazu lieferten? Ich werde von der Vergangenheit im Präsens und von der Gegenwart im Imperfektum sprechen, ich werde Märchen erzählen und daran glauben, Wahres zu einem Märchen machen, und zuerst die bekritzelten Blätter des Meisters Strobel der Chronik anheften! Hier sind sie:

#Strobeliana#