Die Chronik der Sperlingsgasse

Part 10

Chapter 103,460 wordsPublic domain

Lange Jahre waren hingegangen, seit ich meine Vaterstadt nicht gesehen hatte, und ganz wehmütig gestimmt, schritt ich in der Abenddämmerung durch die alten bekannten Gassen der Altstadt. Da lag das Haus meiner Eltern; -- Fremde wohnten darin. Ich lugte durch die Ritze eines Fensterladens und sah zwei Kinder, die allein am Tische bei der Lampe saßen; sie waren sehr eifrig in ein Gänsespiel vertieft, und ich dachte an unsere Jugend, Nannerl, und das Herz ward mir immer schwerer, -- Seidelgasse Nr. 20, da stand ich nun vor einem andern Haus. Dort hing ein altes wohlbekanntes Schild: >^Pümpel's Buchhandlung^< darauf gemalt. Der Laden war bereits geschlossen, der Onkel jedenfalls schon im Hofbräuhaus; ein Lichtschein erhellte noch die Fenster des obern Stockwerks.

Ich wagte kaum die Klingel zu ziehen. Endlich tat ich's aber doch. Mein Gott, ebenso jämmerlich klang die Glocke schon vor zehn Jahren. Schlürfende Schritte näherten sich -- die Tür ging auf; wahrhaftig da war sie noch, die dicke Waberl, eher jünger als älter! Der Pudel und ich hätten sie beinahe über den Haufen geworfen; sie kannte mich nicht und stand starr vor Schrecken und Verwunderung, als ich mit meinem vierbeinigen Begleiter in zwei Sätzen die Treppe hinauf war.

Eine kleine runde ... (Au, mein Ohr! Hör' einmal, Nannette, das ist das Ohr, in welches es bei mir >hineingeht<, was wird das für eine Ehe abgeben, wenn Du mir das abkneifst. Nannette, ich würde in Deiner Stelle mal das andere, zu welchem es >herausgeht<, nehmen!) Dame trat mir entgegen:

>Der Vater ist nicht zu Haus, mein Herr!< -- -- -- Ich antwortete nicht, sondern nahm ihr das Licht aus der Hand, -- die kleine runde Dame erschrak ebenfalls gar sehr, -- und hielt es so, daß mir der Schein voll ins Gesicht fiel.

>Herr Gott, der Vetter Heinrich!< rief die kleine rrr Dame (Nannette, sag' mal, ich glaube, ich habe Dir in dem Augenblick einen Kuß gegeben?)

>O welch' abscheulicher Bart -- -- und eine Brille trägt er auch! Waberl, Waberl, schnell nach dem Bräuhaus: der Vetter Wimmer sei da!<

Ja, er war da, der Vetter Heinrich Wimmer, und der alte Onkel kam auch; er umarmte den Landläufer und steckte ihn in seinen Sonntagsschlafrock; er wollte -- -- ja, was wollte er nicht alles! Der Pudel sprang wie toll und machte sogleich, als ein vernünftiger Köter, Freundschaft mit dem dicken Pümpelschen Kater Hinz.

Und dann -- dann ward ich Redakteur der >Knospen<, unter der Bedingung, den fatalen politischen Husten vorher erst auszuschwitzen; dann ward ich von Deinem Papa, meinem guten, dicken, vortrefflichen Onkel in den deutschen Buchhandel >eingeschossen<, und dann -- -- -- Nun, Nannette, und dann? -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- _Meine Herren und Freunde, was hab' ich Ihnen da geschrieben!_ -- So geht's, wenn man verlobt ist und neben seiner Braut einen Brief schreiben will! Die reine Unmöglichkeit! Statt eines soliden, nach allen Regeln der Logik und Briefschreibekunst abgefaßten Berichts, schmiere ich Ihnen meine Unterhaltung mit dem Frauenzimmer. 's ist göttlich!

Nun -- was tut's? Die Hauptmomente meiner Geschichte habt Ihr doch bei der Gelegenheit erfahren. Ich habe eine neue Seite meines Lebens aufgeschlagen; und wer hat diese ^vita nuova^ bewirkt? Der edle Polizeikommissar Stulpnase nebst seinen Myrmidonen und -- meine kleine Beatrice, genannt Nannette Pümpel! Gesegnet sei das Haus ^Pümpel et Comp.^ bis ins tausendste Glied!! --

Ich schließe. Meine ^gentilissima^ verlangt ebenfalls Platz auf diesem Bogen. Mich soll's wundern, was sie schreiben wird, ihre Augen leuchten gar arglistig.

Dr. Wimmer.

_Liebe, kleine Elise!_

Obgleich wir uns noch nicht mit Augen gesehen haben, so kann ich doch halt nicht unterlassen, Dir, Herz, diesen ganz kleinen Brief zu schreiben, der böse Mensch hat nicht viel Raum übergelassen. So ganz böse freilich ist er doch nicht, denn er hat mir viel Gutes und Schönes von Dir erzählt, aber sage doch den beiden Herren, die ich auch nicht kenne, daß sie das törichte Zeug, was er alles geschrieben hat, halt nicht alles glauben. Ich hab' ihn durchaus nicht so viel ins Ohr gekneift, als er sagt. -- Liebes Kind, Ihr müßt uns einmal alle besuchen. Ich habe zwei Kanarienvögel und einen Stieglitz, der sich sein Futter selbst herauf zieht. Ich hätte Dir gern eins von den Vögelchen geschickt, aber der Onkel Doktor meint, sie könnten das Fahren nicht vertragen, das könnte selbst sein häßlicher Puhdel nicht. Es ist nur gut, daß das schwarze Tier sich so vor meinem schönen bunten Hinz fürchtet; sie beißen sich zwar halt nicht, aber sie sehen sich oft schief an von der Seite. Liebes Kind, besuche uns einmal und grüße den Herrn Onkel Wachholder und den Herrn Lehrer recht schön;

Deine unbekannte Freundin _Nannette P._

^P. Scr.^ Verehrtester, überreichen Sie doch meiner dicken Freundin, der Madam Pimpernell, beifolgende drei Fünftalerscheine; da wird ein noch zu tilgender Schuldenrest sein.

Dr. W.

^P. Scr.^ Ich muß in die Küche, sonst hätte ich mich eben noch recht über den Doktor zu beklagen. Er ist recht böse. Gestern hat er sein Tintenfaß über meine beste Tischdecke gegossen. Das geht mein Lebtag nicht wieder heraus! -- Aber das ist das wenigste. -- 's ist nur gut, daß ich den Tabaksdampf gewohnt bin, auch mein Papa macht furchtbare Wolken, und die Gardinen müssen nun noch einmal so bald gewaschen werden. Adieu!

_Nannette._

^P. Scr.^ Der Onkel Pümpel hat sich's in den Kopf gesetzt, dem armen >Puhdel<, wie Nann'l schreibt -- auf seine alten Tag' noch das »Todstellen« beizubringen.

Dr. W.

^P. Scr.^ Bier mag er schon! (Ich meine halt den Pudehl -- so wird's wohl recht geschrieben sein) Gott, ich muß wirklich in die Küchen!

N.

^P. Scr.^ Nannette ist fort! Meine lieben Freunde, ich bin sehr glücklich und fidel! Ich hoffe auf baldige Nachrichten von Euch allen. Gruß und Brüderschaft!

Euer _H. Wimmer._«

Welchen Jubel hatte einst dieser Doppelbrief mit seinen Postskripten in der Sperlingsgasse erregt! Wie tanzte an jenem Augustnachmittag im Jahre 1841, als er ankam, der Lehrer Roder mit der kleinen Elise im Zimmer herum! Heute, wo ich ihn wieder hervorsuchte, ist weder Roder bei mir, -- sie haben ihn im Jahr Achtzehnhundertundneunundvierzig nach Amerika gejagt, _sie fürchteten_ sich gewaltig vor ihm -- noch guckt das kleine Lischen, auf einem Stuhl stehend, mir über die Schulter. Aber allein bin ich doch nicht beim Wiederlesen; trotz dem Regen hat sich der Zeichner Strobel herausgewagt und ist, da das Glück dem Kühnen lächelt, wohlbehalten, wenn auch etwas durchnäßt, bei mir angekommen.

»Es ist ein prächtiges Ehepaar geworden,« sagte er lächelnd, indem er mir die Nadel einfädelte, mit welcher ich das Dokument der Chronik anheften wollte. »Seit der Doktor den bösen politischen Husten, der ihn sonst plagte, losgeworden ist, hat er einen Umfang gewonnen, dem nur das Embonpoint der kleinen fidelen Frau Doktorin Nannerl nahe kommt. Und diese kleinen fetten Wimmerleins: Hansl, Fritzl und Eliserl, »das jüngste Wurm«, wie der Doktor sagt! -- Und diese Nachkommenschaft des edeln Rezensent! -- Für jedes Wimmerlein ein Pudel, einer immer schwärzer und schnurrbärtiger als der andere. Wie heißen sie doch? Richtig: Stulpnas (gewöhnlich Stulp abgekürzt), Tinte und Quirl. Es ist ein Schauspiel für Götter, die Familie spazieren gehen zu sehen. Voran schreitet der Doktor mit dem alten Großvater Pümpel, dann folgen Tinte und Quirl, die den Korbwagen ziehen, in welchem das »Kroop« Elise liegt. Neben ihnen trabt Stulp mit des Doktors Hut und Stock, und zuletzt kommt die Nannerl, an der Rechten den Hans, an der Linken den Fritz. Von Zeit zu Zeit treibt sie mit dem Sonnenschirm das Paar der Zugtiere an oder ruft dem Doktor zu:

»Wimmer, Du wirst gleich Dein Taschentuch verlieren!«

oder:

»Wimmer, renne nicht so mit dem Vater. Wir kommen halt nicht mit!«

oder:

»Wimmer, Stulp hat nur noch Deinen Stock!«

Dann dreht sich der Doktor gravitätisch um, wirft einen Feldherrnblick über den langsam daher ziehenden Heereszug, pustet und fächelt, knöpft die Weste auf, bindet das Halstuch ab, oder zieht wohl gar den Rock aus und sagt:

»Schatz, das Spazierengehen müssen wir aufstecken. Beim Zeus! es wird zu angreifend für unsereinen! -- Stulp, Schlingel, hol' meinen Hut -- dort ^allons^!«

Während nun der Zug so lange hält, bis Stulp mit dem Verlorenen zurückkommt, sagt der Alte wohl:

»Heinerich, paß auf, das neue Komplimentierbuch geht nicht!«

»Weshalb nicht, Papa?«

»Wir sind hier zu Lande nicht recht daran gewöhnt!« lautete die Antwort.

»Das weiß ich schon aus den Nibelungen und dem Parcival,« sagt der Doktor, eine gewaltige Rauchwolke auspuffend. »Es soll aber schon >gehen<, Onkel und Schwiegerpapa Pümpel! Das Ungewohnte und Ungewöhnliche macht am meisten Glück. Fritzl, laß den Frosch in Ruhe, setz' ihn wieder ins Gras, sonst kriegst Du ihn gebraten zum Abendessen, was keinem jungen Bayern angenehm sein kann! -- Vorwärts! ^Yankee doodle doodle dandy^!« Damit setzt sich das Haus Pümpel & Komp. wieder in Marsch.

Ich lachte herzlich über diese Schilderung. »Es wachse, blühe und grüne das Haus Pümpel & Kompagnie wie -- wie -- --«

»Hopfen! -- Vivat hoch!« schrie der Zeichner, nahm den Hut und trabte wieder davon. Wo er gesessen hatte, stand ein kleiner Sumpf Regenwasser: einen Schirm brauchte ich ihm also nicht anzubieten.

Abends 11 Uhr.

Wie traurig hat dieser Tag geendet! Ich wollte die Geschichte der armen Tänzerin über mir, die wir einst auf den Weihnachtsmarkt begleiteten, nicht erzählen aus Furcht, diesem Bilderbuch eine dunkle Seite mehr zu schaffen, aber die unsichtbare Hand, welche die gewaltigen Blätter des Buches _Welt und Leben_, eins nach dem andern umwendet, mit ihren zertretenen Generationen, gemordeten Völkern und gestorbenen Individuen, will es anders, als der kleine nachzeichnende Mensch. Dunkel wird doch dieses Blatt, dunkel -- wie der Tod!

»Herr Wachholder,« sagte die Frau Anna Werner, die um neun Uhr abends an meine Tür klopfte. »Herr Wachholder, das Kind der Tänzerin stirbt in dieser Nacht! Der Doktor Ehrhard, der eben oben ist, hat's gesagt. Ist's nicht schrecklich, daß die Mutter in diesem Augenblicke tanzen muß? Sie haben ihr nicht erlauben wollen, die schlechten Menschen, wegzubleiben diesen Abend: es wäre heute der Geburtstag der Königin, sie _müsse_ tanzen!«

Arme, arme Mutter! Ein hübscher, leichtsinniger Schmetterling, gaukeltest du, bis die Verführung kam und siegte. Verlassen, verspottet, suchtest du dein Glück nur in den Augen, in dem Lächeln deines Kindes und jetzt nimmt dir der Tod auch das!

Arme, arme Mutter! Mit geschminkten Wangen und dem Tod im Herzen zu tanzen! Du hörst nicht die tausend jubelnden Stimmen der Menge, du hörst nicht die rauschende Musik: das Ächzen des winzigen sterbenden Wesens in der fernen Dachstube übertönt alles. -- Ich steige die enge, dunkle Treppe hinauf, die zu der Wohnung der Tänzerin führt. Frau Anna und der gute, alte Doktor Ehrhard sitzen an dem Bettchen des kranken Kindes. Eine verdeckte Lampe wirft ein trübes Licht über das kleine Zimmerchen! hier und da liegt auf den Stühlen phantastischer Putz; eine schwarze Halbmaske unter den Arzneigläsern auf dem Tische. Der Doktor legt das Ohr dem Knaben auf die Brust und lauscht den schweren, ängstlichen Atemzügen; ich stehe am Fenster und horche in die Nacht hinaus. Der Regen schlägt noch immer gegen die Scheiben; aus einem Tanzlokal der niedrigsten Volksklasse dringen die schrillen, schneidenden Töne einer Geige bis hier herauf. -- Jetzt zieht der Doktor die Uhr hervor und sagt leise und ernst:

»Sie muß sich beeilen!«

Das Kind stöhnt in seinem unruhigen Schlaf; die Hand des Todes drückt schwer und schwerer auf das kleine, unwissende Herz, dem sich gleich ein Geheimnis enthüllen wird, vor welchem alle Weisheit der Erde ratlos steht.

Auf der Sophienkirche schlägt es dumpf Zehn. Der Wind macht sich plötzlich auf und rüttelt an den schlechtverwahrten Fenstern. Die Februarnacht wird immer unheimlicher und düsterer.

Unter Blumenkränzen sich verneigend, steht jetzt im Theater die große, berühmte Künstlerin, die Menge jubelt und klatscht Beifall; der König, die Königin, das Publikum haben sich erhoben; -- der schwere, goldbesternte Vorhang rollt langsam nieder. Die bleiche Königin ist müde in ihren Wagen gestiegen; die große Künstlerin nimmt die Glückwünsche und Schmeicheleien der sie Umgebenden in Empfang; leer wird das eben noch so menschengefüllte Opernhaus und -- die arme Choristin ist halb bewußtlos an einer Kulisse zu Boden gesunken, um, wie aus wildem Traume zu noch wilderer Wirklichkeit erwachend, mit dem herzzerreißenden Schrei: »mein Kind! mein Kind!« fortzustürzen. -- Wir in dem kleinen Dachstübchen haben das nicht gesehen, nicht gehört, aber jeder kürzer werdende Atemzug des sterbenden Kindes sagte uns, was dort in dem lichterglänzenden, musikerfüllten Gebäude am anderen Ende der großen Stadt geschehe.

Horch! Ein Wagen rasselt heran; er hält drunten.

»Die Mutter,« sagt der Doktor aufstehend. »Es war Zeit!«

Ein eiliger Schritt kommt die Treppe herauf; eine Frau, in einen dunkeln Mantel gehüllt, erscheint todbleich und atemlos in der Tür. Sie läßt den regenfeuchten Mantel fallen, und im phantastischen Kostüm der Teufelinnen, wie wir es in Satanella sahen, stürzt sie auf das Bettchen zu.

»Mein Kind! Mein Kind!« flüstert sie, in gräßlicher Angst den Doktor ansehend. Sie beugt sich, sie hört den leisen Atem des Kindes: Es lebt noch! -- Das schwarze Lockenhaupt mit dem Flitterputz von Glasdiamanten und feuerroten Bändern sinkt auf das ärmliche Kissen.

»Mama! liebe Mama!« stöhnt das sterbende Kind, mit dem kleinen fieberheißen Händchen durch die schwarzen Haare der Mutter greifend, daß die Steine darin blitzen und funkeln. -- -- Jetzt läuft ein Schauer über den kleinen Körper -- -- --

»Vorüber!« -- sagt der alte Doktor dumpf, mir die Hand drückend.

Frau Anna und eine Nachbarin blieben die Nacht bei der armen bewußtlosen Mutter.

Am 7. März.

Gestern Nachmittag begannen die schweren Regenwolken, die wochenlang über der großen Stadt gehangen hatten, sich zu heben. Sie zerrissen im Norden wie ein Vorhang und wälzten sich langsam und schwerfällig dem Süden zu. Ein Sonnenstrahl glitt pfeilschnell über die Fenster und Wände mir gegenüber, um ebenso schnell zu schwinden; ein anderer von etwas längerer Dauer folgte ihm, und jetzt liegt der prächtigste Frühlingssonnenschein auf den Dächern und in den Straßen der Stadt. Wahrlich, jetzt gleicht die Stadt nicht mehr einem scheuergeplagten Ehemann; sie gleicht vielmehr seiner besseren Hälfte, die nun ihre Pflicht getan zu haben meint, erschöpft auf einen Stuhl zum Kaffeetrinken niedersinkt und lispelt: »Puh! hab' ich mich abgequält, aber Gottlob, nun ist's auch mal wieder rein!«

Ja, rein ist's! Verschwunden ist der Schnee, der zuletzt doch gar zu grau und unansehnlich geworden war; viel mißmutige, verdrossene Gesichter haben sich aufgehellt, und -- die kleine Leiche von oben ist fort. Die alte Großmutter Karsten hat auch ihr nachgeblickt; sie hat die arme Mutter auf die Stirn geküßt, als man den Sarg hinabtrug, und hat, gleichsam als wundere sie sich über etwas, lange das Haupt geschüttelt. Wer weiß, wie viele jüngere Leben sie noch dahin schwinden sieht.

Ich habe diese Blätter, glaub' ich, einmal ein Traumbuch genannt; -- wahrlich, sie sind es auch.

Wie Schatten ziehen die Bilder bald hell und sonnig, bald finster und traurig vorüber. Jetzt ist der dunkle Grund, aus dem sie sich ablösen, ganz bedeckt von Leben und Jubel; jetzt taucht wieder die unheimliche finstere Folie auf. Die Freude verstummt, der Jubel verhallt, es ist tote Nacht allenthalben, die nur dann und wann ein Klagelaut unterbricht. Sei die Nacht aber auch noch so dunkel, ein Stern funkelt stets hinein: Elise! -- Ich brauche nur in meine alten Mappen und Erinnerungsbücher mich zu versenken, und die Gespenster entfliehen, die Nebel sinken, und es wird wieder fröhlicher Tag in mir.

_Elise!_

Die Knospe, die hundert duftige Blumenblätter in ihrer grünen Hülle einschloß, entfaltet sich wie ein süßes, liebliches Geheimnis. Noch ein warmer Kuß der Sonne, und die Centifolie, den reinen Tautropfen der Jugend und der Unschuld im Busen, ist die schönste der Erdenblüten.

Ich glaube an keine Offenbarung, als an die, welche wir im Auge des geliebten Wesens lesen; sie allein ist wahr, sie allein ist untrüglich; in dem Auge der Liebe allein schauen wir Gott »von Angesicht zu Angesicht«. Die Zunge ist schwach, und des Menschen Sprache unvollkommen; die Schrift ist noch schwächer und unvollkommener, und ein Blatt Papier zum Urquell der Erkenntnis des ewigen Geistes machen zu wollen, ist ein arm töricht Beginnen. Ich drücke die Augen zu, und -- _sie_ ist vor mir mit ihrem süßen Lächeln, _sie_ schlägt sie auf, diese großen, blauen Augen, in denen ich Trost suche und finde. Elise, Elise, nun bist du ein großes, schönes Mädchen geworden, und das Bild dort, welches dein toter Vater von deiner toten Mutter malte, gleicht einem Spiegel, wenn du so sinnend davor stehst und so süßtraurig lächelnd zu ihm emporblickst. Die wilden Spiele, die tollen Streiche in dem Hause und auf der Gasse sind vorüber (wenn auch noch nicht ganz, Schelm); wo du sonst lachtest, Elise, lächelst du jetzt, wo du sonst weintest und klagtest, senkst du jetzt die Augen und träumst: wo du sonst den Schürzenzipfel in den Mund stecktest oder die Ärmchen auf dem Rücken ineinander wandest, fliegt jetzt ein hohes Rot über deine Wangen, -- du bist eine Jungfrau geworden in den Blättern der Chronik, Elise!

* * * * *

Oftmals lässest du, vor dem Nähtischchen deiner Mutter unter der Efeulaube sitzend, die Arbeit lauschend in den Schoß sinken, das Köpfchen in das dichteste Blätterwerk verbergend. Eine helle, frische Stimme klingt dann von drüben herüber, ein Studentenlied anstimmend. Wo will Flämmchen hin, Elise? -- Einen Augenblick sitzt es auf ihrer Schulter, ihr ins Ohr zwitschernd, als habe es ihr ein wichtiges, ein gar wichtiges Geheimnis mitzuteilen, dann verschwindet es aus dem Fenster. Wo ist es geblieben?

Die Stimme drüben, die plötzlich mitten in ihrem Gesang abbricht, gibt Antwort darauf. Ein wohlbekanntes, wenig verändertes, braunes Gesicht, von dunkeln Locken umwallt, erscheint in Nr. Zwölf am Fenster; es ist der junge Maler Gustav Berg, der Vetter Gustav, der einstige Taugenichts der Gasse, jetzt ein »denkender« Künstler und, wie man munkelt, oft genug der »Taugenichts des Ateliers« beim Meister Frey in der Rosenstraße.

»Cousine, Cousine Elise! Onkel Wachholder!« ruft er. »Die Mama ist außer sich! Flämmchen hat ein Leinölglas umgestoßen, und -- Unordnung über Unordnung -- nicht nur eine sehr angenehme Verschönerung auf dem Fußboden, sondern auch eine sehr unangenehme Verbesserung auf meiner Zeichnung angebracht. Es ist keine Möglichkeit, weiter zu arbeiten! Wie wär's mit einem Spaziergang?«

Ich denke lächelnd an den Doktor Wimmer, der auch einst oft genug ähnliches von drüben herüber rief; die Chronik der Sperlingsgasse hat ihre Wiederholungen, wie alles in der Welt. -- Elise setzt ihren Strohhut auf, und wir gehen hinüber. Auf der Treppe schon empfängt uns Gustav, noch im leichten farbebeschmutzten Malrock, den Kanarienvogel auf dem Finger.

»Da ist der Verbrecher,« lacht er. »Sieh, Lischen, wie unschuldig er aussieht, gerade wie Du, die doch auch um kein Haar breit besser ist als er.«

»Was? -- Was hab' ich denn verbrochen?« fragt Elise.

»Höre nicht auf den bösen Menschen,« sagt die Tante Helene, die jetzt in der Tür erscheint.

»So; -- das ist ja prächtig, Mama! höre nicht auf den bösen Menschen! Das ist himmlisch! Onkel Wachholder, das Frauenzimmervolk hängt wie Pech zusammen; ich rufe Sie zum Richter auf. Aber kommen Sie herein, die Sache ist zu wichtig, als daß man sie auf der Treppe abmachen könnte.«

Wir treten ein, jeder sucht sich einen Platz und Gustav beginnt:

»Hören Sie zu, Onkel! Heute morgen gehe ich, mit meiner Zeichenmappe unter dem Arm, ganz solide von hier weg. Die besten Vorsätze und Gesinnungen bewegten meinen Busen, und ich rechnete mir innerlich für den immensen Fleiß, den ich heute beweisen wollte, verschiedene Bummeleien zugute. Ich wollte, ich hätte das Selbstgespräch, welches ich hielt, stenographieren können, es würde mir jetzt von großem Nutzen sein. An mancher Scylla und Charybdis, wo meine guten Vorsätze sonst dann und wann gescheitert waren, war ich diesmal glücklich vorbei gesegelt. Als mich Thomas Helldorf aus seinem Fenster anbrüllte, hatte ich mich taub gestellt, als aus Schnollys Konditorei Leopold Dunkel mir zuwinkte, hatte ich mich blind gestellt; gefühllos zu sein, hatte ich geheuchelt, als Richard Breimüller mich in die Seite stieß und mir den Arm fast ausrenkte, um mich mit zu einem großartigen Frühstück zu ziehen, welches die unmoralischen Menschen, die Freiwilligen von den Zweiunddreißigern, gaben. Ich entwickelte eine riesige Moral! Da biege ich im vollen Gefühl meiner Sittlichkeit um die Ecke, die auf den Gemüsemarkt führt und -- renne gegen einen Korb oder vielmehr eine Korbträgerin, welche mir entgegen kommt und mir ohne weiteres mit ihrem Sonnenschirm den Weg versperrt ...«

»Oh, dieser Lügner!« fällt hier Elise ein. »Wer hat Dir den Weg versperrt? Hast Du mich nicht angehalten? Hast Du mir nicht einen Korb weggenommen! Du ...«

... »Die mir also den Weg versperrt und ...«

»Verleumder! -- Hast Du mir nicht meinen ganzen Korb umgekramt und die größte Mohrrübe hervorgezogen, um sie auf der Stelle mit dem Messer ...«

... »Die mir, wie gesagt, den Weg versperrt und sagt: Sieh, das ist prächtig, Gustav; jetzt sollst Du wider Deinen Willen einmal zu etwas nützlich sein; hier, nimm meinen Korb! -- Kannst Du das leugnen, Lise?«

»Onkel, er lügt entsetzlich,« sagt Elise, »er verdreht die ganze Geschichte. Ich hätte _ihn_ doch nicht den Korb tragen lassen?! Er war es, der ihn nicht wieder herausgab, und da er noch dazu zwischen jedem Biß, den er an seine Mohrrübe tat, an einem Rosenstrauß roch, welchen er ebenfalls herausgewühlt hatte, so sagte ich: Ich habe keine Zeit mehr und ...«

»Onkel Wachholder,« unterbricht jetzt Gustav, »ich verband das Schöne mit dem Nützlichen! Mama, sind rohe Mohrrüben nicht etwa gut gegen -- gegen alles Mögliche?«

... »Ich habe keine Zeit mehr, und wenn Du den Korb einmal nicht wieder herausgeben willst, so behalte ihn und schleppe ihn, meinetwegen!«