Die Christliche Taufe im Lichte der hl. Schrift und der Geschichte von der Zeit ihrer Entstehung bis auf die Gegenwart

Part 9

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Eine Menge Fragen über die Materie der Taufe findet man, nach ~Dr.~ +Augusti+, in der scholastischen Periode aufgeworfen, die oft zu heftigen Streitigkeiten Anlaß gaben. „Die Materie der Taufe, sagen die Scholastiker, ist das Wasser. Dies bewies man mit zwölf Gründen .... Einige behaupteten wieder, daß man auch mit +Erde+ taufen dürfe, weil es scheine, daß der Mensch darin könne getauft werden, worin Christus begraben worden.“[287] Auch wurde die Frage aufgeworfen, ob man nicht mit +Luft+ taufen könne, denn „alle Gründe für das Wasser, die eindrückende Kraft ausgenommen, passen ebensogut und noch besser auf die Luft. Sie ist noch reiner und heller, zum Leben notwendiger und noch gemeiner als das Wasser.“[288]

~Dr.~ Augusti schreibt ferner: „Daß man in +Lauge+ (~lixivio~) taufen dürfe, versicherten viele berühmte Doktoren, wie Astesanus, Inguen, Pelbartus. Ihr Hauptgrund war, daß Wasser, welches durch Asche durchsickere, zwar verändert aber nicht verwandelt werde. Rubio, Paludanus u. a. aber leugneten dies und wollten nicht gestatten, daß in Lauge getauft werde.“[289]

Ferner war man der Meinung, daß man auch in +Bier+, +Honig-+ und +Rosenwasser+ taufen dürfe; ja sogar +Fleisch-+ und +Fischbrühe+ oder auch +Butter+ und +Fett+ könne dazu verwendet werden. Diese Idee vertraten besonders Thomas von Aquino, Sylvester und Astesanus.[290] Auch wurde die Frage aufgeworfen, ob man in +Schnee+, +Eis+, +Hagel+, +Reif+ und +Tau+ taufen dürfe. Diese Frage bejahten einige, andere wieder verneinten sie.[291]

Diese merkwürdigen und nicht weniger eigentümlichen Fragen erstreckten sich über die scholastische Periode hinaus, und man findet sie noch zu Luthers Zeit vor. ~Dr.~ Augusti schreibt darüber: „Selbst nach dem scholastischen Zeitalter haben diese seltsamen Fragen sich nicht ganz verloren. Es wurde Luther zum Vorwurf gemacht, daß er in seinen Tischreden sich dahin erklärte, daß man im Notfalle auch mit Wein, Milch oder Bier taufen könne. Diese gelegentliche Äußerung aber verdiente um so weniger urgiert zu werden, da Luther in seiner zweiten Taufpredigt (~T. VII, ed. Jen. p. 469~) sich bestimmt gegen den Gebrauch des Weins, Biers, der Lauge und anderer Dinge, und allein das Wasser als das von Christus verordnete Element der Taufe erklärt.“[292]

Den Reformatoren des 16. und 17. Jahrh. haben wir es allein zu verdanken, daß sie das Althergebrachte umstürzten und mit den unbiblischen Gewohnheiten und Sitten der Kirchenlehrer des Mittelalters aufräumten.

Die stellvertretende Taufe der Lebenden für die Toten.

Schon recht früh findet sich die merkwürdige Sitte vor, daß sich Lebende in Stellvertretung für ungetauft Verstorbene taufen ließen. Daß schon zur Zeit des Apostels Paulus dieser seltsame Gebrauch vorhanden war, geht klar aus 1. Kor. 15, 29 hervor, wo er ihn zu seiner Beweisführung für die Auferstehung der Toten benutzt, indem er schreibt: „Was machen sonst die, welche um der Toten willen sich taufen lassen, wenn die Toten überhaupt nicht auferstehen? Warum lassen sie sich um derselben willen taufen?“[293] Stehen die Toten nicht auf, warum dann noch etwas zugunsten derselben vornehmen! Es ist ja mit dem Tode alles vorüber, alles aus. Eine solche Handlung ist dann unnütz. Dies wäre der richtige Sinn dieses Verses.

Da der Apostel diesen Mißbrauch nicht tadelt, bringen einige Gelehrte die irrige Meinung zum Ausdruck, daß sich diese Sitte in der Gemeinde zu Korinth gebildet hätte und so nach und nach allgemein als eine christliche Handlung angesehen worden wäre.[294] Wie man zu einer solchen Annahme kommen kann, ist für uns unbegreiflich. Erstens haben wir für eine solche Taufe keinen Befehl und auch keine Verheißung in der Schrift. Wie Gott von einem Menschen, der seinen Willen weiß, einen persönlichen Glauben fordert, ebenso verlangt er auch eine +persönliche+ Taufe, denn es steht geschrieben: „Tut Buße und lasse +sich ein jeglicher+ taufen.“[295] Zweitens liegt im Text selbst der unumstößliche Beweis dafür vor, daß ein Gebrauch dieser Art nicht in der Gemeinde Gottes, sondern +außerhalb+ derselben ausgeübt wurde. Man achte bitte auf die Fürwörter, die der Apostel im Laufe seiner Argumentation über die Auferstehung des Leibes gebraucht. „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist +unsre+ Predigt vergeblich, so ist auch +euer+ Glaube vergeblich. +Wir+ würden aber auch erfunden falsche Zeugen Gottes... Hoffen +wir+ allein in diesem Leben auf Christum, so sind +wir+ die elendesten Menschen... Was machen sonst +die+, welche um der Toten willen sich taufen lassen, wenn die Toten überhaupt nicht auferstehen? Warum lassen +sie+ sich um derselben willen taufen?“[296] Während Paulus hier, wenn er von der Gemeinde redet, die Fürwörter „+wir+“, „+unser+“, „+euer+“, „+ihr+“ gebraucht, benutzt er im 29. Vers die dritte Person „+die+“, „+sie+“. Wenn nun die stellvertretende Taufe der Lebenden für die Toten in der Gemeinde geübt worden wäre, wie ja viele behaupten wollen, so müßte der Wortlaut des 29. Verses unbedingt folgender sein: Was machen sonst +wir+, die +wir+ uns für die Toten taufen lassen? Wenn Tote doch nicht auferstehen, warum lassen +wir+ uns dann noch taufen für sie? Aber es heißt: „Was machen sonst +die+, welche um der Toten willen sich taufen lassen.... Warum lassen +sie+ sich um derselben willen taufen?“

Die Tatsache ist also die, daß es schon im apostolischen Zeitalter Leute gab, die sich zugunsten der Verstorbenen taufen ließen, welche aber die Auferstehung der Toten leugneten. ~Dr.~ Bernhard +Weiß+ bemerkt zu dieser Stelle: „Zum Abschluß macht Paulus einige praktische Anwendungen von seiner Erörterung. Es muß auch bei denen, welche eine Auferstehung leugneten, vorgekommen sein, daß man sich zum Besten ungetauft verstorbener Angehöriger taufen ließ in der Hoffnung, daß diese Taufe ihnen zugute kommen, den Mangel ihrer Taufe ersetzen werde. Der Apostel enthält sich jedes Urteils über diesen abergläubischen Gebrauch, der doch jedenfalls von wärmster Fürsorge für das Heil geliebter Verstorbener zeugte. Ihm kommt es nur darauf an zu zeigen, wie die Auferstehungsleugnung die heiligsten christlichen Gefühle verletze, da ja, wenn Tote überhaupt nicht auferstehen, man auch nichts mehr zu ihrem Besten tun kann.“[297]

Die Sitte der stellvertretenden Taufe verpflanzte sich auch in die nachapostolische Zeit und hat sich bei mehreren häretischen Sekten und Parteien, besonders aber bei den +Marcioniten+ noch Jahrhunderte hindurch erhalten. +Tertullian+ weist in seiner Schrift „Über die Auferstehung des Fleisches“, Kap. 48, auf sie hin, und in seinem Buch gegen Marcion erklärt er diesen Gebrauch als eine Nachahmung der bei den heidnischen Römern im Februar üblichen Totenopfer.[298] Bischof +Epiphanius+ (gest. 403) berichtet in seinem Brief „Wider die Ketzereien“ von den +Kerinthianern+, einer Sekte, die im letzten Viertel des apostolischen Zeitalters durch Kerinth ihren Anfang nahm.[299] „Wir sind auch berichtet, daß einige derselben [Kerinthianer] ohne Taufe gestorben seien, andere aber sich für sie auf ihren Namen taufen lassen, damit sie nicht einst bei der Auferstehung über der nicht empfangenen Taufe gestraft werden und unter die Gewalt des Weltschöpfers kommen. Dahin erklären wenigstens einige die Taufe über den Toten, wovon der Apostel in dem angezogenen Kapitel (1. Kor. 15) geredet hat.“[300]

Interessant ist der Vorgang bei dieser Vikariatstaufe. +Chrysostomus+ (gest. 407) schildert ihn, indem er von den +Marcioniten+ berichtet, mit folgenden Worten: „Ist bei ihnen ein Katechumen gestorben, so verstecken sie einen Lebenden unter dem Bette des Verblichenen; dann treten sie vor den Toten, reden ihn an und fragen ihn, ob er getauft werden wolle. Da nun dieser nicht antwortet, so spricht der unter dem Bette Versteckte, daß er getauft werden wolle; und so taufen sie diesen anstatt des Verblichenen und treiben damit Komödie.“[301]

Auch in neuerer Zeit gibt es eine christliche Gemeinschaft, die im Jahre 1830 in Amerika ihren Anfang nahm, die +Mormonen+, welche die Taufe für die Toten ausüben und diese Handlung irrtümlicherweise durch die fragliche Stelle 1. Kor. 15, 29 rechtfertigen.[302]

Aber nicht nur, daß man Lebende an Stelle der Verstorbenen taufte, sondern die Verirrungen gingen so weit, daß leichtgläubige Priester sogar Tote selbst tauften und ihnen das Abendmahl spendeten, da man, wie Leutwein bemerkt, der Meinung war, daß die Taufe Unsterblichkeit bewirke.[303] Daß dies schon im 4. Jahrh. an manchen Orten dem kirchlichen Aberglauben nicht fern geblieben war, ergeht aus einer Äußerung des Gregor von Nazianz (gest. 390).[304] Auch Philastirus berichtet, daß die Kataphrygier und Montanisten die Toten taufen.[305] Ebenso bestätigt dies das Verbot der Synode zu Hippo im Jahre 393, wo beschlossen wurde, Kanon 4: „Den Leichnamen Verstorbener soll die Eucharistie nicht gegeben und die Taufe nicht erteilt werden.“[306] Das III. Konzil zu Karthago im Jahre 397, Kanon 5, erließ ein gleiches Verbot.

Ist außer dem Glauben auch noch die Taufe zur Seligkeit notwendig?

Hat einerseits die Kirche des Altertums sowie auch die spätere der Taufe allerlei magische Wunderkraft zugeschrieben und damit den lächerlichsten Aberglauben verbunden, so gab es auch solche, welche die Taufe für gänzlich überflüssig hielten und behaupteten, daß der Glaube zur Seligkeit völlig hinreiche. Diese letzte Meinung gab auch Tertullian die Veranlassung, seine Abhandlung „Über die Taufe“ gegen eine Frau namens Quintilla aus der häretischen Partei des Cajus zu schreiben. Tertullian hält die Taufe für eine „Besiegelung“ oder „als äußere Hülle für den Glauben“. Aus Joh. 3, 5 in Verbindung mit Matth. 28, 19 leitete er die Notwendigkeit der Taufe zur Seligkeit ab.[307] In der Geschichte des Mittelalters findet man ebenfalls des öfteren die Idee vertreten, daß, wo ein tiefer und reiner Gottesglauben vorhanden ist, die Taufe überflüssig sei.

Im Reformationszeitalter traten Männer auf, die dieselbe Meinung hatten. So verwarf +Schwenckfeld+ (gest. 1561) die Wassertaufe und lehrte, „daß die Menschen nur durch den Glauben und nicht durch die Taufe selig würden“.[308]

Dieser Behauptung begegnet man auch in unsern Tagen noch sehr oft. Nun fragt sich’s, ob diese Lehre einen Schriftgrund hat oder ob sie nur auf Menschenmeinung beruht. Einige Stellen des N. Testaments sollen uns über diese Frage Klarheit geben. Zuerst sei hier die Taufe Jesu angeführt. Er, das reine und unbefleckte Gotteslamm, der sicher mehr Glauben besaß als je ein Sterblicher, ließ sich taufen und bezeugte ihre Notwendigkeit, indem er sagte: „Also gebühret es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“[309] Auch im Taufbefehl selbst liegt ein klarer Beweis dafür vor, daß außer dem Glauben die Taufe erforderlich ist. Da lesen wir: „Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur. Wer da +glaubet und getauft wird, der wird selig werden+.“[310] Die Taufe ist hier außer dem Glauben dem Menschen von Christo als eine unerläßliche Pflicht zur Seligkeit gemacht. Auch nicht das mindeste liegt in den Worten Jesu, was uns zu einer Einschränkung der Taufe berechtigen oder veranlassen könnte.

Paulus bekehrte sich und wurde an Christum gläubig, aber dies genügte nicht -- er mußte sich auch noch taufen lassen. Dies war es auch, was ihm der Herr auf seine Frage hin: „Herr, was willst du, daß ich tun soll?“ befahl: „Stehe auf und gehe in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst,“[311] nämlich sich taufen zu lassen, was ihm einzig noch fehlte. Diese Tatsache bestätigt Paulus auch durch die Erzählung seiner Bekehrungsgeschichte.[312] All die vielen Neubekehrten und an Jesum gläubig gewordenen Seelen, von denen wir in der Apostelgeschichte berichtet finden, sind stets auch getauft worden. Auch nicht ein einziger Fall wird angeführt, woraus zu ersehen wäre, daß in der apostolischen Kirche der Glaube als genügend erachtet wurde.[313]

Macht die Geistestaufe die Wassertaufe überflüssig?

Inmitten der östlichen wie auch der westlichen Kirche gab es freidenkerische Parteien, welche zuerst -- und dies mit vollem Recht -- die unzähligen abergläubischen Gebräuche der Kirche verachteten, später aber unberechtigterweise auch die Taufe verwarfen mit der Begründung, daß nur die Geistestaufe nötig sei. „Unter den Griechen,“ schreibt +Ruperti+, „waren es im 12. Jahrh. die +Bogomilen+, die +Messalianer+ und +Euchyten+; in der lateinischen Kirche die aus den +Paulicianern+ entstandenen sogenannten +Manichäer+, welche sich vom 11. und 12. Jahrh. an aus dem griechischen Reiche in Italien, Frankreich, den Niederlanden, England und Deutschland ausbreiteten.“ „Sie nannten die gewöhnliche Taufe der Kirche eine bloße Wassertaufe, rühmten dagegen das Sakrament des Händeauflegens, welches sie die geistige Taufe nannten, weil dadurch der Geist mitgeteilt und die Sünde vergeben werde. Sie tauften daher diejenigen, welche zu ihrer Partei übertraten, ohne Gebrauch des Wassers, durch Berufung des hl. Geistes, Singen des Vaterunsers und Händeauflegen.“[314]

Die +Quäker+, welche im Jahre 1649 in England entstanden, verwerfen ebenfalls die Wassertaufe und lehren, daß dieselbe anfänglich nur eine Abbildung der innern und geistigen Taufe dargestellt habe, für die jetzige christliche Kirche aber nicht mehr bindend wäre. Die einzige wahre und notwendige Taufe sei die Taufe mit dem hl. Geist. Diese ihre Lehre steht aber im krassesten Gegensatz zu den klaren Vorschriften des Wortes Gottes. Jesus gebot den Jüngern die Taufe.[315] Die erste Predigt auf Grund dieses Befehles ist uns durch Lukas in Apg. 2 wiedergegeben. Da wird durch Petrus die Taufe zur +Bedingung+ der Verheißung des hl. Geistes gemacht. „Die Gabe des Geistes“ ist die verheißene Segnung. Buße und Taufe sind die gebotenen Pflichten, um die verheißene Segnung zu empfangen.

Petrus, der auf besondere Anweisung des Herrn in das Haus des Kornelius ging, predigte unter Leitung des Geistes demselben sowie allen, die sich im Hause versammelt hatten. Die Wirkung und das Ergebnis dieser Predigt war, daß der hl. Geist auf alle fiel, die dem Worte zuhörten. Aus der Anordnung Petri, welche er nach diesem gab, geht hervor, daß die Geistestaufe nicht allein genügte, vielmehr aber das Empfangen derselben ein Beweis dafür ist, daß die Wassertaufe am Platze sei. Er sagt: „Mag auch jemand das Wasser wehren, daß diese nicht getauft werden, die den hl. Geist empfangen haben gleichwie auch wir? Und befahl, sie zu taufen in dem Namen des Herrn.“[316]

Paulus kam auf seiner dritten Missionsreise nach Ephesus, wo er etliche Jünger fand, die den hl. Geist noch nicht empfangen hatten. Der Apostel unterrichtete sie zunächst gründlich im Evangelium, dann wurden sie auf sein Gebot hin getauft, und erst nachdem sie getauft waren, legte der Knecht Gottes die Hände auf sie und erflehte so den hl. Geist Gottes auf die Neugetauften herab.[317] Die Reihenfolge in bezug auf die Pflicht und die Gabe ist hier dieselbe, welche wir auch von Petrus in Apg. 2, 38. 39 beobachtet finden.

Wir könnten derartige Beispiele noch mehr aus der Schrift als Beweis, daß die Geistestaufe niemals die Wassertaufe überflüssig macht, anführen, doch glauben wir, daß die bereits zitierten vollständig genügen werden. Diejenigen, welche die Wassertaufe verwerfen, verwerfen den, der sie geboten hat und verachten den hl. Geist, der durch Jesum wirkte. Die Weisheit solcher Menschen ist in diesem Falle nicht in Übereinstimmung mit dem Worte Gottes und kann deshalb nicht von obenher sein.

Wir glauben so fest wie irgend jemand an die Notwendigkeit, den hl. Geist zu besitzen. Aber ebenso sicher sind wir auch davon überzeugt, daß ihn Gott nur da geben kann, wo Achtung und Gehorsam vor seinen heiligen Geboten und Vorschriften vorhanden ist. Ungehorsam ist eine Zaubereisünde, betrübt den hl. Geist und verwirkt den Segen.

Die Kindertaufe.

Nachdem wir bis hierher den werten Leser, der sich unserer Führung anvertraute, mit der Untersuchung der Taufe der Erwachsenen beschäftigten, und ihn größtenteils mit den verschiedenen damit in enger Verbindung stehenden biblischen sowie menschlichen Sitten und Gebräuchen bekannt machten, wollen wir durch Nachfolgendes ihn kurz in die Geschichte der Kindertaufe einführen. Und da sie ja in der allgemeinen christlichen Kirche einen so gar wichtigen Platz einnimmt, so hoffen wir, daß der behandelten Frage volles Interesse entgegengebracht wird.

Die Lehre und die Praxis in bezug auf diese kirchliche Einrichtung war seit den Tagen ihrer Entstehung bis in die Gegenwart herein stets ein Gegenstand mannigfacher Anzweiflung und Anfeindung. Wo man einerseits mit Nachdruck ihre Notwendigkeit geltend macht und ihre Bedeutung für das christliche Leben über alles hoch erhebt, da ist man andererseits, als man für eine so wesentliche und wichtige Sache auch klare Aussprüche des Herrn selber und seiner Vertreter, der Apostel, herbeiführen wollte, in Konflikt geraten, da es eben auf letzterem Wege unmöglich ist, diese Praxis zu rechtfertigen und aufrechtzuerhalten. Selbst bei Männern aus dem Bereich ein und derselben Kirche, mögen wir nun die katholische oder protestantische nehmen, ganz gleich, gehen die Ansichten in diesem Punkt weit auseinander.

In der reichhaltigen Literatur über die Kindertaufe kann man vielfach ein starkes Bestreben beobachten, dieselbe als eine apostolische Praxis hinzustellen, und man ist bei diesem Versuch bemüht, dies mit der hl. Schrift und der Wissenschaft in Einklang zu bringen. Es wird also die Untersuchung nach der Richtung hin vorzugsweise zu führen sein, ob die Kindertaufe auch wirklich biblisch und historisch als ein von Christo gebotener und den Aposteln ausgeübter Gebrauch begründet und nachzuweisen ist.

Haben die Apostel Säuglinge getauft?

Wir sind bei der Beantwortung dieser nicht unbedeutenden Frage durchaus nicht auf Hypothesen angewiesen, sondern uns stehen die reinsten und unverfälschtesten Geschichtsquellen zur Verfügung, denen wir zu jeder Zeit unser volles Vertrauen entgegenbringen können, nämlich die Schriften der Apostel. Sie allein können uns die zuverlässigste Antwort auf unsere Frage geben, denn in ihnen finden wir die genauesten Berichte von dem, was die Träger des Evangeliums taten und lehrten, und da sie auch auf die unbedeutendsten Punkte der christlichen Lehre aufmerksam machten und sie einer genauen Erörterung unterzogen,[318] so muß auch unbedingt eine so wesentliche Einrichtung wie die Kindertaufe, wenn sie eine apostolische Praxis war, Erwähnung in den apostolischen Briefen finden.

Die Frage wäre nun, finden sich im N. Testament Aussprüche, die uns das Vorhandensein der Säuglingstaufe im apostolischen Zeitalter bestätigen? Diese Frage wird von verschiedenen Seiten bejahend beantwortet. Katholiken wie Protestanten pflegen aber nicht nur dieselben Beweisstellen anzuführen sondern auch dieselbe Methode dabei zu verfolgen. Unterziehen wir deshalb die zur Begründung dieser Behauptung herangezogenen Stellen einer genauen und unparteiischen Untersuchung.

Zunächst wäre Mark. 10, 13-16 näher ins Auge zu fassen. Wir lesen hier, daß Mütter ihre Kinder zu Jesu brachten mit dem Wunsche, daß er die Hände auf sie lege, für sie beten und sie segnen möge. Die Jünger aber wiesen sie zurück. „Da es aber Jesus sah, ward er unwillig und sprach zu ihnen: Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes.“ Wie man nun in diesen Worten Jesu einen Beweis für die Säuglingstaufe finden will, ist ganz unbegreiflich. Denn wo steht hier etwas davon geschrieben, daß Jesus diese Kinder taufte? Wir lesen nichts davon! Nur eins wird gesagt: „Jesus rief sie zu sich,“ und sie kamen zu ihm, und er nahm sie in seine Arme, „herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.“[319] Auch wird in dieser Erzählung mit keiner Silbe der Paten gedacht oder an andere bei der Kindertaufe übliche Zeremonien, wie z. B. Teufelsbeschwörung, Ölsalbung, Kreuzschlagen, das Anblasen und Bestreichen der Ohren und Nase des Täuflings mit Speichel u. a. m. Es ist sicher, daß Jesus weder diese Kinder noch Erwachsene getauft hat, denn in Gottes Wort wird ausdrücklich gesagt: „Jesus selber taufte nicht, sondern seine Jünger.“[320] Ebenso gewiß ist es aber auch, daß die Jünger diese Kleinen nicht tauften, denn sie haben ja dieselben „hinweggewiesen“. Es ist sicher unsere heiligste Pflicht, die Kinder zu Jesu zu führen, aber dies kann nie durch die Taufe derselben geschehen, sondern nur, indem man ihnen von diesem Freund der Kleinen, dem Heilande, erzählt, sie mit seiner Lehre und seinem Willen bekannt macht, sie erzieht „in der Zucht und Ermahnung des Herrn“.[321] Und dann, wenn sie genugsam unterrichtet worden sind, wenn sie aus +eigener Überzeugung+ und +freier Wahl+, mit aufrichtigem, verlangendem Herzen die Taufe wünschen, dann erst sollten sie dieselbe empfangen. Es ist unbegreiflich, wie man schon seit der ältesten Zeit bis in die Gegenwart gerade diese Stelle zur Empfehlung und Rechtfertigung der Kindertaufe hat anführen können. Es muß doch einem jeden Einsichtsvollen, der einen Augustin nicht über Christus stellt und die symbolischen Bücher einer Kirche nicht an Stelle der deutlichen Aussprüche und Lehren der hl. Schrift setzt, klar sein, daß unser Text mit der Taufe nichts zu schaffen hat und somit die Meinung von dem Vorhandensein der Kindertaufe in den Tagen der Apostel nicht im geringsten unterstützt. Man mag wohl nach eigenem Belieben Hitze Kälte, weiß schwarz, rund viereckig, gerade krumm oder gar eine Flasche Tinte eine Tasse Milch heißen, aber um der Sache Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und um der hl. Schrift willen, soll man doch nicht zu behaupten suchen, daß eine Segnung eine Taufe sei.

Eine richtige und der Tatsache entsprechende Bemerkung zu dieser Stelle macht +Olshausen+: „Von der bei dieser Erzählung häufig gesuchten Beziehung auf die Kindertaufe ist hier offenbar keine Spur zu sehen. Der Erlöser stellt die Kinder den Aposteln als Symbole der geistigen Wiedergeburt und des in ihr gegebenen kindlichen Sinnes dar, -- von seiten der die Kinder herbeibringenden Eltern wurde aber offenbar nichts weiter beabsichtigt als ein geistiger Segen für dieselben (der indes nicht als eins mit der Taufe zu denken ist), und diesen schöpften die Kleinen aus der Handauflegung Christi, die durch das Gebot, das sie begleitete, getragen, nicht ohne wohltuenden, geistigen Einfluß sein konnte.“[322]

~Dr.~ +Gmelin+ schreibt in seinem Antrag und Vorschlag an die Landessynode der evangelischen Kirche Württembergs von 1894: „Daß alle die Stellen, die man bisher in Nachahmung der mittelalterlichen Kirche für jene magische Wirkung der Taufe angeführt hat, insbesondere Mark. 10, 14, wo das Wort Jesu ja auf ungetaufte Kinder sich bezieht, nichts beweisen, oder gar wie Matth. 28 und Mark. 16 mit ihrer Vorausstellung und Betonung des Lehrens und des Glaubens gerade den gegenteiligen Sinn haben, brauchen wir wohl gegenüber Theologen, wie in der Schrift gebildeten Laien nicht lange des Näheren nachzuweisen.“[323]