Die Brüder Schellenberg

Part 29

Chapter 293,711 wordsPublic domain

Noch war er unschlüssig. Er brütete. Da kam ganz unerwartet aus England Besuch. Drei Herren, ein älterer und zwei jüngere, und zwei Damen. Vielleicht waren die beiden jungen Männer frühere Liebhaber Esthers? Wer weiß es? Esther plante zu Ehren ihrer englischen Gäste ein großes Fest.

Und plötzlich stand Wenzels Entschluß fest: Dieses Fest sollte sie noch erleben. Noch einmal sollte sich ihre Eitelkeit in der Bewunderung ihrer Gäste spiegeln, noch einmal sollte sie sich den Blicken der Männer preisgeben dürfen. Noch einmal sollte sie alles genießen, was ihr das Leben bedeutete. Nach dem Fest aber würde er sie erschlagen, erschlagen, höchst einfach, genau so, wie man einen Hund erschlägt.

„So wahr ich Wenzel Schellenberg bin!“

Nun, da der Entschluß feststand, fühlte sich Wenzel erleichtert. Die Fahlheit seines Gesichts wich, seine Wangen färbten sich wieder, seine Stimme schien wieder ihren alten Klang zu bekommen.

Vielleicht hat er die Krisis überstanden, dachte Mackentin, den das freie Lachen Wenzels überraschte. Selbst er ließ sich täuschen.

31

Das Fest kam heran.

Die Autos rollten über den Kiesweg der Auffahrt. Schultern, Arme, Roben, Lackschuhe und Fräcke quollen aus den Autos. Es kamen Minister und Diplomaten, Botschafter und Gesandte, die Finanz, der alte Adel, die neuen Vermögen, Industrielle mit starken Backenknochen, es kam die Presse. Die Photographen waren schon durch einen Seiteneingang in das Haus geschlichen und lauerten. Es kamen Leuchten der Wissenschaft und berühmte Namen der Kunst. Es kamen auch einige Sterne vom Theater und vom Film.

Auch Katschinsky befand sich unter den Gästen. Wenzel hatte ihn recht gut gesehen. Oh, ob er ihn gesehen hatte! Vollendet spielte Wenzel die Rolle des Gastgebers. Für jeden Gast hatte er ein höfliches Wort. Aber er übersah Katschinsky. Niemand fiel es auf, Katschinsky selbst nicht. Es waren gegen zweihundert Personen geladen. Das ganze Haus strahlte vor Licht. Wie ein gleißender Würfel lag es im Grunewald. Durch die Säle fluteten die Gäste. Glanz, Licht, Brandung der Stimmen, mitten darin Esther wie eine Fürstin, die empfängt.

Esther hatte die Haare für das heutige Fest brennendrot gefärbt, um ihre Freunde und Freundinnen zu überraschen. Sie trug ein silbergraues, ganz dünnes Kleid, das jede Linie ihres Körpers, die Form ihrer kleinen Brüste mit den mädchenhaften Knospen, den Schwung ihrer Schenkel allen Blicken preisgab.

Sie ahnt nichts, dachte Wenzel triumphierend. Würde sie es ahnen, so würde sie mir vor allen Leuten zu Füßen fallen, um nur ja diese Welt voller Musik und Glanz, voll Heiterkeit und törichter Worte, voll ewig wechselnder Kleider und blitzender Steine nicht verlassen zu müssen.

Sie hatte den alten herzoglichen Schmuck angelegt.

Wenzel trank an diesem Abend nur zwei Gläser Sekt und eine Tasse Kaffee. Er betrachtete seine Hände. Sie waren ruhig, sie bebten nicht. Ja, vollendet spielte er seine Rolle als Wirt. Er sprach mit den Gesandten über Politik, mit den Industriellen über die Industrie und mit einem Filmstar, der ihm große blaue Augen machte, über die Schwierigkeiten ihres Berufes. Und da, in irgendeinem Winkel, entdeckte er den Bildhauer Stobwasser. Er schob die Hand unter seinen Arm und ging mit ihm in ein stilles Zimmer und unterhielt sich mit ihm über seine Tiere, ob er noch den Papagei habe, der singen konnte: Wer will unter die Soldaten, der muß haben ein Gewehr? Wenzel lachte laut heraus, so daß Stobwasser, der einen viel zu weiten Frack und viel zu große Schuhe trug, in Verlegenheit geriet, so laut und merkwürdig lachte Wenzel. Dann unterhielt Wenzel sich mit ihm über einen Brunnen, den er für seinen Garten gern besäße. Er habe da einen Gedanken, und Stobwasser möge sich diesen Gedanken durch den Kopf gehen lassen. Und Wenzel entwickelte ganz konfuse Pläne.

Schon war Wenzel gegangen. Er verbeugte sich vor einer älteren, über und über bemalten Dame, die eine flachsfarbene Perücke trug. Stobwasser sah Wenzel mit noch immer verdutztem Gesicht nach. Er ist irrsinnig, dachte er.

Das Geklirr der Bestecke, das Klingen der Gläser, die Reihen der Diener. Der Haushofmeister, der frühere Regimentskommandeur, schwitzte Blut. Es war natürlich viel leichter, ein Regiment zu kommandieren.

„Weshalb sind Sie so aufgeregt?“ fragte ihn Wenzel und legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter.

„Ich bin in der Tat heute außerordentlich nervös,“ stammelte der Haushofmeister. „Ich bitte um Ihre Nachsicht!“

Das Diner war beendet. Wieder brausten die Stimmen auf. Welch ein ungeheurer Lärm! Die Stimmen der Damen schwangen, mitten darin Esthers Lachen. Musik brauste. Irgend jemand sang, wunderbar tönte ein Cello. Wiederum entdeckte Wenzel Stobwasser und wollte mit ihm sprechen, aber der Bildhauer war plötzlich verschwunden. Er wich Wenzel aus, er fürchtete sich vor ihm. Er, dessen Beruf es war, das menschliche Antlitz zu ergründen, war der festen Überzeugung, daß Wenzel Schellenberg irrsinnig geworden war. Man wird es morgen in den Zeitungen lesen, sagte er sich und verließ das Haus, ihm graute.

Die Musik spielte zum Tanz. All die Lackschuhe und Fräcke, Vorhemden, Roben, dünnen Seidenstrümpfe, nackten Schultern und Arme flossen durcheinander. Wenzel sah Esther zu, wie sie tanzte. Sie tanzte fast ausschließlich mit den jungen Engländern, die kürzlich gekommen waren.

Sie ahnt es nicht, dachte er. Würde sie es ahnen, so würde sie mir zu Füßen fallen, nur um diese Welt nicht verlassen zu müssen, wo man tanzt.

Der Haushofmeister hatte schon den dritten Kragen gewechselt. Die Musik verstummte. Die Photographen verschwanden mit ihren Kästen. Die Diener hielten die Mäntel bereit. Die Autos fuhren knirschend über den Kiesweg ab. Der Haushofmeister trank ganz im geheimen in einem Winkel rasch zwei Gläser Sekt, er atmete auf. Die letzten Autos fuhren ab. Die Gäste, die im Hause wohnten, stiegen lachend und scherzend die Treppe empor. Die Lichter erloschen. Ganz plötzlich lag der große Saal dunkel, und der graue Tag blickte durch die hohen Fenster. Wenzel blickte Esther nach, wie sie in ihren Räumen verschwand. Sie waren von seinem Schlafzimmer nur durch den Korridor getrennt.

32

Nun lag das ganze Haus in Finsternis. Wenzel saß in seinem dunklen Zimmer und lauschte, er wagte kaum zu atmen. Oben, in den Gastzimmern, lachte noch eine weibliche Stimme. Georgette, die Französin, die ihrem Mann durchgebrannt war, dann wurde es ganz still.

Plötzlich aber knackte ein Schritt, eine Türe ging. Wer schleicht durch das Haus? Wenzel ging leise zur Treppe und horchte. Er hatte sich umgezogen. Er trug einen Straßenanzug. Nun klinkte er leise die Tür zu Esthers Gemächern auf und verschwand. Das Haus war ganz still, nichts regte sich. Er stand eine Weile und atmete. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig. Hier kannte er jeden Quadratfuß, jedes Möbelstück, jeden Gegenstand, alles, denn wie oft war er nachts hier in der Dunkelheit eingetreten? Aus dem Vorzimmer kam er in den kleinen Salon. Auf dem Fußboden stand ein blühender Busch. Aber es war kein Busch, es waren riesige Dahlien in einer hohen, bauchigen japanischen Vase. Daneben stand eine zierliche, kleine Toilettenkommode, die all die Lippenstifte, Bürsten, Farben, Schminken enthielt. Auf dieser kleinen Kommode stand ein schwerer Bronzeleuchter, eine italienische Arbeit, Menschenleiber, männliche und weibliche, die sich ineinander verschlangen. Diesen Leuchter nahm Wenzel in die Hand, er prüfte sein Gewicht. Dann stellte er ihn wieder vorsichtig auf die Kommode zurück. Es würde wohl besser mit den Händen geschehen. Plötzlich erschrak er. Aus dem kleinen Seitenspiegel starrte ihm eine schneeweiße Maske entgegen. Es war sein Gesicht. Ich bin etwas bleich, dachte er und klinkte vorsichtig die Tür zu Esthers Schlafzimmer auf. Er öffnete sie weit. Die Tür machte nicht den geringsten Laut. Wunderbar war alles in diesem Hause gearbeitet. In Esthers Schlafzimmer brannte Licht. Er war nicht überrascht, er wußte, daß sie eine kleine Ampel zu brennen pflegte.

Nun war es also so weit ...

Da lag sie ausgestreckt auf einem Bett, das wie eine Muschel geformt war, wie eine breite Muschel, in der gut vier Menschen schlafen konnten. Das Bett war silbern bemalt.

Da lag sie, das rote Haar hingeweht wie das Feuer einer Fackel, ihr einer Arm lag auf der Decke, der Mund stand halb offen. Er ging näher, Schritt für Schritt. Das war sie also, und Wenzel ging näher, er achtete gar nicht darauf, ob seine Schuhe knarrten oder nicht. So stand er und betrachtete sie. Plötzlich begann Esther sich zu regen. Die Augen schienen zu blinzeln, ihr Mund öffnete sich.

Wenzel beugte sich über sie, er hielt den Atem an, schon hob er die Hände vor: da begann Esther plötzlich im Schlaf zu lachen. Es war ein kleines, klingendes und helles Lachen, das Wenzel bis ins tiefste Herz erschreckte. Seine Hände sanken herab, und er stand lange still. Wieder lachte Esther. Es war das Lachen eines heitern, unschuldigen Kindes.

Nun begann Wenzel zu schleichen. Er schlich vorsichtig rückwärts und verließ das Zimmer.

Am andern Morgen war Esther erstaunt, daß alle ihre Türen offen standen. Lachend erzählte sie beim Frühstückstisch ihren Gästen, daß sie wirklich einen kleinen Schwips gehabt haben müsse.

Wenzel aber erwachte zu seinem großen Erstaunen in dem einfachen Schlafzimmer, das er noch immer in seinem Bürogebäude beibehielt und wo er zuweilen, wenn er müde war, schlief. Er erwachte, und sofort schloß er wieder die Augen. Er wagte nicht zu denken.

Was war geschehen?

33

Mit geschlossenen Augen lag Wenzel viele Stunden. Irgend etwas war geschehen. Er wußte es nicht, sein Kopf war leer. Irgend etwas Furchtbares mußte sich ereignet haben. Hatte er sie getötet? Er wußte es nicht. Wie kam er hierher? Er klingelte und bestellte das Frühstück. Sein Blick lauerte. Er beobachtete jede Miene des Dieners. Aber die Miene des Dieners war wie an andern Tagen. Also schien dieser Mann noch nichts zu wissen. Es war schon spät am Tage. Mit leerem Kopf saß Wenzel. Dann erhob er sich und kleidete sich langsam an. Er war kaum mit der Toilette fertig, als Mackentin sich melden ließ. Auch Mackentins Gesicht war ganz wie sonst. Es war also nichts vorgefallen, und doch, er erinnerte sich, einen schweren Gegenstand, irgend etwas aus Bronze, in der Hand gehalten zu haben.

„Sie haben mir gestern befohlen, Sie zum Rennen abzuholen, Schellenberg,“ sagte Mackentin gut gelaunt und aufgeräumt.

Wenzel sagte: „Ich bin sehr müde. Es ist heute nacht sehr spät geworden. Wieviel Uhr ist es, und was ist das für ein Rennen?“

Mackentin lachte laut auf und zündete sich eine Zigarre an, deren Spitze er, wie gewöhnlich, mit den Zähnen abbiß. „Sie scheinen noch zu schlafen, Schellenberg!“ rief er aus. „Es ist drei Uhr. Kommen Sie, der Preis von Brandenburg wird heute gelaufen.“

Oh, nun erinnerte sich Wenzel. Er hatte das schnellste Pferd seines Stalles, die Stute „Spaßvogel“ gemeldet.

„Schön, gehen wir,“ sagte er, indem er aufstand und mühsam ein Gähnen unterdrückte. Er hatte alles vergessen. Ein Teil dieser Nacht war in seinem Gedächtnis wie ausgelöscht. Er erinnerte sich noch, daß er mit dem Haushofmeister gesprochen hatte, dann war einer Dame die Perlenkette gerissen – sonst wußte er nichts mehr.

Während der ganzen Fahrt redete Mackentin. Er erzählte von dem herrlichen Fest heute Nacht. Selten war ein Fest so gut gelungen. Die Gäste waren des Lobes voll. Und Mackentin erzählte eine schnurrige Geschichte: Der Haushofmeister, der frühere Regimentskommandeur, ein Graukopf, etwas bekneipt wohl, hatte Madame Georgette Leblanc einen Antrag gemacht, der alte Knabe. Allerdings schien Frau Esther Schellenberg ihn aufgehetzt zu haben – aber Wenzel schien zu schlafen, er hörte gar nicht zu.

Die Rennbahn, die Tribünen, Farben, Geschrei, Lärm. Er hörte und sah nichts. Kühl und teilnahmslos sah sein Gesicht aus. Aber sein Blick suchte etwas.

In diesem Moment bemächtigte sich der Tribünen eine ungeheure Erregung. Die gelbe Schellenbergsche Jacke flog dem Feld voran. „Spaßvogel“ lag sicher in Front, als das Rudel in den Auslauf einbog. Plötzlich aber verlangsamte sie ihr Tempo. Die gelbe Jacke blieb plötzlich stehen. Dieser Vorfall hatte die Tribünen in rasende Erregung versetzt. Die sichere Favoritin war geschlagen.

„Aber sehen Sie doch, Schellenberg!“ rief Mackentin, „Spaßvogel wurde angehalten!“

Wenzel erwiderte nichts. Er schüttelte nur den Kopf. Sein Blick suchte, und plötzlich hatte er gesehen, was er suchte. Er wußte nicht, was er tat und was er wollte. Dort stand Esther. Sie stand in einem Rudel von Freunden, mitten in ihrem Hofstaat, die englischen Gäste waren da, die englischen Damen, eine große Anzahl der Gäste des gestrigen Festes. Georgette Leblanc, frech und ausgelassen, die ihrem Mann durchgebrannt war, Violet Taylor, mit der Madonnenfrisur und dem lüsternen Mund. Wenige Schritte von Esther entfernt aber stand der Schauspieler Katschinsky. Neben ihm sein kleines Windspiel. Wenzel sah ihn eigentlich nicht. Erst als er auf Esther zuging und Esther plötzlich im Lachen innehielt und ihn mit einem großen Blick ansah, äußerstes Entsetzen in den Augen, erst in diesem Augenblick sah er Katschinsky, der leichtfertig und in blendender Laune lächelte. Sofort änderte Wenzel die Richtung und ging auf Katschinsky zu. Er hatte es nicht beabsichtigt, plötzlich stand er vor ihm. Immer noch lächelte der Schauspieler.

In diesem Augenblick aber gewahrte ihn Katschinsky und erbleichte. Seine Nasenspitze wurde schneeweiß, ein kleines Eiterbläschen.

Ganz ruhig blickte Wenzel ihn an und sagte mit einer ruhigen, klaren Stimme, alle hörten es, ganz ruhig sagte er: „Wenn man mit einer Dame eine Liebschaft hat, junger Herr, so erzählt man es nicht allen Leuten.“ Dann hob er die Faust, und augenblicklich stürzte Katschinsky zu Boden. Er hatte ihn mitten ins Gesicht geschlagen. Dann ging Wenzel, ohne jemanden anzublicken, ruhig seines Wegs.

Was war geschehen? Er hatte es nicht beabsichtigt. Was ging mit ihm vor?

Niemand folgte ihm. Ganz allein verließ er die Rennbahn.

34

Plötzlich hielt das Auto, und Wenzel kletterte mit etwas müden, steifen Beinen aus dem Wagen. Er befand sich in Hellbronnen. Wahrscheinlich hatte er dem Chauffeur diesen Namen zugerufen, als er den Rennplatz verließ und ins Auto stieg. Er wußte es nicht mehr. Die Landschaft, durch die sie fuhren, hatte er nicht beachtet.

Es dämmerte schon, als er das Kaminzimmer des Jagdschlößchens betrat.

Irgend jemand zündete Licht an und fragte nach seinen Wünschen. Er wünschte nichts. Schweigsam, mit einem Gesicht, dessen Züge sich nicht veränderten, auch wenn er sprach, saß er auf einem Stuhl. Nach einer Stunde meldete irgend jemand, daß gedeckt sei. Er begab sich in das Speisezimmer, ganz automatisch, und aß etwas kaltes Fleisch. Den Wein berührte er nicht. Dann kehrte er wieder in das Kaminzimmer zurück und saß still auf dem gleichen Stuhl. Er erinnerte sich, daß er hier in diesem kleinen Raum einst mit Jenny Florian gesessen hatte. Damals flammte das Feuer im Kamin, und noch heute war der Glanz ihrer blonden Haare in der Luft und ein Widerhall ihrer schönen weichen Stimme. Der Gedanke an Jenny Florian beunruhigte ihn nicht. So war das Leben: man tötete, oder man wurde getötet. Erst tief in der Nacht, als die Erinnerung an diese Frau mehr und mehr in ihm erwachte, spürte er ein leises Frösteln. Sie ist nicht der einzige Mensch, den du unglücklich gemacht hast, sagte er sich. Ja, in der Tat, wenn er über die letzten Jahre blickte, er hatte manchen Menschen niedergeworfen, daß er sich nicht mehr erhob. Was konnte er dafür? Er war ein Mensch, der schnell und tief atmete. Das war alles. Welche Gewalten hatten ihn unwiderstehlich vorwärtsgetrieben?

Nun aber war das Ende gekommen. Es war vorbei, ein für allemal. Dieser Faustschlag in das Gesicht eines lächerlichen Wichtes hatte ihn in das eigene Gesicht getroffen! Der Skandal, was kümmerte ihn der Skandal? Der gesellschaftliche Boykott, nicht einmal gewiß, kümmerte ihn noch weniger. Er verachtete diese Gesellschaft. Vielleicht würde sich Katschinsky in seiner Schmach töten? Was ging es ihn an? Aber, wie lächerlich, er würde sich keineswegs töten, er würde vielleicht auf einige Zeit Berlin verlassen und dann wieder auftauchen, und nichts war geschehen. Die Gesellschaft, verächtlich wie sie war, würde den Faustschlag längst vergessen haben. Und Esther? Er hatte sie vor aller Welt gezüchtigt und entblößt. Nun, sie würde nach London oder nach Paris reisen, nach Nizza, lachen, plaudern, in eleganten Wagen dahinrollen und neue Kleider anprobieren. Es war nicht der erste Skandal in ihrem Leben, und ihre Freunde würden rasch alles vergessen. Die Scheidung, das war eine Formalität, die ging ihn nichts an. All das lag weit hinter ihm.

Trotz allem, es war zu Ende mit ihm. Wenzel Schellenberg war nicht mehr. Er selbst hatte sich gerichtet. Der alte Wenzel Schellenberg war dahin. Vielleicht glaubten manche Leute, wenn sie ihn sahen, daß er noch existiere? Oh, nein, sie täuschten sich. Er war dahin. Vielleicht hatte ein Leben voller Unrast und Ausschweifungen ihn vernichtet?

Man hatte ihn in den Schmutz getreten – und er mußte sich erheben, furchtbar. Ein Faustschlag, war das alles? Er hatte ein Insekt zertreten. Das kleine kindliche Lachen einer Frau, die träumte, hatte ihm Furcht eingejagt. Nun, dieses kleine kindliche Lachen hatte ihn ausgelöscht. Wenzel Schellenberg war in seiner eigenen Schmach versunken. Was dann geschah, diese lächerliche Szene – tausend verächtliche Menschen hätten ebenso handeln können. Zu seiner Schmach hatte er noch die Lächerlichkeit gefügt.

Nun war es ganz klar, es war entschieden. Diese Frau mit den gemalten Wangen hatte über ihn triumphiert. Sie, der einzige Mensch, hatte ihn besiegt, sagen wir es offen, den er in seinem Leben wahrhaft geliebt hatte. Und vielleicht liebte er sie nur wegen ihrer Lasterhaftigkeit und Schamlosigkeit, wer weiß es? Nun verzog sie wohl spöttisch die Lippen, wenn sie an diesen Tölpel Schellenberg dachte, der in seiner lächerlichen Eifersucht einem Nebenbuhler vor aller Welt ins Gesicht schlug wie ein Fuhrknecht.

Wenzel krümmte sich zusammen. Gut, daß der Morgen kam. Als der Tag graute, ging er durch den Park. Pavillons, Treibhäuser, Brücken, Baumaterial. Eine Welt, mit der er nichts mehr gemein hatte. Er weckte den Chauffeur, der noch schlief, und fuhr wieder ab. Er fuhr nach Warnemünde. Wohin sollte er sonst fahren? Trotzdem er kein geringes Vermögen besaß, war er jetzt ohne jede Heimat. Die Jacht stach in See. Wittgenstein konnte deutlich sehen, daß ein völlig veränderter, ein fremder Mann an Bord war. Wenzel sprach kein Wort. Er kam nicht an Deck. Er saß unten in der Kajüte und brütete vor sich hin, und plötzlich gab er den Befehl zur Rückkehr. Auch hier an Bord waren die folternden und quälenden und beschämenden Gedanken. Es schien, als ob selbst die Matrosen ihm deutlich ansehen mußten, daß er ein verächtlicher, zu Boden getretener, in den Schmutz gezogener Mann war, den man erniedrigen konnte, ohne daß er sich wehrte.

„Leben Sie wohl, Wittgenstein,“ sagte er, als er sich verabschiedete, zu dem Kapitän. „Es hat sich manches geändert, und es wird sich noch vieles ändern. Ich brauche die Jacht nicht mehr. Ich werde sie Ihnen schenken, so wie sie steht. Ich werde Ihnen die notarielle Urkunde zuschicken, sobald ich etwas Sammlung finde. Leben Sie wohl, vielleicht können Sie doch noch den Spiritusschmuggel anfangen.“ Und Wenzel versuchte es mit einem gequälten Lächeln.

Wittgenstein schüttelte den Kopf. Schellenberg war krank geworden.

Und wieder war Wenzel im Automobil unterwegs. Er besuchte ein großes Gut in Mecklenburg, das ihm vor Jahren aus der Konkursmasse eines Schuldners zugefallen war und das er noch nie besichtigt hatte. Hier blieb er drei Tage. Er schlief fast die ganze Zeit und sprach kaum mit dem Verwalter. Aber nachdem er sich gründlich ausgeschlafen hatte, schien es plötzlich, als habe er einen Ausweg gefunden. Eines Morgens erwachte er frisch und voller Entschlußkraft.

„Ich kehre um! Ich kehre um! Ja, ich kehre um! Ich bin in voller Fahrt gegen eine Mauer gelaufen und zerschellt,“ sagte er. „Dieses ganze Leben war unsinnig. Ich werde zu Michael gehen und ihm sagen: Bruder, hier bin ich wieder, ich kehre um.“

Ja, Michael, er war der einzige, zu dem man kommen konnte, woher man auch kommen sollte.

Zum erstenmal sah der Chauffeur, der Wenzel gut kannte und diese letzte Irrfahrt mitgemacht hatte, aus dem verfallenen Gesicht seines Herrn wieder die alten Züge auftauchen. Fast hörte es sich an, als ob die alte Stimme Wenzels wieder gekommen sei, etwas gedämpfter als sonst freilich.

„Wir fahren nach Berlin zurück,“ befahl Wenzel. „Aber auf dem Rückweg werden wir meinen Bruder auf seinem Gut Sperlingshof besuchen. Sie kennen den Weg?“ Wenzel hatte erfahren oder gelesen, daß Michael sich zur Zeit auf Sperlingshof aufhalte.

Aber welche Enttäuschung! Michael war nicht auf Sperlingshof. Man wollte den Verwalter benachrichtigen, der ihm gewiß Auskunft geben könne, wo Michael sich zur Zeit aufhalte. Wenzel wartete geduldig, und während er wartete, ging er auf dem Gut hin und her. Wie eine saftstrotzende Oase lag Sperlingshof in der armseligen Landschaft. Trotz aller Versprechungen, die er Michael gemacht hatte, war er noch nie nach Sperlingshof gekommen. Nun staunte er. Hier herrschte Ordnung, Fleiß, Wille, Sinn. Alles blühte und grünte, die Versuchsbeete, die Treibhäuser. Tausende von Kübeln, in denen Pflanzen zu Versuchszwecken wuchsen, standen in Reih und Glied, alle sauber mit Etiketten versehen.

Der Verwalter, ein alter Mann mit buschigen grauen Haaren und gekrümmten, abgearbeiteten Händen, kam herbei und begrüßte Wenzel mit bestürzter Miene.

„Sie wissen nicht, daß Herr Michael Schellenberg in Berlin ist?“ fragte er. „Er ist krank, sehr krank, Sie wissen es nicht?“

„Krank? Er ist wieder krank?“

„Seit längerer Zeit. Wir haben schlechte Nachrichten.“

Augenblicklich fuhr Wenzel nach Berlin. Gegen Abend kam er in der Stadt an, und im Geschäftshaus der Gesellschaft in der Lindenstraße sagte man ihm den Namen des Sanatoriums, in dem sich Michael befand. Auch hier, in der Lindenstraße, sah er bestürzte Mienen. Er gebot dem Chauffeur höchste Eile.

Das Sanatorium lag ganz still. Eine Pflegerin führte ihn durch einen matterleuchteten Gang und bat ihn, sich in einem Wartezimmer zu gedulden. Einen Augenblick später trat der Arzt ein.

„Wir haben nur noch wenig Hoffnung, Herr Schellenberg,“ sagte der Arzt. „Seien Sie ganz leise.“

Und als Wenzel das Krankenzimmer seines Bruders betrat, übersah er mit einem Blick alles.

35

Viele Tage hatte Michael mit dem Fieber gekämpft. Endlich unterlag auch die sprichwörtlich zähe Schellenbergsche Konstitution. Und nun war Michael schon drei Tage und drei Nächte ohne Bewußtsein. Die Pfleger mußten ihn mit aller Gewalt im Bett zurückhalten, er wollte weg von hier. Er habe keine Zeit zu versäumen.

Hunderttausende von Hungernden sah er, Armeen von Hungernden, die durch die Riesenstädte marschierten, ohne einen Laut zu sprechen, ohne einen andern Vorwurf als den ihrer fahlen Gesichter. In den Höfen sah er Hunderttausende von Kindern, verfallen, gelb und schwindsüchtig. Er sah Hunderttausende von alten Menschen, die auf der Straße niederfielen vor Erschöpfung. Er sah die Massenquartiere, in denen Tausende zusammengepfercht, Leib an Leib, die Nächte verbringen. Und er sah die Hölle des Lasters, in die das Elend diese Unglücklichen stürzte, den Brand am Volkskörper, der das ganze Volk vernichten würde. Dies alles sah er in diesen Fiebernächten, da er mit riesigen Kräften mit den Pflegern rang.