Part 19
Ich weiß heute nicht mehr, wie ich die ersten Wochen verbrachte. Ich weiß nur, daß ich alles ohne Bewußtsein, ganz automatisch tat. Ich stand hinter dem Verkaufstisch, legte die Wäsche vor, sprach, ich hörte einen fremden Menschen sprechen. Alle diese Wochen hindurch betete ich unaufhörlich – es ist wahr, Gott weiß es –, ob ich auf der Straße ging oder im Geschäft war oder auf meinem Zimmer, unaufhörlich betete ich, daß Gott dich dem Leben erhalten möge. Ich schloß mich in mein Zimmer ein, ich ging nicht aus, sah keinen Menschen, ich weiß nicht, wann ich schlief, wann ich aß, ich lebte in einer Art von Ohnmacht.
Erst als sie mir im Krankenhaus sagten, daß nun keinerlei Gefahr mehr bestände für dein Leben, erst dann konnte ich wieder atmen. Denn bis dahin war mir die Brust zugeschnürt gewesen, und ich konnte nur ganz kurze Atemzüge tun, wie jemand, den schreckliche Angst verzehrt. Nun atmete ich wieder.
Ich hatte in den ersten Wochen nicht geweint, jetzt aber weinte ich sehr viel. Ich weinte aus Freude, daß du gerettet warst. Und jeden Tag am Morgen und am Abend dankte ich Gott auf den Knien, daß er mein Gebet erhört hatte. Es ist wahr, Gott weiß es.
So war es also in den ersten Wochen und Monaten. Es war Sommer, und ich ging viel spazieren. Ich hatte mich von allen Bekannten losgesagt, und so kam es, daß ich immer allein war. Die Menschen plauderten und lachten und waren fröhlich. Nach diesen langen Wochen überkam mich plötzlich das Verlangen, unter heiteren Menschen zu sein. Dieses Verlangen war gewiß harmlos, aber so begann es.
Im Warenhaus, in der Konfektionsabteilung, arbeitete ein junges Mädchen, ein lebenslustiges Geschöpf, voller Übermut. Sie hieß Susanna. An Susanna schloß ich mich an, und wir gingen zusammen in die Tanzhallen, um zu tanzen. Ich empfand es wie Sünde, daß ich tanzte und heiter war, während du, durch meine Schuld, im Krankenhaus lagst. Aber ich konnte nicht widerstehen. Hier nun traf ich einen Russen. Er sagte, er sei früher russischer Offizier gewesen und lebe heute von dem Schmuck seiner Mutter, den er über die Grenze gebracht habe. Er erzählte interessante Dinge, war düster und immer etwas melancholisch. Das zog mich an. Er warb um mich, aber ich widerstand. Immer aber hörte ich seine Stimme, wenn ich allein war. Ich sah ihn dann ganz nahe vor mir. So kämpfte ich wochenlang. Aber mein Blut konnte nicht widerstehen. Es war oft wie eine Raserei in mir, und so geschah es also. Ich habe dich damals noch besucht, aber ich sank vor Scham fast in den Boden, wenn ich dir die Hand reichte. Ich verachtete mich.
Eines Tages hatte ich mich mit dem Russen wie häufig vor dem Potsdamer Bahnhof verabredet. Er kam nicht. Ich schrieb ihm. Keine Antwort. Ich fragte in seinem Hause nach, in dem Hause, das er mir genannt hatte, er hatte nie dort gewohnt. Es geschah mir recht, natürlich. Ich freute mich über diese Züchtigung.
Aber wiederum kam sie über mich, diese Raserei des Blutes, mächtiger als alle Vorsätze, als alle Eide, als alle Gebete. Ich zitterte auf der Straße unter den Blicken der Männer, das Blut schoß mir augenblicklich ins Gesicht, berührte mich jemand im Vorübergehen. Wieder ging ich häufig mit Susanna aus. Ich machte die Bekanntschaft eines jungen Mannes, eines Schriftstellers. Er sagte, er käme nur in dieses Tanzlokal, um Studien zu machen. Er tanzte wenig, und er tanzte nicht gut. Aber er war so witzig und verstand es, gut zu plaudern. Er lud mich zu sich zum Tee ein, aber was soll ich weiter erzählen – ich wurde seine Geliebte, und ich verachtete mich nun noch mehr. Nun bist du auf dem besten Wege, sagte ich mir, von einem gehst du zum andern.
Von dieser Zeit an habe ich dich nicht mehr besucht. Den ersten Brief, den du in dieser Zeit schriebst, habe ich noch gelesen. Die andern habe ich ungelesen verbrannt. Ein Geschöpf wie ich durfte nicht mehr existieren für dich. Ich hatte mich selbst aus deinem Leben gestrichen. Und doch liebte ich dich noch, vergiß das nicht. Ich habe mich selbst dazu verurteilt, aus deinem Leben zu verschwinden.
Eines Tages traf ich meinen neuen Freund, den Schriftsteller, vor seinem Hause, er kam mit einem Mädchen die Treppe herab. Er blickte mich an, ging an mir vorüber über die Straße, er kannte mich nicht mehr! Ich schämte mich für ihn. Aber auch diese Züchtigung tat mir wohl. Ich verdiente es nicht anders. Sie behandeln dich so, wie du es verdienst, sagte ich mir, und trotzdem ich litt, empfand ich es als eine große Genugtuung.
Weiter, weiter, laß mich zu Ende kommen. Was war in mich gefahren? War mein Blut vergiftet? Ich weiß es nicht. Die Raserei des Blutes überfiel mich, und plötzlich kam mir der Gedanke, daß es das beste wäre, wenn ich mich, elend und verworfen wie ich war, in den Taumel stürzen würde, um darin umzukommen.
In diesen Tagen verlor ich meine Stellung. Ich wurde entlassen. Das kümmerte mich wenig. Ich suchte mir einen neuen Freund. Ich fand ihn. Es war ein Gutsbesitzer aus der Provinz. Aber er langweilte mich, ich nahm einen andern. Es war ein schüchterner Mensch, der an mir hing und seinen letzten Pfennig für mich opferte. Ihn betrog ich. So also lebte ich nun. Soweit war es also mit mir gekommen. Nur im Rausche der Ausschweifungen lebte ich noch auf, sonst war ich stumpf und verzweifelt. Nie in meinem Leben, noch wenige Wochen vorher, hätte ich es mir auch nur in einem bösen Traum einfallen lassen, daß ich so tief sinken könnte. Ich verstand mich nicht mehr. Wie waren die andern Frauen? Wie sind sie? Was beschäftigt sie? Lügen sie, heucheln sie? So wie ich log und heuchelte? Die guten Geister, die mich bisher begleitet hatten, sie hatten mich verlassen, und ich war verloren. Ich fühlte es damals schon, nicht mehr lange konnte es dauern, und ich mußte umkommen.
Ich habe nicht mehr gekämpft, ich hatte dazu keine Kraft mehr. Nur den Genuß wollte ich, die Betäubung. Einmal stieß ich plötzlich auf Jenny Florian. Es war auf einer Untergrundbahnstation. Gott war gnädig, es war düster hier. Sie konnte nicht sehen, wie ich aussah, sie konnte nicht sehen, daß ich blaß wurde wie der Tod. Sie fragte nach dir, und ich erzählte ihr, du seiest gestorben. Diese Lüge fiel mir in dieser Sekunde ein, und ich zögerte nicht, sie auszusprechen. Es war ja jetzt schließlich alles einerlei, und auf eine Lüge mehr oder weniger kam es nicht an.
In dieser Zeit aber geschah das Furchtbarste. Plötzlich hatte ich untrügliche Beweise, daß ich Mutter werden sollte. Ich nahm auch dies als Züchtigung des Himmels hin, und ich sagte mir, daß ich nun das Ende noch rascher herbeiführen müsse. Ich wollte das Kind nicht zur Welt bringen, auch das gestehe ich. Dieses süße Kind, das ich nun liebe wie nichts auf der Welt, es würde heute, wäre es nach meinem Willen gegangen, nicht leben. Hier muß ich dir sagen, daß ich nicht annahm, daß es dein Kind sei. Ich ging zu einem Arzte, um ihn zu bitten, mir zu helfen. Aber er wies mich ab, er versicherte mir, daß ich schon im vierten Monat schwanger sei. Unfaßbar, unbegreiflich! Und plötzlich erhellte mich ein Gedanke: dann war es ja dein Kind!
Aber dieser kurzen Helligkeit folgte im nächsten Augenblick die tiefste Finsternis. Nun war ja alles nur um so fürchterlicher, um so schrecklicher geworden. Es gab nun keinen Ausweg mehr, es blieb mir nur das eine übrig, mich selbst zu vernichten.
Schließlich aber kam das Kind doch zur Welt. Ich wollte es zuerst ermorden, denn was sollte das Kind mit einer solch verworfenen Mutter? Dann aber weinte ich über das Kind. Sollte es gehen, wie es ging. Ich war halb von Sinnen, völlig ratlos. In dieser Zeit wandte ich mich an Jenny Florian. Ich widerrief meine Lüge, daß du gestorben seiest. Ich sagte ihr, daß ich mich unwürdig fühle, noch deine Freundin zu heißen. Ich bat sie um Geld, da ich in großer Not war. Ich beschwor sie, niemandem etwas zu sagen. Sie hielt Wort.
Kurz nach der Geburt des Kindes wurde ich krank. Ich fieberte stark. Der Arzt sagte, meine Lunge sei angegriffen und ich müßte sofort in ein Sanatorium. Ich lachte ihm ins Gesicht. Nun also war es soweit, nun würde es rasch gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, wenn ich merkte, daß es mit mir zu Ende ging, Jenny Florian dein Kind zu schicken.
Aber es ging nicht so rasch, wie ich dachte. Ich wurde nur schwächer und immer schwächer. Meine Freunde wandten sich von mir ab und überließen mich der Not. So wie ich es verdiente. Rasch sank ich in das tiefste Elend. Schließlich konnte ich nicht mehr aufstehen. Ich hatte auch nicht einen Pfennig mehr. Die Wirtin verkaufte meine Kleider, das bißchen Schmuck, das ich besaß. Nun war ich in die Hölle gekommen, wo ich hingehörte. Der Vater stellte mir nach, der Sohn stellte mir nach. In der Nacht lag ich schlaflos, in Schweiß gebadet. Schließlich schrieb ich wieder an Jenny Florian, da ich völlig verzweifelt und ganz von Sinnen war – und da kamst du!“
Nun war die Sonne vollkommen untergegangen, und es war dunkel geworden. Furchtbar und erschreckend standen schwarze Wolkenhaufen über der Heide. „Das also bin ich,“ schloß Christine. „Nun weißt du, wer ich bin. Sprich nicht!“ schrie sie und hielt sich die Ohren zu. „Sprich nicht! Erwidre nichts! Nach Worten sollst du mir antworten!“
„Wir wollen vergessen,“ sagte Georg trotz ihres Verbotes. „Wir wollen alles vergessen, was gewesen ist. Wir wollen vorwärtsblicken und nicht zurück.“ Er wies auf das Kind, das in Christines Schoß schlief, und zog sie leise an sich.
Da begann Christine zu schluchzen, sie weinte und schrie laut wie ein Tier.
22
In diesem Frühjahr kursierte an der Börse und in Finanzkreisen das Gerücht, daß sich der Schellenberg-Konzern in Schwierigkeiten befände. Niemand wußte, wo und wann dieses Gerücht aufgekommen war, es war da. Und in der Tat, es war nicht zu leugnen, daß Goldbaum, der Generaldirektor des Konzerns, mit verschiedenen Banken wegen größerer Kredite verhandelte. Es war auch eine Tatsache, daß plötzlich große Aktienpakete des Konzerns angeboten wurden. Die Papiere aller Unternehmungen des Schellenberg-Konzerns fielen rapide und verloren innerhalb von vier Wochen den vierten Teil ihres Kurswertes.
Goldbaum wurde beurlaubt und fuhr an die Riviera.
Es hieß, daß Wenzel Schellenberg beabsichtige, sein Palais im Grunewald, das noch nicht einmal ganz fertig war, zum Verkauf anzubieten – ein Objekt von so enormem Wert, daß sich ein Käufer wohl kaum finden werde. Man munkelte auch, daß die Schellenbergsche Jacht, jene Jacht einer früheren Großherzogin, nach England verkauft sei. Die Papiere des Konzerns gaben noch weiter nach.
Wenzel blieb gleichmütig. Im Gegenteil, man hatte ihn noch nie in so heiterer Laune gesehen.
Es gab kein gesellschaftliches Ereignis in Berlin, wo Wenzel nicht zugegen gewesen wäre. Keine Premiere, kein Rennen, wo man ihn nicht gesehen hätte. Fast immer erschien er in der Gesellschaft Jenny Florians. Ihr zarter Körper war in die kostbarsten Gewänder gehüllt, Geschmeide funkelte an Händen und Nacken.
Die Kenner lächelten. „Er spielt Maskerade,“ sagten sie mit einem Blinzeln. „Uns täuscht er nicht. Wenn es bei ihm zu krachen beginnt, so stürzt alles in einer Nacht zusammen.“
Aber seht an, die Kenner blickten einander enttäuscht in die Augen. Was war das? Ein unbekannter Käufer trat plötzlich an der Börse auf und kaufte riesige Pakete der gesunkenen Schellenberg-Aktien. Bei der nächsten Börse geschah das gleiche. Die Papiere zogen an. Sie stiegen in einer Woche ohne jede Stockung und kletterten schließlich über ihren alten Kurs.
Wenzel hatte eine ungeheure Summe gewonnen und schob sie mit einem breiten Lachen in die Tasche. Plötzlich, war es zu glauben, tauchte auch Goldbaum, der lange Zeit in der Versenkung verschwunden war, wieder im Konzern auf. Da war er wieder, rund und glänzend, als sei nichts geschehen. Vergnügt rieb er sich die Hände.
Vielleicht war alles nur ein Manöver gewesen, das Wenzel selbst eingeleitet hatte?
In diesen Tagen kaufte Wenzel den Rennstall des Herrn von Kühne. Zweiunddreißig Pferde, darunter ganz hervorragendes Material. Einen früheren bekannten Herrenreiter hohen Adels engagierte er als Trainer.
Nun sah man die Schellenbergschen Farben auf jedem Rennen. Jenny hatte sie auf Wenzels Wunsch vorgeschlagen. Die Jacke war gelb, die Ärmel rotweiß gestreift. Auch in der Ferne konnte man die Schellenbergschen Farben mitten im jagenden Rudel gut erkennen.
Es zeigte sich nun auch, daß Schellenberg nicht im Traum daran dachte, sein im Grunewald neuerbautes Palais zu verkaufen. Weshalb er aber plötzlich alle Arbeiten eingestellt hatte, weshalb er seinen Anwälten den Auftrag gab, mit den Lieferanten, Baumeistern und Baufirmen zu verhandeln und die Rechnungen abzuschließen – das wußte nur Schellenberg allein.
Auch die Nachricht über den Verkauf seiner Jacht erwies sich als Legende. Allerdings war die Jacht, dies entsprach der Wahrheit, plötzlich nach England gefahren. Der Kapitän hatte den Auftrag, die Jacht nach Hull zu bringen, um dort weitere Befehle abzuwarten. In verschiedenen Zeitungen erschien damals die Notiz, daß Lord Beaverbrook als Käufer der Jacht genannt werde. Nach einigen Wochen aber erhielt der Kapitän in Hull die Order, das Schiff wieder nach Warnemünde zu steuern. Wenzel dachte nicht im Schlafe daran, die Jacht zu verkaufen. Weshalb aber hatte er sie nach Hull geschickt? Und in seinem neuen Palais im Grunewald wimmelte es wieder von Handwerkern.
Jede Woche fuhr Wenzel zwei-, dreimal mit Jenny hinaus in den Grunewald, um den Fortgang der Arbeiten zu kontrollieren. War er verhindert, so fuhr Jenny allein, denn Wenzel hatte Jenny zum „obersten Bauleiter“ ernannt. Sie tänzelte, in ihren Mantel gewickelt, lächelnd durch die Säle, und die Architekten küßten ihr die Hand. Die Maler und Handwerker grüßten freundlich von den Gerüsten herab. Jenny gehörte zu jenen Menschen, die gute Laune erzeugen, wo immer sie erscheinen. Und doch, sie sprach nur wenig, sie grüßte freundlich, lächelte.
Alles in dem Gebäude war von großer Pracht und letzter Gediegenheit. Das kostbarste Material, die teuersten Edelhölzer waren verwendet worden zu Türen, Wandbekleidung und Parkettböden. Im großen Speisesaal waren die Wände bespannt mit kostbaren Seidenstickereien. Zwanzig Arbeiterinnen hatten zwei Jahre an diesen Bespannungen gestickt. Marmor, Bronze, Brokat, die Decken Wunderwerke, Saal an Saal. Die Bibliothek, in Ausmaß und Pracht wie die eines Schlosses. In halbfertigen Gemächern standen Möbel, Berge von Kisten. Wenzel hatte seine besonderen Einkäufer für Antiquitäten, Bilder, Bücher. Das Palais enthielt zwanzig Gastzimmer, jedes mit einem Bad, und alle verschieden und originell. Was Jenny am meisten interessierte, waren die Küchen- und Kellerräume. Hier lagen die Zimmer für die Dienerschaft. Hier lagen zwei Badeanlagen für die männliche und weibliche Bedienung. Hier war der Weinkeller, mit dem letzten Raffinement ausgestattet. Und hier lag, erst halb fertig, das Schwimmbassin des Hausherrn, fünfzehn Meter lang und fünf Meter breit. Es war von Wenzels Gemächern aus über eine Treppe aus weißem Marmor zu erreichen.
Für dieses Schwimmbassin hatte Jenny eine blendende Idee! „Es ist mir etwas eingefallen, Wenzel,“ sagte sie. „Darf ich Vorschläge machen?“
„Aber gewiß, du hast doch die Bauleitung.“
Jenny also ging zu Stobwasser. „Hören Sie, Stobwasser,“ sagte sie, „sehen Sie zu, daß Sie einige Ihrer Keramiken zusammenbringen, und räumen Sie ein bißchen auf. Morgen oder übermorgen, ich kann es noch nicht genau sagen, bringe ich Ihnen einen Kunden. Aber sehen Sie zu, daß es nicht so unordentlich aussieht.“
„Schön, schön,“ erwiderte Stobwasser und warf die spitze Nase in die Luft. „Sie sollen bedient werden, Jenny.“
„Daß Sie zur Stelle sind. Ich komme zwischen elf und ein Uhr.“
Stobwasser hatte wundervolle Keramiken geschaffen, Kakadus, Papageien, Fasanen, Reiher, Flamingos. Die Tiere waren seine Spezialität. Er brannte und glasierte seine Arbeiten selbst in einem alten verstaubten Ofen, der in der Ecke stand.
Stobwasser lief den ganzen Tag umher, um seine Arbeiten, die zum größten Teil verkauft waren, zum größten Teil aber bei den Händlern standen, zusammenzuholen.
Und richtig, da kam auch schon Jenny mit Wenzel an.
Fast hätte Jenny laut herausgelacht. Stobwasser verbeugte sich linkisch und ungeschickt und viel zu tief. Er hatte sich irgendwo einen langen Gehrock ausgeliehen, der ihm etwas zu weit war. Er bat, Platz zu nehmen, und wischte die Stühle mit dem Taschentuch ab. Er war dunkelrot vor Verlegenheit und wurde noch verlegener, als er beim Rückwärtstreten über seine Katze stolperte. Unruhig rückten die Tiere in ihren Bauern hin und her, und der Papagei begann laut zu schreien und zu singen: „Wer will unter die Soldaten, der muß haben ein Gewehr ...“
„Sei ruhig!“ herrschte ihn Stobwasser an.
„Leider sind diese Arbeiten nicht so gut, wie ich es gern wünschte,“ sagte er. „Ich bitte Sie zum Beispiel diesen Kakadu nicht anzusehen, er ist direkt schlecht.“
Jenny lachte laut auf. „Sie haben eine drollige Art, Ihre Werke zu empfehlen!“ rief sie aus. „Stobwasser brennt die Arbeiten selbst,“ erklärte sie.
Mit einer steifen Geste des Armes deutete Stobwasser, wie ein Führer in einem Museum, auf den verstaubten und verräucherten Brennofen in der Ecke. „Ja, ich brenne sie selbst, hier in diesem Ofen!“
Wenzel zeigte aufrichtiges Interesse. Er betrachtete alle Werke des Bildhauers aufmerksam, die Keramiken, die Schnitzereien. Am meisten schienen ihn aber die lebenden Tiere, Stobwassers Modelle, zu interessieren.
„Ich habe leider heute keine Zeit mehr,“ sagte er plötzlich. „Wir sehen uns bald wieder, Herr Stobwasser.“
Stobwasser verbeugte sich tief und erbleichte.
„Oh, wie oft habe ich das gehört: ich komme wieder,“ sagte er, als die beiden gegangen waren. Und er drohte dem Papagei mit der Faust. „Und du, wie kannst du dein dummes Lied singen, wenn gerade Besuch da ist. Und noch dazu ein früherer Hauptmann.“
Er war völlig verzweifelt.
Jenny aber trug Wenzel, während sie im Auto saßen, ihren Einfall vor: Sie dachte es sich hübsch, wenn das Schwimmbassin mit Keramiken Stobwassers geschmückt würde. Es würde lustig und reizend aussehen, vielleicht kleine Nischen, man sollte Stobwasser auffordern, eine Skizze zu machen.
„Gut,“ erwiderte Wenzel, „ich werde ihn auffordern. Sehr gut aber gefiel mir sein Wandleuchter. Erinnerst du dich, der weiße Kakadu? Ich habe dem Architekten gestern gesagt, daß ich die Wandleuchter für den oberen Korridor nicht abnehmen werde, sie gefallen mir nicht. Wenn Stobwasser diese Wandleuchter machen könnte? Varianten seines Entwurfes?“
Stobwasser hatte nicht mehr auf Wenzels Rückkehr gehofft. Als Wenzel am nächsten Vormittag mit Jenny eintrat, stand Stobwasser da, die Fäuste voller Ton, mitten in der Arbeit, in einem mit Ton beschmierten Kittel, krebsrot das Gesicht vor Verlegenheit. Seine Miene war fast feindselig. Wenzel bat ihn also, gelegentlich mit Jenny nach dem Grunewald zu fahren und sich das Schwimmbassin anzusehen. Es war Gott sei Dank noch nicht gekachelt. Dann fragte er ihn, ob er die Wandleuchter für den oberen Korridor übernehmen könne, in der Art dieses Leuchters dort in der Ecke.
Natürlich konnte das Stobwasser. Er hatte auch nicht für einen Pfennig Aufträge.
„Wieviel Leuchter sollen es sein?“ fragte er.
„Es sind dreißig Stück,“ antwortete Wenzel. „Ich bestelle sie hiermit und bitte Sie, sich möglichst zu beeilen.“
Als die beiden die Tür hinter sich geschlossen hatten, stand Stobwasser immer noch mit offenem Munde da, die spitze Nase gegen die Tür gestreckt.
„Dreißig Stück, du lieber Himmel,“ sagte er, und die Beine begannen ihm zu zittern. Er mußte sich in den Stuhl setzen. Er konnte sein Glück gar nicht fassen.
„Dein Freund Stobwasser ist ein ganz reizender Mensch,“ sagte Wenzel zu Jenny. „Ich liebe diese einfachen Menschen, die etwas können. Sie sind so selten bei uns.“
23
Es war natürlich, daß Wenzel fortan auf allen Rennbahnen zu sehen war, wo seine Pferde liefen. Herr von Kühne hatte im vorigen Jahre und in diesem Frühjahr mit seinem Stall keine besonderen Erfolge erzielt. Aber es schien, als hätten die Pferde nur darauf gewartet, in Wenzels Besitz zu kommen. Sie liefen, daß es eine Freude war. Sie waren nicht mehr krank. Sie husteten nicht mehr. Sie lahmten nicht mehr. Ein Hengst, der Hengst ‚Kardinal‘, ein völlig unbekanntes Pferd, das Herr von Kühne schon hatte verkaufen wollen, gewann ein bedeutendes Rennen gegen hohe Klasse.
„Sieh doch, wie er läuft!“ schrie Wenzel vor Entzücken und lachte laut auf.
In der Tat, ‚Kardinal‘ lief vier Pferdelängen vor dem Rudel und zog in einer rasenden Fahrt dahin. Die gelbe Jacke blitzte in der Sonne. Die Tribünen waren stumm vor Verblüffung. Kardinal gewann im Kanter. Jenny klatschte, daß ihre Handschuhe platzten. Sie hatte auf Wenzels Rat hundert Mark auf ‚Kardinal‘ gesetzt.
Mackentin beglückwünschte Wenzel zu diesem überraschenden Siege. „Wird Ihnen bei all diesem Glück nicht zuweilen etwas unbehaglich, Schellenberg?“ fragte er.
„O nein, nicht im geringsten. Ich bin schwindelfrei,“ erwiderte Wenzel.
Oft litt Jenny Florian bittere Qualen. Es gab Wochen, da Wenzel sie vernachlässigte. Kaum daß er einmal anklingelte oder die Zeit fand, ihr ein Wort oder eine Blume zu schicken. Als sie in Italien filmte, fast sechs Wochen lang, hatte er ihr nur einen einzigen Brief geschickt, in die Maschine diktiert. Und in diesem Brief war nur die Rede von einem Kampf, den er mit einem Pferde ausfocht, das ihn beim Reiten im Tiergarten gegen die Bäume rennen wollte.
In jenen Wochen, da sie für Wenzel nicht zu existieren schien, wäre sie am liebsten geflohen. Fliehen! Aber wohin? Sie wußte, daß sie nie fliehen konnte, es war unmöglich, es war viel zu spät. Natürlich wußte sie, daß Frauen dabei im Spiel waren. Die Frauen drängten sich an Wenzel heran, wohin er auch kam. Viele blendete sein Erfolg, sein Reichtum. Andere bestach sein Aussehen, seine weißen Zähne, seine Kraft und seine unverwüstliche Laune.
Jenny aber litt Qualen, wenn sie allein in ihrem Hause in Dahlem saß. Sie wußte – man hatte es ihr hinterbracht –, daß Wenzel zwei oder drei Wohnungen in verschiedenen Hotels in der Stadt ständig gemietet hatte. Sie hörte von allen möglichen Abenteuern und Liaisons. Obwohl sie sich die Ohren mit beiden Händen zuhielt, unterließ man es nicht, ihr alles mögliche zuzuflüstern. Ihre Kolleginnen machten sich ein Vergnügen daraus, ihr derartige Neuigkeiten mitzuteilen. Wenzel sollte in einem kleinen Vorstadtvarieté eine kleine Sängerin entdeckt haben, die täglich ein Revolutionslied und einige Dirnenlieder mit frecher Geste vortrug. Die Musik war von einem verwahrlosten Kapellmeister geschrieben, der das kleine Orchester des Varietés dirigierte und der der Geliebte dieses Mädchens war. Man sagte, Wenzel halte die Sängerin nunmehr aus, und er habe dem eifersüchtigen Kapellmeister fünftausend Mark Abstand für die Frau gezahlt. Er habe sich eine Quittung geben lassen und sie dann der Sängerin unter die Nase gehalten. Der Kapellmeister, völlig rasend, habe auf Wenzel geschossen, ohne ihn jedoch zu treffen. Wenzel habe ihn mit einer Ohrfeige zu Boden geschlagen.
Woher wußten die Leute all diese Dinge? Wie ekelhaft war dieser Klatsch, wie unverständlich! Jenny hatte den kleinen Stolpe in Verdacht, daß er aus der Schule plaudere. Sie sagte es ihm ins Gesicht. Stolpe kam in große Verlegenheit. Sie warnte ihn, sie war zornig und stampfte sogar mit dem Fuße, was sie sonst nie tat. Stolpe beteuerte, aber sie wußte, woran sie war.