Die Brücke im Dschungel

Part 9

Chapter 93,848 wordsPublic domain

Die Krone ist allerdings schon ein wenig beschmutzt von der zerfallenden Kopfhaut. Die Pumpmeisterin bückt sich, hebt ihre Krone vom Erdboden auf, zerknüllt sie zwischen den Fingern so unauffällig wie möglich, geht dann damit hinaus und wirft sie in das große Feuer, wo die Kracker angezündet werden.

20

Vor der Hütte hört man reden, und bald darauf kommt der Mann herein, der den Sarg bringt, den er selbst gemacht hat. Als dieser Mann hereinkommt und den Sarg, den er unter dem Arm trug, auf den Boden stellt, fängt die Garza entsetzlich zu schreien an. Alle Frauen in der Hütte beginnen ebenfalls gell zu schreien, und auch die Frauen, die vor der Hütte sitzen, schreien und klagen laut.

Der Sargmann hat den Hut abgenommen und wischt sich den Schweiß mit dem Handrücken. Es kommen nun einige andere Männer herein, und man wird sofort geschäftig, ohne das Schreien der Frauen zu beachten. Auch Sleigh ist mit hereingekommen.

Der Sarg wird nun auf eine Kiste gestellt. Er ist selbst nichts weiter als eine rohe längliche Kiste. Nichts daran ist gehobelt. Die Wände der Kiste sind außen mit blauem Papier beklebt, damit man das rohe Holz nicht sehen kann. Im Innern der Kiste ist trockenes Gras, und es sind trockene Maisblätter darin. Auf diesen Blättern ist eine Schicht zerbröckelter Kalkstücke.

Vier Männer, darunter Sleigh, fassen den Körper an seinen vier Ecken an und versuchen, ihn in den Sarg zu heben. Während sie ihn hochheben, fällt der Kopf tief herunter, und es gewinnt den Anschein, als wolle er abbrechen. Ich springe rasch hinzu und halte ihn mit dem kleinen Kissen, auf dem er ruhte, in gleicher Lage mit dem Körper. Dabei läuft mir der Verwesungsbrei über die Hände. Die Papierkleider fallen auseinander, und der ganze schöne Aufputz wird eine heillose Manscherei. Endlich haben wir den Körper in dem Sarge, und die Pumpmeisterin ist sofort tätig, um die Kleider wieder in Ordnung zu bringen.

Der Sarg ist nun auf den Tisch gestellt worden, und sobald er dort steht, wirft sich die Garza darüber, um das kleine Gesicht zu küssen. Aber als sie gerade ihren Mund auf die Lippen pressen will, sieht sie, daß keine Lippen mehr da sind, sondern nur Zähne, die aus einem grünlich-gelben Brei herausgrinsen, und daß der runde Augapfel, der losgelöst auf der Höhle liegt, sie fremd anstarrt. Eine dicke, durch die Bewegung des Körpers aufgerüttelte Wolke entsetzlichen Gestanks nimmt ihr den Atem und läßt sie mit einem Ruck zurückfallen. Dort steht sie, gierig nach frischer Luft ringend, und sie wirft ihre Arme so unsinnig und unnatürlich in der Luft umher, als seien sie plötzlich aus den Gelenken gefallen und gehörten nicht mehr ihr. Dann tastet sie mit flinken Fingern an ihrer Brust entlang und läßt die Hände wie von selbst über den Hals am Gesicht hinaufklettern, bis sie das Haar erreichen, das die Finger zerkrallen. Ihre Augen irren hilflos umher, ihre Arme fliegen mit einem Ruck hoch, und während sie einen grauenhaften Schrei ausstößt, bricht sie zusammen.

Andere Frauen springen sofort hinzu, flößen ihr Wasser ein und Schnaps, sprengen ihr Wasser ins Gesicht, versuchen, ihre Hände auseinanderzureißen, klopfen ihr auf die Backen und auf den Rücken. Nach einer Weile ist sie wieder munter. Es war der letzte Abschied von ihrem Jungen.

Ihr Mann, seit einiger Zeit schon völlig im Nebel, kommt nun torkelnd und stolpernd auf sie zu. Aus der hinteren Hosentasche zieht er die Tequilaflasche hervor und drückt sie ihr in die Hand. Die Frau nimmt die Flasche und verschwindet mit ihr in jenem engen Nebenraum. Durch die Stämmchen sehe ich, daß sie einen mordsmäßigen Zug tut, der einem frumben Raubritter die Augen auf Stiele setzen würde. Dann kommt sie wieder hervor, gibt ihrem Manne die Flasche zurück und wischt sich mit der Hand über den Mund. Der Mann nimmt die Gelegenheit, daß die Flasche nun doch einmal in der Hand ist, wahr und zieht sich einen wackeren Hieb durch die Kehle. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen.

Der Sargmann holt einen Hammer aus der Hosentasche und aus der anderen zwei dicke Nägel. Er hält das für besser, als lange zu reden, was nun zu geschehen habe.

Die Frau hat diese Ansprache auch sofort begriffen. Sie kommt heran, deckt das Tuch ab und sieht auf das, was vom Gesicht noch übrig ist. Sofort summen dicke grüne Fliegen herbei, die sich auf das Gesicht setzen. Die Frau läßt das Tuch wieder auf das Gesicht fallen und steht nun eine Weile da, als ob sie auf etwas warte. Dann dreht sie sich rasch um, nimmt die kleine Gitarre herunter und legt sie neben den Kleinen in den Sarg. Wieder sinnt sie einen Augenblick, und dann rafft sie das verschrammte Blechwägelchen und den übrigen Jungenkram zusammen und packt es auch noch in den Sarg. Und dann sagt sie ganz still und andächtig: „Adios, Carlos mio!“

Niemand in der Hütte, wo alles dicht gedrängt steht, bewegt sich, niemand spricht etwas, niemand atmet.

Die Garza läßt den Kopf sinken, dreht sich völlig um, bis sie mit dem Rücken zum Sarge steht, und geht einen Schritt vorwärts der Wand entgegen, durch deren Stäbe man das Feuer sieht.

Mit flinken Händen hat der Sargmann den Deckel aufgesetzt, und er gibt zwei leichte Schläge auf die Köpfe der zwei Nägel, die er eingesteckt hat, leicht genug, daß man sie noch einmal herausziehen kann.

Nun geht es rasch. Vier Burschen nehmen den Sarg auf die Schultern, und stolpernd wird losgezogen. Die Männer, Frauen und Kinder folgen. Sie gehen nicht in einem Zuge, sondern in einem Haufen.

Garza torkelt zwischen zwei Männern, die nicht fähig sind, ihn gerade zu halten, weil sie mit sich selbst genug zu tun haben, um auf den Beinen zu bleiben.

Die Mutter geht neben der Pumpmeisterin, in deren Arm sie eingehängt ist. Immer noch hat sie das meergrüne Kleid an. Das Kleid hat Streifen und Flecke von Blut und schmutzigem Wasser. Die Blumen sind abgefallen.

Nach wenigen Augenblicken ist der Haufen bei der Brücke. Als der Sarg an der Stelle ist, wo die Kerbe eingehauen ist, bleiben die Träger stehen. Die Männer nehmen ihre Hüte ab. Die Garza beginnt herzzerbrechend zu weinen. Die Pumpmeisterin küßt sie und nimmt sie in ihre Arme.

Die Träger haben sich wieder in Marsch gesetzt. Der Haufe trottet schwätzend hinterher.

Sleigh bleibt eine Weile auf der Brücke stehen, dann dreht er sich um und geht heim.

Jetzt hat man die Brücke verlassen, ist an der Pumpstation vorüber und wandert nun auf dem Dschungelwege zum Friedhof, der ein paar Stunden weit entfernt ist.

Die Musik, ein Geiger und ein Gitarrespieler, fangen an, die Trauermusik zu machen. Daß es Trauermärsche gibt, wissen sie nicht, würden es auch nicht glauben, wenn man es ihnen erzählte. Daß es Choräle gibt, davon haben sie gehört, können aber keine spielen. Aber amerikanische Tänze, die können sie spielen. Und der kleine Junge soll doch mit Musik zu Grabe gebracht werden, weil er nun als kleiner Engel auf der Reise ist.

So setzt die Musik lustig ein mit: „It ain’t goin’ t’rain no’ mo’ –.“ Jene Kulturwelle, die in genau bestimmten Intervallen von der europäischen und von der amerikanischen Hochzivilisation erbrochen wird, die in „Puppchen, du bist mein Augenstern“ ihren glorreichen Anfang nahm, die mit „Yes, we have no bananas“ die bewohnte und die unbewohnte Erde so verschlammte, daß ich, selbst in den unzugänglichen Dschungeln von Chiapas, Guatemala und Honduras, diesem hehren Ausdruck einer angebeteten Zivilisation nicht entgehen konnte, jene Kulturwelle hat nun einen weiteren, in die fernsten Winkel des Weltalls strahlenden Höhepunkt erklommen mit „It ain’t goin’ t’rain no’ mo’–“. Man muß Amerikaner durch Geburt sein, um die Geistlosigkeit, die Sinnlosigkeit, die Seelenlosigkeit, die Brutalität dieses Tanz-Chorals der Zivilisation in ihrem vollen Umfange erfassen zu können; wie man geborener Deutscher sein muß, um zu begreifen, daß „Puppchen, du bist mein Augenstern“ das hüpfende Vorspiel werden mußte für eine Tragödie der Gehirnlähmung, die einen fünfjährigen Weltraubmord ermöglichte.

Für den eingeborenen Bewohner der Tropen ist das Wasser etwas Heiliges, die köstlichste Gabe, die dem Menschen gegeben wurde. „Unser täglich Wasser gib uns heute!“ Flüsse und Seen sind schön, das gesegnetste Wasser aber sendet der Himmel herunter auf seine Kinder, wenn ihre Not am höchsten ist. „Es wird nun nie mehr regnen“ mag für den Herrn Gerichtsaktuar, der Angst um den neuen Hut seiner Gerichtsaktuarin hat, ein recht freudiger Gedanke sein. Aber der Fluch der Zivilisation und die Ursache, warum die nichtweißen Völker sich endlich zu rühren beginnen, beruhen darin, daß man die Weltanschauung europäischer und amerikanischer Gerichtsaktuare, Polizeiwachtmeister und Weißwarenhändler der ganzen übrigen Erde als Evangelium aufzwingt, an das alle Menschen zu glauben haben oder ausgerottet werden.

Würden die Indianer, deren Sprache wie Gesang ist, weil sie Ehrfurcht vor der Sprache haben, erkennen, wie tief die weißen Kulturschöpfer ihre Sprache zu erniedrigen vermögen und wie gedankenlos sie diese Erniedrigung ihrer Sprache allein in jener einen Zeile in die Welt hinausschreien und hinausmusizieren und hinaustanzen, so würde ich mich schämen, einem Indianer ins Gesicht zu blicken, und ich würde mein Gesicht mit Zinnober bemalen, nur um nicht mit meiner Rasse identifiziert werden zu können. Aber sie verstehen weder den Sinn jener Zeile, noch verstehen sie die Erniedrigung der Sprache, die in jener Zeile zum Ausdruck kommt. Übrig bleibt nur die Musik. Und durch jene Musik, die der einen Zeile völlig ebenbürtig ist, dringt die Kultur der weißen Rasse, die ja in der Musik ihren empfindungsreichsten Ausdruck sucht, in das Leben der farbigen Völker ein. Und in dieser Musik lernt der Indianer, dessen Seele und Empfindung noch ursprünglich sind, die Kultur der weißen Herrenrasse in ihrem Wert erkennen.

Daß dieser blöde Tanz hier als Begräbnismusik dient, offenbart, daß der Sinn der europäischen Musik hier seine Grenzen gefunden hat und genau wie die Religion, die von den Weißen gebracht wurde, auf eine undurchbrechliche Mauer stößt. Den Tod begreift der Mensch hier, aber die christliche Form des Begrabens ist ihm fremd. Sie ist ihm hohle Formel, die er rein äußerlich nachahmt. Und darum ist ihm die Tanzmusik bei dem Begräbnis nichts, das ihn stören könnte. Der Tod ist das Große, das Eigene; was darüber ist, das ist das Fremde. Die Tanzmusik ist am richtigen Platze. Wäre es anders, würde der Indianer in Verwirrung geraten.

21

Was schiert sich die Sonne hier um Leichen, um weinende Mütter, um Begräbnisse? Was schiert sich die Sonne um Zivilisationen, um echte Kultur, um unechte Kultur, um gute Musik, um schlechte Musik und um Ärger über Verpöbelung der Welt, der Rassen und der Seelen? Was immer es auch sei, das uns Weh bereitet, sie steht erhaben und mächtig im All. Sie ist der Gott, der alleinige, der sichtbare, der allgegenwärtige, der ewig junge und lachende Gott, wandernd am Firmament wie ein steter jubilierender Schöpfungsgesang. Sie ist Schöpfer und Erhalter und Erzeuger und Gebärer. Sie spendet und verschwendet, ist nimmer müde, fordert keine Gebete als Belohnung und droht nie mit höllischen Strafen. Was schiert sich die Sonne um ein Begräbnis? Steil steht sie hoch über uns, und ihre Glut brüllt. Und wir stolpern und staggern dahin, über Wurzeln, umgefallene Baumgiganten, über Löcher und ausgewaschene Furchen, wir drängen uns durch Gestrüpp, durch Dornengesträuch und durch hohes scharfes Gras. Schwätzend, lachend, rufend, kreischend, weinend und musizierend. Onesteps und Twosteps und Foxtrotts und immer, wenn den unermüdlichen Musikanten nichts einfällt, was sie spielen sollen, dann spielen sie das große Tedeum „It ain’t“. Der Sarg schaukelt bedenklich auf den Schultern der stolpernden Burschen, und wenn einer durch die trockene Erde in ein darunter ausgewaschenes oder von Tieren ausgegrabenes Loch bricht, schreit die ganze Herde, plötzlich aus dem stumpfen Dahinstolpern aufwachend: „La caja! Die Kiste!“ Und die am nächsten sind, springen hinzu, um die Kiste aufzuhalten, damit der Inhalt nicht vorzeitig verlorengeht und die Böschung hinunterschießt. Denn ehe man ihn in diesem Gewirr des Dschungels gefunden und herausgepellt hätte, würden die Geier, die an den Seiten des Weges lauern, wo sie von Baum zu Baum fliegen und die aussehen wie verwunschene Kapläne, ein Dutzend Fetzen herausgerissen haben, und es würde sich kaum noch recht lohnen, zum Friedhof zu ziehen.

Vor dem Sarge geht Morano, der mittlere Bruder. Er ist von einer Schar schreiender und quiekender Jungen umgeben. Einer von den Jungen schwingt fortgesetzt ein angebranntes Holzscheit, um es glimmend zu halten. Und Morano zündet seine Kracker an und schleudert sie in die Lüfte, wo sie knallend explodieren. Bei den ersten Knallern erhoben sich die Schwarzröcke mit schweren mächtigen Schwingen in die Lüfte. Jetzt aber haben sie sich schon daran gewöhnt. Schwer rudern sie von Baum zu Baum, mit gierigen und wütenden Augen den Zug anstarrend. Die heiligen Vögel der Tropen, die nicht geschossen, nicht gejagt oder gefangen werden dürfen, denn sie sind legitimierte Beamte, die Gesundheitspolizei des Dschungels, des Busches, der Prärien und der Sandmeere.

Manuel geht ganz für sich allein, als ob er nicht dazugehöre. Garza bleibt häufig stehen, zerrt die Flasche aus der hinteren Hosentasche und zieht einen Tüchtigen. Seine beiden Freunde helfen ihm dabei, und wer sonst gerade Lust hat, kommt herbei. Garza ist freigebig, und wenn diese Flasche leer ist, dann hat er in der linken hinteren Hosentasche eine andere Literflasche voll Leichenschmaus.

Die Mutter geht in der Herde. Wer es nicht weiß, würde nicht vermuten, daß sie die Trauernde ist. Sie geht nicht mehr im Arm der Pumpmeisterin, weil die nahe Berührung wegen der Glut, in der wir marschieren, unerträglich geworden ist. Aber die Pumpmeisterin geht neben ihr, und einige andere Frauen sind in ihrer Nähe. Man spricht, um den Weg abzukürzen. Man redet von tausend Dingen, die Frauen interessieren können, nur nicht mehr von dem Kleinen. Der Marsch ist schon ein Zurückwandern in das alltägliche Leben. Die Burschen, die den Sarg tragen, streiten unausgesetzt miteinander; niemand will tragen, niemand will ablösen. Es stinkt unerträglich in der Nähe des Sarges, und die Burschen binden sich Taschentücher vor die Nasen. Das Tragen ist ermüdend, lästig und unbequem. Die schwarzen Vögel würden nicht von Gestank oder von Anstrengung sprechen, aber streiten würden sie sich noch viel mehr, und die Schwachen hätten zu warten, bis die Starken schwerfällig auf einen Ast zufliegen müssen, um zu verdauen.

Es ist bewundernswert, wie die Musiker trotz der Gluthitze, trotz des Kletterns auf dem Dschungelwege – denn Wandern oder Gehen ist es nicht –, trotz einer langen Nacht unermüdlichen Zum-Tanz-Aufspielens unverdrossen und berufsfreudig den Trauermarsch spielen und dadurch der dahintrottenden Herde Sinn und Inhalt geben. Man würde sonst vergessen, warum man diese Reise überhaupt unternommen hat. Denn grün ist es rundherum und unter den Füßen, goldschimmernd blau ist der Himmel, die Sonne bläst schmetternde Fanfaren, die Vögel singen, von Blumen übersät und durchleuchtet ist der Dschungel, und Schmetterlinge, fächergroße und edelsteinkleine spielen jubelnde Farben durch die Luft. Es zirpt und geigt und flötet im Grase und im Laube.

Es lebt die Welt. Was ist ihr das Stückchen zerfließende Verwesung? Nichts. Nicht einmal Dünger. So reich ist sie, so verschwenderisch, daß sie dieses Düngers nicht braucht und ihn den Schwarzröcken zum Festmahle preisgibt. O Mensch, wie wenig bist du, wie wenig dein Mühen und Streben! Freue dich, liebe, stirb und rufe die Geier, den Rest zu tun!

Aber da ist das Dorf in Sicht. Hütten, Palmhütten und Grashütten. Nackte Kinder wimmeln herum die Menge; Hühner, Ziegen, Schweine, Esel und Hunde zwischen den Hütten, hinter den Hütten, in den Hütten, auf den Wegen. Die Leute kommen aus ihren Behausungen. Schweigend lassen sie den Zug herankommen und schweigend lassen sie ihn vorübergehen. Die Männer alle nehmen ihre Hüte ab, wenn der Zug an ihnen vorbeikommt. Selbst die nackten und zerlumpten braunen kleinen Wildlinge halten in ihrem Herumjagen inne, bleiben schweigend stehen und sehen dem Haufen mit weitaufgerissenen Augen nach. Eine Frau stößt einen gellenden Schrei aus, bückt sich, hebt ihr kleines Würmchen, das auf dem Boden strampelt auf und drückt es an ihre Brust, als wolle es jemand stehlen kommen. Dann bricht sie in langgezogenes Klagen aus, in das andere Frauen einstimmen und das aus dem Zuge heraus von der Garza und einigen anderen Frauen beantwortet wird.

Aus der Tienda kommt ein Mann herausgetorkelt. Er hat einen billigen weißen Leinenanzug an mit einer Jacke. Einen dünnen Zweig hat er in der Hand, mit dem er kreuz und quer in der Luft herumfuchtelt. Er hat schwer Topgewicht und kann sich kaum auf den Beinen halten. Es ist der Lehrer aus dem nächsten Dorf, das näher zur Bahn liegt. Er ist nur für zwei Monate in jenem Dorf, weil die Regierung jenem Dorfe nur für zwei Monate Schullehrergehalt bewilligt hat. Mehr Geld ist nicht da. Und wenn die zwei Monate um sind, geht der Lehrer wieder heim zu seiner Familie, die in einem anderen Staate lebt, sechshundert Kilometer von hier entfernt. Das Geld für die Heimreise muß er sich in den Dörfern zusammenbetteln gehen, weil von dem Gehalt, nachdem er sein Kostgeld bezahlt und seiner Familie den Rest geschickt hat, nichts mehr übrig ist.

Freunde der Garzas in dem Dorfe, wo er Schule hält, in einer Hütte, wo die Kinder keinen Tisch haben, um ihr Schreibheft oder ihr Lesebuch draufzulegen und sie deshalb auf den Knien schreiben müssen, haben ihn gebeten, hierher zu kommen und die Trauerrede für das Kind zu halten. Er hat sich sofort sehr früh aufgemacht, weil man ihm gesagt hatte, das Begräbnis sei um ein Uhr. Das war ein Mißverständnis. Es sollte heißen, daß der Zug um ein Uhr von Hause fortginge. Und jetzt ist es fünf Uhr.

Ich kenne den Lehrer von früher her, als er in einer kleinen Indianerstadt Schule hielt. Damals habe ich mit ihm und seiner Schule Schulfeiern und Schulausflüge mitgemacht und habe mit den erwachsenen Indianern, die Lesen und Schreiben lernen wollten, weil jeden Sonntag die Kommunisten herauskamen und ihnen predigten, das sei wichtig, die Abendschule besucht, wo ich zwar nicht Lesen und Schreiben lernte, wo sich mir aber eine neue Welt erschloß.

Der Lehrer ist kein Indianer, er hat nicht einen Tropfen indianischen Blutes; er sagte mir einmal, er sei Spanier. Ich glaubte es ihm aber nicht ganz, zur Hälfte hat er sicher maurisches Blut in sich, und wenn ich mich nicht täusche, ist er Ägypter. Er ist freilich hier im Lande geboren. Nun weiß ich, daß er ein sehr nüchterner Mensch ist. Aber da steht er nach einem langen anstrengenden Marsche hier vor der Tienda, wo es nicht nur Hosen, Stiefel und Laternen gibt, Mehl, eingemachte Pfirsiche, Kaffee, Hüte, Äxte und Revolverpatronen, sondern auch Tequila. Und dann kommt ein Indianer, der Vater eines oder mehrerer Kinder ist, die zu dem Lehrer in die Schule gehen, und er ersucht den Lehrer um die Ehre, einen Schnaps mit ihm zu trinken oder eine Flasche Bier. Der Lehrer möchte nicht nein sagen, um den Mann nicht zu beleidigen und um nicht den falschen Eindruck zu erwecken, daß er zu stolz sei, mit dem einfachen indianischen Arbeiter einen zu trinken. Und so trinkt er. Nach einer Weile kommt ein anderer Vater, und der Lehrer trinkt, weil er ja den zweiten unsagbar kränken würde, nicht mit ihm zu trinken, nachdem er doch mit dem ersten getrunken hat. Fünf Stunden sind lang, die Sonne glüht, das Wasser schmeckt lau wie Jauche, Kaffee ist nicht zu haben, Limonade, wenn zu viel getrunken, bläht auf, und den Schnaps kann man nicht ablehnen, und so ist der nüchterne Lehrer im Tran.

Der Zug geht weiter. Aus dem Dorfe folgen viele nach. Hinten torkelt der Lehrer und braucht den ganzen Weg für sich. In seinen Arm eingehängt ist jener Freund der Garzas, der den Lehrer gebeten hat, die Rede zu halten. Jener Freund ist noch betrunkener als der Lehrer, dessen Willenskraft wohl geschwächt, aber nicht betäubt ist. Der Lehrer versucht immer wieder, sich gerade zu halten, aber sein Begleiter schleift auf dem Boden entlang und macht durch sein Zerren und Herumdrehen und Hinstürzen den Lehrer mehr berauscht, als er es sonst wäre, wenn er ganz allein sein könnte und nicht unter dieser Suggestion des Schwerbetrunkenen stünde, der sich durchaus gehen läßt.

22

Nun ist der Zug vor dem Friedhof. Die Männer nehmen ihre Hüte ab, und unter unaufhörlichem Knallen und Raketenfeuern wird der Leichnam durch die kleine Pforte getragen. So wenig wie dem Indianer diese Religion in sein Wesen gedrungen ist, so wenig wie er diese Form des Begrabenwerdens begreifen kann, so wenig klar ist ihm der Sinn eines christlichen Friedhofes. Ein Schindacker in einem europäischen Lande sieht besser aus.

Da sind Hügel, und da sind Haufen. Da liegen verwelkte Kränze, und da stehen auf Gräbern Kreuze. Und es stehen viele Kreuze herum, wo man nur aus dem Kreuz schließt, daß hier ein Grab sei. Auf die Kreuze ist manchmal mit weißer Kreide, manchmal mit blauer Kreide, manchmal mit Tintenstift und manchmal mit Bleistift etwas geschrieben. Es soll der Name sein und das Datum. Es könnte aber auch etwas anderes sein, es kann auch eine Rechnung aus der Tienda sein. Nach dem Datum sind manche Gräber nur ein Jahr oder ein halbes Jahr alt, aber die Kreuze sind halb zerbrochen oder liegen gar in Stücken herum an ganz anderen Stellen, als wo sie eigentlich hingehören. Manche Grabplätze sind aufgewühlt von Hunden oder Schweinen oder Ziegen. Die Gräber liegen durcheinander. Dazwischen ist Dornengestrüpp, da sind Kakteen, und da ist Gras und Wüstenkraut. Alles ein Dschungel von schwarzen, weißen, blauen, roten und grünen Kreuzen und von zerbrochenen Kreuzen, als hätten die Höllenbewohner hier ein infernalisches Knüppelholzschlagen veranstaltet, ein Dschungel von Hügeln, Haufen, Löchern, Schutt, Papierblumen, dürren Kränzen, Sträuchern, Lehmklumpen, Kraut und Gras.

Sieht man einen solchen Friedhof zum ersten Male und vergleicht man ihn bei diesem ersten Male mit jenen friedlichen, sauberen Kirchhöfen, die man in Europa gesehen hat, so möchte man fragen: Wie ist das denn möglich? Ich wollte eine solche Frage an mich stellen, als ich einen solchen Friedhof zum ersten Male sah. Aber ehe ich diese Frage zu Ende gedacht hatte, fand ich die Frage in dieser Betonung lächerlich. Denn das allein ist ja der Friedhof, den die Menschen haben sollten, wenn sie keine Heuchler wären. Aber sie müssen noch nach dem Tode heucheln und als Gespenster herumlaufen. Seit jenem Tage, wo ich zum ersten Male einen echten indianischen Friedhof im Dschungel sah, bin ich zu der Wahrheit gelangt: Steht das Kreuz ein halbes Jahr auf dem Hügel und ist der Hügel ein halbes Jahr sichtbar, so ist es in beiden Fällen sechs Monate zu lange. Das Kreuz und der Hügel verhindern, daß der Mensch im Herzen und im Geiste der Zurückgebliebenen weiterleben kann, darum ist er gezwungen, als Gespenst uns das Leben zu verbittern.

Der Zug ist jetzt an dem Loche, wo der Kleine hineingebettet werden soll. Kein Totengräber gräbt die letzte Grube. Der Vater muß es tun oder der Bruder oder ein Freund. Manuel hat das Grab aus dem harten lehmigen Boden herausgehackt und herausgeschaufelt. Dann ist er auf dem Pferde zurückgeritten, um dem Sarge folgen zu können.

Der Sarg wird hingestellt. Der Sargmacher zieht die Nägel heraus und hebt den Deckel ab, damit die Mutter Abschied nehmen kann.

Man sieht die grellbunten Papierröcke, die goldene Krone, das Zepter und die goldenen und silbernen Sterne und Kreuze. Aber das Gesicht kann irgend etwas sein, nur kein Gesicht. Mit einem Schrei wirft sich die Garza über den Sarg, den sie fest umklammert. Ihr Schrei geht in Wimmern über.