Die Biene Maja und ihre Abenteuer
Chapter 8
Aber draußen in der Sonne nahm alles den gewohnten Gang. Nichts war verändert, und nichts erinnerte an die blaue Nacht. Die Insekten kamen, grüßten und zogen, drüben auf der Wiese war über den hohen bunten Sommerblumen, im Flimmern der heißen Luft, ein großer Verkehr. Maja ward plötzlich ganz traurig zumut. Sie fühlte, daß es niemand in der Welt gab, der an ihrem Glück oder an ihrer Betrübnis teilnahm. Sie konnte sich nicht entschließen, zu den anderen hinüberzufliegen. Ich will in den Wald, dachte sie, der Wald ist ernst und feierlich, er paßt zu dem Zustand, in welchem mein Herz sich befindet.
Wieviel Geheimnisvolles und wie viele Wunder das Waldesdunkel birgt, ahnt wohl niemand, der rasch und gedankenlos auf den gebahnten Wegen dahingeht. Dazu muß man die Zweige der Büsche auseinandergebogen haben, oder seine Blicke zwischen den Brombeerranken hindurch in die hohen Gräser und über das dichte Moos schweifen lassen. Unter schattigen Blättern der Pflanzen, in Erdlöchern und Baumhöhlen, zwischen den morschen Rinden verwitterter Holzstümpfe und im krausen Schlingwerk der Wurzeln, die sich wie Schlangenleiber über den Erdboden dahinwinden, ist Tag und Nacht ein reges und vielgestaltiges Leben, voller Freuden und Gefahren, voller Kampf und Leid und Vergnügen.
Die kleine Maja ahnte von alledem nur wenig, als sie zwischen den braunen Stämmen und dem grünen Blätterdach dahinflog. Sie erkannte unter sich im Gras eine schmale Spur, die als ein deutlicher Weg durch Dickicht und Lichtungen führte. Zuweilen schien es ihr, als verschwände die Sonne hinter Wolken, so tief wurden die Schatten unter den hohen Kronen und im dichten Buschwerk; dann wieder flog sie in lauter goldgrünem Glänzen dahin, unter sich die breitblätterigen kleinen Wälder der Waldfarren und blühende Brombeerranken.
Endlich öffnete der Wald seine überdachten Säulentore, und vor Majas Blicken lag ein weites Kornfeld in der goldenen Sonne. In den Ähren leuchteten Kornblumen und Mohn. Die kleine Biene ließ sich in den Zweigen einer Birke nieder, die am Rand des Feldes stand, und betrachtete entzückt das goldene Meer, das sich im Frieden des stillen Tags vor ihr ausbreitete. Es erschien ihr unabsehbar weit, und es gingen sanfte Wogen darüber hin; das tat der schüchterne Sommerwind, der so liebreich wehte, um nirgends die Ruhe der schönen Welt zu stören.
Ein paar kleine braune Schmetterlinge spielten unter der Birke über dem Korn 'Von Mohn zu Mohn'. Das ist unter jungen Schmetterlingen ein sehr beliebtes Gesellschaftsspiel. Jeder Schmetterling setzt sich auf eine Blume, und es muß ein Spieler mehr da sein, als Blumen in der Nähe stehen. Dieser eine sitzt in der Mitte des Kreises und ruft. Wenn sein Ruf erklingt, müssen alle auffliegen und die Blumen wechseln. Wer zu spät kommt und keine Blume mehr findet, wird in die Mitte geschickt und muß abrufen. Das war sehr unterhaltend.
Maja sah eine Weile zu, es machte ihr viel Vergnügen. Das könnte man auch die kleinen Bienen im Stock lehren, dachte sie, da nennen wir es dann 'Von Zelle zu Zelle'. Aber Kassandra wird wahrscheinlich zu streng sein.
Die kleine Maja wurde plötzlich traurig gestimmt, das kam sicher durch ihre Erinnerung an die Heimat. Als sie darüber nachdenken wollte, sagte neben ihr jemand:
»Guten Morgen. Sie sind eine Bestie, wie mir scheint.«
Die kleine Maja erschrak sehr und drehte sich rasch um.
»Nein,« sagte sie, »bestimmt nicht!«
Neben ihr saß eine kleine braune Halbkugel mit sieben schwarzen Punkten darauf. Unter dieser rotbraunen Kuppel, die übrigens prächtig glänzte, sah man ein winziges schwarzes Köpfchen, in dem zwei helle Äuglein funkelten, und nun erkannte Maja auch die dünnen Beinchen, die, fein wie Fäden, unter der punktierten Kuppel hervorschauten und sie so gut trugen als sie eben konnten. Dieser kleine Dicke war es, der Maja angerufen hatte. Trotz seiner seltsamen Gestalt gefiel er der Biene ausgezeichnet, er hatte etwas gradezu Anmutiges.
»Wer sind Sie nur?« fragte sie, »ich selbst bin Maja, vom Volk der Bienen.«
»Wollen Sie mich beleidigen?« fragte der Kleine. »Dazu liegt kein Grund vor, das merken Sie sich.«
»Aber wie sollte ich dazu kommen?« fragte die kleine Maja ganz erschrocken, »ich kenne Sie in der Tat nicht.«
»Das kann jeder sagen«, meinte der Dicke. »Nun, ich will Ihrem Gedächtnis nachhelfen. Zählen Sie.« Und der Kleine begann sich langsam umzudrehn.
»Soll ich Ihre Punkte zählen?«
»Ja, bitte schön«, sagte der Käfer.
»Es sind sieben Punkte«, sagte Maja.
»Nun?« fragte der Käfer, »also? Sie wissen es immer noch nicht? So will ich es Ihnen sagen. Ich heiße genau so, wie sich nachzählen läßt. Ich gehöre zur Familie der Siebenpunkte, heiße Alois und bin meines Zeichens Dichter. Die Menschen nennen mich auch Marienkäfer. Das ist ihre Sache. Aber das wissen Sie ja jedenfalls.«
Maja wagte nicht nein zu sagen, denn sie fürchtete Alois zu kränken.
»O,« sagte Alois, »ich lebe vom Sonnenschein, vom Frieden des Tages und von der Liebe der Menschen.«
»Aber essen Sie denn nichts?« fragte Maja überrascht.
»Doch, Blattläuse. Sie nicht?«
»Nein,« sagte Maja, »das ist doch ...«
»Was ist es denn? Wie?«
»Es ist nicht üblich«, sagte Maja schüchtern.
»Natürlich!« rief Alois und versuchte die eine Schulter hochzuziehen, was ihm aber wegen seiner festen Kuppel nicht gelang, »Sie tun als Bürgerliche selbstverständlich nur das, was üblich ist. Damit kämen wir Dichter nicht weit. Haben Sie Zeit?«
»Doch,« sagte Maja, »gewiß.«
»Dann werde ich Ihnen eine Dichtung vortragen. Sitzen Sie still und schließen Sie die Augen, damit die Umgebung Sie nicht stört. Das Gedicht heißt 'Der Menschenfinger'. Es ist ein persönliches Erlebnis und von mir. Hören Sie?«
»Ja,« sagte Maja, »jedes Wort.«
»Also:
+Der Menschenfinger+
Einmal hast du mich entdeckt, als ich Glück im Leben hatte. Du bist rund und langgestreckt. Oben hast du eine glatte, zugespitzte Panzerplatte, welche sich bewegen läßt, aber unten sitzt du fest!
Nun?« fragte Alois nach einem kleinen Schweigen. Er hatte Tränen in den Augen und seine Stimme zitterte.
»Der Menschenfinger hat mich sehr ergriffen«, meinte Maja, die etwas verlegen geworden war. Eigentlich kannte sie schönere Lieder.
»Wie finden Sie die Form?« fragte Alois und lächelte wehmütig. Er war sichtlich durch die Wirkung überwältigt, die er hervorgebracht hatte.
»Rund und langgestreckt«, antwortete Maja. »Sie haben es ja selbst gedichtet.«
»Ich meine die künstlerische Form, ich meine die Form meiner Dichtung.«
»Ah,« sagte Maja, »ach so. Ja, die finde ich gut.«
»Nicht wahr?« rief Alois. »Sie wollten sagen, daß dies Lied dem besten eingereiht werden kann, was Sie kennen, daß man weit zurückgreifen muß, ehe man etwas Verwandtes findet. Die Kunst muß zunächst Neuigkeiten enthalten, das ist es, was die meisten Dichter übersehen. Und dann Größe, nicht wahr?«
»Doch,« sagte Maja, »ich glaube ...«
»Ihr zuversichtlicher Glaube an meine Bedeutung, den Sie ausgesprochen haben,« sagte Alois, »beschämt mich gradezu. Haben Sie Dank. Ich muß nun weiter, denn die Einsamkeit ist die Zierde des Künstlers. Leben Sie wohl.«
»Adieu«, sagte Maja, die gar nicht recht wußte, was der Kleine eigentlich gewollt hatte. Nun, er selbst wird es schon wissen, dachte sie. Groß ist er ja eigentlich nicht, aber vielleicht wächst er noch. Sie sah ihm nach, wie er eifrig den Zweig hinaufkrabbelte. Man konnte seine winzigen Beinchen kaum unterscheiden, so daß es aussah, als schöbe er sich auf kleinen Rollen davon.
Dann sah Maja wieder auf das goldene Kornfeld nieder, über dem die Schmetterlinge spielten. Das gefiel ihr weit besser als das Werk des Alois Siebenpunkt.
Dreizehntes Kapitel
+Die Räuberburg+
Ach, wie froh hatte dieser Tag begonnen, und wie voller Angst und Schrecken sollte er enden. Maja hatte zuvor noch eine sehr merkwürdige Bekanntschaft gemacht, es war am Nachmittag gewesen, in der Nähe einer großen alten Wassertonne. Sie saß in den duftenden Holunderblüten, die sich in der stillen, schwarzen Wasserfläche der Tonne spiegelten. Über ihr sang ein Rotkehlchen so lieblich und froh, daß die kleine Maja es gradezu trostlos fand, daß man sich mit den Vögeln nicht befreunden konnte. Sie waren zu groß und fraßen einen auf, das war die Sache. Sie hatte sich in der weißen Blütendolde des Holunder versteckt und lauschte und blinzelte dabei mit den Augen, so daß der Sonnenschein ihr spitze Pfeile schickte, als neben ihr jemand seufzte. Als sie sich umdrehte, sah sie das sonderbarste Tier, das ihr jemals begegnet war. Auf den ersten Blick glaubte sie, daß es mindestens hundert Beine an jeder Seite hatte. Es war wohl dreimal so lang wie sie selbst, aber schmal und niedrig und ohne Flügel.
»Himmel noch mal!« rief Maja ganz erschrocken, »Sie müssen aber laufen können.«
Der Fremde sah sie nachdenklich an.
»Ich zweifle daran,« meinte er, »es könnte besser sein. Ich habe zu viele Beine. Wissen Sie, ehe man sie alle bewegt hat, vergeht zu viel Zeit. Es gab Zeiten, in denen ich das nicht gewußt habe, da ist mir oft der Wunsch gekommen, ich hätte ein paar Beine mehr. Aber wie Gott will. Wer sind denn Sie?«
Maja stellte sich vor.
Der andere nickte und bewegte einige Beine.
»Ich bin Hieronymus,« sagte er, »von der Familie der Tausendfüßler. Wir sind ein altes Geschlecht und erregen überall Bewunderung. Es gibt keine Tiere, die annähernd unsere Beinzahl aufzuweisen haben. Acht ist das Höchste bei den andern, soviel ich weiß.«
»Sie sind fabelhaft interessant,« sagte die kleine Maja, »und sehr eigenartig in der Farbe. Haben Sie Familie?«
»Aber nein! Wieso denn?« fragte der Tausendfüßler. »Wohin sollte das führen? Wir kriechen aus dem Ei und damit basta. Wenn nicht einmal wir auf eigenen Füßen stehen könnten, wer sollte es dann können?«
»Das ist ja richtig,« meinte Maja nachdenklich, »aber haben Sie gar keinen Anschluß?«
»Nein, meine Gute. Ich ernähre mich und zweifle.«
»Ach, woran zweifeln Sie denn?«
»Es ist mir angeboren,« entgegnete der Fremde, »ich muß immer zweifeln.«
Maja sah ihn mit großen, erstaunten Augen an. Sie verstand nicht, wie er das meinte, und wollte doch nicht allzu neugierig in seine Angelegenheiten eindringen.
»Ich zweifle daran,« sagte nach einer Weile Hieronymus, »daß Sie sich hier einen günstigen Ort zum Aufenthalt ausgesucht haben. Wissen Sie nicht, was drüben in der großen Weide liegt?«
»Nein.«
»Sehen Sie, ich habe gleich bezweifelt, daß Sie es wissen. Dort liegt die Hornissenstadt.«
Maja wäre fast von der Blütendolde gefallen, so furchtbar erschrak sie. Sie wurde totenblaß, und zitternd fragte sie, wo die Stadt läge.
»Sehen Sie dort den alten Starenkasten im Gebüsch am Stamm der Weide? Er ist so ungeschickt angebracht, daß ich gleich daran gezweifelt habe, daß er jemals von Staren bezogen wird. Wenn so ein Kasten nicht gegen Sonnenaufgang geöffnet ist, besinnt sich jeder anständige Vogel, ehe er einzieht. Die Hornissen haben nun darin ihre Stadt angelegt und befestigt. Es ist die größte Hornissenburg im Land. Das sollten Sie eigentlich wissen, denn soviel ich beobachtet habe, stellen diese Räuber euch Bienen nach.«
Maja hörte kaum noch zu. Sie unterschied deutlich die braunen Mauern der Burg im Grün, und ihr Atem stockte.
»Ich muß fort,« rief sie, »so rasch als möglich.«
Aber da klang hinter ihr ein lautes, böses Lachen, und gleich darauf fühlte die kleine Maja sich so energisch am Kragen gepackt, daß sie meinte, ihr Genick sei gebrochen. Nie in ihrem Leben hat sie dies Lachen vergessen können. Es klang wie ein Hohngelächter aus der Finsternis, und ein grauenerregendes Klirren von einem Panzer mischte sich hinein.
Hieronymus ließ sich mit allen seinen Beinen zugleich los und purzelte durch die Zweige in die Wassertonne.
»Ich zweifle daran, daß es gut geht«, rief er, aber das hörte die arme kleine Biene nicht mehr.
Sie konnte sich anfangs kaum umkehren, so fest wurde sie gehalten. Sie sah einen goldgepanzerten Arm und dann plötzlich über sich einen ungeheuren Kopf mit fürchterlichen Zangen. Zuerst glaubte sie, es sei eine riesengroße Wespe, aber dann erkannte sie, daß sie sich in den Fängen einer Hornisse befand. Das schwarz und gelb getigerte Ungeheuer war wohl viermal so groß wie sie selbst.
Endlich löste sich ihre Stimme, und sie schrie so laut um Hilfe, als sie konnte.
»Laß doch, Kerlchen«, meinte die Hornisse mit einer ganz unausstehlichen Freundlichkeit und lächelte Maja böse an. »Es dauert nur so lange, bis es vorüber ist.«
»Lassen Sie mich los,« schrie Maja, »oder ich steche Sie ins Herz.«
»Gleich ins Herz?« lachte der Räuber, »das ist ja sehr mutig. Aber es hat noch Zeit, meine Kleine.«
Maja geriet in furchtbare Wut. Mit Aufwendung aller ihrer Kräfte drehte sie sich herum, stieß ihren hellen, hohen Kampfruf aus und richtete ihren Stachel der Hornisse mitten auf die Brust. Aber da geschah das angsterregende Wunder, daß ihr Stachel sich umbog, ohne einzudringen. Er prallte am Panzer des Räubers ab.
Die Augen der Hornisse funkelten vor Zorn.
»Ich könnte dir jetzt deinen Kopf abbeißen, Kleine, um dich für diese Unverschämtheit zu strafen,« sagte sie grimmig, »und ich würde es auch tun, wenn die Königin nicht lieber frische Biene äße, als tote Biene. So einen fetten Bissen, wie du es bist, bringt man der Königin, wenn man ein guter Soldat ist.«
Und sie flog mit Maja in die Luft empor und grade auf die Räuberburg zu.
Nein, das ist zuviel, dachte die arme Biene, das hält niemand aus. Und sie verlor die Besinnung.
Als sie nach längerer Zeit aus ihrer Betäubung erwachte war es um sie her schwül und dämmerig, und die Luft war von einem scharfen durchdringenden Geruch erfüllt, der ihr schrecklicher erschien, als alles was sie kannte. Langsam besann sie sich, und eine lähmende Traurigkeit sank in ihr Herz. Sie wollte weinen und konnte nicht.
»Noch bin ich nicht gefressen,« sagte sie zitternd, »aber es kann jeden Augenblick stattfinden.«
Durch die Wände ihres Kerkers vernahm sie deutlich Stimmen. Nun sah sie auch, daß ein wenig Licht durch eine schmale Spalte fiel. Die Hornissen bauten ihre Mauern nicht aus Wachs, wie die Bienen, sondern aus einer trockenen Masse, die wie lockeres graues Papier aussah. Im schmalen Lichtstreifen, der in ihren Kerker drang, erkannte sie nun auch langsam ihre Umgebung, und sie erstarrte beinahe vor Schreck, als sie rings umher Tote liegen sah. Grade zu ihren Füßen lag ein kleiner Rosenkäfer auf dem Rücken, und etwas weiter zur Seite erkannte sie das Gerüst eines großen Laufkäfers, zur Hälfte durchbrochen, und überall lagen Flügel und Panzerdecken hingemordeter Bienen.
»Ach, daß mir dies geschehn mußte«, wimmerte die kleine Maja. Sie wagte sich nicht mehr zu rühren und preßte sich frierend vor Entsetzen und Angst in die äußerste Ecke der schrecklichen Kammer.
Da hörte sie durch die Wand wieder deutlich die Stimmen der Hornissen, und von Todesangst getrieben kroch sie an den kleinen Spalt und schaute hindurch.
Da sah sie einen großen Saal, der ganz mit Hornissen angefüllt war und der von einer großen Anzahl von gefangenen Glühkäfern auf das prächtigste erleuchtet wurde. Auf einem Thron inmitten der Ihren saß die Königin. Es schien eine wichtige Beratung stattzufinden, Maja verstand jedes Wort.
Wenn ihr nur diese glitzernden Ungeheuer nicht solch unsägliches Entsetzen eingeflößt hätten, sie würde sicher über ihre Kraft und Pracht in Entzücken geraten sein. Zum erstenmal erkannte sie jetzt deutlich, wie die Räuber aussahen. Mit Staunen und Zittern sah sie den Prunk der goldenen Panzer, die den ganzen Leib hinunter mit herrlichen schwarzen Schienen verziert waren, so daß man einen Eindruck von ihnen hatte, wie wohl ein Kind ihn haben mag, das zum erstenmal einen Tiger erblickt.
Ein Wächter ging an den Wänden des Saals umher und forderte die Glühkäfer auf, aus Leibeskräften zu leuchten. Er tat es leise und drohend, um die Beratung nicht zu stören, stieß mit einer langen Stange nach ihnen und zischte jedesmal.
»Leuchte, sonst freß ich dich!«
Es war ganz fürchterlich, wie es in der Hornissenburg zuging.
Da hörte Maja die Hornissenkönigin sagen:
»Also bleibt es bei unserer Abmachung: Morgen, eine Stunde vor Sonnenaufgang, versammeln sich die Krieger. Die Stadt der Bienen im Schloßpark wird überfallen. Der Stock wird ausgeraubt und möglichst viele Gefangene werden gemacht. Wer Helene die Achte, die Bienenkönigin, gefangennimmt und mir lebendig überliefert, wird in den Ritterstand erhoben. Haltet euch tapfer und bringt mir gute Beute heim. Und hiermit hebe ich die Versammlung auf. Begebt euch zur Ruhe!«
Sie erhob sich nach diesen Worten und verließ mit ihrem Gefolge den Saal.
Die kleine Maja hätte beinahe laut aufgeweint.
»Mein Volk,« schluchzte sie, »meine Heimat!« Sie preßte ihre Hände in den Mund, um nicht zu schreien, ihre Verzweiflung war grenzenlos. »Ach, wäre ich gestorben, ehe ich dies hören mußte«, wimmerte sie. »Niemand wird die Meinen warnen. Sie werden im Schlaf überfallen und ermordet. O lieber Gott, tu ein Wunder, hilf mir, hilf mir und meinem Volk aus unserer Not.«
Im Saal wurden die Glühkäferchen ausgelöscht und aufgefressen. Es wurde langsam still in der Burg. An Maja schien niemand mehr zu denken.
Langsam kam ein schwaches Dämmerlicht in ihrem Kerker auf, und ihr war, als klänge von außen her das Nachtlied der Grillen. Nie war der Biene etwas furchtbarer erschienen, als dies Burgverließ mit seinen Totengerippen.
Vierzehntes Kapitel
+Die Flucht+
Aber die Verzweiflung der kleinen Biene machte bald einer entschlossenen Besinnung Platz. Es war, als erinnerte sie sich wieder daran, daß sie eine Biene war. Hier sitze ich nun und weine und klage, dachte sie plötzlich, als ob ich nicht Gedanken und Kräfte hätte. O, ich mache meinem bedrohten Volk und meiner Königin wenig Ehre. Sterben muß ich doch, da will ich es wenigstens stolz und mutig tun und nichts unversucht lassen, die Meinen zu retten.
Es war, als vergäße sie ganz die lange Zeit der Trennung von den Ihren und der Heimat, sie fühlte sich ihnen zugehöriger als je, und die große Verantwortung, die plötzlich auf ihr ruhte, weil sie den Plan der Hornissen kannte, verlieh ihr große Entschlossenheit und viel Mut.
Müssen die Meinen unterliegen und sterben, so will ich es auch, dachte sie, aber vorher will ich nichts ungetan lassen, sie zu retten.
»Es lebe meine Königin!« rief sie.
»Ruhe da drinnen!« scholl es barsch von außen.
Hu, war das eine fürchterliche Stimme. Es mußte der Wächter gewesen sein, der die Runde machte. Offenbar war es längst Nacht.
Als der Schritt draußen verhallt war, begann Maja sogleich damit, den Spalt zu erweitern, der in den Saal führte. Es gelang ihr leicht, die mürbe Wand zu zerbeißen, wenn sie auch lange Zeit brauchte, bevor die Öffnung groß genug war. Endlich konnte sie sich hindurchzwängen. Sie tat es vorsichtig und mit pochendem Herzen, sie wußte, daß es ihr Leben kosten würde, wenn man sie entdeckte. Aus unbekannten Gründen der Burg scholl ein tiefes Schnarchen.
Der Saal lag in gedämpftem blauen Licht, das vom Eingang hineinsank. Das ist Licht vom Mond, wußte Maja und schritt vorsichtig dahin, wobei sie sich stets in den tiefen Schatten an den Wänden hielt. Vom Saal führte ein schmaler hoher Flur zum Ausgang, von dort kam das Himmelslicht der Nacht. Maja seufzte tief auf, sie sah ganz fern in unendlicher Weite einen Stern am Himmel schimmern. Ach Freiheit, dachte sie.
Der Gang war ganz hell. Leise, Schritt für Schritt, schlich sie voran, das Tor kam immer näher. Wenn ich jetzt auffliege, dachte sie, so bin ich draußen. Ihr Herz schlug in der Brust, als ob es sie zersprengen wollte.
Da sah sie im Schatten des Tores an einer Säule den Wächter lehnen.
Wie angewurzelt blieb sie stehen, alle ihre Hoffnung sank dahin. Dort war kein Vorüberkommen. Was sollte sie tun? Das Beste wird sein, ich kehre um, dachte sie, aber der Anblick des Riesen am Tor hielt sie im Bann. Es schien, als schaute er ganz in Gedanken versunken in die beleuchtete Nachtlandschaft hinaus. Er hatte sein Kinn in die Hand gestützt, und sein Kopf war ein wenig geneigt. Wie der goldene Panzer im Mond glänzte! In seiner Haltung war etwas, das die kleine Maja bewegte. Er sieht so traurig aus, dachte sie, wie schön er ist, wie edel ist seine Haltung und wie stolz funkelt seine Rüstung. Tag und Nacht legt er sie nicht ab, er ist immer bereit zu rauben, zu kämpfen und zu sterben ...
Die kleine Maja vergaß ganz, daß es ihr Feind war, den sie vor sich sah. Ach, wie oft war es ihr so gegangen, daß ihr Herz und seine Freude am Schönen sie alle Gefahr vergessen ließ.
Da schoß ein goldener Lichtblitz vom Helm des Räubers, er mußte den Kopf bewegt haben.
»Lieber Gott,« flüsterte die kleine Maja, »jetzt ist es aus.«
Da sagte der Wächter ganz ruhig:
»Komm nur näher, Kleine.«
»Was?« rief Maja, »wie? Sie haben mich gesehen?«
»Doch, Kind, schon lange. Du hast ein Loch in die Wand gebissen, und hast dich dann, immer hübsch im Schatten, bis hierher bewegt. Dann hast du mich gesehen und mit deinem Mut war es zu Ende. Ist es so?«
»Ja,« sagte Maja, »Sie haben ganz recht.« Sie zitterte vor Grauen am ganzen Körper. Also die ganze Zeit über hatte der Wächter sie beobachtet. Sie erinnerte sich nun, davon gehört zu haben, wie scharf die Sinne dieser klugen Räuber sind.
»Was willst du denn hier?« fragte der Wächter gutmütig. Maja fand immer noch, daß er traurig aussah, er schien an ganz andere Dinge zu denken, ihm war dies alles gar nicht so wichtig wie ihr selbst.
»Hinaus möchte ich«, antwortete sie. »Ich habe auch nicht den Mut verloren, sondern ich war nur erschrocken über Ihre Kraft und Schönheit und über den goldenen Glanz Ihrer Rüstung. Jetzt werde ich mit Ihnen kämpfen.«
Der Wächter beugte sich erstaunt ein wenig vor und sah Maja an und lächelte. Es war gar nicht böse, dies Lächeln, die kleine Biene hatte dabei ein Empfinden, das sie noch niemals im Leben gekannt hatte. Ihr war zumute, als ob dieses Lächeln des jungen Kriegers eine heimliche Gewalt über ihr Herz ausübte.
»Kleine,« sagte er beinahe herzlich, »nein, kämpfen werden wir nicht. Ihr seid ein mächtiges Volk, aber wir sind stärker. Am wenigsten aber wird je eine einzelne Hornisse mit einer einzelnen Biene kämpfen. -- Wenn du magst, kannst du gern ein wenig hierbleiben und mit mir plaudern. Aber nur noch kurz, bald werde ich die Soldaten wecken und dann mußt du in deine Zelle zurück.«
Seltsam, diese überlegene Freundlichkeit der Hornisse entwaffnete Maja mehr, als Zorn oder Haß es gekonnt hätten. Es war beinahe etwas wie Bewunderung, das sie empfand. Sie sah mit großen traurigen Augen zu ihrem Feind auf, und da sie immer dem Zug ihres Herzens folgen mußte, sagte sie:
»Ich habe stets nur Böses von den Hornissen gehört, aber Sie sind nicht böse. Ich kann nicht glauben, daß Sie böse sind.«
Der Krieger sah Maja ruhig an:
»Es gibt überall böse und gute Leute«, sagte er ernst. »Aber wir sind eure Feinde, das vergiß nicht. Es wird immer so bleiben.«
»Muß denn ein Feind immer schlecht sein?« fragte Maja. »Als Sie vorhin in die Nacht hinausschauten, habe ich vergessen müssen, daß Sie hart und mir feindlich sind. Mir war zumute, als ob Sie traurig wären, und ich habe immer gemeint, Wesen, die traurig sind, können unmöglich böse sein.«
Und als der Wächter schwieg, fuhr Maja um vieles mutiger fort:
»Sie sind mächtig. Wenn Sie wollen, können Sie mich wieder in meine Zelle schaffen und ich muß sterben, aber wenn Sie wollen, so können Sie mir auch meine Freiheit schenken.«
Da richtete der Krieger sich auf. Sein Panzer klirrte ein wenig, und der Arm, den er hob, blinkte im Mondlicht, das verblassend auf dem Tor lag. Kam schon der Morgen?