Die Berg-Maria, oder: Wer nur den lieben Gott läßt walten. Eine Geschichtliche Erzählung aus Pennsylvanien.

Part 2

Chapter 23,848 wordsPublic domain

Drittes Kapitel.

Die Pfarrers-Familie in Philadelphia und die Bauern-Familie in Oley.

Wir haben einen Gott und Herrn, Sind eines Leibes Glieder; Drum diene deinem Nächsten gern, Denn wir sind alle Brüder, Gott schuf die Welt nicht blos für mich, Mein Nächster ist sein Kind wie ich.

Der nächste Tag, nachdem Theodor Benz Philadelphia verlassen, war ein Sonntag, und schon in aller Frühe trat Frau Wittwe Kreuderin in die Küche und frug Maria, ob sie mit ihr in die Kirche gehen wolle, wo der junge Pastor Mühlenberg, an der Stelle seines würdigen Vaters, predigen werde. Mit freudestrahlendem Gesichte eilte Maria zu der guten Mutter und dankte ihr mit den herzlichsten Worten, ihr das große Vergnügen zu gewähren, den Gottesdienst zu besuchen. Ihre Eltern wären fromme Leute gewesen und hätten an keinem Sonntage versäumt in die Kirche zu gehen, und kaum hätte sie laufen können, hätte ihre Mutter sie schon in die Kirche geführt und andächtig beten gelernt. Nachdem Maria ihre Arbeiten verrichtet, eilte sie in ihr Kämmerlein, um sich für den Kirchengang anzukleiden, und stand bald bei Mutter Kreuderin, mit der sie zur Kirche gehen wollte.

Mit großer Andacht lauschten die Frauen den Worten des jungen Predigers, der seinen Text aus Jesus Sirach, Kapitel 14, Vers 14 genommen, der lautet: „Vergiß der Armen nicht, wenn du den fröhlichen Tag hast; so wird dir auch Freude wiederfahren die du begehrest.“

Er sprach dann, daß wir nicht zu sehr an irdischen Gütern hängen sollten, daß wir nach unsern Kräften den bedürftigen und kranken Menschen helfen sollten, Habsucht und Geiz seien eine große Sünde; der Habsüchtige und Geizige klammere sich an das Irdische, der Himmel sei für ihn nicht offen u. s. w. -- Vollkommen erbaut, kehrten die Frauen in ihre Wohnung zurück.

Zwei Wochen waren vergangen, nachdem Theodor von seiner Maria Abschied genommen, als Frau Kreuderin mit freundlichem Gesicht in die Küche kam, und ihr verkündete, daß der würdige Pastor Mühlenberg nach ihr gesandt habe, sie möge in der Küche Alles gehn und stehn lassen und so schnell als möglich in das Pfarrhaus eilen, und sie bezweifle nicht im Geringsten, daß er ihr nur Gutes zu verkünden habe. Freudig überrascht von dem, was ihr die gute Mutter verkündet, eilte Maria in ihr Kämmerlein, kleidete sich einfach, aber höchst reinlich, und eilte nach dem Pfarrhause.

Pastor +Heinrich Melchior Mühlenberg+ wohnte damals in einem Bretterhause in der Mulberry-Straße, jetzt Arch-Straße, ohnweit seiner Pfarrkirche in der Dritten Straße. Dort lebte er mit seiner treuen Gattin und Kindern ganz einfach, ohne allen Prunk, verwaltete treu, eifrig und mit großem Segen sein in jener Zeit so beschwerliches Amt. Er war nicht allein ein Verkünder der Lehre des Weltheilandes, sondern gab auch überall Zeugniß, daß er dieselbe auf das Gewissenhafteste befolgte.

Als Maria in das Haus dieses ehrwürdigen Mannes trat, wurde sie sehr freundlich begrüßt und Pastor Mühlenberg stellte seiner Frau, der Tochter des so berühmten deutschen Indianer-Agenten +Conrad Weiser+, das so bescheidene Mädchen vor, die ihr dann liebreich die Hand reichte und sagte: Mein Mann hat mir dein Unglück und Leiden auf der Reise nach Amerika erzählt, welches mich tief ergriffen, und da die Frau Kreuderin ein so schönes Zeugniß giebt, so wollte ich dich fragen, ob du nicht für einen passenden Lohn und gute Behandlung bei mir dienen willst. Gewiß will ich, sagte Maria, ich will Euch nach meinen besten Kräften treu und redlich dienen, bin ich doch dem Herrn Pastor so vielen Dank schuldig, für das was er für mich gethan.

Pastor Mühlenberg erkundigte sich jetzt nach Theodor Benz, und als er erfuhr, daß er im Dienst bei dem Bauern Friedrich Leinbach in Oley sei, war er hoch erfreut und sagte, daß er Leinbach genau kenne, er sei ein Mitglied seiner Gemeinde gewesen zur Zeit er das Predigeramt an der Trappe-Kirche bediente. Leinbachs Farm sei über zwölf Meilen von der Trappe gelegen, dessen ungeachtet habe Leinbach mit seiner Familie keinen Sonntag versäumt seine Predigt zu hören.

Nun nahm Frau Mühlenberg wieder das Wort und sagte: Da du den Dienst bei mir angenommen, so wäre es mir sehr lieb, wenn du denselben schon morgen antreten würdest, denn wir haben gerade viele Arbeit, besonders für die Nadel, die du, wie mir Frau Kreuderin versicherte, trefflich zu führen verstehst. Mein Sohn Peter wird in kurzer Zeit heirathen, und dann eine Pfarrei in Virginien antreten, da giebts Arbeit in Menge. Frau Kreuderin, erwiederte Maria, wird mir wohl ein zu großes Lob gegeben haben, doch will ich mich bemühen, Ihre Zufriedenheit zu gewinnen, erlauben Sie mir aber, mit meiner guten Mutter Rücksprache zu nehmen, denn ich habe dort noch Manches zu ordnen, und soll die gute Frau keine Undankbare finden. Ich will schnell dahin eilen und mich bemühen, daß ich morgen in rechter Zeit wieder bei Ihnen sein kann. Geh, mein Kind, erwiederte die Pfarrerin, ich verlasse mich auf dich und sage dazu, es ist recht schön von dir, daß du das Haus der Frau, die du deine zweite Mutter nennen darfst, und welche dir so viel Gutes gethan, in Ehren verläßt. Maria verließ das Haus des Pfarrers und eilte nach dem Gasthause der Mutter Kreuderin, die bereits unter der Thüre stand, und, wie es schien, neugierig auf die Zurückkunft des Mädchens wartete. Als Maria die Frau vor der Thüre sah, eilte sie freudig auf sie zu, umarmte sie mit ihren kräftigen Armen, drückte einen langen Kuß auf ihren Mund, und mit Thränen in den Augen verkündete sie, daß sie morgen das Haus verlassen müsse, wo sie so viel Gutes empfangen, doch tröste sie sich damit, daß es ja der Wunsch der guten Mutter sei, daß sie in den Dienst der Pfarrersleute gehe.

Am nächsten Morgen zur bestimmten Zeit, trat Maria ihren Dienst bei Frau Mühlenberg an, und bald saß das Mädchen emsig nähend an dem kleinen Fenster im Hinterstübchen des Pfarrhauses, damit ja das Weißzeug für des Pfarrers Sohn rechtzeitig fertig werde, denn Peter, der junge Pfarrer, konnte kaum den Zeitpunkt abwarten, bis Alles für seinen Haushalt fertig war. Ueberhaupt war der junge Mühlenberg ein unruhiger Geist, der schon von seiner frühesten Jugend an seinem Vater viel zu schaffen machte.

Als Pastor Mühlenberg noch die deutsch-lutherische Gemeinde an der Trappe, jetzt in Montgomery County gelegen, bediente, wurde Peter Mühlenberg geboren. Kaum hatte Peter die Kinderschuhe ausgetreten, so hatte er auch schon Bekanntschaft mit jungen Indianern gemacht, die sich noch hie und da bei den Ansiedlungen umher trieben. Sie lernten ihm die Irequois-Sprache der Wilden, nahmen ihn mit zur Jagd und Fischfang, trotz daß ihm von seinem Vater die Wildnerei streng verboten war. Von den Ansiedlern wurde er nur Mühlenberg’s wilder Peter genannt. In reiferem Alter, als er sich ausgetobt, wurde er, wie uns die Geschichte erzählt, ein tüchtiger Prediger, doch sein Patriotismus für sein Vaterland und die Freiheit, ließ ihn seine Laufbahn als Prediger verlassen, und sie mit dem eines Soldaten vertauschen. Seine edlen und muthigen Thaten sind jedem Amerikaner bekannt, und genug ist es zu sagen, daß er General Washington’s wärmster Freund war. Seine Gebeine ruhen auf dem Kirchhofe bei der Trappe, neben denen seines edlen Vaters.

Während Maria in Philadelphia emsig beschäftigt war, und sich bei der Familie Mühlenberg mit jedem Tage mehr Achtung und Liebe erwarb, war auch unser Theodor Benz in Oley fleißig an der Arbeit, um das Feld gehörig bestellen zu helfen und sich sonst auf der Farm nützlich zu machen. Auch er hatte bald durch sein gutes Betragen, Fleiß und guten Willen die Herzen der ganzen Familie Leinbach für sich gewonnen. Leinbach hatte vier Kinder, zwei Knaben von 14 und 17 Jahren, +George+ und +Friedrich+, zwei Mädchen von 8 und 10 Jahren, +Anna+ und +Elisa+, die bald den guten Theodor wie einen Bruder liebten. In der Familie Leinbach’s herrschte große Ordnung und die Eltern vernachlässigten die gute Erziehung ihrer Kinder nicht; sie waren streng gegen dieselben, wo sie es für nothwendig fanden, jedoch in einer Weise, daß sie die Liebe derselben nicht verscherzten. Früh lernten sie beten, und sobald sie so weit erwachsen waren, daß sie Verstand genug besaßen, wurden sie in der Religion unterrichtet, lernten die Güte des allmächtigen Schöpfers erkennen, sowie die Lehren des Weltheilandes, welche die Bahn zum ewigen Leben und Glückseligkeit bezeichnen. Damals hielten es die Eltern für eine schwere Sünde, wenn man die Erziehung der Kinder mißachtete. -- Wie anders ist es heute! --

Auf Leinbach’s Farm wurden die Befehle der Eltern von ihren Kindern mit der größten Pünktlichkeit befolgt, keines wagte eine Einwendung, und so kam auch der Segen über Leinbach’s Familie und Eigenthum. Noch heute leben in Reading, Womelsdorf und andern Plätzen Urenkel von Friedrich Leinbach, Kaufleute, Prediger, Farmer, die den besten Ruf haben, und so kann man von dem Dahingeschiedenen sagen: „Der Herr hat dich gesegnet bis ins dritte und vierte Glied.“

Viertes Kapitel.

Der erste Besuch in Philadelphia.

Sieh! wie lieblich und wie fein, Ist’s für Menschen friedlich sein, Wenn ihr Thun einträchtig ist, Ohne Falschheit, Trug und List.

Der Spätherbst war herangekommen und die Arbeiten auf Leinbach’s Farm nur noch gering und konnte leicht von Vater Leinbach und seinen beiden Söhnen verrichtet werden, da nahm Theodor sich’s vor den Bauern zu fragen, ob er es ihm jetzt erlauben wolle, nach Philadelphia zu gehen, und einige Tage daselbst zu verweilen, er sei sehr neugierig zu erfahren, ob Nachrichten von seinen lieben Eltern und Geschwistern, für die er stets Liebe im Herzen hege, bei dem ehrwürdigen Pastor Mühlenberg angekommen seien, denn da keine Postverbindung zwischen Philadelphia und Oley bestehe, habe er seine Briefe an den Pfarrer addressiren lassen.

Als er in die Wohnung des Farmers trat, um sein Gesuch anzubringen, saß derselbe am Tisch und schrieb. Indem er Theodor gewahrte, erhob er sich freundlich und frug nach des jungen Mannes Begehr. Ich will, erwiederte dieser, Euch Vater Leinbach fragen, ob Ihr mir erlauben wollt, da wenig Arbeit mehr auf der Farm zu verrichten ist, nach Philadelphia zu gehen und daselbst einige Tage zu verweilen. Gewiß, mein Sohn, war die Antwort des gutherzigen Mannes, du hast mir bis daher treulich gedient, warst fleißig und geschickt, und noch mehr, du hast meine Buben, die Neigung zum Müssiggang hatten, dazu gebracht, daß sie Freude an der Arbeit haben, Alles geschickt angreifen, so daß ich sie loben muß, und dir dazu zum Dank verpflichtet bin. Gehe mit Gott und verlasse dich darauf, wenn du mir noch eine zeitlang so fort dienst, sollst du es in deinem ganzen Leben nicht bereuen. Kannst nach Philadelphia gehen, wann du willst und eine ganze Woche daselbst verweilen; wann willst du dahin abgehen? Am Freitag Morgen, wenn es möglich ist, in aller Frühe, denn ich möchte noch am Sonntag Abend Philadelphia erreichen, bis zu meiner Abreise sind es noch zwei Tage, die ich noch benutzen will, die gröbsten Arbeiten auf der Farm hinwegzuräumen, damit den Buben die Arbeit, da sie noch jung sind, nicht zu schwer werde. Gut, sagte Leinbach, komme am Donnerstag Abend in meine Stube, ich will dir deinen vollen Lohn bis zum Tage deines Abgangs ausbezahlten, denn wenn du nach Philadelphia kommst, wirst du allerlei Bedürfnisse haben, dazu braucht man Geld und es soll mir Niemand nachsagen, daß ich meinen Knecht wie einen Bettler nach Philadelphia gehen ließ. Gerührt nahm der junge Mann Vater Leinbach’s Hand und dankte ihm mit den herzlichsten Worten.

Der Morgen, den Theodor zu seiner Abreise bestimmt, war ein gar herrlicher, wie er um diese Jahreszeit, Ende des Monats Oktober, außer Ost-Pennsylvanien, wohl wenige in der Welt giebt, und werden diese Tage, sowie der Beginn des Monats November, von dem Volke der „Indianische Sommer“ genannt. Der junge Mann war schon, nachdem er am Vorabend von allen seinen Lieben Abschied genommen, vor Tagesanbruch reisefertig, denn er wollte noch an diesem Tage eine gute Strecke Weges zurücklegen, da ihn die Sehnsucht nach Philadelphia trieb, wo er freudig empfangen zu werden hoffte. Mit einem derben Hickorystock, ein Bündlein unter dem Arm, trat er aus dem Hause und wollte eben den Fußpfad betreten, der hinter dem Hause über einen Hügel führt, folgen, als ihm eine Stimme Halt! und wohin so eilig? zurief. Erschrocken wandte sich Theodor um, erkannte aber sogleich in dem Rufer, der seine Stimme etwas verändert hatte, Friedrich, den ältesten Sohn des Farmers, welcher ihm freundlich zuwinkte, zurückzukommen. Er folgte dem Winke und trat zu Friedrich, welcher unter der Stallthüre stand. Dieser drohte dem Herangekommenen mit dem Finger und sagte: Theodor, was denkst du! glaubst du, daß der Vater, die Mutter und wir Alle zugeben würden, daß du mit einem Ränzchen unter dem Arm, einen Hickorystock in der Hand in Philadelphia einziehen sollst, wo Vater so viele Bekannte hat? Nein, lieber Freund, das geht nicht, das wäre ja für uns eine Schande. Indem er dies sagte, öffnete er die Stallthüre und zog eines der schönsten und besten Pferde des Farmers heraus das schön gesattelt und gut bepackt war. Vor Erstaunen wußte Theodor nicht was er sagen sollte, aber Friedrich ließ ihn nicht zu Worte kommen, zog ihn zum Pferde heran und auf dasselbe deutend, sagte er: Hier in dem Sack befindet sich eine Kanne unserer besten Butter, die du der Mutter Kreuderin zum Geschenk bringst, in diesem hier, sagte er, indem er den Erstaunten auf die andere Seite des Pferdes führte, befinden sich zwei unserer besten Schinken, die giebst du der Pfarrersfamilie, in dem Packet am Sattelknopf befindet sich ein Stück Tuch, welches meine beiden Schwestern aus Flachs gesponnen und sorgfältig gebleicht haben, dies giebst du der braven Maria, und endlich hier neben dem Sattel findest du in dem Säckchen Lebensmittel, die unsere Mutter für dich eingebunden hat, damit du auf der Reise keinen Hunger leidest. Nun sitz auf, Theodor, reite zu, möge der liebe Gott dich auf der Reise begleiten.

Wie ein Träumender, mit Thränen in den Augen und keines Wortes fähig, bestieg der junge Mann das Pferd und drückte seinem jungen Freunde stumm die Hand und wollte eben aus dem Hof reiten, als die ganze Familie Leinbach vor dem Thor erschien, ihm Abschied zuwinkte und glückliche Reise wünschte.

Mit gepreßtem Herzen ritt Theodor die Straße entlang und saß eine geraume Zeit wie ein Träumender auf dem Pferde, das rüstig zuschritt, aber plötzlich erschrocken stehen blieb. Theodor erwachte aus seiner Träumerei, und sah sich in einem düstern Urwald und vernahm ein furchtbares Geheul von wilden Thieren, die sich, wie es schien, zerfleischten. Er hielt schnell besonnen das schöne Pferd fest am Zügel, schmeichelte es, und so blieb es ruhig, doch zitternd, stehen. Nach wenigen Minuten stürmte eine Rotte Wölfe aus dem dichten Gebüsch, die einen Panther verfolgten, liefen keine zwei hundert Schritte von ihm über die Straße und den Bergabhang hinab. Als das Getöse vorüber war, wurde das Pferd wieder ruhig und Theodor ritt jetzt, ohne auf weitere Gefahren zu stoßen, den ganzen Weg entlang, bis er, als es bereits zu dunkeln anfing, ein Wirthshaus erreichte, das einladend an der Straße stand, und wo er sich erinnerte mit Vater Leinbach übernachtet zu haben. Das Wirthshaus, wie man mir vor einiger Zeit versicherte, steht heute noch, aber nicht einsam an der stillen Straße, sondern beinahe in der Mitte der schönen und volkreichen Stadt +Norristown+.

Der Wirth nahm den Reisenden freundlich auf, denn er erkannte in ihm sogleich den jungen Mann, der vor einem halben Jahre mit seinem Freunde Leinbach bei ihm übernachtete. Sogleich nahm er seinem Pferde die Bürde ab, führte es in den reinlichen Stall und ließ ihm gutes Futter geben. Nachdem er sein Abendessen genommen und noch ein gutes Glas Cider getrunken, begab er sich zur Ruhe, denn er war sehr ermüdet und schlief bald ein, bis das Grauen des Tages begann. Schnell kleidete er sich an, sah nach seinem treuen Pferde, ließ sich eine Tasse Kaffee geben, sattelte sein Pferd und nahm Abschied von den freundlichen Wirthsleuten. Heute trieb er sein Pferd nicht stark an, denn er hatte ja weit über die Hälfte des Weges zurückgelegt und konnte leicht Nachmittags Philadelphia erreichen, wohin er sich so sehr sehnte.

Die Glocke des Philadelphia Stadthauses schlug eben die dritte Nachmittagsstunde, als Theodor schon vor dem goldenen Schwan in der Sassafraß-Straße anhielt. Mutter Kreuderin stand zufällig vor der Thüre und war ganz erstaunt den schönen Reiter auf dem stolzen Rosse bei ihrem Hause halten zu sehen. Bald aber erkannte sie ihn, und rief mit starker Stimme: Tausendmal willkommen mein lieber Sohn! eilte zu ihm und reichte dem jungen Manne die Hand, und als dieser frug, ob er einige Tage bei ihr verweilen könne, rief sie, ohne auf die Frage zu antworten, den Hausknecht herbei und befahl ihm, das Pferd in den Stall zu bringen und auf das Beste zu versorgen, aber Theodor wartete auf diesen nicht, ritt in den Hof, denn er wollte vor Allem zuerst für das ihm anvertraute so schöne und gute Thier sorgen. Mit Hülfe des Knechtes war bald das Pferd abgesattelt und an einen saubern Platz geführt, dann nahm er seine mitgebrachten Effekten und trug sie in das Aufbewahrzimmer des Hotels.

Bis jetzt hatte der junge Mann keine Gelegenheit bei Mutter Kreuderin nach seiner Maria zu fragen, da diese mit der Herrichtung des Abendessens sehr beschäftigt war. Wohl hatte er von Maria Briefe erhalten, die durch Gelegenheit mit Bauern aus Oley und der Nachbarschaft zu ihm kamen, und auf gleiche Weise wieder geantwortet, doch Mutter Kreuderin konnte ihm ja viel mehr sagen, als all die Briefe. Sobald daher das Essen eingenommen und die gute Frau sich vom Tisch erhob, folgte er ihr in die Sitzstube, wie man damals den Porlor nannte, und frug mit ängstlicher Stimme wie es dem Mädchen ergehe. Ja! ja! sagte die freundliche Schwäbin, dem Blitz Mädle goths guat, sie ist schön wie der Frühling und ehrlich und fleißig wie die heilige Martha. Die Mühlenbergs, besonders die Pfarrerin, sind ganz in das Mädle vernarrt, und ist so geliebt wie ihre eigenen Kinder, und lassen sie nicht von sich.

Als vor einiger Zeit der junge Pfarrer +Peter Mühlenberg+ mit seiner schönen Frau +Anna+ nach Virginien ziehen mußte, wo eine deutsche Gemeinde im Shenandoah Thal ihn zum Prediger berufen, da bat er dringend seine Mutter ihm doch Maria mitzugeben, aber diese erwiederte, daß dieses unmöglich sei, denn Maria sei ihr ein großes Bedürfniß in ihren alten Tagen, wo ihr Körper sich zu schwächen anfinge, sie sei ihr nicht allein eine treffliche Haushälterin, sondern auch eine treue Freundin und Pflegerin geworden. Er möge sich sonstwo unter den deutschen Mädchen in Philadelphia eine aussuchen, Maria ließe sie nicht eher von ihrer Seite, bis sie es selbst verlange aus ihrem Hause zu gehen, und nach Virginien! -- Peter wo denkst du hin? so weit geht Maria nicht, denn wisse, unter uns gesagt, in Oley steckt ein Magnet, der zieht so stark, daß ihre Wanderung von hier nur dorthin geht. Peter mußte ohne Maria von dannen ziehen. Auch ich, fuhr die gute Alte fort, habe so etwas von einem Magnet bemerkt, denn wenn Maria mich von Zeit zu Zeit besucht, und wir auf dich zu sprechen kommen, da strömen viele Seufzer aus ihrer Brust und alle fliehen Oley zu, wo sie doch weiß, daß du dort so wohl versorgt bist. Nun, bist du mit meinem Bericht zufrieden? Gewiß, erwiederte Theodor, drückte seiner treuen alten Freundin die Hand und sagte ihr herzlichen Dank.

Jetzt packte der junge Mann die mitgebrachten Geschenke aus, und reichte der Mutter Kreuderin die mit der besten Butter gefüllte Kanne, bemerkte dabei, daß dieses ein Geschenk von der Familie Leinbach sei, und hoch erfreut trug das Weible dasselbe in die Küche. Da es schon spät war, wollte Theodor Benz die Familie Mühlenberg nicht mehr besuchen, und wandelte, bis es Bettzeit war, in dem damals noch so kleinen Philadelphia umher.

Der nächste Tag war ein Sonntag, und da Theodor im Lande so wenig Gelegenheit hatte, die Kirche zu besuchen, so sollte sein erster Gang heute zur Kirche sein. Er erinnerte sich an das seinen lieben Eltern gegebene Versprechen, niemals, wenn sich ihm die Gelegenheit böte, den Gottesdienst versäumen zu wollen und im Geiste sah er, wie heute am Sabbath seine Eltern und Geschwister andächtig nach dem Gotteshause in der alten Heimath wanderten und gewiß seiner im Gebet gedenken würden. Er kleidete sich auf’s Beste für den Kirchengang, und als er aus seinem Zimmer kam und in die Wirthsstube trat, fand er auch schon die Wittwe Kreuderin zur Kirche gerüstet und beide wanderten neben einander nach der St. Michaliskirche an der Cherry und Fünften Straße, wo Pastor Mühlenberg den Gottesdienst hielt.

Peter Mühlenberg nahm heute seinen Text aus dem zweiten Buch Moses, 20. Kapitel, Vers 12, welcher lautet: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf das du lange lebest im Lande, daß dir der Herr, dein Gott, giebt.“ -- Dann sprach er von der großen Sünde, welche Eltern begehen, wenn sie ihre Kinder nicht gut erziehen, sie vom Schul- und Kirchengehen abhalten, und schon von frühester Jugend an nicht an Arbeit und Reinlichkeit gewöhnen. Es sei meistens der Eltern Schuld, wenn die Kinder ungehorsam und schlecht werden. Der Jugend rief aber der Pastor zu: Ein Kind das nicht Vater und Mutter ehret, so lange sie leben, ist ein Schandfleck der Menschheit, ihm steht der Himmel nicht offen und schon auf dieser Welt wird der Fluch es treffen. Dann gab er Beispiele von dem Glück, wenn Eltern und Kinder einig und friedlich mit einander leben, wie die Allmacht über sie wache, und wie der Segen des Himmels über sie herabströme. Nachdem die Predigt beendigt war, sang die Gemeinde das herrliche Lied von Gellert:

Wie groß ist des Allmächt’gen Güte, Ist der ein Mensch, den sie nicht rührt? Der mit verhärtetem Gemüthe Den Dank erstickt, der ihm gebührt? Nein, seine Liebe zu ermessen, Sei ewig meine größte Pflicht, Der Herr hat mein noch nicht vergessen, Vergiß mein Herz auch seiner nicht.

Nachdem der Pastor den Segen über die Anwesenden gesprochen, wurden die Thüren der Kirche geöffnet und Alle wanderten ihrer Heimath zu. Auch Theodor ging mit der lieben Frau Kreuderin, still und in sich gekehrt, nach ihrer Wohnung zum goldenen Schwan.

Da Nachmittags kein Gottesdienst gehalten wurde, rieth Frau Kreuderin ihrem Theodor, die Familie Mühlenberg und seine Maria zu besuchen, sie wolle dann mit dem Hausknecht die Geschenke in die Pfarrerswohnung schicken. Der Rath gefiel dem jungen Manne, und nachdem die Glocke die zweite Mittagsstunde geschlagen hatte, begab sich derselbe nach der Wohnung des Pfarrers, wo er höchst freundlich aufgenommen wurde.

Er dankte der braven Familie für alle die Güte, die sie ihm und der Maria erwiesen, mit den herzlichsten Worten. In demselben Augenblick trat der Hausknecht des goldenen Schwanes mit den Geschenken in die Stube, welche Theodor der Frau Pfarrin mit folgender Bemerkung übergab: Hier schickt Ihnen Vater Leinbach zwei ganz vortreffliche Schinken, mit dem Wunsch, dieselben gefälligst anzunehmen und sich gut schmecken zu lassen. Die Familie denke stets mit Liebe an ihren guten Pfarrer, es ist eine höchst brave und religiös gesinnte Familie und er danke Gott, daß er ihn zu Leinbach’s geführt, wo er wie ein Sohn und Bruder behandelt werde. -- Mühlenberg bat dann den guten Mann, der Familie Leinbach herzlichen Dank für das schöne Geschenk zu sagen und weiter erwähnte, wenn ich mal wieder in die Gegend von Oley komme, wo ich so viele und treffliche Leute kenne, so werde ich die Familien +Leinbach+, +Guldin+, +Keim+, +Yoder+, +Bartholet+ und +Griesemer+ besuchen, die alle Mitglieder meiner Gemeinde waren.