Die Berg-Maria, oder: Wer nur den lieben Gott läßt walten. Eine Geschichtliche Erzählung aus Pennsylvanien.

Part 1

Chapter 13,694 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1880 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche Schreibweisen, insbesondere bei Personen- und Ortsnamen sowie regional gefärbte Ausdrücke bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern die Verständlichkeit des Textes davon nicht beeinträchtig wird; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.

Das neunte Kapitel wird im Original erneut als ‚Siebentes Kapitel‘ aufgeführt; die korrekte Nummerierung wurde wiederhergestellt. Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen Kapitels verschoben. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.

Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ü) werden im vorliegenden Buch als Ae bzw. Ue umschrieben.

Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~

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Treu bis in den Tod.

Die Berg-Maria,

oder

Wer nur den lieben Gott läßt walten.

Eine

Geschichtliche Erzählung

aus

Pennsylvanien.

Von

L. A. Wollenweber.

[Der Alte vom Berge.]

Mit Illustrationen von F. Schlitte.

Philadelphia: Verlag von +Ig. Kohler+, No. 911 Archstraße. 1880.

~Entered according to Act of Congress, in the year 1880, by IG. KOHLER, In the office of the Librarian of Congress, at Washington.~

Inhalt.

Seite Erstes Kapitel. 5

Zweites Kapitel. 11

Drittes Kapitel. 19

Viertes Kapitel. 25

Fünftes Kapitel. 38

Sechstes Kapitel. 43

Siebentes Kapitel. 54

Achtes Kapitel. 61

Neuntes Kapitel. 64

Erstes Kapitel.

Wo Maria geboren. -- Ihre Eltern. -- Die Auswanderung nach Pennsylvanien. -- Schreckliche Erlebnisse auf dem Weltmeere.

Wenn man jetzt mit dem Eisenbahnzuge thalwärts Stuttgart, die Hauptstadt des Würtemberger Landes, verläßt, erreicht man in wenigen Minuten an der ersten Station das schöne, an einem Abhange gelegene Dörfchen +Feuerbach+, dessen Name schon in den ältesten Geschichten des Schwabenlandes genannt wird. Hier wurde in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts unsere +Berg-Maria+ geboren; der Name ihrer Eltern war +Jakob+ und +Maria Jung+, bemittelte Bauersleute, die ihren drei Kindern +Jakob+, +Johann+ und +Maria+, so weit es in jener Zeit möglich war, eine gute christliche Erziehung geben ließen.

Schlechte Ernten, hohe Steuern, die den Bauern damals von den verschwenderischen Herzögen von Würtemberg auferlegt wurden, machten den Vater unserer Maria muthlos, und er sah ein, daß er, trotz allem Fleiß und Sparsamkeit, mit jedem Jahre ärmer wurde, worauf er beschloß sein Gütchen zu verkaufen und nach Amerika auszuwandern, so wehe es ihm auch that, seine schöne Heimath zu verlassen, wo seine Eltern und Ureltern sich redlich ernährt, und in kühler Erde auf dem schöngelegenen Gottesacker ruhten. Doch, von Amerika kam ja ein so schöner Ruf, der Tausende bestimmte, das deutsche Vaterland zu verlassen, so dachte auch Vater Jung, daß auch er mit Fleiß und Beharrlichkeit sich dort eine neue Heimath gründen könne und seinen Kindern eine bessere Zukunft bereiten, wie dieses in Heimbach möglich sei.

Bald fand er auch einen Käufer für sein Gütchen und Weinberg und rüstete sich für die weite, damals noch beschwerliche und gefährliche Reise, und verließ bald mit Frau und Kindern wehmüthig seine Heimath.

Nach einer wochenlangen Reise erreichte die Familie die Seestadt Amsterdam in Holland, von wo aus damals viele Schiffe nach der Stadt Philadelphia in Amerika abgingen, und wo sie hofften bald eine passende Reisegelegenheit zu finden. In jener Zeit hatten sich gar viele Europamüde in Amsterdam eingefunden, und jedes Schiff, das von dort nach Amerika ging, war mit Auswanderern überfüllt, die wie Schaafe zusammen gedrängt und noch dazu auf das Schlechteste beköstigt wurden, wodurch denn auch nach kurzer Reise schon bösartige Krankheiten unter den Passagieren entstanden und der Tod reiche Ernten hielt.

Auch die Familie Jung kam, nachdem sie mehrere Wochen auf eine Schiffsgelegenheit gewartet, auf ein solches Schiff, welches außer den großen Unbequemlichkeiten auch einen gewissenlosen Capitän und eine gar rohe Mannschaft hatte. So kam es denn auch, als die Auswanderer kaum zwei Wochen auf hoher See waren, eine pestartige Krankheit auf dem Schiff ausbrach und der Tod viele, ja sehr viele Opfer forderte. Kaum war das Leben der Armen aus dem Körper gewichen, so kamen auch schon die rohen Matrosen und warfen den Todten mit wahrer Lust in die Tiefe des Meeres.

Unbeschreibliche Noth und Schrecken herrschten auf dem Schiffe und das Jammern war Tag und Nacht herzzerreißend. -- Auch die Eltern und Brüder unserer Maria wurden von der Pest weggerafft und noch an demselben Tage in die Fluthen des Meeres versenkt. Einsam, trost- und hoffnungslos, mit rothgeweinten Augen, saß das arme Mädchen auf dem Lager, wo der Tod ihre Lieben heimgesucht hatte. Nachdem der große Schmerz etwas nachgelassen und Maria wieder einige Ruhe in ihr Herz bekommen, nahm sie das Gebetbuch ihrer Mutter und suchte Trost darin, sie betete sehr andächtig zu dem allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde, und bald wurde es ihr auch leichter. Trost und Hoffnung kam wieder in ihre Seele und ruhiger wurde es in ihrem Gemüthe.

So saß sie eines Tages traurig auf dem Verdeck des Schiffes und blickte hinaus in die Wellen die ihre Lieben begraben, und Thränen füllten die Augen; da nahte sich ihr ein junger, wohlgekleideter Mann mit aufrichtigem Gesicht, bot ihr freundlich einen guten Tag und versuchte sie zu trösten. Da das Mädchen den Gruß und die Trostworte freundlich aufnahm, so bot er der Verlassenen auch seinen Schutz an, den sie mit Dank annahm.

+Theodor Benz+, so hieß der junge Mann, war in einem Dörfchen bei der Stadt Lahr in Baden geboren, wo sein Vater Ackerbau betrieb, sich aber leider nur kümmerlich ernähren konnte, denn er war reichlich mit Kindern gesegnet. Als Theodor, der zweitälteste Sohn in der Familie, erwachsen war und einsah, daß er seinen Eltern wenig nützen konnte, nahm er sich vor, nach Amsterdam zu gehen, wo Agenten aus Amerika sich aufhielten, welche kräftige junge Männer für den Ackerbau suchten und freie Ueberfahrt versprachen, die aber von den Leuten in Amerika wieder abverdient werden müßte.

Mit Bewilligung und dem Segen seiner Eltern trat er die Reise nach Amsterdam an. Wie erwähnt, seine Eltern waren arm und konnten dem jungen Manne nur wenig Geld zur weiten Reise mitgeben, doch Theodor war zufrieden, er hatte ja der Eltern Segen und an dem war ihm am meisten gelegen; er war religiös erzogen, ehrte, wie ein braves Kind es thun muß, seine lieben Eltern und Geschwister, und somit dachte er sich reich.

Nach einem zweiwöchentlichen Marsche, ein Ränzchen auf dem Rücken, einen derben Stock in der Hand, aber ganz mittellos, erreichte er die Seestadt Amsterdam, wo er glücklich bald einen amerikanischen Agenten fand, der ihn, nachdem er sich verpflichtet, für die Kosten der Ueberfahrt, dem Aufenthalt in Amsterdam, Farmarbeiten in Amerika zu verrichten, aufnahm. Auf diese Weise wurden in jener Zeit viele Personen beiderlei Geschlechts, sogar Kinder, nach Amerika befördert, wo ihnen leider, nicht allein auf dem Schiffe, sondern auch bei ihrer Ankunft in Amerika, besonders in Philadelphia, ein trauriges Loos zufiel. Hören wir, was ein gewisser Gottlieb Miltenberger, der im Jahre 1750 von Würtemberg nach Philadelphia kam, darüber sagt:

„Der Menschenhandel auf dem Schiffsmarkt geschieht also: Alle Tage kommen Engländer, Holländer und hochdeutsche Leute aus der Stadt Philadelphia und sonst aller Orten, zum Theil sehr weit her, und gehen auf das angekommene Schiff, welches Menschen von Europa gebracht, feil hat und suchen sich unter den gesunden Personen, die zu ihrem Geschäfte passen, heraus und handeln mit denselben, wie lange sie für ihre, auf sie haftende Seefracht, welche sie gemeiniglich noch ganz schuldig sind, dienen wollen. Wenn man dann des Handels eins geworden, so geschieht es, daß erwachsene Personen für diese Summe, nach Beschaffenheit ihrer Stärke und Alter, drei, fünf bis sechs Jahre zu dienen sich verbinden. Die ganz jungen Leute aber von 10 bis 15 Jahren müssen dienen bis sie 21 Jahre alt sind. Viele Eltern müssen ihre Kinder selbst verhandeln und verkaufen wie das Vieh, damit sie, wenn die Kinder ihre Frachten auf sich nehmen, vom Schiffe frei und los werden können. Da nun die Eltern oft nicht wissen, wohin ihre Kinder kommen, so geschieht es oft, daß nach dem Abscheiden vom Schiffe manche Eltern und Kinder viele Jahre oder gar Lebenslang einander nicht wieder sehen. Ein Mann muß für sein Weib, wenn sie krank hinein kommt und so ein Weib für ihren Mann stehen und die Fracht auf sich nehmen, und also nicht allein für sich, sondern auch für den Kranken fünf bis sechs Jahre dienen.“[1]

Kehren wir nun wieder zu unserer Erzählung zurück. Durch das öftere Zusammensein der beiden jungen Leute Theodor und Maria fanden sich bald ihre Herzen, und treue und aufrichtige Liebe fesselte die jungen Leute. Sie schwuren, sich nie zu verlassen in Freud und Leid, und baten in inständigem Gebet den allmächtigen Gott, daß er sie stets beschützen möge. Eines Tages aber, als man das Festland sehen konnte und Alles auf dem Schiffe in froher Stimmung war, trat Benz traurig und niedergeschlagen zu Maria und sagte mit bebender Stimme: Meine liebe Maria, nur noch einige Tage und wir müssen eine zeitlang von einander scheiden, denn sobald das Schiff vor Philadelphia Anker wirft, wirst du frei ans Land gehn können, ich aber darf das Schiff nicht eher verlassen, bis sich Jemand findet, der meine Fracht bezahlt und dem ich dann mehrere Jahre dienen muß. Ich bin ein „Verdungener.“

Theodor erwartete nun, daß Maria, von deren wahrer Liebe zu ihm er überzeugt war, erschrecken werde, aber diese sprang freudig auf, reichte ihm die Hand und sprach: „Gott dem lieben Gott sei Dank, daß ich dir helfen kann, ich, ich will dich loskaufen, wie viel bist du schuldig?“ „150 holländische Gulden,“ erwiederte Theodor. „Gut denn,“ nahm das gute Mädchen wieder das Wort; „durch den Tod der lieben Meinigen ist mir von ihrer Hinterlassenschaft ein gutes Sümmchen zugekommen, das ich sorgfältig aufbewahrt habe, komm mit mir hinab, du sollst augenblicklich die erwähnte Summe haben.“ Mit unaussprechlichem Dankgefühl drückte Theodor seiner Maria die Hand.

[1] Den obigen Bericht haben wir Herrn Professor Seidensticker in Philadelphia zu verdanken, der ihn in alten Dokumenten fand. Der Verfasser dieser Erzählung hat auch mehrere Deutsche gekannt, welche die Ueberfahrt abverdienen mußten. Im Jahre 1818 hat der Congreß den Menschenhandel aufgehoben.

Zweites Kapitel.

Ankunft in Philadelphia. -- Der brave Pastor Mühlenberg. -- Frau Kreuderin zum goldenen Schwan. -- Der Bauer aus Oley. -- Schwerer Abschied.

Endlich hatte das Schiff nach einer Fahrt von 92 Tagen die Stadt Philadelphia erreicht, und kaum seine Anker am Fuße der Highstraße (jetzt Marktstraße) geworfen, so fanden sich auch schon mehrere Personen auf demselben ein, um Arbeiter zu suchen und den erwähnten Menschenhandel zu treiben. Maria, deren Vater in Amsterdam die Schiffsfracht für seine ganze Familie bezahlt hatte, konnte ungehindert ans Land gehen, und Benz beeilte sich den Capitän zu bezahlen, damit er Maria begleiten könne. -- Als der junge Mann in die Cajüte getreten war, dem Capitän bemerkt, daß er seine Schiffsschuld bezahlen wolle und 150 Gulden auf den Tisch legte, gerieth dieser Mensch in eine große Wuth, hieß ihn einen Betrüger, der schon in Amsterdam das Geld gehabt, Armuth geheuchelt und sich als ~Serve~ habe eintragen lassen. Solchen Schwindel lasse er sich nicht gefallen, und wenn er ihm nicht ein Pfund Sterling mehr bezahle, so wolle er dafür sorgen, daß er nicht vom Schiffe komme, bis sich ein Kaufmann für ihn gefunden. Eingeschüchtert durch den so rohen Seemann, nahm Theodor Benz wieder das Geld von dem Tische und eilte auf das Deck, um seiner Maria die traurige Kundschaft zu bringen. Bald hatte er das Mädchen gefunden, welche zum Abgang gerüstet war, und sich mit einem Herrn in geistlicher Tracht eifrig unterhielt. Als sie ihren lieben Freund mit blassem Gesichte und großer Niedergeschlagenheit auf sich zukommen sah, eilte sie schnell demselben einige Schritte entgegen und frug ängstlich was ihm begegnet sei. Er erzählte mit kurzen Worten wie ihn der Capitän behandelt und was er von ihm jetzt noch verlange. Lächelnd zog Maria ihre Geldbörse und wollte ihrem Freund das verlangte Geld reichen, als plötzlich der Herr im Priestergewande, der die Klage des jungen Mannes vernommen, die Hand, die das Geld reichen wollte, zurückwies, und den jungen Mann bat, die 150 Gulden mitzunehmen und ihm in die Cajüte zu folgen.

Die freundlichen Worte des so achtbar aussehenden Mannes bestimmten Theodor, dem Verlangen desselben zu folgen, und als beide in die Cajüte eingetreten waren, ersuchte der Geistliche den jungen Mann die 150 Gulden wieder auf den Tisch zu legen, und frug dann den Capitän in ruhigem aber festem Tone, ob er das Geld dort auf dem Tische, welches die Frachtschuld des Anwesenden betrage, nehmen wolle oder nicht.

Als der Capitän die festen Worte vernommen und in dem Sprecher einen in Philadelphia hochstehenden Prediger erkannte, röthete sich sein Gesicht mit Zornesgluth, doch ohne weiteres zu bemerken, strich er ruhig das Geld ein, und gab Benz den in Amsterdam abgefaßten Contrakt zurück, worauf sich die beiden Männer ohne weitere Bemerkungen entfernten.

Nachdem die jungen Leute dem ehrwürdigen Herrn herzlich gedankt, rief derselbe einen Mann herbei und befahl ihm diese beiden Leute mit ihren Sachen in das Gasthaus der Frau Kreuderin zu bringen, die in der Sassafraßstraße (jetzt Racestraße) das Hotel zum goldenen Schwan hielt, und der guten Frau zu sagen, daß er ihr diese beiden jungen Leute zusende. Zu Theodor und Maria gewandt, sagte er, zieht hin, seid fleißig und ehrbar, der Herr sei mit euch. Nach diesen Worten begab er sich unter die übrigen Einwanderer.

Dieser brave Geistliche war kein anderer, als der in jener Zeit so hochgeachtete deutsch-lutherische Pastor

+Heinrich Melchior Mühlenberg+,

der sich in jenen so trüben Tagen der armen Einwanderer mit großer Selbstausopferung so liebreich annahm. Nichts konnte ihn abhalten, wenn ein Einwanderer-Schiff bei Philadelphia Anker warf, auf dasselbe zu eilen, gleichviel ob auch auf demselben bösartige Krankheiten herrschten. Er brachte den Armen, Kranken und Elenden Trost und Hülfe. Er war ein treuer Befolger der Lehre des Weltheilandes, und wird sein Andenken geehrt werden bis in die spätesten Zeiten. Mit dankbarem Herzen blickten Theodor und Maria dem guten Manne nach, und verließen das Schiff, auf dem sie so viel Noth und Elend erlebt, und dankten im Stillen dem lieben Gott, daß er sie von demselben befreit.

Bald hatten sie das Hotel der Frau Kreuderin erreicht und wurden von derselben auf das Freundlichste empfangen. Frau Kreuderin war eine sehr ehrsame und fromme Wittwe, die sich, nachdem ihr Mann am gelben Fieber gestorben, welche Krankheit der Zeit oft in Philadelphia herrschte, mühsam durchbringen mußte, war stets wohlgemuth und thätig, und obgleich ihre Mittel auch beschränkt, so half sie doch in freundlicher Weise den bedürftigen Einwanderern, welche ihr zugesandt wurden, und gar Mancher wurde von ihr gespeist und beherbergt, ohne dafür entschädigt zu werden.

Als Theodor und Maria, welche mit Empfehlungen des ehrwürdigen Pastors Mühlenberg in ihrem Hause aufgenommen waren, sich sehr anständig betrugen, und Maria ihr trauriges Schicksal erzählt hatte, so fühlte sie sich zu ihnen in wunderbarer Weise hingezogen. Sie küßte Maria, und mit Thränen in den Augen sagte das gute Mütterlein: Tröste dich, liebes Kind, du sollst an mir, wenn du brav bist, eine zweite Mutter finden. Vorerst bleibst du bei mir, du kannst in der Küche und Stube helfen, bis ich einen anständigen Platz für dich gefunden habe, und für den da, sie reichte Theodor freundlich die Hand, werde ich bald einen Platz bei einem Bauern finden, denn da ist er in seinem Element, und ist er fleißig und ehrlich, wird er bald in unserm gesegneten Pennsylvanien ein selbstständiger Bauer sein.

Nicht lange sollten Theodor und Maria unter einem Dache bleiben, denn schon am dritten Tage nach ihrer Ankunft im goldenen Schwan kam ein wohlhabender deutscher Bauer aus Oley, einer fruchtbaren Landschaft in dem jetzigen Berks County gelegen, in das Gasthaus der Frau Kreuderin, wo er immer einkehrte, wenn er nach Philadelpia kam, denn bei der ehrbaren Frau war er stets gut aufgenommen. Nachdem sich die alten Freunde herzlich begrüßt, sagte er, er sei gekommen, um einen jungen deutschen Bauern zu suchen, der sich bei ihm gegen guten Lohn und Behandlung verdingen wolle. Er verspreche auch, wenn er ihm drei bis vier Jahre treulich diene, zu einem schönen Stück Land zu verhelfen, auf welchem er sich dann häuslich niederlassen könne. Freudig überrascht, reichte die gute Kreuderin, welche den Bauern als einen sehr ehrbaren Mann kannte, die Hand und sagte: Meister Friedrich Leinbach, so hieß der Bauer, ihr braucht nicht weit zu laufen, um den rechten Mann zu finden, ich habe ihn im Hause, doch ehe ich ihn euch zuführe, müßt ihr mir fest versprechen, daß ihr den jungen Mann gut behandelt und ihr könnt euch dann darauf verlassen, daß er fleißig ist und euch gute Dienste leisten wird, er ist ein Bauerssohn und scheint mir ein gar williger und gutmüthiger Mensch zu sein, der sich vor keiner Arbeit fürchtet.

Danke! danke! rief Leinbach, ich gebe euch, Frau Kreuderin, das Versprechen, daß der junge Mann bei mir und bei meiner Familie gut aufgehoben sein soll. Schnell eilte die gute Frau hinaus und kam bald mit Theodor zurück, und stellte den schön gewachsenen und kräftigen jungen Mann dem Bauern vor, welcher über die schöne Gestalt überrascht war, dem jungen Manne freundlich die Hand reichte und erklärte, daß er hierher gekommen sei, um einen Knecht für seine Bauerei zu suchen; er habe eine schöne, große Bauerei in Oley, mit leichtem, gutem Boden, wo die Arbeit nicht so schwer sei, als bei andern Farmen, und wenn er den Dienst annehmen wolle und drei Jahre bei ihm bleiben, seine Pflicht treulich erfüllen, so wolle er ihm für das erste Jahr 15 Pfund Sterling nebst Kleidung und guter Kost geben und gut behandeln. Mutter Kreuderin habe ihm ein gar gutes Zeugniß von ihm gegeben, und wenn er mit den Bedingungen zufrieden sei, so solle er ihm dies jetzt sagen, ob er die Stelle annehmen wolle. -- Gewiß! rief der junge Mann, und reichte dem so gutmüthig aussehenden Bauern die Hand, ich will euch treulich dienen nach meinen besten Kräften und hoffe, daß wir es beide niemals bereuen werden, einander gefunden zu haben. Zu den ihm gestellten Bedingungen müsse er aber noch hinzufügen, daß es ihm erlaubt werde, wenn die Arbeiten auf der Farm nicht so dringend seien, jedes Jahr einmal nach Philadelphia gehen zu dürfen, doch sollte die Abwesenheit nicht über drei Tage dauern. Gern willigte Leinbach auch in diese Bedingung, zog seine Börse und gab dem jungen Manne, wie es damals der Gebrauch war, ein Handgeld, und erklärte, daß er morgen in der Frühe sein Wäglein mitnehmen werde, er solle recht früh bei der Hand sein, denn die Wege an manchen Stellen in der Wildniß, die sie durchfahren müßten, seien noch rau, und, wenn ihnen kein Unglück zustoße, könnten sie in zwei Tagen seine Heimath erreichen.

Da die Zeit zum Mittagessen herangekommen war, so lud Mutter Kreuderin Leinbach ein, ihr Gast zu sein, was dieser auch nicht ausschlug, doch sogleich in den Hof eilte, und aus seinem Wagen zwei Welschhühner, einen Sack mit Aepfeln, eine Kanne mit Butter nahm und in die ihm bekannte Küche trug, wo er die daselbst beschäftigte, einfach doch reinlich gekleidete, Maria sah, die seine ganze Aufmerksamkeit erregte.

Bald saß man in heiterer Stimmung an der Mittagstafel, wobei Maria nicht fehlen durfte, und als der Bauer das saubere, flinke Mädchen beim Aufwarten beobachtet hatte, meinte er, zu der Wirthin gewandt, wenn Maria wolle, so würde er auch sie mit auf die Farm nehmen, die seinen beiden Töchtern von neun und zwölf Jahren gewiß nützlich wäre und er wolle ihren Dienst gut belohnen; aber Frau Kreuderin fiel ihm sogleich ins Wort und sagte, daß dieses unmöglich sei, denn Maria müsse noch eine zeitlang bei ihr verweilen, denn sie passe jetzt nicht, da sie so viel Unglück erlebt, auf eine einsame Bauerei. Begnügt euch jetzt, Meister Leinbach, fuhr sie ruhig fort, mit dem jungen Manne, und gefällt es ihm bei euch, so kann es auch noch geschehen, daß Maria zu euch kommt. Der Bauer verstand den Wink und schwieg.

Daß der Abschied zwischen Maria und Theodor kein leichter war, kann man sich wohl denken, denn die beiden jungen Leute liebten sich aufrichtig und von ganzem Herzen. Theodor versprach seiner Maria, die beinahe untröstlich war, daß er bei jeder Gelegenheit durch Bauern, welche von Oley nach Philadelphia kämen, einen Brief senden werde und sie sollte dieselbe Gelegenheit benutzen, ihm zu antworten, denn an eine Postverbindung in das Innere von Pennsylvanien war damals nicht zu denken. Nach der Erntezeit wolle er aber selbst kommen, wo sie sich dann mündlich ihre Erlebnisse mittheilen könnten und sich über die Zukunft berathen. Mit Thränen in den Augen und mit schwerem Herzen schieden die beiden jungen Leute, in der frohen Hoffnung, sich bald wieder zu sehen.

Am nächsten Morgen, als der Tag kaum graute, rollte Leinbach’s Wäglein aus dem Hofe des Gasthauses zum Goldenen Schwan und fuhr vor das Haus, wo Theodor mit seiner wenigen Habseligkeit schon bereit stand, neben ihm die gute Mutter Kreuderin, von welcher er jetzt herzlichen Abschied nahm. Darauf stieg er auf den Wagen auf welchem Leinbach bereits saß und die Zügel hielt, und nun rasch fort ging’s aus der Stadt der Bruderliebe, der neuen Heimath Oley zu.

Die Reise von Philadelphia, ohngefähr 60 Meilen, dauerte in jener Zeit mit einem Fuhrwerk volle zwei Tage, das heißt, wenn demselben auf dem rauhen Wege kein Unglück zustieß, oder sonstiger Aufenthalt vorkam, denn man hatte nicht allein mit schlechten Wegen, sondern auch oft mit wilden Thieren und den noch gefährlicheren herumstreifenden Indianern zu kämpfen.

Unsere Reisenden hatten glücklicher Weise keinen Unfall, noch kamen ihnen wilde Thiere und Indianer zu Gesicht, und erreichten am Abend des zweiten Tages glücklich Leinbach’s Farm, wo sie von der Familie, sowie von einigen benachbarten Bauern freundlichst empfangen wurden, so daß sich Theodor schon in der ersten Stunde heimisch fühlte und sich’s fest vornahm, durch Fleiß und gutes Betragen sich die Liebe und Achtung seiner neuen Lebensgefährten zu erwerben und zu erhalten.

Als er in sein sauberes Kämmerlein geführt war, um sich zur Ruhe zu begeben, senkte er sich vor seinem Bette auf die Knie, dankte seinem ewig guten Schöpfer für alles Gute, was er an ihm gethan, bat auch, wie es jedes gute Kind thun sollte, den lieben Gott, daß er seine lieben Eltern und Geschwister in der alten Welt beschützen wolle, sowie Alle die ihm Gutes gethan. Ermüdet stieg er in sein Bett und war bald in tiefen Schlaf versunken, bis ihn die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne weckten.