Die Bekanntschaft auf der Reise

Part 9

Chapter 93,815 wordsPublic domain

»Ich betheure bei Gott,« setzte er hinzu, »daß sie nie dieser Gefahr ausgesetzt seyn soll. Ich bedarf auch der Unterstützung eines Schwiegersohns nicht, meine Geschäfte bedürfen keines Gehülfen, noch keiner rechtlichen Fürsprache, alles ist im Klaren und in Ordnung, ich habe keine gerichtlichen Verfolgungen zu befürchten, weil ich niemand einen Heller schuldig bin. Ich selbst brauche nur die Dienste meiner Köchin und eines Bedienten, um mir den Stock zu reichen, wenn ich aufstehen will. Was mein Gewissen betrifft, so bin ich kein Casuist, aber ich finde nicht, daß ich dem gemeinen Menschenverstand zuwider handle, und ich verstehe noch weniger, wie von einer Heirath meiner Tochter mein Heil abhängen sollte. Fast scheint es, daß man mich einige Abweichungen von ihrer Seite wolle befürchten lassen, um mich bei einem höhern Gericht verantwortlich zu machen, wenn ich sie nicht verheirathen wollte. Aber auf dieses habe ich nur ein Wort zu erwiedern. Ich gebe gern zu, daß die Väter oder Mütter bei einer üblen Aufführung ihrer Kinder nicht schuldlos sind, wenn sie ihre Neigungen zwingen wollen, sei es durch eine Heirath oder durch das Kloster. Aber keines von beiden hat sie von mir zu befürchten. Bin ich tod, so ist sie frey, und kann nach ihrer Neigung eine Wahl treffen. Noch weniger bin ich gesinnt, sie wieder ins Kloster zu schicken, ich habe sie für mich und weil ich ihrer bedarf herausgenommen. Indeß wenn es ihr Wille wäre, würde ich sie auch davon nicht zurückhalten, doch fürchte ich dieses nicht, da es ihr so am Herzen liegt, sich zu verheirathen. Was die Befriedigung der Bedürfnisse unserer Kinder angeht, so finde ich die Ältern sehr strafbar, wenn sie ihre Kinder in die Nothwendigkeit versetzen, zu der Börse anderer ihre Zuflucht zu nehmen. Aber bei meiner Tochter ist dieß nie der Fall gewesen, sie hat alles, was sie bedarf und noch zum Überfluß. Ich versagte ihr nichts, und war immer der Erste ihren Beutel zu füllen, ohne erst zu erwarten, daß sie mich darum bat, und sie brauchte mir nie Rechenschaft darüber abzulegen. Darum würde es nicht Noth seyn, die sie zu Ausschweifungen führte, sondern nur Sinnlichkeit, und dafür kenne ich ein untrügliches Mittel, ich werde sie niemahls aus dem Gesichte verlieren, auch ihrer Kammerjungfer, auf die ich mich verlassen kann, befehlen, sie niemahls aus den Augen zu lassen. Ich werde sie jederzeit in die Messe begleiten, und sie immer in meinem Zimmer beschäftigen, ohne sie herausgehen zu lassen, wenn sie nicht von sichern Leuten beobachtet wird. Jede Art von Andachtsübungen und Wallfahrten, die ausser meinen Wänden geschehen könnten, werde ich zu hindern wissen. Briefe erlaube ich herzlich gern zu schreiben, denn diese sind es nicht, die das Geschlecht vermehren. Auch werde ich selbst Herrn _d'Autun_ nicht verbieten, sie zu sehen, aber dieß muß immer unter meinen Augen geschehen. Sollte ich aller Maaßregeln ungeachtet betrogen werden, so würde _Manon_ schuldiger vor Gottes Augen seyn, als ich. Ich werde nicht um fremder Sünde willen verdammt werden, und überlasse sie ihrem eigenen Gewissen. Ich hoffe, sie ist klug und zu gut erzogen, um Thorheiten zu begehen, aber würde sie sich welcher schuldig machen, so muß sie allein dafür büßen, und sie würde in diesem Fall aller Ansprüche auf mein Vermögen verlustig werden.« --

Seine lange Antwort war hier zu Ende, aber nicht sein Gespräch mit dem Beichtvater. Er hörte ein Geräusch, und konnte nicht zweifeln, daß ich mit seiner Tochter gehorcht hätte, wie auch der Fall war; wir waren in der größten Verlegenheit, er brach in laute Schmähungen aus, und beschämte seine Tochter so sehr, daß ihre Thränen flossen. Wir zogen uns zurück, mußten aber zuvor noch eine trefliche Ermahnung hören, die er an den Beichtvater richtete, ohne das Ansehen zu haben, als spräche er mit seiner Tochter.

»Bin ich nicht recht unglücklich, mein Herr,« sagte er, »ich habe mich erschöpft, und mein ganzes Leben alle Kräfte angewendet, mehr als man mir glauben wird, und jeder Versuch schlug mir fehl. Schreckliche Unglücksfälle haben mir den besten Theil meines Vermögens geraubt, über diese klage ich nicht, Gott wollte es; ich habe vielleicht nur wenige Zeit noch zu leben, von vielen Übeln gedrückt, fast ganz gelähmt will man mich meines Vermögens berauben. Und wer ist es? Meine einzige Tochter, die mir alles verdankt, und der allein meine Güte einiges Recht auf mich nach meinem Tode giebt. Man will mich überreden, mein Vermögen wegzugeben, das ich nicht entbehren kann, und an einen Menschen, der mir vielleicht nie danken wird. Denn meine Tochter wird nicht das Privilegium haben, einen Mann zu finden, der von anderm Teig geformt ist, als wir alle, und nach uneigennützigen Grundsätzen handeln wird. Ich beurtheile ihn nach mir, ich hatte ihrer Mutter in den Tagen meiner Liebe geschworen, sie ewig zu lieben, sie war unverständig genug, mir zu glauben, und erlaubte mir alles; drey glückliche Tage dauerte diese Verblendung, nach dieser Zeit war es das Herz nicht mehr, das mich zu ihr zurückführte, es war nur ein Bedürfniß der Sinne. Auch ist es wahr, daß wenn sich nicht die Folgen dieser Liebe gezeigt hätten und ich meine Krankheit nicht tödtlich geglaubt hätte, ich sie nie, ohngeachtet meiner Schwüre und meines Versprechens geheirathet haben würde. Ich heirathete sie nur um meines Kindes willen, man machte es mir zur Gewissenssache und es war mir unmöglich, dem Jesuiten zu widersprechen, dem ich meine Beichte ablegte. Ich liebte sie nicht mehr, der Genuß hatte die Liebe getödtet. Noch ist es mir unbegreiflich, wie ich dahin gebracht werden konnte, aber man sagte mir in jedem Augenblicke, daß ich sterben müsse, und weil ich es so oft hörte, so glaubte ich es am Ende selbst. Die Furcht des Todes hatte mich meiner ruhigen Überlegung beraubt. Man sieht in einem solchem Augenblicke die Dinge aus einem ganz andern Gesichtspunkt an, als in gesunden Tagen. Meine Frau wäre tugendhaft, sagte man mir, und ich glaubte es, man knüpfte meine ewige Seeligkeit an ihre Hand. Ich nahm sie nicht aus Liebe zu ihr, sondern um das Paradies zu erwerben. Ich erwarb es nicht, weil ich noch auf der Erde bin; aber doch war ich nicht in der Hölle, sondern im Fegefeuer, wo ich dafür büßte, daß ich am Leben blieb. Sie starb endlich, und ich gestehe es offenherzig, ihr Tod machte mir Freude. Und es ist so wahr, daß ich keine Liebe für sie mehr hatte, indem ich eine Stunde nach unserer Trauung ein Testament machte, worin ich ihr sehr wenig bestimmte, und auch den Händen meiner Frau nicht die Verwaltung des Vermögens anvertrauen wollte, das ich für unsere Tochter ausgesetzt hatte. Da sie früher starb, so hebt sich dieses Testament auf. Ich lebte ziemlich ruhig mit ihr, weil ich es nicht ändern konnte, aber ohne den Gedanken an meine Tochter, die ich immer liebte und noch liebe, hätte ihre Mutter sicher kein gutes Leben bei mir gehabt. Ich verschloß meine Augen über ihr Betragen, aber nichts entging mir, und ich wollte nur das Aufsehen vermeiden, was ich nie liebte. Ich selbst wollte nicht Dinge enthüllen, die mir die Ehre befahl, zu verbergen, und die mehr auf die Tochter, als auf die Mutter nachtheilig hätten wirken müssen, zudem hat sie immer den Schein beibehalten, der mich bei dem Betragen meiner Frau das Wesentlichste dünkt, denn das Übrige ist unbedeutend.«

»Ich sage es Ihnen, ehrwürdiger Vater,« fuhr er fort, »und unter dem Siegel der Beichte, daß ich immer unglücklich war; sey es in meiner Jugend durch meine Anstrengung und durch meinen Verlust, oder in spätern Jahren durch meine Heirath, indem meine Frau das Geheimniß besaß, mich wüthend zu machen, und doch die Herrschaft in Händen zu behalten; jetzt bin ich es durch meine Kränklichkeit und durch eine Tochter, die mir so viele Verbindlichkeiten schuldig ist, und mich doch verlassen, mich entblößt zurück lassen will, vielleicht mich gar als ihren Verfolger ansieht. Aber weil es ihr so wenig kostet, sich von mir loszureißen, so will ich auch versuchen, mich von ihr loszumachen, und das erstemahl, daß mir wieder jemand, durch sie veranlaßt, von einer Hochzeit spricht, oder die erste Thorheit, die sie begeht, wird mich bestimmen, sie zu verlassen. Ich werde an einen Ort flüchten, dem ich alles, was mir übrig geblieben ist, übergeben, und wo ich das Glück finden werde, ruhig sterben zu können.« Ich weiß nicht, ob er mehr sagte, denn seine Tochter zog sich zurück, sehr gebeugt durch ihre Neugierde, und darüber, daß ich alles mit gehöret hatte, sie bewog mich also, mich auch zurückzuziehen.

Wir hatten alle Ursache zu glauben, daß er die Bosheit haben würde in uns wechselsweise Widerwillen gegen einander zu erregen. _Manon_ sollte durch sein Beispiel mir abgeneigt werden, und ich ihr durch das Beispiel ihrer Mutter. Diese Gedanken brachten uns in eine solche Verwirrung, daß wir es nicht wagten, uns anzusehen. Endlich kam der Beichtvater heraus und theilte uns das Resultat seiner Unterhaltung mit, so weit sie die Heirath betraf; von _Manons_ Mutter, so wie von allem, was uns betrüben konnte, schwieg er. Er sagte uns nur, wir sollten nicht mehr an eine Heirath denken, weil es verlohrene Zeit und Mühe seyn würde. Er wollte selbst nicht rathen, noch mit Herrn _von Ribaupierre_ darüber zu sprechen, er wäre zu fest und unerschütterlich in seinem Entschluß; und würden wir darauf bestehen, ihn zu einer Sinnesänderung zu bewegen, so würden wir uns selbst am meisten schaden. Er würde niemahls mehr für uns mit Herrn _von Ribaupierre_ sprechen und sollte er auch hundert Jahre leben. »Gott bewahre!« rief ich aus. Und ich weiß selbst nicht, mit welcher Miene ich es muß gesagt haben, denn der Beichtvater und das Fräulein schlugen ein lautes Gelächter auf.

Der Vater ließ seine Tochter bald nach dem Gespräche des Geistlichen rufen. Sie bat mich noch den Abend wieder zu kommen, ich könnte, wenn das Wetter zum Spaziergang nicht günstig wäre, an ihrer Thüre sie aufsuchen, und so verließ ich sie.

»Glaubst Du,« sagte er zu seiner Tochter, als sie in sein Zimmer trat, »daß die Welt ihrem Ende schon so nahe sey, daß ein Priester Deine Sache ausfechten soll, wie ehemahls bei Deiner Mutter der Fall war. Entsage diesem Wahn, denn man hat nicht alle Tage eine so andächtige Krisis. Laß Dir's nicht einfallen, mich in meinen Handlungen zu leiten, ich bin zu alt, um Lehren anzunehmen, ich selbst gebe Dir keine. Ich lasse Dir Deinen Willen, Dich nach Deiner Phantasie zu betragen, aber beobachte Dich wohl, damit ich nicht Ursache finden kann, mich über Dich zu beklagen. Es war anfangs mein Entschluß, Dir den Umgang mit Deinem Geliebten _d'Autun_ zu untersagen, aber es möchte bei den Leuten zu viel Gerede machen, und ich habe meine Meinung geändert. Deine Mutter gab viel Anlaß zum Geschwätze, und den will ich ersparen. Willst Du daher, daß ich an Dich denken soll, so erinnere mich selbst nicht daran. Betragt euch klug, Du sowohl, wie Dein Geliebter, und so, daß die Welt so wie ich mit eurem Betragen zufrieden seyn kann. Du kennst mich zu gut, und weißt, daß die Sprache eines Pädagogen meinem Charakter nicht angemessen ist. Ich sagte Dir nie etwas über diesen Punkt, ich glaube, daß Du immer weise gewesen bist, und hoffe, Du wirst es auch ferner seyn. Ich werde niemahls wieder über diese Sache mit Dir sprechen, aber gieb mir nie Gelegenheit zum Handeln, es brauchte nur eines Augenblickes, Dich unglücklich zu machen, und Du würdest ihn Dein ganzes Leben hindurch beweinen.« Nach dieser Anrede schwieg er, und hielt Wort, denn seit dieser Zeit öffnete er den Mund über diese Angelegenheit nicht mehr. Ich mußte mich dann entschließen, entweder das Vaterland zu verlassen, oder als ein treuer Romanenheld mein Leben im Gewebe der Liebe hinzuträumen, bis zu dem Tode des Herrn _von Ribaupierre_.

Ich hatte alle Ursache zu glauben, daß ich geliebt würde. Jede Gunst, die nicht strafbar war, wurde mir erlaubt, ich sahe _Manon_ täglich, und wir machten sogar Spaziergänge mit einander. In _Ribaupierre's_ Hause war ich willkommen, er bezeigte mir seine Freundschaft durch tausendfache Ausdrücke, ob er gleich wohl im Herzen überzeugt war, daß, wenn es in meiner Macht gestanden hätte, ich ihn gern in eine andere Welt gesandt haben würde.

* * * * *

Familien-Geschäfte nöthigten mich nach A. zu reisen, und ich hoffte in längstens sechs Wochen wieder in Paris zu seyn. Ich bat _Manon_ beim Abschiede mir ihr Bild zu geben, und gab ihr das meinige zuerst, wie sie es gewünscht hatte. Es war in einer einfachen emaillirten Dose, mit einem Spiegel in der Mitte, dem Bilde gegenüber. Das ihrige erhielt ich erst am letzten Tage vor meiner Abreise. Es war auf Emaille vortreflich gemahlt und sehr ähnlich. Eine Einfassung von Perlen umgab es, und eine zweite auf der andern Seite den Spiegel. Die Dose war auch emaillirt und stellte auf der einen Seite _Dido_ vor, die den Scheiterhaufen besteigt, mit dem Dolch in der Hand; das Meer mit Schiffen bedeckt war im Hintergrunde und deutete auf die Flucht des Aeneas, um den Rand waren die Worte eingegraben: Ihrem Beispiele würde ich folgen; die andere Seite auf dem Rücken des Spiegels stellte einen Reiter vor, dessen Pferd in vollem Lauf war, vor ihm her flog ein Amor und that, als wollte er den Zügel halten, und es von einer Stadt entfernen, die im Hintergrunde war, und wo man mehrere weibliche Figuren erblickte. Unten standen die Worte: Nichts hält einen Liebhaber auf, den die Liebe leitet.

Das Geschenk war von großem Werth, der Gedanke sinnreich, der Reiter legte mir ans Herz, bald zurückzukehren, und die Gelegenheit zu vermeiden, wo ich ihr die Treue brechen könnte, _Dido_ versicherte mich der ihrigen bis zum Tode. Ich reiste ab, und konnte nicht so schnell zurückkehren, als ich hoffte; meine Reise verzögerte sich stets und statt sechs Wochen blieb ich viele Monate abwesend. Aber ohngeachtet dieser langen Abwesenheit kam ich doch mit mehr Leidenschaft zurück; auch _Manon_, schien mir's, zeigte mehr Lebhaftigkeit in den Ausdrücken ihrer Liebe, als vor meiner Abreise. Ich schrieb ihr mit jedem Posttage, und erhielt auch jede Woche Briefe von ihr; auch fügte ich von Zeit zu Zeit kleine Geschenke hinzu, die sie mehr an mich erinnern sollten.

So bekannt mir ihr Verstand durch unsere Gespräche war, so übertrafen doch ihre Briefe alle Vorstellung. Selten hatte wohl ein Frauenzimmer einen leichtern, mittheilendern Verstand. Sie denkt nicht nach über das, was sie sagen will, und doch ist alles, was sie sagen kann, richtiger und schöner gesagt, als andere denken. Ihr Styl ist bestimmt, natürlich und pathetisch, mit einem gewissen rührenden Ausdruck begleitet, der tausendmahl mehr das Herz ergreift, als ihr belebtes Gespräch, das der Ton ihrer Stimme und die schönsten Bewegungen ihres Körpers begleiten. Ich war so erfreut, eine solche Geliebte zu besitzen, daß ich, um mich bei einigen Damen in der Provinz zu rechtfertigen, die es nicht artig fanden, daß ich bei ihnen so gleichgültig wäre, _Manons_ Bild zeigte. Die reiche Aussenseite erregte ihr Erstaunen, aber mehr noch wunderten sie sich über die Schönheit, die sie verbarg, und sie sagten mir, daß die Devisen, die darauf ständen, wohl nicht von ihr erfunden seyn könnten. Sie setzten hinzu, es müsse eine vollkommene Person seyn, wenn sie so viel Geist als Reize besäße. Ich erwiederte hierauf, daß gewiß alles von ihrer Erfindung sey, und um sie zu überzeugen, so zeigte ich ihnen einen Brief, den ich eben empfangen hatte. Manon schrieb mir:

»Wenn ich mir selbst glaubte, so schriebe ich Ihnen nicht, denn ich bin in allem Ernst böse auf Sie. Nichts ist für mich so beleidigend, als die Freiheit Ihres Geistes in Ihren Briefen, und diese vollkommene Gesundheit, deren Sie sich rühmen. Tausendmahl sagten Sie mir, daß Sie mich liebten, und ich glaubte es. Sie versprachen mir in einem Monat zurückzukehren, und unter dieser Bedingung ließ ich Sie abreisen. Schon sind vier Monate seit dieser Zeit verflossen, und nach einer solchen Abwesenheit sind Sie doch noch vergnügt und wohl. Wie glücklich sind Sie, ein Herz und einen Verstand zu haben, die bei einer solchen Abwesenheit die Probe aushalten! Wie ungleich bin ich Ihnen in diesem Punkt! Ich bin eifersüchtig bis zum Wahnsinn, ich wünsche selbst, daß Sie von aller Welt gehaßt werden möchten, daß Sie von allen Seiten zurückgestoßen, genöthigt würden, zu mir zurückzukehren. Aber diese Gesinnung ist für Sie zu beleidigend, als daß ich ihr Dauer wünschen könnte, und schon in diesem Moment sage ich mir, daß, jemehr Sie geliebt werden, jemehr werde ich meine eigene Neigung rechtfertigen. Ich möchte, daß alle Mädchen, um Sie zu sehen, meine Augen borgten, aber ich möchte, daß Sie nur mich ansähen! Allen Ihren Geliebten wünsche ich Verdienste, damit das Opfer, das sie Ihnen brächten, dem meinigen eine Folie unterlegte. Aber glauben Sie nicht, was ich da sage, meine Eigenliebe spricht aus mir, und ich verlange kein Opfer, sondern nur Liebe. Könnten Sie es thun, so sagen Sie mir's nicht, ich würde versuchen, mich selbst zu betrügen. Aber wo finde ich ein Mittel Ihre Nachläßigkeit, Ihren Kaltsinn in Ihren Briefen, Ihre lange Abwesenheit und die treffliche Gesundheit, zu entschuldigen? Beinahe ist es mir zur Gewißheit geworden, daß Sie untreu sind; die Schönheiten in der Provinz haben mich verdunkelt, der gegenwärtige Gegenstand ist immer anziehender, als eine abwesende Geliebte. Sie haben nichts als ein Bild, das nur eine Idee und Farbe ist; ich möchte verzweifeln, daß ich es Ihnen geben konnte. Sie vergleichen es nun mit Ihren Schönen, diese gefallen Ihnen, und ich nicht mehr! Wann werden Sie zurückkehren? Soll ich Sie nicht mehr sehen? Werden Sie mich vergessen? -- Wenn Sie mich so lieben, wie Sie sagten, wie Sie mir's überreden möchten, würden Sie nicht die Liebe allem andern vorziehen? Können Sie mir kein Zeichen geben, als die Schrift, die mich vielleicht betrügt? -- Leben Sie wohl, ich bin so bewegt, daß meine Ungeduld auf dem Papier sichtbar wird. Ich hatte beschlossen, mit Ihnen zu zanken, aber der Gedanke an Sie ist mir lebhafter geworden und hat meinen Zorn verlöscht. Mlle. M. hat heute ihr Gelübde abgelegt, nun ist sie endlich Nonne geworden! Wie glücklich ist sie, wenn ihr Herz frei ist! Aber wie unglücklich ist sie, wenn sie an B. denkt, nur mit einem Theil der Gefühle, die in meinem Herzen erwachen, wenn ich an Sie denke!«

Dieser Brief vollendete bei den Damen die Schilderung des Fräuleins _Ribaupierre_, sie waren davon entzückt, und ohne daß ich es selbst wollte, gewannen sie mein Zutrauen. Ich suchte meine Geschäfte so viel wie möglich zu beschleunigen, und doch mußte ich noch länger als zwei Monate nach Empfang dieses Briefes dort bleiben, und unter der Zeit machten die Briefe, die ich von _Manon_ erhielt, den größten Stoff meiner Unterhaltungen aus. Man wünschte mir Glück über meine Wahl, man munterte mich selbst auf gegen ein solches Mädchen, die es so verdiente, nie die Treue zu verletzen.

Ich bekam in der letzten Zeit meiner Abwesenheit einen Nebenbuhler. Herr _von Melville_ war es, der Sohn eines ~Officier de la maison du Roi~. Er ließ sich einfallen, dem Fräulein seine Liebe zu zeigen, aber es war ein Jüngling, der kaum aus der Klasse gekommen war, wo er die Rechte studiert hatte, und dabei so albern, wie ein Pariser, der niemals andere Aussichten gehabt hatte, als den Kirchthurm seines Kirchspiels. _Manon_ machte sich über ihn lustig, und schrieb mir in einem Ton von demselben, der selbst der Gravität eines Cato ein Lächeln hätte abzwingen können.

Ich kam nach Paris zurück mit mehr Liebe im Herzen, als da ich abreiste, und in der Absicht alles Mögliche zu versuchen, um unsere Heirath zu Stande zu bringen. Der alte _Ribaupierre_ hatte einige meiner Briefe über diesen Gegenstand gesehen und hatte seine guten Vorkehrungen getroffen. Wer begreift nicht, mit welcher Freude wir uns zum erstenmahl wieder umarmten! Wir vergossen heiße Thränen und ich blieb beinahe unbeweglich zu den Füßen meiner Geliebten liegen. Ich entschloß mich fest den letzten Versuch zu wagen, und unsere Heirath, koste es auch, was es wolle, zu vollziehen. In der Absicht ging ich am folgenden Morgen aus, Herrn _von Ribaupierre_ zu besuchen, während seine Tochter in der Messe war, ich wählte mit Absicht diesen Zeitpunkt.

Ich warf mich ihm zu Füßen und bat ihn um die Hand seiner Tochter, ich erbot mich, sie ohne Vermögen, ohne irgend eine Verbindlichkeit von seiner Seite, und ohne alle Hoffnung auf seine Erbschaft zu heirathen. Nur seine Einwilligung verlangte ich, er selbst solle die Ehepakten aufsetzen, ohne daß ich je etwas von ihrem Vermögen hoffen wollte, sollte er seiner Tochter alle mögliche Vortheile von meiner Seite zusichern, auch wollte ich es selbst öffentlich bekennen, daß er ihr eine Aussteuer gegeben habe, die er selbst bestimmen solle.

Wie konnte ich mehr thun? Er schien über meine Heftigkeit verlegen, aber da er nicht unvorhergesehenes Spiel spielte, da er einige Briefe von mir an seine Tochter gesehen hatte und darauf vorbereitet war, so antwortete er mir, daß meine lange Abwesenheit ihn habe glauben lassen, ich denke nicht mehr an seine Tochter, und daß sich die Dinge seit meiner Abreise sehr geändert hätten. Ich habe mich, sagte er, in eine Verbindung mit einem meiner ältesten Freunde eingelassen, dessen Sohn meine Tochter gewiß eben so liebt, wie Sie, und der ihr, wie ich glaube, auch nicht mißfällt. Ich habe sie ihm versprochen, und alle Geister der Hölle könnten mich nicht dahin bringen, mein Wort zurückzunehmen. Gleichwohl will ich meiner Tochter Neigung keine Gewalt anthun, willigt sie nicht in die Verbindung, die ich für sie einging, so darf man nicht mehr daran denken. »Fahren Sie fort,« rief ich aus, und warf mich noch einmahl ihm zu Füßen, »und weil Sie endlich Ihre Einwilligung geben, daß sie heirathen soll, so geben Sie sie mir, wenn sie es will.«

Die Bewegung, in der ich war, ließ mich noch manche Gründe hinzufügen, die mir entfallen sind, aber von denen er so lebhaft gerührt wurde, daß er versprach, sie mir zu geben, wenn sie sich für mich erklärte; erkläre sie sich aber für den andern, so solle ich eine andere Verbindung suchen. »Ich will es gern,« sagte ich, »denn ich glaube nicht, daß es schwer seyn wird, Ihre Tochter zur Erklärung zu bewegen, und ich bin ihrer Einwilligung gewiß.« »Desto besser für Sie,« war seine Antwort, »aber hüten Sie sich, sich selbst zu täuschen. Sie kennen die Frauen nicht, sie sind feiner, als Sie wohl glauben, und bewahren sich oft solche Ausflüchte auf, daß auch der feinste aller Männer sie nicht voraussehen kann.« »Ich hoffe nicht,« war meine Antwort, »daß das Fräulein welche finden könnte, die mich betrüben würden.« »So ist es gut für Sie,« sagte er noch, und ich konnte nichts weiter von ihm heraus bringen. Aber da er es der Wahl seiner Tochter überließ, so hatte ich gewonnen Spiel. Er wollte meine Eifersucht erwecken, ich fühlte sie in mir erwachen, aber sie wurde bald wieder zerstreut.

Ich erwartete Manon in einem Zimmer des untern Stockwerks; sie war verwundert, mich so früh bei sich zu sehen, denn ich ging nur des Nachmittags gewöhnlich zu ihr. Aber noch mehr wuchs ihr Erstaunen, als ich ihr sagte, was mich zu ihr führte. »Sie wollen uns verderben,« sagte sie, »der Schritt, den Sie gethan haben, ohne mich zu fragen, kann sonderbare Folgen haben, Sie hätten dahin nicht kommen sollen, ohne mich vorher zu fragen, und ohne meine Einwilligung zu erwarten.«