Die Bekanntschaft auf der Reise
Part 8
Ehe sich ihr Auge auf ewig schloß, wandte sie es noch einmahl auf mich und ihre trostlosen Eltern, die mit mir ihr Lager umringten. Sie streckte uns zärtlich ihre Hände entgegen und sagte sanft: Weinet nicht, meine Lieben! mir öffnet sich eine bessere Welt, -- mir winken die Gefilde eines ewigen Friedens! Ich sterbe gern, mein Lorenz, denn das Ende meines Lebens wird der Anfang Deines Glücks seyn. O genieße es so rein und unverfälscht, als mein Herz mit seinen letzten Schlägen Dir es wünscht, und gieb, wenn ich todt bin, der edlen, unschuldigen Justine mit Deiner Hand und Deiner ihr längst gewidmeten Liebe die Zeilen, die ich mit inniger Empfindung für sie geschrieben habe, und die man bei mir finden wird.
Sie mußte abbrechen, um sich zu erholen, denn das Reden wurde ihr schon schwer. Dann kehrte sie sich zu ihren Eltern, und sagte ihnen mit der ganzen Wärme ihres dankbaren Gefühls das letzte, bittre Lebewohl. Ich hoffe, fügte sie mit schon brechender Stimme hinzu, Sie werden nie vergessen, daß Lorenz das Liebste ihres Lorchens war. Lassen Sie ihn immer die Rechte eines Sohns genießen; -- er wird suchen, Sie durch Sorgfalt und Pflege über den Verlust einer Tochter zu trösten, die Sie doppelt gut und liebenswürdig in Justinen wieder erhalten werden.
Hierauf verstummten ihre sanften Lippen. -- Ihre Brust hob sich noch einige mahl unter stärkern Athemzügen, wie gewöhnlich, -- und ihre schöne Seele war entflohn.
Die Betrübniß, die ich empfand, erreichte beinahe den Schmerz der biedern gebeugten Alten, und wurde ein Band, das uns noch fester an einander knüpfte, als das Verhältniß der Verwandtschaft und der Liebe. Wie die erste Heftigkeit unseres Kummers nachließ, drangen sie in mich, den Forderungen meines Herzens zu folgen, die jetzt nur geschwiegen hatten, da die Trauer der Freundschaft ihre heiligen Rechte behauptete. Sie betrachten Dich als ein theures Vermächtniß ihres Lorchens, von ihr selbst erkohren, die schmerzliche Lücke auszufüllen, die ihr Tod in unserm Cirkel riß, und mit offenen Armen versprachen sie mir freiwillig, Dich zu empfangen, und durch alle die Zärtlichkeit, die sonst der lieben Verstorbenen gehörte, Dir Deine ehemahligen Leiden vergessen, und unser vereintes Leben angenehm zu machen. Ich reißte also ab, und ein Zufall verschaffte mir in dem benachbarten Städtchen, durch welches ich kam, die Bekanntschaft Deines Schwagers, die ich seegne, da sie mich um so eher zu dem Ziel meiner Reise führte.
Ach! und Deine Mutter? -- unterbrach ihn Justine, kämpfend mit Furcht und Hoffnung, und gespannt auf seine Antwort.
Nur zu sehr, versetzte Lorenz, hat die Erfahrung ihr gelehrt, wie unauslöschlich meine Liebe war, und wie elend es mich machte, sie verbergen zu müssen. Sie selbst bittet Dich, in meine Wünsche einzuwilligen, und läßt mich hoffen, daß wir, -- wenn auch in keinem herzlichen, doch in einem anständigen Vernehmen mit ihr leben können.
Justinens Wangen überflog das reizendste Roth. Und die Kammerherrin? fragte sie schnell, gleichsam in Verwirrung, die sie verbergen wollte.
Da sie, erwiederte Lorenz, wegen ihrer bisher geführten Lebensart nicht mehr so recht in der Residenz in guten Gesellschaften geduldet wird, so hat sie beschlossen, Spillingen zu verkaufen, und im Auslande Gelegenheit zu neuen Abentheuern zu suchen, in denen sie wahrscheinlich nicht ehrenvoller bestehen wird, als in ihrem Vaterlande. Der Tod ihres Gemahls soll ihr nicht unangenehm gewesen seyn, weil sie erstlich dadurch unumschränkter über ihr Vermögen gebieten kann, und zweitens, weil sie für ihre Schönheit die Trauer vortheilhaft hält. Sie hat ihre Reise bereits angetreten, und also auch von dieser Seite ist die Luft jener Gegend rein, -- wiewohl uns eigentlich ihr Daseyn eben so gleichgültig als ihre Abwesenheit seyn könnte, da eine sorgenfreie, wohlhabende Lage unsere Zukunft von jedermann unabhängig macht, ausgenommen von denen, denen ich sie danke. Werners, die mich, seit Lorchen starb, wo möglich noch mehr wie vorher als ihren Sohn ansehn, bestehen nämlich darauf, daß ich schon jetzt Langenfeld als mein Eigenthum betrachten soll, aber mir ist die kindliche Einschränkung zu lieb, in der ich bisher unter ihnen lebte, als daß ich nicht streben sollte, sie beizubehalten, da ihre Güte meine lebhaftesten Wünsche übertrifft.
Justinens Auge hing am Boden, und glänzte von Thränen, aber nicht von Thränen, wie sie der Kummer erpreßt. Lorenz beugte sich zu ihr, und umschlang sie innig. Laß mich nun das süße Wort vernehmen, sagte er, das vor dem Altar unsre Hände vereinigt, wie unsere Herzen es schon lange waren. Justine erröthete tiefer, -- sie erhob ihren gesenkten Blick mit dem lieblichsten Ausdruck, der ihm ein sanft verschmolzenes Gemisch von Freude, Rührung und Zutrauen gab, und lächelnd neigte sie sich seiner Umarmung entgegen. Ja, Lorenz! sagte sie, ich war Dein, und ich bin es noch. Ach meine unendliche Liebe zu Dir ist es einzig, die mich werth macht, die Nachfolgerin eines so edeln Weibes zu seyn, wie das, welches Du verlohren hast. --
Zu den Glückwünschen und Freudenbezeugungen ihrer Verwandten gesellten sich auch die meinigen, die Justine nicht weniger herzlich aufnahm. Gern hätte ich der allgemeinen Einladung nachgegeben, die mich nöthigte, trotz dem sparsamen Raume des Hauses, die Nacht zu verweilen, aber mein Schicksal rief mich vorwärts, und ich mußte mich beugen unter dem eisernen Zepter der Nothwendigkeit. Unendlich interessant und theuer war mir trotz unserer kurzen Bekanntschaft jedes einzelne Glied dieser kleinen, lieben Familie geworden. An Färbers fand ich ein Paar treuherzige, ebenfalls wie Justine über ihren Stand gebildete Menschen, die aber den höhern Grad ihrer Kultur nur dazu anwendeten, wozu ihn eigentlich der reine Zweck einer guten Erziehung bestimmt, nämlich: zum feinern Genuß des Lebens, und zur wärmern Ausübung häuslicher und geselliger Tugenden, die, wenn sie auch ihren Wohnplatz zuweilen in einer rohen, ungebildeten Brust aufschlagen, doch nur unvollkommen dort, wie die Früchte eines milden Klimas unter einen nördlichen Himmelsstrich gedeihen.
Mit warmen Dank für ihre gastfreien Anerbietungen verließ ich das glückliche Ehepaar, deren stiller, einfacher Wandel gewiß den beiden Verlobten das schönste Beispiel eines unerschütterlichen, häuslichen Friedens gab. Justinen versprach ich in der Umarmung des Abschieds mit eben dem Antheil, den ich an ihrer traurigen Vergangenheit genommen hatte, sie einst in Langenfeld zu überraschen, und mich mit ihr ihrer schönern Zukunft zu freuen. Mir war, als fesselten mich tausend Banden an diese kleine, trauliche Hütte, in der ich so viel Edelmuth und Güte angetroffen hatte, -- endlich mußte ich doch von ihr scheiden, aber das Bild ihrer liebenswürdigen Bewohner nahm ich in meinem Herzen mit hinweg.
Autun und Manon.
Eine Erzählung.
Als ich eines Tages eine meiner Freundinnen besuchte, fiel es mir nicht wenig auf, eine ältliche Frau, begleitet von einem jungen Frauenzimmer, ins Zimmer treten zu sehen. Die Schönheit der jungen Dame übertraf alles, was ich bisher noch gesehen hatte, sie war ungefähr fünfzehn Jahre alt, und die Tochter des ältern Frauenzimmers, wie ich nachher erfuhr. Sie war kaum aus dem Kloster gekommen, um ihren Vater zu sehen, und sollte nach drei Monaten wieder dahin zurückkehren, weil ihre Mutter nicht gern eine so große Tochter um sich sah, da sie selbst noch Ansprüche auf Schönheit machte. Damahls sah ich zum erstenmahl eine Person, die mein künftiges Schicksal bestimmte.
Herr _von Ribaupierre_ war Offizier, er hatte die Welt gesehen, und große Reisen gemacht, durch die er zwar an Erfahrung reicher, aber an Vermögen desto ärmer geworden war. Alle Pläne, die er zur Vergrößerung seines Vermögens entworfen hatte, waren mislungen, und zuletzt hatte er gelernt, dem Glück nicht mehr zu trauen. Bei der Belagerung von _Charenton_ wurde er mit drei Stichen in den Leib tödtlich verwundet. Man gab ihm die letzte Ölung, und nach einer allgemeinen Beichte, erhielt er die Absolution nicht eher, bis er gelobt hatte, sich mit seiner Frau, mit der er längst schon auf einen vertrauten Fuß gelebt hatte, trauen zu lassen. Sie wurden auf seinem Bette getraut, und als er sich wieder erholte, streute man aus, daß er schon seit einem Jahre heimlich verheirathet gewesen sey. Nach sechs Wochen erfolgte die Niederkunft des Fräuleins _von Ribaupierre_; ihr Gemahl wollte es niemahls erlauben, daß man sie Frau nennen durfte. Sie gebahr ihm eine Tochter. Nach der Geburt dieses Kindes lebte die Mutter sehr gut mit ihrem Gemahl, aber da sie schön und jung, und Herr _von Ribaupierre_ in seinem achtundfunfzigsten Jahre war, so bekam er bald die unheilbare Krankheit der alten Männer. Er wurde mistrauisch, und lebte in keiner großen Harmonie mit einer Frau, der man weiter keine Vorwürfe machen konnte, als daß sie mehr Aufmerksamkeit zu erregen suchte, als einer verheiratheten Frau erlaubt ist.
Als der Tod diese Ehe zerriß, war es gerade um die Karnevalszeit, und Herr _von Ribaupierre_ besuchte einen Ball bei dem Marquis von S., der sonst ein Freund des Fräuleins _Ribaupierre_ war. Er wußte die Nachricht von ihrem Tode, und sie betrübte ihn nicht wenig. Doch ehe man sichs versah, trat Herr _von Ribaupierre_ in einer eleganten Maske in den Saal, wo er schöne Gesellschaft fand. Er präsentirte dem Marquis einen Beutel voll Louisd'ors; der Marquis und mehrere andere von der Gesellschaft ließen sich ins Spiel ein, und verlohren. _Ribaupierre_ gewann ansehnlich und gestand nachher, daß dieß der einzige glückliche Tag in seinem Leben gewesen sei, indem er zugleich den Tod seiner Frau zu seinem Gewinn schlug. Da er sich im Spiel so groß angekündigt hatte, nahm man ihn für einen reichen Mann und bat ihn, sich zu erkennen zu geben. Anfangs weigerte er sich, aber als er die Maske vom Gesichte zog, erkannte ihn der Marquis, und der Schrecken preßte ihm einen lauten Schrei aus. »Wie!« sagte er, »ein Mann, dessen Frau eben verschieden, kann sich in einem solchen Aufzug sehen lassen? Unglücklicher Mann!« fuhr er fort, »sind dieses die Thränen, die Sie um eine Gattin vergießen, die eine der schönsten und tugendhaftesten Frauen der Welt war?« -- »Mildern Sie Ihre Ausdrücke, mein Herr!« gab ihm jener zur Antwort, »der Verlust meiner Gemahlin ist vielleicht größer für Sie, als für mich, _mir_ gehörte sie an, aber _Sie_ besaßen sie, ein Vortheil wiegt vielleicht den andern auf. Ich würde weinen, wenn ich mein Geld verlohren hätte, oder wäre doch traurig geworden, und dadurch hätte ich vielleicht den Damen gefallen, die meine Betrübniß auf die Rechnung meiner verstorbenen Gemahlin geschoben hätten, aber jetzt habe ich das Recht, mich zu freuen. Ich verliehre eine Frau, die mich immer betrübte, und gewinne sechshundert Louisd'ors. Ich muß mich freuen, aber nicht Sie, Herr Marquis, Sie verlohren Ihr Geld und eine Geliebte, und hiermit gute Nacht.« So verließ er den Saal, ohne eine Antwort abzuwarten.
Der Marquis schalt ihn, als er fort war, einen Narren und rohen Menschen; er bat seine Freunde, die Zeugen dieses Auftritts gewesen waren, um Verschwiegenheit; auch seinen Bedienten gebot er Stillschweigen, und erklärte feierlich, daß er in seiner künftigen Frau so viel Klugheit möchte erwarten können, als er in der Gemahlin des Herrn _von Ribaupierre_ gefunden. Der Wittwer, der Verstand hatte, und erfuhr, daß sein Mißverhältniß mit seiner verstorbenen Gemahlin kein Geheimniß mehr war, fürchtete, man möchte ihm Händel zuziehen, zumahl, da schon hin und wieder ein Gerede von Vergiftung entstand. Er ließ Ärzte und Wundärzte herbeirufen, und den Leichnam öffnen. Da man den Tod seiner Gemahlin natürlich fand, so ließ er sie beerdigen. Übrigens gab er selbst die erste Veranlassung, seine Gemahlin für untreu zu halten, weil er behauptete, daß niemand ihre Aufführung kenne, als er selbst. Und dieser Grundsatz ist so allgemein in der Welt angenommen, daß, sobald ein Mann selbst über die Treue seiner Frau Zweifel aufwerfen kann, es die andern zwiefach berechtigt, das Böse zu glauben.
Aber seine Tochter konnte man trotz der Äusserungen ihres Vaters nicht verkennen, sie war ihm zu ähnlich, und je größer und schöner sie wurde, desto mehr nahm diese Ähnlichkeit zu, ob er gleich selbst einer der häßlichsten Menschen war. Der Tod ihrer Mutter brachte keine Veränderung der Lage des Fräuleins _von Ribaupierre_ hervor, denn der Vater wollte nicht die Last auf sich nehmen, über eine Tochter von siebenzehn Jahren die Aufsicht zu führen. Allein da er anfing, schwächlich zu werden, rief er sie zu sich. Sie erschien in der Welt und trug Sorge für ein Vermögen, das sie einst zu erwarten hatte. Um diese Zeit, in ihrem zwanzigsten Jahre sah ich sie zum erstenmahl wieder, seitdem ich sie bei meiner Freundin gesehen hatte. Schon damahls war ihre Schönheit bewundernswürdig, aber als ich sie zum zweitenmahle sah, hatte sie noch unendlich gewonnen. Ihr Wuchs war majestätisch, ihr jugendliches Aussehn war durch die Weiße der Gesichtsfarbe noch erhöht; schöne schwarze Augen zugleich schmachtend und lebhaft, die Nase schön geformt, ein kleiner rother Mund und alle Gesichtszüge in schönster Harmonie, machten sie zum treusten Abbilde der heiligen Jungfrau. Ihr Anstand war edel und fest, ihre Bewegungen waren lebhaft, aber von einer natürlichen Sittsamkeit begleitet, die mich entzückte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mein Herz verwahren können, ich gab es hin; ich liebte _Manon_, oder vielmehr ich betete sie vom ersten Augenblick an, als ich sie sah. Umsonst stellte ich mir die Gerüchte vor, die bei dem Tode ihrer Mutter verbreitet worden, das wenige Vermögen, was ihr zu Theil werden würde, und ich glaubte fast, obwohl sie die schönste Person von der Welt war, die ich je gesehen, sie doch mit Gleichgültigkeit anzusehn. Aber ich betrog mich, ich sah sie den folgenden Tag in der Messe; ein einziger Blick, den sie auf mich warf, der mich wähnen ließ, er fordre mein Herz, zerstörte alle meine Entschließungen. Ich entschuldigte die Mutter, ihr Vater dünkte mich nur ein Unmensch, ein Verräther, und ich urtheilte, eine Frau, die nicht vollkommen tugendhaft gewesen wäre, hätte einer solchen Tochter nicht das Leben geben können. Ich überließ mich meiner Leidenschaft, und meine Aufmerksamkeit wurde nicht gleichgültig aufgenommen. Ich sprach, sie hörte mich an, aber ohne mir eine entscheidende Antwort zu geben. Lange schwebte ich in Ungewißheit, bis ein Vorfall mich die Entdeckung machen ließ, daß _Manon_ mich liebte, und im Ernst daran dachte, mir ihre Hand zu geben.
Eines Tages fand sich ein Geistlicher bei ihr ein, und nach manchen gleichgültigen Gesprächen kamen wir auf die Ehe zu sprechen, und was sie aufheben oder verhindern könnte. Der Geistliche sagte, daß die Kirchengesetze ehemahls strenger als jetzt gewesen wären, und erzählte einige Beyspiele zum Beweise, daß man sonst nicht einmahl erlaubt habe, daß zwei Menschen, die zusammen ein Kind aus der Taufe gehoben, sich hätten verheirathen dürfen, daß man aber jetzt keine Gewissenssache daraus mache, obgleich diese geistige Verbindung eine körperliche aufheben sollte. So sähe man, setzte er im heiligen Eifer hinzu, täglich die Erfahrung bestätigt, daß die Kinder aus einer solchen Ehe eben so gut, wie die, welche aus einer Ehe, wo die Eltern zu nahe verwandt erzeugt wären, ihr ganzes Leben hindurch mit widrigen Schicksalen zu kämpfen hätten, und auch in ihren Sitten der verderbliche Einfluß bemerkt werden könnte. Gott zeige eben dadurch, welchen Abscheu er vor solchen Verbindungen habe, weil er keinen Segen dazu gäbe, so oft man auch Lossprechungen dafür zu erlangen suche.
Noch erzählte er uns, daß er bei einem rechtschaffenen Mann im Hause wohne, dessen Frau ehestens niederkommen würde, und längst schon darauf gedacht habe, mich und _Manon Ribaupierre_ zu Pathen ihres Kindes zu wählen. Die Niederkunft erfolgte, der Vater trug mir die Pathenstelle an, und ich so wie die Eltern des Kindes glaubten, auch _Manon_ würde einwilligen. Aber die Rede des Geistlichen hatte tiefern Eindruck auf sie gemacht, und da der Vater kam, um sie zur Erfüllung dieser christlichen Pflicht zu bewegen, und ihr sagte, daß er auch von mir das Versprechen habe, so antwortete sie lächelnd: »Ich habe mich nur im Scherz dazu verstanden, aber um Ihres Kindes willen darf ich es nicht, denn alle Kinder, bei denen ich Pathenstelle vertrat, und deren sind schon mehr als zwanzig, sind gestorben.« Jede Überredung war fruchtlos, sie wollte nie darin willigen, mit mir die Pathenstelle bei dem Kinde anzunehmen. Ihr Betragen machte mich empfindlich, und ich machte ihr Vorwürfe über ihre Hartnäckigkeit. Aber sie lachte der Vorwürfe, und erinnerte mich unvermerkt an die Worte des Priesters. »Mein Gedächtniß ist treu!« fuhr sie erröthend fort, und verließ mich. Diese unerwartete Erklärung, so verfänglich sie auch für ein Mädchen war, war mit soviel Schamhaftigkeit begleitet, daß ich nicht wußte, ob ich mehr erstaunen, oder mehr entzückt darüber seyn sollte. Aber auf einmahl wurde das Gespräch mit dem Geistlichen mir wieder gegenwärtig, ich ernannte eine andere Pathe, und _Manon_ war nur bei dem Gastmahl gegenwärtig.
Ich dankte ihr für eine so ausserordentliche Erklärung, wir vereinigten uns über unsere Hoffnungen und es wurde beschlossen, daß ich um sie bei ihrem Vater werben lassen sollte. Ich war unabhängig und in einem Alter, wo ich niemand mehr Rechenschaft ablegen durfte; ohne Verwandte, die ich über meine Handlungen hätte um Rath fragen müssen. _Ribaupierre_ hätte keinesweges Ursach gehabt, über einen Antrag dieser Art beleidigt zu werden; meine Familie war der seinigen gleich, mein Vermögen weit ansehnlicher, als das seine, und ich konnte in der That noch Ansprüche auf eine weit vortheilhaftere Verbindung machen. Alles dieß ließ uns hoffen, daß er uns nicht im Wege seyn, und sogleich meinen Vorschlag annehmen würde. Aber wir betrogen uns. Er antwortete meinem Fürsprecher, daß er mir sehr für die Ehre verbunden wäre, die ich ihm erzeigen wolle, aber daß er sie nicht annehmen könne weil es ihm unmöglich sei, sich von einem großen Theil seines Vermögens zu entblößen, das nur zu seinem anständigen Lebensunterhalt hinreiche. Solle er es mit seinem Schwiegersohn theilen; so werde er sehr eingeschränkt leben müssen; ausserdem habe er auch das Wenige, was er mit großer Mühe von den Trümmern seines Vermögens gerettet, für sich selbst gerettet. Nur um ihn in seinem Alter zu pflegen, und ihm das beschwerliche Leben zu erleichtern, habe er seine Tochter aus dem Kloster gezogen, wo er sie andernfalls gelassen haben würde, und nicht, um sie in die Arme eines Mannes zu führen, der sie vielleicht gar noch abhalten könnte, für ihren Vater die schuldige Anhänglichkeit und Achtung zu zeigen. Wenn sie nicht seinem Willen gemäß handeln wolle, so wisse er zu gut, was er besäße, und daß sie nichts von ihm verlangen könne, als ihr Mütterliches. Um sein Vermögen nach seinem Tode zu erhalten, müsse sie es erst durch ihre Zuneigung gegen ihn zu verdienen suchen, wo nicht, so wisse er, woran er sich zu halten habe. Dieß sei sein letzter Entschluß, setzte er noch hinzu, und er bitte sehr, daß man gegen ihn nie mehr davon sprechen solle, seine Tochter zu verheirathen, wenn man sein Freund bleiben wolle.
Diese so bestimmte Antwort war ein entscheidendes Urtheil. Seine Tochter weinte darüber, und ich war in Verzweiflung, aber es gab kein Mittel dagegen. _Ribaupierre_ war zu bestimmt in seinem Willen, und er hatte Zeit gebraucht, um diesen Entschluß reifen zu lassen. Das letzte Mittel, das wir ergriffen, weit entfernt, uns weiter zu bringen, wie wir es gehofft hatten, hätte uns bald unwiederruflich zu Grunde gerichtet. Wir steckten uns hinter seinen Beichtvater, der ihm vorstellte, daß seine Tochter nicht leicht eine vorteilhaftere Heirath thun könnte, daß sie bald ein Alter erreichte, worauf man Rücksicht zu nehmen nöthig hätte, und daß es hohe Zeit sei, sie zu verheirathen; daß ich darin willigte, sie ohne Heirathsgut zu nehmen, nur die Versicherung verlange ich, daß ich ihn nach seinem Tode allein beerben solle. Indem er sich einen Schwiegersohn wähle, so hätte er, statt einer einzigen Stütze, deren zwey. Selbst sein Gewissen nahm er in Anspruch und stellte ihm vor, daß er dazu verpflichtet wäre, und tausend bösen Vorfällen dadurch vorbeugen könnte; denn ein Mädchen, dem man Zwang auflegte, und das von der Leidenschaft beherrscht würde, wäre leicht auf Abwege zu bringen. Kurz, der Geistliche erschöpfte mit der größten Beredsamkeit, die ihm die geistliche Liebe nur eingeben konnte, alle Gründe für unsere Vereinigung, aber sie gelang ihm nicht. Er hatte mit einem Manne zu thun, dessen Gemüth durch sein eigenes Unglück erbittert war, den die Erfahrung belehrt hatte.
Er gäbe gern zu, sagte er, daß die Verbindung für seine Tochter dem Anschein nach vortheilhaft wäre, da er aber niemanden Rechenschaft von dem Zustand seines Vermögens gegeben hätte, so könnte es sich doch vielleicht nach seinem Tode finden, daß sie eine so vortheilhafte Parthie wäre, als ich. Ihr Alter wäre noch nicht so gefährlich, um die Sache so eifrig zu betreiben. Drey oder vier Jahre mehr würden nicht mehr Falten in ihr Gesicht bringen, und wenn sie spät heirathete, so würde sie wenig Kinder bekommen, aber sie würden gesund seyn, und von einer starken Constitution. Sie würde ihren Verstand vollkommen ausgebildet haben, besser ihre Wirthschaft zu führen im Stande seyn und nicht mehr Gefahr laufen in die Zerstreuungen der Jugend zu fallen. Was mein Anerbieten betreffe, ihm den Genuß seines Vermögens zu überlassen, so lang er lebe, so danke er gar sehr für die Gnade, ihn genießen zu lassen, was sein Eigenthum sei. Beides, den Gebrauch des Geldes, so wie das Recht daran, könne ihm niemand streitig machen, und er wolle es sich auch bis an sein Ende bewahren, denn wenn er einmal sich des Rechts entäussert hätte, nach Gefallen darüber zu gebieten, so würde sein Sohn, wie seine Tochter glauben, daß dieser Genuß ein Raub wäre, den er an ihnen begangen hätte. »So gut bin ich nicht,« sagte er, »um zu sterben, weil es ihnen Freude macht, auch sollen sie nicht die Sünde auf sich laden, Gott zu beleidigen und meinen Tod zu wünschen. Die Welt giebt Beyspiele genug von Greisen, die einfältig gewesen sind, um sich aus mißverstandener Güte für ihre Kinder unglücklich zu machen, diese sollen mir nicht zum Muster dienen. Meine Tochter soll, so ist mein Wille, immer von mir allein abhängen, ohne weder mich, noch sich selbst der Großmuth eines Schwiegersohns zu überlassen.«