Die Bekanntschaft auf der Reise
Part 7
Wäre ich Deiner Liebe wohl jemahls werth gewesen, wenn ich nur _einen_ Moment die Reinheit Deiner Seele durch den Verdacht hätte entweihen können, daß diese schändliche Behauptung gegründet war? Und doch -- ist der Stolz nicht verzeihlich, der sich bitter in mir regte, der Stolz, dem es wohl thut, den Gegenstand seiner Leidenschaft vor der ganzen Welt geachtet zu sehn, und der selbst in der festen Überzeugung, daß Du unschuldig littest, mit grellen Farben und wüthendem Schmerz nicht bloß den Anblick Deiner Leiden, sondern auch ihre Folgen mir mahlte. Ich hätte weinen mögen, wie ein Kind, denn nicht allein die Unbescholtenheit Deines Gemüths, auch Deines Namens, galt mir mehr, wie der halbe Erdball, und ich hätte ihn willig hingegeben, wenn er mein gewesen wäre, um den Flecken auszulöschen, den diese unglückliche Beschuldigung Deiner Ehre anhing.
Alle Rücksichten, die ich sonst für nöthig hielt, fielen jetzt vor mir weg, -- ich verhehlte weder meinen Kummer noch meine Liebe, und beschwor Deine Unschuld mit aller Wärme meines gereizten Gefühls. -- Die Unschuld weiß sich zu vertheidigen, sagte meine Mutter. Sie läuft nicht bei Nacht und Nebel davon, und führt auch keine brilliantene Armbänder bei sich, die ihr nicht gehören. Frage nur alle die, die den gnädigen Herren begleiteten, als er ihr nachsetzte, ob er sie nicht in ihrem Beiseyn über den Beweis ihres Verbrechens ertappt hat. Was die Liebschaft betrifft, die Du mit ihr hattest, so bist Du viel zu vernünftig und ehrliebend, als daß Du nicht einsehen solltest, daß daran nicht mehr zu denken ist. Welcher Mensch mit fünf gesunden Sinnen und rechtlicher Denkungsart wird wohl ein Mädchen nehmen, das wegen überwiesener Spitzbüberei öffentlich am Schandpfahl gestanden hat? --
Justine konnte ein leises Schluchzen nicht unterdrücken. Ich thue Dir weh, sagte Lorenz, laß mich abbrechen. -- Nein, versetzte Justine, fahre nur fort, und kehre Dich nicht daran, wenn Deine Erzählung Gedanken und Erinnerungen in mir weckt, die mir Thränen kosten. Ach sie kann ja doch nicht herber seyn, wie alles das, was ich litt.
Lorchens Auge, fing Lorenz wieder an, benetzte sich sanft. O wer hätte hinter diesen holden, lieblichen Zügen eine so erniedrigende Handlung vermuthen können, sagte sie. Es that mir unbeschreiblich weh, als man sie zurückbrachte, und um ihr den Schimpf ihrer Strafe zu ersparen, hätte ich gern alles, was in meinem Vermögen ist, hingeben mögen. Aber gleichwohl kann ich sie unmöglich für unschuldig halten, so sehr ich auch wünschte, daß sie es wäre, denn ihre Flucht, ihr Bemühen, das Bündel zu verstecken, worin sich das Armband befand, und die Betroffenheit, die sie zeigte, als sie sich entdeckt sah, alles dieß spricht leider nur all zu sehr zu ihrem Nachtheil, und ich kann sie wohl bedauern, aber nicht entschuldigen.
Jedes ihrer Worte war ein Dolchstich, der in mein Inneres drang. Ob ich gleich nie bis zu einem Zweifel an Deiner Redlichkeit sank, so konnte ich mir doch das Räthsel Deines Benehmens nicht lösen, und die Ungewißheit in dem, was Dich dazu bewogen haben konnte, war mir höchst schmerzlich, ob mich gleich alles zu überreden suchte, daß eine Erklärung nicht anders, als noch schmerzlicher seyn könne.
Da ich dem Kammerherrn keine Nachricht von dem Erfolg meiner Aufträge gab, kam er selbst, um sich darnach zu erkundigen. Er bedauerte theilnehmend meine Unpäßlichkeit, die er dem bloßen Zufall zuschrieb, und spielte, was mein Verhältniß zu Dir betraf, meisterhaft den Unwissenden. Da er indessen den Vorgang nicht wohl mit Stillschweigen übergehen konnte, so sprach er so unbefangen davon, wie nur ein gutes Gewissen, oder die höchste Frechheit es im Stande ist. Wer hätte diesem hübschen Mädchen ein solches Laster zutrauen sollen, sagte er. Gott weiß, daß es mir recht nahe ging, hart, oder vielmehr gerecht gegen sie zu seyn, aber vielleicht bessern sie die Folgen dieser verunglückten Probe für ihr ganzes künftiges Leben, und das soll mir herzlich lieb seyn.
Die Gewißheit, mit der er von Deinem vermeintlichen Vergehen sprach, empörte mich zu sehr, als daß ich sogleich hätte antworten können. Er schien zu bemerken, was in mir vorging, und entfernte sich schnell, um den gewaltsamen Ausbruch meiner Gefühle zu vermeiden. Unter dem Vorwand der Sorgfalt um meine Gesundheit gab er den Befehl, mich genau zu bewachen, den meine Mutter nur gar zu gern befolgte. Man behandelte mich völlig wie einen Kranken. Meine Klagen und Verwünschungen, die immer Bezug auf Dich hatten, hielt man für Fieberfantasien, und suchte durch starke Aderlässe und andere medicinische Ermattungsmittel meinem kochenden Blut einen ruhigern Gang zu lehren. Aber mit dem letzten Tropfen desselben wäre doch die geheimnißvolle Allmacht nicht geschwächt worden, die mich mit tausend zarten unsichtbaren Banden an Dein Wesen kettete. Acht Tage lang hielt ich den Zwang aus, der mich fesselte, weil mir der Verlust meiner Kräfte zu fühlbar war, als daß ich die Hindernisse hätte hinweg räumen können, die jeden Versuch nach Dir zu forschen, vereitelten. Endlich aber raffte ich mich auf, und erklärte fest und entschlossen meinen Vorsatz, Dich zu sehn, und Dich aufzusuchen. Meine Mutter hörte meinen Entschluß unruhig an. Ihr Blick, ihre Miene, ihr Ton war sanfter, wie gewöhnlich. O mein Sohn, sagte sie, vergiß doch das Vergangene. Selbst wenn Justine unschuldig wäre, selbst wenn ihre Schande sie nicht auf immer von Dir geschieden hätte, würde sie jetzt für Dich verlohren seyn. -- Sie ist todt! -- Todt? rief ich fürchterlich erschüttert, ach unmöglich, unmöglich!
Leider ist es wahr, sagte Lorchen, die seit dieser unglücklichen Geschichte wie ein Glied unserer Familie bei uns geblieben war, und mit aller Wärme der zärtlichsten Freundschaft meine Pflege mit meinen Eltern getheilt hatte. Sichere Nachrichten haben uns verkündigt, daß sie schon vor einigen Tagen gestorben ist. Ach was muß sie nicht gelitten haben, da sie so plötzlich in der vollen Blüthe der Jugend und Gesundheit ein Opfer des Todes wurde! Gewiß hat sie Schmerz, Schaam und Reue zum frühen Grabe geführt. --
Tod! ich vermochte den Gedanken nicht zu fassen. -- Nein, sie lebt, sie lebt! rief ich, aber die Vorstellung, wenn es nun doch so wäre? schnitt mit Höllenquaalen in mein blutendes Herz. Ich sattelte mein Pferd. Was willst Du machen? fragte meine Mutter.
Ich will hin nach Mühlberg, ich will mich selbst überzeugen, -- aber wehe dem, der durch eine Lüge dieß gräßliche, vernichtende Bild vor mir aufstellte. Ich würde die Pein, dir ich jetzt leide, fürchterlich an ihm rächen. Doch nein, nein, setzte ich weicher hinzu; ich würde ihm vergeben, -- ich würde ihm danken, daß es nur Lüge war.
Ich schwang mich aufs Pferd, und hatte eben den Hof verlassen, als ich des Kammerherrn Stimme fast athemlos hinter mir hörte. Nur eine Minute hielt ich den Zügel an, um zu vernehmen, was er wollte. Unbesonnener, zurück! rief er, ich muß für Dein Bestes sorgen. Der Anblick, dem Du entgegen eilst, taugt nicht für einen Halbgenesenen.
Nein, gnädiger Herr, ich gehe nicht zurück. Meine Liebe und meine Pflicht ruft mich vorwärts, und wenn Sie die Rechte der Menschheit ehren, so halten Sie mich nicht auf.
Zurück, ich befehl es Dir, sagte er drohend und gebieterisch.
In diesem Augenblick folg' ich nur dem heiligern Befehl meines Herzens.
Wie, Du willst Dich widersetzen, Unverschämter, rief er mit loderndem Zorn, wende gleich um, oder geh aus meinen Diensten.
Das fällt mir nicht so schwer, als Ihnen zu gehorchen, war meine Antwort, und ich sprengte dahin.
Eine tiefe, traurige Stille herrschte im Dorfe, als ich durch Mühlberg ritt. Ach beinahe war es mir willkommen, daß mir niemand begegnete, den ich hätte fragen können, denn selbst in meiner peinlichen Ungewißheit lag noch eine Art von Trost, die wenigstens einen Schimmer von Hoffnung zuließ.
Mit klopfendem Herzen, auf dem die ängstlichste Erwartung mit bleiernem Gewicht lag, nahte ich mich Deinem Hause, aber ach, wie kann ich Dir beschreiben, was ich empfand, als ich es von schwarz gekleideten Leuten umringt sah, und in ihrer Mitte einen Sarg erblickte, den man eben im Begriff war, fortzutragen. Niedergedonnert von allen Schrecknissen der Fantasie und der Wahrheit gerieth ich ausser mir. Mein Pferd wurde bei dem ungewohnten Anblick scheu, und sprang auf die Seite, -- indem stimmte man einen geistlichen Gesang an, der meiner Meinung nach _Dich_ zur Ruhe begleiten sollte, und zu gleicher Zeit begann der Leichenzug. Ich drückte den Hut tief in die Augen, gab dem bäumenden Roß die Sporen, und jagte mit verhängtem Zügel, -- gleichviel wohin.
Der Zufall, der so oft über die Wege entscheidet, die wir auf der Bahn des Lebens wählen, veranstaltete dießmahl, daß ich ohne es zu wissen, den nach meiner Heimath einschlug. Gedankenlos ritt ich die bekannte Straße, die mir vorkam, als führe sie durch lauter fremde, dämmernde Gefilde, -- gedankenlos langte ich in Spillingen bei dem Hause meiner Eltern an, und als ich mich von ihnen theilnehmend umringt sah, glaubte ich in der Zerrüttung meines innern Sinnes unter feindseelig gesinnten, unbekannten Menschen zu seyn.
Mein Zustand war ihnen fürchterlich. Er schien die Dumpfheit der tiefsten Verzweiflung zu seyn, die nur eines geringen Anlasses bedurfte, um in tobenden Wahnsinn überzugehn. Endlich als ich weinen konnte, wurde es leichter in meiner Seele, aber es war nur Ermattung, nicht Ruhe, die mit dem Sturm abwechselte, der in mir braußte. Ich wurde gefährlich krank, doch behielt ich stets meine völlige Besonnenheit, vielleicht um desto empfindlicher zu leiden. Lorchen und ihre Eltern nahmen den innigsten Antheil an der Traurigkeit, die an meinen besten Kräften zehrte, und da theils die Behandlung meiner Mutter nicht delicat genug war, um nicht stündlich meinen Schmerz zu erneuern, theils sich auch in Spillingen mir eine Menge Erinnerungen aufdrangen, die ihn nährten, so schlug mir Werner vor, meine Wiederherstellung in seinem Hause zu erwarten. Veränderung der Gegenstände und der Luft war mir von dem Arzt empfohlen, und so gleichgültig, so verdrießlich mir beinahe meine Genesung war, so konnte ich doch der freundlichen Einladung nicht widerstehen, ohne die reinste Gutmüthigkeit zu beleidigen. Ich zog also nach Langenfeld, und hier fingen meine Wunden zwar nicht an zu heilen, aber man suchte ihr Bluten durch den mildernden Balsam jener feinen Aufmerksamkeit zu stillen, die sorgsam alles entfernt, was schwermüthige Ideen hervorrufen könnte.
So waren drei Monate verstrichen, und je mehr ich wieder zu mir selbst kam, je inniger fühlte ich mich durch Dankbarkeit und Freundschaft an Werners liebevollen Familienkreis gefesselt. Man erwähnte Deinen Namen nicht, und ich empfand wohl, daß es nicht aus Gleichgültigkeit geschah, sondern um mein Herz zu schonen. --
Meine Eltern besuchten mich zuweilen, und klagten jedesmahl über die Härte, mit der sich der Kammerherr jetzt gegen sie benahm. Auch mir hatte er den Abschied in den ungerechtesten zornigsten Ausdrücken geschickt, und vielleicht da er so sehr über mich erbittert war, bewog ihn nur die allgemein anerkannte Redlichkeit meines Vaters und seine eigene Unkenntnis der Wirthschaft ihm nicht ebenfalls den Dienst aufzusagen. Ich sahe wohl ein, daß es nicht der rühmlichste Weg meines Fortkommens war, bei Leuten, die ohngeachtet ihrer Güte mir doch nur immer Fremde waren, im sorgenlosen Müßiggang meine Tage zuzubringen, und beschloß, ihnen bei der ersten schicklichen Gelegenheit den Vorsatz, mich in der Ferne um irgend einen Dienst zu bemühen, zu entdecken. Sie fand sich bald, und ich erklärte ihnen meinen Entschluß im Beysein meiner Eltern mit den lebhaftesten Gefühlen von Dank für die unvergeßliche Nachsicht, mit der sie die Launen und Phantasien eines an Leib und Seele Kranken bisher geduldet hatten.
Lorchen wurde blaß, als sie meinen Willen vernahm. Ihr Auge füllte sich mit Thränen, und schweigend verbarg sie es an der Brust ihrer Mutter. Der alte Werner schüttelte den Kopf, und ging nachdenkend im Zimmer auf und ab. Mein Vater schwieg, -- meine Mutter sah bedeutend bald auf mich bald auf Lorchen.
Hören Sie, lieber Lorenz! fing Werner auf einmahl an, ich kann nicht läugnen, daß ich seit Ihrem Aufenthalt bei mir den Gedanken genährt habe, er werde immer dauern.
Immer, Herr Werner? -- Schon zu lange, fürcht' ich, hab ich Ihre Gastfreiheit gemißbraucht.
Lassen Sie die Komplimente weg, junger Mann, und reden Sie deutsch und offen mit mir, wie ich mit Ihnen. Meine Tochter liebt Sie, -- warum soll ich es verhehlen? Sie liebt Sie mehr als alles in der Welt. -- Ihr Verhältniß zu Justinen ist zerrissen, aber die Art, wie es geschah, macht es nothwendig, daß Sie ein neues Band knüpfen, das Ihnen Ihren Verlust ersetzt. Zwar werden Sie mir den Einwurf machen, daß man nicht so leicht sein Herz dem einen entziehen und dem andern zu wenden könne, aber darauf bin ich gefaßt. Ich war auch kein leidenschaftlicher Liebhaber, und wurde doch ein guter Ehemann. Nicht wahr, setzte er mit einem frohen Blick auf seine Frau hinzu, die ihm mit Herzlichkeit die Hand zur Bekräftigung seiner Behauptung reichte. -- Also prüfen Sie Sich wohl, fuhr er fort. Ich will Ihnen meine Tochter keineswegs aufdringen, nur weil Sie so innig geliebt werden, weil ich glaube, daß Sie durch ihre häuslichen Tugenden glücklich seyn können, und weil ich selbst Ihnen von Herzen gut bin, -- nur deswegen wünsche ich Ihre Verbindung, und wenn Sie keine Abneigung dagegen haben, so umarme ich Sie mit der Einwilligung Ihrer Eltern hiermit als den künftigen Gatten meines Lorchens und als meinen Sohn.
Ich war betroffen, und zu gleicher Zeit gerührt. Lorchen schluchzte laut, und vermochte es nicht, ihr thränenschweres Auge zu mir zu erheben. Meine Mutter weinte auch, und rief: Stoß Dein Glück nicht muthwillig von Dir. -- Den tiefsten Eindruck machte aber mein Vater auf mich. Er nahte sich mir, und faßte bewegt meine Hand. Gönne meinem Alter die Freude, Dich glücklich verheirathet zu sehn, sagte er, wo möglich in einem noch sanftern väterlichem Tone als er gewöhnlich zu mir sprach. Und wenn der Kammerherr mich aus dem Dienst stößt, in dem ich grau geworden bin, o so laß mich dann bei Dir ein ruhiges Plätzchen finden, wo ich sterben kann.
Die Möglichkeit eines solchen Falles trat lebhaft vor meine Seele, und bestimmte mich zu dem Entschluß, mich der Zufriedenheit anderer aufzuopfern, da mir eigenes Glück versagt war. So empfing ich Lorchens Hand, und daß sie mir auch ihr ganzes Herz gab, lehrten mir tausend Proben ihrer treuen, zärtlichen Liebe. Zwar vermochte ich es nimmer über mich, sie zu erwiedern, aber ich that, was ich konnte, und begegnete ihr stets mit allen Aufmerksamkeiten der Freundschaft, die ich für sie empfand, und mit all der Achtung, die sie verdiente. Für ihr sanftes Gemüth war die Liebe, was der Sonnenschein der unentfalteten Blume ist. Jede holde Fähigkeit, jede anmuthige Eigenschaft ihrer Seele entwickelte sich in ihrem wärmenden Strahle, und jede hatte den Zweck mich zu beglücken. Ach es wäre möglich gewesen, hätte ich nie Justinen gekannt! --
So schlichen mehrere Jahre vorüber, -- Jahre, die noch jetzt in der Erinnerung mit Centnerschwere auf mir lasten, da ich mir vorwerfen muß, im vergeblichen, unverhehlbaren Kampf mit meiner so tief eingewurzelten Liebe zu Dir, Lorchens Herz oft, zwar wider meinen Willen, aber doch bitter, gekränkt zu haben. Dein Aufenthalt war so tief verborgen, und wir selbst sahen unsere Tage so einsam, so unbekümmert um alles, was in der Gegend vorging, verstreichen, daß die Nachricht Deines Lebens erst spät in unsere Abgeschiedenheit zu dringen vermochte.
Sie ergriff mich mit allen Schaudern der Wehmuth und der Freude. Kaum konnt' ich ihr glauben, und doch war sie mir zu süß, als daß ich an ihr hätte zweifeln mögen. Im ersten Rausch der Überraschung entwarf ich eine Menge lachender Plane, Dich wieder zu sehn, und Dich an dieß liebende Herz zu drücken, das noch immer so ganz Dein eigen war, -- aber schnell zertrümmerte ein Blick auf meine Lage die goldenen Luftschlösser, die sich die Hoffnung erbaute, und ich fühlte mich wieder elend wie zuvor.
Lorchen hörte mit mir zu gleicher Zeit, daß das Gerücht Deines Todes ungegründet war. Ein Bauer, der damahls gerade von Mühlberg kam, hatte in dem Hause Deiner Eltern, wo Du so gefährlich krank lagst, erfahren, daß man fürchtete, Du werdest den Abend nicht erleben, und die Wahrscheinlichkeit galt ihm so viel, wie Gewißheit. Der Tod Deines Vaters, den man eben begrub, als ich mich selbst überzeugen wollte, wie es mit Dir stand, bestätigte mir fürchterlich die vernommene Trauerpost, denn unfähig zu fragen oder zu untersuchen, _wem_ das schauerliche Leichenbegängniß eigentlich galt, hielt ich es in der schrecklichen Idee, mit der ich hergekommen war, für das Deinige, und nahm so den Wahn mit mir hinweg, der uns auf so lange trennte, und der giftig an dem Frieden meiner Seele nagte.
Die Bewegungen meines Innern entgingen Lorchen nicht, die bescheiden, aber aufmerksam jede meiner Regungen mit dem scharfem Blick der Liebe bewachte. Zwar sah sie, daß ich Meister meiner glühenden Wünsche war, und daß ich keinen Versuch machte, irgend eine meiner Pflichten durch Deinen theuern Anblick zu verletzen, aber sie bemerkte auch die Anstrengung, die es mir kostete, und überließ sich dem geheimen Gram gekränkter Zärtlichkeit, ohne daß eine Klage, oder nur ein Wort, das einem Vorwurf glich, die Sanftmuth ihrer Lippen entweiht hätte.
So näherten wir uns allmählig dem Zeitpunkt, der für uns entscheidend war. Der Kammerherr, dessen Unwillen gegen mich die Entfernung nicht besänftiget hatte, ließ mich auf einmahl nebst Lorchen zu sich fodern. Da wir saumseelig waren, seinen Befehl zu erfüllen, sandte er uns seinen eigenen Wagen mit der Bitte, an sein Sterbebette zu kommen. Ein fürchterlicher Traum hatte sein böses Gewissen geängstigt. Um den düstern Eindruck zu schwächen, den die Rückerinnerung auf seine Stimmung machte, beschloß er, sich durch einen Spazierritt zu zerstreuen, und dieser wurde durch einen unvorsichtigen, unglücklichen Sturz vom Pferde die Ursach seines Todes.
Als er die Annäherung desselben fühlte, regte sich das Andenken seiner lasterhaften Handlungen schmerzlich in seiner Seele mit allen den ängstlichen Vorstellungen der Zukunft jenseits des Grabes, die, -- wenn auch die Welt ein langes Menschenleben hindurch partheiisch richtete, mit einer strengen unbestechbaren Gerechtigkeit, vor der der Bösewicht erschrickt, Gutes und Böses aus einander wiegt. Ach er hatte es sich nie einfallen lassen, daß in der Sterbestunde die lachenden Farben verbleichen, unter denen das Laster oft seine eigenthümliche Häßlichkeit verbirgt, und was ihm sonst im Genuß der Gesundheit und der rauschenden Freude als leichte, verzeihliche Galanterie erschienen war, grinzte ihn jetzt fürchterlich in der Gestalt des Verbrechens an.
Nicht ohne die lebhaftesten Erinnerungen an Dich betrat ich das Haus wieder, in dem Du so viel gelitten hattest, und an das Bild Deiner Thränen, das sich mir vorstellte, knüpfte sich das holde Andenken der Tage unsrer Liebe, und beides machte mein Herz weich, und mein Auge naß, das sich vergeblich sehnte, eine Spur zu erblicken, die mir Dein ehemahliges Daseyn verrieth. Man brachte mich mit Lorchen in das Schlafzimmer des Kammerherrn. Er hatte dem Geistlichen erklärt, daß er in meinem Beisein und vor mehreren Zeugen ein Dich betreffendes Bekenntniß ablegen wolle. Meine Eltern waren ebenfalls herbei gerufen worden, um gleichsam seine letzte Beichte mit anzuhören. Schweigend bildeten wir einen Kreis um das Bette, wo er entstellt, und in fürchterlichen Krämpfen lag. Die gnädige Frau spielte einstweilen in ihrem Zimmer Piket mit einem jungen Offizier ihrer Bekanntschaft. --
Mühsam rang der Sterbende nach so viel Kräften, als eine kurze Erzählung fordert, und in abgebrochenen Sätzen, doch klar und bestimmt, und unter allen Zeichen der Angst und der Reue erklärte er Deine engelreine Unschuld, und klagte sich selbst als den Urheber Deines Unglücks an. Ob ich gleich nie daran gezweifelt hatte, daß der Verdacht, der auf Dir ruhte, ungegründet wäre, so machte doch dieß entsetzliche Geständniß einen Eindruck auf mich, den meine Brust beinahe nicht weit genug war zu fassen. Selbst bei einer genauen Kenntniß des Kammerherrn hatte ich ihn doch einer solchen überlegten Abscheulichkeit nicht fähig gehalten, und sie stand mit allen ihren traurigen Folgen, wie eine geöffnete Halle, vor meinem starrenden Blick.
Alle Anwesenden, und auch meine Mutter waren aufs heftigste erschüttert, besonders Lorchen, die, als sie die entsetzliche Nachricht vernahm, mit einem lauten und dennoch leisen Schrei, wie er nur aus einem gebrochenen Herzen kommen kann, ohnmächtig zur Erde fiel. Die Sorge um sie entfernte mich aus dem Krankenzimmer. Ich brachte sie an die freie Luft, wo sich ihre Lebensgeister wieder sammelten. Nach einer halben Stunde kam der Pfarrer heraus, und verkündigte mir, daß der Kammerherr so eben unter convulsivischen Zuckungen verschieden sei. Bitten um unsre Vergebung waren seine letzten Worte gewesen.
Ich machte Anstalten, Lorchen nach Hause zu bringen. Sie selbst bat mit einer Hast darum, die mir verrieth, daß sie die Schwäche ihres Zustandes fühlte. Stumm saß sie neben mir im Wagen, nur zuweilen hob ein leises Schluchzen ihre beklommene Brust, die den verzehrenden Krampf des tiefsten Schmerzes verbarg. Bald nahm sie die Liebkosungen an, mit denen ich den Aufruhr ihres Innern zu stillen versuchte, bald wieß sie sie zurück und verbarg ihre Thränen. Als wir in Langenfeld ankamen, hatte schon ein Fieber mit zerstöhrender Gewalt ihren Körper ergriffen, der viel zu zart war, um nicht dem schleichenden Gifte eines langwierigen Grams und dem Sturm einer solchen Erschütterung zu unterliegen. Wir schickten sogleich nach dem Arzt, aber Lorchen mißbilligte es, als sie es erfuhr. Meine Stunde hat geschlagen, sagte sie, und Gottlob! daß es so ist. Ich sehe freudig meiner Auflösung entgegen.
Sie bat uns, sie allein zu lassen, und verlangte Schreibzeug. Ich bewachte im Nebenzimmer ihre kleinsten Bewegungen, um ihr sogleich beizustehn, wenn sie Hülfe bedurfte, aber sie war ganz ruhig, und schrieb mit vieler Fassung den Brief an Dich, den sie bis zu ihrem letzten Augenblick in ihrem Busen aufbewahrte. Als sie geendigt hatte, verlangte sie nach mir. Mit einer rührenden Innigkeit schloß sie mich in ihre Arme, und bat mich um Vergebung, daß sie, nächst dem Kammerherrn, das Werkzeug meiner Trennung von Dir gewesen sei. Sie entdeckte mir, daß sie längst eingesehen habe, daß sie nicht im Stande sei, mich für Deinen Verlust zu entschädigen, und ersuchte mich mit Wehmuth, wenigstens ihres guten Willens freundlich zu gedenken. Die unschuldige Ursache Deines Kummers wird bald nicht mehr seyn, sagte sie zu mir, -- o benutze dann Deine Freiheit, um so glücklich zu werden, als ich Dich gern gemacht hätte! --
Endlich erschien der Arzt. In seinen bedenklichen Mienen lasen wir die Gefahr der lieben Kranken, ob er uns gleich aufmunterte, noch nicht alle Hoffnung sinken zu lassen. Verhehlen Sie mir es nicht, Herr Doktor, sagte Lorchen, der er Muth einsprach, daß mein Ende nicht mehr fern ist. Sie würden mich dadurch um unersetzlich kostbare Stunden betrügen. Hat man doch bei jeder kleinen Reise den theuern Zurückbleibenden so viel zu sagen, -- wie viel mehr bei einer so ernsten Reise, als mir bevorsteht, -- bei einer Reise, von der man niemahls wiederkehrt. --
O Justine! laß mich die bangen Stunden mit Stillschweigen übergehn, in denen ich an ihrem Bette saß, und Zeuge der frömmsten, sanftesten Ergebung war, mit der sie den Kelch des Todes hinnahm. So endigt sich nur ein Leben, das so schuldlos war, wie das ihre, -- so stirbt nur die Tugend, der eine fleckenlose Vergangenheit Ansprüche auf die reinste Seeligkeit des Himmels giebt! -- -- --