Die Bekanntschaft auf der Reise

Part 6

Chapter 63,716 wordsPublic domain

Ich konnte dem Ausbruch der Thränen nicht wehren, die mir die Verzweiflung erpreßte, und mein lautes Weinen, zog endlich die Aufmerksamkeit meines unempfindlichen Führers auf sich. Es war ein Bauer aus Spillingen. Der Gerichtsdiener hatte mich ihm ohnmächtig überliefert, mit dem Befehl, mich meinen Eltern zu bringen. Höchst unbekümmert um meinen Zustand war er ruhig mit mir fortgefahren, ohne sich damit zu befassen, ihn zu erleichtern. Gleichgültig langte er bey der Wohnung meiner Eltern an, und als ich kraftlos aus dem Wagen stürzte, und weinend weder ihre Fragen zu beantworten, noch ihre Angst zu stillen vermochte, warf er murrend, daß ihm niemand beistand, meine Sachen herunter, die man mit aufgeladen hatte, und sagte: Ja, ja, wie die Arbeit, so der Lohn. Da habt Ihr Euer sauberes Früchtchen. Dankt Gott, daß sie noch so davon gekommen ist, und haltet sie künftig lieber zum Gebet und Fleiß, als zum Stehlen an. -- Damit schwang er seine Peitsche und fuhr fort. Ich sah nur noch meinen Vater schwanken, sein graues Haupt entblößen, und seine gerungenen Hände mit dem gebrochenen Blick des tiefsten Jammers zum Himmel erheben, -- ich hörte nur noch die Frage meiner Mutter: Ach Gott! was hast Du angefangen? -- dann entzog mir ein heftiges Fieber, das mich überfiel, meine Besinnung, und diesen herzzerschneidenden Anblick.

Fünf Wochen lag ich ohne Hoffnung, ohne jemand zu kennen, -- ohne meiner Vernunft mächtig zu seyn. Die wilden Fantasien, in denen ich schwärmte, meine Ausrufungen und meine Klagen, in denen trotz der Verwirrung meiner Sinne doch ein gewisser Zusammenhang war, der den Stempel der Wahrheit trug, alles dieß verrieth den Meinigen mein Schicksal und mein Elend. -- Ach ich war glücklicher als sie, so lang die Raserei der Krankheit dauerte. -- Der erste Tropfen, der mir im Becher der Genesung blinkte, war mit neuer Bitterkeit vermischt, die mein ganzes Leben mit stillem, zehrendem Gram vergiftete.

Als ich wieder zum erstenmahl die Gegenstände und die Personen unterscheiden konnte, die mich umgaben, erkannt' ich meine gute Schwester, die an meinem Bette saß. Ich streckte meine Arme nach ihr aus, und sie drückte mich zwar mit einem Freudengeschrei, aber zugleich mit einer Fluth von Thränen an ihr Herz, die mich erschreckte, als ich ihr bleiches, kummervolles Gesicht, die tiefe Trauer in ihrem Anzug und in ihrem ganzen Wesen bemerkte. Ich konnte die ängstliche Furcht nicht verscheuchen, die mir zuflüsterte, daß mir noch ein neues schweres Leiden bevorstand. Eilig und sehnsuchtsvoll frug ich nach meinen Eltern. Die Mutter ist krank, antwortete Philippine. Ihre Sorgfalt für Deine Pflege, ihr Gram über Dein Unglück und über mancherlei andere Dinge hat sie aufs Krankenbett gelegt. Doch verspricht der Doktor sie bald wieder herzustellen, und die Freude, daß es sich mit Deiner Gesundheit bessert, wird vortheilhafter auf sie wirken, als die kräftigsten Arzeneien. --

Und mein Vater? -- Philippine schwieg einige Momente, dann sprach sie mit zurückgehaltenen Thränen: Der Vater schläft -- ihm ist wohl!

O wenn das ist, so wecke ihn. Laß mich ihn sehn, daß ich ihm mein Schicksal klage, und meine Unschuld betheuere. --

Philippine fing heftig an zu weinen. Ich soll ihn wecken? sagte sie. Ach, wenn ich _das_ könnte! -- Das vermag nur Gott, der ihn zu sich nahm.

Justinens Auge floß hier über -- sie nahm den Faden ihrer Erzählung nur nach einer langen Pause wieder auf, in der sie mit ihrem Schmerze zu kämpfen schien. O lassen Sie mich von den Gefühlen schweigen, sagte sie dann, die bei dieser schrecklichen Nachricht meine Seele erschütterten. Ich erfuhr, als ich erst wieder Kräfte hatte, mich näher zu erkundigen, daß der Schrecken meinem Vater eine Art von Schlagfluß zugezogen, und daß der Kummer und die Vorwürfe, die er meinetwegen sich selbst gemacht hatte, ihn nach einem kurzen Krankenlager ins Grab gestürzt hatten. Die festere Natur meiner Mutter erhielt sie mir noch ein Jahr -- dann folgte sie ihm vor Gottes Richterstuhl, wo sie als Anklägerin den Urheber meines Elends erwartet.

Und Lorenz? fragte ich mit inniger Bewegung. Konnte Lorenz ein Herz verkennen, das so edel, und so ganz sein eigen war? --

Lorenz, versetzte Justine mit einem traurigen Lächeln, Lorenz war ein Mensch. Ob er mich wirklich einer niedrigen Handlung fähig hielt, ob die Umstände, die wider mich sprachen, auch ihn zu meinem Nachtheil stimmten -- ob die Schande, die ich öffentlich erduldete, oder der Wille seiner Mutter eine unübersehbare Kluft zwischen ihm und mich warf -- das weiß ich nicht. Nur das weiß ich, daß ein halbes Jahr verging, ehe mein Schmerz über den Verlust meines Vaters, und meine Sorge für die wankende Gesundheit meiner Mutter mir erlaubte, nach ihm zu forschen. Die erste Nachricht, die ich von ihm einzog, war die Nachricht seiner Verbindung mit Lorchen.

Es überraschte mich -- ich läugne es nicht -- es fiel mir hart. Aber ich war nun schon so in der Übung zu leiden, wenn ich mich so ausdrücken darf, ich hatte der Hoffnung glücklich zu seyn nun schon so ernst und freiwillig entsagt, daß ich bald im Stande war, mich zu fassen. Kurz darauf hatte ich Gelegenheit, mich von den nähern Umständen und dem Charakter des alten Werners und seiner Familie genau zu unterrichten. Ich hörte so manchen Zug ihrer Rechtschaffenheit, so manches ungekünstelte herzliche Lob, das vorzüglich Lorchen betraf, daß ich nicht daran zweifeln konnte, Lorenz sei glücklich. Auch erfuhr ich, daß seine Heirath der lange ernste Plan seiner Mutter gewesen war, und ich tröstete mich durch die Überzeugung, daß sie nie in eine Verbindung mit mir gewilligt, oder doch wenigstens durch ihre Abneigung und ihre Denkungsart unser häusliches Glück getrübt haben würde.

Als ich die letzte, traurigste aller kindlichen Pflichten befolgt, und meine Mutter zu ihrer Ruhestätte begleitet hatte, verließ ich Mühlberg, und zog hieher zu meiner Schwester. Die freundliche Liebe, die mich empfing, und die mich bald an ihr Haus, an ihren Mann und ihre Kleinen fesselte, die Einigkeit in unserm engen, trauten Familienkreise, -- o das erweckte die erste blühende Empfindung wieder, die mich aus dem langen Winterschlaf meiner Seele riß. In Thätigkeit und Fleiß, und -- warum sollte ich die reinste Quelle meiner Beruhigung verhehlen? -- in stiller Andacht und Gebet errang ich mir jene sanfte Ergebung, die sich ruhig auch in harte Schicksale fügt. Ich dachte noch oft an Lorenz, und trauerte um meine vergeblichen Träume. Wenn ich mir ihn als Lorchens Gatten vorstellte, war es mir eine Art von Trost zu glauben, daß ihn nur die Meinung meines Unwerths, und kein Wankelmuth von mir geschieden hatte, denn, -- es dünkt Sie vielleicht bloß eine Schwärmerei, -- aber fest und innig ist der Glaube in meine geprüftesten Grundsätze verwebt, daß eine Liebe, die _von selbst_ aufhören kann, keine Liebe _war_, und diesen heiligen Namen nimmer verdiente. Und die Gewißheit, daß mich Lorenz nicht so mit ganzer Seele geliebt hätte, als ich es meinte, -- -- ach _die_ könnt' ich schwerer ertragen, als all' mein gehabtes Unglück, stürmte es auch noch einmahl über mich zusammen, denn sie ist der einzige Strahl, der meine stille Abgeschiedenheit erheitert, wenn ich an die vorigen Zeiten denke.

Und suchten Sie nicht den Bösewicht zur Strafe zu ziehen, der Ihnen diese trüben Tage bereitete, fragte ich. Drangen Sie nicht auf eine öffentliche Genugthuung?

Nein, antwortete Justine. Bei dem Cirkel, in welchem ich lebe und bei meinen Bekannten in Mühlberg bin ich längst gerechtfertigt. Sie kannten mich zu gut, um nur Einen Augenblick an meiner Unschuld und an der Wahrheit meiner Aussage zu zweifeln. Daß man auch in Spillingen weiß, daß ich unverdient gelitten habe, kann mir nichts helfen, denn ich habe keinen Sinn für Rache, und wenn es Lorenz erführe, so könnt' es den Frieden seiner Ehe stören. Denn ach! -- müßten nicht Reue und Schaam sein Inneres zerreißen, wenn er hörte, daß ich niemahls seiner Achtung unwerth gewesen wäre, -- -- daß nur meine Treue und meine Tugend mich in Schande und Elend gestoßen, und _Er_ mich ungehört verdammt, und den Bund der Liebe zerrissen hätte, den ich durch keinen Fehltritt entweiht? -- Nein, oft wünscht ich zwar in seinen Augen gerechtfertigt zu seyn, aber nicht auf Kosten seiner Ruhe. Er lebt vielleicht zufrieden und glücklich, -- könnte er es auch noch dann, wenn er wüßte, wie ungerecht er dadurch gegen mich gewesen, daß der Schein einer strafbaren Handlung ihm soviel als Gewißheit gegolten habe? Ich glaube es nicht, und darum trage ich ohne Murren das kränkende Gefühl seiner Verachtung.

Sie sagte diese Worte feierlich und langsam mit dem Ton der stillsten Trauer. Ich umarmte sie dankbar für ihre Erzählung, und konnte ihr den Zoll des Mitleids und der Bewunderung nicht versagen. Zu gleicher Zeit aber erregte Lorenzens Betragen den ganzen Unwillen meines Herzens, ob ich ihn gleich nicht zu äussern wagte, da Justinens reine Güte ihn zu entschuldigen schien. Ach verdiente das treuste Herz keine Nachforschung, ob es auch schuldig war? dacht' ich schmerzlich bei mir selbst, als ich Justinens blasse Gestalt, so rührend mit dem Stempel jener stillen Ergebung bezeichnet sah, die nur ein langwieriger Gram hervorbringen konnte, -- jener Ergebung, die zwar geduldig die Bürde des Schicksals trägt, aber todt für alle Freuden ist, die ihr die Zukunft als Entschädigung bietet. In ihrem nassen Auge strahlte noch der Liebe reinste Flamme in unvergänglicher Jugend bei der Erinnerung des Geliebten, -- ach, und er konnte sie einem Verdachte opfern, den nur leise zu fassen, schon Beleidigung für ihre fromme Seele war? Nicht allein die Innigkeit seines Verhältnisses mit ihr; auch die Pflicht des redlichen Mannes, dünkte mich, hätte ihn auffordern sollen, die Entdeckung der Wahrheit zum Ziel seiner regesten Thätigkeit zu machen, ihre Unschuld zu prüfen, sie der Welt zu beweisen, und das Unrecht zu rächen, das sie drückte. --

Die kindischen Ausrufungen der Freude, die wir vernahmen, kündigten Justinen die Zurückkunft ihrer Verwandten an. Wir traten heraus, als eben das ländliche Fuhrwerk vor der Hausthür hielt. Die Kleinen begrüßten mit frohem Geschrei ihre Geschwister und ihre Mutter, die, als mich Justine ihr vorstellte, mich zwar freundlich, aber nur flüchtig willkommen hieß, und mit ihrem wohlwollenden Auge, in das sich Unruh mischte, aufmerksam und forschend auf dem stillen, ruhigen Gesicht ihrer Schwester verweilte, die mit den Kindern, welche indessen froh die bunten Geschenke des Jahrmarkts betrachtet hatten, sogleich den Schwager vermißte.

Aber wo ist denn Dein Mann? frug sie Philippinen, und die Kleinen hingen sich mit zärtlichem Ungestüm an ihre Mutter und riefen: Warum hast Du uns denn den Vater nicht wieder mitgebracht? --

Er kommt zu Fuße nach, antwortete Philippine, und bringt einen Fremden mit. Sie stiegen unten am Walde ab, um Dich nicht zu heftig zu überraschen.

Verwundernd blickte sie Justine mit großen Augen an. Wer ist denn dieser Fremde? sagte sie furchtsam, als ergriffen ahndende Vorstellungen ihr Inneres. Philippine fiel ihr mit Thränen um den Hals. Ein Unglücklicher, sagte sie, der an Deinem treuen Herzen Ersatz für das verlohrene Glück der Vergangenheit sucht, um welches das Schicksal ihn betrogen. Ach Justine, bist Du wohl stark genug, um ohne gewaltsame Erschütterung einen alten Bekannten wieder zu sehn, der Dir so theuer war, und der es noch ist, ob Du gleich seinen Verlust als unwiederbringlich betrauertest?

Justine zitterte -- ihre Brust arbeitete unter heftigen Bewegungen, ihre Lippen bebten, ohne zu sprechen. Eben kam Färber mit dem Fremden aus dem waldigten Hintergrund. Ich sah eine hohe, schöne männliche Gestalt mit edlen ausdrucksvollen Zügen, denen aber stiller Kummer seine Furchen eingegraben hatte. Dunkles Haar umflog die bleichen Wangen, von denen der Gram die Blüthe der ersten Jugend und der vollen lachenden Gesundheit hinweg gebrochen hatte, ohne darum seinem Gesicht die Anmuth zu rauben, die es mit unaussprechlichem Interesse beseelte. Wäre auch die Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Schattenriß in Justinens Zimmer nicht so auffallend gewesen, wie sie wirklich war, so würde schon sein großes schwarzes unbeschreiblich rührendes Auge, das ich aus ihrer Erzählung kannte, mir ihn als Lorenz genannt haben.

Obgleich Justine durch ihre Schwester und durch ihre eignen Ahndungen auf seinen Anblick vorbereitet war, da niemand als _Er_ eine so tiefe innige Beziehung auf ihr Herz und ihr Geschick hatte, als daß sie zweifeln konnte, _ihn_ zu sehn, so wirkte seine Annäherung doch gewaltsam, beinah vernichtend auf ihr ganzes Wesen. Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, und warf sich mit einem Laut des durchdringendsten Schmerzes in meine Arme. Lorenz eilte, beinahe eben so sehr von seinen Gefühlen ergriffen, wie sie, auf sie zu, und zog eine ihrer Hände von ihren strömenden Augen zu seinem Munde. O Justine, sagte er leise, denn seine Stimme wurde durch die Wehmuth halb erstickt, die ihn beherrschte: könnten wir beide alle die Leiden vergessen, die zwischen diesem Augenblick und der Stunde liegen, in der wir uns zum letztenmahl sahen! -- Ich beweinte Dich als eine Todte, ach! und als ich erfuhr, daß Du lebtest, hielten mich ernste Pflichten von Dir entfernt, und ich durfte nichts, als um Dich trauern.

Du hieltest mich für todt? schluchzte Justine: ach, das war ich auch für Dich -- ich mußte es ja seyn, um meiner Ruhe willen und wegen Deines eignen Friedens, da Du mich so schnell, so grausam, so ungeprüft vergessen konntest. -- Sie zog ihre Arme zurück, die sich gleichsam mechanisch gehoben hatten, ihn zu umfassen. Der Gedanke: Er ist nicht mehr mein! schien vor ihrer Fantasie zu schweben, und mahlte sich in ihren starren, verzweiflungsvollen Augen.

Ich hätte Dich vergessen können? rief Lorenz. O Justine, Du thust mir Unrecht. Dein Andenken war unzertrennlich von mir -- es begleitete mich wie mein Schutzgeist. Ach, wenn es von mir gewichen wäre, wär' ich vielleicht weniger unglücklich gewesen. Jetzt sind die Bande zerrissen, die mich fesselten. Der heilige Wille meines sterbenden Weibes giebt Dir diese Zeilen zum Vermächtniß -- und mich!

Seine Thränen flossen -- Justinens heftiger Schmerz ging in die sanfteste Rührung über. Im heißen Mitgefühl dieser Scene hatte ich bisher den schwarzen Flor übersehen, der um seinen Arm geknüpft war -- jetzt, als ich ihn bemerkte, als er den Sinn seiner Worte bedeutend unterstützte, schöpfte mein Herz, zwar von Wehmuth bewegt, aber doch heiter, eine frohe Hoffnung für Justinens künftige Tage.

Ihre bebende Hand ergriff den Brief, den er ihr reichte, aber sie vermochte es nicht, sein Siegel zu öffnen, und ihn zu lesen. Bittend gab sie ihn mir, und neigte ihr Gesicht an den Busen ihrer Schwester. Ich verstand ihr flehendes Auge und ihren Wink -- es herrschte eine allgemeine Stille, -- ich benutzte sie, erbrach ihn, und las:

»Wenn am Rande meines Grabes mir noch ein Gedanke Freude machen kann, so ist es der, daß mein Daseyn nun nicht mehr zwei gleichgeschaffne Herzen scheidet -- Herzen, die sich liebten, ehe noch das Schicksal und meine Neigung zwischen sie trat. Justine! ich habe Ihnen wehe gethan, können Sie mir vergeben? Ich habe Sie des Verbrechens fähig gehalten, dessen man sie beschuldigte, weil ich unvermögend war zu glauben, daß die menschliche Natur bis zu der Abscheulichkeit einer solchen Verläumdung sinken könne. Ich habe einer unglücklichen Schwachheit gefolgt, und in dem kühnen Wahn, als werde es mir gelingen, Ihr Bild in Lorenzens Brust zu verlöschen, bin ich seine Frau geworden. Ach, es war ein Wahn, auf den sich süße Träume gründeten, den aber die Wahrheit nur allzu schnell vernichtete, daß treue Liebe ewig ist. -- Möchte mein Tod Ihnen recht bald den Geliebten wiedergeben, den, wie ich fühle, man niemahls vergessen kann. Möchte ein langes und glückliches Leben an Ihrer Seite den besten Mann für den Edelmuth belohnen, mit dem er Jahre lang seinen verschwiegenen Kummer trug, um meiner kranken Empfindung zu schonen, die sich es nicht verhehlen konnte, daß er meine Zärtlichkeit nur duldete, nicht erwiederte. Ich nehme die Hoffnung mit mir aus der Welt, daß Sie die erste und letzte Bitte, mit der ich mich Ihnen nahe, nicht unerfüllt lassen werden. Sie besteht darin, daß Sie den Triumph Ihrer Unschuld, die Ihr Verfolger auf seinem Sterbebett bekannt hat, in den Armen meines Lorenz genießen -- meines Lorenz, den ich nur als den Ihrigen gern zurücklasse, und den ich Ihren ältern, von seiner wärmsten Gegenliebe geheiligten, Ansprüchen wiedergebe. Suchen Sie ihn die trüben Stunden vergessen zu machen, die er in einer Verbindung vertrauerte, die nicht die Wahl seines Herzens schloß, und über die er mich so großmüthig, wenn gleich vergeblich, zu täuschen suchte. Und wenn die Zukunft, die ich für Sie im heitersten Lichte erblicke, Sie mit der Vergangenheit wieder aussöhnt, o so verweilen Sie bei meinem Andenken bisweilen einen Augenblick in freundlicher Erinnerung, und wünschen Sie meiner Asche die Ruhe, nach der ich mich sehne.

»Und wenn Lorenz zuweilen mein stilles Grab besucht, und mit einer Thräne auf den Hügel blickt, der meine schlummernden Gebeine bedeckt -- o so halten Sie diese Thräne, die nur das Opfer seiner Freundschaft ist, nicht für einen Hochverrath der Liebe, und zürnen Sie der Rührung nicht, mit der er sich meiner treuen Anhänglichkeit erinnern wird. Ach diese Anhänglichkeit war es ja, die mein Herz im frühen Todeskampfe brach -- mein Herz das nur darum dem Sterben muthig entgegen schlug, weil es fühlte, daß es selbst mit dem redlichsten Bemühen nicht die Foderungen seiner Sehnsucht zu stillen vermochte. -- O Justine, reizend lachte mich einst das Leben an, aber was ist das Leben ohne Liebe -- was ist Liebe ohne Erwiederung? -- Seyn Sie glücklich -- machen Sie Lorenz glücklich! Das ganze Übermaß des Segens, womit der Himmel seine Lieblinge überschüttet, wird mein Gebet dann auf Sie hernieder flehen, und mein Geist, auch noch jenseits mit Bildern der Vergangenheit beschäftigt, wird, wenn es ihm vergönnt ist, Sie unsichtbar umschweben und mit wehmuthsvoller Freude Antheil an dem Glück Ihres Bundes nehmen.«

Wir weinten alle, und eine feierliche Stille umfing unsern Kreis, als ich aufhörte zu lesen, gleichsam als fühlten wir Lorchens geheime Gegenwart in einem linden Wehen, wie man das Nahen der Geister sich denkt, und als suchten wir ihr Andenken durch Schweigen und Thränen zu ehren.

Endlich ermannte sich Lorenz. Bescheiden hoffend trat er vor Justinen, und hob seine schönen, nassen Augen bittend und mit der ganzen Innigkeit der Liebe zu ihr empor. O Justine, rief er, und seinen männlichen Ton brach sanft die Rührung, die noch aus seinen Blicken leuchtete, stimmt Dein Herz nicht mehr in die Wünsche des meinigen ein? Darf ich, wenn ich mein Betragen gegen Dich gerechtfertigt habe, wenn ich Dir geklagt habe, wie tief und endlos mein Kummer um Dich war, darf ich dann nicht hoffen, daß Dein Besitz mich für meine Leiden entschädigen werde, und daß Du nicht bloß um das Verlangen der guten hingeschiedenen Seele zu erfüllen, die sterbend unser Glück von Gott erbat -- nein, daß Du aus eigner Neigung mir diese liebe Hand reichen werdest, die so lange schon das Ziel meines heißesten Strebens war?

Justine trocknete ihr Auge, und lehnte matt ihr Gesicht an Philippinen, die sie freundlich und liebevoll unterstützte. Ach Lorenz, sagte sie sanft, schone meiner Schwäche. Schmerz und Freude Dich wieder zu sehn, Überraschung und Wehmuth machen mich unfähig, Dir jetzt zu antworten. Begnüge Dich mit dem Geständniß, daß Dein Bild noch eben so fest in meiner Brust steht, als in jenem Augenblick, der es zuerst mit den Flammenzügen der Liebe ihr eingrub. Erkläre mir erst, wie es möglich war, daß Du mich meinem harten Schicksal so ganz überlassen konntest, ohne es durch Deinen Beistand lindern zu wollen -- helle mir das Dunkel auf, das feindseelig über dem Theil der Vergangenheit liegt, den ich nie begreifen konnte, und dann -- sie verstummte. Lorenz deutete ihr Schweigen, und drückte sie mit Wärme an sein Herz.

Daß auf meiner ganzen Reise, (hub er seine Erzählung an) die mir der Kammerherr mit der dringendsten Eil anempfahl, _Du_ mein Hauptgedanke bliebst -- daß _Du_ mitten in den Geschäften, die mich verwickelten, der Gegenstand meiner innigsten Sehnsucht warst, das glaubst Du gewiß meinen Betheuerungen, in die sich noch nie die kleinste Unwahrheit mischte. Es war mir unmöglich gewesen, Dir Lebewohl zu sagen, denn ich sah jeden meiner Schritte bewacht, und die Ängstlichkeit des Kammerherrn, mit der er mich zur Abreise trieb, hätte sicher meinen Argwohn erregt, wenn nicht der Unmuth über die unartige Behandlung meiner Mutter stärker in mir gewesen wäre, als die Verwunderung über seine sonderbare Eil. Gespornt -- nicht bloß von seinen Befehlen, sondern von dem Verlangen bald wieder zu kommen, verfolgte ich meinen Weg und suchte meine Aufträge mit der möglichsten Schnelligkeit zu besorgen. Ach mit einem Herzen, das Dir so heftig entgegen schlug, das so gern durch die ganze Fülle seiner Zärtlichkeit Dich für die trüben Stunden entschädigt hätte, die die Unfreundlichkeit meiner Mutter und meine schnelle Entfernung Dir schufen, kehrte ich nach Spillingen zurück, und hoffte, Deiner verwundeten Seele Trost durch meinen Anblick zu bringen. Der Auflauf von Menschen auf dem Hofraum erregte nur flüchtig meine Neugierde. Unbekümmert, was es bedeuten mochte, spähte mein Auge nach allen Fenstern des Schlosses, in der Erwartung, Dich an einem derselben anzutreffen, aber vergebens. Alle bekannten Gestalten, nur die geliebtere nicht, begegneten meinem Blicke, und so richtete ich ihn dann mißmuthig auf den Punkt, um den sich lärmend das Gedränge des Volks herzog. Großer Gott, wie wurde mir zu Muthe, als ich Dich am Schandpfahl erblickte! -- Ich fühlte eine Lähmung in allen meinen Gliedern, mein Blut erstarrte, meine Pulse stockten. Ich weiß nicht, wie ich vom Pferde kam. Meine starke Natur trotzte zwar einer gänzlichen Ohnmacht, aber eine dumpfe Betäubung, die ihr glich, hielt meine Sinne wie mit dunkler Nacht umfangen, und ich war unfähig, für mich selbst zu denken und zu handeln. Man hatte mich zu Bette gebracht, da ich mehr einem Todten, als einem Lebenden glich. Nach einigen Stunden, die ich wohl so zugebracht haben mochte, kehrte meine Besinnung wieder. Es kam mir vor, als hätt' ich geträumt, und eben wollt' ich mich aufrichten, um zu fragen, was mit mir vorgegangen war, als eine heiße Thräne auf mein Gesicht fiel, und eine warme weibliche Hand die meinige ergriff und leise drückte. Ich wendete mich um, und sah Lorchen, die neben meinem Bette stand, und sich mit jenem sanften Ausdruck des Mitleids über mich bog, der auch unbedeutende Züge mit dem stillen, aber tief eindringenden Reiz der herzlichsten Güte schmückt. Sie reichte mir einige stärkende Tropfen und ein Glas Wasser, aber nur mit den Schreckensbildern beschäftigt, die vor meiner Fantasie schwebten, wies ich jede Hülfsleistung zurück, und forschte nur nach Dir!

Soll ich Ihnen eine so unangenehme Erzählung nicht auf eine ruhigere Stunde aufsparen? sagte Lorchen mit bittenden Mienen, und suchte meine Aufmerksamkeit von einem Gegenstand wegzulenken, der mir so traurig und doch so wichtig war. In diesem Augenblick trat meine Mutter herein. Ich las, -- ach Justine, warum muß ich es sagen, ich las in ihrem höhnischem Lächeln, was mir Lorchens zarte Schonung verschweigen wollte, -- ich las die Bestätigung der Scene, die wie ein dunkler Traum vor meinem Geiste schwankte, und bald vernahm ich von ihren Lippen wessen man Dich beschuldigte.