Die Bekanntschaft auf der Reise
Part 5
In dieser Stunde? -- rief ich entrüstet. Sie ist der Liebe am günstigsten, versetzte er. Keine Zierereien mehr! Du mußt mein seyn, ich habe mir es zu geschworen. Er näherte sich mir, und wollte mich in seine Arme schließen. -- Ein leichtes Zittern durchflog mich doch nur für einige Momente, -- mit allen Kräften, die mir der Abscheu gab, stieß ich ihn zurück. Elender, verworfener Mensch! rief ich, glaubst Du, daß Deine Drohungen, die Schauder der Nacht und das Alleinseyn mit Dir mich schrecken? -- Nein, Bösewicht, ich trotze Deiner Gewalt. Er umfaßte mich aufs Neue, aber ich riß mich los, und stürzte zum Fenster, um Hülfe zu rufen. Er hielt mir den Mund, -- ich fühlte seine Hand beben, und der Gedanke, daß das Laster fast immer feigherzig ist, erhöhte meinen Muth.
Er schleppte mich in die Mitte des Zimmers. Mädchen, sagte er, sei keine Närrin, ich bitte Dich darum. Bei dem kleinsten Lärm, den Du machst, bist Du verlohren. Giebst Du mir aber nach, so schwör ich Dir bei allen Heiligen, ich will nicht eher ruhen, bis ich Dein Glück vollendet, und Dich mit Lorenz verbunden habe. Beharrst Du aber bei Deiner Thorheit, so betheure ich Dir, daß ich nicht mehr die Stimme der Menschlichkeit, nur die der Rache hören werde. Dein ganzes übriges Leben soll dann der Reue und der Thränen über das Schicksal geweiht seyn, das ich Dir bereiten will. --
Seine Worte machten keinen Eindruck auf mich. Ich konnte nicht mehr zittern vor dem Mann, den ich so tief verachtete, -- nur die leichten Bebungen des Zorns, nicht der Angst, durchschauerten meinen Busen. Mein Herz und meine Tugend erhoben mich so weit über ihn, daß ich seine Drohungen verlachen konnte. Ungeheuer! antwortete ich, denkst Du, daß ich selbst meine liebsten Wünsche um einen so niedrigen Preis erkaufen möchte? Nein und wenn Lorenz nie der Meinige würde, -- -- ich lieb' ihn über alles, -- ich würde höchst elend ohne ihn seyn, -- dennoch würd' ich seinem Besitz freiwillig entsagen, wenn ihn mir nur das Laster verschaffen könnte. -- Er biß die Zähne zusammen, und lachte gräßlich. Nun denn, Unglückliche, sagte er, ich habe Dich gewarnt. So werde denn das Opfer Deiner Dummheit und Deines Starrsinns. Es wird noch manche Stunde in Deinem künftigen Leben kommen, wo Du bedauern wirst, diesen Augenblick verlohren zu haben. Deine Verzweiflung soll mein Triumph seyn! -- Er verließ mich mit dem fürchterlichen Schwur, mich zu verderben.
Daß ich den Rest jener Nacht schlaflos und unruhig hinbrachte, ist wohl natürlich. Zwar traute ich mir Entschlossenheit genug zu, im entscheidendsten Falle lieber den Tod, als den Verlust meiner Tugend zu wählen, -- zwar gaukelte die süße Hoffnung mir vor, daß _dieß_ vielleicht die letzte Prüfung des Schicksals gewesen sei, mit deren Ende die Rosenzeit meiner Liebe ungetrübt und lachend von neuem beginnen werde, -- zwar sicherte mich der Vorsatz, der durch diesen nächtlichen Überfall in mir entstanden war, selbst ohne Lorenzens Zurückkunft abzuwarten, in die Arme meiner Eltern zu fliehen, vor den fernern Verfolgungen des Kammerherrn, aber dessen ungeachtet verdrängten finstre Ahndungen schnell jeden Strahl des Trostes, der in meine Seele fiel, und mit heißen Thränen begrüßte ich das anbrechende Morgenroth. Sein milder Schimmer schien mir zur Flucht zu winken. -- Ich packte einen Theil meiner Wäsche und meiner Kleider in ein Tuch, um es mit mir zu nehmen, weil ich befürchtete, der Kammerherr werde sehr saumselig seyn, mir meine Sachen nachzuschicken, -- dann ging ich in die Garderobe der gnädigen Frau, die ich unter meiner Aufsicht hatte, und brachte alles sorgfältig in Ordnung. Es war noch sehr früh, -- ich glaubte Jedermann in tiefem Schlaf begraben, und wollte die herrschende Stille benutzen, um unbemerkt zu entkommen. Als ich die Thür der Garderobe leise und vorsichtig verschloß, hört' ich jemand gehen; -- es war Wolf, ein Bedienter, der aus den Zimmern des Kammerherrn kam. Ich konnte es nicht vermeiden, ihm zu begegnen. Bestürzt, daß schon ausser mir jemand wach war, ging ich ihm vorüber. In seinem Gesicht mahlte sich Verwunderung, mich zu einer so ungewöhnlichen Stunde zu treffen. Neugierig und kopfschüttelnd sah er mir nach bis Ende der Gallerie; -- ich glaubte, daß ich keine Zeit mehr zu verliehren hätte, flog in meine Kammer, und eilte dann wie ein gejagtes Reh mit meinem Päckchen davon.
Als ich durch die Hinterthür des Hauses in den Garten, und von da in einen Seitenweg trat, der mich in sanften Krümmungen die waldigte Anhöhe hinab führte, da wurde meine Brust leichter, und mir war, als sei ich nun allen Gefahren entschlüpft, die mir drohten. Mit weiten frohen Athemzügen trank ich die kühle Morgenluft in mich, und mein glühendes inniges Gebet stieg mit dem Gesang der Lerche, die sich von einem Waizenfelde trillernd erhob, zum Geber alles Guten empor.
Schon hatte ich den Spillinger Wald so weit hinter mir, daß ich nur leise und unterbrochen den Schlag einer späten Nachtigall noch vernahm, die ihn bewohnte, -- meine Einbildungskraft trug mich weiter, wie meine Augen, und zeigte mir Mühlberg, als das Ziel meiner Wanderschaft lachend von Ferne mit all' dem stillen Frieden, den ich mir von seinem Wiedersehn versprach. Ich wurde heiter, -- im Grase blitzte noch der Thau, und die warmen belebenden Strahlen der Sonne weckten all' die schlummernden Insekten und Würmchen zum Genuß des neuen schönen Tags, der so freundlich über uns aufgegangen war. Ich dachte an Lorenz. Liebend hätt' ich bei seinem Andenken die ganze kleine summende und schwirrende Welt umfassen mögen, die zu meinen Füßen im Sonnenschein sich freute, -- ich fühlte mich vertraut mit dem regen Leben der Natur, daß so tausendfache kleine Gestalten in froher Thätigkeit bewegte. Ach kalt und gefühllos geht das leere Herz an allen Gegenständen vorüber, die es nicht mittelbar betreffen. Nur die Liebe haucht mit süßem Zauber jenes reiche Wohlwollen in die Brust, mit dem wir auch das gleichgültigste Geschöpf als ein fühlendes Wesen betrachten: nur die Liebe knüpft uns mit den zarten Banden eines allgemeinen Antheils an alles, was uns umgiebt, weil sie den Kreis unserer Empfindungen erweitert und verfeinert.
Ich mochte ohngefähr eine Meile gegangen seyn, als mein Weg sich theilte. Ich war der Straße nicht kundig, die nach meiner Heimath führte, denn ich hatte Mühlberg zum erstenmahl in meinem Leben verlassen, als ich nach Spillingen zog, und damahls beschäftigten mich so viele ernste Gedanken an die Zukunft, daß ich achtlos mich der Leitung des Kutschers überließ, der mich abholte. Ich konnte zwar nicht irren, denn ich hatte den Himmelsstrich immer vor Augen, unter dem das geliebte Ziel meiner Reise lag, aber dennoch wünschte ich irgend einem Landmann zu begegnen, um zu erfahren, welcher von den beiden Wegen am nähesten und sichersten sei. Indem ich so einen Augenblick stehen blieb, und mich umsah, wurde ich in weiter Entfernung eine große Staubwolke gewahr, die sich sehr lebhaft bewegte. Der Gedanke, daß sie von Spillingen kam, machte mir einige Unruh, doch glaubte ich nicht eher, daß man es der Mühe werth finden würde, mir nachzusetzen, bis ich die Scharlachuniform des Kammerherrn deutlich von seinen übrigen Begleitern unterscheiden konnte. Eine namenlose dunkle Angst bemächtigte sich nun auf einmahl meiner. Das Zittern, das mich überfiel, war beinahe convulsivisch. Ich wollte mich verbergen, -- umsonst! Da war kein schützendes Gesträuch, keine gefällige Anhöhe, die mich den Blicken meiner Verfolger hätte entziehen können. Endlich wurde ich einen kleinen trockenen Graben gewahr, der seitwärts die halb aufgeschossenen Kornfelder theilte. Brombeerenranken und Nesseln warfen ihren kurzen Schatten darüber, -- ich besann mich nicht lange, und warf mein Bündel hinein. Eben wollte ich ihm folgen, als mich die donnernde Stimme des Kammerherrn ereilte, der im Gallop herangesprengt kam.
Justine hielt hier einige Augenblicke inne. Ihre Nerven waren in sichtlicher Spannung, ihre Lippen erblaßten und fingen an, zu zittern. Endlich fuhr sie fort:
Seine erste Anrede, die sehr heftig war, ging für mich verlohren, denn ich befand mich in einer Betäubung, die mir weder zu hören noch zu sprechen vergönnte. Als ich ein wenig zu mir selbst kam, erfuhr ich, daß man mich während meiner heimlichen Entweichung im Verdacht eines Diebstahls habe. Wolf hatte mich in einer so frühen Stunde aus der Garderobe der gnädigen Frau kommen sehn; -- meine Bestürzung war ihm aufgefallen, er hatte mich belauscht. Kurz nachher sah er mich mit einem Päckchen unter dem Arm leise und vorsichtig durch die Gartenthür schlüpfen, -- nun war in seinen Augen nichts gewisser, als daß ein Verbrechen mich jagte. Er ging wieder in die Zimmer des Kammerherrn, in die ihn, als er mir begegnete, die Unruh über einen begangenen Fehler in der Bedienung getrieben hatte, den er verbessern wollte, ehe der Herr erwachte, weil er ihn streng zu ahnden pflegte. Noch schlief er, und so scharf es auch verboten war, ihn im Schlaf zu stören, so glaubte er doch, daß ein so verdächtiger Fall seine Kühnheit entschuldigen werde. Er weckte ihn also, und theilte ihm seine Muthmaßungen mit. Ich bin überzeugt, daß der Kammerherr in seinem Herzen gleich im ersten Augenblick mich von dem Verdacht eines Diebstahls frei sprach, indessen kam ihm Wolfs Vermuthung doch erwünscht, da die Rache, die er mir gelobt hatte, vielleicht noch planlos war, und hier am ersten Gelegenheit fand. Eilig ließ er satteln, eilig traf er die Maaßregeln, die zu meinem Verderben nöthig waren, und mit all' der Schadenfreude, die ihm sein Bubenstück schon machte, ehe es gelungen war, sprengte er dahin. Er rechnete auf eine Menge ihm günstiger Umstände, die seiner Beschuldigung wenigstens einen Anstrich von Wahrscheinlichkeit gaben. Wolfs Aussage, mein Schrecken, als ich mich eingeholt sah, die Angst, mit der ich mein Päckchen in den Graben geworfen hatte, gleichsam als ob das böse Gewissen mir rieth, es zu verstecken, -- alles dieß und das starre Schweigen, mit dem ich mich des Diebstahls anklagen hörte, hätte vielleicht auch einen unbefangenen Menschen wider mich eingenommen. Ach niemand konnte ja in mein geängstetes Herz sehen, als Gott! und Gott thut keine Wunder. Niemand hatte Mitleid mit der Dumpfheit meiner Sinne, in der ich fühllos wie eine Bildsäule da stand, ohne mich zu vertheidigen. Man zog meinen Reisebündel hervor, und brachte es dem Kammerherrn zur Untersuchung. Ich sah es ruhig an, -- das Bewußtseyn meiner Unschuld goß wieder einen Strahl von Lebenswärme in mich, und die Überzeugung mich gerechtfertigt zu sehn, verscheuchte meine Betroffenheit. Als aber der Kammerherr mit dem Ausruf: O die Betrügerin! sich zu den Umstehenden wandte, die mich, indeß er suchte, sorgfältig gehütet hatten, -- als er mit den flammenden Blicken der höchsten Wuth auf mich zukam, und mir ein Armband von Juweelen unter die Augen hielt, das seiner Gemahlin gehörte, und das er vorgab, unter meinen Sachen gefunden zu haben, -- da ward es Nacht in meiner Seele, -- alle Gegenstände schwankten um mich her, und eine tiefe Ohnmacht, in die ich fiel, breitete wenigstens für eine halbe Stunde einen mildernden Schleier über den endlosen Jammer, der mein Inneres zerriß.
O warum mußte ich wieder zu mir selbst kommen! -- Schrecklich, wie mein Dahinsinken war auch mein Erwachen. Nicht einmahl der tröstende Wahn, daß ein schwerer Traum mich nur geängstigt habe, verminderte die Bitterkeit seines ersten Augenblicks, und mein Elend starrte mich in all' seiner gräßlichen Wahrheit an. Ach weg! weg! rief sie weinend, von dem Andenken jener fürchterlichen Stunde. Die Erinnerung an sie verwundet mich aufs neue, ob sie gleich noch nicht die schwerste meines Lebens ist.
Der Gerichtsdiener, der den Kammerherrn begleitete, erhielt den Befehl, für mich zu haften. Man brachte einen Bauerwagen herbei, da ich mich vor Mattigkeit nicht auf den Füßen erhalten konnte. -- Der Kammerherr ritt mit seinem Gefolge voraus, und langsam folgte ihm mein Fuhrwerk, das der Gerichtsdiener mit grimmigen Blicken bewachte.
So kamen wir wieder in Spillingen an. Mit dem Gefühl eines Vogels, der dem Käficht entschlüpft ist, hatte ich es am Morgen verlassen, -- von der Ungerechtigkeit meines Schicksals und von unverdienter Schande beinahe vernichtet, sahe ich es wieder. Das Verbrechen, dessen man mich beschuldigte, war schon vor meiner Ankunft von dem Kammerherrn und von seinen Leuten auf dem Hofe verbreitet worden. Alles lief zusammen, um die ertappte Diebin zu sehn. Ein ganzer Zug von Kindern und gemeinem Volk aus dem Dorfe folgte mir, theils mit lauten Schmähreden, theils mit kranken Spott bis vor das Schloß, und die Verwalterin lehnte sich triumphirend weit zum Fenster ihrer Wohnung heraus, und schlug ein schallendes Gelächter auf, als sie mich erblickte. Nur ein mitleidiges Auge verbarg sich hinter die Gardinen ihres Zimmers, und weinte mir die sanften Thränen des Mitleids, -- -- es war Lorchen.
Man warf mich in einen feuchten Thurm der zum Gefängniß diente, und der selten von Missethätern und niemahls von Ungeziefer leer war. Als die eiserne Thür hinter mir zuschlug, war mir, als hätte sie mich auf ewig von jeder Lebensfreude geschieden. Ich fiel auf das nasse Stroh, das den Boden bedeckte, rang die Hände und schrie voll Verzweifelung: Ach! hätte man so mein Grab verschlossen! -- Ich verlohr mein Bewußtseyn von neuem. Als ich mich erhohlte, sah ich den Gerichtsdiener neben mir stehn. Eine düster brennende Lampe, die an einer Kette hing, brach die schwarze Finsterniß meines Aufenthalts in eine schauerliche Dämmerung, die nicht weniger furchtbar war. Neben mir stand Wasser und Brod zu meiner Nahrung.
Ein Strom von Thränen stürzte aus meinen Augen. Ich streckte meine Arme bittend nach dem Gerichtsdiener aus, denn es war ja ein Mensch, und zwar ein Mensch, den ich nie beleidigt hatte. Aber durch sein Amt war er schon längst an Auftritte dieser Art gewöhnt -- der immerwährende Anblick verworfener oder leidender Geschöpfe hatte sein Herz nach und nach mit einer eisernen Rinde überzogen. Mit kalter Unempfindlichkeit lachte er mir in's Gesicht und sagte: Nicht wahr, das ist ein kühles Nachtlager? Ja, wie man's treibt, so geht's! -- Hierauf nöthigte er mich zu essen, und als mir dieß unmöglich war, löschte er brummend die Lampe wieder aus, und ging.
O wie lebhaft empfand ich in jenen einsamen nächtlichen Stunden trotz den mannichfaltigen Leiden meines Zustandes den Werth eines vorwurfsfreien Gewissens, und einer unbefleckten Tugend. Zwar that ich Verzicht auf jedes irdische Glück, das ich mir sonst von der Zukunft versprochen und erbeten hatte, aber in meiner Seele erklang wie eine reine Harmonie jene tröstende Stimme, die auch das Weh der bittersten Gefühle zu lindern vermag, die Stimme des Glaubens, daß wenigstens _über den Sternen_ Vergeltung und Gerechtigkeit wohnt, die die verkannte Unschuld entschädigt. O wohl dem Unglücklichen, dem ein reines Gewissen bleibt! wohl ihm, wenn auch das Schicksal seinen herbsten Kelch ihm reicht. Der Kummer kann ihn niederbeugen, aber sein Bewußtseyn hebt ihn wieder empor; und wenn sein Blick auch von Thränen getrübt wird, so bleibt ihm doch die Aussicht in die Ewigkeit klar und hell, die den Schuldigen mit Grausen erfüllt.
Die vorige schlaflose Nacht, die ich gehabt hatte, und die Ermüdung des Körpers und des Geistes, die immer auf heftige Gemüthsbewegungen folgt, wiegte mich bald in einen Schlaf, der sanfter war, als man ihn wohl gewöhnlich in Gefängnissen zu schlummern pflegt.
Als ich erwachte, war der Morgen bereits angebrochen. Sein jugendlicher Schimmer stahl sich durch eine Ritze meines Kerkers, und weckte mich aus den Träumen einer bessern Welt zu dem schmerzlichen Gefühl der Gegenwart. Ach, Lorenz! was wirst du sagen, wenn du wiederkehrst? seufzte ich mit gerungenen Händen. -- Kann ich, darf ich noch daran denken, dich jemahls zu besitzen? -- Ach nein! -- Die Unbescholtenheit meines Nahmens war ja nächst einem Herzen voll treuer Liebe das Wichtigste und Heiligste, was ich dir zubringen konnte. Ich bin beschimpft, wenn auch nicht vor Gott, doch in den Augen der Menschen, deren Meinung du ehren mußt. Nur dereinst in jenem Leben, wo das Verbrechen entlarvt und deine Justine gerechtfertigt seyn wird, nur da winkt mir Vereinigung mit dir! --
So sagt' ich, aber ich läugne nicht, daß sich allmählig und leise der Gedanke unter mein Selbstgespräch mischte: Warum soll ich unglücklich seyn, da ich tugendhaft war? -- Kann ich mich denn nicht vertheidigen? -- Warum soll ich meine Rechtfertigung erst von der Zukunft jenseits des Grabes hoffen, da sie auf Erden noch möglich ist, und da meine tadellosen Handlungen mir die kräftigsten Ansprüche auf sie geben? --
Süßer Wahn! Du kamest freundlich wie die lächelnde Gestalt der Hoffnung in die melancholische Abgeschiedenheit meines traurigen Behältnisses, und ich hielt dich fest, weil dein holdes Lächeln Balsam in meine blutenden Wunden goß. Ach ich wußte nicht, daß die Rache eines Wollüstigen unversöhnlich ist, bis sie ihren Gegenstand geopfert und zertreten hat -- ich wußte nicht, daß in diesem Falle die Armuth -- sei auch die reinste Tugend ihr Schild -- in der Gewalt eines mächtigen Bösewichts sich nur sträubt, wie ein wehrloses Lamm in den Klauen des Wolfs, um zerrissen zu werden. Ich wußte es nicht, aber bald erfuhr ich's.
Man foderte mich vor den Kammerherrn. Ich trat mit all' dem Muth und Stolz, den mir mein Selbstgefühl gab, unter seine triumphirenden arglistigen Augen. Neben ihm saß seine Gemahlin und tändelte mit ihrem Schooßhunde. Das sämmtliche Hofgesinde schloß einen Kreis um ihn und mich.
Es herrschte eine feierliche Stille. Ich vernahm die Schläge meines pochenden Herzens -- -- der Gedanke, weswegen ich hier gleichsam vor Gericht stand, färbte meine Wangen mit dem brennenden Roth der unwilligen Beschämung, der gemißhandelten Ehrliebe.
Ei, ei! Du hast Deine Sachen dumm gemacht, redete mich die Kammerherrin an. Wenn Du denn doch einmahl stehlen wolltest, warum gerade ein Kleinod von so entschiedenem Werth, von einem Werth, den Du gar nicht einmahl zu schätzen verstehst? Tausend andre Dinge, die man weniger vermißt hätte, wären Dir nützlicher gewesen, und ihre Verantwortung würde Dir jetzt leichter seyn.
Ich habe nicht gestohlen! rief ich mit überwallendem Zorn. Nur die abscheulichste Bosheit, die schwärzeste Verläumdung kann mich eines Verbrechens beschuldigen, an das ich nie gedacht habe.
Das geht zu weit, unterbrach mich der Kammerherr. Vor allen diesen Zeugen -- er wies auf Wolf und mehrere -- hab' ich das Armband aus Deinen Kleidern gezogen, in die Du es listig verborgen hattest, und dessen ungeachtet bist Du so unverschämt, noch zu läugnen? Willst Du uns alle blind machen? -- Schon Dein heimliches Entlaufen, Dein Schrecken, als man Dich ergriff, und die Ängstlichkeit mit der Du Dein Bündel über die Seite schafftest -- schon dieß allein würde Dich verdammen, auch wenn ich den Beweis nicht in Händen hätte, der Dich vor aller Welt zur Diebin brandmarkt. Elendes Geschöpf! in Hinsicht Deiner Eltern will ich milder gegen Dich seyn, als die Gesetze des Landes, die Dir wenigstens das Spinnhaus auf Lebenslang zuerkennen würden. Jedermann zum Beispiel und zur Warnung sollst Du heute den ganzen Tag am Schandpfahl stehn; den Abend soll Dich der Gerichtsdiener mit Ruthen streichen, und über die Gränze von Spillingen bringen, die ich Dir bei ähnlicher Strafe verbiete, jemahls wieder zu betreten.
Pfui, lassen Sie das Ruthenstreichen nur weg, sagte die gnädige Frau mit einem Gesicht voll Abscheu, das aber nicht der kleinste Zug von Mitleiden verschönerte. Es ist genug, wenn sie am Schandpfahl der versammelten Menge beweißt, wieviel an der hochgepriesenen Tugend war, mit der sie so prahlte.
Auf ihr Zureden milderte der Kammerherr sein Urtheil. Überhaupt will ich zu ihrer Ehre glauben, daß sie nicht daran zweifelte, daß ich schuldig war. Der Kammerherr hatte das Armband zu sich gesteckt, um es unter meinen Sachen zu mischen, da meine unbesonnene Flucht den Verdacht eines Diebstahls einmahl erregt hatte, und dieser noch immer nicht hinlänglich war, mich ganz zu verderben, wenn der Beweis fehlte. Es gelang ihm. -- Mit hämischem Triumph befriedigte er seine Rache, aber die Art und Weise, deren er sich bedient hatte, um dahin zu kommen, war doch zu schändlich, als daß er sie irgend einem Menschen hätte anvertrauen können, wär es auch seine eigene Gemahlin gewesen, vor der er übrigens eben nicht nöthig hatte, sich seiner Gesinnungen zu schämen, da sie so ziemlich übereinstimmend mit ihm dachte.
Vergeblich betheuerte ich unter Schwüren und Thränen die Falschheit seiner Anklage. Man überschrie, man mißhandelte mich, man schleppte mich fort. In der Mitte des Hofraums stand der sogenannte Schandpfahl, an dem Hausdiebe und ähnliche Verbrecher geschlossen wurden, um durch die damit verbundene Beschimpfung dem Pöbel, dessen Muthwillen sie Preis gegeben waren, ein warnendes Exempel zu seyn. In dumpfer Betäubung ließ ich alles mit mir machen, -- es braußte vor meinen Ohren, ein schwarzer Flor, in dem alle Farben des Regenbogens spielten, schien vor meinen starren Augen zu schweben, -- meine Gedanken mischten sich verworren unter einander, -- ich wußte nicht, was um mich vorging.
Ach! diese Fühllosigkeit, -- daß sie nimmer gewichen wäre! -- Aber leider zerrann sie wie ein vergänglicher Nebel, gerade in dem Augenblick, wo ich ihrer am meisten bedurfte, um meine Sinne wider die härteste Minute meines Schicksals zu waffnen. Der donnernde Huf eines Rosses drang dumpf durch das lärmende Geschrei der Menge zu mir her. Eine schmerzliche Ahndung durchzuckte schneidend mein Inneres, -- unwillkührlich schlug ich mein gesenktes Auge empor, -- ach da erblickt' es Lorenzen, der so eben von seiner Reise zurückgekommen war. Blaß wie der Tod, mit hingeworfenem Zügel hing er auf dem Pferde, wie ein schauerliches Bild der Vernichtung. Erstarren, Wuth und Verzweiflung, seine Geliebte am Pranger zu sehn, mahlte sich auf seinem entstellten Gesicht. Krampfhaft zog sich meine Brust zusammen bei diesem Anblick, und ein Schrei des Jammers erstarb auf meiner Lippe, -- -- weiter kann ich nichts mehr von jener zermalmenden Stunde sagen, -- immer dunkler wurde es vor meinen Blicken, -- ich fühlte nur noch, daß ich niedersank. --
Das Rütteln eines Wagens, auf den man mich geworfen hatte, brachte mich nach einer langen Bewußtlosigkeit wieder zu mir selbst. Es fing schon an, Abend zu werden. -- Die Sonne neigte sich zum Untergange, und ihr purpurrother Schimmer vergoldete Mühlbergs Thurm, der nur in einer geringen Entfernung von mir in dem Kranz der freundlichen Gebüsche lag, den ich nimmer hätte verlassen sollen. Mein zerrissenes Herz regte sich in der Fülle seiner Schmerzen bei dem Andenken meiner vorigen einfachen Glückseligkeit, und bei der Annäherung des erschütternden Wiedersehens, das mir bevorstand.