Die Bekanntschaft auf der Reise
Part 4
Ich trat meinen Dienst nun an. Die ersten Wochen ließen mir nichts zu wünschen übrig, und spotteten der Furcht, mit der ich hergekommen war. Der Kammerherr behandelte mich mit Güte und Herablassung, aber bei aller seiner Freundlichkeit doch so offen, daß auch das besorgteste Mißtrauen keine Ursach zum Argwohn gefunden hätte. Seine Gemahlin betrug sich gegen mich nicht wie eine Gebieterin, sondern wie eine gütige Freundin. Ihr ganzes Wesen war eine Mischung von Unbesonnenheit und Leichtsinn, aber ihre angebohrne Liebenswürdigkeit lieh ihren Fehlern eine so gefällige, einschmeichelnde Aussenseite, daß man sie nur nach einer langen, genauern Bekanntschaft verachten konnte. Sie hatte kein Herz, sie liebte nichts -- nur das Vergnügen war ihr Abgott. Sie konnte weinen und in Ohnmacht fallen, wenn ein Falke vor ihren Augen eine Taube zerriß, aber kalt und fühllos wandte sie sich von den Leiden ihrer Nebengeschöpfe ab, und wenn sie half, so geschah es mit Geld, nicht aus Mitgefühl, sondern weil der Anblick des Elends ihr zuwider war. Jene feinern Wohlthaten, die Theilnahme, Trost und guter Rath dem Unglücklichen sind, waren ihr fremd. Sie wußte nicht, daß sie den Werth der kleinsten Gabe damit unendlich erhöhen könnte, oder, wenn sie es auch wußte, so war ihr Charakter zu diesen Tugenden nicht fähig. Und dennoch vermochte diese Frau Anfangs, ehe ich sie näher kennen lernte, durch ihre reizende Freundlichkeit, die ich für Güte hielt, mein argloses Herz an sich zu ziehen, denn es hing zu fest an den süßen Glauben an allgemeinen Edelmuth, als daß ich ihn so leicht auf eine bloße Warnung hätte aufgeben können -- und käme sie selbst aus dem Munde meines Lorenz.
Lorenz that diesen Menschen Unrecht, sagt' ich oft zu mir selbst. Auch die heftigste Tadelsucht kann an der Art, wie sie mit mir umgehn, nichts strafbares entdecken. Seine Liebe machte ihn besorgt, und gab seinen Schilderungen die schwarze Farbe der Gefahr, indeß die Wirklichkeit mir nur den Glanz der Freude zeigt. -- Ich hatte Gelegenheit, ihn täglich einigemahl zu sprechen. Süße, unvergeßliche Stunden der vertraulichsten Liebe schwanden mir an seiner Seite dahin. -- Einst sagt' ich ihm meine Meinung über seine ungegründete Furcht. Gott gebe, daß es so bleibt, antwortete er mit frohem Blick. Wir werden dann beide vielen Kummers überhoben seyn.
Drei Wochen war ich ohngefähr in Spillingen gewesen, als Lorenz eines Tages zu mir kam. Ich habe eine Bitte an Dich, sprach er. Wirst Du sie mir auch gewähren? -- Fordere, was Du willst, versetzt' ich, ich thue Dir alles zu Gefallen. -- Nun denn, so mache meiner Mutter einen Besuch. Ich wünschte, daß sie Dich kennen lernte, sie wird Dich denn gewiß auch lieben, und wir kommen unserer Vereinigung dadurch um manchen beschwerlichen Schritt näher. Freilich fühl' ich wohl mit innerm Schmerz, daß sie Dir nicht behagen kann und wird, -- aber schone ihre Schwächen, Justine! sieh sanft über ihre Fehler hin, und denke: Sie trug Deinen Lorenz unter ihrem Herzen. Diese Vorstellung wird Deinem Betragen doch wenigstens einen Schein von der Achtung geben, die sie übrigens durch ihre Denkungsart Dir nicht einflößen kann.
Ich umarmte ihn. Ein süßer Aufruhr, vermengt mit zagender Angst, mit bangen Erwartungen, entstand in meinem Innern bei dem Gedanken, die Frau zu sehen, die meinem Geliebten das Leben gegeben. Ich hatte schon längst ihren Anblick gewünscht und gefürchtet. -- O Lorenz, rief ich aus, sie ist Deine Mutter, und die heiligen Rechte, die ihr die Natur über Dich verlieh, sind Ursach genug für mich, sie zu lieben und zu ehren. Sieh, ich habe noch um keines Menschen Neigung geworben, -- aber alles was in meinen Kräften steht, will ich anwenden, um die ihrige zu erlangen, und es wird mir gelingen. Das Bestreben, Liebe zu gewinnen, kann nicht mißfallen, wenn es aus einem reinen, redlichen Herzen kömmt.
Gerührt sah Lorenz mich an, -- in sein ernstes, großes Auge traten Thränen. Gutes Mädchen! sagte er mit inniger Empfindung, Deine Unschuld und Deine anspruchslose, stille Güte muß jeden, der Dich sieht, unwiderstehlich für Dich einnehmen. Laß mich die süße Hoffnung nähren, daß auch meine Mutter gerecht gegen Dich seyn werde. Wäre sie es nicht, -- er drückte heftig meine Hand an seine schlagende Brust; seine Thränen verlohren sich, -- sein sonst so ruhiger Blick fing an zu flammen; -- wäre sie es nicht, -- o Justine! ich würde die Seligkeit, Dich zu besitzen, dann freilich nicht so ungetrübt und lauter genießen, als wenn der Segen meiner Eltern auf unserm Bündniß ruhte, aber ich würde sie dennoch mit allem erkaufen, was mir ehedem theuer war, denn ich fühl' es, ich kann ohne Dich nicht glücklich seyn, und nicht wahr, auch Du kannst es nicht ohne mich? -- Ich fühle mein Wesen so fest, so unauflöslich an das Deinige gekettet, daß mich nichts mehr von Dir scheiden kann. Nur, wenn ich mich in Deinem Herzen betrogen hätte, -- wenn die Erfahrung mir lehrte, daß Du meiner Achtung nicht werth wärst, nur dann könnte ich von Dir lassen, -- nur dann würde ich meine Liebe den Pflichten des Gehorsams aufopfern, die ich meinen Eltern schuldig bin, aber um den Frieden meines Gemüths, um das Glück meines Lebens wäre es auf immer geschehn. Doch das wird nie geschehen! -- Du siehst, und ich schwör' es Dir von neuem, daß mich nichts von Dir zu trennen vermag, als eine Unmöglichkeit, die ich nicht einmahl fürchte, und die ich nur als Schatten neben dem Bilde voll Licht und Freude aufstelle, das mir entgegen lacht, um durch den Contrast mein Glück desto lebhafter zu empfinden.
Ich bin vielleicht zu weitläuftig, unterbrach Justine ihre Erzählung, aber Sie müssen mir vergeben. Es ist so süß schöner Stunden zu gedenken, auch wenn sie auf ewig verlohren sind, und mein nur allzu treues Gedächtniß ruft sie mir mit den kleinsten Umständen zurück, daß ich mich gern der Erinnerung überlasse, die mich in die Vergangenheit zurückführt. Auch werde ich nun kürzer seyn. -- Den angenehmsten Theil meines Lebens habe ich Ihnen bereits geschildert, -- -- nur mit Thränen und Entsetzen kann ich bei den Auftritten verweilen, die ihm folgten, darum werde ich so schnell als möglich über sie hineilen.
Mein Besuch bei der Verwalterin war der Anfang meiner Leiden. Ich ging mit einem Herzen zu ihr, das so bereitwillig war, sie kindlich zu verehren, daß es ihres ganzen Hochmuths, den sie mich fühlen ließ, ihrer ganzen niedrigen Denkungsart, die sie mir verrieth, bedurfte, um sich mit Widerwillen von ihr zu entfernen. Es hatte ihren Stolz beleidigt, daß ich als ein neuer Ankömmling in Spillingen, erst in der dritten Woche einen Besuch abstattete, der, wie sie dünkte, einer Frau von ihrem Ansehn schon in den ersten Tagen gehörte. Alle die Kammerjungfern, die vor mir hier gewesen waren, hatten ihr kein solches Beispiel von Geringschätzung und Unhöflichkeit gegeben. Überdieß war ihr auch die Herzlichkeit aufgefallen, mit der Lorenz meiner gedacht hatte, und die sich sehr von den Lobsprüchen unterschied, die er Lorchen gab. Der Argwohn schärfte ihren Blick, und um das Einverständniß unserer Liebe zu errathen, brauchte ihr Auge nicht einmahl so hell zu seyn, wie es wirklich war. Lorenz und ich haßten die Verstellung, und sie mißlang uns selbst da, wo sie nöthig war. Unserer unbefangenen Offenheit entschlüpfte mancher Ausdruck, der unser Geheimniß enthüllte, statt es zu verbergen, und mich dünkt, eine Liebe, die sich so zu verstecken weiß, daß man ihr Daseyn nicht einmahl ahndet, kann unmöglich so wahr und so innig seyn, wie die unsrige war.
Lorenz bemerkte die verächtliche Kälte wohl, mit der seine Mutter mich aufnahm. Ich sah ihn leiden, ich fühlte die Feinheit, mit der er ihren gemeinen, beleidigenden Äusserungen eine andere Wendung zu geben suchte, und das Herz blutete mir. Die Wehmuth, die ich empfand, mich so abstoßend behandelt zu sehen, ließ mich meine gereizte Empfindlichkeit beherrschen, und nach einer höchst abschreckenden, unfreundlichen Begegnung von Seiten der Verwalterin trennte ich mich dennoch von ihr mit Höflichkeit.
Lorenz wollte mit mir nach dem Schlosse zurückgehn, aber ich nahm seine Begleitung nicht an, um die üble Laune seiner Mutter nicht noch mehr zu erregen, da sie, wie ich mir nicht verhehlen konnte, auf unsere Liebe mit einem sehr ungünstigen Auge sah. Als ich in meine Kammer trat, warf ich mich aufs Bett, um recht herzlich zu weinen. Ach noch vor zwei Stunden war ich um eine schöne Hoffnung reicher gewesen -- bitter hatte sie mich getäuscht. -- Jetzt lag nur eine kummervolle Aussicht vor mir, die Aussicht mit der Abneigung seiner Mutter kämpfen zu müssen, um glücklich zu seyn, und wie mißlich war dieser Kampf, da mein eigenes Selbstgefühl mich abhielt, ihn zu wagen.
Es klopfte leise an meiner Thür. Ich glaubte, es sei Lorenz, und trocknete schnell meine Thränen. Als ich die Thür öffnete, stand der Kammerherr vor mir.
So allein, mein Kind? sagte er, indem er hereintrat, und wenn ich nicht irre, so hast Du geweint? -- Was ist Dir, Justine? ich will doch nicht hoffen, daß Dir jemand im Hause Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben hat?
Ich war verlegen, daß mein Kummer einen andern Zeugen hatte, als den, um den ich ihn litt, und wußte seiner Frage weder auszuweichen, noch sie zu beantworten.
Rede freimüthig, fuhr er fort, Du sprichst mit einem Freunde, der warmen Antheil an Dir nimmt, und dem Du ganz offen den Gram und die Sorgen Deines Herzens entdecken kannst. Hat Dich jemand beleidigt? ist Dir sonst etwas unangenehmes widerfahren? -- O reiß mich aus der Unruh, in der ich Deinetwegen bin, und sei versichert, daß ich Dein Zutrauen verdiene.
Dies alles sagte er mit einer sanften Stimme, wie ungeheuchelte Theilnahme zu sprechen pflegt; -- selbst den widerlichen Ausdruck, den seine Augen gewöhnlich hatten, wußte er zu beherrschen, ob er sie gleich fest und forschend auf mich heftete. Durch sein untadelhaftes Betragen gegen mich während meines Aufenthalts in Spillingen war der Argwohn so ziemlich in mir verlöscht, den sein erster Anblick unwillkührlich in mir erregte. Die Gewohnheit, ihn täglich zu sehn, hatte seinen Zügen das Auffallende benommen, das mich bei unserer ersten Bekanntschaft mit einem heimlichen Schauder von ihm zurückstieß, und weit entfernt, mir die feindseelige Bedeutung, die in ihnen lag, auf Kosten seines Charakters zu erklären, hielt ich sie bloß für ein Spiel der Natur zum Nachtheil seiner Gestalt.
Indessen, so sehr auch meine Brust das dringende Bedürfniß fühlte, ihren Kummer mitzutheilen, um sich zu erleichtern, so wagt' ich doch nicht, mein schüchternes Schweigen zu brechen, weil ich nicht wußte, ob Lorenz meine Offenherzigkeit billigen würde. Der Kammerherr blickte mich unverwandt an, -- seine ernste Miene verlohr sich endlich in ein gütiges Lächeln. So willst Du mir denn nichts gestehen, sagte er, indem er meine Wange streichelte, über welche noch immer Thränen herabflossen. Ich muß mich also wohl aufs Rathen legen. Glaube mir, Justine, ich kenne das menschliche Herz und seine Regungen, -- und wenn dieß auch nicht wäre, -- diese lieben Augen, die der Spiegel Deiner Seele sind, verrathen Dein Geheimniß nur allzu deutlich, selbst wenn Deine Lippen schweigen. Du liebst, ist es nicht wahr, Justine? -- Du liebst meinen Jäger?
Ich antwortete nicht, aber ich weinte heftiger. Ach die Liebe möchte ihren Kummer gern der ganzen Welt verbergen, und doch ist sie nur allzubereit, ihn zu enthüllen, wenn ein ahndender Blick in ihr Inneres dringt, und eine theilnehmende Frage, nach ihrem Zustande forscht. Der Kammerherr führte mich freundlich zu einem Stuhl, und ließ mich setzen, da ich von Betrübniß ganz erschöpft war.
Gutes Mädchen! fuhr er fort. Die Empfindungen Deines Herzens waren mir längst klar, und jetzt muthmaße ich auch die Ursach Deiner Thränen. Du kommst von der Verwalterin -- mütterlich, glaubtest Du, würde sie Dich empfangen, und die stolze, thörichte Frau, die sich nur von einem vollen Kasten das Glück ihres Sohns verspricht, ließ Dir ihre ganze Albernheit fühlen. Ist es nicht so, meine Liebe? -- Ich bejahte es durch Zeichen, denn ich war unvermögend, zu sprechen.
Beruhige Dich, nahm er das Wort auf's neue. Noch sind Deine Aussichten so trübe nicht, wie Du vielleicht denkst, und _meine_ Verwendung bringt Dich am schnellsten und sichersten zum Ziel Deiner Wünsche, wenn Du sie annehmen willst.
Die Allgewalt der Freude ergriff mich. Mit der Hoffnung fand ich die Sprache wieder. -- Ob ich will? rief ich aus, o gnädiger Herr, wie kann ich jemahls Ihre Güte vergelten? Ich läugne es nicht, mein ganzes Herz hängt an Lorenz, und die Unfreundlichkeit seiner Mutter hat es zerrissen, weil sie die Wahrscheinlichkeit vernichtete, mit ihrer Einwilligung dereinst die Seinige zu werden. Wenn Sie Sich unserer annehmen -- ach Gott! _lohnen_ können wir es Ihnen nicht, aber als unsern Schutzgeist werden wir Sie ewig verehren, und lebenslang will ich für Ihr Glück und Ihre Wohlfahrt mit dem dankbarsten Herzen zum Himmel beten! -- Ich fiel vor ihm nieder und umfaßte seine Kniee. Die Erkenntlichkeit, die ich für ihn fühlte, umgab ihn mit der Glorie eines Engels für mich. --
Hier hast Du meine Hand, versetzte der Kammerherr lächelnd, ehe ein halbes Jahr vergeht, bist Du Lorenzens Frau; freilich nur unter einer Bedingung -- aber diese ist zu billig, und Du bist viel zu klug, als daß Du sie nicht gern erfüllen solltest.
Bestürzt sah ich ihn an. In seinen Ton mischte sich auf einmahl so etwas schneidendes -- und in seinen Blicken brannte plötzlich ein so düstres arglistiges Feuer, daß sich mein alter längst entschlummerter Argwohn leise aber schrecklich wie ein Gespenst der Mitternacht wieder hervor stahl. Und was ist das für eine Bedingung? fragt' ich bebend. Ich denke, sie soll Dir nicht schwer fallen, sagt' er grinzend. Sie besteht darin: daß Du mich liebst.
Diese Worte, der Ausdruck mit dem er sie sprach, und die Miene mit der er sie begleitete, jagten einen Fieberfrost durch meine Glieder.
Mir ahndete nichts Gutes, doch sah ich wohl ein, daß meine Lage eher schlimmer als besser werden könnte, wenn ich die Angst verriethe, die mein Innres beklemmte, darum sucht' ich sie zu verbergen, und that, als hätte ich ihn nicht verstanden, wiewohl sein verhaßtes, brennendes Auge selbst meiner Unerfahrenheit keinen Zweifel mehr übrig ließ.
Ja, ich werde Sie lieben, antwortete ich zitternd, als meinen Wohlthäter, als den Schöpfer meines Glücks. -- Mehr verlangen Sie gewiß nicht von einem armen Mädchen, deren Wesen Sie genau genug erforscht haben, um zu wissen, daß Lorenz ihr Eins und ihr Alles ist.
Kleine Närrin! erwiederte er, ich will auch Lorenzen keineswegs Deinen Besitz streitig machen. Warum siehst Du mich so zaghaft an? -- Verliehre nicht das Vertrauen zu mir. Ich verspreche Dir feierlich, Du sollst Deinen Geliebten haben; aber da unsere beiderseitige Glückseligkeit recht wohl neben einander bestehen kann -- warum wolltest Du mir da wohl Grillen in den Weg legen, die unter vernünftigen Leuten längst aus der Mode gekommen sind, und die nur Dir selbst schaden, indem sie die Erfüllung Deines Lieblingswunsches weiter hinausschieben, als nöthig ist? -- Ich schaffe Lorenzen einen Dienst, der Euch beide anständig ernährt -- ich bewege die Mutter zur Einwilligung -- Dir gebe ich eine artige Aussteuer -- -- kann ich _mehr_ thun, Dir meine Neigung zu beweisen, und wolltest Du wirklich so grausam seyn, sie mit nichts als Deinem Gebet zu belohnen? --
Länger konnte ich meinen Unwillen nicht verhehlen. Ich habe geglaubt, sagt' ich bitter, daß Wohlthaten, die aus einem edlen Herzen kommen, auf weiter nichts Ansprüche machen dürften, als auf Dank. Sonst verliehren sie ja ihren höchsten Werth, den Werth der Uneigennützigkeit.
Du kennst den Lauf der Welt noch nicht, mein Kind, versetzte er höhnisch lächelnd. Niemand thut etwas umsonst, wie kannst Du von _mir_ verlangen, daß ich für meine Mühe leer ausgehen soll, da mir Deine Liebenswürdigkeit eine so reiche Vergeltung anbietet? -- Du besinnst Dich noch eines Bessern, ich gebe Dir Bedenkzeit. Ich habe mir wohl eingebildet, daß ich Hindernisse bei Dir antreffen würde; indessen denke ich sie zu bekämpfen. Schwierigkeiten erhöhen den Reiz der Liebe, und die Früchte, die langsam reifen, sind am süßesten. Du wirst schon einen Entschluß fassen, der Deiner Vernunft Ehre macht, wenn Du überlegst, welch' einen Ausgang Deine Liebschaft nehmen könnte, wenn Du mich zum Feinde bekämest -- und das wäre ja unvermeidlich, wenn Du meiner heißen innigen Zärtlichkeit das Afterbild jener lächerlichen Tugend vorziehen wolltest, die man Dir einprägte, wie man Kinder mit dem Knecht Ruprecht zu fürchten macht, und die jetzt der gebildetere Theil der Menschen nur für das, was sie ist, für einen abergläubigen Wahn erklärt, den frömmelnde Matronen ergreifen, wenn die Jugendfreuden an ihnen vorübergeeilt sind.
Mein Abscheu brach gewaltsam hervor -- kaum konnt' ich seine erste Heftigkeit mäßigen. Ist Ihnen, sagt' ich verächtlich, der Gedanke nicht Belohnung genug, zwei gute Menschen glücklich gemacht zu haben, so kann ich Ihre Verwendung nicht annehmen. Lieber will ich unglücklich seyn, als die Grundsätze verläugnen, die mir unverbrüchliche Treue zum heiligsten Gesetz der Liebe machen.
Lorenz hat Dich wohl schon mit seinen Schwärmereien angesteckt, unterbrach mich der Kammerherr. Bedenke alles recht genau -- nur in Deiner eignen Hand steht das Glück oder Unglück Deines Lebens. In einigen Tagen sprechen wir uns wieder. Eher will ich keine Maßregeln treffen, und ich schmeichle mir, Dein Betragen wird mich niemahls nöthigen, welche zu ergreifen, die Deinen Wünschen entgegen sind. Ich befehle Dir Verschwiegenheit gegen Jedermann, selbst gegen Lorenz -- überhaupt, setzte er lachend hinzu, _soll_ und _muß_ für ihn alles ein Geheimniß bleiben, was zwischen _uns_ vorfällt.
Mit diesen Worten ging er fort, und ließ mich in einer größern Hoffnungslosigkeit zurück, als er mich angetroffen hatte. Ich überlegte mein Schicksal -- ich betrachtete es von allen Seiten, aber ich konnte keine finden, die nur einigermaßen freundlich war. Das stille Wohnhaus meiner Eltern allein trat wie der einzige Ruhepunkt, der mir übrig blieb, vor die Blicke meines Geistes, die sich übrigens in die Zukunft wie in eine dunkle Nacht verlohren. Dort, rief ich mit stürmischer Wehmuth, und richtete mein nasses Auge nach der Gegend, wo Mühlberg lag, dort in meiner friedlichen Einsamkeit war ich glücklich! O warum mußte ich sie verlassen! -- Doch nach und nach verlohr mein Schmerz seine erste Heftigkeit, und mein Unmuth wurde milder. Leiden, sagt' ich zu mir selbst, sind der Probierstein des menschlichen Herzens. O Lorenz -- das Schicksal kann alle Freuden, alle Hoffnungen meines Lebens vernichten, nur meine Liebe und meine Tugend nicht. Weg mit aller Bangigkeit! -- Menschen können unsern Bund zwar erschweren, aber doch nicht trennen; denn unsre Seelen haben ihn geschlossen, und wahre Liebe trotzt der Ewigkeit. Ach ich wäre Deines Herzens nicht werth, Geliebter! wenn die kummervollen Stunden, denen ich entgegen sehe, meinen Muth und meine Festigkeit erschüttern könnten.
Wäre Lorenz in diesem Augenblick zu mir gekommen, hätte der Druck seiner Hand mir gleiche Ausdauer, der Blick seines Auges gleiche Liebe gelobt, so wären die Funken meiner stolzen Zuversicht, die in mir glimmten, hell und kräftig zur Flamme emporgelodert. Aber sein Wegbleiben in einer Stunde, wo seine Gegenwart und sein Trost mir so nothwendig war, ließ sie nach und nach wieder verlöschen, und ich sank in meinen vorigen Kleinmuth zurück. Es wurde Abend, und er kam noch nicht; -- nun wagt' ich es, mit leisen Fragen nach ihm zu spähen, und erfuhr, daß ihn der Kammerherr in dringenden Geschäften nach der Residenz geschickt hatte.
Die Absicht des Bösewichts war mir klar. Er wollte Lorenzen entfernen, um eine vertrauliche Unterredung zwischen uns zu verhüten, denn er traute meiner Verschwiegenheit nicht, und wenn er auch kühn genug war, der wehrlosen Unschuld gegenüber sich in seiner ganzen Nichtswürdigkeit zu zeigen, so fürchtete er doch den festen, verachtenden, strafenden Blick des ehrliebenden Mannes, der, wenn Lorenz ihn auf ihn heftete, ihn immer mit einer Art Scheu antrieb, die Plane der Verführung zu verbergen, mit denen sich sein Geist beschäftigte.
Als ich die gnädige Frau des Abends ausgekleidet hatte, hielt sie mich mit einem spöttischen Lächeln vom Weggehn ab. Nun, Du kleiner Tugendspiegel, sagte sie, Du bist wohl recht stolz auf den Sieg, den Du Dir einbildest, erfochten zu haben? Wenn ich Dir aber freundschaftlich rathen soll, so spanne die Saiten nicht höher. Mein Mann ist des Widerstands ungewohnt, und kann ihn nicht vertragen. Du könntest Dich leicht durch Deine Sprödigkeit zeitlebens unglücklich machen. Gieb ihm nach, das ist das beste Mittel, ihn bald los zu werden. Ich stehe Dir dafür, in einigen Wochen ist er Deiner so müde, daß er Dich keines Blicks mehr würdigt, und dann kannst Du ja ganz ungestört für Deinen Lorenz leben. Er giebt Dir eine anständige Aussteuer, und auch ich will gern etwas dazu beitragen, nur mache, daß er beßrer Laune wird; denn wer kann die verdrießlichen Gesichter aushalten, mit denen er seit einen Paar Stunden im Hause herum tobt, und die die einzige Antwort sind, die ich auf meine lustigsten Vorschläge erhalte.
Wie, gnädige Frau, versetzt' ich, Sie können im Ernst verlangen, daß ich meine Ehre aufopfern soll, um den Verdruß zu verscheuchen, den Ihr Gemahl _darüber_ empfindet, daß ich besser denke, als Er? -- O Ihr Vornehmen, rief ich dann halb außer mir mit immer steigender Hitze, ist Euch denn die Armuth so wenig heilig, daß Ihr mit kalter Gleichgültigkeit das Einzige zu zertrümmern strebt, was sie so oft vor Euch voraus hat, das stille Glück, das in dem Bewußtseyn _reiner_ Tugend liegt? -- --
Nun, nun, nur gemach, meine schöne Romanenheldin! unterbrach sie mich mit zornigen Blicken. Wer nicht hören will, muß fühlen. -- Ich denke, mein Mann hat noch ganz andre Mittel in den Händen, Dich zahm zu machen, als meine Vorstellungen, die ich nicht bei Dir verschwenden will.
Damit drehte sie sich von mir weg, und hieß mich gehen. -- Die Einsamkeit meiner stillen Kammer umfing mich mit allen Schauern der Dunkelheit, und begünstigte die Schwermuth meines Herzens. Ach, Lorenz, Du hast doch Recht gehabt, seufzte ich, als Du mir diese Menschen schildertest, und mein argloser Sinn Dich der Übertreibung beschuldigte. -- Ich fühlte deutlich, daß mir nichts mehr übrig war, als nach meiner Heimath zurück zu gehn, und ich beschloß, es so bald zu thun, als möglich. Nur wollt' ich erst Lorenzens Wiederkunft abwarten, um seine Meinung und seinen Rath zu hören. Bis dahin betete ich zu Gott um Geduld und Muth, und endlich kehrte Ruhe, -- wenigstens ein Schimmer, der ihr glich, in meine Seele zurück.
Die nächsten beiden Tage vergingen, ohne daß sich etwas zutrug, was mich von neuem hätte ängstigen können. Wenn mir der Kammerherr zufälligerweise begegnete, so waren seine Blicke so kalt und gleichgültig, daß ich höchstens nur seinen Unwillen, nicht _eine_ Spur von Liebe in ihnen finden konnte, und ich freute mich darüber, ob ich gleich dem Entschluß treu blieb, zu meinen Eltern zurück zu gehn, und mir in dieser Rücksicht sein Zorn eben so ohnmächtig wie seine Zärtlichkeit schien. Wie groß war daher mein Schrecken, als ich den nächsten Abend, da ich schon im ruhigen Schlummer in meinem verschlossenen Stübchen lag, durch das Geräusch eines Kommenden geweckt wurde. Ich fuhr bestürzt auf, und suchte mich anzukleiden, als ich eine Bewegung an der Thür vernahm, und einen Lichtstrahl, der durch das Schlüsselloch fiel, über den finstern Boden zittern sah. Endlich ging die Thür auf, -- eine männliche Gestalt in einen Mantel gehüllt, trat mit einer Blendlaterne herein, und zog den Hauptschlüssel aus dem Schloße. Ich erstarrte, denn es war der Kammerherr. --
Nun, Justine! ich komm Deinen Entschluß zu vernehmen, redete er mich an.