Die Bekanntschaft auf der Reise

Part 3

Chapter 33,605 wordsPublic domain

Es ist das erstemahl, daß ich mit meinem Manne verschiedener Meinung bin, sagte meine Mutter. Wir haben nur dieß einzige Kind noch um uns, -- sie ist unsre Stütze und unsre Freude. Wenn ich Justinen auch in der Wirthschaft entbehren könnte, wo sie mir manche Sorge abnimmt, -- manche wenigstens mit mir theilt, -- so würde sie darum doch nicht zu Ihnen passen, denn sie ist in allen den Geschicklichkeiten ununterrichtet, die die Kammerjungfer einer vornehmen Dame wissen muß.

O das thut nichts, unterbrach sie die Kammerherrin lächelnd. Die Physiognomie müßte sehr trügen, wenn die Kleine nicht Lernbegierde und Fähigkeiten hätte. Die Mühe, sie in diesen Kenntnissen zu unterrichten, nehm' ich gern auf mich, und ich hoffe sie soll nicht vergebens angewendet seyn.

Ich werde Justinen eben so sehr vermissen, wie Du, sagte mein Vater zur Mutter, indessen glaube ich, ist es unsere Pflicht, sie nicht von der guten Versorgung abzuhalten, die sich ihr darbietet, und die vielleicht die Grundlage ihres künftigen Glücks werden kann. Ich bin überzeugt, wir können sie ohne Bedenklichkeit der gnädigen Frau anvertrauen. Sie wird Nachsicht mit ihr haben, wenn sie fehlt, und im Anfang nicht zu streng in ihren Forderungen seyn. Für Folgsamkeit und guten Willen stehe ich.

Mancherlei Gefühle bestürmten meine Brust. -- Der Gedanke, die stille Hütte zu verlassen, die die Wiege meiner Kindheit, der Schauplatz meiner Jugendfreuden gewesen war, -- die Aussicht von meinen Eltern zu scheiden, und sie künftig in einer Einsamkeit zu wissen, die sie um so trauriger dünken mußte, je mehr meine kindliche Pflege sie ihnen sonst erheitert hatte; -- alles dies mischte etwas schmerzliches in die Vorstellung, daß mich die Liebe mit ihrer Zauberstimme nach Spillingen rief. Unentschlossen stand ich da, aber ich blieb es nicht lange. O wie wahr ist's, daß das Weib Vater und Mutter verlassen wird, um dem Manne zu folgen, den es sich erkohren hat! Dankbarkeit und die zärtlichste Ehrfurcht fesselte mich an meine Eltern. Ich hätte für sie mein Leben lassen können, -- nur das, was diesem Leben erst Werth gab, die Würze seiner Zukunft, das Bündniß, das mein Herz mit Lorenz geschlossen hatte, -- nur das hätte ich ihnen nicht opfern können, ohne, wie ich glaubte, vor Gram zu sterben.

Meine Mutter seufzte, und betrachtete mich mit unruhigen, ungewissen Blicken. Nun dann, sagte sie, und wandte sich zu meinem Vater, wenn Du wirklich glaubst, daß es für Justinen ein Glück ist, so will ich mich nicht länger weigern. Gott weiß, daß nur die Besorgniß für ihr wahres Wohl mich so bedenklich machte, denn ich bin der Meinung, daß ein junges, unerfahrenes Mädchen nirgends mehr am Platze, und sicherer ist, als in dem Hause und unter den Augen seiner liebenden Eltern. Aufgeben kann ich diese Meinung so leicht nicht, aber ich will thun, was ich kann, -- ich will sie der Deinigen unterordnen. So zieh denn in Gottes Namen hin, Justine! fuhr sie mit Rührung fort. Es wird Dir auch in der Fremde wohlgehn, denn Du warst immer ein gutes, dankbares Kind! --

Sie umarmte mich herzlich; -- ich fühlte ihre warmen Thränen auf meiner Wange, und vermischte sie mit den meinigen.

Es war also nun entschieden, daß ich nach Spillingen zog. Die Kammerherrin überhäufte mich mit Liebkosungen, und wollte mich gleich mit sich nehmen, aber meine Eltern sowohl als ich, bestanden auf eine Frist von vierzehn Tagen. Dieser kurze Aufschub, der uns nur ungern bewilligt wurde, sollte das Bittre der Trennung mildern, indem er uns nach und nach an die Nothwendigkeit des Scheidens gewöhnte, aber statt dessen knüpfte jeder Augenblick uns durch den Gedanken fester zusammen, daß er langsam, aber gewiß die Stunde des Abschieds heran führte. Ich fühlte damahls durch meine eigene Erfahrung, daß es besser und schonender für uns selbst, und für unsre Lieben ist, den Kelch des Schmerzes, den uns die Trennung reicht, in _einem_ Zuge zu leeren, als ihn wie ein Ziel, dem wir doch nicht entgehen können, und dem uns jede Minute näher bringt, vor den Augen zu haben. Ein kurzes Lebewohl läßt uns die Kraft, es mit Fassung zu sagen, -- dumpf, wie der Ton einer Todtenglocke, wie das Grablied unserer Freuden tönt es _aus der Ferne_ herüber, und die Vorstellung, es dennoch aussprechen zu müssen, gießt Wermuth in die Freuden des letzten Beysammenseyns, und lohnt unser Zögern nicht mit Linderung, sondern mit Verdoppelung des Schmerzes, den wir am sichersten überwinden, wenn wir ihm stark und muthig die Stirn bieten.

Ehe unsre Gäste uns verlassen hatten, war mir noch eine ungestörte halbe Stunde zu Theil geworden, die ich mit Lorenz verplauderte. Er entdeckte mir nun seine nächsten und wichtigsten Verhältnisse. Sein Vater war Verwalter in Spillingen, ein guter, biederer Mann, der bloß die schwache Seite hatte, sich von seiner sehr ehrgeizigen, herrschsüchtigen Frau regieren zu lassen. Um den lieben Hausfrieden ununterbrochen zu erhalten, mischte er sich von jeher weder in das Innere seiner eigenen Wirthschaft, noch in die Erziehung seines Sohnes, den er jedoch zärtlich liebte. Lorenzens reines, stilles Gemüth war nicht empfänglich für die Eindrücke des Stolzes, die seine Mutter ihm geben wollte. Schweigend hörte er ihren Lehren und Ermahnungen zu, in denen gewöhnlich jener falsche Ehrgeiz sich mahlte, der statt innern Werth nur äusserlichen Glanz zum Ziel seines Strebens macht. Er bedurfte ihn nicht, und verachtete sein Flittergold, denn seine Seele war mit jenem _edlen_ Stolz bewaffnet, der den Menschen wie ein guter Genius vor allem bewahrt, was seine wahre Würde entweihen kann. Die Bildung seines Herzens war sein eignes Werk, -- das Werk seines Schicksals, das ihm einsam unter Menschen stellte, denen er sich nicht mittheilen mochte, da sie nicht fein genug fühlten, um ihn zu verstehen. Still und verschlossen wuchs er empor, -- abgeschieden von allen lebenden Geschöpfen, an denen seine Empfindung sich in voller Kraft hätte erwärmen und erhöhen können. --

Der Kammerherr entdeckte in dem zum Jüngling heranreifenden Knaben seltne Anlagen, die ihn aufmerksam auf ihn machten. Die strenge Wahrheitsliebe, die, wo sie nicht reden durfte, doch wenigstens _schwieg_, und _nie_ wider ihre Überzeugung sprach, die feste, unbestechliche Redlichkeit, die schon in seiner Kindheit ein Hauptzug seines Charakters war, und mit zunehmenden Jahren sich immer mehr auf unerschütterliche Grundsätze stützte, -- alles dieß gefiel dem Mann, der ohne eigene Tugenden zu haben, doch fremde schätzte, und sie gern zu seinem Vortheil benutzte. -- Er fragte die Eltern um ihre Plane in Rücksicht ihres Sohnes. Der Vater hatte keine, -- allenfalls nährte er den stillen Wunsch, daß sein Sohn ein Landmann werden möchte, aber er wagte es nicht, ihn zu äussern, da seine Frau, wie er wohl wußte, fast niemahls übereinstimmend mit ihm dachte, und ihn doch nicht gebilligt haben würde. Längst war es ihr Lieblingstraum gewesen, ihren Sohn in fürstlichen Diensten zu sehn. -- Sie entdeckte dieses dem Kammerherrn, und er versprach, ihr dazu behülflich zu seyn. Auch macht' er, ganz wider seine sonstige Gewohnheit, Miene, Wort zu halten, ließ ihn auf seine Kosten die Forstwissenschaft lehren, und behielt ihn dann als Jäger und zugleich als Kammerdiener bei sich, bis, wie er sagte, sich eine günstige Gelegenheit zeigen würde, wo er ihn dem Fürsten empfehlen könne. Diese war noch immer ausgeblieben. -- Lorenz seufzte nach einer unabhängigen Lage, denn ausserdem, daß sein freier Sinn sich nicht zum Dienen geschaffen fühlte, hatte er mit hellem Blick längst die Flecken entdeckt, die den Charakter seines Herrn entstellten, und es war ihm drückend, einem Menschen Verbindlichkeit und Dank schuldig zu seyn, den er weder lieben noch achten konnte. Indessen, da seine Mutter es ihm zum Gesetz machte zu bleiben, und da es seine eigne Klugheit, wenn auch nicht sein Gefühl, ihm rieth, so trug er seine Verachtung schweigend mit sich herum, und bemühte sich, durch Thätigkeit, Ordnung und eine immer wache Aufmerksamkeit auf seinen Dienst den Kammerherrn die Wohlthaten abzuzahlen, die er mit einem Widerstreben empfangen hatte. Daß er sich dadurch ihm unentbehrlich machte, und seine Verwendung zu einer Versorgung immer mehr verzögerte, bedachte er nicht; aber wäre es ihm auch eingefallen, er würde doch nicht anders gehandelt haben, theils weil ihm jede Pflicht, die ihm das Schicksal auflegte, heilig schien, theils weil er durchaus die Summe der Verbindlichkeiten vermindern wollte, die seines Herrn Wohlwollen ihm auflegte. Und da ihn überdieß der Kammerherr selbst zu sehr ehrte, um ihn bei seinen Liebschaften als Geschäftsträger, oder Kuppler gebrauchen zu wollen, so fand der Abscheu, den Lorenz vor jenen Lastern hatte, keine Gelegenheit laut zu werden, und sowohl Herr als Diener beobachteten über Punkte, die nicht gern über sich sprechen lassen, ein Schweigen, das am geschicktesten war, ihr Verhältniß leidlich zu erhalten.

Zuweilen erinnerte wohl die Verwalterin, der der Titel: Kammerdiener nicht vornehm genug war, den gnädigen Herrn an sein Versprechen, aber dieser wiegte dann mit glänzenden Aussichten in die Zukunft, die er ihr öffnete, ihren Ehrgeiz und ihre Ungeduld zur Ruhe, und da Lorenz überhaupt von den andern Bedienten vortheilhaft ausgezeichnet wurde, so ließ sie sich jedesmahl durch die Versicherung zufrieden stellen, daß ihr Sohn einst ganz gewiß durch eine ehrenvolle Laufbahn ihr Alter erfreuen werde. Ich hätte ihm schon längst einen kleinen Dienst verschaffen können, pflegte er zu sagen, aber sein nothdürftiges Auskommen hat er ja auch bei mir, und wenn ich _einmahl_ mein Ansehn bei Hofe anwende, so will ich auch Ehre davon haben, das heißt: es muß eine Stelle seyn, die Ihrem Sohn keinen Wunsch zur Verbesserung seines Schicksals mehr übrig läßt, als allenfalls den Wunsch nach einem hübschen Weibchen, und das wird sich dann schon finden.

Es hat sich schon gefunden, dachte die Alte dann gewöhnlich mit froher Selbstzufriedenheit über ihre mütterliche Vorsorge, die Lorenzen aber noch ein Geheimniß war, und für's erste auch noch eins bleiben sollte, weil er viel zu sehr Sonderling war, um so, wie sie es wünschte, in ihre Pläne einzustimmen. Ein reicher Pachter jenseits der Residenz hatte die auf fremden Feldern geerndteten Früchte seines Fleißes angewendet, sich ein artiges Landgut in der Nachbarschaft von Spillingen, wo es eingepfarrt war, zu kaufen. Die Verwalterin, die Wernern, -- so hieß der neue Gutsbesitzer, -- vor Zeiten noch in dürftigen Umständen gekannt hatte, ergoß bei dieser Nachricht alle ihre Galle in den bittersten Spott über seine so schnell verbesserte Lage, und nahm sich vor, seine Frau in der Kirche nicht zu grüßen, wenn sie ihr das erstemahl daselbst begegnen würde. Ihr Neid und ihre Erbitterung stieg noch, als sie durch einige alte Weiber, die sie durch kleine Wohlthaten verpflichtete, ihr alle Neuigkeiten der Gegend zuzutragen, von dem Überfluß näher unterrichtet wurde, der dort in allen möglichen Bedürfnissen des Lebens herrschte, und einen sichern, festgegründeten Wohlstand verrieth. Sie hatten der Frau Werner bei ihrer Ankunft in ihrer häuslichen Einrichtung geholfen, und ob gleich ihre Erzählungen von den reichlich angefüllten Schränken und Kisten, die sie da sahen und bewunderten, ein fressendes Gift für die Verwalterin mit sich führten, die es ihres Gleichen am wenigsten gönnte, reich zu seyn, da sie es selbst nicht war, so hörte sie doch alles mit jener brennenden Begierde an, mit der die Mißgunst jede Gelegenheit ergreift, sich zu quälen. Daß ihre Nachbarin ein Landgut besaß, während ihr Mann nur ein fremdes verwaltete, das -- so empfindlich es auch war -- hätte sie ihr dennoch verziehen; aber daß sie ihren Kaffee aus einer silbernen Kanne trank, -- selten in die Küche ging, und auch dann nur, um zu befehlen -- daß sie sich zum täglichen Gebrauch eines eben so feinen Leinenzeugs bediente, als _sie_ nur für die Frau Kammerherrin weben ließ -- daß sie Nachmittags auf einem bequemen und zierlichen Sopha in aller Ruhe ein paar Stunden schlummerte -- -- mit einem Worte, daß sie nicht allein Vermögen _hatte_, sondern es auch nach ihrem Gefallen _genoß_, -- das war ein Wurm, der zerstörend an ihrer Ruhe nagte. Da sie Menschen, die sie noch nicht kannte, nach ihrer eignen Denkungsart zu beurtheilen pflegte, so traute sie der Frau Werner keineswegs den bescheidenen, gefälligen Charakter zu, den sie wirklich hatte, vielmehr, da sie fühlte, wie sehr jene Vorzüge des Glücks _ihren_ Hochmuth aufblähen würden, wenn sie sich ihrer rühmen dürfte, so stellte sie sich die Unbekannte, die unschuldiger weise ihrem Neide so viel Nahrung gab, in dem gehässigen Lichte eines bäurischen Eigendünkels vor, der ihr um so drückender schien, da er den ihrigen niederbeugte. -- Die Närrin, sagte sie zu ihrem Manne -- sie denkt vielleicht weil sie die große Dame spielt, auf dem Kanapee Mittagsruhe hält, und ihren Kaffee aus Silber trinkt, sie ist mehr als ich. Aber ich will ihr schon zeigen, daß ich mir eben so viel einbilde. Nicht ansehn will ich sie! --

So ganz gewissenhaft war es ihr aber doch nicht möglich, den nächsten Sonntag Wort zu halten, als Frau Werner in die Kirche kam. Die Neugierde, die sich bei ihr regte, beredte sie zu einem Blick, und unwillkührlich verlängerte er sich, als ihm weder auffallender Glanz noch beleidigender Stolz begegnete. Auf beides hatte sie gerechnet, als aber eine wohlbeleibte weibliche Gestalt in einem sehr anspruchslosen Anzug, begleitet von einem hübschen rosenwangigen Mädchen, freundlich bei ihr vorüberging, und ihr durch einen höflichen Gruß, mit dem sie ihr zuvorkam, gleichsam den Rang über sich einräumte, -- da verschwand auf einmahl ein Theil der Falten von ihrer Stirn, und der Groll, den sie in ihrem Herzen nährte, verlohr sich in eine lange Gedankenreihe, die ihr während der Predigt, (auf die sie ohnedem nie zu achten pflegte,) Stoff genug zur Unterhaltung gab. Die Frau ist doch so übel nicht, dachte sie bei sich selbst. Wenigstens hat sie doch Lebensart, und weiß sich zu betragen. Daß sie zu Hause die Bequemlichkeit liebt lieber Gott! das thät ich auch, wenn ich's könnte. Die Leute haben ja Geld genug, -- sie wären Narren, wenn sie es nicht benutzten. Und die Tochter sieht gut aus -- das einzige Kind ist sie auch -- -- in der That, das wäre eine Frau für meinen Lorenz, die mir anstände! --

Sie verfolgte diese Idee, und fand kein Hinderniß von Bedeutung, das sie zu stören drohte. Obgleich Lorenz kein Vermögen, und nur sehr ungewisse Aussichten in die Zukunft hatte, so zweifelte sie doch keinen Augenblick, daß ihm der Plan gelingen könne, den sie so befriedigend für ihren Eigennutz entwarf, und dem eine vortheilhafte Heirath mit Mamsell Werner den Kranz der Vollendung aufsetzen sollte. Und wirklich, wenn auch sonst alle ihre Gedanken und Empfindungen Kinder eines ewigen Irrthums waren, der nur sein eignes, fehlerhaftes Ich zum Maßstabe seiner Beurtheilungen nahm -- hier irrte sie nicht. -- Die hohe Meinung, die sie von ihrem Sohn hatte, rechtfertigte jeder, der ihn kannte, denn noch jetzt in einer Lage, die auch den kleinsten Schatten von Partheilichkeit vertilgt, sag' ich mit fester Überzeugung: Lorenz wäre mit Recht der Stolz der besten Mutter gewesen. Die Liebe, mit der die Verwalterin an ihm hing, war das einzige, was ich jemahls an ihr schätzen konnte.

Als die Kirche geendigt war, wartete Frau Werner mit Lorchen, so hieß ihre Tochter, an der Thür, um die Bekanntschaft der Frau Verwalterin zu machen, die sie um gute Nachbarschaft und um die Erlaubniß bat, durch einen baldigen Besuch ihr zeigen zu dürfen, wie geneigt sie sei, einen freundschaftlichen Umgang zu halten. Die Verwalterin erwiederte ihre Komplimente in bester Form, und man trennte sich beiderseits mit einander zufrieden.

Es dauerte nur wenig Tage, so erschien das Kleeblatt der Wernerschen Familie ganz unvermuthet bei Lorenzens Eltern, um ihren ersten Besuch abzustatten, und um durch die ungezwungene Art, mit der sie es thaten, jenes zwanglose, heitere Verhältniß einzuleiten, das durchaus mit ländlicher Nachbarschaft verbunden seyn muß, um sie angenehm zu machen. Die Verwalterin wäre zwar dießmahl der Überraschung gern überhoben gewesen, denn es lag ihr viel daran, mit sammt ihrem Hauswesen sich vor Werners von der besten Seite zu zeigen, und dazu war eine kleine Vorbereitung unentbehrlich, -- indessen das treuherzige gutmüthige Benehmen ihrer Gäste zerstreute bald den Verdruß, den sie fühlte, sich nicht so vortheilhaft und glänzend darstellen zu können, als sie wohl wünschte, und am Ende schieden sie vertraulicher und vergnügter auseinander, als es nach einer steifen Staatsvisite möglich gewesen wäre.

Der in der Kirche gefaßte Vorsatz, aus Lorenz und Lorchen ein Paar zu machen, erreichte schon an diesem Tage seine völlige Reife, und die Höflichkeit, mit der Lorenz die Fremden behandelte, und das aufmerksame Wohlwollen, mit dem sie ihm begegneten, rückte sie in Gedanken auf dem Weg zum Traualtar der beiden jungen Leute um einige Schritte näher.

Wirklich war die ganze Wernersche Familie so beschaffen, daß, ohne Rücksicht auf ihr beträchtliches Vermögen zu nehmen, eine zärtliche Mutter dem Liebling ihres Herzens wohl wünschen konnte, mit ihr verbunden zu seyn. Indessen bei der Verwalterin war das Geld die Hauptsache. Jede liebenswürdige Eigenschaft, die Lorchen berechtigte auf einen glücklichen Ehestand zu hoffen, jede häusliche Tugend, die das Glück eines braven Mannes zu machen versprach, hätte die Alte gegen klingende Münze willig vertauscht, um dadurch ihre Mitgift zu vergrößern. Sie glich so vielen thörichten Müttern, die zufrieden sind, wenn ihre Kinder nur glücklich _scheinen_. Daß die unverfälschte Natur des Menschen mehr für eine ruhige Mittelmäßigkeit, als für Überfluß geschaffen ist, dünkte sie nur ein süßer Traum zu seyn, mit dem die Armuth sich über die Bitterkeit des Mangels und des Entbehrens täuscht. Ach der Reichthum ist ein goldener Schild, der die Pfeile des Kummers nicht von unserer Brust zurück zu halten vermag; -- der höchstens nur durch seinen Glanz verhindert zu sehen, wie tief sie gedrungen sind! -- Das glaubte aber die Verwalterin nicht.

Der alte Werner vereinte mit strenger Redlichkeit eine frohe, heitre Laune, der das Bewußtseyn immer Nahrung gab, kein Stiefsohn des Glücks gewesen zu seyn, und dennoch die günstigen Blicke desselben, nicht, wie so viele thun, auf Kosten seines guten Namens und seines Gewissens erschlichen zu haben. Seine Frau, ein Weib voll Herzensgüte, ohne alle Anmaßungen, hatte aus ihrer ehemaligen Armuth in ihren jetzigen Wohlstand jene seltne Stimmung des Charakters übergetragen, die mit Phlegma verschwistert ist, und mit der gewisse Menschen gute und böse Tage gleich freundlich anzulächeln im Stande sind. Sie war vergnügt und gutes Muthes gewesen, als ihre Umstände sie noch zwangen, durch harte Arbeit ihr Brod zu erwerben -- vergnügt und gutes Muthes -- doch nicht _mehr_ als vorher -- war sie auch jetzt, da Fleiß und Glück ihre Lage verbessert, und ihre alle die Bequemlichkeiten selbst verschafft hatten, die sie sonst nur bei Andern gekannt, -- aber darum nicht beneidet hatte. Der einzige Gegenstand, wobei es sich verrieth, daß ihr stiller Gleichmuth auch in Leidenschaft übergehn konnte, war ihre Tochter, der Augapfel beider Eltern, aber doch vorzüglich von der Mutter geliebt, die mit Freuden ihr Leben, und alles was es angenehm machte, hätte opfern können, wenn es nothwendig zur Zufriedenheit ihres Lorchens gewesen wäre.

Lorchen war ein gutes, einfach erzogenes, einfach gesinntes Mädchen. Still und unbemerkt war sie im Schooße der Häuslichkeit und der Familienliebe herangewachsen, und ihre bescheidenen Wünsche reichten nicht über den Kreis hinaus, den ihr das Schicksal angewiesen hatte, um ihre Kräfte nützlich zu üben. Fleiß, Sanftmuth, Gehorsam und Ordnung -- -- alle diese Tugenden waren ihr angebohren -- sie hatte keinen Kampf mit ihrer Neigung nöthig, um sie erst zu erringen -- sie durfte nur mechanisch ihrem Gefühle folgen, so war sie sicher, niemahls irre auf dem Wege zu gehen, den ihre Pflicht ihr vorzeichnete. Weder Empfindung noch Verstand waren bei ihr lebhaft, aber ihre reine, bescheidene Gutmüthigkeit hätte darum doch den strengsten Forderungen genügt, weil sie alles freundlich ersetzte, was ihr von andern Seiten noch zu fehlen schien.

Der Umgang zwischen beiden Familien wurde nun fleißig fortgesetzt, und die Verwalterin, die bald bemerkte, daß Lorenz Eindruck auf Lorchen gemacht hatte, glaubte, daß es nun Zeit sey, mit ihrem Plan gegen die beiden Alten herauszurücken. Sie fing mit leisen Anspielungen an, die gehörigen Orts wohl aufgenommen, und günstig erwiedert wurden. Auch Lorenz machte seiner Mutter durch sein Betragen die schönste Hoffnung, er werde in ihre Wünsche einwilligen, und jeder Lobspruch, den er mit freundschaftlicher Wärme Lorchens Tugenden zollte, galt bei ihr für eine Äußerung der Liebe. So standen die Sachen -- es schien, da alle Theile gleichsam schweigend in eine Verbindung der beiden jungen Leute eingewilligt hatten, als fehle nur noch die letzte deutliche Erklärung, um sie völlig zu schließen, und gerade zu dieser Zeit war's, als mein Unstern den Kammerherrn zum erstenmahl nach Mühlberg führte.

Was darauf folgte, wissen Sie. -- Die Anstalten zu meiner Abreise waren bald getroffen, und endlich erschien auch der Tag, der mich meiner neuen Bestimmung entgegen führte. Eine dunkle Ahndung des Kummers, der auf mich wartete, kämpfte mit den Freuden des Wiedersehns, die ich schon in Gedanken genoß, und mischte doppelte Bitterkeit in den Becher des Scheidens. Fest an die Brust meiner weinenden Mutter gedrückt, versprach ich, ihren Lehren zu folgen, und den Grundsätzen treu zu bleiben, die meine verewigte Wohlthäterin mir eingeprägt hatte, und die bisher der Stolz und das Glück meines einfachen Lebens gewesen waren. Der Ernst und die kindliche Zärtlichkeit mit der ich ihr gelobte, nie ihre Warnungen zu vergessen, besänftigte den mütterlichen Schmerz, und lieh der Trennung eine mildere Gestalt als vorher. Voll Vertrauen auf den Schutz der Vorsicht, der sie mich übergab, und auf meine eigne Festigkeit ließ sie mich aus ihren Armen -- ach! um mich unglücklich wieder zu sehn. --

Wie in Gewittertagen die Sonne oft durch finstere Wolken strahlt -- oft sich wieder hinter sie verbirgt, so wechselten süße und traurige Empfindungen in mir auf der kurzen Reise, die mich dem Nachdenken einsam überließ. Der Abschied war überwunden -- in der Ferne winkte mir tröstend das Bild meines Geliebten -- und dennoch flossen meine Thränen. Ach die Ungewißheit, in deren Dunkel meine Zukunft schwamm, war nicht gemacht, sie zu trocknen oder zu stillen. -- Bange Sorgen, denen ich keinen Namen zu geben wußte, drückten mit Centnerlast mein Herz, das sich bald den schwermüthigsten Zweifeln, bald den fröhlichsten Hoffnungen hingab. Und in dieser Stimmung, die die Vorbedeutung meines Schicksals war, langte ich in Spillingen an.

Lorenz half mir aus dem Wagen. Seine Freude, seine Liebkosungen verbannten bald die zagende Unruh meiner Brust, und der erste Augenblick, den ich ungestört in seinen Armen verlebte, söhnte mich aus mit dem Schritt, den ich gethan hatte, um seinetwillen meine stille sichere Heimath zu verlassen.