Die Bekanntschaft auf der Reise
Part 11
Es ist mir noch jetzt unbegreiflich, daß er in einem Zeitraum von zwey Stunden wieder zu Hause war, und zwar mit einem Dokument in Händen. »Sehen Sie,« sagte er und zeigte mir's, ~emplastrum contra contusionem~; »nun kann Ihre Schöne Sie nicht mehr festhalten, und Sie können sie in ihrer Wohnung einziehen lassen. Aber ich hoffe, Sie sind kein solcher Bösewicht, um das arme Geschöpf ins Gefängniß zu schicken, die Furcht müssen Sie ihr indeß einflößen, da es in Ihrer Gewalt ist. Alle Gerichtsdiener wissen, daß Sie einen Verhaftsbefehl gegen sie in Händen haben, sie wird es bald selbst erfahren. Lassen Sie sie kommen, sie wird mit sich reden lassen, und wir werden sie bringen können, wozu wir nur Lust haben.« Er ließ in der That einen Unteroffizier holen, von dem er wußte, daß er ein Freund des Mädchens war. Er gab den Verhaftsbefehl in seine Hände, aber kein Geld, um nicht das Ansehn zu haben, als wolle er ihn bestechen; er versprach ihm nur nach Beendigung seines Geschäfts eine Belohnung. Der Sergeant that was er erwartet hatte. Er gab dem Mädchen Nachricht, sie sah sich in großer Verlegenheit, denn sie fühlte wohl, daß man ihr unangenehme Händel zu ziehen könnte, wenn sie darauf bestehen wollte, mich ohne meinen Willen zu heirathen, indem sie es zugleich gegen den Willen von Leuten thun wollte, die unendlich reicher und mächtiger waren, als sie. Nun wurde mit ihr von einem Vergleich gesprochen, und _Ribaupierre_ betrieb die Sache mit einem solchen Feuer, daß alles innerhalb zwey Tage abgethan war. Es ist wohl wahr, daß es mir einiges Geld kostete, und daß ich versprechen mußte, mich des Kindes anzunehmen, aber das starb bald nach der Geburt. _Ribaupierre_ und seine Tochter thaten noch mehr zu ihrer eigenen Beruhigung; sie verheiratheten das Mädchen.
Diese Geschichte aber hatte doch zwischen _Manon_ und mir Zwist erregt, sie behauptete, daß ich die Treue gegen sie verletzt habe, und wurde nicht eher ganz beruhigt, bis das Mädchen mit ihrem Mann Paris verlassen hatte. _Ribaupierre_ lachte darüber. Er war keinesweges zum Vortheil des andern Geschlechts gestimmt; und pflegte sich bei solchen Unterhaltungen eben nicht zu mäßigen, noch seine Worte in seiner Tochter Gegenwart genau abzuwägen. »Es ist ein schrecklicher Zustand,« sagte er, »wenn die Mädchen sich von der Sinnlichkeit hinreißen lassen, zumal in ihrer Jugend. Aber die Beyspiele so vieler Unglücklichen dienen ihnen nicht zu Warnung, ob sie sie gleich täglich vor Augen haben, im Gegentheil, je mehr Unglückliche es giebt, die sich ihren Begierden überlassen, desto mehr Nachahmerinnen finden sie. Ich stelle mir vor,« setzte er hinzu, »sie sagen zu sich selbst, diese und jene haben ihre gute Ehre verlohren, und ihren guten Ruf, aber sie hatten nicht Verstand genug, ihr Geheimniß zu verwahren, wie so manche andere, deren man gar nicht erwähnt. Auch selbst Weiber gaben uns Beispiele, daß man nicht nöthig habe, den Männern die Treue zu halten, und ungeachtet sie die größten Gefahren bei ihrer Niederkunft ausstehen, so vergessen Sie leicht die vorhergegangenen Schmerzen, und folgen den Trieben ihrer Sinnlichkeit. Die Neugierde ist der erste Schritt zur Ausschweifung, das Nachdenken erweckt die Sinne; endlich unterliegt man aus Schwachheit, und nun ist der erste Schritt gethan, der unwiederbringlich weiter fortreißt.« _Ribaupierre_ sprach in diesem Ton fort, der seiner Feinheit keine Ehre machte, aber doch seiner guten Laune; es war unmöglich ihn über diese Gegenstände mit Ernsthaftigkeit anzuhören. Selbst seine Stimme änderte sich, er hatte einen gewissen schreienden Ton, der das Gespräch noch belustigender machte. Seine Tochter verließ das Zimmer, so oft sie merkte, daß er in einen solchen Ton fallen wollte, aber er besaß das Geheimniß, sie zum Bleiben zu zwingen, denn er pflanzte sie an eine Ecke des Tisches, wo sie nicht herauskonnte. Sie mußte sich endlich gewöhnen ihn anzuhören, erst antwortete sie ihm sogar, und vertheidigte ihr Geschlecht, so gut sie konnte, ohne ihn jedoch in seiner Meinung irre zu machen.
»Aber,« sagte sie einmal zu ihm, »wenn Sie von der Schwachheit meines Geschlechts so überzeugt sind, warum erlauben Sie, daß ich auf Treu und Glauben leben darf, wie ich lebe? Warum glauben Sie nicht, daß ich auch Thorheiten begehen könne, wie jede andere? Glauben Sie, daß ich eine Ausnahme von der Regel sey, und mich allein gut zu betragen wisse, Sie, der allen Glauben an die gute Aufführung eines Mädchens verloren hat? Würde mich jemand abgehalten haben, mich schlecht aufzuführen, wenn ich die Neigung dazu hätte, da Sie mir alle Freiheit ließen? Selbst der Umgang mit Herrn _d'Autun_ könnte weit führen, er würde mich nicht auf den rechten Weg zurückbringen, oder ich müßte mich sehr betrügen.« »Dieß würden Sie nicht,« sagte ich, »und ich möchte Ihnen offenherzig in Ihres Vaters Gegenwart gestehen, daß Sie Unrecht haben, nicht auch durch Ihr Beispiel die Meinung zu bestätigen, die er von Ihrem ganzen Geschlecht hat.«
»Davon ist nicht die Rede,« sagte _Ribaupierre_, »jeder handelt in der Welt nach seinen Einsichten. Ich bin weder Spanier, noch Italiener, oder Türke, und baue auf die Enthaltsamkeit der Frauen nicht sonderlich, wenn sie durch Schlösser verwahrt sind. Die gute Aufführung eines Mädchens hat keinen Werth, wenn sie nicht ihrer eigenen Tugend überlassen bleibt. Es ist eine Eigenthümlichkeit der Menschen, besonders der Frauen, mit Wärme gerade nach demjenigen zu streben, was verboten ist. Dieß ist gewiß der Grund, daß es in Spanien und Italien mehr verdorbene Sitten giebt, als in Frankreich, und mehr Libertins, als bei uns, wo die Frauen Freiheit haben, und wo sie sehr selten die ersten Schritte thun. Die wahre Tugend der Frauen besteht in dem Widerstande, den sie der Versuchung entgegen setzen; und eben deswegen sind die Französinnen, die ihre Reinheit bewahren, viel mehr zu preisen, als Frauen anderer Nationen, die ich vorher nannte; denn sie sind durch ihre freiere Geselligkeit stets der Versuchung ausgesetzt, da im Gegentheil die andern ihre Sittlichkeit nur den Mauern verdanken, die sie einschließen.«
»Wenn ich,« sagte er zu uns beiden, »da ich euch nicht verheirathen wollte, dir _Manon_ verboten hätte _d'Autun_ zu sehen, hättest du mir gehorcht? gesteh es aufrichtig. Wenn ein Mädchen heimliche Zusammenkünfte mit ihrem Geliebten hat, ohne den Willen ihrer Eltern, so muß sie die Zeit dazu stehlen; aber sie verliert dann auch keinen Augenblick. Der Geliebte bringt seine Angelegenheiten viel weiter in einer Viertelstunde, als er es bringt, wenn er seine Geliebte täglich sehen kann. Nur in solchen Fällen hätte ich fürchten müssen, daß du zu sehr den Neigungen deines Herzens folgen möchtest; aber da ich dich mit ihm leben ließ, und ganz nach deiner Phantasie, so bin ich gewiß, daß er nun seine Zeit zu nichts schlimmern verwendet, als zu klagen, oder mich zu verwünschen, und schwerlich hättet ihr eure Zusammenkünfte unter andern Umständen eben so unschuldig gehalten.«
»Ich war auch jung wie ihr. Ich liebte ein Mädchen, mit der ich mich ehelich verbinden wollte. Ich wurde von ihr geliebt, und so dreust und kühn ich gegen die andern Frauen war, so war sie die Einzige, die mir Achtung einflößte. Vielleicht hat mich die Liebe, mit der ich sie liebte, auch verschämt gemacht, und nie hat mich meine Kühnheit zu weit verleitet. Ich weiß also aus Erfahrung, daß man ein Mädchen, um dessen Hand man sich bewirbt, mit ganz andern Augen ansieht, als eine andre. Habe ich mich betrogen?« sagte er zu mir, »hätten Sie die Zeit außer meinem Hause auch auf eine so unschuldige Art zugebracht?«
»Ich weiß nicht,« sagte ich, »aber das weiß ich, daß ich die Ehrfurcht gegen das Fräulein nie würde verletzt haben, und daß sie sich immer gleich anständig betragen haben würde!«
»Und ich glaube es nicht;« sagte er.
»Aber was für ein Vergnügen kann es Ihnen machen, uns der Gefahr auszusetzen, einer Versuchung zu unterliegen? Warum willigen Sie nicht in unsre Verbindung? da Sie sie nicht mißbilligen.«
So endigte sich immer unser Gespräch, und _Ribaupierre_ brach entweder von der Materie ab, oder er sagte, daß wir nicht zu eilen hätten.
So verlebten wir die Zeit, jeden Augenblick konnte ich zu ihm gehen, ich aß täglich bey ihm, und es fehlte nichts daß ich wirklich sein Schwiegersohn war, als daß ich mit der Tochter in einer solchen Entfernung lebte. Vergebens erschöpfte ich meine Beredsamkeit bey ihr, und suchte durch alle Gründe die ich finden konnte, uns einander näher zu bringen, aber sie blieb unbeweglich, und ließ sich zu nichts bereden.
Ich hatte eine Art zu leben, die mir selbst unbegreiflich war. Täglich sah ich einen Mann, dessen langes Leben mir Kummer machte, und den ich nicht hassen konnte. Alles abgerechnet was er für mich gethan hatte, so empfing er mich immer wie seinen Sohn, und belustigte mich durch seine gute Laune, und witzigen Einfälle. Täglich fand ich mich in der Gesellschaft eines Mädchens, die ich bis zur Raserey liebte, und von der ich mich geliebt glaubte, und doch fühlte ich keine dieser stürmischen Empfindungen, die die Liebe in uns erweckt, wenn die Leidenschaft sich des Herzens bemächtigte. Es ist als wenn nach so vielen fruchtlosen Versuchen, das Herz und die Sinne sich der Gewohnheit unterworfen hätten, sich von der Vernunft leiten zu lassen, die über beide ihre Herrschaft ausübt.
Nachdem wir lange auf diese Weise fort gelebt hatten, überfiel den alten _Ribaupierre_ unerwartet eine solche Schwäche, der die Natur in wenig Augenblicken unterlag. Er hatte lange genug gelebt, um nicht vom Tode überrascht zu werden, und er bereitete sich zu diesem Schritte als ein Christ. Da er fühlte, daß er nicht wieder genesen könne, so wollte er auch mit mir sich aussöhnen, und mich in seinem Herzen lesen lassen. Nachdem er die letzte Oelung empfangen hatte, ließ er mich und seine Tochter an sein Bette rufen.
In wenig Worten, und ohne sich zu schmeicheln, erzählte er mir sein Leben. Ich sah darin eine stete Folge von erlittenen Verlusten und Unglücksfällen; aber bey aller Schuld, die er durch eine unordentliche Lebensart auf sich geladen hatte, bemerkte ich doch einen unerschütterlichen Grund von Rechtschaffenheit; gewiß war er einer der biedersten Menschen; wäre er es weniger gewesen, er würde unermeßliche Reichthümer erworben haben, die er aber lieber verachtete, als daß er gegen sein Gewissen gehandelt hätte. Er gestand mir, daß die Überzeugung, daß er nicht zum Glück gebohren sey, ihn gezwungen hätte, sich gegen alle Zufälle zu verwahren. Zwar hätte er nie im Ernst gezweifelt, daß ich und seine Tochter ihn gut behandeln würden, wenn er unsre Heirath bewilligte; aber er gestand mir doch, daß die Furcht vor der Zukunft in seinem Herzen zu groß und unüberwindlich gewesen sey. »Ich gebe Ihnen nichts, wenn ich Ihnen meine Tochter gebe, sie gehört Ihnen schon an, aus vielen Gründen. Verzeiht mir beide, daß ich mich so lange eurer Verbindung widersetzte, aber ich verdiene mehr Entschuldigung als Verzeihung, ich konnte eine Schwachheit in mir nicht unterdrücken, die die Annäherung des Todes allein bekämpft. Ich weiß, Sie lieben _Manon_ aufrichtig, und ich kann sie in keinen bessern Händen zurücklassen, als in den Ihrigen. Sie sey Ihnen auch um Ihrer selbst willen empfohlen, auch um meinetwillen darf ich hinzusetzen, es ist die Bitte eines Sterbenden, der Ihnen mit Wahrheit betheuert, daß er Sie immer unendlich geliebt und geschätzt hat. Gebt Euch die Hände, sagte er: ich hoffe, sie wird Ihnen nach der Heirath eben so theuer seyn, als sie es bisher war, und niemals Anlaß geben, daß Sie Ihre Wahl bereuen. Ich bitte Gott, daß er Euch seinen Segen gebe, den meinigen gebe ich Euch, aber, indem er sich zu seiner Tochter wendete, unter der Bedingung, daß du durch Tugend dich dessen würdig machst, und durch eine wahre unverbrüchliche Anhänglichkeit an Herrn _d'Autun_. Danke Gott, daß er dir einen solchen Mann bestimmte, hege alle die Zärtlichkeit gegen ihn, die er verdient, und alle Dankbarkeit für die Ehre die er dir erzeigt; denn er könnte natürlich auf eine höhere Verbindung Ansprüche machen. Bewahre ihm alle Treue und Ergebenheit und Ehrfurcht, die eine tugendhafte Frau ihrem Mann schuldig ist; dieß sind die Bedingungen, unter denen ich dir meinen Segen gebe.«
»Gehen Sie nun,« sagte er zu mir, »wiederholen Sie meinem Beichtvater was ich Ihnen sagte, und fragen ihn, ob es erlaubt ist, Sie in meinem Zimmer zu trauen? Ich habe keine Forderung mehr an die Welt zu machen; ich stürbe völlig beruhigt, wenn ich Euch noch verbunden sehen könnte, und meine Tochter vor meinem Tode noch unter sicherm Schutz, und in einer Verbindung, die vielleicht manchen Hindernissen ausgesetzt seyn könnte, wenn ich nicht mehr bin. Eilen Sie, wenn Sie wollen, daß ich noch diesen Wunsch erfüllt sehe. Ich fühle meine Kräfte, und habe nur noch wenige Stunden zu leben.«
Es war, als wenn er voraus sähe, was nach seinem Tode geschehen könnte. Gern hätte ich diese gute Stimmung benutzt, aber ich glaubte nicht, daß es schon so weit mit ihm wäre; denn seine Sinne waren noch ungeschwächt, sein Urtheil bestimmt, seine Gespräche reichhaltig, und zu dem hatte er eine starke Stimme, und lebhafte feurige Augen. Sein Zustand schmerzte mich aufrichtig, die Thränen seiner Tochter, die aus einem wahrhaft gerührten Herzen flossen, durchdrangen mich. Ich bewunderte die Ruhe, mit der ihr Vater ihr Trost einsprach; kein Zeichen von Ungeduld gab er von sich, kein Wort verrieth einen Wunsch in die Welt zurückkehren zu können. Ich sprach in seiner Gegenwart mit dem Beichtvater, und er bestätigte alles was ich sagte. Der Geistliche durfte uns aber ohne die Einwilligung des Erzbischoffs von Paris nicht trauen; doch versicherte er, daß er gar nicht zweifle, sie unter diesen Umständen zu erhalten. Wir baten ihn, sich selbst hin zu bemühen. Er that es, nachdem er vorher unsern Namen und Stand aufgezeichnet hatte, und ließ bei dem Kranken einen andern Geistlichen. Auch wir blieben bei ihm, und ich sah in dem Sterbenden eine wahre Ergebung und eine ungeheuchelte Entsagung aller irrdischen Dinge, mit einem Wort solche Gesinnungen, wie sie sich jeder wünschen sollte.
Die Erlaubniß zu unserer Trauung kam zu spät, eben als er seine Augen geschlossen hatte; sie wurde uns unnöthig, denn der Geistliche wollte nun nicht davon Gebrauch machen. Er sagte, der Erzbischof habe nur die Erlaubniß ertheilt, um das Gewissen eines Sterbenden zu beruhigen, und um sein Herz von weltlichen Angelegenheiten loszumachen; aber der letzte Seufzer desselben habe alle diese Ansichten verändert, wir wären nicht mehr in der Lage uns den gewöhnlichen Ceremonien der Kirche entziehen zu dürfen.
Ich erschöpfte vergebens meine Beredsamkeit, so wie auch die Tante des Fräuleins; man bot dem Geistlichen eine ansehnliche Summe, um ihn dahin zu bringen, uns den Segen zu geben; aber alles war umsonst.
Ich führte nun _Manon_ in mein Haus, und bat die Freundin, bei der ich sie zum erstenmale sah, ihr Gesellschaft zu leisten, ich selbst ging zu _Ribaupierre's_ Wohnung zurück, wo sich die Tante mit ihrem Sohn nebst noch mehreren Verwandten des Verstorbenen befanden. Sie betrachteten mich alle als Herrn des Hauses, und überließen meiner Einsicht alle Einrichtungen. Ich ließ versiegeln, ordnete das Leichenbegängniß an und die Seelenmessen, und nahm alle Kostbarkeiten in meine Verwahrung. _Manon_ unterschrieb alles, was ich wollte, und verließ sich ganz auf mich. Ihre Erbschaft machte wenig Umstände, sie war die einzige Tochter und Erbin, also waren keine Einsprüche zu befürchten. Bald war sie in alle ihre Rechte eingesetzt, und als ich sie wieder in ihr Haus zurückführte, war sie so erschöpft, und bewegt, daß ich nicht wagen durfte, mit ihr sobald von unserer Heirath zu sprechen.
Ihre Tante aber erklärte ihr in meiner Gegenwart, daß sie sich nicht sobald nach dem Tode ihres Vaters verheirathen dürfe, weil diese Eilfertigkeit zu vielen Gesprächen Anlaß geben könnte. Sie war die erste, die darein willigte, und ich mußte nachgeben, so schwer es mir auch fiel; zumal da dringende Geschäfte mich wieder nach A-- riefen. Da die Tante dafür hielt, daß es sich für ein unverheirathetes Frauenzimmer nicht schicke, mit so vielen Bedienten allein zu wohnen, so rieth ich ihr, die Zeit meiner Abwesenheit bei der Tante zuzubringen, wo die lebhafte Gesellschaft zugleich ihren Kummer zerstreuen würde.
Nach vierzehn Tagen ging ich zum letztenmal vor meiner Abreise zu ihr; ich sah sie Briefe schreiben, und auf die Post geben. Dieß beunruhigte mich nicht, da ich wußte, daß sie Herr über ihr Vermögen war, und, weil ein Theil davon in einer entfernten Provinz stand, leicht Veranlassungen zum Schreiben haben konnte. Aber ich entdeckte doch, daß ein Brief darunter war, dessen Aufschrift sie mir verbergen wollte. Will man einem Liebhaber etwas verheimlichen, so ist dieß gerade ein Mittel, seine Neugierde zu erregen. Unser Verhältniß erlaubte mir die Frage an sie zu thun, an wen dieser Brief gerichtet sei? aber ich that sie nicht, und begnügte mich damit, daß ich einen Handschuh fallen ließ, und den Kopf erhob, indem ich ihn aufnahm. Da die Adresse umgekehrt lag, so konnte ich nur den Namen _Rosier_ lesen, ohne zu sehen, nach welchem Ort er gerichtet war; ich hatte niemals einen ähnlichen Namen gehört, und bekümmerte mich nicht weiter darum.
Ich trat meine Reise an, nach deren Beendigung unsere Heirath vollzogen werden sollte; der Abschied war zärtlicher als das erstemahl. Dießmahl war ich wie ein Mann, der vor Begierde brennt, sich des Besitzes zu erfreuen. Ich sah in A-- nur Menschen, mit denen ich Geschäfte hatte, selbst einen Theil meiner Ansprüche und Rechte opferte ich auf, um meine Geschäfte nur schnell zu beendigen, und war vierzehn Tage früher wieder in Paris, als man mich erwartete.
Ich ging sogleich zu _Manon_, noch eh ich in meine eigne Wohnung trat. Sie war nicht zu Hause. Es kamen zwei Briefe an sie an. Da ich ihre Geschäfte zu besorgen gewohnt war, so ließ mich die Kammerfrau die Briefe in Empfang nehmen. Ich empfahl ihr meine Ankunft zu verschweigen, weil mir's einfiel, einen Brief von meiner Hand in einen von diesen einzuschieben, um sie in Verlegenheit zu setzen, und mich über sie lustig zu machen. Die Kammerfrau versprach das Geheimniß zu bewahren, und ich ging in meine Wohnung, um mich umzukleiden. Ich war überzeugt, daß die Briefe nur von Geschäften handelten, die ihre Erbschaft beträfen, und daß sie nicht darüber böse werden könnte, wenn ich einen davon aufbräche. Ich zauderte also nicht lange. Der Brief war mit dem Namen _Rosier_ unterschrieben. Dieß erinnerte mich an die Sorgfalt, die sie angewandt hatte, mir einen Brief mit dieser Aufschrift zu verbergen. Meine Gedanken verwirrten sich, und ich wußte keinen Ausweg. Der Inhalt des Briefs machte mich schaudern. Man schrieb ihr:
»Mit der größten Freude, mein Fräulein, empfing ich Ihren Brief vom neunzehnten, und ich erfuhr, daß Sie nicht mehr unter der Tyrannei eines Vaters seufzen müßten. Tausendmal habe ich Ihre Gefälligkeit für ihn bewundert, und Ihre Tugend, mit der Sie seine üblen Launen ertrugen. Ich glaubte nicht, daß die kindliche Liebe so weit gehen könnte. Endlich sind Sie frey, ich danke Gott täglich dafür um meinet- und Ihrentwillen. Ich bleibe nur noch kurze Zeit hier, spätestens in vierzehn Tagen hoffe ich zu Ihnen zu kommen, und in Ihrer Nähe alle Freuden zu genießen, die eine glückliche Liebe verspricht; nach so vielen Durchkreuzungen des Schicksals und nach den Hindernissen, die ein glücklicherer Nebenbuhler, von einem Manne begünstigt, von dem Sie abhängig waren, uns in den Weg legte. Mag er seyn, wer er will, dieser Nebenbuhler, so schwöre ich es Ihnen zu, er ist verloren bei meiner Ankunft, oder meine Mutter wird mich von dem schrecklichen Anblick befreien, Sie in seinen Armen zu sehen. Sie wollen mein seyn, nichts wird mich von meinem Glück abhalten, und ich werde Ihnen Beweise geben, daß niemand zärtlicher und treuer geliebt hat, als Ihr
_Rosier_.«
Könnte der Schmerz tödten, so wäre ich in diesem Moment gestorben. Eine ganze Stunde blieb ich fast ohne Bewußtseyn, so hatte mich dieser unerwartete Schlag betäubt. Aber die Wuth folgte dem Schmerz bald nach. Ich horchte nur auf die Stimme der Rache, und entschloß mich, diesem Menschen zuvor zu kommen, der mir den Tod drohete, ehe er mich gesehen hatte. Ich nahm die Feder, aber ich weiß nicht, was ich in der Bewegung niederschrieb. Ich sandte _Manon_ die Briefe zu, auch den meinigen. Ich stieg wieder aufs Pferd und nahm den Weg nach _Grenoble_; ich hatte den Plan, jenen _Rosier_ selbst ausfindig zu machen, und zu sehen, ob er eben so tapfer in der Nähe als in der Ferne wäre. Der Zorn gab mir Flügel; in dreißig Stunden war ich dort. Ohne auszuruhen machte ich Anstalt den Menschen aufzusuchen, wo ich nur hoffen konnte, Nachrichten von ihm einzuziehen; aber ich konnte ihn nicht finden. Endlich von den vielen mißlungenen Versuchen abgeschreckt, mehr noch als wüthend über die Untreue meiner Braut durchreiste ich das Lioner Gebiet und den Wald, und ging nach A-- zurück, wo ich entschlossen war zu bleiben, bis die Zeit das Andenken an _Manon_ in meinem Herzen getilgt haben würde. Vier Monate blieb ich dort, aber ich erreichte nicht meinen Zweck. Ich wäre länger geblieben, hätte mich meine Stelle nicht gezwungen nach Paris zurückzukehren.
_Manon_, die meine Ankunft sogleich erfuhr, kam gleich den andern Tag zu mir in mein Haus, aber ich ließ mich verläugnen und verbot meinen Bedienten, sie je zu mir zu führen, so oft sie auch kommen möchte. Sie schrieb mir einigemal, aber ich schickte die Briefe unerbrochen zurück, auch ihr Bild und alle Briefe, die ich von ihr hatte, schickte ich ihr wieder. Ihre Verwandten machten viele fruchtlose Versuche zu unserer Aussöhnung, aber diese Verrätherey war zu schwarz in meinen Augen, als daß ich hätte leicht verzeihen können. Ich suchte aber ihren _Rosier_ nicht mehr auf, denn ich hielt es für die beste Rache, die ich nehmen konnte, sie beide zu verachten.
So lebte ich eine geraume Zeit mit dem Anschein einer ruhigen Kälte, aber doch merkten meine Freunde, daß mein Herz ein schwerer Kummer drückte. Einer von ihnen, der mir am nächsten war, und mein Vertrauen mehr besaß als die andern, nahm sich das Herz, in einem Gespräch meine Verhältnisse mit _Manon_ zu berühren, da wir einmal mehr als gewöhnlich auf eine vertrauliche Art zusammen sprachen.
Ist das Fräulein, sagte er, dir untreu, so billige ich dein Verfahren sehr. Sie verdient alsdann nicht, daß ein rechtschaffener Mann an sie denkt; aber ich, der ich nicht so befangen urtheile, wollte fast schwören, daß ein Mißverständniß zum Grunde liegt. Wie hätte sich in der That so ein Verhältniß entspinnen können, mit diesem Herrn _Rosier_, den du niemals gesehen hast, da du doch täglich bey ihr warst. Warum sollte sie zwey Menschen zugleich ihre Hand versprochen haben? Warum dir ihr Versprechen nicht halten, nachdem sie so viele Schritte zu deinem Vortheil gethan hatte? Warum hätte sie dich so oft aufgesucht? was wäre aus _Rosier_ geworden? und warum sollte sie dir noch schreiben? Warum, wenn sie dir untreu ist, eine Versöhnung mit dir versuchen wollen? Dahinter steckt ein Geheimniß, und ich bin sicher, daß zum wenigsten eine Übereilung von deiner Seite, und ein Spiel des Zufalls von der ihrigen zum Grunde liegt, oder sie ist die größte Betrügerin, die in der Welt ist.
Seine Gründe machten auf mein Herz einigen Eindruck. Ich dachte der Sache tiefer nach, und bat ihn endlich, wenn er _Manon_ spräche, die Unterredung auf mich zu leiten. Thue was du kannst, um die Wahrheit zu entdecken. Als ich ihr neulich begegnete, machte mich ihr Blick, der gerade auf mich gerichtet war, stutzen, und zerstreuete einen Theil meines Zorns, darum möchte ich nicht gern mit ihr selbst sprechen, weil ich meinem Herzen nicht traue; aber suche Du sie auf.