Die Bekanntschaft auf der Reise

Part 10

Chapter 103,919 wordsPublic domain

Ihre Antwort brachte mich auf, und ich sagte ihr, daß ich die Folgen nicht fürchtete; und wäre etwas zu befürchten, so wäre es nicht für sie. »Der Ton, in dem Sie mit mir sprechen,« fuhr ich fort, »läßt mich wohl glauben, daß Ihr Vater nicht unrecht hatte, wenn er Ihren Ausspruch zu meinem Vortheil bezweifelte, und allem Anschein nach bestimmen Sie sich dem neuen Liebhaber, von dem Ihr Vater mir sprach.« Ich sprach in einem so hohen Tone, und war so lebhaft, daß ich nicht weiß, ob ich nicht gar in Schmähungen ausgebrochen wäre, wenn _Manon_ mir Zeit gelassen hätte. »Mein Vater hat Ihnen dieses gesagt!« rief sie aus, und hob die Hände zum Himmel; »sagte er Ihnen, daß ich einen neuen Liebhaber hätte?« -- »Er sagte mir mehr, er sagte auch, daß Sie ihn liebten.« »Hören Sie mich,« sagte sie ruhig, »dies läßt mich einen neuen Kunstgriff seiner Art argwöhnen. Ich habe Ihnen niemals Anlaß gegeben, Mißtrauen in meine Offenheit zu setzen. Hier könnten wir keine Erklärung haben, ohne behorcht zu werden, finden Sie sich heute um drey Uhr im Garten des Arsenals ein, wir können dort unter vier Augen sprechen; ich werde mich mit Ihnen auf eine Weise erklären, die Sie befriedigen wird.« Diese Worte waren mit solcher Unbefangenheit und Aufrichtigkeit gesprochen, daß ich mich ergab und die Zusammenkunft annahm. Unsere Unterredung dauerte lange, und ich erzählte ihr Wort für Wort, was ich ihrem Vater gesagt hatte, und seine Antwort.

»Ich weiß nicht,« sagte sie, »was ich Ihnen darauf erwiedern soll, ich bin in einer größern Verlegenheit als Sie. Die Ehrfurcht, die ich ihm schuldig bin, verhindert mich, etwas gegen ihn zu sagen; aber so viel ich davon urtheilen kann, so betrügt er uns; er weiß zu gut, daß ich niemals in eine andere Heirath einwilligen würde, als mit Ihnen, und unter der Bedingung will er mich nicht verheirathen, so lange er lebt. Was den Liebhaber betrifft, den er mir giebt, so weiß ich nicht, auf wen ich rathen soll; denn seit Ihrer Abreise sah ich niemanden, als den jungen _Melville_. Sein Vater ist der Freund des meinigen, aber die Art, mit welcher ich Ihnen von ihm schrieb, läßt mich hoffen, daß Sie das Mährchen nicht glauben. Selbst mein Vater sieht ihn noch wie ein Kind an. Hätte sein Vater mit dem meinigen gesprochen, wovon ich nichts weiß, so giebt es dafür ein gutes Mittel. Da er Ihnen sagte, daß ich die Ihrige werden sollte, wenn ich darein willigen würde, so wird die Sache bald zu Ende seyn; denn ich bin bereit, ihm meine Gesinnungen zu erklären, so bald es Ihnen gefällt; ob er sie gleich weiß; denn ich habe mich mehr als einmal darüber erklärt, aber ich werde es vor ihm, wie vor der ganzen Welt thun, wenn es nöthig seyn sollte, und heute noch, wenn Sie wollen. Ich glaube nicht, daß man bestimmter sprechen kann. Sagen Sie, was Sie wollen, das ich thun soll, ich werde es ohne Anstand thun. Glauben Sie mir, eilen Sie, ihn zu einer bestimmten Erklärung zu bringen, weil er sein Wort gab; setzen Sie ihn in die Nothwendigkeit, es zu halten, und aus diesem Grunde geben Sie zu, daß ich zu ihm und in seiner Gegenwart spreche.« Ich hielt sie beim Wort, und bat, daß es in demselben Augenblick geschehen möchte.

Wir stiegen zusammen in die Kutsche, die sie hergeführt hatte, es war ein Fiacre, sie hatte mit Fleiß weder den Wagen ihres Vaters, noch den meinigen angenommen. Wir kamen in der Meinung an, ihn beide zu sprechen, und plötzlich Ja oder Nein von ihm zu hören; aber wir hatten mit einem Manne zu thun, der sich nicht, wie wir glaubten, zu beherrschen wußte. Die Wärme, mit der ich zu ihm am Morgen sprach, und die heftigen Äusserungen meiner Liebe, die aus meinen Worten hervorleuchteten, hatten ihn überrascht und eine vorübergehende Empfindung des Mitleidens bei ihm erregt, deren sich selbst die bösen Geister nicht erwehren können. Er hatte mich angenommen und bereute es in dem nächsten Augenblick schon wieder, denn er wollte seine Tochter niemals verheirathen. Er suchte also Mittel auf, das Versprechen aufzuheben, das er eingegangen war, sie mir zu geben, wenn sie es wollte; aber doch wollte er auch nicht, daß ich seine Tochter zuerst unsers Bruchs beschuldigen sollte; denn er sah mich doch als ihren künftigen Gemahl an, ob er es gleich nicht bei seinem Leben erlauben wollte. Sein Wille war nicht, mich wegzustoßen, sondern nur wegzuschieben. Aus dieser Absicht war er wirklich während meiner Abwesenheit in Traktaten mit _Melville_, dem Vater, getreten, ob er gleich in der That seiner Tochter niemals einem Mann von so geringen Verdiensten geben wollte, und der so wenig in guten Umständen war. Da er nicht zweifelte, daß ich ihn bald nöthigen würde, zum Entschluß zu kommen, da ich seine Tochter in seiner Gegenwart zu einer Erklärung gegen mich treiben würde, so beschloß er, uns zuvor zu kommen.

Er wußte unsre Zusammenkunft, und kaum war seine Tochter aus dem Hause, so schickte er zu dem alten _Melville_, einer dringenden Angelegenheit wegen, ihn einzuladen. Der Sohn, der eben dem Fräulein einen Besuch abstatten wollte, fand sich zu gleicher Zeit mit seinem Vater zufällig an der Thür. Sobald _Ribaupierre_ sie ankommen sah, beschloß er, sie eben so gut zum Besten zu haben, wie mich und seine Tochter. Nach den ersten Höflichkeitsbezeugungen sagte er dem alten _Melville_, daß er über das nachgedacht, was sie zusammen über die Heirath ihrer Kinder ausgedacht hätten; da er sich alt und gebrechlich fühle, so hätte er beschlossen, die Sache so bald als möglich zu beendigen. Der junge _Melville_ konnte, wie wir nachher vernahmen, diese Rede nicht ohne Kitzel hören, er ließ seinem Vater nicht einmal Zeit zur Antwort, sondern sprach zuerst, und so wenig man seinen Verstand aus den Reden erkennen konnte, so viel Liebe sah man doch darin für das Fräulein. Er schlang sich um den Hals seines neuen Schwiegervaters, und sagte ihm, daß es neues unerwartetes Glück für ihn sey, aber daß er es mit dem besten Herzen annähme. Der Vater, der mäßiger in seinen Ausdrücken war, dankte dem alten _Ribaupierre_ eben mit solchem Vertrauen, als wenn er wirklich gute Absichten gehabt hätte, und da seine Anträge ihm sehr vortheilhaft waren, so nahm er sie auf der Stelle an. Man sprach schon von den Artikeln des Ehecontracts. _Melville_ beraubte sich zur Gunst seines Sohnes seiner Bedienung und trat sie ihm ab. Sie bewilligten alle Forderungen, die ihnen _Ribaupierre_ machte, und die Sache wurde mit solchem Ernst betrieben, daß sie als geschehen angesehen werden mußte, und wo auch _Ribaupierre_ selbst sich nicht mehr hätte zurückziehen können, wenn seine Tochter eingewilligt hätte; aber er wußte sehr wohl, daß sie dieses nicht thun würde, und alles geschah nur in der Absicht, um ihr selbst einen solchen Streich zu spielen, daß sie genöthigt werden sollte, sich dem zu widersetzen, was er wünschte, da er ihr immer betheuert hatte, keine Gewalt zu brauchen. Er bereitete sich also, ohne irgend Gefahr zu laufen, eine Komödie, die unnachahmlich war, weil die Spieler so natürlich ihre Rollen spielen mußten, und sie so wenig eingelernt hatten, als falschen Schmuck kannten.

Wir kamen eben dazu, als sie noch bei der Aufsetzung der Artikel von dieser vorgeblichen Heirath beschäftigt waren. _Melville's_ Anblick, den ich nicht kannte, brachte mich für einen Augenblick zum Schweigen, doch blieben sie mir beide nicht lange fremd; _Melville's_ Anrede an das Fräulein unterrichtete mich bald von ihren Absichten. »Mein Fräulein,« sagte er zu ihr, »wollen Sie mir erlauben, Ihnen meine Freude über das Glück zu zeigen, dessen mich Ihr Vater versichert hat, da er mir Ihre Hand giebt? Ich glaube Sie zu gehorsam, um von Ihnen Widerspruch zu erwarten.« In einem solchen beleidigenden Ton hätte er noch lange fortgeredet, wenn ich ihn nicht unterbrochen hätte. »Sie sagen, Herr _von Ribaupierre_ giebt Ihnen sein Wort auf die Hand seiner Tochter?« »Ja, mein Herr,« war seine Antwort. »Nun dann,« erwiederte ich, »Herr _von Ribaupierre_ versprach mir es noch diesen Morgen, es auf seiner Tochter Entscheidung ankommen zu lassen. Ich habe eben so gut Ansprüche auf sie und eben so gegründete, und doch überlasse ich es ihrer Wahl, und Sie, mein Herr, da Sie sie zu gehorsam glauben, als daß Sie Widerspruch von ihr befürchten, sind gewiß zu klug und edelgebohren, und selbst zu rechtschaffen, um ihr Zwang anzuthun, und sich nicht dem zu unterwerfen, was ihre Meinung entscheiden wird. Sprechen Sie nun selbst, mein Fräulein,« redete ich sie an, »diese Gelegenheit ist zu schön und zu günstig.« Sie erröthete, aber sie blieb keinen Augenblick unschlüssig. Sie fiel ihrem Vater zu Füßen, ohne _Melvilles_ anzusehn, und ich hörte von ihr alles, was ein kluges, frommes, rechtschaffenes und geistvolles Mädchen sagen kann; von dem Ausdruck der heftigsten Leidenschaft begleitet, hatte sie ihren Worten noch mehr Gewicht gegeben. Sie endigte damit, daß sie ihrem Vater die Versicherung gab, daß sie niemals etwas thun würde, was der Tugend zuwider und was sein Misfallen erwecken könnte; aber sie bat ihn sehr, daß er sie nicht zwingen möchte, indem er ihre Hand ohne ihre Neigung vergeben wollte.

Auch ich faßte meinen Entschluß, und ob ich gleich die Betrügerei ahndete, so unterließ ich nicht, so gut zu meinem Vortheil zu sprechen, daß selbst der alte _Melville_, der ein sehr rechtschaffener Mann war, sich zu unserm Beschützer aufwarf. Er sagte dem alten _Ribaupierre_, wenn ihm die Gesinnungen seiner Tochter und die meinigen bekannt gewesen wären, so würde er niemahls an diese Verbindung gedacht haben. Man könnte nichts besseres thun, als zwei Menschen zu verbinden, deren Herzen schon so fest an einander gekettet wären; dies sei der Rath, den er ihm als rechtschaffener Mann gäbe, und um dessen Befolgung er ihn als Freund bäte.

_Ribaupierre_, der eine solche Bitte nicht erwartet hatte, war einen Augenblick darüber verlegen. Aber da er schon längst seinen Entschluß gefaßt hatte, so sagte er ohne Umschweife, daß seine Tochter ein unverschämtes Mädchen wäre, in einem solchem Tone in Gegenwart so vieler Menschen zu sprechen; sie verletzte die ihm schuldige Ehrfurcht, und die Zurückhaltung, die sie sich selbst schuldig sey, so daß er nichts besseres thun können, um sie zu bestrafen, als sie zu lassen, wer sie wäre. Er würde ihr niemals Zwang auflegen, weil er es ihr versprochen, aber er würde auch seine Einwilligung nicht geben, weil sie es wünschte. »Aber Sie versprachen mir ja, sie mir zu geben, wenn sie darein willigen würde, und nun fordere ich Sie selbst auf, mir Wort zu halten,« sagte ich. »Das sind Kleinigkeiten,« war seine Antwort. »Sie hielten mir damahls den Degen in die Seite, und ich vergaß es, daß ich _Manon_ schon an Herrn _von Melville_ versagt hatte.« -- »Ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück,« sagte dieser, »das soll Sie nicht abhalten, mit diesem Herrn in Verbindung zu treten.« »So wird es auch nichts,« sagte _Ribaupierre_ erzürnt, und drehte sich nach der entgegengesetzten Seite seines Bettes um, und machte es uns in der That unmöglich, noch eine Antwort herauszubringen.

Der alte _Melville_ wußte nicht, was er davon denken sollte, der Sohn wollte verzweifeln, seine Hoffnungen verschwinden zu sehn; das Fräulein verließ uns mit Thränen in den Augen, aber ich konnte nicht länger schweigen, da ich die ganze Betrügerei entdeckt hatte. »Sie wissen, mein Herr,« sagte ich, »daß ich schon längst an Ihre Tochter gedacht habe, Sie wissen auch, daß ich ihr nicht gleichgültig bin; Sie lassen Herrn _von Melville_ zwischen uns treten und geben ihm den Vorzug. Ich habe nicht die Ehre ihn zu kennen, aber meine Eigenliebe schmeichelt mir genugsam, um zu meiner Gunst jeden Unterschied aufzusuchen, der sich zwischen uns finden mag; ich glaube, daß dieser Herr mir sie nicht streitig machen könnte, wenn ich ganz von ihm gekannt wäre; ich möchte wenigstens mich um seinetwillen in nichts verändern, auf welche Art es auch seyn möchte. Es wird mir schwer, mich auf eine solche Art zu erklären, aber die Ungerechtigkeit, die Sie an mir begehen, zwingt mich dazu. Wie es auch sey, mein Herr, was Sie bewegen kann, so zu handeln, so werde ich dem Beispiel Ihrer Tochter folgen, ich werde schweigen, weil ich fürchten muß, daß die Leidenschaft, die in mir erweckt ist, mich die Grenzen der Ehrfurcht überschreiten lassen möchte, die ich dem Vater eines Mädchens schuldig bin, das ich liebe, ja ich möchte sagen, das ich bis zur Raserey liebe.« Ich verließ das Zimmer in der That und suchte sie auf. Sie weinte, und ich bedurfte des Trostes, aber ihr Schmerz rührte mich stärker, als der meinige. Wir sagten uns, was uns in den Mund kam, aber wir beschlossen nichts, als uns ewig zu lieben, was auch der harte Vater ersinnen möchte, uns zu trennen. Sie ließ mir eine zärtliche Furcht in ihrem Herzen lesen, daß ich doch abgeschreckt werden könnte, aber ich versicherte sie vom Gegentheil, und gelobte ihr ewige Liebe und Treue.

Die beiden _Melvilles_ verließen das Haus. Ich fürchtete, einem Zwist nicht ausweichen zu können, aber ich betrog mich. Der Vater war rechtschaffen, er sagte mir, die Art, wie ich die Sache genommen, habe ihn nicht beleidigt, auch nicht die Verachtung, mit der ich von seinem Sohn in seiner Gegenwart gesprochen hätte; er schrieb alles auf Rechnung meiner Leidenschaft, und sagte: es wäre unvernünftig, auf Vernunft in der Verzweiflung der Liebe zu rechnen. Diese Äußerungen mußten mich Entschuldigungen auffinden lassen, und das Fräulein that noch einen nachdrücklichen Schritt; denn nachdem sie sich über die Nothwendigkeit ihrer festen Erklärung entschuldigt hatte, so setzte sie hinzu, indem sie ihr Gespräch an den Sohn richtete: »Sie wissen sehr wohl, mein Herr, daß man nicht Herr seines Herzens ist; hätte ich Sie früher als Herrn _von Autun_ gekannt, Ihre Verdienste würden mein Herz gerührt haben; aber Sie erschienen mir, da mein Herz schon von einem andern Gegenstand erfüllt war. Ich könnte Ihnen nichts geben, als meine Achtung; Sie sind zu rechtschaffen, um es übel aufzunehmen, was ich Ihnen sage, auch verzeihen Sie mir die Bitte, die ich im Beiseyn Ihres Vaters an Sie thue, nie mehr einen Anlaß zu irgend einer Art von Aufsehen zu geben.« »Ich verstehe Sie wohl,« sagte der Vater, »Sie haben mein Ehrenwort, daß er Sie niemals wieder belästigen soll. Und ich befehle ihm, in diesem Augenblick von Ihnen auf ewig Abschied zu nehmen. Niemals,« fuhr er fort, und wendete sich zum Sohn, »muß ein rechtschaffener Mann irgendwo überflüßig scheinen. Du spieltest hier eine schlechte Rolle, setze dich niemals wieder dieser Gefahr aus, und versprich es dem Fräulein in meinem Beiseyn, sie niemals wieder zu besuchen. Da deine Liebe nicht gut aufgenommen wurde, so sey wenigstens dein Gehorsam gegen sie in ihren Augen ein Verdienst.« Wir schieden nach vielen wechselseitigen Höflichkeitsbezeigungen von einander.

So war ich von meinem Nebenbuhler befreit, ohne deswegen glücklicher zu seyn! Jeder Versuch war uns abgeschnitten; und wir hofften nur von der Zeit allein noch eine günstige Wendung. _Manons_ Vater sprach mit seiner Tochter kein Wort mehr, weder von _Melville_, noch von mir; es war, als hätten wir nie gelebt. Er machte weder ihr noch mir ein finsteres Gesicht; ich ging beständig zu ihm. Er beobachtete aber so ein tiefes Stillschweigen über alles, was uns anging, daß wir uns in der größten Verlegenheit befanden. Wir hatten indeß nichts mehr von ihm zu befürchten; er hatte uns ermüdet und zurückgestoßen, und mehr verlangte er nicht.

Er hatte sein Versprechen erfüllt, er wollte unsere Verbindung aufheben, ohne daß seine Tochter mir den kleinsten Anlaß zur Unzufriedenheit geben sollte. Er sah mich als den Mann an, den er ihr bestimmte, aber ich wußte nicht, daß er mich wirklich liebte; und doch war es so; denn er bewieß es mir einige Monate nachher, auf eine sehr großmüthige Weise.

Ich hatte längst eine Stelle zu kaufen gesucht, jetzt fand sich eine erledigt; aber die Rede war nun von der Bezahlung. Ich hatte ohngefähr zwey Drittheile von dem nöthigen Gelde; aber ich hatte mich verbindlich gemacht die ganze Summe auf einen einzigen Termin zu bezahlen. Zu meinem Unglück starb in dieser Zeit der Banquier, der mehr als zwanzig tausend Thaler von mir hatte; und da die Sachen so standen, daß man außer Stande war, mir sogleich die ganze Summe auszuzahlen, so hielt ich mein Geld für verlohren, oder wenigstens sehr dem Zufall überlassen. Ich suchte Geld aufzutreiben, wo ich nur konnte, aber mein Credit war nicht groß genug, um eine so große Summe aufzubringen, zumahl zu einer Zeit, wo die Banquerotte so häufig waren. Ich weiß nicht, durch welchen Zufall _Ribaupierre_ es erfuhr; denn seine Tochter wußte nichts von mir, und es wurde ihr erst bekannt, da sie ihr Vater zu mir schickte. Er borgte Geld, wo er nur welches bekommen konnte, selbst einen Theil seines Silberzeugs setzte er zum Pfande, und als ich mir es am wenigsten vermuthen konnte, so sah ich _Manon_ in mein Zimmer treten. Sie brachte mir zwölf tausend Thaler, und sagte, ihr Vater habe erfahren, das ich Geld bedürfe, und hätte ihr aufgetragen, von mir zu erfahren, wenn es nicht hinreiche, er bürge für mich, und würde alle Kräfte aufbieten, mir das nöthige zu verschaffen. Es war mehr als ich zu meinem Vorrath noch bedurfte. Sie sagte, sie hätte befürchtet, der Vater würde ihr einen neuen Streich spielen, da sie gesehen, daß er auf einmal alles Silber verkauft hätte. Aber jetzt wäre ihre Freude desto größer, da sie seine Absichten entdecke.

Diese Großmuth von seiner Seite erweckte in meinem Herzen eine tiefe Rührung, da ich zumal in einer Lage war, wo mir baares Geld so unentbehrlich war. Er sandte mir die Summe am Morgen des nämlichen Tages, an welchem ich die Zahlung leisten sollte. Meine erste Sorge war, ihm zu danken. Ich zeigte ihm ganz, wie groß meine Dankbarkeit sey, und sagte ihm offenherzig, aus welcher Verlegenheit er mich gerissen habe. Er unterbrach mich in meinen Danksagungen, und ohne die Art und Weise zu ändern, mit der er mich sonst behandelte, sagte er mir ganz trocken: »ich solle nun gehen, meine Geschäfte zu beendigen. Man lerne seine Freunde in der Noth vorzüglich kennen, und er wäre der meinige mehr als ich dächte, ob er gleich überzeugt wäre, daß ich ihn im Herzen oft verwünscht hätte. Kommen Sie zum Abendessen wieder,« sagte er noch. Da ich sahe, daß er ohne Zwang mit mir umging, so behandelte ich ihn auf eine ähnliche Weise. Ich ging meinen Geschäften nach, und endigte sie nach Wunsche.

Ich brachte den Abend in _Ribaupierre's_ Hause zu, und wollte noch immer in meinen Danksagungen fortfahren, aber er unterbrach mich. »Ey zum Henker,« rief er, »weil Sie so oft wieder dasselbe Lied beginnen, so muß ich auch reden. Ist's nicht wahr, daß wenn ich Ihnen meine Tochter nebst meinem Vermögen gegeben hätte, so hätte ich Ihnen keinen Dienst geleistet, weil ich es hernach nicht mehr hätte thun können, oder Sie hätten es wohl nicht nöthig gehabt? Und hätten Sie meine Tochter ohne Vermögen erhalten, wie Sie sie verlangten, so würden Sie glauben, es sey Ihr eigenes Gut, was ich Ihnen gegeben, und nicht das meinige? Und ist es nicht auch noch wahr, daß Sie mir jetzt mehr Verbindlichkeit haben, als wenn Sie mein Schwiegersohn wären? Ist es nicht so, daß Sie mehr Dankbarkeit empfinden, und mit einem Wort mehr gerührt sind.« Ich gestand es ihm zu. »Nun das ist's eben, was ich meine, lieber Freund,« erwiederte er, indem er mich treuherzig auf die Schultern klopfte. »Sey immer Herr des Deinigen, und überlaß Deinen Kindern, wenn Du welche hast, Dir den Hof zu machen, ohne sie und Dich selbst je in den Fall zu setzen, daß Du _ihnen_ den Hof machst. Es ist sehr angenehm, sein eigner Herr zu seyn, Du wirst auch einst Kinder haben, handle auch mit ihnen, wie ich mit Dir handelte, so wirst Du immer gefürchtet und geehrt seyn.«

So viel ich auch gegen seine Moral einzuwenden hatte, so mußte ich sie doch sehr vernünftig finden, und wenn alle Eltern mit ihren Kindern so handelten, so würden die Kinder mehr Achtung und Ehrerbietung vor ihnen haben. Denn er sagte sehr wahr, daß die Kinder immer ihre Eltern wiederfänden; aber die Väter und Mütter nicht immer ihre Kinder; und dann sey es auch beschämend von denen abzuhängen, die uns das Leben verdanken; aber im Gegentheil wäre es sehr natürlich und ein heiliges Gesetz, daß wir von denen abhängen, die wir als die Urheber unsers Daseyns verehren.

Ich mußte den Mann bewundern, der mir willig sein Vermögen anvertraute, und mir doch seine Tochter versagte, weil er den festen Entschluß hatte, sich nicht zu entblößen: denn im Grunde liebte er mich, und mit einem solchen Zutrauen, daß nie davon die Rede war, daß ich ihm eine schriftliche Sicherheit geben sollte. Denn als ich ihm einen Theil des überflüssigen Geldes zurück gab, und für das übrige eine schriftliche Versicherung brachte, so nahm er jenes zwar wieder; fragte mich aber dabei, ob ich dächte früher als er zu sterben, und setzte hinzu, daß Leute von Ehre einer solchen Vorsicht nicht bedürften, die ihren Ursprung immer dem Mißtrauen zu danken habe.

Indem diese Gelegenheit mir bewieß, welchen Antheil er an meinem Glücke nahm, erfolgte noch ein Vorfall, der mir seinen Antheil an meiner Person zeigte.

In dem Hause, wo ich wohnte, fand sich ein schönes junges Mädchen, und da ich keine eigene Haushaltung hatte, so aß ich bei der Dame meines Hauses. Man sagte das Mädchen sei von einer guten Familie, auch hatte sie wirklich sehr gute Sitten, und nicht gemeinen Anstand. Sie hatte oft Verrichtungen in meinen Zimmern, und machte sich noch öfter darin zu thun, als nöthig war. Ich war jung, die Leidenschaft für _Manon_ hatte meine Sinne aufgeregt, das Mädchen war leichtfertig, und froher Laune, wir kamen weiter als es die Sittsamkeit erlaubte, und sie spürte die Folgen unsers Verständnisses, das eine lange Zeit, ohne Aufsehen zu machen, fortdauerte. Man hatte keinen Verdacht auf mich, aber endlich wurde es doch entdeckt. _Ribaupierre_, der weitläuftige Verbindung hatte, und überall Freunde, war auch davon unterrichtet, als das Mädchen ihrer Niederkunft nahe war, und wußte, daß sie mir einen Rechtshandel auf den Hals bringen würde, da sie mich schon bei den Gerichten verklagt hatte. Wirklich war schon der Verhaftsbefehl ausgefertigt. _Ribaupierre_ erzählte mir, daß ihm alles bekannt sei, und stürzte mich durch dieses Geständniß in die größte Verlegenheit, in die ich je in meinem Leben gekommen bin. Zwar wollte er mit mir nicht in Gegenwart seiner Tochter darüber sprechen, aber sie behorchte uns. »Es ist nur eine Kleinigkeit,« sagte er, nachdem er seine Rede geendigt hatte, »aber sie könnte Ihnen doch durch ihre Folgen Kummer machen, wenn Sie verhaftet würden, und es würde noch dazu schlimmen Eindruck machen, da Sie im Begriff sind, eine Stelle zu erhalten, zu der man einen Mann von makellosem Rufe verlangt. Bleiben Sie bey mir, hier wird man Sie nicht suchen, und man wird Zeit gewinnen, die Sachen auf einem guten Wege einzuleiten; doch ist's immer gut, zu wissen, ob Sie nicht in Ihren Versprechungen zu weit gegangen sind, da Sie das Mädchen zuerst zu einem solchen Umgang beredeten, oder ob Sir ihr Geschenke gemacht haben?« »Ich versprach nichts,« war meine Antwort, »aber dreißig Louisd'ors gab ich ihr.« Lachend sagte er: »Hier ist eine Todsünde theuer genug bezahlt! Gaben Sie ihr seit der Zeit nichts mehr?« »Nein, denn sie wollte nichts mehr annehmen, ob ich es ihr gleich verschiedene male angeboten habe.« »So hatte sie ihre Absichten,« war seine Antwort, »aber mag es seyn, daß beim erstenmal das Interesse sie zu einem solchen Schritt brachte, das Vergnügen leitete sie in der Folge, und zu Ihrem Nachtheil. Aber lassen Sie mich machen, wir werden uns gut herauszuziehen suchen, bleiben Sie hier, und erwarten mich.« Er ließ eine Sänfte holen, und ohngeachtet seine Tochter und ich ihn baten nicht auszugehen, denn er hatte seit sechs Monaten das Zimmer nicht verlassen, weil er die Erlaubniß hatte, in seinem Hause Messe zu hören, so hörte er auf unsere Bitten nicht und verließ das Haus.