Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord

Part 6

Chapter 63,278 wordsPublic domain

Der Staatsanwalt, wieder an seinem Platze, das Gesetzbuch vor sich, beantragte die für diesen Schuldspruch höchste gesetzliche Strafe: für die Link fünf Jahre Gefängnis, für die Bende zunächst irrtümlich ein einhalb Jahr Gefängnis, da er die Versagung mildernder Umstände übersah, dann fünf Jahre Zuchthaus. Der Verteidiger der Bende erhob sich verblüfft, wies auf das Paradoxe hin, die Mörderin mit Gefängnis, die Helfershelferin zu Zuchthaus zu verurteilen. Es sei klar, daß die Geschworenen der Bende die mildernden Umstände nicht versagt hätten, wenn sie über das Strafmaß orientiert gewesen wären. Die Geschworenen, selbst erschreckt, nickten.

Die Bende und ihre Mutter schrieen auf bei dem Antrag des Staatsanwalts. Ihr Verteidiger bat da den Gerichtshof, bei der Bende das geringste zulässige Strafmaß zu verhängen.

Elli Link wurde zu vier Jahren Gefängnis, ihre Freundin zu ein einhalb Jahr Zuchthaus verurteilt. Als strafmildernd wurde bei beiden die rohe Behandlung angesehen, als strafschärfend der grausame Charakter ihrer Tat. Aus letzterem Grunde auch wurden der Link die bürgerlichen Ehrenrechte auf 6 Jahre, der Bende auf 3 Jahre aberkannt. Die Untersuchungshaft wurde beiden angerechnet. Die Mutter der Bende ließ man frei.

Die durch das Strafmaß der Bende überraschten Geschworenen, noch nicht beruhigt, traten nach Schluß der Sitzung zusammen, verfaßten ein Gnadengesuch auf Umwandlung der Zuchthausstrafe in Gefängnis.

Die beiden Frauen, die zusammen den dreißigjährigen Klein getötet hatten, wanderten in die Gefängnisse, wurden die Jahre über gehalten. Saßen da, zählten die Tage, die Feste, sahen nach Frühjahr und Herbst und warteten. Warteten: das war die Strafe. Langeweile, kein Geschehen, keine Erfüllung. Es war ein wirkliches Strafen. Man nahm ihnen nicht das Leben, wie sie es Klein genommen hatten, aber einen Teil davon. Die schwere, nicht wegzuleugnende Macht der Gesellschaft, des Staates prägte sich ihnen ein. Zugleich wurden sie bitterer, matter, schwächer. Link war nicht tot; hier war sein Testamentsvollstrecker; man gab es ihnen zurück mit Einsamkeit und dem Warten, Elli mit den Träumen.

Der Staat schützte sich nur schwach durch diese Strafe. Er griff nichts an von dem, was die Beweisaufnahme angerührt hatte, arbeitete nicht entgegen dem schrecklichen Unwürdigkeitsgefühl, das Link in den Tod geführt hatte: das Gefühl wuchs allenthalben weiter. Belehrte nicht die Eltern, Lehrer, Pfarrer, aufmerksam zu sein, nicht zu binden, was Gott getrennt hatte. Dies war die Arbeit eines Gärtners, der rechts und links die Unkrautballen ausrupft; die Samen fliegen inzwischen weiter. Und wenn er vorne fertig ist, muß er sich umdrehen: es fängt hinten schon wieder an.

Zeitungsnotizen. Dr. M. in einer Berliner Zeitung: „Ein Sexualmord am Manne aus der Leidenschaft des Geschlechts, das zur Frau treibt, man hatte ihn hier erwartet. Es ist nicht so. Mord ist geschehen, bewußt ausgeführt und doch – man sieht diese unscheinbaren Geschöpfe mit dem harmlos blonden Vogelköpfchen, man verfolgt diese kühlen graublauen Augen, man hört die kosenden, doch ganz unsinnigen Briefe und schüttelt den Kopf. Ein kindliches Wesen, das nur Zärtlichkeit braucht, nicht Liebe, stößt auf einen Mann, der nicht streicheln kann, liebend quälen muß, mißhandelt. Die Leidende findet eine Frau, gleichaltrig, die ganz Ähnliches duldet, flüchtet sich in Hingabe an diese Gefährtin, findet einen Halt in ihrem stärkeren Charakter. Aus Freundschaft und verdrängtem Eros wird sexuelle Verbundenheit. Was liegt näher, als daß der Plan auftaucht, sich von den mißhandelnden Männern zu befreien.“

In den Zeitungen entspann sich, nach der politischen und religiösen Färbung, ein Streit über das Urteil. Das Organ einer konfessionellen Partei äußerte: „Die Geschworenen haben in Moabit wieder einmal ein erstaunlich mildes Urteil gefällt – als Motive wurden sexuelle Verirrungen und die dadurch heraufbeschworenen Streitigkeiten in der Ehe festgestellt und sie genügten vollauf zur Erklärung der Tat. Aber das Gericht ließ sich von den Verbrecherinnen, die sich reinzuwaschen versuchten, allerhand erzählen, von Mißhandlungen sowie von ungeheuerlichen Zumutungen des Ermordeten. Um ihrer Milde die Krone aufzusetzen, reichten die Geschworenen noch ein Gnadengesuch für die Mörderinnen ein. Mag man in dieser Zeit des allgemeinen Sittenverfalls mit dem einzelnen Verbrecher auch noch so viel Mitleid aufbringen, wohin kommt aber die Gesellschaft, wenn Verbrechen so milde beurteilt werden. Würden Geschworene und Richter und auch die Verteidiger in derartigen Fällen ihr gutes Herz entdecken, wenn sie selbst die Leidtragenden wären? Dabei soll die Strafe doch auch abschrecken, oder sind die heutigen Vertreter der Rechtspflege allgemein Gegner der Abschreckungstheorie geworden?“

Der Sachverständige Dr. H., der erfahrenste Kenner des Gebiets der gleichgeschlechtlichen Liebe, veröffentlichte selbst in einer Zeitschrift unter der Überschrift: „Ein gefährliches Urteil“ Betrachtungen zu dem Urteilsspruch, der „in seiner Milde in der Kriminalgeschichte wohl einzig dastünde“. Die sexuelle Triebinversion entspringe an sich keinem verbrecherischen Willen, sondern einer unglücklichen Keimmischung. Keinenfalls gebe den gleichgeschlechtlichen ihre Anlage ein Recht, Hindernisse mit Gewalt zu beseitigen oder gar die Menschen aus dem Wege zu schaffen, die ihrer Verbindung entgegenstehen. Letzteres sei aber geschehen. Das Urteil der Geschworenen ermögliche es den beiden jungen Frauen, binnen wenigen Jahren ihre Absicht, eine zweite Ehe miteinander einzugehen, auszuführen. Dr. H. wendet sich mit aller Entschiedenheit dagegen in der gleichgeschlechtlichen Veranlagung als solcher auch nur einen Entschuldigungsgrund für einen so verbrecherischen Giftmord zu erblicken. Es sei ein tragisches Verhängnis, daß der Vater der Angeklagten Link, die nicht zur Ehe und Mutterschaft taugte, zweimal dem Mann zurückführte: die Frau gehört dem Mann. Intelligenzmängel beider Frauen – die Link leide an einer Entwicklungshemmung, Infantilismus, die Bende an einer an Schwachsinn grenzenden Beschränkheit – seien nicht so stark, um ihren freien Willen auszuschließen. Es bleibt dahingestellt, ob die Berichte von der brutalen Behandlung durch die Ehemänner den Tatsachen entsprechen oder nicht. Es scheint sicher zu sein, daß der stark neuropathische Link seine Frau bis zur Selbsterniedrigung liebte; durch die Leere und Kälte seiner Frau scheint er außer Rand und Band geraten zu sein, durch seine Wut steigerte sich ihre Furcht, durch ihren Trotz sein Zorn. Dr. H. weiß aus reichlicher Erfahrung, wie sehr Freundinnen dieser Art imstande sind, Männern das Leben zu vergiften. Ihm schrieb einmal eine solche: „wehe dem Mann, der uns auf dem Ehemarkte ersteht; wir betrügen ihn um sein Lebensglück selbst ohne es zu wollen.“ In diesem Straffall aber ist der verbrecherische Schritt von der bildlichen zur wirklichen Vergiftung getan worden. Und der Fachmann sah sich genötigt, darauf hinzuweisen, welche gefährlichen Schlüsse aus dem milden Urteil gezogen werden könnten, ja wie gemeinschädlich es wirken könnte. Er wies auf die Notwendigkeit sexueller Aufklärung, zweitens auf die Wiedereinführung der unüberwindlichen Abneigung als Ehescheidungsgrund: „Ein Staat, der die Grundlage der Eheschließungen gänzlich privatem Ermessen überläßt, handelt nicht folgerichtig, wenn er sich bei Trennung solcher Ehe auf den entgegengesetzten Standpunkt stellt.“

In einer kleinen Studie über den Straffall diskutierte K. B., ein Schüler des eben zitierten Sachverständigen, die Frage: ist der Haß der Frauen nur durch die Rohheit der Männer entstanden und ihre homosexuelle Liebe nur eine Folge der erworbenen Abneigung gegen das andere Geschlecht, oder war die gleichgeschlechtliche Empfindung bei ihnen angeborene Anlage und somit der eigentliche Grund der ehelichen Disharmonie? Die Link habe, was zu glauben sei, vor der Ehe nicht mit Männern verkehrt, habe ihren Spaß gehabt sie anzulocken und sitzen zu lassen. Sie ließ sich als Soldat photographieren; ihr Körperbau und ihre Bewegungsart zeigten für homosexuelle Frauen typische Merkmale des männlichen Einschlags. Die Bende war nicht so eindeutig. Und doch zeigten besonders ihre Gesichtszüge und ihre Wesensart viele mehr männliche Merkmale, so daß, zusammen mit der homosexuellen Freundschaft, angeborene Gleichgeschlechtigkeit im höchsten Grade wahrscheinlich sei.

* * * * *

Die Strafe wurde an beiden Frauen vollzogen. Die Ehe der Bende wurde wegen beiderseitigen Verschuldens geschieden: bei ihr die Straftat, bei ihm Ehebruch.

Übersicht über die Entwicklung des Falls.

Ich gebe eine bildliche Übersicht über die Hauptphasen des Falles. Eine kurvenmäßige Darstellung war nicht möglich wegen ihrer Kompliziertheit und Unübersichtlichkeit. Die folgenden Figuren sollen rasch und anschaulich die Hauptpunkte der Entwicklung wiedergeben. Die Darstellung des gesamten Seelenzustandes und seiner Teilfaktoren in Kreisen hat folgenden Vorteil. Man umreißt mit einem kleineren oder größeren Kreis die psychische Gesamtperson. Die maßgebenden Seelenzustände, die Einzelansammlungen, Ballungen der Seelenenergie, Motive, Verhaltungsarten lassen sich dann innerhalb des Hauptkreises als kleinere darstellen, im Umfang je nach ihrer Bedeutung. Die Einzelfaktoren können peripher oder zentral eingelagert werden, je nachdem sie oberflächlich hervortreten oder verborgen sind. Beziehungen der Einzelfaktoren zueinander sind durch Nähe und Entfernung der Kreise ausdrückbar.

Die räumliche Darstellungsart ist nicht sehr entlegen, weil ein nicht unbedeutender Teil unserer Seelenvorstellungen räumlichen Charakter trägt. Hier liegt der Hauptakzent nicht auf der theoretischen Wahrheit, sondern auf der Anschaulichkeit, der Möglichkeit, leicht wenigstens das Wichtigste zu sagen. Die aufgezeichneten wirkenden Faktoren sind nicht Einheiten seelischer Art, sondern klinische Einheiten, Beobachtungseinheiten. So kann die klinische Gruppe „kindliches Wesen“ oder „männliche Aktivität“ neben „Liebe zu den Eltern“ und „Sexualität“ gestellt werden.

Epilog.

Überblicke ich das Ganze, so ist es wie in der Erzählung: „da kam der Wind und riß den Baum um.“ Ich weiß nicht, was das für ein Wind war und woher er kam. Das Ganze ist ein Teppich, der aus vielen einzelnen Fetzen besteht, aus Tuch, Seide, auch Metallstücke, Lehmmassen dabei. Gestopft ist er mit Stroh, Draht, Zwirn. An manchen Stellen liegen die Teile lose nebeneinander. Manche Bruchstücke sind mit Leim oder Glas verbunden. Dennoch ist alles lückenlos und trägt den Stempel der Wahrheit. Es ist in unsere Denk- und Fühlformen geworfen. Es hat so sich ereignet; auch die Akteure glauben es. Aber es hat sich auch nicht so ereignet.

Von seelischer Kontinuität, Kausalität, von der Seelenmasse und ihren Ballungen wissen wir nichts. Man muß die Tatsachen dieses Falles, die Briefe, Handlungen hinnehmen und es sich planmäßig versagen, sie wirklich zu erläutern. Nicht einmal dann, wenn man hier und da noch stärker in die Tiefe ginge, wäre etwas geschehen.

Da sind zuerst die fürchterlich unklaren Worte, die man gebrauchen muß, um solche Vorgänge oder Zusammenhänge zu beschreiben. Auf Schritt und Tritt Verwaschenes, oft handgreiflich Kindisches. Die summarischen dummen Worte für die Beschreibung innerer Vorgänge: Neigung, Abneigung, Abscheu, Liebe, Rachegefühl. Ein Mischmasch, ein Durcheinander, für die elementare praktische Verständigung gemacht. Man hat hier Flaschen etikettiert, ohne ihren Inhalt zu prüfen. Link faßt eine Neigung zu der munteren kindlichen Elli: was verändert sich da eigentlich in ihm, wie setzt die Veränderung ein, wie verläuft sie, und was ist ihr Ende. Ein ganzes Konvolut von Tatsachen wird mit dem bequemen Wort Neigung weniger bezeichnet, als übersehen. Denn das Gefährliche solcher Worte ist immer, daß man mit ihnen zu erkennen glaubt; dadurch versperren sie den Zugang zu den Tatsachen. Kein Chemiker würde mit solchen unreinen Stoffen arbeiten. Zeitungsberichte und Romane, die solche Lebensabläufe hinstellen, haben, indem man sie oft hörte, viel dazu beigetragen, daß man sich mit solchen leeren Worten begnügt. Die meisten Seelendeutungen sind nichts als Romandichtungen.

Psychischer Zusammenhang oder gar Kausalität, wie soll man sich das denken? Mit dem Kausalitätsprinzip frisiert man. Zuerst weiß man, dann wendet man die Psychologie an. Die Unordnung ist da ein besseres Wissen als die Ordnung.

Wer bildet sich nun ein, die eigentlichen Motore solcher Fälle zu kennen? Ich hatte, als ich über die drei, vier Menschen dieser Affäre nachdachte, das Verlangen, die Straßen zu gehen, die sie gewöhnlich gingen. Ich habe auch in der Kneipe gesessen, in der die beiden Frauen sich kennen lernten, habe die Wohnung der einen betreten, sie selbst gesprochen, Beteiligte gesprochen und beobachtet. Ich war nicht auf billige Milieustudien aus. Mir war nur klar: das Leben oder der Lebensabschnitt eines einzelnen Menschen ist für sich nicht zu verstehen. Die Menschen stehen mit anderen und auch mit anderen Wesen in Symbiose. Berühren sich, nähern sich, wachsen aneinander. Dies ist schon eine Realität: die Symbiose mit den anderen und auch mit den Wohnungen, Häusern, Straßen, Plätzen. Dies ist mir eine sichere, wenn auch dunkle Wahrheit. Greife ich einen einzelnen Menschen heraus, so ist es, als wenn ich ein Blatt oder ein Fingerglied betrachte und seine Natur und Entwicklung beschreiben will. Aber sie sind gar nicht so zu beschreiben; der Ast, der Baum, oder die Hand und das Tier muß mitbeschrieben werden.

Was wirkt dann, was entwickelt sich alles über den einzelnen hinaus. Verblüffend sind die Statistiken. Die Welle der Selbstmorde bewegt sich jedes Jahr gleichmäßig auf und ab. Es gibt da einige große Regeln. In den Regeln tritt hervor eine Kraft, eine Wesenheit; der einzelne merkt die Kraft, die Regel nicht, aber er führt sie aus.

Wie sonderbar ist das einfache Faktum: der Mensch ist jung und er hat bestimmte Triebe; er wird älter und er bekommt andere. Das geht dem einen wie dem anderen so. Und jeder empfindet sein Jungsein und seine Liebe als seine Privatsache und glaubt sein Ich zu exekutieren. Man könnte keinen Menschen verstehen, wenn nicht einer wie der andere wäre, das heißt: keiner wie er selbst. Da wird schon ein allgemeiner wirklicher Motor sichtbar: das Lebensalter, die Menschenart selbst. Er bestimmt in dieser oder jener Art Lebensäußerungen. Er ist der Motor und nichts anderes.

Wenn der trübe Link Elli ansieht und Neigung zu ihr faßt, was reagiert da im Einzelnen, Speziellen? Wann treten Menschen in Berührung und welche mit welchen? Wenn ich vom Weltlauf im Großen, Ganzen absehe. Was an ihren Stoffen, an bestimmten einzelnen oder an ihrem Gesamtorganismus verlangt zum anderen, und was ist bei der Verbindung erreicht und wie weit geht die Verbindung? Die allgemeine Chemie macht sich sehr konkrete Vorstellungen über die Art und den Grad der Wirkung von Stoffen aufeinander. Es gibt das Gesetz der Massenwirkungen, eine Affinitätslehre, spezifische Affinitätskoeffizienten. Reaktionen verlaufen mit sehr verschiedener Geschwindigkeit, die genau festgestellt wird; die Stoffe werden unter bestimmten Bedingungen aktiv; genau studierte Gleichgewichte stellen sich her. Hier sind sauber Stoffe und ihre Verhaltungsweise zueinander studiert; alle Einflüsse werden festgestellt. Diese Methode ist gut. Übrigens, was da festgestellt wird, ist nicht belanglos für das, was im Organischen abläuft. Um unsere Dinge zu zergliedern, muß man auch hier hingehen, zu den nicht organisierten Stoffen und den allgemeinen Kräften. Denn wir unterliegen ihnen auch und es sind dieselben, die sich in der Natur, im Reagenzglas, im Versuchskolben und in uns auswirken, die wir sind.

Wirkliche Motore unserer Handlungen kann die Tierkunde bloßlegen. Die größte Masse unserer Seele wird von Instinkten gestellt. Die Zergliederung der Instinkte, ihre Bloßlegung bringt Motore, ganz entscheidende, unserer Handlungen zutage.

Darüber hinaus liegen sehr entfernte und unkenntliche Motore. Man kann in manche menschliche Organe schneiden, ohne daß wir es merken; diese Organe sind empfindungslos. Große Geschwülste wachsen völlig unbemerkt im Menschen. Ein Kind ist übellaunig, nämlich nicht ausgeschlafen; aber es begründet seine Laune damit: ein anderes Kind habe es geschlagen. So können Kugeln aus dem Unsichtbaren auf uns treffen, uns verändern und wir merken nur die Veränderung, nicht den eigentlichen Motor, das Wirksame, die Kugel; in uns verläuft dann alles kausal. Da wir auf den Schlag auf unsere Art reagieren, glauben wir im Zusammenhang mit „uns“ zu sein.

Dies sind die entfernten, noch unkenntlichen Motore unserer Handlungen. Sie sind durchaus so, wie Elli zeigt: sie spielt mit Männern und weiß nicht, warum sie nur spielt. Da motiviert der so und so gestaltete Eierstock, da ein noch ganz dunkler parapsychischer Einfluß oder eine Gruppe solcher Einflüsse, da ein Komplex des Weltlaufs. Und da ist es nicht der Mensch, der sich darstellt und entwickelt, sondern eine breitere oder engere Weltmasse.

Die Schwierigkeiten des Falles wollte ich zeigen, den Eindruck verwischen, als verstünde man Alles oder das Meiste an solchem massiven Stück Leben. Wir verstehen es, in einer bestimmten Ebene.

Zu Ellis Handschrift.

(Dezember 1922, Untersuchungshaft.) Augenblickseinflüsse: sie ist abgelenkt (verschreibt sich Zeile 4 „daß“ statt „doch“, schreibt Buchstaben nicht fertig), wölbt mutlos die Grundstriche nach rechts. – Die Schrift im allgemeinen ungeistig, linear mager und arm, nüchtern, sachlich. Die Zeilenrichtung wird, trotz Okkupation, innegehalten, auch der Linksrand; die Buchstaben werden aneinandergedrängt, die Schrift ist klein: ein haushälterischer, ordentlicher, kleinbürgerlicher Mensch. – Er ist unscheinbar, ohne rechtes Selbstgefühl, vielleicht mit Eigensinn, Trotz (siehe auch „Termin“, Zeile 3, mit seinem Oberbogen).

Ein verschlossenes Wesen (siehe die Arkadenbildung bei der Bindung der Buchstaben „n“ und „m“ in „ich“, „auch“ Zeile 1, das Zuriegeln der Vokale a und o, der abwärts gedrehte U-Bogen). Die Schriftlage von mäßiger Linksschräge bis zum Steilen zeigt das schwache Gefühl an, Vorwiegen des Verstandes, die innere Kühle. Dabei Triebhaftigkeit, Hingabe an den Eindruck, Neigung zum Genuß ohne seelische Zentrierung (die geringe Schärfe der Schrift, ihre Teigigkeit). – Im wesentlichen Kühle, Nüchternheit, Verschlossenheit, dahinter ungeregelte Triebhaftigkeit, Entflammbarkeit, alles gedeckt durch kleinbürgerliche Haltung. –

Zu Margaretes Handschrift.

(Datum unbekannt, Untersuchungshaft.) Kein so starker Hafteinfluß. Die Schrift im ganzen enorm unterschieden von Ellis: groß, weit, schräg nach links gelegt, unregelmäßig über den Linksrand verfügend, meist ihn besetzend. Ein Temperament, leidenschaftliches, exaltiertes Wesen. – Starkes Selbstgefühl, Neigung sich in Szene zu setzen. Schlecht disponierend, unfähig zu überblicken und zu ordnen, unter der Vorherrschaft des Gefühls. Dabei nicht eigentlich Mitgefühl, Weiche (siehe die doppelten Winkel in den „n“ und „m“), eher Egoismus (Neigung zu rechtsläufigen Abbiegungen). Die Offenheit größer als Ellis, aber auch nicht erheblich. Wenig Energie und Zielsicherheit; leichtes Erlahmen und Wiederaufrichten (gewölbte Zeilenführung in Zeile 3). Größere innere Einheitlichkeit als Elli; die Worte fließend, gebunden; gegen Ellis Sprunghaftigkeit hier Zusammenhang, Kontinuität, ja Haftenbleiben. – Die große heftige Schrift mit ihrer selbstsicheren Art, daneben das leichte Erlahmen, die mangelhafte Fähigkeit zu berechnen, deutet auf Überkompensation, Dekorieren: sie gibt sich überkräftig, sicher, ist schwächlich. –

Ellis Handschrift beunruhigender, gefährlicher trotz ihrer sauberen bürgerlichen Haltung. Margarete gesellig und schwach trotz des brüsken impulsiven Auftretens. –

Ohlenroth’sche Buchdruckerei Erfurt

RÄUMLICHE DARSTELLUNG DER SEELENVERÄNDERUNG Elli Links, Links und Margarete Bendes vom November 1919 bis Mai 1922 in 17 Phasen

PHASE 1.

NOVEMBER 1919: ELLI BEGEGNET LINK.

ELLI

1. Sexualität, fast völlig gebunden oder eingelagert in die Anhänglichkeit an die Eltern und die Familie. 2. Anhänglichkeit an Eltern und Familie. 1 und 2 sehr zentral und fest. 3. Harmloses liebenswürdiges Wesen, kindlich. 4. Aktivität, männlicher Freiheits- und Ungebundenheitssinn. 3 und 4 peripher.

LINK

1. Alte tiefe Grundverstimmung, an die Peripherie und Außenseite dringend. 2. Perverse Sexualität, mit der Grundverstimmung verbunden; Sadismus, Autosadismus, Selbstzerstörungstrieb. 2 versteckt aber kräftig. 3. Normale Sexualität, nach Objekten suchend, schwach entwickelt.

PHASE 2.

ANFANG 1920: ANNÄHERUNG DER BEIDEN.

ELLI

1. } Unverändert. 2. } 3. Liebenswürdiges kindliches, spielerisches Wesen bei Links Annäherung gesteigert. 4. Zurücktreten der Aktivität.

LINK

1. Grundverstimmung bei Ellis spielerischer Annäherung wachsend und nach Heilung, Neutralisation, dringend, peripher hervortretend. 2. Zurücktreten, Schwächung der perversen Antriebe. 3. Aufsteigen der durch Ellis Annäherung hin sich kräftigenden Normalsexualität.

PHASE 3.

1. HÄLFTE 1920: WEITERE ANNÄHERUNG DER BEIDEN.

ELLI

1. } Unverändert. 2. } 3. Weitere Verstärkung des liebenswürdig spielerischen Wesens, zu seiner Anlockung. 4. Aktivität, männlicher Art, unverändert zurückgetreten.

LINK

1. Grundverstimmung, an Ellis harmlos spielerischer Art abnehmend. 2. Weitere Schwächung der perversen Antriebe. 3. Normalsexualität überlagert zu einem großen Teil die Grundverstimmung, sucht die Verstimmung zu verdrängen.

PHASE 4.

ENDE 1920: BEGINN DER EHE.

ELLI

1. } Unverändert. 2. } 3. Spielerisches Wesen und Anlockung, furchtsam zurückweichend vor seiner angreifenden Normalsexualität. 4. Unverändert.

LINK

1. Grundverstimmung zurückgebildet, zugleich durch die Normalsexualität überwachsen, welche bei Elli vergebens nach einer Gegengruppe sucht. 2. Perverse Antriebe sehr geschwächt im Hintergrund. 3. Enorm stark angewachsene und die Peripherie überschreitende, suchende Normalsexualität.

PHASE 5.

ANFANG 1921: BEGINNENDE SPANNUNG.

ELLI

1. } Unverändert. 2. } 3. Zurücktreten und Abnahme der kindlich spielerischen Art. 4. Anwachsen der wegtreibenden Aktivität. 5. Neubildung einer Haßgruppe zur Abwehr und Sicherung vor der zentralen Gruppe.

LINK

1. Grundverstimmung mehr nach innen zurückgetreten. 2. Perverse Antriebe angesichts des Zurückweichens Elli in der Tiefe anwachsend. 3. Zurücktreten und Abschwächung der Normalsexualität, die keine Gegengruppe, kein Objekt fand.

PHASE 6.

1. VIERTEL 1921: ZUNAHME DER SPANNUNG.

ELLI

1. } Spalten zum Abfangen von Links Sexualität eine 2. } sadistische Haßgruppe ab. 3. Verkümmern der kindlichen Art. 4. Aufdrängen der Aktivität, Hervortreten. 5. Die schützende Haßgruppe neben der neuen sadistisch zugreifenden Haßgruppe.

LINK

1. Wieder Hervortreten der alten Grundverstimmung. 2. Heftiges Wachsen der perversen Antriebe; sie speisen die Grundverstimmung. 3. Weiteres Zurücktreten und Verkümmern der Normalsexualität.

PHASE 7.

2. VIERTEL: HÄUFIGER STREIT, HASS ZWISCHEN BEIDEN. – ELLIS ERSTE FLUCHT IM JUNI.

ELLI

1. } Unverändert. 2. } 1a. Ansteigende sadistische Sexualitätsgruppe tritt peripher hervor, sie steigert die gegenüberliegende entsprechende Links. 3. } 4. } Unverändert. 5. }

LINK