Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord

Part 3

Chapter 33,877 wordsPublic domain

Der Vater reiste ab. Sie sagte ihm zu, zu Link zurückzukehren. In ihr war noch, und besonders nach seiner Abreise, eine gewisse Unruhe und ein Rest von wachem Zweifel. Es war etwas Unbefriedigendes in dem Entschluß zurückzukehren. Sie fühlte, nachgebend, das Schwierige in sich; ihre Besorgnis, die Angst, das Widerstreben entlud sich in Streitszenen. Sie gab noch zwei Tage das Zimmer bei Frau D. nicht auf. Zwei Tage war sie noch unschlüssig, hin und hergezogen. Es erleichterte sie, als der Mann am dritten Tage außer sich geriet und sie bedrohte. Dann kehrte sie in ihre gemeinsame Wohnung zurück. Sie folgte. Der Vater und der Mann hatten sie bestimmt. Sonderbar wenig schämte sie sich vor der Bende; sonderbar war ihr Gefühl für die Freundin in den letzten Tagen zusammengeschrumpft.

* * * * *

Wie Link sie hatte, war ihm wieder wohl. Es hatte ihn wieder losgelassen oder er war gesättigt. Er konnte beruhigt sein. Konnte schlafen, arbeiten, lachen, sich mit ihr freuen. Was hatte er für eine gute Frau! Und sie sah ihn an. Sie war übermütig. Arm in Arm gingen sie. An die Bende dachte Elli wenig. Sie dachte, die laufen zu lassen. Es waren Tage fast noch schöner als bei der Verlobung. Zehn Tage. Es war eine willentliche Verdunklung, fast ein Traumzustand, in den beide versunken waren, den sie sich zum Teil vorspielten und der nicht lange zu halten war.

An Kleinigkeiten wurden sie wach und erkannten sich. Mit der Wiederkehr eines Tonfalls fing es an, mit Verstimmungen, kleinen Streitigkeiten. Dann rutschten beide ab. Es lief den schon gebahnten Weg.

Sie waren beide wieder auf die Erde gestürzt. So kam es ihnen vor; sie hatten sich garnicht erhoben, nur vergessen. Und wie gestürzt. Was war alles zerschmettert. Mit der Wut der Enttäuschung, im schrecklichsten Zorn stand sie da, dachte mit Grimm an den Vater, – aber es war nicht der Vater, an den sie jetzt dachte. Und jetzt eben erst war sie geflohen, dieser Link holte sie zurück, die Ehescheidung war schon eingeleitet: und dazu brachte er sie zurück. Auch er war ergrimmt, sah nicht, daß er nicht den Willen zur Versöhnung gehabt hatte und sie nicht. Er war entschlossen, ihr jetzt nichts auszulassen. Nachdem er ihr nachgelaufen war, nachdem er sie mit Gewalt hatte zurückholen müssen, sollte sie es bezahlen.

Link kam es vor, als ob er seine Freiheit wieder hatte. So zerrüttet war er. Es kam aber auch ihr vor, als wenn sie sich ganz wieder hatte. Er ließ sich vollkommen los. Und auf die Frau los. Das Trinken gab ihm Mut, starke Impulse. Der furchtbare demolierende Geist, der in ihm hauste, der enttäuschte zurückgestoßene, trieb ihn immer von neuem zu Bier und Schnaps. Damit lockerte er alle Bremsen in sich. Die Frau mußte er unterkriegen, sie fühlen lassen, wer er war. Immer mehr, immer tiefer mußte er sie unterkriegen. Er hänselte sie wie ein Insekt. Das Essen schüttete er in ihr Bett. Nach Gummiknüppeln, Boxschlägen, Spazierstöcken griff er. Er tat es nicht aus Freude. Es war ein unglücklicher Mann. Er tat es schon zwangsartig, in blindem Zerstörungsdrang, mit einer bitteren Verzweiflung und unter Selbstquälereien. Oft hob er sich nach diesen Zuständen, in denen er sich ausraste, aus seiner wilden barbarischen Verfinsterung und wurde müder und gelassen, wenn er sie geschlagen und beschimpft hatte, die Garderobe, Wäschekissen zerrissen. Meist aber war es ein fruchtloses Ringen in ihm selbst. Ein dumpfes Drängen nach Entladung. Mit dem Dolch ging er oft auf sie los. Und dann, wenn sie sich von ihm losgemacht hatte, – sie bettelte, schlug mit Händen und Füßen, er wollte sie einmal Nachts nackend aus dem Fenster werfen, – dann lief er noch eine Zeit tobend herum, ging hinaus und nicht lange darauf hörte sie es röcheln: da hing er an der Stubentür an einem Strick, oder an der Klosettür, war schon blau. Sie schnitt ihn ab, mußte ihn entsetzt, mit Widerwillen und Ekel hinlegen.

Immer deutlicher drängte sich um diese Zeit in das Leben und durch das Leben dieses Mannes das Schicksal seines Vaters, der mit Erhängen geendet hatte. Je mehr er verfiel, um so mehr wurde er Beute, Darstellungsmittel dieses alten Schicksals. Er war um diese Zeit auch ohne Zutun der Frau auf dem Weg des Todes. Seine Zerrüttung war enorm. Die Zeichen epileptischer Entartung traten hervor.

Sein geschlechtlicher Drang war gesteigert. Er suchte häufiger und intensiver sich und die Frau zu erniedrigen. Er lockte sie wieder und trieb sie in die finstere Haßsphäre. Erregte in ihr diese Triebe, die sich dann furchtbar gegen ihn selbst richten sollten. Es war im Grunde sein eigener Haßtrieb, der ihn später umbrachte. Er mußte in ihrem Leib wühlen, Sinnlichkeit aus jeder Hautfalte herausfühlen. Er hatte den Drang, sie unbildlich, fast körperlich zu verschlingen. Es war kein bloßes Wort, wenn er ihr in der wilden Verschlingung sagte: er müsse ihren Kot haben, er müsse ihn essen, verschlucken. Das kam in der Trunkenheit vor, aber auch ohne den Alkohol. Es war einmal Selbstpeitschung, Unterwerfung, Kasteiung, Buße für die eigene Minderwertigkeit und Schlechtigkeit. Es war auch ein Heilungsversuch dieses Minderwertigkeitsgefühls: durch Beseitigung des Mehrwertigen. Unabhängig davon die wilde Lust, Mordwut, in bestialische Zärtlichkeit gehüllt.

Sie wuchs rasch in der brutalen Haßsphäre, die er erzeugte, mit ihm zusammen. Sie wehrte sich äußerlich noch immer, suchte es von sich abzuschieben: ob er sich nicht seiner Zumutungen schäme. Darauf er zynisch: „Wozu bist du meine Frau? Dann hättest du keinen Kuli heiraten sollen.“ Sie zog sich dann in sich zurück, versteckte sich. Ihn aber hatte sie mit in sich eingezogen.

Was sollte geschehen? Was sollte nun geschehen? Sie hatte öfter den Mann gebeten, sie wollte ein Kind haben. Er hatte geantwortet, wenn eins käme, das würde er gleich auf Eis legen, oder ihm eine Nadel in den Schädel stecken. Sie war allein. Überwand ihre Scham gegen die Bende wegen der Rückkehr, warf sich wieder an die Frau. Es war ihr am Anfang nicht wohl dabei. Aber sie brauchte die Freundin, um zu sprechen, sich Luft zu machen, und sie wußte nicht, wozu noch. Es arbeitete gewaltig in ihr. So gewaltig, daß sie oft wirr war, nicht wußte, wo sie saß, was sie machte. Das war die verwirrende Wut, daß sie Link wieder gefolgt war, daß er sein Wort, das er ihr und dem Vater gegeben hatte, Frieden zu halten, gebrochen hatte. Der bodenlose, sie ganz umwühlende Haß auf den Mann, der die Autorität des Vaters benutzt hatte, gemißbraucht hatte und ihr in Streitigkeiten höhnend entgegenhielt: jetzt entkommst du mir nicht wieder. Es wurmte, sagte sie später, unaufhörlich in ihrem Gehirn; sie kam nicht dagegen an. Die Haßsphäre überwältigte sie, sog alle Energie in ihr auf. Um sie zu strafen für Vergeßlichkeit, Zänkerei, geschlechtliche Zurückweisung, entzog er ihr das Kostgeld, duldete nicht, daß sie selbst arbeiten ging, meinte, sie könne seinetwegen bei Männern sich Geld verdienen.

* * * * *

Grete Bende hatte sich, als zuletzt Link zu Elli ging bei der Frau D., wegen Elli geängstigt. Es war ihr am Tag darauf bitter, zu erfahren, daß Elli schon wieder zu Hause war und daß vielleicht um dieselbe Stunde, wo sie sich ängstigte, Elli in den Armen Links lag. In der Woche darauf sahen sie sich nicht viel; Elli wich der Freundin aus. Und als sie sich auf der Straße trafen, ließ Elli nach kurzem verlegenen Gespräch die Freundin stehen, die sich gleich vor ihr geliebtes Papier setzte, klagend, wie wehe sie ihr doch eben getan hätte, „wo du nur allein weißt, daß ich an dir hänge, wie eine Klette am Kleide. Warum läßt du es mir so sehr fühlen, wenn du dir mit Link gut stehst. Könnte immer losweinen, als ich dich, mein Lieb, wieder habe gesehen, wie du mit dem zusammen dort munter gingst.“ Der Gram der Bende dauerte nicht lange. Sie nahm Elli als reuige Sünderin wieder an. Sie war pikiert: wie Elli ihr dies hätte antun können. Aber ihre Leidenschaft war zu heftig.

Elli war verzweifelt, durcheinander, niedergebrochen. Und wie sie nach der Freundin griff, wußte sie nur eins: sie brauchte sie, sie wollte sie haben, sie mußte sie jetzt haben. Sie dachte verzweifelt nur: sie mußte den Mann bestrafen, die Kränkung, die Schande, die er ihr und dem Vater angetan hatte, abtun. Es mußte ein Ende mit Link sein. Er hatte ihr wilde Gefühle eingeimpft. Sie liebte plötzlich ihre Freundin aufs Leidenschaftlichste. So daß die sich selbst wunderte. Sie liebte die Bende wie ein Flüchtiger sein Versteck oder seine Waffe. Sie stürzte sich zornwütig, drohend in jene Liebe. Zugleich hängte sie sich an ihre Freundin, um sich vor dem äußersten zu bewahren, denn sie ahnte schon, was ihr die Rachsucht eingab, und sie wollte sich jetzt mit der heftigsten Liebe einhüllen, blind und taub machen. Schon brachte Elli das geheimnisvolle verdunkelnde Wort heraus, das sie später unaufhörlich wiederholte: sie wollte der Freundin ihre Liebe beweisen.

Was jetzt in Elli an Liebesleidenschaft zur Bende erwachte, war kein starker, schlummernder Trieb, sondern diese besonderen Umstände erzeugten und schufen die Leidenschaft. Sie trieben etwas verkümmert in ihr Liegendes auf, einen alten Mechanismus, der erledigt war. Wie Ertrinkende bei einer Schiffskatastrophe zu ungeheuerlichen Handlungen kommen, die man nur sehr schwer ihre, für sie charakteristische nennen kann. – Was jetzt in Elli aufkam, beherrschte sie schrecklich eine ganze Zeit lang und sie konnte ihm nicht ausweichen. Es war der furchtbare Mann, den sie in sich aufgenommen hatte und den sie so wieder ausstoßen mußte.

Die beiden Frauen heizten ihre Liebesgefühle durch immer neuen Haß auf die Männer, – genauer nur auf Link, denn die Bende lief mit ihrem Haß auf ihren Mann nur nach, paradierte mit ihm. Mit diesen Haßgedanken suchten sie zu rechtfertigen und zu verschleiern die verpönte Besonderheit ihrer Liebe, die sie selbst sogar für verbrecherisch und strafbar hielten. Und Elli fand in diesen Gesprächen, Umarmungen, Berührungen eine besondere Sicherheit und Festigung. Es war ganz ihre Meinung, was die Bende einmal schrieb: „Es ist wahrlich ein Trauerspiel, daß wir solche Kerls auf dem Halse haben und wir uns solchen Zwang antun müssen.“ Es war Ruhe und Sicherheit in einer besonderen Seelenzone, in einer Zone, in die sie sich verbannte, um sich mit dem Mann auseinanderzusetzen. Es war eine ihr angemessene Zone: gefährliche Rachegedanken arbeiteten in ihr, Heimliches, Strafbares wollte sie tun. Sich der Bende in die Arme werfen, war schon der erste entscheidende Schritt auf ein verbotenes Gebiet.

Es tauchte zuerst in Elli die Idee auf: er muß aufs Krankenbett, damit er sieht, was eine Frau wert ist. Das war schon ein glatter Todeswunsch, aber sie verhüllte ihn sich: bewußt wollte sie den Link noch nicht beseitigen. Bewußt dachte sie: wie ändere ich ihn, wie bessere ich ihn. Die beiden Frauen waren jetzt sehr getrieben. Die Männer hielten sie auseinander, Link zeigte sich in voller Rohheit. Man wußte nicht, was man tun sollte. Man lief zu Wahrsagerinnen, die die üblichen dunklen Andeutungen über die Zukunft machten. Der Scheidungsplan wurde von Elli erwogen, dann wieder fallen gelassen. Warum wurde er fallen gelassen? Eine andere Lösung war schon in Ellis Seele vorbereitet; sie sagte: sie zweifle, ob man sie scheiden würde. In ihren Briefen schämte sie sich jetzt oft, daß sie zu Link zurückgekehrt ist und ihrer Freundin solchen Schmerz bereitet hat: „Aber nur du, nur du sollst es erleben, das will ich dir zeigen, daß ich alles opfern werde, und wenn es mein Leben kostet.“

* * * * *

Die klare, ja nüchterne Elli geriet in diesen Wochen mit der Freundin in eine sonderbare phantastische romantische Erhobenheit. Es war etwas Ähnliches, aber außerordentlich gesteigert wie das, was sie zwei Wochen mit Link verbunden hatte: ein traumartiger, jetzt rauschartiger Zustand. Es trat eine Verschiebung ihrer ganzen seelischen Perspektiven ein; ihr inneres Timbre veränderte sich. Das war die Wirkung der beiden faszinierenden Kräfte in ihr: des unbezwinglichen Haßgedankens auf Link, dieses Gedankens, den sie ausstoßen wollte, und der Liebesleidenschaft zu der Freundin. Besonders diese Leidenschaft trieb Elli heroisch auf, drängte sie zu Männlichkeit und Heroismus; immer wieder das Wort „ich beweise dir meine Liebe“. Diese beiden überstarken, verkoppelten Gefühle strömten eine Faszination über ihre Seele aus. Unter diese Faszination geriet sie, sie kam lange nicht mehr heraus. Sie war oft in Entzücken, und in diesem Entzücken fand sie, daß sie nur für die Bende lebe: „Laß es kosten, was es wolle, nur glücklich sein und in Liebe aufgehen.“ Sie wies die Bende zurück, als die sagte, sie sei schuldig: „Nein ich gebe dir keine Schuld.“ Und daneben kam immer das andere heraus: „Rache will ich üben und weiter nichts.“ An wem wollte sie Rache üben, wen wollte sie bestrafen, warum nahm dieser Trieb so phantastische Formen an? Es war schon nicht mehr dieser besondere Mann, diese reale Person Link, den sie angriff.

Zuerst war die Haßsphäre in ihr, die er erzeugt hatte, etwas in ihr, daß die stärkste Kräfte ihrer Seele an sich zog: das dehnte sich selbständig aus, wuchs, suchte Objekte. Gegen die Haßsphäre, diese in sie gehämmerte fremde Gewalt, stellte sich ihr eigenes, altes, seelisches Grundgefühl auf. Sie war in einer inneren Gleichgewichtslage gewesen, die sich nicht leicht hergestellt hatte. Aus dieser Gleichgewichtslage war sie geraten durch den Haß. Das feine Spiel der statischen Kräfte war gestört; der Mechanismus mühte sich wieder, sich einzustellen, verlangte Rückkehr zum alten sicheren Zustand. Sie mußte die übergewichtige neue Last von sich abstoßen, einer gleichmäßigen Verteilung der inneren Kräfte zustreben. Und um so mehr drängte sie dazu, als diese Haßsphäre ihr inhaltlich fremd, böse, gefährlich, angsterregend war, als sie ihre innere Reinheit, ihre Freiheit, Jungfräulichkeit zerstören wollte. Denn Elli war und blieb immer in einem gewissen Sinne jungfräulich. Sie war in einem Reinigungsprozeß begriffen; um einen eingedrungenen Infektionsstoff sammelten sich die Eitermassen an. Es war schon der unterirdische Wille zu einer Tat in ihr gediehen. Die Faszination, den Traumzustand konnte er brauchen, den benötigte er. Dieses Klima mußte er sich schaffen. Und Elli, schon lange führungslos, ließ es geschehen, ja drängte hinein. Es war für sie eine Entrückung, ein Schlaf, in den sie flüchtete.

Das Schwerste aber waren ihr nicht diese Dinge um Link. Es war ihr innerer Zwiespalt, Frau Bende. Auch die Bende war nicht gut. Ja, Link und die Bende, fühlte Elli dunkel, gehörten zusammen. Die Bende drängte und warb auch um sie, wie Link geworben hatte; beides enttäuschte Schwankende, Liebesdurstige. Sie beseitigte gewaltsam, fast todesmutig den Zwiespalt, der in ihr entstanden war. Sie wollte beide nicht, wie sie waren. Verzweifelt schlug sie sich auf die lockende Seite, der sie schon selbst widerstrebte. Elli war in eine furchtbare Krise geraten. Sie war von ihrem Schicksal angegriffen wie ihr Mann. Sie war selbst in Lebensgefahr. Nach einer rasenden Szene mit Link dachte sie daran, durchzubrennen, oder sich selbst zu vergiften, ihm vorher Lysol zu geben.

* * * * *

Was war der Grund für die Wahl des Giftmordes statt eines raschen Totschlags? Der Haß in Elli war enorm; sie mußte sich zurückziehen, um sich zu behaupten. Es war nicht nur Schwäche und Feigheit, die sie die weibliche Methode des Mordes wählen ließ. Link machte öfter Selbstmordversuche durch Erhängen. Wie war es schon merkwürdig, daß sie ihn immer wieder abschnitt. Sie stand entsetzt davor; mußte ihn abschneiden und hinlegen; er konnte sein elendes Leben weiterführen. Es waren die Instinkte, die auch noch in dem Rauschzustand wirkten, die sie an den Eltern hielten, die bei der Wahl der Mordart mitwirkten. Sie wollte töten, um Link von sich abzulösen und dann zu den Eltern zurückzukehren. Die Beseitigung des Mannes mußte unbemerkt bleiben. Der Giftmord lag im Zuge ihrer Rückwärtsbewegung auf die kindlichen und Familiengefühle. Da war noch die Haßverhakung mit dem Mann. Er hatte sie gereizt, sich mit ihm im Haß zu verbinden; und dieser Haß war auf Töten aus, aber nicht auf den Tod. Sie töteten sich schon immer; sie wollte ihn behalten, um ihn länger töten zu können. Sie hing weiter an ihm, wenn sie ihn langsam vergiftete. Leise wirkte mit der Gedanke, der ehrlich gefühlte Gedanke, er wird sich bessern. Das war der häufige unterirdische, unentschlossene Gedanke, den sie vor der Bende verheimlichte: ich will ihn überhaupt nicht töten, ich will ihn nur bestrafen; er wird sich bessern. Über die sadistische Liebe hinaus war Neigung zu Link in ihr, die aus ihrem Familiensinn floß: es war ja ihr Mann. Und sie durchschaute, als sie zu Grete schwieg, bei aller Leidenschaft bitter und verächtlich auch drüben Gretes Verhakung mit dem Bende.

Sie erschien oft ganz abwesend und verändert vor der Freundin, mußte sich entschuldigen, daß sie immer gegrübelt habe, wie sie etwas bekomme. Die Angst, daß sie „nichts bekomme“ und wie sie etwas bekomme, machte sie krank. – Und dann das Verwirrte, Verzückte: „Du mein Lieb, sollst es erleben, daß ich um dich kämpfe und ich werde es schaffen. So habe ich doch niemals Ruhe auf der Welt. Aber ich werde ihm Ruhe verschaffen.“

Es sollte Rattengift sein. Sie schrieb später: für zweibeinige Ratten. Das war das Unauffälligste, das konnte man vielleicht besorgen.

Die Freundin hatte diese Entwicklung mit erlebt, hingerissen. Manchmal mit Angst, aber immer unter Liebesschauern und selig sah sie die Freundin so gehen. Ihre Ehe war um diese Zeit nicht schlecht; sie beachtete ihren Mann nicht sehr, war viel zu sehr absorbiert durch die Dinge Ellis. Sie hörte glückselig die Beteuerungen der Link an. Daß dieser Mensch wegkommen sollte, der Schuft, der ihr die Freundin beinahe wieder entrissen hatte, war ihr Recht. Aber sie beschwor sie, recht vorsichtig zu sein, damit sie nicht unschuldig jahrelang leiden müsse. „Mama und ich verlassen dich nie und nimmer.“ Von jetzt ab nahm auch Elli wenig Kenntnis mehr von der Rohheit ihres Mannes; die Faszination bewirkte eine Unempfindlichkeit für äußere Reize; es drang nichts mehr durch. Dies war für sie erledigt. Sie blickte immer auf ihren Stern, das war der Mord, jetzt schon sicher der Mord.

Die Link ging zu dem Drogisten W. Bat ihn um Gift gegen die Ratten in ihrer Wohnung. Er verkaufte ihr Rattenkuchen. Nach einiger Zeit kam sie wieder, drängte, ihr doch ein stärkeres Gift zu geben. Der Kuchen habe nicht gewirkt. Er verkaufte ihr sehr leichtsinnig für zwei Mark Gift, 10-15 Gramm Arsen. Der Entschluß, Link zu beseitigen, war fest in Elli; es war ein Kind ihrer Seele und ganz geboren. Jetzt hatte sie den Entschluß durch die Furchtbarkeit der Ausführung zu tragen. Sie machte sich im Beginn davon keine Vorstellung.

Es waren die Monate Februar-März 22. Der Anfang ging leicht. Sie hatte es vielleicht provoziert, vielleicht auch einfach kommen lassen: er torkelte abends betrunken nach Hause, warf ihr das Essen an den Kopf, stieß sie über das Bett, verlangte Quetschkartoffeln. Darin bekam er die erste Giftdose. Nach drei Tagen eine zweite. Der Mann wurde krank; Magen- und Darmerscheinungen traten auf. Er lag acht Tage, ging dann wieder zur Arbeit. Dann wurde es schwerer und schwerer. Die Vergiftung befiel den ganzen Organismus. Sie sah, wie er vergeblich zu schwitzen versuchte, aber „das Zeug saß fest“. Es schien alles gut zu verlaufen, er kam nicht richtig auf die Beine, sie wollte nicht locker lassen. Aber es kamen andere Dinge. Langsam mußte sie durch den Schleier ihrer Faszination die Tat sehen. Einmal, wie er sich besser fühlte, war er nicht nach Hause gekommen; sie fürchtete, er sei zusammengebrochen, ein Arzt habe ihm den Magen ausgepumpt und das Gift festgestellt. Trübe, erregende Worte hörte sie von Seiten der Freundin: ein Mensch solle aufplatzen von Gift. Sie glaubte es und fürchtete sich. Und öfter wußte sie selbst nicht, wie ihr war: sie hatte eine schreckliche Unruhe in sich, konnte laufen, soweit sie die Beine trugen. Sie fragte die Bende, ob das das böse Gewissen war.

Die Freundin sah, wie es um Elli stand. Wenn sie doch dem Mann gleich das ganze Gift gegeben hätte, daß alles zu Ende wäre. Und dann die ungeheure Furcht vor der Entdeckung. „Bloß mein einziges Lieb, sei du auch sehr vorsichtig, daß es nachher nicht ans Tageslicht kommt. Denn das sind die Schufte nicht wert.“

Und als der Ehemann Bende hörte, daß Link krank war, meinte er leichthin: „Na, wenn ihm die Link nur nichts gegeben hat. Gerühmt hat sie sich ja, sie würde sich an ihm rächen.“ Die Frau: „Dann würde der Arzt doch nicht Grippe festgestellt haben, die auf die Lunge geschlagen ist.“ Und eine Nachbarin, eine Frau N. äußerte zur Mutter der Bende: sie denke, es sei mit der Krankheit Links nicht richtig; Frau Link habe da bestimmt was gemacht.

In größter Unruhe, völliger Zerfahrenheit Frau Link. Sie war matt, pflegte den Mann. Sie baute auf, sie baute ab. Wie er saß, lag und nicht verging. Er war ihr in einer ganz neuen Weise zuwider, ja schrecklich. Der vergiftete Mensch. Sie sah, was sie tat; er war ihr ein Grauen, eine körperliche Anklage. Sie pflegte ihn, war oft furchtbar gezwungen, ihm besonders gut zu sein. Die Aufgabe, die sie sich gestellt hatte, war entsetzlich. Sie erlahmte, als er sich wieder einmal erholte. Sie wollte bis zum Frühjahr warten.

Das scharfe, überscharfe Auge der Freundin sah manches davon. Ob nicht Elli vielleicht verliebt in ihren Mann sei. Nein, nein, gab die wieder, sehr gequält. Was wolle sie nur, sie täte es ja nur der Freundin wegen. Sie mußte sich verteidigen wegen ihrer Besorgnisse um Link; wenn die so groß wären, dann „brauchte sie ihm doch das Zeug nicht zu geben“. Die Bende riß in den Gesprächen mit der Link sehr den Mund auf. In ihrer Gefühlsschwelgerei war es ihr herausgefahren: sie werde auch ihren Mann vergiften. Sie, die mit ihrem Mann oft erträglich lebte und immer an ihm hing und um seine Liebe rang. Sie meinte es nicht ernst und ehrlich mit dem Vergiften. Die Link gab ihr etwas Arsen ab. Sie warf es draußen entsetzt weg, gab der Freundin eine klägliche Erklärung: der Mann würde zu Hause nichts mehr essen, wenn er es merkte, und dann würde sie auch nichts von der „Viktoria“ bekommen, wenn es herauskäme. Wetteifernd mit Elli und um sie zu belohnen, log sie auch einmal, es wäre ihr heute aber beinahe ganz schlecht gegangen. Sie hätte versucht, ihrem Mann Salzsäure zu geben, er hätte es bemerkt, hätte sie gezwungen, selbst davon zu essen und nun sei ihr so schlecht. Elli glaubte es. Noch anderes, was die Bende in dieser Zeit sagte und tat, war nichts als schwärmerische Nachäfferei der Freundin. Sie redete von dem Zwang, den sie sich zu Hause anlege, sie empfinde gar nichts für ihren Mann. Aber es sei doch besser, wenn man gegen Bende noch nichts täte; sonst wäre es sonderbar für die anderen, wenn die beiden Kerls zusammen weg seien.

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Elli sah das schreckliche Bild des kranken Mannes, wie er im Fieber die Stube auf und ab ging, die Wände vor Schmerzen hoch kroch. Grausam litt sie darunter. Sie mußte in die Briefe flüchten, sich bestärken: ich lasse nicht locker, er soll büßen und wenn ich schließlich selbst noch daran glauben soll. Von Zeit zu Zeit brach in ihr eine ganz viehische Unbekümmertheit aus; nach dem Übermaß ließ plötzlich alle Spannung nach. Sie brachte ihm dann gleichgültig die Suppe mit Krankenmehl „und besorgte es ihm“ dabei. Und es machte ihr geradezu Spaß, wie sie es trieb: vor den Augen so und hinter dem Rücken schüttete sie das Gift in das Essen: „Wenn das Schwein doch nur bald krepierte. Das Schwein ist ja so zähe. Heute habe ich ihm Tropfen gegeben, aber ordentlich. Da hatte er auf einmal solch Herzklopfen und sollte ihm Umschläge machen. Hab ihn aber gar nicht aufs Herz gelegt, sondern unter den Arm, was er nicht merkte.“