Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord

Part 2

Chapter 23,774 wordsPublic domain

Link war erschüttert durch ihre Flucht zu den Eltern. Trotz seines fortgesetzten Tobens hatte er einen Schlag weg. Nach dem Umzug blieb Unsicherheit in ihm. Er tastete, fühlte, er war an einem Wendepunkt. Elli besserte sich. Aber er sah: nicht sehr und nur vorübergehend. Und auch er konnte, nein, wollte sich nicht im Zaume halten; einige Dinge, einiges Schimpfen lief schon wie von selbst hin. Von sich aus hatte er das Gefühl: sie könnte es ihm doch nicht so krumm nehmen. Aber in Ellis Stimme kam jetzt – es war auffällig – wenn sie sich stritten, leicht ein herausfordernder Ton, etwas fremdes, neues. Sie machte in irgendeiner Weise – er fühlte es und es reizte ihn stärker – machte nicht mit. Sie trieb, wenn sie sich zankten, den Streit mit einer unglaublichen Verbissenheit vor. Und das stieß ihn weiter. Er wollte nicht, er klagte: man hatte jetzt seine eigene Wohnung, er hatte schönen Verdienst; warum wurde es nicht besser?

Der Kampf, den Grete Bende gegen ihren Mann führte, ziemlich ergebnislos und meist mit Schlappen, diesen Kampf führte sie jetzt erliegend, erlegen über die Wände ihrer Wohnung hinaus. Sie kämpfte gegen einen schlechten Mann. Gegen Link. Der wurde ihr fast eins mit Bende. Und sie kämpfte heftiger gegen Link, weil ein Kampfpreis da war, ein noch ungenannter: Elli. Sie konnte Rache nehmen an ihrem Mann und auch – es wühlte sie ungeheuer auf – ein lebendiges Wesen ungestört an sich ziehen, ganz ungestört ein Geschöpf für sie, nur für sie. Sie konnte lieben.

Elli trug heiß die Wut ihrer Streitigkeiten zur Bende, die sich daran delektierte. Link kämpfte, ruderte und rang weiter. Er merkte nicht, daß er mit zwei Menschen kämpfte, oder mit einem neuen, leidenschaftlich starken. Elli hatte einen zweiten Willen, die Bende. Und dieser Wille war hart, weil er keine unmittelbare Berührung mit ihm hatte, sondern abstrakt, ganz allgemein aus dem Leeren gegen ihn anfuhr.

Enger zogen sich die beiden Frauen zusammen. Die Bende zog sie zusammen. Die Frau konnte Elli gar nicht loslassen. Sie begehrte ihre Hand in alles an dieser Ehe zu stecken. Sie hatte, das war ein Zeichen ihrer Unsicherheit und Heftigkeit, gar kein Vermögen, aufzuhören mit dem, was sie der Elli zu sagen hatte. Sie mußte ihr, eifersüchtig, empfindlich für alles und jedes, Instruktionen geben. Merkwürdig aufreizend, dabei wohl verständlich blieb es der Bende in der ersten Zeit, welchen sonderbaren Widerstand Elli ihr entgegensetzte. Elli haßte ihren Mann, aber doch nicht so wütend, wie die Bende gerne mochte. Elli schwankte, wie – die Bende selbst schwankte. Heute kam die Blonde aufgeregt, jammerte, sprühte Zorn; Grete redete tröstend auf sie ein; sie saßen herzlich nebeneinander. Und am nächsten Tage war Elli gut, aber ließ kein Wort von Link verlauten. Und verächtliche Worte, die üblichen Schimpfereien auf ihn überhörte sie. Das war der Bende unsagbar traurig. Sie sprach sich oft zur Mutter darüber aus, verheimlichte ihr, was sie fühlte. Man müßte Elli, das Kind, von diesem schlechten Mann, dem Schuft, der sie schlug und der solche Frau gar nicht verdiente, befreien. Immer wieder ließ sie sich von dem einwickeln. So redete sie empört und zitterte dabei.

Sie drängte sich enger an Elli. Das Briefschreiben, ein eigentümliches Briefschreiben begann zwischen den beiden Frauen, die in derselben Straße wohnten, sich täglich sahen und noch in der kurzen Abwesenheit ihr Gespräch, die Bemühung und das Abwehren fortsetzen mußten. Es war der Liebende und der Geliebte, der Verfolger und der Verfolgte, die sich hier faßten. Sie schrieben sich erst nicht viel. Dann entdeckten sie Reize in dem Schreiben. Merkten, es war etwas Besonderes daran, das Spiel, das sich Freundschaft, Verfolgung, Liebe nannte, fortzusetzen, während der andere nicht da war. Es war etwas eigentümlich Erregendes, eine Heimlichkeit mit Süße; und halb bewußt, halb unbewußt führten beide die Linie weiter im Schreiben, die sie schon innehielten: die Bende das Weiterverfolgen, Anziehen, Festhalten, Verdrängen des Mannes, die Link die Neigung zu spielen, sich einfangen zu lassen, die Beteuerungen, sich zu unterwerfen. Die Briefe waren scheinbar ein Mittel der gegenseitigen Hilfe, des Komplotts gegen die Männer, zugleich und vornehmlich bald ein Instrument der Selbstberauschung. Sie stachelten sich darin, beruhigten sich, überlisteten den anderen. Die Briefe waren ein großer Schritt auf dem Wege zu neuen Heimlichkeiten.

Gretens Mutter hielt zu den beiden Frauen. Herzlich und schmeichlerisch begegnete ihr Elli. Sie nannte die Frau S. bald ihre zweite Mutter. Auch die Frau S. stieß der Ehemann Bende ab; die Tochter war ihr Einziges und das behandelte er schlecht. Sie sah scharfäugig und mitfühlend, wie die Tochter um den Mann kämpfte, wurde mit abgestoßen, als die Tochter abgestoßen wurde. Sie war empört, zog sie mütterlich enger an sich. Es war kein nur negatives Gefühl, das sie da hatte; sie nahm im Grunde ihre Tochter, ihr Einziges wieder. Der Kreis erweiterte sich, Elli trat ein, wurde die Freundin der Tochter. Sie hatte ein Schicksal wie Grete. Gegen die Männer kapselten sich die drei Frauen ab, ließen sich selbst durch warme Gefühle aneinander binden. Sie waren eine kleine Gemeinschaft, so verschieden ihre Einstellung aufeinander war. Sie fühlten sich gut in ihrem Gefühle, wurden dreifach sicher in ihrer Abweisung der rohen Männer. Grete Bende schrieb einmal an Elli: „Als ich gestern nach acht Uhr vorn am Fenster stand und noch auf dich wartete, da sagte Mama zu mir: sieh dir mal die drei Tulpen an. So fest wie die zusammen sind, so fest wollen wir drei, Elli, du und ich, auch zusammenhalten und wollen kämpfen, bis wir drei den Sieg errungen haben.“

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Ihr Spiel zueinander war so eingestellt. Da geriet die Bende rasch in ein süßes Fieber, das mit der Elli zusammenhing. Ganz allmählich, sehr langsam weckte dieses Fieber ein ähnliches in Elli. Sie wurden auf dem Weg der Heimlichkeiten, der erst nur gegen die Männer gerichtet war, stark weitergetrieben. Sie verbargen es sich noch, auch jede vor sich, daß der Weg seine Richtung verloren hatte. Zwischen und nach den Brutalitäten der Männer, dem Abwehren ihrer tierischen Angriffe: diese Zartheit, dieses Einfühlen und Hinhören des einen auf den anderen. Es war etwas von der Einhüllung des Kindes durch die Mutter. – Elli war munter spielerisch, lustig und schmeichlerisch zu der Bende. Aber die leidenschaftliche, von überschüssigen Gefühlen getriebene Freundin sprach ihr zu, drückte ihr die Hand, hielt sie so an sich. Solche lockende Zartheit hatte Elli, – sie mußte es sich gestehen – noch nie kennen gelernt. Sie war eigentlich nur auf die Rolle der Schmeichelkatze und des lustigen Frechdachses eingestellt. Sie wurde jetzt, ganz ohne ihren Willen, ja zu ihrer eigenen Verwunderung, die gar nicht angenehm war, berührt und gefangen. Elli hielt sich immer, um sich vor sich zu rechtfertigen, die Rohheiten des Mannes vor, den Anlaß dieser ganzen Freundschaft. Sie schämte sich heftig – sie wußte selbst nicht warum – ihrer Heimlichkeiten mit der Bende. Und das schwächte sie auch in ihrer Position gegen den Mann. Sie wurde deshalb, ohne daß die Bende es begriff, gelegentlich abweisend gegen die Bende. Es geschah aber auch, daß sie ihr Schuld- und Schamgefühl – der Verbindung mit der Bende – in Erregung und Wut auf den Mann umwandte, dies Schuldgefühl damit überdeckte, manchmal blind, manchmal in dem dunklen Gefühl: er hat das mit auf seiner Kappe, ohne ihn wäre ich nicht dahin gekommen. Und jede schlimme Szene zu Hause warf sie heftiger an die Bende: gerade wollte sie bei ihr bleiben, sie hatte Recht bei ihr zu bleiben. Das Gefühl für die Freundin entwickelte sich in der Tiefe weiter und zog wie ein Polyp andere an sich.

Link arbeitete, suchte die Frau zu versöhnen, fuhr wieder gegen sie an, trank. Sein Weg war monoton, nur in einer Steigerung begriffen. Er hatte vor allem die Frau wieder, ihre Eltern standen ihm bei, sie würde sich die Hörner an ihm ablaufen. Er fiel sie unverändert geschlechtlich an: mit ausgesprochenem Ekel, mit offenem Abscheu und Empörung erlitt sie es. Sie wollte ganz weg davon, weg von dem Seelengebiet, das er ihr aufgerissen hatte, dem des Streits, der Wildheit, der Haßverflochtenheit.

Ihr Kopf wurde wirr unter den Erregungen mit der Freundin und dem Mann. Sie lief zur Freundin, um sich Ruhe zu verschaffen. Ihre kleine Wirtschaft vernachlässigte sie. Wenn ihr der Mann morgens für den Haushalt und für kleine Besorgungen Aufträge gab, vergaß sie es, in ihrem inneren Trubel, und weil sie überhaupt nicht denken wollte. Sie mußte sich kleine Aufträge aufschreiben. Und ihm, der das beobachtete, machte es Freude, ihr Aufträge zu geben, damit sie über Tag an ihn zu denken hatte, damit er sie binde und klein kriege. Er konnte ihr dann abends, wenn er nach Hause kam, zeigen, wer sie war. Ihre Angst, wenn er kam; meist angetrunken. Sein wahnsinniges Toben. Dann war sie ihm schon nicht mehr diese bestimmte Elli. Er tobte, weil er Herr war. Es war der Rest, die Ruine seiner Liebesleidenschaft. Zerbrach, was er fassen konnte, griff nach Geschirr, Tisch, Rohrstühlen, Wäsche, Kleidung. Sie schrie: „Sei doch nicht so streng mit mir! Ich mach doch alles, was ich kann. Wie soll ich es denn machen? Hau mir doch nicht immer auf den Kopf! Du weißt doch, daß ich am Kopf nichts vertragen kann.“ – Er: „Reiß den Verstandskasten zusammen!“ Sie: „Mann, du erreichst mit der Strenge gar nichts, nur mit einem guten Wort. Du verschlimmerst die Sache bis ich für nichts garantiere. Du machst so lange, bis das Maß überläuft.“ „Du kleines Ding! Was kannst du schon machen. Hier ist der Gummiknüppel. Der wird dir helfen!“

Ihr Haß auf den Mann. Sie schrieb erbitterte Briefe an ihre Eltern, die sie zurückgetrieben hatten. Sie sollten wissen, wie es mit ihnen stand. Sie mache ihrem Mann sein Heim so ungemütlich, daß er schon gehen solle. Sie besorge ihm nur sein Fressen. Sie hasse ihn, daß sie ihn anspucken möchte, wenn sie ihn sähe. Sie möchte nur, daß er arbeiten müsse, für Alimente und für sie. Sie wolle ihm wieder ausrücken, und das Bett, das er gekauft habe, auch die Bezüge seiner Mutter, alles wolle sie mitnehmen. Unter Eheleuten gebe es keinen Diebstahl.

Der Haß faßte sie zwar an und sie stürzte sich willentlich tiefer in den Haß, aber immer waren ihre Worte noch erbitterter als ihr Gefühl: sie suchte ihre Neigung zu der Bende zu rechtfertigen, die sie sich und den anderen nicht eingestehen wollte. Sie sprach auf diese Art verschleiert von der Bende. Ein sonderbarer Zwiespalt entstand in Elli; er wurde ihr im Umgang mit der Bende täglich deutlich, brannte ihr förmlich auf die Nägel. Die Dinge mit Link besprach Elli mit der Bende täglich, aber sie war in eine Rolle gedrängt, mußte übertreiben, manches falsch darstellen; sie mußte den Rest ihrer Bindung an Link leugnen. Sie führte eine Art Doppelleben. Dieses Hin und Her war nicht ihr Wunsch.

Aber schon entschied es sich, wenigstens für jetzt. Die Liebe zwischen den beiden Frauen flammte auf. Aus dem bloßen Freundschaftsbeteuern, Trösten, Küssen, Umarmen, Sich-auf-den-Schoß-setzen wurden geschlechtliche Akte. Es war die Bende, die gefühlsstarke, leidenschaftliche, die zuerst zuckend dazu hingerissen wurde. Anfangs war Elli ihr Kind gewesen, das sie beschützen mußte. Jetzt bewunderte sie die kleine entschlossene Aktive. Sie schob sie ganz in die Rolle eines Mannes hinein. Dieser Mann liebte sie, dieser ließ sich von ihr lieben; sie war als Frau nicht sehr glücklich bei Männern und ganz und gar nicht bei ihrem eigenen Mann. Jetzt war Elli ihr Mann. Sie mußte ihr immer wieder ihre Liebe versichern. Nicht genug Beteuerungen und Liebesbeweise konnte die Bende empfangen. Elli, im Wegdrängen von Link, ließ sich willentlich auf diesen Weg führen. Ihre Aktivität, ihre männliche Entschlossenheit bekam einen geschlechtlichen Boden und steigerte sich gefährlich dadurch.

Nach diesen Vorgängen wuchs in ihnen die Sicherheit und das Gefühl, zusammenzugehören. Ein Scham- und Schuldgefühl war da, aber es schwächte sich gegen die Männer ab. Elli stieß heftiger ihren Mann zurück. Es war die Wahrheit, was sie der Bende sagte und schrieb: daß sie ihrem Mann oft den Verkehr verweigerte und ihn nur gezwungen duldete.

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Damals gegen Ende 21 kam es bei Streitigkeiten zwischen den Links rasch zu schweren Handgreiflichkeiten. Elli war vollkommen im Haß auf ihren Mann. Der Mann war stärker; sie trug Beulen und kleine Verletzungen am Kopf davon. Sie ließ sich von Sanitätsrat L. ihre Verletzungen attestieren.

Denn in ihren Gesprächen mit der Bende war sie schon zu dem Entschluß gekommen, sich von Link zu trennen. Die Bende und sie hatten öfter – ein Rauschzustand der beiden begann – den phantastisch schönen Plan durchsprochen: sie wollten zu dritt, die Mutter, Elli und Grete zusammen ziehen. Darum saß in Elli der Gedanke der Ehescheidung fest. Sie dachte nur daran, aktiv zu sein, männlich zu sein, der Freundin ihre Liebe zu beweisen. Sie hatte kaum mehr einen Blick für den Mann. Er arbeitete vor Weihnachten die Nacht über, zweimal vierunddreißig Stunden. Aber sie lief zu der Bende. Der Ehemann Bende hatte Elli schon das Haus verboten; ihm gefiel das Klatschen und Zusammenhocken der Frauen nicht. Auch der Ehemann Link wünschte nicht Ellis Verkehr mit der Bende. Er glaubte nicht an Ellis Besuche bei der Bende, war eifersüchtig auf einen unbekannten Mann. Die beiden Frauen waren in Furcht von ihren Männern ertappt zu werden, trafen sich oft nur im Husch auf der Straße. Das gefährliche Briefschreiben, das die Gefühle übersteigerte, nahm zu: es war schon eine Flucht vor den Männern, ein ideelles Zusammenleben ohne Männer. Sie gaben sich selbst die Briefe auf der Straße, ließen sie sich gelegentlich zutragen. Ein Gardinenzeichen hatten sie an den Wohnungen verabredet, für die Anwesenheit und Abwesenheit der Männer.

Eine schlimme Sylvesternacht kam. Link, der dumpfe trübe Mensch, war wieder aufs Äußerste gereizt. Als er mit Elli einen Augenblick allein war, drohte er ihr: „Komm nur nach Hause, dann kannst du deine Knochen zusammensuchen.“ Elli, in Angst vor ihm, erzählte es seiner Schwester, bei der sie waren. Die nahm Ellis Partei. Elli solle doch von ihm gehen, wenn es nicht anders würde; dann solle er eben wieder zur Mutter zurückgehen. Die Schwester richtete es ein, daß die Eheleute die Nacht über dablieben. Am Morgen des ersten Januar ging Elli nach Hause. Er kam erst gegen Abend, betrunken. Das Brüllen, Schimpfen: „Du Hure, Sau!“, das Schlagen ging los.

Am 2. Januar lief Elli heimlich weg. Die Vorbereitungen zur Flucht hatte sie mit der Bende und ihrer Mutter besprochen. Die hatten in der Nähe ein Zimmer bei der Frau D. ausfindig gemacht. Mit grünen und blauen Flecken an der rechten Schläfe erschien Elli bei dieser Frau. Sie war in Freiheit. Der Mann wußte die Adresse nicht.

Die Bende hatte ihren Triumph. Sie war eigentlich mitgeflohen, auf ihre mutlose, schwankende Art. Ihr war leichter; sie war jetzt stärker, gesicherter in den Kämpfen zu Hause. Elli war ganz ihr. Überschwänglich begrüßte sie die Flucht. Elli müßte festbleiben, sie müßten zusammenbleiben, jetzt müßte das Eisen geschmiedet werden. „Aber mein Lieb, wenn du zurückgehst oder jemand anders liebst, so sind wir für dich verschollen vor deinem Angesicht.“ Sie kannte, mit einem Schluß von sich aus, die Unsicherheiten und Blößen Ellis, warnte sie vor Link, vor dem Schuft und Strolch. Sie solle nicht auf Briefe von ihm hereinfallen, die der reine Hohn und Affenliebe seien. Er müßte im Rinnstein krepieren. „Das eine sage ich dir fest und heilig, kehrst du wieder zurück, so bin ich für dich für immer verloren.“ Ängstlich sah die Liebende, daß Elli wie eine Gejagte geflohen war, auch nur durch ihre Mithilfe geflohen war. Es mußte gefährlich werden, wenn sie sich beruhigte und Link anfinge zu werben. Sie schrieb der Elli – denn sie schrieb noch immer weiter, aus Lust an der traumhaften Athmosphäre der Briefe –: sie besäßen, sie und ihre Mutter, zuviel Ehrgefühl und Charakter, um Ellis Schwelle wieder zu betreten, wenn sie zu ihrem Mann zurückkehre. Sie könne gar nicht daran denken; das Herz bräche ihr vor Kummer und Trauer zusammen.

Link saß allein. Die Mutter war jetzt nicht in seiner Wohnung. Er trank, fluchte für sich, ging zu seiner Mutter, schimpfte. Es war wieder eine infame Leistung der Elli. Die war hart. Er sah schon, sie würde ihn wieder unterkriegen. Seine hilflose Wut bei dem Gedanken, daß das kleine Ding wagte mit ihm so zu spielen. Das Rebellieren nützte nichts. Es war nur obenhin. Er fühlte schon das andere. Er war schon unterlegen, suchte sie schon wieder zu lieben. Er widerstand in den ersten Tagen der Rachsucht und des Schmerzes. Dann war er der alte, der Mann der Verlobung. Die Szenen der letzten Tage stellte er sich vor. Er war furchtbar schlimm zu der kleinen Elli gewesen. Sein altes Minderwertigkeitsgefühl spielte auf; er wollte besser werden; das las er so: er sehnte sich nach ihr. Und immer stärkere Unwürdigkeit und Leiden und immer stärkere Sehnsucht jeden Tag, den sie nicht kam, an dem er nichts von ihr hörte. Er parlierte mit seiner Zimmervermieterin, die ihm bestätigte, als er so betrübt war, daß Elli es immer sehr eilig hatte, zu ihrer Freundin zu laufen, und dann wurde alles in der Wirtschaft verbummelt. Noch ein paar Tage sträubte er sich, dann streckte er die Waffen. Er schrieb an ihre Eltern nach Braunschweig, er war froh, als er das Papier unter den Fingern hatte und das Gespräch mit ihr begann. Er klagte: „Wie oft habe ich meine liebe Frau gebeten und immer wieder gebeten, sprich doch einmal ein paar Worte, wenn ich nach Hause komme. Wie oft habe ich gebeten: geh nicht den ganzen Tag zu Bendes.“ Und dann: „Auch daß ich Elli geschlagen habe, muß zu verstehen sein. Denkt daran, um meiner Frau ein schönes und gemütliches Weihnachtsfest bereiten zu können und weiter zu kommen, habe ich lange gearbeitet, und von solcher Arbeit komme ich körperlich und geistig abgespannt nach Hause. Elli will Einkäufe machen und geht gegen meinen Wunsch und den des Herrn Bende doch zu ihrer Freundin. Elli verläßt das Haus nicht, trotzdem Herr Bende es ihr verboten hat. Es kommt dort zum Krach zwischen den Eheleuten. Warum muß Elli das tun? Elli hat mir ins Gesicht geschlagen und hat auch von mir ein paar Klapse bekommen.“ Er endete den Brief mit langen Liebesbeteuerungen.

Die Frau saß nicht weit von ihm, bei Frau D., beruhigte sich, war froh, von der Bende geführt zu werden. Sie war diesmal nicht zu den Eltern gegangen. Hier war ihre Freundin, war alles klar und rein. Sie suchte einen Rechtsanwalt auf, Dr. S., erzählte ihm von den Mißhandlungen. Der Anwalt beantragte eine einstweilige Verfügung, wodurch ihr das Getrenntleben gestattet wurde und ihrem Mann aufgegeben wurde, ihr einen Prozeßvorschuß und eine monatliche Rente zu zahlen. Zur Glaubhaftmachung wurde das ärztliche Attest und eine eidesstattliche Versicherung der Frau Bende und ihrer Mutter überreicht. Am 19. 1. erging die einstweilige Verfügung antragsgemäß ohne mündliche Verhandlung. In der Ehescheidungssache wurde Termin auf den 9. 2. anberaumt.

Das war Ellis Kampfhandlung. Sie war auf dem Wege sich zu befreien, die Verhakung mit Link zu lösen. Diesen Weg wäre alles weiter gegangen. Aber da saß einige Häuser entfernt Link, gequält, sich beschuldigend, eine krankhafte unglückliche Natur, manchmal sich mit Schnaps und Bier beruhigend, und verlangte nur nach seiner Frau. Er wurde jetzt schon so dringlich, daß er das Briefschreiben ließ, die Eisenbahn besteigen und selbst nach Braunschweig zu ihren Eltern reisen mußte. Er konnte nicht von ihr lassen. Er war im Sturz, ganz zügellos. Wie er die Frau schlug, trank bis er betrunken war, die Sachen zerriß, Stühle zerbrach, so mußte er die Briefe schreiben, zur Bahn fahren. Es war kein Drang, etwas zu bessern, sich zu ändern, sondern ein trübes, fesselloses Nachgeben. Ein knirschendes Getriebensein.

Die Familie in Braunschweig empfing ihn nicht freundlich. Die Briefe der Elli hatten verstimmt, die Mutter war unsicher. Der Vater hielt zuletzt an seinem alten patriarchalischen Standpunkt: die Frau gehört zum Mann. Er gab dem Link die Adresse Ellis. Und als auf die flehentlichen, fast unterwürfigen Briefe kalte ablehnende Antworten kamen, fuhr der Vater selbst mit Link nach Berlin.

Der Ring um Elli und Link sollte geschlossen werden. Der Vater und Link selbst, die beiden Männer schlossen ihn. Es war nur die Frage, wer von beiden überleben würde, Elli oder Link.

Elli hatte von sich aus, auch getrieben durch die Bende, den Loslösungsprozeß eingeleitet. Aber wie sie allein in ihrem Zimmer oder mit der Bende saß, tauchten schon andere Gedanken in ihr auf. Und verstärkten sich, als das Drängen der Familie begann und zuletzt Link mit dem Vater ankam. Der fürchterliche Link, der Zwang, den er auf sie ausübte, seine Vergewaltigungen, die Wutsphäre um ihn, stießen sie ab, aber nun fing die liebesdurstige Bende sie ein. Und manches fehlte auch sonst. Sie fand, die Bende konnte ihr doch nicht so viel bieten wie ihr Mann. Bieten, das heißt auch häuslichen Rahmen, gesellschaftliche Würde, von dem Finanziellen und dem Normal-Geschlechtlichen, dem sie sich doch schon angepaßt hatte, abgesehen. Sie war aus dem Regen in die Traufe gekommen. So hatte sie es auch nicht gemeint. Solche Bindung, solche Hingabe an die Bende: das wollte sie auch nicht. Immer pochte in ihr die Scham und das Schuldgefühl wegen dieses Verhältnisses. Das wurde ganz stark, als der Vater ankam.

Locker in der Welt herumflattern, eine nicht zu feste Ehe führen, in jedem Fall mit Vater und Mutter zusammenhängen: das waren ihre dringendsten Bedürfnisse. Sie war, obwohl sie sich schon jung ganz frei bewegte, nie ganz aus dem Elternhause gekommen, war immer Tochter geblieben. Und auch ihre Lustigkeit war ganz die einer Haustochter, die das Geschlechtliche ablehnt, ja fürchtet.

Mit dem Vater kam Link. Sie hatte gewußt, daß er nach ihr fahnden würde, und daß er sich strecken würde, um sie zu finden. Er war ein roher Schuft, die Bende hatte schon Recht. Es war ihr eine Freude, ihn vor dem Vater herunterzureißen. Sie sprach bei diesen Auseinandersetzungen ganz im Tone der Haustochter; sie war die Tochter dieses Mannes. Der einfache Mann aus Braunschweig hatte schweren Stand vor ihr. Link war weich, gab seine Schuld zu. Sie blieb dabei, ihm im Triumph, auch ihren Haß und ihre Rachsucht entladend, mit Vorwürfen wegen seiner Rohheiten und Schlechtigkeiten zu überschütten. Sie war ganz eine Seele mit dem Vater.

Es war nicht lange her, da war sie zum Rechtsanwalt gelaufen zu der Scheidungsklage. Jetzt bog sie um. Der Vater blieb dabei: die Frau gehört zum Mann. Die Begegnung mit dem Vater war ihr wieder ein Erlebnis; das war ihre Familie, ihr Boden; sie beugte sich herunter zu diesem Quell. Sie hatte den größten Teil ihrer frischen Spannung abreagiert. Sie wollte und mußte ihrem Vater folgsam sein. Sie mußte es. Jetzt besonders hing sie innig mit ihm zusammen. Er war es, der sie mit Link zusammengab. Link erhielt ein anderes Gesicht. Jetzt erschien auch in schärferem, sehr unangenehmem Licht ihre Verbindung mit der Bende. Und sie schämte sich, ihren Vater hörend und ihn betrachtend, ihrer eigenen männlichen hassenden Wildheit. Link war zahm; die Eltern kümmerten sich um sie: es könnte alles gut werden, es würde alles gut werden.