Die Baumwollpflücker

Part 7

Chapter 71,265 wordsPublic domain

Vielleicht warfen wir eine Viertelstunde, vielleicht eine halbe. Ich weiß es nicht. Ich wußte auch nicht, ob ich Gonzalo überhaupt schon einmal ernsthaft getroffen hatte oder nicht. Aber ich fing dann doch an, müde zu werden. Der Speer wurde mir bald so schwer als ob er zwanzig Kilo wiege und das Werfen wurde langsamer bei mir. Ich konnte mich bald kaum noch bücken, um den Speer aufzuheben und einmal wäre ich beim Niederbücken beinahe zusammengesunken. Aber ich hatte doch das Gefühl, ich darf nicht niedersinken, sonst kann ich bestimmt nicht mehr aufstehen.

Gonzalo konnte ich nicht mehr sehen. Ich konnte überhaupt nichts mehr sehen. Ich warf den Speer immer nur in der Richtung, in der ich ihn bisher geworfen hatte und wo Gonzalo stehen mußte. Es wurde mir ganz gleichgültig, ob ich ihn traf oder nicht. Ich wollte nur nicht zuerst aufhören. Und weil von drüben immer wieder der Speer kam, warf ich ihn eben immer wieder zurück.

Plötzlich, als das Feuer einmal hell aufflammte, sah ich, daß Gonzalo sich umdrehte, um den Speer zu suchen, der offenbar weit an ihm vorbei geflogen war. Er ging ein paar Schritte zurück, fand den Speer, hob ihn auf und als er sich mir zuwandte, um ihn zu werfen, sank er auf einmal so heftig in die Knie, als habe ihn jemand mit großer Wucht niedergeschlagen.

Ich warf meinen Speer, den ich in der Hand hatte, nicht, weil ich froh war, ihn zu stellen und mich darauf zu stützen, sonst wäre ich umgefallen. Wenn Gonzalo jetzt aufgestanden wäre und geworfen hätte, ich hätte meinen Arm nicht mehr heben können, um zu erwidern.

Aber Gonzalo blieb in die Knie gesunken.

Sam lief hin zu ihm und rief dann: „Jetzt habe ich meine fünf Pesos verlolen. Antonio, Sie haben gewonnen. Gonzalo gibt auf.“

Ich schleppte mich zu einer Kiste am Feuer, hatte aber nicht mehr die Kraft, mich drauf zu setzen. Ich sank neben der Kiste auf den Boden.

Sam führte Gonzalo schleifend zum Feuer und gab ihm Wasser, das er gierig hinuntergoß. Ich sah jetzt, daß seine nackte Brust blutig war. Aber ich hatte für nichts mehr Interesse. Mir fiel der Kopf schläfrig auf die Brust und als ich gleichgültig die Augen aufschlug, bemerkte ich, daß mein Hemd und meine Brust ebenso voll Blut waren, wie die Gonzalos. Aber ich legte keinen Wert darauf. Es war mir alles egal.

Sam brachte mir die vierzig Pesos und schob sie mir in die Hosentasche. Ich hatte das Empfinden, als ob das alles irgendwo in ganz weiter Ferne geschähe. Wie durch einen Schleier sah ich, daß Sam dem Gonzalo die fünf Pesos ebenfalls in die Tasche steckte.

So hockten wir wohl eine halbe oder eine ganze Stunde. Das Feuer wurde kleiner und kleiner.

Da sagte Sam: „Jetzt lege ich mich schlafen.“

Und ich wiederholte diese Worte, als wären sie meine eigenen gewesen: „Ja, jetzt lege ich mich schlafen.“

Ich sah, wie sich auch Gonzalo erhob und ebenso schwankend und sich festkrallend wie ich die Leiter zum Hause raufkletterte.

Und als ich mich dort hingeworfen hatte und eben eindämmerte, hörte ich, wie Gonzalo sagte: „Wenn ihr morgen zeitig geht und ich bin noch nicht auf, braucht ihr mich nicht wecken. Ich will lange durchschlafen, ich bin furchtbar müde. Ich fahre ja doch nicht mit euch, ich habe ja kein Fahrgeld.“

Lange vor Sonnenaufgang stieß mich Sam an. Es war Zeit. Um acht Uhr abends mußten wir auf der Station sein, sonst verloren wir zwei Tage.

Es war noch stockfinster. Ich konnte nichts in der Hütte sehen. Sah auch Gonzalo nicht, der noch fest in seiner Ecke schlief.

Wir weckten ihn nicht, sondern ließen ihn ruhig weiterschlafen.

Wir packten rasch unsere Bündel zusammen und als gerade der Tag zu grauen anfing, gingen wir. Ein paar Schritte weiter trafen wir den Indianer, der die Hühner kaufen wollte. –

Ja, sehen Sie, Gale, das ist die Geschichte, die wahre Geschichte.“

„Ihr hättet Gonzalo an diesem Morgen auch gar nicht wach gekriegt,“ sagte ich.

„Warum denn nicht?“ fragte Antonio, die Wahrheit schon halb ahnend.

„Weil er bereits tot war!“ –

„Aber das ist die Wahrheit, Gale. Wir können noch gleich jetzt zu Sam gehen, der weiß es auch.“

„Ist nicht nötig Antonio. Lassen Sie nur sein. Ich glaube es. Es ist die Wahrheit!“

19.

Die Musik im Park hatte angefangen zu spielen.

Die Ouverture zu Cavalleria rusticana.

Da kam das wehmütige Motiv des Intermezzos.

Klagend und weinend schwebten die Töne über den Plaza. Sie schlangen sich trauernd um die königlichen Palmen.

Ich schloß die Augen, um die starren elektrischen Lampen nicht sehen zu müssen.

Aber ich sah Gonzalo auf dem Boden liegen. Vertrocknet. Ausgelöscht aus den Lebenden und Hoffenden. Seine Hand mit einem Knäuel roher schwarz verfärbter Baumwolle auf die Brust gepreßt.

Die Baumwolle! –

Antonio hatte mich offenbar eine Zeitlang schon angesehen, ohne daß ich es bemerkte.

„Warum weinen Sie denn, Gale?“ sagte er da.

„Halten Sie’s Maul!“ rief ich wütend. „Ich glaube Sie sehen Gespenster. Bilden Sie sich doch keine Dummheiten ein.“

Er schwieg.

„Ach, diese verfluchte Begräbnismusik!“ sagte ich ärgerlich. „Sollen lieber spielen „Der Graf von Luxemburg“. Es ist ja alles so lustig! Das ganze Leben ist so lustig!

Begräbnismusik für die Toten! Für die Lebenden schmetternde Fanfaren! Kommen Sie. Antonio! Es ist Zeit. Wir müssen uns eilen zur Bäckerei.

Seien Sie pünktlich! hat der Meister gesagt.“

Anmerkungen zur Transkription

Diese Erstveröffentlichung der „Baumwollpflücker“ wurde vom 21. Juni bis zum 16. Juli 1925 im „Vorwärts“, Berlin, in 22 Folgen gedruckt:

1. 21. Juni, S. 5 2. 23. Juni, S. 5 3. 24. Juni, S. 5 4. 25. Juni, S. 5 5. 26. Juni, S. 5 6. 27. Juni, S. 5 7. 28. Juni, S. 5 8. 30. Juni, S. 5 9. 1. Juli, S. 5 10. 2. Juli, S. 5 11. 3. Juli, S. 5 12. 4. Juli, S. 5 13. 5. Juli, S. 5 14. 7. Juli, S. 5 15. 8. Juli, S. 5 16. 9. Juli, S. 5 17. 10. Juli, S. 5 18. 11. Juli, S. 5 19. 12. Juli, S. 5 20. 14. Juli, S. 5 21. 15. Juli, S. 6 22. 16. Juli, S. 5

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfename der Buchausgabe von 1926, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[Folge 1]: ... anfangen können. Wir fühlten uns alle drei so wohl wie drei ... ... anfangen können. Wir fühlten uns alle vier so wohl wie vier ...

[Folge 3]: ... gehörte, stahl. Wir nehmen ihm den Raub wieder ab, bevor ... ... gehörte, stahl. Wir nahmen ihm den Raub wieder ab, bevor ...

[Folge 3]: ... daß wir auch nicht glauben, daß ein amerikanisches Kanonenboot ... ... daß wir auch nicht glaubten, daß ein amerikanisches Kanonenboot ...

[Folge 4]: ... Schlafpelz spannte. Dann wickelte er sich in ein großes Handtuch ... ... Schlafplatz spannte. Dann wickelte er sich in ein großes Handtuch ...

[Folge 5]: ... immer gleich gepackt voll. Aber nun Sie! Ist kann Sie weder ... ... immer gleich gepackt voll. Aber nun Sie! Ich kann Sie weder ...

[Folge 6]: ... leistet, den ein König, ein Milliardär oder ein einfacher Landmann ... ... leistet, die ein König, ein Milliardär oder ein einfacher Landmann ...

[Folge 7]: ... wir es überhaupt jemals fertig gebracht haben, ohne Eier ... ... wir es überhaupt jemals fertig gebracht hatten, ohne Eier ...

[Folge 11]: ... „Mag sein, davon verstehe ich nichts,“ wandte Mr. Gale ... ... „Mag sein, davon verstehe ich nichts,“ wandte Mr. Shine ...

[Folge 12]: ... Darin ist man hier gewöhnt. ... ... Daran ist man hier gewöhnt. ...

[Folge 12]: ... nicht verlassen brauchte; den er war ein beliebter und lustiger ... ... nicht verlassen brauchte; denn er war ein beliebter und lustiger ...

[Folge 18]: ... Mund und spuckte das Wasser auf den Fußboden. ... ... Mund und Zähne und spuckte das Wasser auf den Fußboden. ...