Die Baumwollpflücker

Part 5

Chapter 53,926 wordsPublic domain

Als ich dann aber beim Feuer saß und darüber immer wieder nachdachte, was für ein Gegenstand das Geräusch verursacht haben könnte, kam mir plötzlich ein seltsamer Gedanke: In dem Hause hat sich jemand erhängt, und zwar schon vor einiger Zeit; die Schnur ist morsch geworden oder der Hals durchgefault, und nun beim Schlagen an die Wand ist der Körper erschüttert worden, die Schnur gerissen und der Leichnam umgefallen. So ähnlich war auch das Geräusch, als ob ein menschlicher Körper umfiele, und der Kopf auf den Boden schlüge.

Aber diese Idee war ja lächerlich. Sie zeigte mir, wohin die Phantasie einen führt wenn man sich nicht von der Tatsache überzeugt. So verwandelt sich ein Baumstamm in der Dunkelheit in einen Räuber, der auf der Lauer steht. In den Tropen erhängt sich niemand, ich wenigstens habe nie davon gehört. Hier sind die Tage nicht trübe genug dazu. Und wenn es wirklich einer täte, so würde er in den Busch gehen, wo man drei Tage später bestenfalls nur noch an der Schnalle seines Gürtels erkennen würde, daß es sich um einen Mann handelt.

So oft ich auch noch Wasser holte, ich ging nicht in das Haus und vermied es sogar, irgendeine Spalte zu suchen und durchzulugen. Das Unbestimmte, das Geheimnisvolle sagte mir mehr zu als eine vielleicht sehr prosaische Gewißheit.

Jedoch abends, wenn ich am Feuer saß oder wenn ich nachts wach lag, beschäftigten sich meine Gedanken mit nichts anderem als mit der Frage, was in dem Hause wohl sein könne.

Am Freitag ging ich zu Mr. Shine und fragte ihn, ob er irgendwelchen Bescheid vom Manager habe. Aber Mr. Shine war die ganze Woche nicht im Store unten gewesen und würde auch die nächste Woche nicht hinunterkommen. Weil nun Montag der letzte Termin war, der für den Urlaubsantritt jenes Drillers, für den ich Ersatzmann sein sollte, in Betracht kam, so beschloß ich, Samstag früh reisefertig mit meinem Bündel selbst zum Store zu gehen und nachzufragen. War Bescheid da, dann konnte ich Sonntag mittag, also rechtzeitig genug, im Camp sein. War kein Bescheid da, so wußte ich, daß der Driller entweder nicht in Urlaub ging, oder daß er die Sache anders zu regeln gedachte. Ist diesem Falle würde ich gleich zur Station gehen und meinen Plan, nach Guatemala zu wandern, ohne weiteres durchführen.

Samstag früh holte ich mir Wasser für den Kaffee. Als ich mit dem Wasser an dem Hause schon ein Stück vorüber war, dachte ich, nun will ich aber doch einmal zu guter Letzt nachsehen, was da drin los ist, denn wenn ich das nicht tue, so kann es sein, daß mich der Gedanke an das Haus die nächsten fünf bis sechs Monate nicht losläßt. Es konnte ja die bekannte Gelegenheit sein, die einmal verpaßt, nie im Leben wiederkehrt.

Ich kletterte die paar Sprossen der Leiter hinauf, stieß die Tür, die hier nur eingeklemmt war, auf und ging in den Raum, den einzigen Raum, den das Haus hatte.

An der Wand zur Rechten sah ich etwas liegen, ein großes Bündel. Ich konnte aber nicht sofort erkennen, was es sein mochte, denn die Sonne war noch vor dem Aufgehen.

Ich trat näher hinzu; es war ein Mann.

Tot!

Es war Gonzalo.

Getötet!

Ermordet!

Sein zerfetztes Hemd war schwarz von Blut. Ein Ball Baumwolle, den er zerknüllt in der rechten Hand hielt, war gleichfalls vollgesogen von Blut.

Er hatte einen Stich in der Lunge und noch einige Stiche auf der Brust, an der rechten Schulter und am linken Oberarm.

Der Körper war nicht verwest, sondern vertrocknet.

Er hatte auf dem Boden gesessen, gegen die Wand gelehnt und als ich gegen die Wand geschlagen hatte, war der Körper auf die Seite gefallen und der Kopf war auf den Erdboden geschlagen.

Ich suchte seine Taschen durch. Er hatte fünf Pesos und 85 Centavos darin. Er hätte haben müssen: wenigstens 25 bis 30 Pesos.

Also des Geldes wegen.

Dann hatte er noch ein kleines Leinensäckchen mit Tabak neben sich liegen und einige geschnittene Maisblätter lagen verstreut herum.

Während er sich eine Zigarette drehen wollte, war er überfallen worden, an derselben Stelle, wo er sich jetzt befand.

Der Chink und Antonio waren die letzten, die das Haus verlassen hatten. Der Chink war nicht der Mörder. Wegen 20 Pesos jemand auch nur zu berühren, dazu war er viel zu klug. Diese 20 Pesos waren zu teuer für ihn.

Also Antonio.

Das hatte ich von ihm nie gedacht.

Ich steckte Gonzalo das Geld wieder in die Tasche, ließ ihn jedoch liegen wie er lag.

Dann klemmte ich die Tür wieder ein, wie ich sie gefunden hatte und verließ das Haus.

Kaffee kochte ich nun nicht mehr, sondern ich machte mich sofort auf den Weg.

Ich ging zu Mr. Shine und sagte ihm, daß ich nun selber zum Camp gehen wolle, und falls nichts los sei, gleich weitermarschieren werde.

„Haben Sie sich da oben in Ihrem luftigen Wohnhause nicht einsam gefühlt, Mr. Gale?“ fragte er.

„Nein,“ sagte ich, „ich habe immer so viel zu sehen und so viel zu beobachten, daß der Tag herum ist, ehe ich es merke.“

„Ich dachte, Sie würden vielleicht doch in das Haus übersiedeln, weil es eben ein Haus ist.“

„Daran war gar nicht zu denken. Ich sagte Ihnen ja schon, als ich zurückkam, daß es darin vor Moskitos nicht auszuhalten sei.“

„Um die Jahreswende wollen meine beiden Neffen auf Besuch kommen und hier ein wenig herumstreifen und jagen. Die stecke ich dann da hinein, da können sie hausen nach Belieben. Die werden die Moskitos schon ausräuchern. Na, denn also „Viel Glück!“ Gale, für Ihre Zukunft.“

Wir schüttelten uns die Hände und ich ging.

Warum hätte ich denn etwas sagen sollen. Daß ich der Mörder sein konnte, diesen Gedanken würde niemand haben; denn ich war ja vor allen den übrigen Leuten fortgegangen und hatte die ganze Zeit im Camp gearbeitet.

Und hätte ich etwas von meinem Fund gesagt, so hätte das eine Unmenge Fragen verursacht, Hin- und Herlaufen und wer weiß was noch. Dabei wäre ich gar nicht mehr zur rechten Zeit zum Camp gekommen.

13.

Nachdem der Driller von seinem Urlaub zurückgekehrt war, wurde ich ausbezahlt und fuhr mit einem Lastwagen, der Oel zu holen hatte, zur Station, von der ich nach Dolores Hidalgo reiste. Von dort aus fuhr ich ohne viel Aufenthalt glatt durch die Oaxaca, so daß ich schon in wenigen Tagen in Guatemala sein konnte, vorausgesetzt, daß ich meinen Plan nicht wieder einmal änderte.

In Oaxaca wollte ich erst einmal herumhören, was im Süden los sei, was hinter den Gerüchte von den neuen Oelfeldern und den Arbeitsmöglichkeiten überhaupt zu suchen sei, und ob ich nicht besser vielleicht einen windigen Segelkasten ergattern und auf Argentinien los gehen sollte. Aber von dort kamen mir auch wieder zu viele herauf, die wahre Schauergeschichten von der furchtbaren Epidemie Arbeitslosigkeit berichteten. Achtzigtausend lagen in Buenos auf der Straße und suchten eine Gelegenheit, fortzukommen. Aber schlimmer als in Mexiko konnte es ja dort auf keinen Fall sein.

Ich setzte mich auf eine Bank im Park. Ich ließ mir die Stiefel putzen, trank ein Glas Eiswasser, und als ich mich von diesen Beschäftigungen gerade so recht ungestört, zufrieden mit mir und der Welt ausruhen will, sehe ich, daß auf der Bank der meinen gegenüber ein Bekannter sitzt.

Es ist Antonio.

Ich gehe rüber zu ihm und sage: „Hallo, Antonio, guten Tag, was machen Sie denn hier?“

Wir gaben uns die Hand. Er war sehr erfreut, mich zu sehen. Ich setzte mich neben ihn und sagte ihm, daß ich auf der Suche nach Arbeit sei.

„Das ist gut,“ sagte er. „Ich arbeite seit zwei Wochen in einer Bäckerei, Brot- und Kuchenbäckerei. Da können Sie gleich heute anfangen, als Bäcker. Wir suchen gerade einen Gehilfen. Sie haben doch schon als Bäcker gearbeitet, nicht wahr?“

„Nein,“ erwiderte ich, „ich habe zwar schon in hundert verschiedenen Berufen gearbeitet, sogar schon als Kameltreiber – und das ist eine gottverfluchte Beschäftigung –, aber bis zu einem Bäcker habe ich es noch nicht gebracht.“

„Das ist ausgezeichnet, dann können Sie anfangen,“ sagte Antonio darauf. „Wenn Sie nämlich Bäcker wirklich wären oder etwas vom Backen verstünden, dann wäre nichts zu machen. Der Inhaber ist ein Franzose, er hat keine Ahnung vom Backen; wenn Sie ihm erzählen, in ein Brot gehöre Pfeffer hinein, das glaubt er Ihnen. Der wird Sie natürlich fragen, ob Sie Bäcker seien. Da müssen Sie ganz dreist sagen, das sei ihr Beruf seitdem sie nicht mehr in die Schule gingen. Der Meister ist ein Däne, ein entlaufener Schiffskoch. Er versteht auch nichts vom Backen. Seine größte Sorge ist nun, daß ein richtiger Bäcker dort anfangen könnte; einer, der das Backen wirklich versteht. Dann wäre es natürlich mit der Meisterherrlichkeit des Dänen gleich aus, denn ein richtiger Bäcker würde nach zehn Minuten sehen, was los ist. Wenn Sie nun der Meister fragt, müssen Sie gerade das Gegenteil sagen von dem, was Sie zu dem Inhaber sagen. Zum Meister müssen Sie sagen, es sei das erstemal in ihrem Leben, daß Sie in einer Backstube stehen. Dann nimmt er Sie sofort an und Sie sind sein Freund.“

„Das kann ich ja gut machen. Als Bäcker wollte ich schon immer mal arbeiten,“ sagte ich, „man kann dann, wenn man mal in der Verlegenheit ist, die Bäcker alle so schön mitnehmen. Dann hört die Sorge um das tägliche Brot auf und man hält es ein paar Tage länger aus. Also, wird gemacht. Was ist denn der Lohn?“

„Ein Peso und fünfzig Centavos.“

„Nackt?“

„Ach wo, mit Essen und Schlafen. Seife haben wir auch frei. Sie kommen weiter damit als beim Baumwollpflücken, das kann ich Ihnen sagen.“

„Wie ist denn das Essen? Gut?“

„Ach, es ist nicht gerade schlecht, es ist –“

„Weiß schon bescheid.“

„Aber man wird immer satt.“

„Kenne die Magenkneter zur Genüge.“

Antonio lachte und nickte. Er drehte sich eine Zigarette, bot mir Tabak und Maisblatt an und sagte nach einer Weile: „Unter uns gesagt, das mit dem Essen ist auszuhalten. Hier wird in den Bäckereien und Konditoreien mit Eiern und Zucker gewirtschaftet, daß es eine wahre Freude ist. Na und sehen Sie, da kommt es auf so ein Dutzend Eier auf den Mann nicht an. Da sind rasch drei Eier in die Tasse geschlagen, mit Zucker verrührt und da hilft man der Kost nach. Das macht man in der Nacht und am Vormittag vier- oder fünfmal, dann können Sie schon gut zurecht kommen.“

„Wie lange arbeitet Ihr denn?“

„Das ist verschieden; manchmal fangen wir schon um zehn abends an und arbeiten dann durch bis ein, zwei oder drei Uhr nachmittags. Manchmal wird es auch fünf.“

„Das wären dann also 15 bis 19 Stunden täglich?“

„So ungefähr. Aber nicht immer, manchmal, besonders Dienstag und Donnerstag fangen wir auch erst um zwölf an.“

„Verlockend ist es ja nun gerade nicht,“ sagte ich.

„Aber man kann ja so lange dort arbeiten, bis man etwas Besseres findet.“

„Natürlich! Wenn der Tag 36 Stunden hätte, würde man ja auch Zeit finden, sich nach anderer Arbeit umsehen zu können. Aber so? Immerhin, ich werde anfangen.“

Der Gedanke, daß ich von nun an mit einem Raubmörder Tag und Nacht zusammenarbeiten, mit ihm aus derselben Schüssel essen, mit ihm vielleicht gar im selben Bett schlafen sollte, der Gedanke kam mir gar nicht. Entweder war ich moralisch schon so tief gesunken, daß ich für solche Feinheiten der Zivilisation das Empfinden verloren hatte, oder aber ich war so weit über meine Zeit hinaus gewachsen und über die herrschende Sitte erhaben, daß ich jede menschliche Handlung verstand, daß ich mir weder das Recht anmaßte, jemand zu verurteilen, noch mir die billige Sentimentalität einflößte, jemand zu bemitleiden. Denn Mitleid ist auch eine Verurteilung, wenn auch eine uneingestandene, wenn auch eine unbewußte. Und vielleicht ein Gefühl des Schauderns vor Antonio, eine Abscheu, seine Hand zu schütteln? Es laufen so viele Raubmörder herum, wirkliche und moralische, mit Brillanten an den Fingern und einer dicken Perle in der Halsbinde oder goldenen Sternen auf den Achseln, denen jeder Ehrenmann die Hand drückt und sich dabei noch geehrt fühlt. Jede Klasse hat ihre Raubmörder. Die der meinen werden gehenkt; diejenigen, die nicht meiner Klasse angehören, werden bei Mr. Präsident zum Ball eingeladen und dürfen auf die Sittenlosigkeit und Roheit, die in meiner Klasse herrscht, schimpfen.

Zu solchen Gedanken verwildert man und sinkt man hinab in den Morast und zwischen den Abschaum der Menschheit, wenn man um Brotrinden kämpfen muß.

Aber aus diesem Strudel törichter und verrückter Gedanken, die mir das Blut zu Kopfe jagten, riß mich plötzlich Antonio mit der Frage:

„Wissen Sie, Gale, wer noch in Oaxaca ist?“

„Nein! Wie kann ich das auch wissen, ich bin ja gestern abend erst angekommen.“

„Sam Woe, der Chinese.“

„Was tut denn der hier? hat der hier auch Arbeit gefunden?“

„Aber nein! Er hat uns doch damals schon immer erzählt von seiner Speisewirtschaft, die er aufmachen wollte.“

„Und hat er eine aufgemacht?“

„Natürlich! Das können Sie sich doch denken. Was sich so ein Chino einmal vornimmt, das tut er auch. Er hat das Geschäft mit einem Landsmanne in Kompanie.“

„Ja, lieber Antonio, wir haben halt nicht die geschäftliche Ader, die zu solchen Dingen notwendig ist. Ich glaube sicher, wenn ich ein solches Geschäft gründete, würden sofort alle Leute ohne Magen geboren, nur damit ich ja nicht etwa auf einen grünen Zweig komme.“

„Das kann schon möglich sein,“ lachte Antonio. „Geht mir gerade ebenso. Ich habe schon einen Zigarettenstand gehabt, schon einen Zuckerwarentisch, habe schon Eiswasser herumgeschleppt und wer weiß, was nicht sonst noch alles versucht. Mir hat selten jemand etwas abgekauft. Ich habe immer elendiglich Pleite gemacht.“

„Ich glaube, die Ursache ist eben,“ erwiderte ich, „wir können die Leute nicht genügend anschwindeln. Und schwindeln muß man können, wenn man Geschäfte machen will. Aber gründlich.“

„Wir könnten eigentlich mal hingehen zu Sam. Der wird sich auch freuen, Sie zu sehen. Ich esse ab und zu ganz gern mal draußen irgendwo. Zur Abwechselung, sehen Sie. Jeden Tag denselben langweiligen Fraß, das wird einem auch über.“

14.

Wir machten uns also auf den Weg in das Gelbe Viertel, wo die Chinesen alle wohnten, wo sie ihre Geschäfte und ihre Restaurants haben. Nur wenige hatten ihre Läden in anderen Stadtvierteln. Sie hockten am liebsten immer zusammen.

Sam war wirklich hoch erfreut, mich zu sehen. Er drückte mir immer wieder die Hand, lachte und schwatzte drauf los, lud uns zum Niedersetzen ein und wir bestellten unser Essen.

Die chinesischen Speisewirtschaften sind alle über einen Kamm geschoren. Einfache viereckige Holztische, manchmal nur drei, an jedem Tisch drei oder vier Stühle. Wegen der Menge der Speisen, die man erhält, können bestenfalls drei sehr verträgliche Gäste gleichzeitig an einem Tisch sitzen. Auf die Sauberkeit des Geschirres und auf die Sauberkeit in der Zubereitung der Speisen kann man sich besser verlassen als in vielen teuren und eleganten Restaurants in Europa oder in den Staaten. Was in der Küche vor sich geht, kann man in den meisten Fällen von seinem Tische aus mit ansehen.

Die Art und die Menge der Speisen ist in allen chinesischen Speisewirtschaften der Stadt die ganz genau gleiche. So schließen die Chinesen unter sich jede unreelle Konkurrenz aus.

Sam hatte fünf Tische. Auf jedem Tische stand eine braunrote, tönerne, weitbauchige Wasserflasche, von der Art und Form, wie sie schon bei den Azteken im Gebrauch war. Dann eine Flasche mit Oel und eine mit Essig. Ferner eine Büchse mit Salz, eine mit Pfeffer, eine große Schale mit Zucker und ein Glas mit Chille. Chille ist eine dicke aufgekochte Suppe von roten und grünen Pfefferschoten. Ein halber Teelöffel in die Suppe getan, genügt, um einen normalen Europäer zu veranlassen, die Suppe als total verpfeffert und durchaus ungenießbar zu erklären, weil sie ihm Zunge und Gaumen verbrennen würde.

Sam bediente die Gäste, während sein Geschäftsteilhaber mit Hilfe eines indianischen Mädchens die Küche besorgte.

Zuerst bekamen wir einen Klumpen Eis in einem Glase, das wir mit Wasser füllten. Kein Wirt hier berechnet den Wert seines Geschäftes nach dem Bierverbrauch, man erhält Bier nur auf ausdrückliches Verlangen, und kein Wirt verdirbt einem den Genuß beim Essen durch sein ewiges Lamentieren, daß er am Essen nichts verdienen könne.

Dann bekamen wir ein großes Brötchen, es folgte die Suppe. Es ist immer Nudelsuppe. Antonio schüttete sich einen Eßlöffel voll Chille in die Suppe, ich zwei, zwei gehäufte. Ich habe ja bereits erwähnt, daß ein halber Teelöffel die Suppe für einen normalen Europäer ungenießbar macht. Aber man wird auch bereits bemerkt haben, daß ich weder normal bin, noch daß ich mich zu den Europäern zähle. Die Europäer haben mir das abgewöhnt, nicht die Indianer in der Sierra de Madre.

Während wir noch in der Suppe herumfischten, kamen ein Beefsteak, geröstete Kartoffeln, ein Teller Reis, ein Teller mit butterweichen Bohnen und eine Schüssel mit Gulasch. Das gibt es hier nicht, daß man sich nach jedem Gang erst die Galle anärgern muß, weil der Kellner sich eine halbe Stunde lang erst überlegt, ob er einem nun den folgenden Gang eigentlich bringen soll oder nicht. Hier werden alle Gänge sofort gleichzeitig auf den Tisch gestellt.

Nun ging das Tauschen vor sich. Antonio tauschte seine Bohnen ein gegen Tomatensalat, den man sich selbst am Tische zubereitet und ich tauschte meinen Gulasch ein gegen eine Omelette.

Antonio schüttete seinen Reis gleich in die Suppe; hätte er seine Bohnen behalten, würde er sie auch noch geschüttet haben. Aber Bohnen schien es genug in der Bäckerei zu geben, dagegen wohl seltener Tomatensalat.

Ich schüttete mir eine Lage schwarzen Pfeffer auf das Beefsteak und eine Lage auf die gerösteten Kartoffeln. Dann würzte ich den Reis mit zwei Eßlöffel Chille und die Bohnen mit vier Eßlöffel Zucker.

Darauf kam für jeden ein Stück Torte. Antonio bestellte Eistee mit Zitrone, ich ^Café con leche^, wofür man auch ebenso gut sagen kann: Kaffee mit Milch. Kaffee trinkt man mit einem Drittel des Tasseninhaltes Zucker darin. Diese Sitte halte ich für sehr gut und für sehr vernünftig. Es mag dies als fernerer Beweis angesehen werden, daß ich für Europa verloren bin, und zwar für immer; denn wo ich auch zu Tisch sitzen werde, die Hausfrau, vielleicht sogar auch der Hausherr, der ja materiell dafür aufzukommen hat, müßten angebunden werden, weil sie sonst Tobsuchtsanfälle bekommen würden angesichts meines Zuckerverbrauchs.

Beim Bezahlen an der Kasse bekommt man dann noch einige Zahnstocher. Deshalb sieht man auch nie, daß ein Mexikaner mit der Gabel in den Zähnen herumfuhrwerkt, wie ich das in Lyons Cornerhouse am Trafalgar Square und an anderen Plätzen, leider auch in Mitteleuropa, häufig zu beobachten Gelegenheit hatte. Daß man mit dem Messer recht gut essen kann, ohne sich gleich die Lippen oder die Mundwinkel aufzuschlitzen, wie so oft von ungeschickten und furchtsamen Leuten behauptet wird, weiß ich aus eigener Erfahrung. Etwas unbequem sind die starken Seemannsmesser, wie ich eines habe; weil die am Ende spitz sind und nicht breit, deshalb kriegt man die Tunke nicht so gut aus der Pfanne und man muß mit dem Finger nachhelfen. Ob man hier den Fisch mit dem Messer ißt oder mit dem Eßlöffelstiel weiß ich nicht. So oft ich Mexikaner habe Fisch essen sehen, an den offenen Garküchen auf den Märkten und an anderen Orten, aßen sie ihn immer mit dem Zeigefinger und dem Daumen. Das heißt, sie aßen ihn natürlich, wie jeder erwachsene und vernünftige Mensch es tut, mit dem Munde, aber ich meine, sie packten ihre Beute mit den Fingern. Die Verkäufer haben auch meist gar kein Messer, das sie dem Gast geben könnten, sondern eben auch nur die natürlichen Werkzeuge, die sie nicht erst kaufen brauchen.

In diesen Gedankengängen bewegte sich unser Tischgespräch, weil wir der besseren Verdauung wegen während des Essens nichts Gedankenschweres in unserem Hirn herumwälzen wollten und weil man beim Essen nur vom Essen sprechen soll.

Ich führe dieses Gespräch hier auch nur an, um zu zeigen, daß wir keine ungebildeten Leute oder was viel schlimmer ist, etwa gar revolutionäre Arbeiter waren. Denn das kann man so sehr leicht werden, wenn man sich gehen läßt und nachgibt, besonders wenn man augenblicklich keine andere Zukunftsmöglichkeit vor Augen sieht als eine fünfzehn- bis siebzehnstündige Arbeitszeit für anderthalb Pesos.

Für diese Mahlzeit zahlten wir jeder fünfzig Centavos, alles einbegriffen. Es war der übliche Preis in einer chinesischen Speisewirtschaft.

Jeder Weiße und jeder Mexikaner, der es versucht – und es wird immer wieder versucht – für dasselbe Geld die gleiche Mahlzeit mit allem genannten Zubehör zu geben, geht zugrunde. Das Allerwenigste, was ein Nicht-Chinese fordern muß, sind achtzig Centavos. Wie der Chinese das fertig bekommt und dabei noch verdient und zu Wohlstand gelangt, ist eins der vielen Geheimnisse, die um den Chinesen gehäuft sind.

Antonio goß sich noch ein Glas Wasser ein, spülte sich gründlich Mund und Zähne und spuckte das Wasser auf den Fußboden. Sauberen Mund und saubere Zähne zu haben ist dem Mexikaner wichtiger als ein trockener Fußboden. Die nimmermüde tropische Sonne trocknete ja den Fußboden, ehe sich der nächste Gast an unseren Tisch setzt.

15.

Nun segelten wir zuerst einmal zu der Bäckerei. Ich ging in den Laden und fragte den Verkäufer nach dem Prinzipal.

„Sind Sie Bäcker?“ fragte der Inhaber.

„Jawohl, Brot- und Kuchenbäcker,“ sagte ich.

„Wo haben Sie denn zuletzt gearbeitet?“

„In Monterrey.“

„Gut, dann können Sie heute abend anfangen. Freie Kost, Wohnung und Wäsche und ein und einen halben Peso für den Tag.“

„Halt!“ sagte er plötzlich, „sind Sie sicher auf Torten, auf Torten mit Gußornamenten?“

„Ich habe in meiner letzten Stellung in Monterrey nur Torten mit Gußornamenten gebacken.“

„Das ist fein! Da will ich aber doch mal mit meinem Meister sprechen, was der dazu sagt. Ein sehr tüchtiger Meister, von dem können Sie viel lernen.“

Er ging mit mir in die Kammer, wo der Meister sich gerade die Stiefel anzog, um auszugehen.

„Hier ist ein Bäcker von Monterrey, der Arbeit sucht. Hören Sie mal, ob Sie ihn brauchen können.“

Der Inhaber ging wieder in sein Zimmer und ließ uns beide allein.

Der Meister, ein kleiner dicker Bursche mit Sommersprossen, zog sich ruhig erst die Stiefel an, dann setzte er sich auf den Bettrand und zündete sich eine Zigarre an.

Nachdem er ein paar Züge getan hatte, betrachtete er mich mißtrauisch von oben bis unten und sagte endlich:

„Sie sind Bäcker?“

„Nein, ich habe keine blasse Ahnung vom Backen.“

„So!?“ sagte er darauf, immer noch mißtrauisch.

„Verstehen Sie was von Torten?“

„Gegessen habe ich schon welche,“ sagte ich, „aber wie sie gemacht werden, davon habe ich keinen Begriff. Ich wollte das gerade lernen.“

„Hier haben Sie eine Zigarre. Sie können anfangen, heute abend um zehn Uhr. Aber pünktlich! Wollen Sie was essen?“

„Nein, danke! Nicht jetzt.“

„Gut, ich werde mit dem Alten sprechen. Ich will Ihnen nun Ihr Bett zeigen.“

Sein Mißtrauen war geschwunden und er war sehr freundlich.

„Ich werde einen tüchtigen Bäcker und Konditor aus Ihnen machen, wenn Sie gut aufpassen und willig sind.“

„Dafür würde ich Ihnen sehr dankbar sein, Sennor. Bäcker und Konditor wollte ich schon immer werden.“

„Wenn Sie nun wollen, können Sie schlafen gehen oder sich die Stadt ansehen. Ganz, wie Sie wollen.“

„Gut!“ sagte ich, „dann will ich in die Stadt gehen.“

„Also um zehn Uhr, nicht wahr?“ –

Ich traf, wie verabredet, Antonio im Park auf der Bank.

„Na?“ begrüßte er mich.

„Ich fange heute abend an.“

„Das ist gut,“ sagte er, „vielleicht gehe ich später mit Ihnen runter nach Columbien.“

Ich setzte mich zu ihm.

Weil ich nicht recht wußte, was ich mit ihm reden sollte und um ein Gesprächsthema zu haben, dachte ich, jetzt ist der gegebene Zeitpunkt, nach Gonzalo zu fragen. Es war mir eigentlich nicht so sehr darum zu tun, nur zu schwätzen, als vielmehr zu beobachten, wie er sich benehmen würde, wie sich ein Mensch beträgt, der einen Raubmord auf dem Gewissen hat und den man damit überrascht, daß man ihm sagt, man wisse es.