Part 3
Er fütterte seine Hühner reichlich mit Mais. Jeden zweiten Abend mit Dunkelwerden machte er sich auf den Weg mit einem Sack, um bei den Farmern Mais einzukaufen. Manchmal ging er schon um drei Uhr vom Felde heim, um seine Hühner gut zu versorgen. Vom Mais einkaufen kam er aber immer erst zurück, wenn wir schon längst schliefen.
Die sechs Hühner und der eine Hahn, als ob sie unseren Bedarf schon im voraus kannten, taten das Menschenmögliche, nein, Hühnermögliche, um uns vor der drohenden Unterernährung zu schützen. Und für den reichlich gelieferten Mais lieferten sie als gerechte Gegenleistung mehr als sonst eine Henne zu liefern sich verpflichtet fühlt.
Am ersten Morgen hatten die Hühner, wie schon berichtet, vier Eier gelegt, am zweiten Morgen sieben und als wir bezweifelten, daß dies möglich sei, führte uns Abraham am darauffolgenden Morgen zu den drei alten Schilfkörben, die er für den Zweck aufgehängt hatte und gestattete uns, selbst nachzuzählen. Wir zählten an diesem dritten Morgen siebzehn Eier, die von den Hühnern über Nacht gelegt worden waren.
Da wir die Eier persönlich bei Sonnenaufgang gesehen und persönlich gezählt hatten, zweifelten wir von dem Tage an nicht mehr an der Zahl der von Abrahams Hühnern gelegten Eier, obgleich er uns eines Morgens, freudestrahlend, als hätte er in der Lotterie gewonnen, mitteilen konnte, daß die Hühner achtundzwanzig Eier über Nacht gelegt hatten.
Uns war es ja gleichgültig, wie Abraham seine Hühner behandelte, um solche Resultate zu erzielen. Als Sam Woe eines Tages erklärte, bei ihm zu Hause wisse man auch aus einer Krume Erde oder aus einer Henne herauszuholen, was nur überhaupt ein Gott sonst noch herausquetschen könne, aber das hätten sie daheim doch noch nicht geschafft, da fuhr ihm der Nigger gleich übers Maul: „Ihr seid eben Esel, Ihr versteht die rationelle Geflügelzucht ebenso wenig wie hier herum die ganzen Farmer, die noch größere Esel sind, als Ihr seid. Aber wir in Louisiana, wir verstehen, Hühner zu behandeln. Ich habe es von meiner Großmutter gelernt. Es hat viel Prügel gesetzt, ehe ich es begriffen habe; aber jetzt kommt auch kein noch so tüchtiger Farmer gegen mich mehr auf, wenn ich in der Nähe eine Geflügelzucht betreibe und einmal zeige, wie man Hühner rentabel macht.“
7.
Wir aßen die Eier nur. Aber die Eier rächten sich: sie fraßen. Sie fraßen an unserm Lohn so gierig, daß niemand sein gestecktes Ziel erreichen konnte, sei es ein neues Hemd, eine neue Hose oder eine Fahrkarte nach einer Stadt mit besserer Arbeitsgelegenheit.
Auch Sam Woe, dessen Landsleuten sehr zu Unrecht nachgesagt wird, daß sie sich lieber den Finger abbeißen als Geld für etwas Ueberflüssiges auszugeben, hatte ein ganz nettes Sümmchen für Eier bei Abraham stehen. Ich glaube aber doch, daß er bei jedem Ei, das er aß, immer bedauerte, daß er nicht der Lieferant sei.
So vergingen zwei weitere Wochen. Verglichen mit der ersten Woche lebten wir jetzt in Saus und Braus. Das taten die Eier und das tat eine Nacht mit fünfstündigem Wolkenbruch, der uns so gut mit Wasser versorgte, daß wir fürstlich schwelgen konnten.
Freilich bedeutete dieser Regen einen halben Tag Verlust an Arbeitslohn. Das Feld war am Morgen so lehmig und schlammig, daß wir die Füße kaum herausziehen konnten. Erst gegen Mittag, als die Sonne die übliche Kruste gebrannt hatte, konnten wir wieder an die Arbeit gehen.
Am dritten Lohntag sehen wir ein, daß wir mit dem Geld, das wir verdienten, nicht auskommen konnten. Wenn die Ernte vorüber sein wird, werden wir knapp zwei Wochen Lohn in der Hand haben. Ehe wir bis zur nächsten Stadt kommen und dort irgendeine Arbeitsgelegenheit finden würden, hätten wir genau so viel oder richtiger, so wenig übrig, als wenn wir nicht sechs Wochen, jede Woche zu sieben Tagen, in tropischer Sonnenglut von Sonnenaufgang bis beinahe Sonnenuntergang bei, trotz der Eier, allerbescheidenster Nahrung hart gearbeitet hätten. Denn außer für Essen und etwas Tabak gaben wir nichts aus. Es war auch keine Gelegenheit dazu. Der nächste Saloon, wo es Bier und Schnaps gab und wo man spielen konnte, war über drei Stunden entfernt.
„Daran sind die verfluchten Eier schuld, daß wir für nichts geschuftet haben sollen!“ sagte Antonio am Abendfeuer, als wir unsere Lage überdachten.
„Aber wir hätten sie doch nicht kaufen brauchen“, warf ich ein, „Abraham hat sie uns doch nicht aufgedrängt. Er hätte sie doch sammeln und Sonntags zum Laden bringen können.“
„Da hätte er aber mehr Arbeit davon gehabt“, sagte Gonzalo.
In dem Augenblick kam Abraham gerade von seinem abendlichen Maiseinkauf zurück. Er warf den Sack auf die Erde und sagte: „Wovon ist denn die Rede? Vielleicht etwa gar von den Eiern? Ich habe sie doch ehrlich an euch abgeliefert, und frisch gelegt war jedes einzelne auch, da kann ich doch auch wohl ehrlich mein Geld verlangen, nicht wahr, Fellers? ^That so?^“
„Von Nichtbezahlen hat niemand gesprochen, wenn Sie nicht wissen, wovon und worüber geredet worden ist, dann halten Sie lieber Ihre Gosche“, sagte ich.
„Nein“, sagte Antonio, „die Rede ist davon, daß, wenn wir nicht den Luxus mit den Eiern einstellen, wir hier die vielen Wochen umsonst gearbeitet haben.“
„Luxus nennt ihr das?“ rief Abraham entrüstet aus, „ja wollt ihr denn als Skelette rumlaufen, wenn die Ernte vorüber ist? Meinetwegen, ich kann meine Eier auch anderswo verkaufen. Also, jetzt kassiere ich. Antonio, Sie haben –“
Das interessierte mich nun gar nicht, wieviel jeder hatte und was jeder zu bezahlen haben mochte. Ich bezahlte meine Rechnung bei Abraham und ging dann nach meiner Behausung schlafen. Als ich unterwegs war, hörte ich wie Charly und Abraham in Wortwechsel gerieten. Der große Nigger behauptete, Abraham habe ihm drei Eier zuviel angerechnet. Abraham bestritt es und drängte auf richtige Bezahlung. Nach einer Weile Hin- und Herredens, wobei wieder sehr viel von Backpfeifen gesprochen wurde, mußte Charly zugeben, daß er sich geirrt habe und daß Abraham im Recht sei. In diesen Dingen, die das Geschäft unmittelbar betrafen, also Lieferung und Bezahlung, war Abraham unbedingt ehrlich.
Des Abends vor dem Einschlafen nahm ich mir vor, diese Woche einmal ohne Eier auszukommen.
Am Morgen, als ich zum Feuer ging, hörte ich Antonio schon rufen: „Wo sind denn heute morgen die Eier, du rabenschwarzer Yank? Ich will fünf haben.“
Abraham zählte seine Eier, die er in den Körben gesammelt hatte, mit einem Ernst und einer Sorgfalt, als ob er sie wirklich zum ersten Male in der Hand habe und nicht schon gestern abend genau gewußt hätte, wieviel Eier die Hühner über Nacht legen würden. Er tat, als habe er den Geschäftsauftrag Antonios nicht gehört.
„Ja, Mensch, Nigger, hast du denn nicht gehört, fünf Eier will ich haben oder soll ich sie mir vielleicht selber nehmen?“ wütete jetzt Antonio.
„Was denn“, sagte Abraham ganz unschuldig, „ich will euch doch nicht meine Eier aufdrängen und euch den sauer verdienten Wochenlohn aus der Tasche rauben. Spart das Geld lieber! Ihr könnt auch ganz gut ohne Eier auskommen. Ihr seid ja die ersten Tage auch ohne Eier fertig geworden.“
Das war ein ganz neuer Ton, den wir von Abraham bisher nie vernommen hatten.
Wir empörten uns gegen eine solche Bevormundung unserer Lebensweise wie ein Mann.
„Was fällt denn dir schwarzem Karnickel ein, mir vorzuschreiben, was ich essen und was ich nicht essen soll, ob ich mein Geld spare oder ob ich es da in die Zisterne werfe, he!“ mischte sich Gonzalo jetzt ein. „Sofort gibst du mir sechs Eier oder ich schlage dir deinen Wollschädel in Scherben.“
„Gut“, sagte Abraham resigniert, „da ihr es nicht anders haben wollt und mir sogar mit Schlägen droht, ich will euch die Eier wie bisher liefern.“
„Ja was hast du dir denn gedacht?“ sagte Sam Woe ganz ruhig und schulmeisterlich, „erst verführst du uns, Eier zu essen und wenn wir dalan gewöhnt sind, willst du sie uns verweigern. Gib mir dlei Eier.“
Der Chink hatte ein bestimmtes Gefühl bei mir ausgelöst: Jetzt auf einmal, wo wir uns an die Eier, an die Bequemlichkeit ihrer Zubereitung, an die Nachhaltigkeit ihres Nährstoffes und an ihre mühelose Beschaffung so sehr gewöhnt hatten, sollten wir plötzlich einer Laune des Niggers wegen darauf verzichten! Das war ja nicht anders, als wenn wir aus dem Zeitalter der drahtlosen Abendunterhaltung in das der Steinaxt zurückgeschleudert werden sollten. Gestern abend, den Magen übervoll gefüllt mit einem dicken, prächtigen, vollwertigen Eierpfannkuchen, hatte ich allerdings den Entschluß gefaßt, diese Woche einmal keine Eier zu beziehen. Aber am Morgen, als der Magen leer war wie ein vertrockneter Autoreifen, hielt ich den Entschluß für kindisch. Warum sollte ich mich denn kasteien und meinen mir lieben Körper qualvoll peinigen beim Anblick der schönen frischen Eier, die bereits lustig in den Pfannen der anderen pruzelten?
„Gib mir sechs!“ kommandierte ich Abraham.
Freilich als ich drei Spiegeleier gegessen und zwei zum Mitnehmen für das Mittagessen gekocht hatte, fiel mich wieder die reuige Wehmut an: Die Eier sind doch unnütz und überflüssig.
Also es blieb bei den Eiern. Der Verbrauch wurde in Zukunft höher als er bisher gewesen war. Bei allen. Auch bei Sam Woe.
8.
Auf dem Nachhauseweg rief mich Mr. Shine an: „Hören Sie, Mr. Gale, kommen Sie auf eine Viertelstunde herein. Meine Frau hat einen guten Kuchen gebacken, Sie können eine Tasse Kaffee mit uns trinken.“
Dann als wir bei Tische saßen, erzählte mir Mr. Shine wie er mit 260 Dollar, die er sich sauer erspart hatte, hier angefangen habe, wie er mit eigener Hand die Farm aus dem rohen Busch herausgearbeitet habe, wie die Straße, die mehr als drei Stunden zur nächsten Ortschaft führt, bei seiner Ankunft nur ein schmaler verwachsener Weg war, gerade breit genug, um mit dem Maultier durchzukommen, wie er auch diese Straße verbreitert habe, so daß er sie jetzt mit eigenem Ford befahren könne.
„Vierundzwanzig Jahre harter, sehr harter Arbeit waren notwendig, um etwas zu werden. Und wir Gringos hier, die wir dem Lande erst Wert geben, sind trotzdem immer wie auf dem Sprunge, plötzlich fliehen und alles verlassen zu müssen. Wir werden gehaßt wie der Tod, weil man um die Freiheit und Unabhängigkeit, die den Leuten hier über alles gilt, bangt.“
Er war nicht der erste Amerikaner, der mir diese Nöte schilderte.
„Manches Jahr ist sehr gut. Ich habe schon mal vier Ernten im Jahr an Mais gehabt. Das erreichen wir drüben in den States nicht. Aber dieses Jahr ist schlecht. Die Baumwolle hat, was seit fünfzehn Jahren nicht vorgekommen ist, Frost abbekommen; deshalb ist sie nur halb wie sie sein soll. Und ich weiß auch gar nicht was mit dem Hühnervolk los ist. Wir haben nie so wenig Eier gehabt, wie in den letzten Wochen. Auch Mr. Fringell und Mr. Shape klagen über ihre Hühner.“
Am Abend erzählte ich Abraham, was mir Mr. Shine über die Hühner gesagt hatte.
„Na, da seht ihr es ja, Fellers,“ sagte Abraham darauf, „das sind die richtigen amerikanischen Farmer wie drüben. Vor Geiz möchten sie am liebsten ihre Fingernägel aufessen. Da gönnen sie den armen Hühnern kaum eine Handvoll Mais. Wie können denn die Hühner richtig legen, wenn sie nicht gut gefüttert werden? Da seht meine Hühner an! Ich spare nicht mit dem Mais. Aber dafür geben die Tierchen auch etwas her. Man muß sie nur gut und reichlich füttern und sachgemäß behandeln, dann tun sie auch ihre Pflicht. Das hat mich meine Großmutter Susanna gelehrt und die war eine sehr kluge Frau, das könnt ihr mir glauben, Fellers. ^Thats a fact!^“
9.
Um selben Abend nach dem Essen setzte wieder die Unterhaltung über die Frage ein, wieviel uns an Geld übrig bliebe, wenn die Ernte vorüber sei. Diesmal aber wurden weder die Eier noch Abraham, der dabei saß, in dem Gespräch erwähnt.
An diesem Abend kamen wir alle einmütig zu dem Ergebnis, daß wir ordentlich essen müßten, um uns arbeitsfähig zu erhalten, daß wir eine bestimmte Summe am Ende der Ernte übrig haben müßten, um nicht umsonst gearbeitet zu haben oder wie Sklaven nur für das Essen und daß also, kurz und bündig, der Lohn zu niedrig sei. Wenn wir statt sechs, acht Centavos für das Kilogramm bekämen, könnten wir gerade zurecht kommen.
Mit diesem Gedanken gingen wir schlafen.
Am nächsten Morgen, sobald die anderen Arbeiter auf das Feld gekommen waren, gingen Antonio und Gonzalo gleich zu ihnen und erklärten ihnen, daß wir die Absicht hätten, acht Centavos zu verlangen und zwei Centavos Nachbezahlung für die bisher schon gepflückten Kilos. Diese Leute, alle unabhängiger als wir, weil sie alle ihr Stückchen Land hatten, waren ohne weiteres damit einverstanden.
Nun gingen Antonio und Gonzalo, sowie zwei von den anderen Leuten zur Wage und sagten Mr. Shine was los sei.
„Nein,“ antwortete Mr. Shine, „das bezahle ich nicht, ich bin doch nicht verrückt. Das habe ich noch nie bezahlt. Das kommt ja gar nicht rein.“
„Gut,“ sagte Antonio, „dann machen wir Schluß. Wir wandern dann noch heute ab.“
Da mischte sich einer von den ansässigen Arbeitern ein: „Hören, Sie, Sennor, wir warten zwei Stunden. Ueberlegen Sie es sich. Wenn Sie dann noch Nein! sagen, satteln wir unsere Mulas. Wir wollen schon dafür sorgen, daß Sie keine Leute kriegen.“
Damit war die ganze Konferenz erledigt. Die vier Abgesandten gingen ins Feld zurück, berichteten die abschlägige Antwort und alle Leute verließen ihre Reihen, gingen zu den Bäumen und legten sich schlafen.
Als ich auch auf dem Wege zu den Bäumen war, rief Mr. Shine herüber: „He! Mr. Gale, kommen Sie auf einen Augenblick her.“
Ich ging rüber. „Na,“ sagte ich gleich beim Näherkommen, „wenn Sie etwa glauben, daß ich hier die Mittelsperson mache, dann sind Sie im Irrtum, Mr. Shine. Wäre ich Farmer, stünde ich auf Ihrer Seite und ich ginge mit Ihnen durch dick und dünn. Da ich aber kein Farmer, sondern Farm-Hand bin, stehe ich zu meinen Arbeitskollegen. Das verstehen Sie doch?“
„Gar kein Zweifel, Mr. Gale,“ erwiderte Mr. Shine, „es ist auch gar nicht meine Absicht, Sie herüber zu ziehen; denn Sie allein könnten die Baumwolle ja doch nicht hereinholen. Aber wir wollen das einmal in Ruhe überrechnen.“
Mr. Shine zündete sich eine Pfeife an und gab mir Tabak. Sein ältester Sohn, der etwa sechsundzwanzig Jahre alt war, steckte sich eine Zigarre an und der zweite Sohn, der jüngste in der Familie, ungefähr zweiundzwanzig Jahre alt, pellte ein Stück Kaugummi aus einem Stück verschweißtem Papier heraus und schob es in den Mund.
„Sie sind der einzige Weiße hier unter den Pflückern und da ich Ihnen ja schon acht bezahle, sind Sie eigentlich parteilos und können hier mitsprechen. Sie haben doch nicht etwa den andern Burschen gesagt, daß Sie acht bekommen?“ fügte Mr. Shine, die Pfeife aus dem Mund nehmend, hinzu.
„Nein,“ sagte ich, „dazu hatte ich nicht die geringste Ursache.“
Dick, der älteste Junge, kletterte in das Lastauto, lehnte sich gegen einen Ballen Baumwolle und ließ die Beine über die Reeling baumeln.
Pet, der jüngere, setzte sich zum Steuerrad und druselte, unausgesetzt seinen Gummi knatschend, vor sich hin.
Der Alte lehnte sich gegen den Wagen und fummelte unaufhörlich fluchend, an seiner Pfeife herum, die bald ausging, bald verstopft war, bald neuen Tabak brauchte, obgleich der Rest noch gar nicht ganz aufgebrannt war.
Die ganze Erregung, die den Farmer durchtobte, äußerte er nur an der Behandlung seiner Pfeife.
Nachdem etwa fünf Minuten lang niemand etwas gesagt hatte, platzte plötzlich Pet heraus: „Weißt du was, Daddy, ich an deiner Stelle würde bezahlen, ohne viele Worte zu machen.“
„Ja, du,“ rief Mr. Shine wütend, „du würdest bezahlen. Es geht ja nicht aus deiner Tasche, da ist das „Bezahlen würden“ leicht. Aber dann ziehe ich dir’s von deinem Taschengelde ab.“
„Das wirst du nicht tun, Daddy, oder du mußt mir das Geld für die verkaufte Baumwolle auch geben, sonst wäre es ungerecht.“
„Ha! Daß ich nicht platze vor Lachen. Das Geld für die verkaufte Baumwolle!? Habe ich denn überhaupt schon für einen Dime verkauft? Ich sage Ihnen, Mr. Gale, noch nicht einen blanken Tinker hat man mir geboten. Und was für eine Baumwolle in diesem Jahr! Die weißeste Schneeflocke von Alaska muß sich dagegen schämen. Und sehen Sie einmal hier, Mr. Gale,“ dabei rupfte er eine Knolle, die dicht neben ihm stand, ab und quetschte sie, mir dicht vor die Nase haltend, in seinen Fingern, „die weichesten Daunen sind dagegen der purste Stacheldraht. – Ja, Gosch, sagen Sie doch auch einmal ein Wort. Stehen Sie doch nicht so da, als ob Sie die Sprache verloren hätten.“
„Aber ich bin doch unparteiisch,“ sagte ich darauf.
„Ja, richtig, Sie sind unparteiisch. Aber Sie können doch wenigstens den Mund mal aufmachen.“
Es kam ihm nur darauf an, jemand zu finden, dem er widersprechen konnte.
Da räkelte sich Dick ein wenig bequemer in seine Stellung ein und sagte ganz langsam und bedächtig mit breit gezogenen Worten:
„Da will ich dir mal was sagen, Dad –.“
„Du? Ja du bist mir gerade der Rechte.“
„Dann eben nicht. Ich habe Zeit. Es ist ja nicht meine Baumwolle, es ist ja deine.“
Und als Dick nun wieder in seine bulkige Schweigsamkeit zurückfiel, sagte der Alte plötzlich ganz erbost: „Ja, verflucht noch mal, dann rede doch schon oder soll ich hier vielleicht stehen, bis die ganze Baumwolle verfault und verwurmt ist?“
„Siehst du, Dad, das meine ich gerade: verfault. Wenn die Leute gehen, andere kriegen wir nicht. Und wenn wir die Leute herschicken lassen von den Städten, müssen wir mehr Reisegeld bezahlen als die Sache wert ist.“
„Rede doch schon einen Strich schneller.“
„Aber, ich muß es mir doch erst ausdenken, was ich sagen will. Sieh mal, Dad, einmal hat es schon geregnet. Und es sieht ganz so aus, als ob wir eine sehr frühe Regenzeit kriegen oder eine volle Woche Strippregen. Dann ist die ganze Baumwolle hinüber, dann ist sie in den Dreck gehauen und du kannst lange suchen, bis du einen findest, der dir anstatt der Baumwolle den Sand abkauft. Je eher wir die Baumwolle gewinnen und auf den Markt gebracht haben, je besser ist der Preis. Wenn der Markt erst mal voll ist, müssen wir froh sein, wenn wir sie mit zwanzig oder fünfundzwanzig Centavos Verlust losschlagen, wenn wir sie dann überhaupt unterbringen und sie uns nicht auf dem Halse liegen bleibt. Bis jetzt sind wir sehr früh dran und sind mit die ersten auf dem Markt.“
„Verflucht noch mal, Junge, du hast verteufelt recht. Vor vier Jahren habe ich sie mit dreißig Centavos unter den Anfangspreis verkaufen müssen und habe noch dagestanden wie ein armseliger Bettler, der um ein Stück Brot boomen muß. Aber ich bin doch nicht ganz und gar wahnsinnig geworden, daß ich acht Centavos bezahle. Früher habe ich sogar bloß vier, wenn sie schlecht stand, fünf bezahlt. Nein, das ist abgemacht, da lasse ich sie, by Gosh, zehnmal lieber verfaulen und verschimmeln, just wie sie da steht, ehe ich nachgebe.“
Dabei schlug er mit der Hand nach einer Staude, als ob er mit dieser Handbewegung das ganze Feld abrasieren wollte.
Dann kam ihm in seinem Zorn ein anderer Gedanke:
„Aber an der ganzen Geschichte sind bloß die Fremden schuld, die Auswärtigen. Die hetzen uns hier die Leute auf. Die können nie den Rachen vollkriegen. Unsere Leute hier herum sind immer zufrieden. Ja, Sie auch, Mr. Gale, Sie sind auch einer von den Aufwieglern und von den Bolsches, die alles auf den Kopf stellen und uns das Land wegnehmen und das Bett unter dem Hintern fortziehen wollen. Bei mir kommt Ihr aber an die falsche Nummer. Das habe ich selber mitgemacht. Das kenne ich, weiß, wie es gemacht wird. Aber wir haben keine ^I. W. W.^[1] und alles solchen Stoff gehabt.“
[Fußnote 1: ^I. W. W.^ = ^Industrial Workers of the World^, eine sehr radikale Arbeiterorganisation.]
„Wenn Sie mich meinen, Mr. Shine, tun Sie sich keinen Zwang an. Nebenbei bemerkt, habe ich Ihnen gar keinen Grund gegeben, anzunehmen, ob ich ein ^Wobbly^[2] bin oder nicht.“
[Fußnote 2: ^Wobbly^ = Mitglied der ^I. W. W.^]
„Mischen Sie sich doch nicht rein, von Ihnen ist ja gar nicht die Rede. Ich habe Sie ja gar nicht gemeint. Aber bezahlen tu ich nicht, basta!“
„Na, hör mal, Daddy,“ sagte jetzt Pet, ohne sich seinem Vater zuzuwenden, „in bezug auf die Fremden hast du unrecht, durchaus. Die sechs Fremden schaffen mehr herein als die zwölf oder vierzehn Indianer. Die tun doch überhaupt bloß etwas, weil sie sehen, wie die Fremden arbeiten und was verdient werden kann. Wenn unsere Hiesigen einen Peso machen, dann sind sie zufrieden und halten lieber fünf Stunden Mittagsschlaf, weil ihnen das wichtiger ist. Ohne die Fremden bekämen wir die Baumwolle vor Weihnachten nicht herein, da wette ich mein Leben darauf.“
„Aber ich bezahle keine acht und damit Schluß!“
„Dann kann ich ja ankurbeln und wir können heimfahren,“ sagte Dick trocken und kletterte gemächlich von dem Wagen herunter.
Es waren noch lange keine zwei Stunden vergangen, aber die „Hiesigen“ wurden jetzt beweglich. Sie fingen ihre Maultiere ein und begannen aufzusatteln.
Als einige der Peons schon soweit waren, aufzusitzen, sprangen Antonio und Gonzalo plötzlich auf, warfen ihre großen Hüte hoch in die Luft und begannen mit schrillen Stimmen zu singen:
Es trägt der König meine Gabe, Der Millionär, der Präsident –
Die Leute hörten sofort auf, an ihren Tieren zu arbeiten und standen stille wie Soldaten nach einem Kommando. Sie wußten nicht, was ^I. W. W.^ war, was eine Organisation bedeutet, was eine Klasse sei. Aber der Gesang hämmerte auf sie ein, schmiedete sie zusammen zu einem ehernen Block, und als der erste Refrain wiederholt wurde, sang bereits das ganze Feld. Was vielleicht geschehen könnte, wenn der letzte Refrain beginnt, wußte ich. Ich habe es erlebt.
Der Gesang, so eintönig und schlicht in seiner Melodie, aber so federnd wie feinster Stahl in seinem klingenden Rhythmus, steckte mich an. Ich konnte nicht anders, ich begann, das Lied mitzusummen.
„Natürlich! Sie auch!“ sagte Mr. Shine, halb ironisch, halb selbstverständlich zu mir. „Ich hab’s ja gewußt!“
Als der zweite Refrain erklang, wendeten sich die Leute, die bisher zwanglos in einer losen Gruppe bei ihren Maultieren gestanden hatten, alle wie ein Mann zu uns herüber, wodurch der Gesang herausfordernd und persönlich anzüglich wurde.
Mr. Shine faßte nervös nach hinten und knöpfte die lederne Revolvertasche auf, machte sie aber gleich wieder zu mit einer Geste der Verlegenheit, die aber ebensogut auch eine der Scham oder gar der Wurschtigkeit sein konnte.
„Teufel noch mal,“ rief er dann, „^that means business^, die scheinen Ernst zu machen.“
„Das machen sie,“ sagte Pet knatschend, „und wenn sie einmal fort sind, haben wir unsere liebe Mühe und Not, sie wieder hereinzuholen.“
„Gut,“ sagte Mr. Shine, „ich bezahle acht, aber erst von heute an. Was bezahlt ist, bleibt bezahlt, da wird nichts nachgegeben. Mr. Gale, seien Sie doch so gut, bitte, und rufen Sie die Leute heran!“
Ich lief rüber und brachte die ganze Horde zusammen.
„Na, was ist?“ fragten die Leute, als sie nahe genug der Wage waren.
„Also es ist abgemacht,“ sagte Mr. Shine halb erbost, halb von oben herab, „ich zahle acht für das Kilo, aber –“
Antonio ließ ihn nicht ausreden:
„Und für die schon gepflückten Kilos?“
„– zahle ich die zwei Centavos nach. Aber nun auch tüchtig ran an die Arbeit, daß wir den ganzen Bettel noch trocken hereinkriegen.“
„Hurra für Mr. Shine!“ schrie Abraham.
„Halts Maul, darned Nigger, du bist nicht gefragt!“ schrie der Farmer wütend.
„Aber was mache ich denn nun mit Ihnen, Mr. Gale,“ sagte Mr. Sinne, „Sie bekommen doch schon acht.“
„Ja,“ sagte ich, „da gehe ich halt leer aus, Mr. Shine.“
„Das sollen Sie nicht. Bei einem Mann kommt es mir auch nicht darauf an. Und weil Sie Weißer sind, der einzige Weiße. Sie sollen zehn haben.“
„Mit Nachzahlung?“