Die Bären von Hohen-Esp: Roman
Part 9
Sein Blick schweift wieder hinüber wie in angstvollem Forschen, und ihm ist's, als ob sich im Dämmerlicht des verdunkelten Hauses ihr schneeweißes Antlitz ihm zuwende.
Lächelt sie?
Ja, sie lächelt wie zuvor ... und ihre kleine, weiche Hand liegt wieder mit sanftem Druck in der seinen, er atmet den süßen Veilchenduft, welcher aus ihrem Haar emporweht.
Wie erlöst von bangem Zweifel atmet er auf.
Wie kommt er dazu, sie eine Nixe zu nennen? Nur um der wundersamen, lichtklaren Augen willen? --
Das war eine sonderbare Idee von ihm.
Gott sei gelobt, sie ist eine Erdentochter von Fleisch und Blut, und in ihrer Brust schlägt ein warmes, treues Herz, für den, welcher es zu eigen gewinnen wird!
Warum ist er hier?
Wie der fliegende Holländer, der einsame, weltfremde und verlassene, kam auch er an Land, um ein Weib zu freien, -- und so wie jener auf der Bühne drunten eine todgetreue Seele findet, so wird auch er sein zaubrisch Lieb sich heimholen. --
Ho -- hohojohe! --
Horch, den Matrosenjubel! Horch, die brausende See und den tosenden Sturm!
Wieder weht es um seine Stirn wie heimatliche Luft, sein Herz wird weit und groß in heißem Sehnen nach dem Meer und all seinem herben Zauber!
Soll er heimkehren zu ihm? --
Lächelnd schließt er die Augen.
Nein! Mit noch zaubervolleren, tausendfachen Banden hält es ihn in der Fremde fest!
IX.
Während Guntram Krafft mit sehnsüchtigem Blick nach dem Logenplatz, welchen Gabriele am Arm des Kammerherrn verlassen, hinüberschaute, war Fräulein von Sprendlingen in das Teezimmer, welches hinter der großen Hofloge lag, eingetreten.
Prinzeß Amalie blickte ihr bereits erwartungsvoll entgegen.
Die hohe Dame, welche schon seit Jahren eines Knieleidens wegen nur mit großer Anstrengung zu gehen vermochte und meist in ihrem kleinen, eleganten und leicht beweglichen Rollstuhl gefahren wurde, nickte dem jungen Mädchen in ihrer herzgewinnenden Weise zu und fesselte sie sogleich an ihre Seite, nachdem Gabriele von den anwesenden Fürstlichkeiten durch ein paar huldvolle Worte der Begrüßung ausgezeichnet war.
Fräulein von Sprendlingen stand, die servierte Tasse Tee in der Hand, neben der Prinzessin und erzählte in ihrer frischen, anmutigen Art von den erlauchten Anverwandten der hohen Frau, welche sie während ihres Besuches bei der Hofmarschallin am Hofe zu X. noch vor wenigen Tagen gesehen und gesprochen hatte.
Da gab es viel zu berichten: von der jungen, liebreizenden Hoheit, welche diesen Winter zum erstenmal tanzt und auf einem Kostümfest im Ministerhotel als »Rautendelein« ganz besonders herzgewinnend aussah; von den jungen Prinzen, welche der Frau Herzogin bereits über den Kopf wachsen, sehr liebenswürdig und begabt sind, auch auf künstlerischem Gebiet, namentlich in der Musik, schon Hervorragendes leisten; von diesen und jenen alten Hofbeamten, welche schon zur Zeit der Prinzeß Amalie ihre Stellung innehatten und der hohen Frau ein ganz besonders treues und verehrungsvolles Andenken bewahren.
Wieviel hat sich aber auch gerade in dem letzten Jahrzehnt verändert!
Manch alte treue Seele ist heimgegangen, manch Glück ist zerschellt, manch Unglück hat sich noch in letzter Stunde gewendet, -- die Jungen wachsen heran, und »neues Leben blüht aus den Ruinen!«
Die kurze Pause hatte kaum ausgereicht, all die vielen Erinnerungen neu aufleben zu lassen. Gabriele bleibt auf Wunsch der Frau Prinzessin in der großen Loge.
Und als sich die Herrschaften während der nächsten Pause abermals zurückziehen, wendet sich der Herzog mit einer Ansprache an Fräulein von Sprendlingen und verwickelt sie momentan in eine Unterhaltung.
Als er sich just voll liebenswürdigen Interesses nach dem Unfall erkundigt, welchen sie mit dem Schlitten gehabt, klingt das leise, beinahe übermütige Lachen des Prinzen Karl Emil an ihr Ohr, welcher mit einer der Hofdamen plaudert.
»Ich glaube, Gräfin, wir alle sind gespannt, den >weisen Toren< kennenzulernen!« sagt er gerade mit vernehmlicher Stimme, »denn solch eine Bekanntschaft macht man nicht alle Tage, höchstens in Bayreuth!«
Der Herzog wendet den Kopf: »Von welchem >weisen Toren< sprichst du?«
»Von dem modernen Parzival!« lacht der Prinz, »welcher heute abend dem fliegenden Holländer eine gewaltige Konkurrenz macht und das Publikum mehr interessiert wie der bleiche Kapitän auf der Bühne drunten!«
»So, so! -- Der Graf von Hohen-Esp! -- Der dürfte freilich die Attraktion der diesjährigen Saison sein! -- Und >Parzival< nennt Ihr ihn? -- So übel nicht, wenngleich der Hof des Königs Amfortas recht wenig Ähnlichkeit mit dem unsern hat!«
»Parzival kam auch in Klingsors Zauberschloß und sah dort Blumenmädchen, die beinahe so schön waren wie unsere Balldamen!« neckte der Prinz mit einem Seitenblick auf Gabriele.
»Dürfen wir ... oder müssen wir jetzt erröten, Hoheit?« --
»Beides, mein gnädiges Fräulein, es steht Ihnen eins so gut wie das andere!«
»Laßt sehen, ob es den modernen Parzival von Burg >Hohen-Esp< fesselt!« scherzte der Herzog und fuhr, direkt zu Fräulein von Sprendlingen gewandt, fort: »Was sagen Sie dazu, Gnädigste, daß die eifersüchtige Mutter Herzeleide, alias Gräfin Gundula, endlich den so lang versteckten Sohn freigibt?« --
»Ich höre es soeben mit Staunen, königliche Hoheit, daß Graf Hohen-Esp hier in der Residenz anwesend ist!«
»Sogar in nächster Nähe zu schauen! Bemerkten Sie noch nicht in der Loge, Ihnen gegenüber, einen blonden Mann, welcher nicht im mindesten nach einem Hinterwäldler ausschaut?!«
Gabriele blickte den Sprecher mit weit offenen Augen an. --
»Jener Fremde ... _jener_ ist es, königliche Hoheit?«
»Gewiß! Sie erwarteten auch eine ganz andere Erscheinung in dem Einsiedler aus der Bärenhöhle?«
»Findest du wirklich, Vater, daß er so völlig von Europens Kultur beleckt ist?« lachte Prinz Karl Emil mit zwinkerndem Blick: »Der tadellos zugeschnittene Rock und die Krawatte =à la fin de siècle= machen es nicht allein! Ich finde, der Graf sieht trotz all des Goldschnitts, mit dem man ihn >neu eingebunden< hat, doch aus, wie ein etwas verstaubter Foliant, welchen man aus wurmstichigem Archiv holt!«
Leises Gelächter, die Herzogin und einer der Flügeladjutanten sind herzugetreten und beteiligen sich voll Interesse an dem Gespräch, sie lachen ebenfalls über den drolligen Vergleich des Prinzen, nur der Herzog zuckt etwas ungeduldig die Schultern.
»Motiviere deine Ansicht!« sagt er kurz, »was mutet dich >verstaubt< an der blühenden, reckenhaften Gestalt des jungen Mannes an?«
»Sein Anzug nicht, das haben wir bereits konstatiert!« fährt der Prinz mit lustig blitzenden Augen fort, »ich bin sogar überzeugt, daß Parzival das modernste Parfüm ins Schnupftuch goß, welches jemals Blumenmädchen fabrizierten. Aber ... es ist der Ton, welcher die Musik macht -- und die Art und Weise, _wie_ ein Mensch seine Kleider trägt, ist maßgebend für seine Persönlichkeit!«
»Ganz recht, -- _wie_ aber trägt Graf Guntram Krafft seinen Rock?«
»Wie ein Mann, der sich höchst fremd und höchst unbehaglich in der neuen Fasson vorkommt!«
»So? Das ist mir noch nicht aufgefallen!«
»Beobachte ihn! Jede seiner Bewegungen ist geniert, ungeschickt, -- in Wahrheit >bärenhaft<! Man sieht, daß der junge Einsiedler es gewohnt ist, mehr mit Keulen dreinzuschlagen, als wie mit dem Operngucker zu hantieren!« --
»Mich überrascht am meisten der Ausdruck seines Gesichtes!« schaltete die Herzogin ein, »fraglos ist der Graf ein schöner Mann! Seine Züge haben etwas Edles, ich möchte beinahe sagen Heldenhaftes! Aber ihr Ausdruck nimmt ihnen vollständig diesen Charakter!«
»Er ist von all dem Neuen befangen!...«
»Und das wohl auch mit Recht! Seine Augen haben einen schier kindlichen Blick, so naiv wie er schaut kaum noch ein Backfischchen drein! -- Was er denkt und fühlt, spiegelt sich auf seinem Antlitz, das beobachtete ich während der Vorstellung. Wenn er bemerkt, daß sich aller Augen aus dem Publikum auf ihn richten, wird er verlegen wie ein schämiges Jüngferchen, -- ich möchte darauf wetten, daß er sogar errötet!« --
»Dies alles deucht mir kein Fehler!«
»Gewiß nicht, -- aber auch kein Vorzug für einen Mann!« --
»Wir müssen bedenken, wie groß der Umschwung der Verhältnisse für den Ärmsten ist! In tiefster Einsamkeit aufgewachsen, steht er urplötzlich in dem bunten hochflutenden Strom großstädtischen Lebens, -- sonst gewöhnt, stets die strenge, energische Mutter zur Seite zu haben, welche alles für ihn bedenkt und leitet ... ist er plötzlich ganz allein auf sich selbst angewiesen und muß sich ohne Kompaß und Steuer durch die Flut völlig fremder Verhältnisse lavieren ...«
»Er steht daheim vollständig unter dem Einfluß der Mutter?«
»Selbstverständlich! Er wird der Gräfin jetzt wohl mit Ausübung aller praktischen Arbeit zur Hand gehen, aber sicherlich Frau Herzeleide ebenso als >hohe Obrigkeit< ansehen, wie Parzival der Ältere, ehe ihn sein Tatendrang hinaus in die Welt führte!«
»Die Verhältnisse sollen ja geradezu glänzende geworden sein! Man sagt, die Gräfin habe sich vollkommen arrangiert und das verlorene Vermögen sozusagen zurückgewonnen!«
»Hut ab! Sie ist eine vortreffliche Frau, welche jedermann die höchste Achtung abnötigt! Was diese Bärin für ihr Junges getan, macht ihr so leicht kein Mann nach!«
»Sie muß eine geradezu geniale Landwirtin, eine geborene Agrarierin sein! Allerdings hat sie auch viel Glück bei der Sache gehabt! Schon der Umstand, daß der alte Wattenburg seinen Sohn verlor und nun nicht mehr viel Interesse am Landbesitz hat! Dem allein verdankt sie es doch, daß sie Walsleben so >portionsweise< zurückkaufen kann!«
»Nächstens geht das Gut wohl wieder völlig in ihren Besitz über! Der alte Inspektor hat mal kürzlich unserem Domänenrat erzählt, die Gräfin hätte es schon vor zwei Jahren kaufen können, die Barsumme läge bereit; aber sie ist so sehr vorsichtig, daß sie sich nie völlig verausgabt, sondern stets mit allen möglichen Eventualitäten rechnet, Mißernten usw., wo es gilt, die Löcher mit Kapital stopfen!«
»Sehr klug und vernünftig gedacht! -- Ich bin sehr gespannt, den Sohn kennenzulernen, ob er von den großen Anlagen der Mutter geerbt hat!«
»Vorläufig machen Mutter und Sohn ja zusammen noch eine >Zehne< aus!« zuckte Prinz Karl Emil voll Humor die Achseln.
»Was heißt das?«
»Nun -- sie ist die eins -- und er ... die Null!« --
Abermals ein leises Gelächter, nur der Herzog klappte mit verräterischem Zucken um die Lippen den Sohn mit dem Handschuh gegen den Arm und schalt: »Unverbesserlicher Spötter! Bei dir und deiner beklagenswerten Mama ist es freilich umgekehrt!«
In den Korridoren ertönte das Klingelzeichen, die hohen Herrschaften traten nach sehr huldvoller Verabschiedung in die Loge zurück, und Gabriele eilte, die Begleitung des Kammerherrn dankend ablehnend, zu Frau von Sprendlingen zurück.
Ihr Atem ging schnell und unruhig, ihr Herz schlug aufgeregt in der Brust.
Sie setzte sich schweigend auf ihren Platz nieder, und ein finsterer, beinahe verächtlicher Blick streifte den Grafen von Hohen-Esp, welcher sich mit aufleuchtenden Augen vorneigte und durchaus kein Hehl von seinem Entzücken machte, sie wiederzusehen. Also das Muttersöhnchen aus der Bärenhöhle war der mutige Retter, welcher mit so gewaltigen Fäusten ihren Schlitten ausgerichtet hatte, daß der Kutscher gar nicht genug davon schwärmen konnte, war der höfliche Mann, welcher sie emporgehoben und mit solch unverhohlener Bewunderung in ihr Antlitz geblickt hatte, daß sie lächeln mußte!
Der Bär von Hohen-Esp! Jener Held, welcher wegen einer kaum beachtenswerten Verletzung am Fuß nicht Soldat ward, welcher sich feige und schlapp hinter der Mutter Schürze verkroch, anstatt voll kühnen Wagemuts hinaus in die Welt zu stürmen, um Gut und Blut zu Kaisers Ehren zu wagen!
Und den nennen sie einen Parzival? Sie möchte schallend auflachen, und beißt doch wie unter physischem Schmerz die Zähne zusammen.
Nein! Parzival war zwar auch ein Kind weltabgeschiedenster Einsamkeit, welches die Mutter gegängelt hatte, solange sein Arm noch schwach und sein Schwert noch kurz war, -- als aber dem jungen Löwen das Haus zu eng ward, als er die königliche Kraft in Herz und Faust verspürte, da riß er sich los von dem unwürdigen Gängelband, von Weiberrock und Schürze, sattelte hochgemut sein Roß und zog aus, in seines Königs Landen Frau Aventure die Fehde anzusagen!
Parzival, der weise Tor, ward ein Held, in dessen markiger Hand der Speer, der heilige, leuchtete; was aber ist Graf Guntram Krafft? Wahrlich ein Bär, welcher kampfmutig hervorbricht aus der Höhle, Sieg und Beute zu suchen? --
Nein, wahrlich nicht!
Er sitzt hinter dem Ofen und läßt Weiberhände für sich arbeiten, er erntet nur die Saat, welche die fleißige Mutter für ihn ausgestreut.
Und was tut er für Kaiser und Reich?
Nichts!
Für wen setzt er seine Bärenkräfte ein?
Nur für sich selbst!
Sagt er es sich nicht selbst, daß er als Mann, -- als Edelmann heilige Pflichten zu erfüllen hat?
Nein!
In behaglicher Ruhe genießt er sein inhaltloses Leben, läßt das Schwert an der Wand rosten und stellt das Schild der Ahnen in die Rumpelkammer!
Was will er hier?
Sich gar ein Weib suchen, welches sein Schlaraffenleben mit ihm teilt?
Ein verächtliches Zucken um Gabrieles Lippen.
Auch eine solche wird sich wohl für ihn finden; es gibt Mädchen, welche wenig, sehr wenig von einem Mann verlangen, lediglich einen Trauring.
Gehört Gabriele von Sprendlingen zu diesen bescheidenen Seelen?
Nein, und tausendmal nein! In ihrer Brust glüht ein Feuer heiliger Vaterlandsliebe und stolzer Begeisterung, vor dessen Flammenschein selbst die reckenhafte Bärengestalt des reichen Grafen von Hohen-Esp wie ein Schatten kläglich zusammenschrumpft!
Ja, kläglich!
Gabriele ist wie eine Elfengestalt winzig und zierlich neben dem Riesen Guntram Krafft, und doch deucht es ihr, als blicke sie tief auf ihn herab, so tief, daß er gar nicht mehr für sie existiert!
Als die letzten Musikklänge verrauscht sind und der tosende Beifall sich gelegt hat, erhebt sich das junge Mädchen und schreitet hastig dem Ausgang zu; für den Grafen von Hohen-Esp, welcher noch immer zögernd in der Loge steht und zu ihr hinüberschaut, hat sie keinen Blick mehr.
In der großen Halle drunten stehen die jungen Offiziere und plaudern mit den Damen, welche hier das Vorfahren der Wagen erwarten. Auch Leutnant von Heidler ist Gabriele sporenklirrend entgegengetreten, küßt Frau von Sprendlingen die Hand und erkundigt sich nach dem Befinden der Damen.
Er hat Gabriele bereits auf dem Bahnhof begrüßt -- daß seine Anwesenheit daselbst ein Zufall gewesen, hat er weder behauptet, noch hat es die junge Dame angenommen; auch jetzt blickt er ihr mit den kühnen, siegesgewissen Augen, wie in selbstverständlicher Vertraulichkeit in das reizende Antlitz und versichert ihr, daß die Residenz schauderhaft öde ohne sie gewesen sei und daß es eine ganze Menge zu erzählen gäbe! Gestern habe er mit etlichen Kameraden eine -- =soit dit= Schnitzeljagd auf Schnee und Glatteis geritten, um die Dauerhaftigkeit der Gäule auszuprobieren, die guten Resultate habe man selbstredend mit etwas Alkohol gefeiert, und zwar sei die Sitzung so ausgedehnt worden, daß er nicht mehr dazu gekommen sei, einen von ihm beabsichtigten Besuch in Villa Monrepos zu machen. Ob er denselben jetzt noch nachholen und eine Tasse Tee bei den Damen trinken dürfe?
Frau von Sprendlingen hat durchaus nichts dagegen, obwohl ihr Lächeln ein wenig kühler scheint, wie sonst; Gabriele aber errötet unter dem zarten Spitzenschleier, welcher ihr Köpfchen verhüllt, und die Nixenaugen blitzen voll Interesse auf.
»Einen Übungsritt =à la= Heidler?« ruft sie lebhaft, »davon müssen Sie erzählen! Wie geht es Ihrer >Gudrun< -- hat sie das Glatteis mit bekannter Verve genommen?« --
»>Gudrun< hat brillant durchgehalten, aber Massenbach hat Pech mit seinem >Slusohr< gehabt, -- nahm einen Graben ... gegen die Sonne ... war natürlich geblendet und sprang zu kurz ...«
»O weh! Und >Slusohr<?« --
»Kocht bereits im Wurstkessel!«
»=Pour condoler!=« --
»Dem Besitzer des seligen Rosses oder denen, die es verspeisen müssen?!«
Sie lachen und bemerken kaum die hohe Männergestalt, welche dicht neben ihnen an einer Säule steht und keinen Blick von Gabriele verwendet. Nur Frau von Sprendlingen sieht den Erben von Hohen-Esp und zeigt ihm ein ganz besonders freundliches Gesicht.
Der Wagen wird gemeldet, Herr von Heidler bietet der Baronin den Arm, und Gabriele folgt.
Guntram Krafft schreitet so dicht an ihrer Seite, daß der lichtblaue, mit weißem Tibet besetzte Samt ihres Theatermantels ihn streift.
Die junge Dame bemerkte es nicht.
Wieder weht der süße Veilchenduft zu ihm empor und benimmt ihm schier den Atem, -- der Einsiedler aus der Bärenhöhle hat nur Augen und Sinn für die schlanke Mädchengestalt neben ihm, -- aber das stolze Antlitz wendet sich nicht ein einziges Mal ihm zu.
Er steht und sieht, wie der Dragoneroffizier sie in den Wagen hebt und dann selber einsteigt, -- die Pferde ziehen an, und neue Wagen und Rosse drängen vor das Portal.
Wie im Traum schreitet der junge Graf in die kalte Winternacht hinaus.
In seinem Kopf wirbelt es von neuen, wundersamen Eindrücken.
Sein Herz schlägt heiß und ungestüm in seiner Brust; wie eine leidenschaftliche Glückseligkeit, eine jauchzende Lebensfreude kommt es über ihn. Morgen wird er seine Besuche fahren, er wird all die vielen, heiteren, freundlich lachenden Menschen kennenlernen, -- auch Gabriele von Sprendlingen, -- und dann ist er ihr kein Fremder mehr, er darf sie grüßen, darf mit ihr plaudern ... und sie wird ihn mit den süßen, rätselhaften Augen ebenso anblicken, wie vorhin den Dragoner ...
Noch nie hat sich der weltfremde Mann so frohen Herzens zum Schlafe niedergelegt, wie an diesem Abend, -- vor seinen Ohren rauschen die Wogen des Meeres, klingen die Zauberweisen des »Fliegenden Holländers« -- Sentas Antlitz trägt Gabrieles Züge, und sie breitet die Arme nach ihm aus und singt leise wie ein Hauch: »Ach, wann wirst du, bleicher Seemann, sie finden? Betet zum Himmel, daß bald ein Weib -- die Treue ihm hält!« -- Hohojohe! --
* * * * *
Die Villa Monrepos, welche der pensionierte General von Sprendlingen bewohnte, lag in einer jener stillen Vorstadtstraßen, in welchen nur Equipagen und elegante Passanten verkehren, wo kunstvolle Eisengitter die prächtig gepflegten Gärten einhegen und weiße Steinbilder aus Taxus und Lebensbäumen ragen.
Über den verschneiten Gartenweg eilte eine junge Dame in fußfreiem Tuchkostüm, welches die sehr kleinen Juchtenstiefelchen genügend sehen ließ, ein weiches Pelzkäppchen auf dem lose gepufften Haar, und die dicke lange Boa von rötlich-hellem Pelz um den zierlichen Hals geschlungen, zog eilig die Glocke und ging mit kaum merklichem Gruß an dem Portier vorüber, um die teppichbelegte Treppe emporzuhasten.
Sie schien kein seltener Gast bei Fräulein von Sprendlingen zu sein, denn der Diener öffnete sogleich wie ganz selbstverständlich die weißlackierten Flügeltüren und sagte mit kurzer Verbeugung: »Darf ich bitten, in das Musikzimmer, Komtesse, -- das gnädige Fräulein spielen soeben!«
»Hm!« sagte Gräfin Thea von Sevarille, den Gruß ebenso unhöflich erwidernd wie zuvor denjenigen des Portiers, staubte die letzten Schneesternchen von dem Muff und schritt durch eine Flucht beinahe übereleganter Salons nach dem kleinen, turmähnlichen Anbau, in welchem Gabriele ihren Flügel aufgestellt hatte.
Fräulein von Sprendlingen klappte die Noten zu und erhob sich.
»Endlich, Thea! Es war mir schon ganz unheimlich, daß du noch nicht hier warst! Während meiner Abwesenheit hat sich doch gewiß mancherlei hier ereignet, was wichtig genug ist, um rapportiert zu werden! Komm mit hinüber, ich finde es heute kalt hier!«
»Dein eisiges Herz kühlt die Temperatur zu schnell ab!« lachte Thea und legte den Arm um die Schultern der Freundin. »Mir ist es recht, warm zu sitzen, ich bin bis zum Eiszapfen gefroren!« --
Sie traten in das lauschige Boudoir, in welchem sie ehemals schon als Backfische so oft beisammen gesessen; Komtesse Sevarille warf die Pelzjacke und Boa ab, zog den weißen Schleier über das spitze, scharfmarkierte Näschen empor und ließ sich wohlig vor dem Kamin in eins der hellseidenen Sesselchen sinken.
»Neuigkeiten!« lachte sie; »wenn du gehst, Liebste, steht die Zeit bei uns still, -- und sowie du wieder auf der Bildfläche erscheinst, häufen sich die Ereignisse! Nummer 1! Du bist mit dem Schlitten umgekippt?« --
»=En passant=, -- es war nicht der Rede wert!«
»Es genügte, um dich einem höchst gefährlichen Retter in die Arme zu führen!!« --
Thea dachte an den alten Dienstmann, von welchem man im Theater gesprochen, und belachte ihren harmlosen Witz sehr vergnüglich; um so mehr überraschte sie der plötzlich so ganz veränderte Ausdruck in dem schönen Antlitz ihres Gegenübers.
»Ein gefährlicher Retter?« spottete Gabriele, und ihre Augen wurden so groß und durchsichtig, als wollten sie einen Blick bis in ihr tiefstes Herz gestatten. »Wenn mir alle Menschen so ungefährlich wären wie der Bär von Hohen-Esp, so wäre es gut um mich bestellt!«
Schier atemlos starrte Thea sie an. »Der Bär von Hohen-Esp?« wiederholte sie gedehnt.
»Verlangst du, daß ich ihn voll ersterbenden Respekts Herr Graf nenne?!« --
»Der Hohen-Esper rettete dich?«
Gabriele zuckte beinahe ungeduldig die Achseln.
»Mein Gott, du fragst mich ja nach meinem Retter, und da muß ich dir doch begreiflich machen, daß nichts an der ganzen Sache gefährlich war, weder er noch der umgekippte Schlitten, noch die durchgehenden Pferde! Nichts von alledem hat eine Spur hinterlassen!«
Einen Augenblick starrte Gräfin Sevarille, noch aufs höchste betroffen, in das lodernde Kaminfeuer, dann faßte sie sich schnell und nickte sehr lebhaft: »Du sollst mir die ganze Begegnung mit dem sagenhaften Menschen einmal genau beschreiben! Ihr lerntet euch also bereits kennen?«
»Ebenso wie man sich mit einem Eckensteher kennenlernt, der zuspringt, wenn einem der Schirm hinfällt!«
Thea lachte gedämpft. »So stellte er sich nicht vor?« --
»Nein! Ich glaube nicht, daß der Einsiedler aus dem Hinterwald schon Knigges Umgang mit Menschen studiert hat!«
»Vorzüglich! Du bist fabelhaft amüsant, Gabriele! Und sehr gut warst du nie auf diesen Bär zu sprechen! Weißt du noch, wie du damals -- hier an derselben Stelle -- einen feierlichen Eid schwurst, den taten- und ruhmlosen Grafen nie zu erhören, und wenn er zehnmal dir zu Füßen liegen sollte?«
»Nein, diesen Schwur vergaß ich nicht und gedenke ihn auch unter allen Umständen zu halten!« spottete Fräulein von Sprendlingen mit demselben verächtlichen Zucken um die Lippen wie am Abend zuvor im Theater. --
»Wenn du gehofft hast, der Schlittenunfall sei das erste Kapitel zu einem Roman gewesen, so irrst du gewaltig!«
Theas Augen schillerten, sie rückte eifrig näher und verschlang die Hände um das Knie.
»Ich bezweifle es nicht! Ein Charakter wie du wechselt nicht die Ansichten wie die Handschuhe, -- das wäre erbärmlich! Es wäre nur recht bedauerlich, wenn der arme Parzival sein Herz ernstlich an dich verlöre!«
»Warum nennt ihr alle diesen Herrn im Frack und Zylinder >Parzival<? Verzeih' die Offenheit, aber ich finde es als eine grobe Geschmacksverirrung!«
»Warum das? -- Stimmt das Schicksal des Hohen-Esp nicht genau mit dem von König Gamurets Sohn überein?«
»Das ich nicht wüßte!«