Die Bären von Hohen-Esp: Roman

Part 28

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»Wohl wäre ich nicht mehr verpflichtet, einem solch schnöden Verrat gegenüber das gelobte Schweigen zu wahren, -- aber ich will nicht ebenso verächtlich sein wie sie, ich will das Wort halten, welches ich gegeben!«

Und er drückte Gabrieles Hände an die Lippen und sagte: »Ich habe Diskretion zugesagt, -- und ich bitte dich, sie halten zu dürfen, Herzlieb! Ich habe die große Welt ehemals nicht gekannt und beklagte oft voll geheimer Sehnsucht, daß sie mir so fremd und verschlossen geblieben, weil du darin lebtest und meiner Ansicht nach der Weg zu deinem Herzen nur durch sie führte! Jetzt danke ich es Gott auf Knien, daß sie mir mit all ihrem Falsch und Verrat so fernliegt. Mein teures, heiliges Meer hat mir das Glück gebracht, welches ich Tor so unerreichbar wähnte, Gott der Herr hat gewußt, Gabriele, daß du reine Perle nicht in den Staub der Großstadt, sondern hierher in deine sturmumbrauste Heimat gehörst!« --

-- Mit tiefem, wundersamem Blick schaute sie ihn an. -- »Nein -- sag' nicht den Namen derer, welche ein so gewissenloses und egoistisches Spiel getrieben, ich kenne ihn ja! Sie hat dich selbst von dannen getrieben und dadurch wieder bewiesen, daß jede Schuld ihre Strafe in sich selber trägt. -- So groß aber -- ganz so groß, wie du wähnst, war ihr Vergehen jedoch nicht!«

Gabriele hob freimütig das schöne Haupt, ihr Auge leuchtete auf: »Hätte mich Thea an jenem Hofballabend noch einmal um diese meine Backfischansicht befragt, ich würde fraglos dieselben Worte noch einmal niedergeschrieben haben. Der Bär von Hohen-Esp war auch in jenen Tagen noch derselbe tatenlose und ruhmlose Schwächling für mich, welcher er gewesen, seit sein Name zuerst vor mir erklang! -- Erst hier in Hohen-Esp lernte ich begreifen, welch ein bitteres Unrecht ich ihm getan! Erst hier erkämpfte der herrlichste und kühnste Mann seinen großen Sieg über mein stolzes Herz, welches er nun zu eigen genommen hat für alle Ewigkeit!« --

Sie erhob sich von dem Bootsrand, auf welchen sie sich momentan niedergesetzt, und strich die wehenden Haarlöckchen von den Wangen zurück, auf welchen heiß und ungestüm seine Küsse brannten.

»Wir wollen den Zettel zu Grabe legen, Geliebter!« -- lächelte sie, »damit nichts mehr an die böse, vergangene Zeit gemahnen soll! -- Das Meer soll jene Zeilen abwaschen und vernichten, und sie sollen vergessen sein in dem jauchzenden Glück, welches seine stürmende Flut uns geschenkt!«

Sie traten näher herzu an die schäumende Brandung, und Guntram Krafft zerriß das Papier und zerstreute seine kleinen weißen Flocken in den sprühenden Gischt. Eine Woge kam und wusch sie zurück auf den Meeresgrund, und die goldhaarigen Nixen sammelten sie und betteten sie tief unter Muscheln und wogendem Tang.

Frisch und köstlich rein streicht der Wind um die Stirn, und sie stehen Arm in Arm in wortloser Glückseligkeit und sehen zu, wie das letzte Streifchen im Wellenschnee verschwindet.

»Nun ist die letzte Spur von damals verwischt!« lächelte Gabriele und schmiegt sich fester an die Brust des geliebten Mannes.

»Damals! -- und heute?« fragte er neckend. Da schlingt sie die Arme um ihn und flüstert voll strahlenden Stolzes: »Heute lautete der Zettel, welchen ich schrieb, freilich anders! Lasest du nicht die Depesche, welche ich meinem Mütterchen schickte? -- O, Guntram Krafft, -- wie wird sie sich unseres Glückes freuen!« --

* * * * *

Das hat Frau von Sprendlingen nun schon seit Jahren aus vollstem Herzen getan.

Sie ist ein häufiger, voll wärmster Freude begrüßter Gast auf Hohen-Esp geworden, eine scharmante Schwiegermama, der Guntram Krafft stets die warmherzigen Sympathien erhalten hat, welche er der so gütigen Mutter seiner Gabriele von Anbeginn entgegengebracht. -- Auch eine liebe, vertraute Freundin Gundulas ward sie, deren Interessen so ganz und gar mit denen der Generalin verschmolzen.

Seit ein junges, frisches Geschlecht in der alten Burg emporblüht, und die kleinen Bären in Halle und Hof herumpurzeln, hat Großmutter Gundula alle Hände voll zu tun, und es ist ein wahrer Segen, daß sie nach wie vor als guter Schutzgeist auf Hohen-Esp waltet, denn auf Frau Gabrieles Hilfe ist nicht im mindesten zu rechnen.

Zum händeringenden Erstaunen von Frau von Sprendlingen hat ihre Tochter viel mehr Interesse für den Rettungsschuppen, wie für Haus und Hof, und nie zuvor hätte sie geglaubt, daß Gabriele sich so leidenschaftlich für die See und alles, was mit ihr und dem Rettungsschuppen zusammenhängt, begeistern könne. Aber gerade das bildet das jauchzende, unbeschreibliche Entzücken des Grafen, den Höhepunkt all seines Glückes.

Das verbindet sein Herz doppelt fest und innig mit dem seines heldenhaften Weibes, welches ihn hinausbegleitet auf die See, in Sonnenglanz und Mondenschein, bei Sturm und bösem Wetter.

Dann sitzt auch auf dem lockigen Köpfchen der Gräfin der Südwester gar bildhübsch und verwegen, auch sie trägt »Ölzeug« und weiß mit Ruder und Segel Bescheid wie der beste Lotse!

Einst hatte ein jäh einsetzender Sturm sie weit draußen auf dem Meere überrascht. Es gab eine grobe See und schweres Wetter.

Gabriele aber war fest und seetüchtig wie ein bewährter Matrose, -- mit blitzendem Auge schaute sie kühn und unerschrocken in das Wetter hinaus, und als es immer gewaltiger stürmte, und das Schifflein von hohen Wogen geschleudert ward, da faßte sie die Hand ihres Mannes, schmiegte sich fest an ihn und blickte ihm in die Augen.

Er umschloß sie treu und innig: »Fürchtest du dich, Herzlieb?« --

Da lächelte sie, faßte seine Hand noch fester und sagte schlicht: »Wovor? _Wir sind ja beisammen_!« --

O, in diesem Augenblick hätte der Graf von Hohen-Esp sein schwankes Schifflein mit keinem Kaiserthron vertauscht!

Als Frau von Sprendlingen aus der Residenz die Nachricht mitbrachte, daß Herr von Heidler schon seit Jahr und Tag den Abschied genommen und in süßem Nichtstun von den Renten seiner Gattin lebe, -- dies sei behaglicher wie das ewige Hetzen, Drillen und Streben im bunten Rock -- da starrte Gabriele die Sprecherin mit weitoffenen Augen schweigend an, Guntram Krafft aber fragte überrascht: »Er war doch passionierter Sportsman, und so eine Leidenschaft liegt im Blut! Reitet er nicht mehr privatim die Rennen mit?« Da lächelte die Generalin: »O, nein! Anfänglich hatte er wohl den Wunsch, es zu tun, aber seine sehr verwöhnte, kindische und eigenwillige Frau hat es ihm streng verboten, da es zu gefährlich sei; und da Herr von Heidler sehr unter dem Pantoffel steht, fügt er sich willenlos den Wünschen seiner reichen Gattin.« --

Gabriele machte eine jähe, brüske Bewegung, mit beinahe verächtlichem Lächeln wandte sie sich ab.

»Und Gräfin Thea?« --

»Sie tanzte Winter für Winter vergeblich. Jetzt hat sie sich der Frauenbewegung angeschlossen und schreibt sehr zornmutige >grünspanische< Artikel gegen die Männer. Wenn es ihr glückt, ist das starke Geschlecht binnen Jahresfrist vernichtet!« --

»Gottlob, daß Hohen-Esp so weit aus der Welt liegt,« lachte Guntram Krafft, »hier erreicht mich ihre Feder hoffentlich nicht im Todesstoß!« --

* * * * *

Die Rettungsstation des Bären von Hohen-Esp hat viel bewundernde Anerkennung gefunden, und sein edles Beispiel gab oft Veranlassung, auf diesem Gebiete nachzueifern und das Rettungswesen zur See zu fördern. Durch ihn ward in der Residenz die Aufmerksamkeit des großen Publikums auf die bittere Not gelenkt, mit welcher der Seemann an unserer heimatlichen Küste zu kämpfen hat, und manch hilfsbereite Hand tat sich auf, die Sammlungen der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger durch ein Scherflein zu unterstützen.

Da hatte der Bär von Hohen-Esp auch in weiterem Sinn für das Vaterland gewirkt und zu sein und seines Kaisers Ruhm und Ehren zwar nicht das Schwert, wohl aber das Ruder mit kühner, tatenfroher Hand geführt.

Neben der Rettungsmedaille schmückt ein hoher Verdienstorden seine Brust, und es war einer der schönsten Tage in Gabrieles Leben, als sie denselben dem geliebten Mann voll stolzer Anerkennung auf sein schlichtes Fischerkleid heften konnte.

Von dem Rettungsschuppen flattert die Fahne der Hohen-Esp, weithin sichtbar nach dem blauen Meer, und um die Mauern und Zinnen des alten Bärenschlosses weht und rauscht es auf geheimnisvollen Schwingen, -- ranken die roten Rosen und duften heimlich von dem unvergänglich großen Liebesglück, welches darinnen wohnt.

* * * * *

Unverändert, Jahr um Jahr, wogt die See gegen den gelben Dünensand, wirft Muscheln und Bernsteinbrocken aus und überschüttet die Kinder, welche jubelnd von der Burg zum Strand stürmen, mit blinkenden Tropfen, -- ihre weißen Wellenarme breitet sie nach dem neu heranwachsenden Heldengeschlecht aus, und der junge Bär von Hohen-Esp setzt vorsichtig sein erstes, selbstgeschnitztes Schifflein auf das Salzwasser, schlingt den Arm um den Nacken von »Jöschen dem Jüngern« und sagt: »Auch ich werde ein Schirmvogt von Hohen-Esp sein, und wenn du und ich so groß sind wie der Vater, fahren wir beide als Matrosen zur See!«

Guntram Krafft hat's gehört, er zieht sein holdes Weib an die Brust, und sein glückstrahlender Blick schweift hinaus über die schimmernde Flut; wie ein Psalter heißen Dankes jauchzt es in seinem Herzen, und tausend blaue Wogen rauschen: »Halleluja! Amen!«

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Notizen des Bearbeiters

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