Die Bären von Hohen-Esp: Roman

Part 26

Chapter 263,696 wordsPublic domain

»Ja, es _muß_ sein, Mutter! Drei Männer warten noch auf unsere Hilfe, unter ihnen der Kapitän. Das Schiff hat bereits an sieben Fuß Wasser im Raum! Das Ruder ist weggestoßen, und der Fockmast schwankt derart, daß er jeden Augenblick über Bord gehen kann! Das einzige Boot, welches noch vorhanden war, ist völlig leck geschlagen! Da ist keine Minute Zeit zu verlieren, -- gebe Gott, daß wir nicht schon zu spät kommen! Nur einen Schluck zur Stärkung für meine Leute, und dann wird uns der barmherzige Gott auch zum zweiten Male helfen!« --

Der Pastor hat die Hände des Sprechers ergriffen und drückt sie mit warmen Segensworten, die Frauen reichen den Schiffbrüchigen und Lotsen die Becher mit dem Gemisch von starkem Tee und Rum. Sie umarmen ihre Männer, stumm und ergeben wie zuvor, sie weinen und klagen nicht, sie erschweren ihnen ihre saure Pflicht nicht noch mehr, -- auch sie sind stark und heldenhaft, -- wie sich's gebührt.

Nur Mike klammert sich ein wenig fester an ihren Neuvermählten und blickt ihm wieder und wieder in die Augen, bis Jöschen die Zähne zusammenbeißt, sich losreißt und nach dem Boote zurückwatet.

Auch Guntram Krafft wendet sich hastig. Noch einmal drückt er seiner Mutter die Hände -- dann trifft sein Blick Gabriele. Sie hat bisher stumm zur Seite gestanden, jetzt plötzlich ist es, als ob ein Beben und Schüttern durch ihre schlanke Gestalt gehe, sie will nicht -- sie _muß_ ihm entgegenwanken, ihm die Hände reichen -- zu ihm aufblicken ...

Herr des Himmels, welch ein Blick! welch ein Ausdruck in dem wunderholden Antlitz! Er zuckt zusammen, -- er starrt sie an ...

So sah sie selbst damals Herrn von Heidler nicht an, als sie den kühnen Reiter um seiner Heldentaten willen bewunderte!

»Gabriele!« -- murmelte er. -- --

Ihre Lippen zittern, -- sie drückt seine Hände fester, krampfhafter zwischen den ihren.

»Sie sind jetzt erschöpft, Graf -- Sie _können_, Sie dürfen das Furchtbare nicht zum zweitenmal wagen!«

Wie ein Angstschrei klingt es zu ihm empor. Heiße Röte steigt in sein Antlitz, dieselbe, welche ehemals im Ballsaal seine Stirn färbte und ihr so weibisch und verächtlich deuchte, -- jetzt sieht sein edles, kühnes Angesicht noch schöner darunter aus wie zuvor.

»Ich weiß nicht, was ich kann und tun darf, ich weiß nur, was ich _muß_!« klingt es wie ein Aufjauchzen von seinen Lippen, -- sein strahlender Blick trifft noch einmal den ihren, dann gibt er ihre bebenden Hände jählings frei und springt in das Boot zurück.

»Chryste Kyrie -- Sei bei uns auf der See!«

Und abermals bäumt sich das Boot hoch auf und schießt hinaus in die grauenvolle, schäumende Wildnis der Wasser ... in die gähnende Finsternis hinein. --

Die Gräfin legt die Arme um Gabriele und neigt sekundenlang das Antlitz auf die Schulter des jungen Mädchens.

»Beten Sie für ihn, Gabriele! Beten Sie! Diese zweite Fahrt ist schlimmer, viel schlimmer, wie diese erste!«

Und dann richtet sich die Schirmvogtin von Hohen-Esp energisch auf und folgt festen Schritts den Männern, welche den bewußtlosen Schiffsjungen nach dem Rettungsschuppen tragen.

Nun gilt es auch für sie, treu und umsichtig ihres Amtes zu walten.

Sie muß dem Kranken die erste Pflege angedeihen lassen, für seine Überführung nach Hohen-Esp sorgen und das Unterkommen der gestrandeten Mannschaft bedenken.

Noch einmal zögert sie und blickt zurück, sie will Gabriele zu Hilfe an ihre Seite rufen, da sieht sie im dämmernden Mondlicht, wie die schlanke, weiße Mädchengestalt auf die Knie herniederbricht, wie sie die Hände in heißem, inbrünstigem Gebet verschlingt.

Ein seliges Lächeln geht über ihr ernstes Antlitz. Nein, sie darf nicht rufen.

Dieser lichte Engel muß am Strande treue Wacht halten!

* * * * *

Es ist stiller wie zuvor um Gabriele, -- die Männer bergen die Rettungsgeschosse, welche überflüssig geworden sind, die Weiber und Kinder üben Samariterdienste an den Schiffbrüchigen.

Boten müssen nach der Burg gesandt werden, das Ingesinde hat Frau Gundula heimgeschickt, alles für die Ankunft des Kranken und der Mannschaft, welche in der »blauen Woge« kein Unterkommen mehr findet, vorzubereiten. Nun beginnt das Hasten und Treiben nach Dorf und Burg zu, und nur wenige sturmzerzauste Gestalten stehen wie dunkle Schatten am Strand bereit, die Heimkehr des Bootes rechtzeitig zu künden.

Still und einsam ist es um Gabriele.

Die hohe, leidenschaftliche Aufregung, welche sich ihrer zuvor bemächtigt, ist gewichen. Alles, was sie bisher empfunden, war eine glühende Begeisterung gewesen, das namenlose Entzücken, endlich das Bild ihrer Träume verkörpert zu sehen, den todesmutigen Helden zu schauen, welcher seit Jahren zum Inbegriff all ihres schwärmerischen Sehnens geworden war! --

Mit stürmendem Herzen hatte sie gestanden und das herrliche Bild Guntram Kraffts mit den Blicken umfaßt, als könne sie sich nicht satt schauen an einem solchen Schauspiel. Da hatte ihre Seele gejauchzt und den höchsten Flug genommen, da jagten ihre Pulse wie im Fieber, und nur _ein_ Gefühl hatte sie beherrscht, die unaussprechliche Bewunderung eines Heldenmuts, dessen Größe sie kaum zu erfassen und begreifen vermochte!

Er war zurückgekehrt von seiner verwegenen Fahrt, und ihr war es zu Sinnen gewesen, als müsse sie vor ihm niederknien, seine Hände an die Lippen drücken und stammeln: »Vergib, du Gewaltiger, Herrlicher! vergib einer Blinden, daß sie dich ehemals so bitter und so ungerecht gekränkt! -- Jetzt erst sind meine Augen geöffnet, und ich habe gesehen, _wer_ du bist!« --

Jetzt erst? --

Ja, es ist so warm und licht in ihrem Herzen geworden, als ob nach langer, dunkler Winternacht der goldene Lenz erwachen solle!

Und als er ihr soeben in die Augen schaute, der kühne, sieghafte Held, als er sich stolz von ihr losriß und nichts Höheres und Heiligeres kannte, als seine Pflicht, -- da fluteten die ersten, heißen Sonnenstrahlen durch ihr Herz, -- da jauchzte es nicht mehr -- »fahr' hinaus, und sei ein Held, auf daß ich dich bewundern kann!« -- nein, da schrie es auf in zitternder Angst --: »bleibe hier, damit ich dich _liebe_!« --

Verweht und vergangen ist all die stolze Begeisterung, mit welcher sie ihn das erstemal das Wagnis vollbringen sah, -- da konnte sie nicht beten für ihn, sondern nur schauen, schauen wie eine Berauschte, mit blitzenden Augen und wogender Brust!

Jetzt plötzlich rieselt es eiskalt durch ihre Adern, zitternde Todesangst kriecht ihr an das Herz, und die bleichen Lippen möchten aufschreien in bitterer Not um den Geliebten.

Wie ein Gespenst taucht plötzlich das Bildnis Wulffhardts vor ihr auf ... das entsetzliche Wort »ertrunken!« starrt sie mit grellen Buchstaben aus der schwarzwogenden See an -- »ertrunken! -- ertrunken ...!« --

Sie hebt in qualvollem Entsetzen die Hände, sie bricht nieder auf die Knie ... der Sturm weht über sie dahin und reißt das Spitzentuch von ihrem lockigen Haar.

Scharf und schneidend peitscht er den feinen Sand gegen ihr Antlitz und trinkt gierig die Tränen, welche haltlos über ihre Wangen tauen.

Wie aus dem geöffneten Rachen eines Ungeheuers brüllte die See, -- die ehemals bespöttelte, so verächtlich belächelte See, und Gabriele fühlt, wie das Grauen sie schüttelt angesichts dieser zürnenden, furchtbar Gewaltigen! --

Ertrunken! --

Herr des Himmels, erbarme dich! --

Die Worte des Predigers klingen ihr plötzlich im Herzen, hell und zuversichtlich, wie ein jauchzendes Hosianna, welches alle Totenglocken übertönt! -- »Das Gebet seines treuen Weibes ist des Seemanns sicherster Anker, ist der Mast, welcher nicht brechen kann, ist das Segel, welches in Sturm und Wetter nicht verloren geht! Das Gebet der gläubigen Liebe ist die Engelsschwinge, welche sein Schifflein durch Sturm und hohe Flut sicher in den Heimatshafen zurückführt.«

Das Gebet der gläubigen Liebe! --

Gabriele ist nicht das Weib des Schirmvogts von Hohen-Esp, sie hat nicht das Recht wie Mike, die junge, bräutliche Frau, den Geliebten mit Engelsschwingen sorgender Fürbitte zu umgeben, -- aber Liebe! gläubige Liebe! Ja, die flammt ihr heiß und todgetreu im Herzen, eine Liebe, welche die Angst und Qual dieser finsteren Nachtstunde geboren! --

Wo bleibt er? --

Die Minuten schleichen dahin, -- wie lang, wie entsetzlich lang währt diesmal die Fahrt!

Dort drüben liegt das Wrack ... schwarze, undurchdringliche Nacht umgibt es! --

Werden es die kühnen Retter sehen und finden? Wird die tosende Flut ihr Boot gegen die Schiffswand schleudern, daß es zerschellt ... daß alles junge Leben -- alle süße, junge Liebe ein kaltes und tiefes Grab auf dem Meeresgrunde finde?

Herrgott, erbarme dich! --

Immer inbrünstiger, immer leidenschaftlicher ringt Gabriele die Hände im Gebet -- und durch den Sturm klingt es wie goldene Harfen, und fernher vom Strand gellt ein Jubelschrei: »Sie kommen! -- sie kommen!« --

Ein Lächeln irrt um Gabrieles Lippen, ihre Augen haften an dem Himmel, sie regt sich nicht.

* * * * *

XXVII.

Voll jubelnder Hast stürmte es abermals die Düne von dem Rettungsschuppen herab.

Neue Fackeln glühten auf, und der Sturm griff in die knisternden Flammen hinein und jagte die funkensprühenden Stückchen des Teerbrandes über den Sand davon.

Allen voran drängte Mike nach dem Strand. Sie strebte dem nahenden Boot so ungestüm entgegen, daß die Spritzer der Brandung helle Tropfen in ihren Brautkranz warfen und die Frauen und Mädchen sie lachend und so lebhaft, wie während der ganzen Hochzeitsfeier nicht, zurückrissen und den guten Feststaat vor weiterem Verderben retteten.

Das Einlaufen des Bootes an Land erwies sich diesmal noch schwieriger als zuvor, da die Brandung von Minute zu Minute furchtbarer ward und das nicht allzu schwere Fahrzeug jeden Augenblick beizudrehen drohte.

Jede Welle, welche es überholte, warf den Heck empor und drückte den Bug nieder, und der erst so ungestüme Jubel der Harrenden verwandelte sich wieder in angstvolle Stille, als man den schweren Kampf beobachtete, in welchem die kühnen Retter rangen.

Das Sturmgewölk war beinahe völlig hinweggefegt, der Mond stand an dem bleifarbenen Himmel und beleuchtete hell den letzten Akt des aufregenden Schauspiels, welches sich in stiller Nacht an dem einsamen, weltfernen Strande abspielte.

Die Brandung rollte unter dem Kiel des Bootes fort, die Kämme der See hüllten es in wahre Schaumwolken, und das ganze Fahrzeug mit den kühn verwegenen Gestalten der so überaus angestrengt arbeitenden Männer erschien wie ein Schattenbild, welches sich in wildem Tanze nähert.

Und es kam näher und näher, und endlich konnten die zurückgebliebenen Fischer ihm mit rauhkehligem »Hojohe!« entgegenspringen, es kraftvoll zu packen und an Land zu schieben.

Im letzten Augenblick erst hatte sich Guntram Krafft von seinem Sitz erhoben, sein edles, leidenschaftlich erregtes Antlitz spiegelte noch die Anstrengungen, mit welchen man in dieser schweren Stunde gerungen, aber seine Lippen lachten, daß die festen, weißen Zähne durch den Schnurrbart blinkten, und die großen Blauaugen blitzten so siegesfreudig und glückselig, wie bei einem Menschen, für welchen die gute Tat schon allein ihren vollen Lohn in sich trägt! --

Wie schön war er! wie unbeschreiblich schön! -- Gabriele ist Schritt für Schritt herzugewankt, mit glückzitterndem Herzen und brennendem Blick schaut sie ihm entgegen, und dann schlägt dieses Herz plötzlich so wild auf, daß sie vor seinem Ungestüm selber erschrickt und angstvoll zurückweicht, weiter und weiter ... dahin, wo die roten Lichter der Fackeln sie nicht mehr erreichen, wo keines Menschen Blick erspähen kann, welche Gefühle sich in ihrem Auge verraten! --

Voll toller, ausgelassener Freude springt Jöschen als erster über den Bootsrand, watet die letzten Schritte durch das weit ausrollende Wasser und umfängt sein junges Weib, um all das Glück dieses Wiedersehens in schallenden Küssen auszudrücken.

»Nu hev' ik mir min leif lüttj Fru erst ganz un gor verdeint!« lacht er mit weithin tönender Stimme: »Mike min Küking, bist ok tofreeden mit mi?« --

Da gibt's einen hallenden Jubel ringsum, und der sturmzerzauste Brautkranz fliegt vollends auf die blonden Zöpfe zurück, und Mike sieht wieder so glühend rot aus wie zuvor, als noch kein bös Wetter ihr das Glück streitig machte!

Der Bär von Hohen-Esp eilt in die ausgebreiteten Arme seiner Mutter und küßt ihr strahlend stolzes Gesicht voll inniger Zärtlichkeit, dann wendet er sich und führt den barhäuptigen, bis auf die Haut durchnäßten Kapitän des »Bror Thyrssen«, welcher mit Pitchpine Holz nach Pillau unterwegs ist, der Gräfin zu und empfiehlt ihn deren Gastfreundschaft und Sorge.

Kapitän Björnson spricht deutsch, er dankt der Gräfin mit warmen, aus dem Herzen quellenden Worten für die edle, opfermutige Tat ihres Sohnes, welcher just zur rechten Zeit gekommen, sie alle aus sehr übler Lage zu befreien. Der »Bror Thyrssen« hält zwar noch zusammen, aber er liegt schwer auf der Seite, und die See schlägt hoch über Deck und wäscht alles herunter, -- -- da handelt es sich wohl kaum noch um eine Stunde, daß sich eine Menschenseele an Bord halten kann. --

Dann fragt er nach dem Schiffsjungen und seinem Ergehen, und Gundula kann gute Nachricht geben, sie schreitet dem Kapitän nach dem Rettungsschuppen voran, bleibt aber noch einmal stehen und wendet sich zu dem Grafen. Sie hat gesehen, wie sein Blick umherirrt und unruhig unter den Anwesenden forscht -- sie weiß, wen er sucht.

Lächelnd deutet sie seitlich nach dem Strand, wo ein weißes Kleid aus dem Dunkel schimmert.

»Willst du so gut sein, Guntram Krafft, und Gabriele nach dem Wagen führen? Der Kutscher hält am Tannenweg! Das arme Kind scheint von all der ungewohnten Aufregung todesmatt! Sage ihr, daß ich sie bitten lasse, mit dem Herrn Kapitän und Steuermann einstweilen nach der Burg zu fahren und den Wagen sogleich zurückzuschicken, wir folgen augenblicklich mit dem Kranken, sowie er sich noch ein wenig mehr erholt hat! -- Mamsell weiß Bescheid und hat alles vorbereitet. Begleitest du uns, oder bringst du, gewohnterweise, erst das Boot und alles andere unter Dach und Fach?«

»Fürerst bin ich hier noch nicht abkömmlich, Mama!« antwortete er sehr schnell und lacht abermals über das ganze Gesicht; »ich hab' Jöschen heimgejagt und muß seine Faust noch beim Bergen der Sachen ersetzen. Aber Fräulein von Sprendlingen werde ich deine Bestellung ausrichten!« und schon stampfte er auf den schweren Wasserstiefeln davon, und das zerzauste Blondhaar hängt ihm wirr und feucht in die Stirn.

Da sieht er ihre schlanke, lichte Gestalt im Mondesglanz vor sich, und sein Herz, welches soeben noch ruhig und furchtlos dem Tode getrotzt, bebt plötzlich in seiner Brust.

Langsam tritt er näher.

Er denkt an den Blick, mit welchem sie ihm vorhin in die Augen geschaut, an den Ausdruck ihres süßen Gesichts, welches während seiner Todesfahrt durch Sturm und brandende Flut wie eine glückselige Vision ihn begleitete. Der weiße Spitzenschleier weht lang von dem Haupt herab, -- der Sturm faßt ihn und wirbelt ihn dem Nahenden wie ungestümen Gruß entgegen.

Da steht er vor ihr, und sie hat die gefalteten Hände gegen die Brust gedrückt und sieht mit unaussprechlichem Blick zu ihm auf.

Was soll er bestellen?

Er weiß es nicht, -- alles Blut braust ihm schwindelnd zum Herzen, er weiß selber nicht, was er tut, er reicht ihr nur im Übermaß seines Empfindens die Hand entgegen und sagt leise, wie in banger, sehnender Bitte um ein freundliches Wort -- »Gabriele!« --

Da geschieht etwas Unfaßliches, Unbegreifliches. Sie nimmt seine Hand mit jäher Bewegung zwischen die ihren, neigt ihr Antlitz und drückt sie an die weichen, zitternden Lippen. Wieder und wieder ... und an ihren Wimpern glänzt es feucht und perlt herab über seine Rechte.

»Gabriele!« schreit er entsetzt auf. -- »Um alles in der Welt, was tun Sie?«

Sie hebt das erst so demütig geneigte Köpfchen und reckt ihre schlanke Gestalt hoch und stolz empor und schaut ihn an mit den süßen Nixenaugen, aus welchen jubelnde Begeisterung und Bewunderung leuchten.

»Ich grüße einen Helden!« stößt sie mit halb erstickter Stimme hervor, »und danke ihm für all jene Menschenleben dort, welche diese kühne, gewaltige Hand gerettet!«

Er hat seine Rechte gewaltsam befreit und preßt sie gegen die Stirn, als könne er den Sinn ihrer Worte gar nicht fassen.

»Einen Helden!« wiederholt er leise; -- »und das sagen _Sie_ mir, Gabriele -- _Sie_?!« --

»Wem anders wie Ihnen, Graf! -- Sie haben mich gelehrt, was es bedeuten will, ein Schirmvogt der Not zu sein, Sie haben es mir bewiesen, daß auch hier in tiefster, weltferner Einsamkeit ein kühner, unerschrockener Mann leuchtende Taten zu Ruhm und Ehre seines Vaterlandes tut! Sie haben es jenen Norwegern gezeigt, wie ein deutscher Mann im Sinne seines Kaisers handelt, -- und ... Sie haben mich erkennen lassen, wieviel ... ach, wieviel ich Ihnen abzubitten habe!« --

Sie hatte hastig, aufgeregt, voll fieberischer Leidenschaft gesprochen; bei den letzten Worten sank ihre Stimme zu leisem Flüstern herab, und ehe sich Guntram Krafft aus seiner Betäubung aufraffen konnte, hatte sich die Sprecherin bereits dem eilig herzulaufenden Anton zugewandt.

»Gnädiges Fräulein ... der fremde Herr Kapitän sitzt bereits in dem Wagen!« meldete er atemlos. »Darf ich bitten, sogleich einzusteigen, die Frau Gräfin erwartet die Pferde umgehend zurück.«

»Ich komme!« nickte Gabriele hastig, der Bär von Hohen-Esp aber schrak empor wie aus einem Traum.

»Krischan Klaaden läßt den Herrn Grafen bitten, bei dem Boot mit Hand anzulegen! Sie quälen sich ab und wollen es auf den Wagen kriegen, aber ohne den Herrn Grafen wird's nichts damit! Und Krischan Klaaden meint, geborgen müsse es auf alle Fälle werden, denn die Flut steigt immer noch, und man könne nicht wissen, wie hoch sie in der Nacht noch käme!«

»Gut, gut, ich komme!«

Einen Augenblick noch rang er mit sich, ob er Gabriele nicht folgen und in den Wagen bringen solle, aber schon entschwand ihre lichte Gestalt wie ein Schemen, sie floh dahin über das knisternde Riedgras und mußte den Wagen bald erreicht haben. Wie war es auch möglich, mit diesem Sturm im Herzen ihr vor fremden Menschen gleichgültige Dinge zu sagen.

Guntram Krafft preßt die wetterharten Fäuste gegen die Schläfen, und seine Brust hebt und senkt sich unter keuchenden Atemzügen.

Wie ein Chaos von Licht und Schatten wallt es durch das finstere Gewölk der langen Leidensnacht in seinem Herzen, funkelnde Strahlengarben brechen hervor, und eine grelle, blendende, zauberhafte Sonne des Glücks steigt sieghaft über seinem Leben auf!

Gabriele hatte das Antlitz weinend auf seine Hand geneigt, -- sie selber hatte ihn einen tapferen, heldenhaften Mann genannt, -- ihn, der doch nichts anderes getan, als wie seine Pflicht!

Das war ein Wunder, ein Gnadenwunder Gottes des Herrn, welches ihm so jäh und wonnesam das Herz der Geliebten zugewandt! --

Wie ein Jubelschrei will es über Guntram Kraffts Lippen brechen, aber er schweigt, er blickt nur mit glänzenden Augen zum Himmel empor.

Und dann preßt er die Hand gegen die Brust, auf welcher noch immer der Zettel Gabrieles ruht, und atmet tief, tief auf.

Seine Zeit ist um.

Ein wüster, grausamer Schicksalssturm hat ihn ehemals auf seinen Lebensweg geweht, daß er sich zur himmelhohen Scheidewand zwischen ihn und all sein Glück baue, -- und nun kam ein anderer, frischer, köstlicher Seesturm dahergebraust, der blies die trennende Schranke hinweg, der räumte alles aus dem Weg, was als Dorn und Nessel die roten Rosen seiner Liebe überwuchern wollte! --

Gabriele von Sprendlingen will Herz und Hand nur einem Helden zu eigen geben, und sie selber hat den Bären von Hohen-Esp einen Helden genannt! --

Drunten am Strand winken die Männer, ungeduldig harrend, mit den Fackeln, und Guntram Krafft schwenkt ihnen mit jauchzendem »Hojohe!« den Südwester zu und eilt heran, ihnen zu helfen, als flute neues Leben und neue Riesenkraft durch seine Adern! --

* * * * *

Als Gabriele Hohen-Esp erreicht hatte, bemühte sie sich, der Gräfin in jeder Weise hilfreich zur Seite zu stehen; Gundula aber tat nur einen schnellen Blick in ihr erregtes Antlitz, auf welchem Glut und Blässe wechselten, auf die kleinen, eiskalten Hände, welche es kaum vermochten, mit festem Griff zuzufassen, und sie schloß das junge Mädchen mit gar wundersamem Lächeln in die Arme und neigte die Lippen küssend auf den lockigen Scheitel.

»Gehen Sie zur Ruhe, mein Herzenskind, -- ich wünsche es! -- Sie sind von all der Aufregung nervös und ermattet und müssen schlafen, damit Sie morgen wieder bei frischen Kräften sind! Ich kenne diese Sturmnächte und lernte es in all den langen Jahren, ruhig Blut zu wahren! -- Was wollen Sie noch hier? Der Kranke ist gebettet und schläft bereits den köstlichen festen Schlaf der Jugend, -- den gebrochenen Arm habe ich ihm schon in dem Schuppen drunten in einen Notverband gelegt, -- auch darin habe ich Übung! und der Schlag gegen den Kopf scheint durchaus nicht bedenklich, denn der Junge sprach nach seiner kurzen Betäubung völlig klar mit seinen Kameraden. Der Arzt wird morgen kommen, und, so Gott will, nicht viel Arbeit bei ihm finden. Der Kapitän und Steuermann haben ihre nassen Kleider gewechselt und sich mit Guntram Kraffts längst verwachsener Garderobe sehr spaßhaft kostümiert, sie sitzen bei einem steifen Grog in der Halle und wollen auf meinen Sohn warten, um noch so mancherlei mit ihm zu besprechen, ehe sie sich zur Ruhe legen, -- ich glaube nicht, daß ihnen Damengesellschaft in ihrem momentanen Zustand sehr angenehm ist! Sonst aber gibt es keine Arbeit mehr, und auch ich gehe allsogleich zur Ruhe, sowie ich Guntram Krafft noch einmal die Hand gedrückt habe. Das ist so Brauch bei uns.« --

Gabriele atmete sehr schnell und machte eine jähe Bewegung mit dem Köpfchen, ihre Augen blickten so leuchtend und verklärt an der Gräfin vorüber, als sähen sie voll schwärmerischen Entzückens in nächtiger Ferne ein liebes, liebes Bild.

Sie zog die Hand der Sprecherin stumm an die Lippen, wieder und wieder ... wollte sprechen und schwieg dennoch.

»Der Sturm scheint abzuflauen ... morgen wird es gewiß ein ganz besonders sonniger, wonniger Maientag werden!« fuhr Gundula weich und leise fort, und sie strich mit der Hand über das rosa Brautband, welches noch immer, in der Hast und Eile vergessen, an Gabrieles Arm glänzte, -- sie lächelte: »Heben Sie diese Schleife auf, -- sie bringt Glück! -- Und ehe Sie die Augen schließen, danken auch Sie Gott dem Herrn, daß er in dieser Nacht mit uns war!« --

Gabriele war heiß errötet, sie nickte erregt, ihre Lippen zitterten. Noch einmal neigte sie sich tief, tief über die Hand der Gräfin, und dann trat sie hastig über die Schwelle, ihr einsam stilles Zimmerchen zu erreichen. Sie preßte die Hände gegen die Schläfen und stand zögernd auf der Treppe still.

War es recht, daß sie ging? Gab es doch vielleicht noch Pflichten für sie zu erfüllen?

Sie konnte ihnen heute nicht gerecht werden, heute nicht!

Welch ein Aufruhr tobt in ihrem Innern! Sie wandelt, handelt und spricht wie im Traum, ihre Gedanken sind weit entfernt von dem, was sie tut. --

Ihr ganzes Sinnen und Denken weilt bei ihm! Sie sieht nur noch ein Einziges, -- Guntram Kraffts kühnes, heldenhaftes Angesicht, -- sie fragt sich tausendmal immer wieder dasselbe: Ist es denn kein Traum, kein Fieberwahn gewesen? Hat er wahrlich das Unfaßliche, Herrliche vollbracht?

Wo weilt er noch?

Fühlt, empfindet er es nicht, daß ihr Herz seinen Namen jubelt in heißem, leidenschaftlichem Sehnen und Entzücken?

Wo bleibt er?

Horch ... eine Regenboe braust nieder, die Tropfen werden prasselnd gegen das Fenster gepeitscht ... nach wenig Minuten ist es wieder still, und die Mondstrahlen huschen durch das zerfetzte Gewölk. --

Das Heulen in den Lüften läßt nach, die Riegel und Wetterfahnen kreischen nicht mehr so unaufhörlich wie zuvor.

Gabriele tritt an die kleinen, bleigefaßten Scheiben und neigt das fieberheiße Gesichtchen dagegen.

Wo bleibt er? --