Die Bären von Hohen-Esp: Roman

Part 25

Chapter 253,617 wordsPublic domain

Da ist es plötzlich, als wüchse die schlanke Mädchengestalt empor, als lausche sie atemlos diesen Worten wie einer Offenbarung.

»Wo ist er? Wo sind die Fischer?« stößt sie hervor.

»Wohl auf der Düne draußen, nach dem Schiff zu spähen!«

»Lassen Sie mich hin! Lassen Sie mich sehen, Gräfin! Ich bitte, ich beschwöre Sie!«

»Undenkbar, Kind ... Sie sind vom Tanz erhitzt, und Sie ahnen nicht, wie der Sturm draußen pfeift! Das Haus hier liegt ja noch hinter der Düne geschützt ... wenn Sie sich auf der Höhe hinauswagen, können Sie kaum atmen; Sie sind solch einen Wind nicht gewohnt, Gabriele!«

Eine fieberhafte Ungeduld leuchtet aus ihren Augen. »Gleichviel ... ich hülle mich warm ein ... ach, ich flehe Sie an, Gräfin, lassen Sie mich sehen, was da draußen vorgeht!«

Einen Augenblick noch zögert Gundula, dann sagt sie kurz entschlossen: »Gut; dort auf der Bank liegen die warmen Sachen, welche Anton für den Heimweg brachte. Nehmen Sie ein Tuch um den Kopf und einen Mantel um, ich werde mit Ihnen gehen.«

Gabriele begreift es nicht, wie diese Frau so ruhig und still bleiben kann, wo möglicherweise ihr einziges Kind sich im nächsten Augenblick auf Tod und Leben hinaus in den Sturm wagen wird! --

Ihre Hand zitterte nicht, als sie das weiße Spitzentuch nimmt, es sehr sorgsam um das lockige Köpfchen ihrer jungen Gastin zu schlingen, sie prüft, ob der Mantel warm genug sei, und scheint mehr um das junge Mädchen wie um den Sohn besorgt.

Gabriele dankt ihr sehr herzlich, dann schlingt sie den Arm um die hohe Frauengestalt und hastet nach der Tür.

Hu, welch ein Sturm!

Er braust ihnen entgegen, als wolle er sie voll zornigen Unwillens in das sichere Haus zurückdrängen, über ihnen kreischt die kleine Wetterfahne, pfeift und schrillt es im Tauwerk des Flaggenmastes; Fräulein von Sprendlingen preßt unwillkürlich die Hände gegen die Brust und ringt nach Atem, sie strebt vorwärts und hat doch kaum die Kraft, gegen das Ungewohnte anzukämpfen. Da umfaßt Gräfin Gundula die schlanke Gestalt mit ihrem kräftigen Arm und leitet sie wie ein sicherer Lotse durch das Brausen und Heulen.

Droben auf der Düne steht Guntram Krafft, sie sieht seine herrliche Gestalt wie ein Schattenbild gegen den bleifarbenen Himmel gezeichnet. Das Auge gewöhnt sich an die Dunkelheit. Die Nacht ist nicht so rabenschwarz, wie es ihr von dem erleuchteten Zimmer aus geschienen, schwarze, phantastisch wilde Wolkengebilde jagen über den Himmel und verhüllen den Mond, nur hier und da bricht sein falbes Licht hervor, wenn der Sturm die Massen zerreißt.

Noch verdeckt die Düne vor ihnen das Meer, man hört nur die Brandung in nächster Nähe -- wie Donnerrollen und dumpfes, unheimliches Pfeifen schallt sie empor.

Gabriele hat sich im ersten Moment wie ein angstzitterndes Vögelchen an die Gräfin geschmiegt, aber sie überwindet das Grauen, sie fühlt, wie eine leidenschaftliche Erregung sich ihrer bemächtigt, die sie ungestüm vorwärtstreibt an Guntram Kraffts Seite.

Wie ein Bild aus Erz steht er vor ihnen, kaum daß der Sturm sein lockiges Haar zerwühlt. Seine breite Brust trotzt dem wüsten Gesellen, hoch und gebieterisch ist sein Arm im Gespräch mit den Fischern erhoben und weist auf die See hinaus, als sei es der Schirmvogt von Hohen-Esp, welcher hier zu gebieten hat, und nicht der zigeunerhafte, landfahrende Gesell, der Sturmwind!

Jöschen liegt im Riedgras ausgestreckt, stützt die beiden Ellenbogen auf und späht durch den langen Fernkieker auf die See hinaus.

Die beiden Frauen kämpfen sich vorwärts, Fischerfrauen und Kinder folgen ihnen, fest aneinandergedrängt, starren sie stumm und ernst hinaus auf die wild empörten Wasser. Der Schutz der Düne hört auf, mit voller Wucht wirft sich der Sturm den Nahenden entgegen. Einen Augenblick hat Gabriele das Empfinden, sie müsse ersticken, -- die Gräfin faßt sie fester in den Arm und kehrt ihr Antlitz dem Lande zu, -- da braust es über sie hinweg, und sie kann momentan aufatmen und neu zu Kräfte kommen.

Dann ringen sie abermals gegen Wind und Wetter, und Gabriele gewöhnt sich nach den kurzen Anweisungen Gundulas an das Atmen im Sturm, sie überwindet ihre Bangigkeit und Schwäche, sie will stark sein! Sie will vorwärts ... sie will sehen und hören!

Guntram Krafft wendet sich flüchtig und blickt zurück, aber all sein Interesse scheint im Dienst der Pflicht zu stehen.

»Ist es tatsächlich ein Notsignal?« fragt die Gräfin.

Er nickt. »Vorläufig läßt sich noch nichts erkennen, wir müssen warten, bis die Wolken vorüber sind, -- minutenlang muß der Mond hervortreten!«

Dann trifft sein Blick Gabriele.

Sie steht neben ihm, die Hände gegen die Brust gedrückt, das Antlitz von dem weißen Spitzentuch umflattern, mit einem leisen Schrei die Augen starr, weitoffen auf die See gerichtet.

»Ist dies dasselbe Meer ... dasselbe Meer von gestern und ehedem?!« --

Schwarz und furchtbar gähnt es in weiter Unendlichkeit vor ihr, -- der hohe Wogenschwall wälzt sich donnernd heran, in zwei-, drei- und vierfacher Brandung kocht der weiße Gischt am Strande auf, gespenstisch rollen die aufbäumenden Seen heran wie Ungeheuer, welche in wütender Gier Strand und Land verschlingen wollen.

Da teilt sich die dräuende Finsternis.

Der Mond bricht durch die Wolken, sein weißgelbes Licht fließt minutenlang wie ein magischer Schein über die Wasser.

»Dort ... dort ... dat Schipp!!«

Wie ein Schrei gellt es von Jöschens Lippen.

»Richtig -- dort is't!« --

»A's'n Turpedo sieht's ut!!« --

»Nee! Nee! Is 'ne lüttje Brigg ...«

»Ich seh' keen Mast nich --«

»De warn ja woll verlurn sin!« --

»Un keen Licht nich ...«

»Doch -- achterlich de gröne Lantern!« --

»Äwerst keen Signal nich ...«

»Doch! -- Obacht!«

»Dat Blulicht!!«

Ein scharfes, bläuliches Licht blitzte auf See auf ... hielt sekundenlang an und verschwand wieder, -- gleichzeitig ein Kanonenschuß ...

»Das Schiff treibt auf --! Brandung voraus!« schrie Guntram Krafft. »Vorwärts, meine Braven, da ist keine Zeit zu verlieren! Zum Schuppen! -- Gebt Signal! -- Boot klar zum Auslaufen!« --

Die Stimmen klangen sekundenlang in wilder Hast durcheinander, -- die Männer stürmten die Dünen hinab nach dem Rettungsschuppen. Wie in jähem Entsetzen hob Gabriele die Arme. »Jetzt hinaus in See? -- Gräfin ... auf _diese_ See hinaus?!« --

Gundula nickte. »Gebe Gott, daß sie noch zur rechten Zeit kommen. -- Kehren Sie jetzt zurück in das Zimmer, Gabriele ... ich muß in den Schuppen hinab und alles vorbereiten, falls es gilt, einem Verunglückten Hilfe zu bringen!«

Sie sprach ruhig, beinahe tonlos, und ihr blasses, schönes Antlitz sah in dem Mondlicht wie versteinert aus.

Das junge Mädchen schüttelte aufgeregt den Kopf, in ihren Augen leuchtete es plötzlich auf wie heiße, leidenschaftliche Begeisterung.

»Ich bleibe bei Ihnen! Schnell, Gräfin -- schnell ... ach, lassen Sie uns eilen ... lassen Sie mich das Unbegreifliche schauen!«

Und sie wartete nicht mehr auf den schützenden Arm Gundulas, sondern flog wie von den Sturmesschwingen getragen, dem Rettungsschuppen zu.

Ein grelles Flackerfeuer, wie von geschwungenen Teerfackeln herrührend, flammte wieder auf dem gefährdeten Schiffe auf, gleicherzeit leuchtete am Strand drunten, dicht neben dem Schuppen, ein rotes Licht, mehrere Augenblicke gezeigt, dann wieder verschwindend.

* * * * *

XXVI.

Ein aufgeregtes, überhastiges Leben entwickelte sich am Strand.

Die Leute hatten in größter Eile ihre hochzeitlichen Kleider mit dem in dem Schuppen bereithängenden Ölzeug vertauscht und waren soeben, voll ausgerüstet, bereit, den Wagen, auf welchem das Boot stand, durch den tiefen Sand bis an die See zu schieben. Eine schwierige, unsagbar mühselige Arbeit bei solchem Sturm!

Gabriele hatte sich in den Schutz des Gebäudes gegen die Mauer gedrückt und starrte mit hochklopfendem Herzen das fremdartige Treiben an.

Sie sah Guntram Kraffts herrliche Gestalt in dem derben Lotsenanzug, -- welcher ihr schöner und kleidsamer deuchte wie die reichste Galauniform, -- grell beschienen von den lodernden Fackeln, welche von schwieligen Fäusten geschwungen wurden, -- sah, wie er mit Bärenkräften zufaßte und half und schaffte, der erste seiner Lotsen, ein ruhiger, besonnener, gewaltiger Kommandeur, ein Mann, welcher nicht nur befiehlt, sondern selber arbeitet und Hand anlegt!

Eine leise Stimme klang neben Gabriele.

»Dat wir sneller kamen, as wie dachten!« seufzte Mike und knüpfte das wollene Tüchelchen fester um den zerzausten Brautkranz in ihrem Haar, ihre hartgearbeiteten Hände griffen ein wenig unsicher zu, und ihr erst so blühend frisches Gesicht war blaß geworden.

»Ach, gnä' Frölen -- un dat ok grad an min Hochtid!«

Gabriele blickte voll tiefsten Mitleids in die traurigen Augen der Sprecherin.

»Arme Mike!« sagte sie weich; »ja, das ist eine traurige Hochzeit! Aber so Gott will, kehrt dein Schatz bald gesund und heil zurück, und dann kannst du doppelt stolz auf ihn sein!« -- Sie atmete tief auf und wiederholte mit glänzendem Blick: »Ja, stolz! sehr stolz mußt du doch auf einen solchen Mann sein!« --

Mike schien nicht ehrgeizig. Sie wickelte die Hände in die geblümte Schürze und sagte resigniert: »Wenn he man wedder kümmt!« Und dann entsann sie sich, daß ja das gnädige Fräulein nicht gut plattdeutsch versteht und fuhr -- nicht ganz ohne Mühe -- fort: »Vielleicht kriegen sie die Mannschaft mit der Rettungsboje herüber und brauchen nicht selber hinaus. Sehen Sie dort? Da schaffen sie an dem Mörser! Der Graf schießt bannig gut, aber bei Dunkelheit ist es doch immer ein übles Ding damit, noch dazu bei dem Sturm heut, denn die Windrichtung und Stärke desselben kommt gar sehr in Betracht dabei!«

»Man schießt nach dem Schiff?« wiederholte Gabriele überrascht. »Um alles in der Welt, warum das?«

Mike war zu traurig, sonst hätte sie wohl gelächelt. Sie strich wieder seufzend mit der verarbeiteten Hand über ihren Brautkranz und fuhr erklärend fort: »Das tut ja keinen Schaden nicht, gnädiges Fräulein, im Gegenteil! An der Kugel ist man eine dünne Leine befestigt, -- sie wird über das Schiff hinübergeschossen, und die Leute müssen die Leine so rasch wie möglich auffangen und festhalten. Wenn das geglückt ist, muß als Zeichen dafür ein Blaufeuer angesteckt werden, oder man schwenkt auch nur eine Laterne -- wie sie's aus so 'nen wracken Schiff noch grad möglich machen können ... dann wissen die Unsern hier Bescheid ...«

»Was für Bescheid? Was nützt die Leine?«

»O, man alles nützt die! Die Schiffsmannschaft muß die Leine dann vom Lande her anholen, bis sie den Steertblock daran finden, durch welchen ein Jölltau geschoren ist!«

»Und was soll damit?« -- Gabriele blickte die wortkarge Mike beinahe ungeduldig an, und das junge Weib fuhr monoton fort --: »Ja, so, -- das kennen Sie man alles noch nicht! Dieser Steertblock muß am Mast unter der Sahling befestigt werden ... oder, wenn die Masten schon über Bord geschlagen sind, an einem andern hohen Gegenstand ... und dann geben sie vom Wrack wieder ein Signal, damit die auf dem Lande das Rettungstau an dem Läufer befestigen, das ziehen sie dann vom Strand 'rauf aufs Schiff ...«

»Und Unsere hier ziehen damit das Schiff aufs Land?«

Nun ging doch ein schnelles, breites Lächeln über das Gericht der jungen Fischerfrau.

»Ach, aber nee! Dat geiht jo nich!« schüttelte sie den Kopf und fuhr, sich verbessernd fort: »Daran wird man bloß die Hosenboje nach den Gestrandeten hinübergeschickt, da setzt sich die Mannschaft nacheinander ein und wird übergeholt! Jetzt gleich wird es mit dem Schießen losgehen ... der Krischan zeigt schon die rote Latern'!«

Eine immer größere Aufregung hatte Gabriele erfaßt. Die wundersame schaurige Poesie dieser nächtlichen Rettung wirkte wie berauschend aus ihr so leicht empfängliches Gemüt!

All dieses fremdartige Hasten und Treiben, die drohende Gefahr, die Angst und Sorge um eigenes und fremdes Leben, die unbeschreiblich großartige Schönheit der wild entfesselten Elemente übten einen nie geahnten Zauber aus; es war, als habe Gabrieles Herz in tiefem Schlaf gelegen und nur auf diese Stunde geharrt, welche es erwecken soll zu einem neuen, köstlichen Leben, zu der jauchzenden Erkenntnis alles dessen, was ihre Seele voll schwärmerischer Begeisterung seit jeher erhofft und ersehnt. Und voll ungestümer Leidenschaft wandte sie sich und kämpfte sich durch den Sturm näher und näher zu Guntram Krafft heran, bis sie beinahe an seiner Seite stand, bis sie sein Antlitz schauen -- seine Worte hören -- jede seiner kraftvollen Bewegungen beobachten konnte.

Ihr Auge glänzte wie im Fieber -- ihre Lippen lächelten wie im Traum.

Die Stimmen der Männer hallten wirr und zumeist unverstanden zu ihr her, -- mit gewaltigem Krach entlud sich das Rettungsgeschoß, -- die Rakete zischte wie ein greller Feuerstreif empor, nahm die Richtung nach dem gestrandeten Schiff und verschwand im Dunkel der Nacht.

Voll banger Spannung harrte man auf das Signal, das die Leine getroffen habe.

Guntram Krafft stand hocherhobenen Hauptes, den adlerscharfen Blick seeein gerichtet, als könne und müsse sein Blick die gähnende Finsternis durchdringen.

Ein paar Augenblicke tiefer Stille, nur der Sturm heult über sie hinweg, und die See donnert und braust immer gewaltiger gegen den Strand.

Krischan Klaaden schüttelt den Kopf.

»Dat helpt nich ... dor sin' keene Mast's miehr, de Brandungen gahn all öwer dat Schipp weg!«

»Denn man tau! -- wi möten klor maken!« Der Bär von Hohen-Esp wandte sich in hoher Erregung zu seinen Lotsen.

»Vorwärts, Kinder! -- es ist keine Minute mehr zu verlieren, -- wir müssen hinaus!«

Ein leiser, sturmverwehter Schreckensschrei. Mike wirft sich an den Hals ihres Mannes, umklammert ihn sekundenlang mit den Armen. »Nee! -- nee!« schluchzt sie auf -- »an dissen Dage nich!!« --

Guntram Krafft eilt bereits nach dem Rettungsboot, er wendet hastig das Haupt, ein Schein tiefer Wehmut geht über sein schönes Antlitz.

»Bliev torück, Jöschen!« -- flüstert er, »dat geiht ok ahn di'!« --

Der junge Fischer richtet sich jäh auf, küßt sein bräutliches Weib noch einmal hastig auf die blassen Lippen und faßt sie derb an den Schultern. »Denk' doran, was de Pastur hüt seggt hätt'!« ruft er, springt hastig seinem jungen Kommandeur nach und lacht ein fast grimmiges Lachen.

»Dat wier' woll dat ierste Mal, dat ich fehlen deer!«

Gabriele hat keinen Blick für die schluchzende Mike, sie folgt atemlos nach dem Boot, sie preßt die bebenden Hände gegen das Herz, sie starrt mit weitoffenen Augen auf Guntram Krafft.

Sie sieht nicht, wie Frau Gundula und der Prediger die Düne hinabeilen, wie die Gräfin die gefalteten Hände zum Himmel hebt, wie ihr farbloses Antlitz die Qualen spiegelt, welche ihr Mutterherz in diesem Augenblick durchbeben, -- sie sieht nur, wie der Bär von Hohen-Esp in das Boot springt, wie er ein paar kurze, begeisternde Worte an seine Getreuen richtet, sie zu vollster, heiligster Pflichterfüllung ermahnt, und sie der starken Hilfe dessen versichert, der Himmel und Erde gemacht hat! -- Und dann entblößen sie alle das Haupt --

»Chryste Kyrie Sei mit uns auf der See!« --

»Amen! -- Amen!« klingt die Stimme des Predigers durch den Sturm, -- und dann ein frisches, kraftvolles -- »Hohojohe! -- Rennen los!!« -- --

Noch einmal wendet Guntram Krafft das Haupt.

Sein Blick sucht Gabriele.

Er hebt die Hand -- er winkt ihr zu ... und dann steigt das Boot hoch auf, -- weiße Gischtwogen scheinen es zu verschlingen ... es sinkt tief ... tief ... hebt sich ... wie furchtbare Wasserberge rollt es schwarz und grauenvoll gegen das winzige Fahrzeug heran ... gähnende Finsternis ... und der Sturm heult, und die Brandung kocht wild auf ...

»Laßt uns beten, meine Freunde!« ruft der Pastor, er entblößt sein Haupt ... die weißen Haare wehen um seine Stirn, -- um ihn her sinken die Weiber und Kinder auf die Knie, banges Seufzen und Schluchzen klingt durch seine Worte, welche im Sturm verhallen. Auch Gabriele will niedersinken und die bebenden Hände zum Himmel heben -- sie kann es nicht. --

Sie muß stehen ... hochaufgerichtet ... sie muß hinausstarren auf das Meer, als könne sie dem kleinen Boot mit den Blicken folgen. Der Mond tritt hell aus den Wolken -- mit Jubel und Dank gegen Gott begrüßt. --

Ja ... man sieht das Boot ... man sieht das gestrandete Schiff ...

Gabriele atmet fast keuchend.

Ihre ganze Gestalt bebt und schüttert wie unter heißen Fieberschauern.

Was weint und schluchzt ihr Weiber und Kinder?

Gabriele möchte laut aufjauchzend die Arme ausbreiten, möchte wie berauscht von leidenschaftlicher Glückseligkeit in den Sturm hinausjubeln -- möchte vergehen in der namenlosen Wonne und Begeisterung, welche ihre ganze Seele erfüllt und in blendende Helle taucht. Ist es ein Wahn? ein Traum?... eine Vision, welche sie schaut?

Ist jener heldenhafte, tollkühne Mann in jenem gebrechlichen Fahrzeug wirklich der Bär von Hohen-Esp, derselbe, welcher einst so linkisch und mädchenhaft errötend auf höfischem Parkett gestanden? --

Ist dieser unerschrockene, verwegene Held wirklich Guntram Krafft?

O, wie gräbt sich sein herrliches Bild in dieser Stunde, wie mit feurigen Linien gezeichnet, so unauslöschlich in Gabrieles Herz!

Wie in bangem, wonnig wehem Ahnen all dieser blendenden Erkenntnis hat es schon all die Tage vorher in ihrer Brust gezittert, aber sie hat sich gewehrt gegen diesen Gedanken, wie gegen eine Unmöglichkeit!

Noch vorhin, als er sie im Arm gehalten, als er sie in nimmer endendem Tanz heiß und heißer an die Brust gedrückt, da ging es wie ein Morgendämmern der Liebe durch ihre Seele, da war es ihr, als müsse sie das Antlitz auf seine starken, kraftvollen Hände drücken und sagen: »ich weiß, was sie Gutes tun und Edles schaffen -- und ich bitte dir all das schwere Unrecht ab, du wackerer Mann, welches ich dir ehemals so verblendet zugefügt!«

Und in jener Stunde hatte sie nur seine Größe geahnt und noch nicht mit Augen geschaut, wie jetzt!

Flammende Begeisterung durchglüht sie! Der Traum von edlem Heldentum, von sieghaftem Mannesmut ist zur Wahrheit geworden! Welch eine Fahrt auf Tod und Leben!

Welch ein trotzigkühner Kampf gegen die furchtbarsten Gegner, gegen Sturm und donnernde Meeresflut, gewaltig wie die anstürmenden Heere des Feindes, verderblich wie die brüllenden Geschütze auf dem Schlachtfeld, welche Tod und Verderben speien! -- Auch hier grinst der Tod aus jeder Woge, auch hier lauert Untergang und Vernichtung in der Tiefe, hier tost der Feind auch in den Lüften und setzt seine urgewaltige Titanenkraft gegen ein paar armselige Menschenfäuste ein! --

Wie ein eisiges Grauen will es Gabrieles Herz beschleichen, wenn sie hinaus in die Nacht, auf die finsteren, tosenden Wasser blickt!

Drüben liegt das Schiff!

Mattes Mondlicht huscht gespenstisch darüber hin. --

Man sieht, wie schwere Seen über sein Deck schlagen, wie es immer tiefer auf die Seite sinkt, wie das Lotsenboot sich gegen die furchtbare Strömung näher und näher herankämpft.

Wird es gegen die Schiffswand geschleudert werden und zerschellen?

Wird es durch das Zurückprallen der See vollschlagen und kentern?

Gabriele hört wie im Traum die Worte der Umstehenden.

»Man jo nich' von de Luvsit' angehn!« jammerte eine Alte. »Dat Schipp sitt' jo fest un' die See brandet öwer weg!«

»Äwerst Mutting! de Graf is jo doarbi, der weet jo Bischeid!«

»Wenn nur nicht zu viel Spieren und Stücke von der Takelung treiben!« nickt die Mamsell und trocknet die Augen; »ich denke, der Graf nimmt die Schiffbrüchigen wieder vom Bug oder Heck aus ins Boot!«

»Wenn sie nur erst rankommen!«

Der Mond versteckt sich wieder, -- eine bange, lange Stille, -- leis gemurmelte Gebete, Seufzen und Schluchzen.

Gräfin Gundula ist nach dem Schuppen zurückgegangen.

Sie hat dort einen Spiritusapparat entzündet, um starken, heißen Tee für die Heimkehrenden bereitzuhalten.

Auch richtet sie alles vor, im Fall sie einem Verunglückten die erste Hilfe angedeihen lassen muß.

Wie oft hat sie schon diese Frottiertücher, die Bürsten und belebenden Essenzen zurechtgestellt, jedesmal mit demselben angstbebenden Herzen, aber auch jedesmal mit demselben Gottvertrauen und der festen Zuversicht wie heute.

Ruhig und umsichtig waltet sie ihres Amtes. Ihr Sohn, ihr Liebling, ihr einziges Glück auf der Welt, wird auch heute von Gottes Vaterhand heimgeleitet werden, wie in all jenen anderen schweren Stunden, wo sie ihn dahingeben mußte als einen Schirmherrn der Not, als einen treuen, opfermutigen Mann, welcher für fremdes Leben sein eigenes wagt!

Warum sollte Gott seine wunderbaren Wege selber durchkreuzen, nachdem er sie so herrlich und unfaßlich bis hierher geführt? O, Gräfin Gundula hat in den letzten Tagen in dem Herzen ihres Sohnes gelesen, und sie hat Gabrieles erglühende Wangen geschaut, sie weiß, welch ein Kampf in diesen beiden jungen Menschenherzen tobt, und weiß, wie herrlich der Sieg sein wird, welcher schon jetzt seine leuchtenden Strahlen vorauswirft.

Wie ein Wunder deucht es ihr, daß sie Gabriele, just diese, zu sich in die stille Strandburg rief, wie ein Wunder, daß das so reiche, gefeierte Mädchen eine arme Waise ward, deren ehemals so blinde Augen sehend werden sollten!

Wie ein Wunder muß sie es ansehen, daß die Einzige, für welche Guntram Kraffts Herz in heißer Liebe erglühte, ihm hierher folgen mußte, nachdem er den Kampf um ihren Besitz als hoffnungslos aufgegeben.

Warum das? --

Gräfin Gundula weiß es nicht und fragt auch nicht danach.

Sie wartet, und sie ist gewiß, daß das, was Gott der Herr so wundersam begonnen, auch von ihm zu gutem Ende geführt wird!

Ein lautes, jubelndes Schreien, Jauchzen und Rufen ertönt wie ein verworrenes Echo von dem Strand empor.

Das Rettungsboot kehrt zurück!

Die Bärin von Hohen-Esp hebt inbrünstig die gefalteten Hände zum Himmel, ihre Lippen zittern und flüstern leise, ihre Augen glänzen feucht.

Und ruhig, ernst und hochaufgerichtet wie stets schreitet sie abermals über den losen, wehenden Sand hinab, den Sohn zu erwarten.

Ihr schwarzes Gewand, das Trauertuch um ihre Schultern flattern im Sturm, wie verklärt leuchtet das bleiche Angesicht in dem Flackerschein der hochgeschwungenen Fackeln. Sie sieht, wie das Rettungsboot sich durch die letzte Brandung kämpft, sie hört die aufgeregten Menschen lachen und jauchzen -- »sie bringen die Schiffbrüchigen! -- sie sind gerettet!« -- dann sucht ihr Blick Gabriele.

Sie steht regungslos noch auf demselben Fleck wie vorhin, die Hände wie in Verzückung nach dem Boot ausgestreckt, das schöne Antlitz in Gluten der Begeisterung getaucht.

Ach, daß Guntram Krafft sie so erblicken möchte! Alles drängt den Nahenden entgegen, die Männer springen in das schäumende Wasser, das Fahrzeug mit hilfsbereiten Händen zu fassen, um es auf den Strand zu ziehen, aber die Stimme des Grafen klingt kräftig durch Wind und Wogengebraus -- »Halt! -- laßt ab! Wir müssen noch einmal zurück! -- Landet die Mannschaft ... es sind Norweger! -- Versorgt sie!«

Noch einmal zurück?

Der Jubel verstummt -- jähes Entsetzen malt sich auf allen Gesichtern.

Gott erbarm sich! noch einmal zurück! Noch sind nicht alle Gestrandeten geborgen!

Die fremden Seeleute springen über, bleich und ermattet, aber alle gesund und lebend; nur einen Schiffsjungen, welcher bewußtlos scheint, hebt Guntram Krafft mit starken Armen und trägt ihn selber an Land. --

»Es ist nichts, Mutter!« ruft er leuchtenden Auges, »als er über die Reeling kam, ist er hart aufgeschlagen, -- das betäubte ihn! den Kopf kühlen ... und einen Kognak! -- Sonst =allright=!«

Gundula schlingt die Arme um den Sohn und drückt ihn sekundenlang an das Herz.

»Noch einmal zurück willst du?« seufzt sie tief auf --; »_muß_ es sein, mein Sohn?«

Er küßt hastig ihre Hände.