Die Bären von Hohen-Esp: Roman
Part 24
Seine Persönlichkeit ist ihr so gänzlich verändert hier in Hohen-Esp entgegengetreten, ein Zug wundersamer Romantik verklärt sie, -- der Bär von Hohen-Esp, der Schirmvogt der Notleidenden hat ihr Interesse aufs lebhafteste geweckt, eine einzige kühne, mutige Tat, so wie sie für diese reckenhafte und poesievolle Seemannsgestalt paßt -- und das Interesse wird lodernde Leidenschaft, und die Leidenschaft wird Liebe, -- Liebe, welche getreu ist bis in den Tod! --
Wehe ihr, wenn es geschähe!
Ehedem lachte ihr das Auge Guntram Kraffts voll ehrlichen Entzückens entgegen, jetzt blickt er ernst und gleichgültig über sie hinweg.
Warum das? --
Weil der Bär von Hohen-Esp zu stolz ist, um ein Weib zu werben, welches ehemals seine Annäherung so schroff und beleidigend zurückgewiesen hat, wie sie. --
Gabriele senkt das Köpfchen tief, tief zur Brust, schlingt die Hände ineinander und schreitet langsam die Stufen des Altars hinab, der Gräfin entgegen, welche die Kapelle betreten hat, den Brautzug in ihrem hohen Kirchenstuhl seitlich des Traualtars zu erwarten.
Gundula nimmt die kalte, bebende Hand des jungen Mädchens in die ihre, streift mit einem warmen Blick inniger Bewunderung die liebreizende Erscheinung ihrer jungen Gastin und tritt mit ihr nach dem erhöhten Sitz, -- die Orgelklänge ertönen, und mit dem golden durch die Tür hereinflutenden Sonnenlicht erscheint das Brautpaar in der Kapelle.
Guntram Krafft führt es zum Altar.
Mike schreitet zwischen ihm und dem Geliebten, eine blühende, kraftvoll schöne Braut. Sie tragt das goldblonde Haar schlicht gescheitelt und in Zöpfen herabhängend, ein dicker grüner Myrtenkranz legt sich um den ganzen Kopf und endet in einer rosa Schleife, welche lang über den Rücken herabflattert.
Eine dunkelgrüne Tuchjacke, mit Ärmeln, welche oben sehr weit, unten sehr eng sind, ein buntes, mit breiten Fransen besetztes Halstuch, ein schwarzer Warprock, welchen eine mächtig breite, geblümte Schürze beinahe verhüllt, bilden den Staat der Braut, welche ihr Gesangbuch gegen das Herz preßt und mit niedergeschlagenen Augen und hochroten Wangen daherschreitet, wie die Verkörperung eines echten, rechten Glückes!
Und Jöschen an ihrer Seite sieht nicht minder strahlend aus, wenngleich sein frisches Gesicht mit den hellblauen, lustigen Augen und dem weißblonden Flaum auf der Oberlippe recht verlegen ob all der Ehre, welche ihm geschieht, dreinschaut.
Sein dunkler, großer Filzhut ist mit rotem Band und Blumenstrauß geschmückt, ein ebensolcher ziert die offenstehende Fischerjoppe, unter welcher eine schwarze Manchesterweste mit rotem und grünem Sternchenmuster sichtbar wird.
Der Hemdkragen fällt blendenweiß über und wird von einem sehr grellfarbigen Schlips geschlossen.
Da Jöschen sich just nagelneue, hohe Wasserstiefeln hat machen lassen, trägt er sie selbstredend an seinem Ehrentag und stampft so kräftig durch die Kapelle, daß es auf den Steinplatten hallt.
Dem Brautpaar folgt die Schar der Gäste, Fischer und Fischerfrauen, wohl die gesamten Einwohner des kleinen Dörfchens.
Alle ernst und feierlich, in ehrwürdig, altväterischem Staat, einem Gemisch von bäurischer Tracht und einem ersten Anfang städtischer Kleidung, wenngleich das bäurische in diesem weltfernen Dörfchen bei weitem überwiegt.
Kinder mit Blütenzweigen oder bunten Sträußchen in der Hand, drängen sich scheu an die Mütter, -- alte, wetterharte Seeleute mit dem Priemchen zwischen Zahn und Backe und dem Tonpfeifchen in der Rocktasche, folgen langsam im Zug, und dann schließt sich das Gesinde von Hohen-Esp an, alle so strahlend heiter und festfreudig gestimmt, als gehe Mike und Jöschens Glück sie alle an, als sei diese Hochzeit ihr aller Ehrentag, von welchem ein warmer Sonnenstrahl in jedermanns Herz fällt. --
Zuerst wurde gesungen, sehr lange und viel gesungen, wie es die Sitte verlangte, und Guntram Kraffts Stimme klang fest und laut hervor, ebenso wie Gundulas weicher Alt und die helle, schmetternde Stimme der noch sehr stattlichen Brautmutter.
Gabriele hatte gesehen, daß der Graf ihr just an der andern Seite von dem jungen Paar gegenüberstand, sie fühlte auch, daß sein Blick beinahe unverwandt auf ihr ruhte, aber sie schaute nicht auf, sie sang leise, kaum vernehmlich die Worte des Chorals mit, nur ihre Lippen regten sich.
Der Pastor trat vor den Altar, sprach in schlichter, sinniger Weise viel schöne und herzbewegende Worte, und wandte sich ganz besonders an Mike, sie auf die schweren Pflichten der Seemannsfrau aufmerksam machend. Wie treu, wie selbstlos, wie aufopfernd muß das brave Weib eines Fischers sein, wie wenig an sich selbst und das eigene Glück denken, wie tapfer und mutig den Herzliebsten in Sturm und Gefahr hinausschicken, wenn es gilt, fremder Not und gefährdeten Menschenleben zu Hilfe zu kommen! Gerade in solchen Stunden höchster Angst und Gefahr müßte sich die wahre Liebe eines treuen Weibes bewähren, nicht durch stumpfes »Dreinergeben«, nicht allein durch Handreichungen und kräftige Hilfe, sondern vor allen Dingen durch Gebet und Fürbitte, welche den Geliebten auf seiner schweren Fahrt durch Sturm und Wogen begleiten.
Da ist kein besseres Steuer, als die inbrünstige Bitte zu Gott dem Herrn, da ist kein sicheres Segel, als das Flehen eines liebenden Herzens zum Himmel! Solch ein Steuer bricht nicht, solch ein Segel reißt nicht! -- Die Hände, welche ein treues Weib im Gebet zu dem Herrn der Welten erhebt, sind der Talisman, welcher den Seefahrer auch in höchster Not beschirmt, sie sind der Felsen, an welchem die verderbenden Wogen zerschellen und des Sturmes Macht sich bricht. »Darum leget eure Lebensschifflein an den einzigen Anker, welcher noch nie versagt und im Stich gelassen hat, den Anker fester und freudiger Zuversicht auf Gottes Gnade, den Anker treuen Glaubens an seine Barmherzigkeit, den Anker frommer Ergebung in seinen Willen ... wenn derselbe uns auch andere Wege führt, als wie wir gehen wollen!«
Mike blickte dem Pastor mit ihren großen, treuherzigen Augen aufmerksam in das gütige Antlitz, und sie nickte ihm zustimmend und so recht von Herzen überzeugt zu, und Jöschen machte auch hier und da eine unwillkürliche Bewegung, als wolle er versichern: »Jawoll, Herr Pastur, dat wollen wi allens so maken!«
Und dann knieten sie nieder und wurden gesegnet, und der Prediger nahm die Ringe und steckte sie ihnen an.
Da raschelte es leise an dem Steinpfeiler. Ein Blütenzweig löste sich von Wulffhardts Bild und fiel nieder auf das morsche Ruder.
Niemand bemerkte es, nur Guntram Krafft und Gabriele schauten auf -- und ihr Blick traf sich plötzlich, -- sie sahen einander in die Augen. Da zog eine heiße Purpurglut über die Wangen des jungen Mädchens; sie blickte verwirrt zu Boden und neigte das Köpfchen noch tiefer wie zuvor.
* * * * *
In der kleinen Dorfschänke, welche über den einzigen Raum verfügte, in welchem ein bescheidenes Fest abgehalten werden konnte, hatte der Graf von Hohen-Esp den Hochzeitsschmaus für seinen Jugendgespielen herrichten lassen.
Hier in dem niedrigen, verräucherten Saal, an dessen Deckbalken das Haupt des hochgewachsenen Bären beinahe anstieß, feierten die Fischer »Kaisers Geburtstag«, »Sedan«, Hochzeiten und Kindtaufen, hier saßen sie Sonntags und rauchten ihre Pfeifen beim Glase Bier, hier versammelten sie sich, wenn es Außergewöhnliches zu besprechen gab, oder wenn ein Sohn, Vetter, Bruder oder Onkel nach langer Seefahrt heimkehrte und von viel schweren oder glücklichen Fahrten zu erzählen hatte.
Als einziger Schmuck hing das Bild eines lang verstorbenen Landesfürsten, sowie das Kaiser Wilhelms des Großen an der Wand, darum her vergilbte Stiche und gewöhnliche Kreidezeichnungen von Schiffen, mit welchen Dorfbewohner als Matrosen oder Kapitäne gefahren, und über der Tür, ganz nach gutem alten Brauch, der fliegende Holländer mit käseweißem Gesicht, schwarzem Bart und großem Fischerhut, welcher starren Auges auf den Beschauer herabsieht, und unter welchem der Spruch steht --: »Gott gnade dem Mann auf stürmischem Meer -- geht ihm der flyende Dutschman die Quer!«
Auf den wurmstichigen, uralten Schränken liegen große Korallen und fremdartige Muscheln, steht eine chinesische Vase, der der eine Henkel fehlt, und ein paar grellbunte, furchtbar fratzenhafte Götzenbilder, vor welchen sich die Kleinen im Dorf über die Maßen »grugeln«! --
In großen Glashäfen sind seltene Fische aus dem Südmeer, Schildkröten und Seeteufel in Spiritus aufbewahrt, eine kleine, sehr giftige Herrgottsschlange befindet sich auch in einer Flasche, und von ihr herüber bis zu der Vase ziehen sich Schnüre von getrockneten Seesternen und fremdartigen Tangs, welche irgendein Angehöriger des Schankwirts aus fernen Zonen heimgebracht.
Ehemals lebte der schöne große Papagei und ergötzte die Gäste durch sein erstaunliches Geschwätz, jetzt ist er ausgestopft und sitzt recht verstaubt und struppig auf einem Baumast an der Ofenwand.
Heute ist eine lange, lange Tafel inmitten des Saales aufgestellt, mit groben weißen Tüchern belegt und durch Tannengrün und Blumensträuße ganz besonders feierlich geschmückt.
Teller von jeder Art und Sorte sind aufgestellt, Napfkuchen duften schon jetzt sehr locker und festlich von des Tisches Mitte, und seitwärts lagert ein großes Faß Bier, auf welches mit Kreide »Vivat« geschrieben ist, und von den eben ankommenden Fischern mit schmunzelndem Entzücken zuerst besichtigt wird.
Das junge Ehepaar und die Hochzeitsgäste nahen, fürerst noch so schweigsam und ernst, wie es in der Art dieser wortkargen Menschen liegt, welche es mehr gewohnt sind, den schweren, sorgenvollen Kampf um das Dasein zu führen, als heitere Feste zu feiern.
Der Wind, welcher mehr und mehr auffrischt und manch altem, wettererfahrenen Schiffer ein bedenkliches Kopfschütteln und »Hm-Hm!« abgenötigt hat, spielte in den rosa Kranzbändern der jungen Frau und färbte ihre Wangen noch röter, und wenn auch Mike mit festem Händedruck ringsum die schwieligen Hände faßt, und Jöschen manch lieben Freund innig auf den Rücken klopft, so herrscht dennoch fürerst noch die feierliche, erwartungsvolle Stille, welche dem Nahen des Pastors und der gräflichen Herrschaft vorauszugehen pflegt. --
* * * * *
XXV.
Über die hohe Düne, welche das Fischerdorf von der See trennt, stieg Gräfin Gundula an der Seite des alten Pfarrherrn, gefolgt von Gabriele und Guntram Krafft.
Der Pastor hatte den lebhaften Wunsch ausgesprochen, das Meer bei dem immer stärker werdenden Wind in seiner wogenden Schönheit zu sehen, und darum hatte man den kleinen Umweg gemacht und nahte dem Dorf nicht von dem Burgberg, sondern vom Strande aus.
Die Gräfin sprach sehr lebhaft und angeregt, und Gabriele, welche ebenso schweigsam wie der Bär von Hohen-Esp an dessen Seite schritt, gedachte der Worte des Predigers, welche dieser kurz zuvor zu Guntram Krafft gesprochen. »Welch eine auffallende und sehr erfreuliche Veränderung ist mit Ihrer Frau Mutter vor sich gegangen! So heiter und lebhaft habe ich die Gräfin seit langen, langen Jahren nicht gesehen! Mir deucht, der finstere Ernst, die tiefe Schwermut sind erst jetzt von ihr gewichen, und dafür sei Gott gelobt!« -- Er hatte dann Gabriele herzlich beide Hände entgegengestreckt, und fuhr fort: »Das haben wir ganz entschieden Ihrem so günstigen Einfluß zu verdanken, mein gnädiges Fräulein! Sie haben den Sonnenschein wieder in das Haus der so tief gebeugten Frau getragen!«
Der Blick des Grafen hatte sie abermals getroffen, als er sich stumm und höflich, wie in schweigender Zustimmung vor ihr verbeugte, und es hatte warm aufgeleuchtet in den ernsten, traurigen Augen.
Ein paar gleichgültige Worte hatten sie später auf dem Weg zum Strande gewechselt, und als sie über die waldige Höhe schritten und zuerst den Blick auf das Meer genossen, war Gabriele unwillkürlich stehengeblieben und hatte mit leisem Ausruf des Entzückens auf die weißschäumende, hochgehende See hinausgeblickt.
»Nicht wahr, so gefällt sie selbst Ihnen?« hatte der Graf gelächelt, und das junge Mädchen nickte mit seltsam leuchtendem Blick und wiederholte: »Selbst mir!«
Dann brauste der Sturm daher und riß die weißen Narzissen aus ihrem Gürtel und verstreute sie durch das Riedgras, und während Gabriele mit beiden Händen den Hut festhielt, eilte Guntram Krafft den Blumen nach und sammelte sie.
Sein Blick überflog ihre schlanke, schneeweiße Gestalt, um welche die weichen Kleiderfalten in graziösem Spiele flatterten, und er behielt den Strauß in der Hand und sagte: »Ich werde die Narzissen bis zu dem Dorfe tragen, Sie haben jetzt genug zu tun, Hut und Kleid zu halten!«
Und er trug sie, bis sie abermals in den Schutz der Dünen gelangten und das Wirtshaus »Zur blauen Woge« vor ihren Blicken lag.
Da reichte er die Blüten zurück.
»Wir alle haben uns festlich geschmückt, Graf, nur Sie allein tragen kein einziges Abzeichen, welches auf die frohe Bedeutung dieses Tages schließen läßt!«
Um seine Lippen zuckte ein resigniertes Lächeln.
»Ich selber vergaß es, und andere dachten nicht an mich!«
Da wählte sie die schönsten Blumen aus ihrem Strauß und bemühte sich, sehr unbefangen zu lachen: »Welch eine grobe Unterlassungssünde! Erlauben Sie, Graf, daß ich das Versäumte nachhole und Ihr Knopfloch schmücke!«
Er nahm die Blumen und befestigte sie an der Brust.
»Wie freundlich Sie sich heute der Hohen-Esp annehmen!« sagte er sehr ruhig. »Den Ahnherrn Wulffhardt und mich bedenken Sie in gütiger Weise mit solch lieblichem Schmuck.«
Alles Blut stieg ihr in die Wangen, -- vor ihren Ohren schwirrten plötzlich wieder die Worte --: »Mit weißen Totenblumen ... doch nicht mit einem Lorbeerkranz ...«
Sie schüttelte den Kopf und sagte leise: »Ich verfüge ja über keinen besseren Schmuck, Graf!«
»Und weder Wulffhardt noch ich werden je einen besseren tragen!«
Das Gespräch ward unterbrochen, aus dem Saal des Wirtshauses erschallten die lustigen Weisen der Harmonika, und das junge Ehepaar trat den vornehmen Gästen entgegen, sie mit herzlichem Händedruck zu begrüßen und zum Hochzeitstisch zu geleiten.
Gräfin Gundula saß zwischen dem jungen Ehegatten und dem Pastor, -- Guntram Krafft an der Seite des bräutlichen Weibes, zu seiner Rechten war Gabriele der Platz angewiesen. Auf der Ofenbank saßen die beiden Harmonikaspieler und sorgten durch lauter schöne Seemannslieder und lustige Stücklein für Unterhaltung, dieweil es bei Tisch selber sehr ruhig zuging.
»Unsere Anwesenheit scheint die Leute in ihrer Fröhlichkeit zu stören!« flüsterte Gabriele zu dem Grafen auf.
Dieser lächelte: »O, durchaus nicht! Es würde eine Nichtachtung gegen die vergötterte Weinsuppe und den obligaten Schweinebraten sein, wollte man während dieser Genüsse viel sprechen! Das ist nicht Sitte hier, und die >Stimmung< kommt zumeist erst mit dem Tanz. Dann werden Sie sehen, daß wir unsere Getreuen nicht stören. Ich bin überzeugt, daß wir hier von allen noch sehr viel mehr geliebt wie respektiert werden!«
Und so war es auch.
Als das, nach Ansicht der so wenig verwöhnten Leute, glänzende Hochzeitsmahl beendet war, als die Tische beiseite gerückt wurden und der Kaffeeduft so lieblich durch den Saal zog, daß allen Frauen das Herz im Leibe lachte, da schallten die Stimmen lauter und lauter durcheinander, da wagten sich die ersten verstohlenen Jauchzer hervor, und als die Harmonikas mit schallendem Ton den »Großvatertanz« anhuben, da umfaßte Jöschen seine strahlende junge Frau und begann sich mit ihr sehr langsam und würdevoll im Kreise zu drehen.
Aller Augen schauten auf den Grafen, ob er nicht mit dem wunderschönen jungen Fräulein solchem Beispiel folgen werde, aber der stand und sprach so eifrig mit ein paar alten Fischern, daß er gar nicht an den Tanz zu denken schien.
Da wagte sich denn der Vater der Braut herzu, machte seinen Kratzfuß vor Gabriele und tanzte mit ihr, schwer und wuchtig, als gelte es, eine holländische Kuff bei konträrem Wind zu lavieren, -- und als er zum Schluß die junge Dame mit freundlichem Lob auf den Arm gepatscht, stand schon ein junger Lotse bereit und sah sie treuherzig bittend an.
Gabriele nickte ihm lachend zu und tanzte weiter, und ihre schlanke weiße Gestalt tauchte wie ein Traum zwischen dem derben Schiffervolk auf, so daß der Pastor ganz begeistert zu Guntram Krafft trat und sagte: »Wissen Sie, Graf, was mir soeben bei dem Anblick des wunderholden Fräulein von Sprendlingen einfiel? Ein Gedicht von Heinrich Heine: >Wohl unter der Linde, da tönt die Musik, da tanzen die Burschen und Mädel ... da tanzen auch zweie, die niemand kennt, sie schauen so schlank und so edel!< -- Sagen Sie selbst, ist es nicht, als ob die weiße Wassernixe aus der Flut gestiegen sei, sich unter das lustige Fischervolk zu mischen? -- Wie ein Märchen deucht mir die lilienhafte Mädchengestalt, und wen Fräulein Gabriele mit den großen, klaren, wundersam glänzenden Augen anlächelt, der lernt an die Macht der Meerfrau glauben!«
»Man sagt, die Meerfei bringt Unglück dem, der sie schaut! Hören Sie, wie der Sturm um das Dach heult? Vielleicht wählt sich die Undine bereits ihre Opfer für die kommende Nacht aus!«
»Das verhüte Gott! Fürchten Sie bös Wetter?«
»In wenig Stunden haben wir es.«
»Arme junge Frau! Das wäre eine üble Hochzeitsmusik!«
Jöschen stand mit leuchtenden Augen vor seinem Jugendgespielen.
»Wollen Sie heute gar nicht tanzen, Herr Graf!«
Guntram Krafft richtete sich jäh auf. »Ich warte nur, daß du Mike einmal freigeben sollst!«
»Dor steiht se!« lachte der junge Ehemann, wieder in sein gemütliches Plattdeutsch verfallend, und der Bär von Hohen-Esp nickte, drückte dem Glücklichen die Hand und holte sich die Braut mit den rotglühenden Wangen zum Ehrentanz.
»Nu leggt he los!« flüsterte es im Kreis, und man wartete, daß der Burgherr nach der Mike das »gnä Frölen« zum Tanze holen werde; aber er trat mit umwölkter Stirn zur Tür zurück und hatte mit Krischan Klaaden ersichtlich viel ernste Dinge zu reden.
Und trotzdem das Rollen und Branden der See immer stärker und stärker herübertönte und der Sturm immer schriller durch die Taue des vor dem Hause aufgepflanzten Flaggenmastes pfiff, ward die Stimmung immer fröhlicher und ausgelassener, und schließlich stand die Mamsell vom Schloß und tuschelte unter listigem Augenzwinkern mit Mike und Jöschen.
Die Weiber, Mädchen und Burschen drängten drum herum, es gab ein leises, jubelndes Gelächter, und dann lichtete sich plötzlich der Kreis, einer der Fischer trat vor und rief mit kraftvoller Stimme:
»Tom Brutdanz binnen! Uns' Mike sall sich sin' Nachfolgern söken!« --
Großer Jubel erhob sich, Mike ging mit sehr schalkhaftem Lächeln zu Gräfin Gundula und bot ihr eine Schere dar, mit welcher die Burgfrau die beiden rosa Bänder der Kranzschleife abschnitt.
Die alte Dame lächelte dabei sehr amüsiert, und in ihren Augen leuchtete es auf, wie ein sehr wohlgefälliges Verstehen.
»Möchtest du die Rechte treffen, Mike!« sagte sie und händigte der jungen Frau die Bänder aus. -- Diese wandte sich, reichte Jöschen flink eines der Rosenbänder, und schnell wie der Gedanke stürmte das junge Paar unter die laut kreischenden und jubelnden Hochzeitsgäste.
Erstaunt hatte Gabriele dem Beginnen zugesehen, als sie ihren Arm auch schon von Mike gefaßt und mit dem Band umschlungen sah, gleicherzeit zerrten und drängten die Männer Guntram Krafft heran, an dessen Arm Jöschen das andere Band geknüpft hatte, und ehe die beiden aufs höchste betroffenen jungen Leute recht wußten, wie ihnen geschah, waren ihre Arme durch die Bänder zusammengebunden, und ein jauchzendes Geschrei erhob sich: »Tom Brutdanz! Tom Brutdanz!« --
Guntram Krafft stand momentan regungslos, nur seine Lippen bebten, und die breite Brust hob und senkte sich unter stürmischen Atemzügen, dann neigte er sich zu Gabriele herab und stieß kurz hervor: »Befehlen Sie zu tanzen, mein gnädiges Fräulein?« --
Sie blickte zu ihm auf, -- ihm deuchte es, ebenso kühl und ruhig wie sonst -- und die kristallenen Nixenaugen leuchteten ganz nahe den seinen, und ihr roter Mund antwortete: »Ich füge mich der Sitte, Herr Graf!«
Da umschloß sie sein Arm, er machte eine kurze Bewegung mit der freien Hand, daß man Raum gebe, und dann tanzten sie.
Wie feurige Nebel wallte es vor seinen Augen, siedend heiß brauste das Blut durch seine Adern, wie befangen von einem wilden, leidenschaftlichen Rausch flog er dahin, und die weiche, schmiegsame Gestalt ruhte wieder an seiner Brust, und ihre krausen Löckchen flimmerten vor seinem Blick.
Freiwillig wäre er nie zu ihr gekommen -- nun trieb sie das Schicksal selber in seine Arme, und er hielt die bleiche Meerfrau ... und drückte sie fest -- immer fester und aufgeregter an sich, so fest, als wolle er sie nie wieder freigeben.
Seine Augen brannten wie im Fieber, all die heiße, unaussprechlich innige Liebe, welche er so stolz und gewaltsam bekämpft hatte, loderte in verzehrenden Flammen in seinem Herzen auf und benahm ihm alles klare Denken und Handeln.
Er tanzte -- tanzte ohne Aufhören ... und er hatte nur einen tollen, wahnwitzigen Gedanken -- so hinab mit ihr durch Nacht und Sturm bis zu den schäumenden Wogen! Sein Lieb im Arm hinab in die kühle, geheimnisvolle Tiefe, in den Kristallpalast der Meerfei, wo die Perlen auf weißen Wasserlilien glänzen und rote Korallen bis an das Abendrot des Himmels emporwachsen ... da wird sie das bleiche Antlitz lächelnd zu ihm heben, wird mit ihren kühlen, meerfarbenen Augen sein Leben trinken und ihn küssen in traumhaft süßem Glück ...
Weiter und weiter tanzt er ... und um die Fenster schrillt der Sturm ... und die Brandung donnert lauter und lauter empor ...
Gabrieles Köpfchen aber sinkt plötzlich tiefer und tiefer, und ihr Körper ruht schwer in seinem Arm.
Da erwacht er plötzlich wie aus tiefem Traum und starrt sie an.
Wie blaß sie ist! --
Erschrocken hält er inne: »Verzeihen Sie, Gabriele,« -- murmelte er, -- »ich war unbescheiden ... ich tanzte zu lange -- --«
Sie lächelt und ringt nach Atem -- und um sie her erhebt sich abermals ein tosender Jubel. »Dat wier äwerst 'n Danz! Dat wier jo gliek haf 'n Dutzend Dänz'!« -- schallt es lachend im Kreise, und dann plötzlich jähe Stille.
Ein Schuß? --
Ertönte nicht draußen auf hoher See ein Schuß? -- ein Notsignal? --
Alles lauscht einen Augenblick wie erstarrt, Guntram Krafft reißt das rosa Band, welches ihn an Gabrieles Arm fesselt, mit scharfem Ruck durch und stürmt nach der Tür, Jöschen, Krischan Klaaden und die andern Fischer folgen in jäher Hast.
Die lachenden geröteten Gesichter sind plötzlich blaß und ernst geworden, die Klänge der Harmonika sind verstummt.
Gabriele ist an die Seite der Gräfin geeilt und hat mit angstvollem Aufblick ihre Hand gefaßt.
»Was bedeutet das, Frau Gräfin?«
Gundula legt den Arm um sie und schreitet nach dem kleinen Fenster, einen Blick hinauszutun.
»Gott der Herr verhüte es, daß ein Schiff in Not ist!« sagte sie mit schwerem Atemzug.
»O, welch ein Wetter plötzlich!« schaudert Gabriele, »wie schwarz die Nacht, und welch furchtbares Brausen und Donnern! Man hat es zuvor bei der Musik nicht gehört, -- jetzt merkt man erst, wie schlimm es geworden ist!«
Eine alte Fischerfrau tritt herzu und faltet die runzligen Hände. »Das ist eine grobe See geworden«, sagt sie leise. »Arme Mike ... muß den Jöschen heute nacht wohl hergeben!«
»Heute nacht?« wiederholt Gabriele mit entsetzten, weitoffenen Augen, »was sollte denn Jöschen bei dieser Dunkelheit für ein Schiff draußen tun?«
Die Alte schüttelt mit wehmütigem Lächeln den Kopf: »Hinaus muß er und Hilfe bringen, falls es not tut!«
»Hinaus? in diese Finsternis?... in diesen Sturm?« Gabriele hebt wie beschwörend die Hände. »Das ist ja gar nicht möglich ... das wäre ja ein tollkühnes, nutzloses Aufopfern!«
»Es wäre seine heilige Pflicht!« unterbricht die Gräfin ernst und ruhig, »und wahrlich nicht das erstemal, daß Guntram Krafft seine wackeren Lotsen in ein Unwetter hinausführt!« --
»Der Graf?« stammelte Gabriele ..., »er selber ... er fährt auch mit hinaus?« --
»Wenn es nottut, jedesmal!«