Die Bären von Hohen-Esp: Roman

Part 23

Chapter 233,687 wordsPublic domain

»Ganz recht, dieselbe. Sie heiratet morgen den Jugendgespielen meines Sohnes, Jöschen Grotrian mit Namen, einen wackern, prächtigen Bursch, der beste unter Guntram Kraffts Lotsen. Vorhin war Mike mit der Mutter bei mir, um uns alle noch einmal feierlichst zur Hochzeit einzuladen! Ich habe zugesagt, auch für Sie, liebe Gabriele, denn ich hoffe, Sie teilen unsere Vorurteilslosigkeit in diesem Punkte! Wir Hohen-Esper und unsere braven Fischer drunten gehören in Freud und Leid zusammen! Wir sind in der langen Reihe der Jahre wie eine große Familie geworden, und gemeinsame Not, Angst und Sorge und manch einstimmiges Gebet am Strande waren der Kitt, welcher unsere Herzen treu zusammengefügt hat. -- Da ist es undenkbar, daß sich im Dorfe drunten jemand freuen oder betrüben könne, ohne daß wir innigen Anteil daran nehmen. Sie haben gewiß noch keine Fischerhochzeit mitgemacht, liebe Gabriele, und die sehr primitiven Verhältnisse solcher Feiern sind Ihnen unbekannt! Dennoch hoffe ich, daß Ihr gutes Herz sich in all dies Fremde und für Sie gewiß sehr wenig >Hoffähige< finden wird, und daß Sie mir zuliebe nicht das Näschen rümpfen, sondern lustig und guter Dinge mit den biederen Menschen sind!« --

Der Blick der Sprecherin hatte sich wie in nachdenklichem Forschen auf das reizende Antlitz des jungen Mädchens geheftet, und als sie das freudige Aufleuchten in den großen Augen und das Lächeln um die rosigen Lippen sah, streckte sie Gabriele jählings die Hand entgegen und sagte so herzlich, wie noch nie zuvor: »Ja, ich sehe es Ihnen an, Sie werden uns gern begleiten! Sie fühlen und denken, wie wir, Gabriele, und ich danke Gott dem Herrn, daß er Sie in unser Haus geführt!«

Wieder drückte Fräulein von Sprendlingen die Lippen auf die schlanken Finger Gundulas.

»Wo könnte es mir wohler sein, als wie in Ihrer Nähe, Frau Gräfin, gleichviel, wohin Sie mich führen! So neu wie mir diese Welt auch noch ist, so lieb ist sie mir doch schon geworden! Wo wird das junge Paar getraut werden? Müssen wir alle in das Nachbardorf zur Kirche?«

»O nein!«

»Aber drunten bei uns am Strande ist keine!«

»Sahen Sie noch nicht unsere alte, kleine Kapelle im Turm drüben?«

»Eine Kapelle? Hier in der Burg?«

»Wir benutzen sie für gewöhnlich nicht, um dem Pfarrer den sehr unbequemen Weg durch den Wald zu ersparen, auch müßte er zweimal an jedem Sonntag predigen, in Karstein und hier! Darum gehen wir alle zu ihm! Bei außergewöhnlichen Gelegenheiten aber kommt er hierher, und Mikes Hochzeit ist solch ein besonderer Fall.«

»O, wie praktisch ist das! Und wie angenehm für die Hochzeitsgesellschaft!«

»Wir lassen unsern lieben, kleinen Pastor mit dem Wagen holen, die Kirche wird geschmückt ...«

»O, herrlich! Wer besorgt das?« --

»Immer der, der fragt!« neckte die Bärin von Hohen-Esp. »Die Guirlande nagelt freilich einer der Knechte über die Tür, und die Tannenbäumchen stellt wohl die Mamsell mit den Mägden um den Altar herum auf, aber wenn sich sonst noch ein paar geschickte Händchen finden wollten, den Altar selber recht schön und poetisch zu schmücken, so wäre mir das sehr lieb, denn für gewöhnlich war das meine Sorge, welche ich jetzt aber gern jüngeren Kräften überlassen möchte!«

Gabrieles Wangen leuchteten in zartem Rot. »O, wie danke ich Ihnen für diese reizende Pflicht, Frau Gräfin, und wie freue ich mich darauf, die Kapelle zu sehen!«

»Wenn die Mägde morgen früh mit Fegen und Scheuern fertig sind, soll man Sie rufen, liebe Gabriele! Sie sorgen wohl selber im Garten für die Blumen! Kaiserkronen, Narzissen und Anemonen gibt es bereits, auch noch Krokus und Fürwitzchen, -- nehmen Sie alles, was Sie brauchen, die Sträuße können dann später noch auf den Hochzeitstisch gebracht werden.« --

Die Damen plauderten, und die Stunden vergingen.

Spät erst kehrte Guntram Krafft heim.

Er sprach nicht mehr in dem Wohngemach der Gräfin vor, sondern schritt sogleich nach seinem Zimmer hinauf.

Auch Frau Gundula ward müde, küßte Gabriele auf die Stirn und sagte ihr »Gute Nacht«.

Wie allabendlich begleitete sie das junge Mädchen erst nach seinem Erkerstübchen.

Ganz erschrocken wich Gabriele zurück.

»Was ist das?« fragte sie betroffen.

Die Gräfin lachte und entzündete ihr Licht an der brennenden Kerze auf dem Toilettentisch. »Das ist der Wind! -- Hörten Sie ihn noch nie um alten Gemäuer sausen und heulen? Die Burg liegt ziemlich frei, da braust es in allen Tonarten von der See herüber. Ich fürchte, die Nacht wird schlimm, -- aber Gottlob ist niemand von unsern Leuten draußen. Die Armen aber, welche auf hoher See mit Wind und Wogen kämpfen! Vergessen Sie nicht, ihrer im Gebet zu gedenken, Gabriele, auch das ist so Sitte auf Hohen-Esp!« --

Das junge Mädchen stand regungslos und starrte nach den spitzen, kleinen Bogenfenstern, um welche es pfiff und schrillte.

»Fürchten Sie sich, liebes Kind?« Gundula legte zärtlich den Arm um die weiche, schmiegsame Gestalt ihrer jungen Gastin: »O, nicht doch! Sie sind hier sicher wie in Abrahams Schoß, und es ist heute nur das Ungewohnte, was Sie ängstigt! Für mich gibt es kaum noch ein behaglicheres Schlummerlied, als wie dieses Windesbrausen und das ferne Donnern der See! Auch Sie werden es bald lieb gewinnen! -- Wenn freilich der Wind zum Sturm und Orkan wird, dann läßt einem der Gedanke an die Schiffe, welche draußen sind, keine Ruh ... dann kommt die Sorge, ob Guntram Krafft nicht hinaus muß, Hilfe zu bringen! Aber davon ist heute keine Rede, -- diesen Wind haben wir oft, sehr oft, wir achten seiner kaum noch! Falls es ihnen aber lieber ist, Gabriele, will ich die Tür nach meinem Zimmer öffnen, -- Sie fühlen sich dann nicht so vereinsamt!« --

»Nein, nein, liebe Frau Gräfin, das wäre noch schöner, wenn ich ein solcher Hasenfuß sein wollte! Nun, wo ich weiß, was für Stimmen da draußen lärmen, lachen und rufen, fürchte ich mich nicht mehr vor ihnen!«

Und als sich nach herzlichem »Gute Nacht« die Gräfin zurückgezogen, trat Gabriele an das Fenster und blickte in die dunkle Nacht hinaus.

Der Wind jagte schwarze Wolkenmassen über den Himmel -- die Bäume drunten bogen sich und ächzten, und die Fensterriegel klappten und greinten wie mit leisem, wehmütigem Klagelaut.

Gabriele schloß die Vorhänge und begab sich zur Ruhe.

Aber sie fand lange keinen Schlaf.

Ihr war's, als säße sie noch in dem Boot, das auf und ab geschleudert ward von tosenden Wellen.

Guntram Krafft saß ihr gegenüber und führte das Ruder -- und er sah sie nicht an, sondern blickte starr geradeaus in die gähnend finstere Nacht -- und sein Angesicht glich dem jungen Wulffhardt von Hohen-Esp, der ertrunken war um 1503! --

Ertrunken! --

Gabriele schauerte zusammen und preßte das Antlitz in die Kissen.

Wie kam ihr plötzlich das Verstehen für dies grausige, entsetzliche Wort! --

Ertrunken!

Sie schlingt die Hände ineinander und betet mit zuckenden Lippen für alle die, welche mit Sturm und Wogen ringen -- so wie Frau Gundula es ihr geheißen, aber ihre Gedanken weilen dabei nur bei einem, und vor ihren Augen schwebt ein Bild ... Guntram Krafft, -- -- und auch unter diesem starrt das furchtbare Wort: »ertrunken« ...

Sie schrickt empor ... sie lauscht ...

Droben, über Frau Gundulas Gemach liegt das Zimmer des Grafen.

Er schläft nicht, sie hört ihn auf und ab schreiten ... es schallt so sehr in dem grabesstillen Haus. --

Horch ... hin und her ... hin und her ...

Ruhelos wie sie! --

* * * * *

Gegen Morgen hat der Wind ein klein wenig abgeflaut.

Die Sonne leuchtet am Himmel, -- hinter dem Wald blitzen die weißen Wellenkämme der See auf. --

Gabriele ist frühzeitig aufgestanden.

Sie hat gestern im Wald ein wildes Birnbäumchen gesehen, das stand in voller Blüte.

Welch sinnigeren Altarschmuck könnte sie finden, als diese duftigen, schneeigen Zweige?

Als sie in den Hof tritt, hört sie noch jenseits der Zugbrücke Hufschlag verklingen. Ein Knecht steht, die Arme behaglich in die Seiten gestemmt, und schaut dem Reiter nach.

»Ist eine telegraphische Nachricht gekommen, Christian? Die erwartete Sturmwarnung von der Seewarte?«

Der Mann lacht die Fragerin mit seinen hellblauen Augen vergnüglich an.

»Nee, gnä Frölen! Dat wi nähstens doch 'n ollen düchtigen Bö kreegen, dat weiten wi ganz alleen!«

»Wer ritt soeben fort?«

»Dat wier nur uns' junge Graf! He fall woll up'n Feldern nach'n Rechten kieken!«

»Auf den Feldern!«

»Wie hei seggt! -- Du leiwe Tid! Wat het de Graf nich allens to bedenken! Keen Ruh' nich bi Tag un Nacht. Un hätt dat doch so goar nich nötig! Aber dat rackert sich af! Keen Dagelöhner duht sich so schinn'n as uns' leibe Jong! Um Glock fif rett hei weg, jeßt däht hei Frühstück eten, un nu heidi wedder up't Pierd!«

Tief in Gedanken verloren schritt Gabriele weiter.

Also drum war er so selten am Morgen zu sehen, darum kehrte er neulich so staubig und erhitzt zurück und hatte soviel Eiliges mit seiner Mutter zu verhandeln! Daß er nachts mit seinen Fischern ausfuhr, die Netze zu werfen, daß er am Tage oft segelte und ruderte und anstrengende Übungen mit seinen freiwilligen Lotsen machte, das war nur Erholung, nur Vergnügen nach der Arbeit!

Und diesen Mann hatte sie oft einen Bärenhäuter genannt, ihn als müßigen Tagedieb bespöttelt und verachtet?

Wieder schießt Gabriele das Blut heiß in die Wangen.

Wie traurig ist es doch, wenn ein Mädchen so gar keinen Begriff von Landarbeit und Seewesen hat. Was für falsche, irrige Ansichten bildet man sich in der Stadt davon, wie bitter unrecht tut man oft den Fleißigsten und Verdienstvollsten!

Gabriele ist es plötzlich zu Sinn, als habe sie ein schweres Unrecht an Guntram Krafft gutzumachen.

Nicht nur der Mann, welcher mit der Waffe in der Hand zu Felde zieht, für Kaiser und Reich zu kämpfen, erwirbt sich Verdienste um sein Vaterland, sondern auch der, welcher in stillem Fleiß seinen Grund und Boden kultiviert, für seine Arbeiter sorgt wie ein Vater, welcher gute Gesinnungen und edlen Patriotismus unter ihnen pflegt, welcher in treuer Selbstlosigkeit an der Küste Wacht hält, ein »Schirmvogt der Not« zu sein! --

Mit bebenden Händen pflückt Gabriele die blühenden Zweige im Wald.

Ein Flockenregen rieselt auf sie nieder und streut bräutlich-weiße Blättchen in ihr lockiges Haar, -- in ihrem Herzen aber wächst aus kleinem Funken eine helle Flamme empor, noch flackernd und unsicher, aber dennoch stark genug, daß sie kein Aschenregen wieder ersticken kann.

Und diese Flamme brennt so vieles zu Tode, was ehemals in diesem Herzen als falsche Götzen gethront, -- sie macht es so hell, wo es früher dunkel war, sie läßt es so warm, ach so warm werden, wo früher Schnee und Eis gestarrt ...

Die Arme und das hochgeraffte Kleid voll duftiger Blütenzweige geladen, kehrt Gabriele heim, und von der niedern, rund gewölbten Turmtür, welche zu der Kapelle führt, tönt das helle Gelächter und der Gesang der Mägde.

Sie sind noch fleißig bei der Arbeit, und die Mamsell tritt Gabriele entgegen und bittet: »Wollen das gnädige Fräulein nicht noch ein halbes Stündchen warten! Dann ist die Kapelle sauber wie ein Schmuckkästchen, und Baronesse haben einen so viel schöneren Eindruck davon!«

»Es ist aber schon recht spät geworden, liebe Mamsell, und die Hochzeit soll sehr präzise stattfinden! -- Man heiratet hier schon zu recht früher Stunde!« --

»Ja, du liebe Zeit, gnädiges Fräulein, so verliebte Leutchen haben es immer eilig, und Mike und Jöschen vollends! Ist _das_ ein Glück! Man braucht die beiden nur anzusehen, um zu wissen, wie gut sie einander sind! -- Aber vielleicht machen das gnädige Fräulein erst Toilette? So ein bißchen was Weißes oder Rosiges gehört sich doch für den heutigen Tag!... Und die Zweige stellen wir derweil noch in Wasser! Je kürzere Zeit sie auf dem Altar liegen, desto frischer sehen sie aus!«

»Sie haben recht, Mamsell, das ist ein guter Gedanke! So will ich mir denn ein hochzeitlich Gewand anziehen und bin in einer halben Stunde wieder hier!« --

* * * * *

XXIV.

Da der Wind ganz plötzlich wieder bedeutend aufgefrischt hatte und merklich kühl durch die blühende Frühlingspracht brauste, hatte Gabriele ein wollenes Kleid zu ihrem Anzug gewählt, welches nun in zart weißen Crêpefalten an ihrer schlanken Gestalt herniederfloß.

Es war noch eins ihrer »Fünfuhr-Tee«-Kleider, welche sie ehemals in der Residenz getragen, schick und elegant gearbeitet und doch einfach und anspruchslos wirkend, einzig geschmückt durch ein duftiges Spitzengeriesel, welches über die Brust fiel und den Saum des Rockes wie kräuselnden Wellengischt zierte. Die weiße Perlenschnur, welche sie damals auf dem Hofball getragen, glänzte auch jetzt auf ihrem graziösen Nacken, und in dem Gürtel duftete ein kleiner Strauß weißer Narzissen.

Hastig schritt sie über den Hof nach der Kapelle, und die Mamsell trat ihr entgegen, faltete behaglich die fetten Hände über dem Magen und betrachtete das junge Mädchen mit unverhohlenem Entzücken.

»Das lasse ich mir gefallen, Baronesse!« nickte sie wohlgefällig. »Wenn jetzt ein Fremder hier einschaute, der gehört hätte: >Auf der Burg gibt's eine Trauung<, dann würde er Stein und Bein darauf schwören, daß das gnädige Fräulein selber die Braut sei, auf welche die Gespielinnen mit dem Kränzchen und Schleier warten! -- Na, ich denke, den Tag erleben wir auch noch, und dann will ich aber den Backofen für den Hochzeitskuchen heizen, daß die Flammen oben zum Schornstein hinausschlagen!«

»Ja, nicht, Mamsell! Dann brennt der schöne Kuchen am Ende an!« lachte Gabriele, aber sie fühlte es doch, wie ihr das Blut unter dem schelmisch zwinkernden Blick der Alten in die Wangen schoß. »Der Mike steht das Heiraten besser an als mir, darum wollen wir ihr recht viele Blumen auf den Weg streuen!«

»Erst ihr, dann Ihnen, gnädiges Fräulein! Die Blütenzweige stehen in dem Wasserkübel neben dem Altar!«

Noch ein neckendes Nicken und Grüßen, und die Mamsell faßte Besen und Staubtuch und schritt über den Hof zurück, Gabriele aber trat in die Kapelle ein, welche leer und still im Schimmer der bunten, kleinen Glasfenster vor ihr lag.

Voll andächtigen Entzückens schaute Gabriele um sich.

Rechts und links die wenigen Reihen der dunkelgebräunten, hochgeschnitzten Kirchenstühle, geradeaus der erhöhte Altar in seinem verblichenen lila Samtschmuck, auf welchem die Silberstickerei längst schwarz geworden war. Hocharmige Silberleuchter, ein elfenbeingeschnitztes Kruzifix, an welchem noch die Rosenkränze der gräflichen Beter aus der katholischen Zeit hingen.

Rechts und links von dem Altar die Familienbilder frommer Hohen-Esp, hohe, steiflinige Gestalten in schwarzen Nonnengewändern und weißen Kopftüchern, mit betend zusammengelegten, wachsgelben Händen und starren, hohläugigen Gesichtern.

Direkt hinter dem Altar ein kaum noch erkenntliches Gemälde: »Die Auferstehung des Herrn.« --

An dem offenen Grab kniet anscheinend der Stifter des Bildes, ein Graf von Hohen-Esp, mit seiner Familie; die Burgfrau gleicht in der Tracht und Aussehen der Katharina von Bora, und ähnlich wie Luthers Kinder sind auch ihre acht kleinen Grafen und Gräfinnen gekleidet. -- Der Vater trägt ritterliche Rüste, der älteste Sohn ein kleines Schiff in der Hand. Alle heben voll inniger Anbetung die Blicke zu dem segnenden Heiland.

Zur Rechten erhebt sich die alte Burg Hohen-Esp, wie sie damals wohl ausgeschaut, im Hintergrund wogt ein grellblaues, zackenwelliges Meer, aus welchem drei geisterhafte Gestalten emporschweben. Offenbarung Joh. 20. 13. --

Seitlich von dem Altarbild sind Gedenktafeln, zwei halb vermoderte Kirchenfahnen, Fischernetze und ein zerbrochenes Ruder aufgestellt.

Ein welker, fast zerfallener Totenkranz mit Trauerflor ist um das Ruder gewunden.

Gabriele schaudert zusammen.

Dieses Ruder war wohl das einzige, was von dem Boot eines ertrunkenen Hohen-Esp an das Land zurückgespült wurde. --

Ihr Blick irrte weiter, über die mächtigen Bärenwappen, über die steinernen Grabplatten, welche die Familiengruft schließen und steife, liegende Rittergestalten zeigen, hinauf zu der niederen, gewölbten Decke, von welcher an rostigen Ketten eine ganze Anzahl von kleinen Schiffen herabhängen.

Fromme Stiftungen der Fischer aus dem Dorfe drunten.

Grob und plump geschnitzte Segelschiffe, in Form und Bau ihr hohes Alter zeigend, kleine Boote und schwerfällige Kuffs, allerliebst und kunstvoll getakelte, kleine Dreimaster, an welchen fleißige Hände wohl ein Menschenalter gearbeitet haben.

»Modell der >Anne Marie Karsten<, Kapitän Jochen Ulrich Grot« -- gestrandet bei Kap Horn im Jahre des Herrn 1760. -- »Dein Wille geschehe.« -- -- steht auf schwarzer kleiner Tafel an dem einen.

Leiser Schritt erklingt auf den Steinfließen, und Gabriele schrickt aus tiefen Gedanken empor und blickt sich um.

Ein schmächtiges, altes Männchen steht hinter ihr und dreht respektvoll den schäbigen Filzhut in der Hand.

»Ach, verzeihen die gnädige Herrschaft« -- flüstert er mit devotem Kratzfuß, die lichte Gestalt der jungen Dame wie eine Vision anstarrend -- »ich bin der Küster aus Karstein und soll bei der Trauung das Harmonium spielen! Die Frau Gräfin schickte mich, daß ich die Lieder erst einmal durchspiele!«

»O, das ist ja schön, Herr Küster!« nickte ihm Gabriele mit herzgewinnendem Lächeln zu, »da habe ich den Genuß schöner Musik während meiner Beschäftigung!«

Der kleine Mann dienert sehr geschmeichelt und klettert die schmale Holzwendeltreppe zu der Empore hinauf, Gabriele aber tritt an den Altar, nimmt sinnend die weißen Blütenzweige und schmückt die teuern Heiligtümer.

Wie wundersam leuchten die frischen Blumenkelche auf dem uralten, verschossenen Samt, wie grell der Kontrast zwischen Tod und Leben, zwischen dem sonnigen, bräutlichen Jetzt und dem grabstillen, grauen Ehemals! --

Ein Sonnenstrahl bricht durch das bunte Fenster und malt goldige Lichter um die schlanke Mädchengestalt, welche mit graziös erhobenen Händen die Blüten um das Kruzifix schlingt, welche die zarten Zweige durch die Arme der Leuchter flicht, -- dann niederkniet vor der Altardecke und auch an ihr empor den holden Schmuck ranken läßt, sinnig und schön, so festlich, wie wohl dieser Tisch des Herrn seit langen Jahren nicht mehr ausgeschaut hat. --

Und während sie, selber wie ein bräutliches, junges Weib anzuschauen, ihres lieblichen Amtes waltet, ertönen über ihr die jubelnden Klänge: »Lobe den Herrn meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat!«

Immer voller und duftiger gestaltete sich der Altarschmuck unter Gabrieles Händen, sie streut auch noch die weißen Blüten über die Grabsteine, sie nestelt die duftigen Narzissen in die grünen Tannenzweige, welche das Geländer um den Altar verhüllten ... und dann steht sie plötzlich wieder schweratmend still und starrt auf das zerbrochene Ruder unter dem verstaubten Trauerschleier.

Einen Schritt tritt sie näher ... noch einen und noch einen ... bis sie davor steht und ihre Hände wie in scheuer, banger Innigkeit über das wurmstichige Holz gleiten.

Jetzt fällt ihr Blick auch auf ein kleines Pastellbildchen, welches an dem Pfeiler, kaum sichtbar von der Kirche aus, aufgehängt ist.

Eine schlechte Kopie jenes Gemäldes aus dem Ahnensaal droben. -- Wulffhardt von Hohen-Esp; ertrunken um 1503. --

Armer, armer Jüngling!

Die jubelnden Orgelklänge sind leise und ernst geworden, sie hallen und klingen wie Seufzer der Wehmut durch die Kapelle, wie eine leise Engelsstimme, welche um die Toten klagt.

Gabriele weiß nicht, warum sie es tut, aber sie schlingt die schneeigen Blütenzweige zum Kranz und schmückt das Bild des Wulffhardt von Hohen-Esp -- und seine Augen schauen so lebendig drein ... sein Blick senkt sich in den ihren, und seine Lippen lächeln unter dem bräutlichen Schmuck ...

Wie gleicht er Guntram Krafft! --

Wird auch sein Bild einst hier hängen, wird auch unter ihm das grausige Wort »ertrunken« stehen ... wird ...

Gabriele macht eine jähe Bewegung und preßt schweratmend die Hand gegen das Herz -- und als sie sich hastig zurückwendet, ringt sich ein leiser Schreckenslaut von ihren Lippen.

Dort an dem Kirchenstuhl steht Guntram Krafft, mit gekreuzten Armen, still und regungslos, und starrt sie aus weitoffenen Augen an.

Blick ruht in Blick ..., und die Orgelklänge flüstern, schwellen wieder an und klingen so voll und feierlich, als trügen sie schon jetzt das Dankgebet vereinter Herzen zum Himmel.

Der Graf macht eine Bewegung, als wolle er sich mit beiden Händen schwer auf die Lehne des Kirchenstuhles stützen, dann schreitet er langsam näher, tritt neben sie und schaut auf das geschmückte Bild Wulffhardts nieder.

»Warum taten Sie das?« fragt er mit leiser, fremder Stimme.

Gabriele sieht nicht auf zu ihm, sie wendet sich und ordnet mit bebenden Händen unter den Blüten auf dem Altar, welche bereits so wohlgeordnet liegen.

»Das Herz tut mir weh, wenn ich daran denke, wie früh er sterben mußte!«

»Ja, er starb früh, -- an der Schwelle des Lebens. Er kannte weder Glück noch Liebe -- und doch wäre er wohl auch so gern glücklich gewesen!«

_Auch_ glücklich gewesen! --

Klang das nicht wie ein geheimer, leidenschaftlicher Seufzer der Sehnsucht?

Gabriele antwortet nicht, sie neigt das Haupt nur tiefer.

»Ich danke Ihnen in dem Namen jenes Armen, Einsamen --«, fährt der Graf sehr ruhig fort, »dessen Sie so barmherzig gedachten. Mir ist's, als müßte er jetzt ruhiger in der Gruft drunten schlafen, als müßte er nun versöhnter mit seinem inhaltlosen Leben sein.«

»Ein inhaltloses Leben, wenn ein Mann dieses Leben dahingab für die Brüder?«

»Er tat seine Pflicht!«

»Er tat _mehr_ denn sie!«

Ein beinahe düsterer Blick brach aus Guntram Kraffts Augen.

»Wohl doch nicht in Ihrem Sinne, Fräulein Gabriele; er zog weder in den Krieg, noch konnte er große Taten für sein Vaterland tun! Der liebe Herrgott im Himmel, welcher auch das geringste Streben nach treuer Rechtlichkeit in seinem Dienst anerkennt, war wohl zufrieden mit ihm, die Welt aber hat den einsamen Mann auf Hohen-Esp kaum gekannt, noch anerkannt! Sein Name ist in keinem Heldenbuch verzeichnet, sein Andenken wird weder durch Wort noch Lied geehrt, -- jene Stelle, wo die tosende Flut einen Jüngling verschlang, welcher einem gefährdeten Schiff Rettung bringen wollte, ist durch keine Spur gezeichnet, die Wogen rollen darüber hin und der Wind verweht die Kunde. -- Das Schicksal der Hohen-Esp! Mit weißen Totenblumen schmückt eine mitleidige Mädchenhand nach Jahrhunderten wohl noch unser Bild und Grab, -- mit Lorbeerzweigen nicht.« --

Er brach kurz ab und trat zurück.

»Der Hochzeitszug scheint zu nahen, Sie gestatten, daß ich meinen wackeren jungen Freund im Burghof begrüße!« --

Gabriele stand regungslos und schaute starren Blicks aus das Bild, -- war es nur Einbildung, oder sahen die lachenden Augen Wulffhardts plötzlich ernst, beinahe wehmütig unter dem weißen Blütenschmuck auf sie nieder?

... nicht mit Lorbeerzweigen ... nicht mit dem Ehrenkranz, welcher dem Helden geziemt!

Es lag etwas seltsam Herbes in der Stimme des Grafen, als er das gesagt, etwas Vorwurfsvolles, was sie nicht verstand.

Hatte sie vielleicht damals auf dem Hofball nur _den_ Mann einen Helden genannt, welcher auf dem Schlachtfeld sein Leben für Reich und Kaiser läßt?

Wohl möglich; -- so war es ja ehedem auch ihre Ansicht.

Und jetzt?

Nachdenklich streicht sie die krausen Löckchen aus der Stirn; jetzt ist es ihr wie eine Ahnung gekommen, als ob ein Mann, welcher sich kühn in Sturm und hohe Flut hinaus wagt, auch ein Held sein könne! --

Zur Überzeugung ist es ihr freilich noch nicht geworden, sie hat von Guntram Kraffts mutigen Taten gehört, ohne sich eine rechte Vorstellung davon machen zu können, ohne sie mit eigenen Augen geschaut zu haben.

Ach, daß sie es einmal, nur einmal tun könnte!

Wie eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht überkommt es sie, gerade von ihm, von Guntram Krafft überzeugt zu werden, daß sie ihm ehemals in der Residenz bitteres Unrecht getan!