Die Bären von Hohen-Esp: Roman

Part 22

Chapter 223,566 wordsPublic domain

»Hollen Se' sick fast!« sagte er -- und nach einem Augenblick mehr zu sich selber im Kommandoton: »Laß sack' --!« und gleichzeitig hob er die junge Dame und ließ sie in das schwankende Boot nieder.

Guntram Krafft kam nun mit schnellen Schritten durch das seichte Wasser, sprang in das Fahrzeug und griff nach den Riemen.

»Ich möchte heute nicht segeln, sondern mich in nächster Nähe des Ufers halten, um erst einmal zu sehen, ob Sie seefest sind, mein gnädiges Fräulein!« sagte er mit schnellem Lächeln. »Für meine Begriffe ist die See sehr ruhig, für die Ihren vielleicht nicht.«

Die starken Fäuste der Fischer machten das Boot frei, der Graf half mit den Riemen und stieß kräftig ab, -- hochauf bäumte das leichte Fahrzeug und glitt über die erste Brandung hinaus.

»Und das nennen Sie ruhige See?« fragte Gabriele leise und blickte mit großen Augen in den Gischt, welcher um das Heck spritzte. »Sehen Sie doch, wie das schäumt und wogt!«

»Ich hoffe, Sie lernen es von sicherem Lande aus noch besser kennen! Heute scherzt und spielt das Wasser nur, wenn es aber ernstlich böse wird, fahre ich Sie nicht hinaus.«

»Dann ist es gefährlich?«

»Sehr gefährlich! Nicht für mich, sondern für Sie!« --

Wieder zuckte ihr Blick zu ihm hinüber.

»Als Sie die Leute der >Sophie Johanne< retteten, war es da solch ein Wetter wie heute?«

Guntram Krafft wandte seine ganze Aufmerksamkeit dem Boote zu, da er gern jede gebrochene Welle, so gut es anging, meiden und das Fahrzeug in die Lage bringen wollte, daß die See vor demselben brach.

»Die größte Macht des Sturmes war wohl vorüber,« sagte er lächelnd, »und das war ein Glück für die Mannschaft, sonst wäre es unmöglich gewesen, bei derart schwerer See an dem Wrack anzulegen. Es hängt da so viel von der Geschicklichkeit, dem gesunden Urteil und der Geistesgegenwart des Lotsen ab, daß ein günstiger Erfolg nie mit Sicherheit vorausgesehen werden kann.«

Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann fuhr Guntram Krafft fort --: »Würden Sie die Güte haben, sich mir gegenüberzusetzen, gnädiges Fräulein, -- Sie haben alsdann den vollen Anblick der sinkenden Sonne.«

Das Boot hatte die Brandung passiert und glitt nun in großen, ruhigen Bewegungen über die Wogen; der Graf, welcher erst mit voller Kraft und Aufmerksamkeit gerudert hatte, hielt die Riemen ruhiger und schaute mit sinnendem Blick nach dem Horizont, welchem der feurigrote Sonnenball langsam entgegensank und einen breiten, funkelnden Goldstreifen auf das Wasser malte, in den das Boot just hineintrieb.

Gabrieles reizende Gestalt war von hellem Purpurlicht übergossen, und ganz verstohlen streifte sie der Blick des Grafen. -- Sein Atem ging schwer, seine Hände umkrampften die Riemen.

War's ein Traum?

Wie oft hatte er es sich voll leidenschaftlicher Sehnsucht gewünscht, so allein -- so weltfern und einsam mit der Heißgeliebten auf der wogenden Unendlichkeit des Meeres zu treiben, und nun war es geschehen, nun saß sie ihm nahe -- ganz nahe gegenüber, die zauberischen Nixenaugen so oft mit langem Blick auf ihn gerichtet, das lockige Haar vom Wind verweht, das reizende Antlitz so träumerisch und ernst ihm zugekehrt. --

Damals, als er die Mannschaft der »Sophie Johanne« rettete, donnerte die See und heulte der Sturm, aber in seiner Brust war es still wie im Grab; und heute saust es nur linde und sacht in den Lüften, aber in seinem Herzen brandet wilde Flut, schlimmer und todbringender wie jene, welche er damals so heldenhaft bezwungen!

Und dieser soll er erliegen?

Er atmet schwer auf, streicht langsam über die Stirn und lauscht ihrer Stimme wie im Traum.

»Ihre Frau Mutter sagte mir: ein Sonnenuntergang sei ein verkörpertes, oder besser gesagt, ein gemaltes Gedicht! Ist das auch Ihre Ansicht? Ich sehe sehr viel Schönes, Glänzendes, Farbenprächtiges vor mir, aber seinen poetischen Sinn fasse ich nicht. Meine Phantasie ist wohl noch nicht aus dem tiefen Schlaf erwacht, in welchem sie inmitten alles Großstadtstaubes gelegen! Sie haben jüngst am Strande das schlafende Dornröschen schon einmal geweckt, Graf, tuen Sie es auch heute! Lehren Sie mich mit Ihren Augen sehen! -- Was bedeutet für Sie solch ein Sonnenuntergang?« --

Er schiebt den Hut weiter aus der Stirn zurück, seine großen Blauaugen bekommen einen weichen, träumerischen Glanz, sein Blick schweift weit hinaus.

»Er bedeutet für mich einen Traum -- er bezwingt mich wie das Opium seinen Raucher, alles logische Denken, alle Wirklichkeit versinkt in wallenden Nebeln -- und alles Unorganische beginnt zu leben. -- Wir Seeleute berauschen uns an der Einsamkeit, die heilige, erhabene Ruhe um uns her wirkt wie eine Narkose -- die leise Musik des Windes, das Rauschen der Wogen, das Flüstern des Riedgrases, melancholischer Möwenschrei und das Rieseln des Sandes sind in wundersamem Gemisch ein Schlummerlied, welches uns einlullt und die Welt des Realen vor unsern Blicken verwischt. -- Hier und da der grelle Blitz einer Welle, welchen die Sonne trifft -- ein frischer Lufthauch, welcher die Stirn kühlt ... und man träumt -- träumt wie ein Fiebernder, um dessen Lager giftige Blüten welken ...«

»Vom Sonnenuntergang?«

»Den sehe ich nicht. -- Ich habe eine Vision. Vor mir wachsen die geheimnisvollen, glutroten Korallen aus der Tiefe des Wassers, sie breiten ihr mystisches Geäste aus über den Himmel, sie flechten ein Netz durch Luft und Wolken, ein Netz von blutfarbenen Zweigen, an welchem weiße Perlen schimmern. Über sie hin weht es wie lichte Schemen ... duftig ... wesenlos ... grau verhauchend, sie breiten violette Schwingen aus ... die reichen von einem Ende des Himmels bis zu dem andern ... sehen Sie dort? -- da tauchten sie hinab in die grelle Feuerbrunst, die wabernde Lohe, welche hinter den Wolkenbergen lodert und ihre Blitzfunken weit empor gegen das Firmament wirft! Sehen Sie, wie die Farben kommen und gehen? In grellem Schein das grausame Schwefelgelb, welches dem Lächeln eines unbarmherzigen Weibes gleicht ... und das kranke Grün, das irisierende Weiß des Opals ... das süße, schmeichelnde Rosa ... einen Kuß, welchen Engelslippen auf eine Perlmuttermuschel hauchten! -- Dort schießen mächtige Lilien empor ... wie Phantome ... ein Glorienschein umgibt sie ... riesenhafte Schmetterlinge umgaukeln sie ... und darüber wölbt sich eine Kirchenkuppel, an welcher grelle Rubine wie zornige Augen sprühen! -- Sie stürzt zusammen, und nun schlägt eine ungeheure Flamme empor ... Sie wähnen, daß es die Sonne ist? Nein! Es ist das Stück eines Weltenbrandes, der entscheidende Augenblick im wilden Kampf der Titanen! Das Goldgeglitzer auf dem Wasser sind keine Wellen, es sind die goldenen Schuppenringe der Midgardschlange, welche sich schillernd windet und auf- und niederrollt, welche in zitternden Windungen durch das Weltmeer schießt und mit breitem, scharfgezähntem Rachen dem Feuermeer am Horizont entgegenbäumt! Sehen Sie, wie die Gewaltige den Glutenball verschlingt? -- Mehr und mehr verschwindet er -- und die roten Korallen erbleichen und sinken zusammen ... die weißen Lilien brechen wie stumme Klagen nieder ... die Schmetterlinge zerstieben und treiben wie müde, kleine Wolkenflocken in der Unendlichkeit ... aus dem Meere aber steigt ein wunderholdes Weib mit kristallenen Nixenaugen und windzerzaustem Kraushaar, -- die hebt mit müdem, strengem Lächeln einen grauen Schleier und breitet ihn über Himmel und Erde, über die Augen des fiebernden Mannes, der solch wunderliche Träume hat, und sie sagt: >Wach auf! Es ist Zeit, heimzukehren, die Sonne ging unter!<«

Guntram Krafft schwieg, er sah Gabriele an und lachte plötzlich leise auf:

»Und solch närrisches Zeug denkt ein großer, vernünftiger Mensch bei dem Anblick eines Abendhimmels!«

Sie saß ihm gegenüber, die Blicke groß und sinnend auf ihn gerichtet. Unverwandt, wie in staunender Frage.

»Sie sind ein Dichter, Graf Hohen-Esp!«

»Wohl möglich, -- ich weiß es nur nicht.«

Der Wind erhob sich stärker, das Boot stieg hoch auf und schoß tief hinab in grünglasigem Wassergebirge.

»Sie sehen so blaß aus, Fräulein Gabriele, frieren Sie?« --

Sie nickt. »Der Wind ist kalt, lassen Sie uns umkehren.«

Er griff hinter sich nach einem Lodenmantel, welcher auf der Bank lag, und reichte ihn zu ihr hinüber.

»Ich bitte, legen Sie ihn um. -- In wenig Minuten sind wir am Strande.« --

Guntram Krafft wandte den Bug des Bootes nach der See hin und strich dem Lande zu, jeder heranlaufenden See einige Schläge entgegenrudernd, damit sie das Boot schneller passiere. Wie ruhig er sich bewegte, wie energisch und sicher seine starken Arme das Fahrzeug regierten!

Und wie schön er aussah!

Nie hatte Gabriele die glänzendste Galauniform eines Mannes besser gefallen, als dieser schlichte, so wunderbar kleidsame Fischeranzug.

Wie kernig, wie wetterfest und männlich sah der Bär von Hohen-Esp darin aus, wie edel und kühn sein Antlitz, welches sich soeben noch der sinkenden Sonne zugewandt und ein Märchen voll schwärmerischer Weichheit geträumt hatte! --

Gabriele war noch nie auf bewegter See gefahren.

Ihr deuchte das Auf- und Niedergehen des Bootes gefahrvoll und beängstigend, sie fühlte, wie ihr Herz schneller schlug, wie ihre Hände leise erbebten, wenn ein Schaumkamm hoch aufstieg und drohte, über das Schifflein hinwegzubranden.

Mit keinem andern Fährmann hätte sie in diesem gebrechlichen Fahrzeug sitzen mögen, als mit dem Bären von Hohen-Esp, welcher ihr so ruhig und unbesorgt gegenübersaß, als habe er nur seine herzliche Freude an dem scherzenden Spiel der Meerfrauen. Und immer stärker sauste der Wind, und immer schneller schoß das Boot der Küste zu. Guntram Krafft wandte sich um und blickte nach dem Strand.

Eine jähe Betroffenheit malte sich auf seinen Zügen.

»Die Fischer scheinen uns noch nicht zu erwarten!« sagte er, griff mit der einen Hand hastig in die Tasche und führte eine Torpedopfeife an die Lippen.

Niemand zeigte sich in den Dünen.

»Wir müssen landen, -- es wird immer kühler, und der Wind kommt auf!«

»Sind wir noch nicht zur Stelle?«

Das Boot schoß auf den Sand und saß mit hartem Rucke fest; eine kräftige Welle schoß über und übergoß es mit einem Spritzer.

Guntram Krafft stand aufrecht und blickte noch immer hilfesuchend nach dem Strand. Dann warf er die Riemen hin und sagte zu Gabriele, indem er sich aus dem Boot schwang: »Wir haben leider keinen Landungssteg hier. Die Brandung duldet ihn nicht. Das Boot liegt aber noch halb im Wasser. Sie müssen gestatten, gnädiges Fräulein, daß ich Sie diese paar Schritte an Land trage!«

Gabriele fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß, aber sie erhob sich und trat sehr ruhig an den Rand des Kahnes.

»Das wäre sehr freundlich, Graf, meine Schuhe sind nicht auf Waten eingerichtet.«

Er stand halbabgewandt, legte den Arm um sie, ohne sie anzusehen, und hob sie an seine Brust.

Mit sehr hastigen Schritten erreichte er den trockenen Strand und ließ die junge Dame sanft hinabgleiten. Droben in den Dünen erschienen im Laufschritt die Fischer.

»Wollen Sie die Güte haben, vorauszugehen, wir müssen das Boot erst bergen!« -- Seine Stimme klang rauh, atemlos.

»Ich habe Ihnen so viele Mühe gemacht, Graf, ich danke Ihnen von Herzen!« Sie reichte ihm die Hand hin, und er umschloß sie mit kurzem, krampfhaftem Druck. Er murmelte ein paar Worte -- sie verstand sie nicht, der Wind brauste daher, und Gabriele eilte geneigten Hauptes zur Burg.

* * * * *

XXIII.

Die Bäume des Waldes rauschten im Wind und neigten sich, und blickten in das bleiche, ernste Antlitz Gabrieles, welches ihnen so seltsam verändert deuchte. --

Wo war die kühle, gleichgültige Ruhe geblieben, welche sonst aus ihren Augen geschaut?

Jetzt leuchtete es darin so schnell und irrlichtartig, wie Gedanken, welche aufzucken und schwinden, welche dem Frührot gleichen, dessen Strahlen gegen die Schatten der Nacht kämpfen müssen, ehe sie leuchtenden Sieg erringen.

War dieser kraftvoll energische Mann, welcher sie soeben durch schäumende Wogen gerudert, welcher sie mit starkem Arm gehoben und an der Brust gehalten hatte, -- war es derselbe schüchtern verlegene Jüngling, welcher im Ballsaal der Residenz so unsicher über das Parkett schritt, als vermisse er das Gängelband der Mutter? --

War diese poetisch schöne Erscheinung des wetterharten Seemanns dieselbe, welche ehemals in Frack und Lackschuhen so ungeschickt einherschritt, wie ein täppischer Bär, welchen man zur Kurzweil in Maskentand gekleidet?

Nein, es war _nicht_ derselbe! Es war nicht möglich, nicht denkbar, daß binnen kurzer Zeit ein solcher Wechsel und Wandel mit einem Menschen vor sich gehen kann!

Gabriele blieb stehen und blickte mit weitoffenen Augen dem vorjährigen Herbstlaub nach, welches der Wind raschelnd vor ihr her, den Burgberg hinantrieb.

Ein Wandel?

Nein, es ist kein Wandel.

Guntram Krafft ist wohl stets der kernige Mann gewesen, wie er jetzt vor ihre Augen tritt; die kurze Gastrolle aber, welche er in der Residenz gegeben, hatte ein Zerrbild aus ihm gemacht, dessen weichliche Züge in nichts der Wahrheit glichen.

Ist es nur das Neue, Überraschende, was Gabriele so fesselt, so ungewöhnlich erregt? Ist es Zauberspuk, daß sein schönes, eigenartiges Bild ihr vorschwebt, ob sie es sehen mag oder nicht?

Scharf wie ein Adlerblick war sein Auge, als er prüfend See und Himmel beobachtete, sichere Fahrt zu nehmen, und wie mild und träumerisch ward es, als der Sonnenuntergang seine geheimnisvollen Bilder vor ihm spiegelte, als er ihr leis und schwärmerisch seinen Zauber mit den Worten eines Dichters malte!

Das war nicht weibisch und sentimental, das war nur wie das linde Säuseln eines Windes, welcher stark genug ist, in nächster Stunde zum Orkan anzuwachsen.

Dieses Sinnen und Träumen paßt zu dem einsamen Mann, in dessen Herzen noch die Wunder der Natur leben, welche ihn rein und unverfälscht umgibt.

Herr von Heidler konnte auch flüstern in Worten des Dichters, aber das war eine schwüle, betäubende Poesie, der Gifthauch des Modernen, welches nur die Sinne berauscht und nichts gemein hat mit jenem unsterblichen Gotteshauch, welcher wie ein heiliger Lobgesang alles Schönen und Edlen über den Wogen des Weltmeers schwebt!

Herr von Heidler borgte sich den schillernden Mantel eines Dichters, um Erfolge zu erringen, um die Augen zu blenden und in frivolem Spiel Triumphe über Mädchenherzen zu feiern; Guntram Krafft aber sprach nur Worte, die seine eigene Seele geboren hatte, Worte, welche nicht um Beifall buhlten und keine selbstsüchtigen Zwecke verfolgten.

Er sprach wie in kurzem Traum ... und der Wind verwehte den Klang seiner Stimme, und als er erwachend das Haupt hob, war der Traum vergessen.

Da schafften seine starken Arme voll eiserner Kraft, -- da machten sie sich die Elemente untertan und besiegten sie wie in harmlosem Spiel. --

Und dann ...

Gabriele atmete plötzlich schwer auf und schritt beinahe ungestüm weiter, -- dann umfing sie dieser kraftvolle Arm und trug sie durch den kräuselnden Wellenschaum, und sie umschlang seinen Nacken und war seinem Antlitz so nahe -- wenngleich er das seine auch abwandte in respektvoller Ritterlichkeit.

Warum schlug ihr Herz so heiß und leidenschaftlich auf in diesem Augenblick?

Warum gefiel es ihr so gut, daß er sein Gesicht weit wegkehrte von ihr, daß er so schnell und hastig ausschritt, daß er sie nicht ansah, als er sie sanft zur Erde gleiten ließ?

Gibt es dennoch jene stolze Männertugend, welche nicht das Ihre sucht?

O, wie anders hätte Herr von Heidler diesen Augenblick ausgenutzt!!

Wie würde er sie in wild begehrlicher Weise an sich gedrückt -- wie süß und berückend, wie zwingend und lohnheischend würde er ihr in das Auge geschaut haben!

Langsam -- ganz langsam wäre er wohl ausgeschritten, und die Worte, welche er in ihr Ohr geflüstert hätte, wären wohl auch Dichterworte gewesen, aber solche, welche wie sengende Höllenfunken in das Herz fallen! --

Im Spott und Übermut hat man den Bären von Hohen-Esp in der Residenz den modernen Parzival genannt! Und doch ... kein Name paßt schöner und besser für ihn, wie dieser! Einfalt, welche Tugend, -- Weltunklugheit, welche Edelsinn eines Ritters ist, dessen Händen ein Heiligtum zum Schutze anvertraut wird! --

Parzival, der Held! --

Ist auch Guntram Krafft ein solcher?

Da zieht es wie ein Schatten über das verklärte Antlitz des jungen Mädchens.

Ach, daß er es wäre!

Daß sie eine einzige Tat der Kühnheit, des wagemutigen Heldensinnes bei ihm schauen könnte!

Horch, wie der Wind durch die Baumkronen braust, wie spöttisches, grimmiges Gelächter! Noch wenige Schritte, und die grauen, efeuumsponnenen Mauern von Hohen-Esp tauchen vor ihr auf. --

Die steinernen Bären sehen sie mit den bemoosten Augen an, als ob auch sie lachten, und sie heben die Pranken und kehrten ihr das alte Wappenschild zu.

»Christie Kyrie -- Zu Land und zu See -- Schirmherr der Not. Das walt' Herre Gott!« --

Gabriele hat den seltsamen Spruch schon oft gelesen, -- heute deucht es ihr, als schaue sie ihn zum erstenmal.

Schirmherr der Not! --

Gibt es einen edleren Helden als einen Mann, welcher hochherzig und selbstlos sein Leben einsetzt, der Not des Nächsten zu Hilfe zu kommen? --

Die Grafen von Hohen-Esp aber haben seit vielen Jahrhunderten ihr Schwert und ihren starken Arm in den Dienst der Not gestellt.

Auch Guntram Krafft ist ein Hohen-Esp!

* * * * *

Gräfin Gundula schien ihre junge Gesellschafterin bereits erwartet zu haben.

Sie trat ihr in der Halle entgegen und sah sehr heiter und zufrieden aus.

»Anton sollte dem leichtsinnigen, kleinen Fräulein noch ein warmes Tuch an den Strand nachtragen!« scherzte sie, »denn eine Stadtdame, wie Baronesse Gabriele, muß sich erst an unsere frischen Brisen gewöhnen! Statt dessen kommt der Alte unverrichteter Sache zurück und meldet, daß das gnädige Fräulein mit dem Herrn Grafen hinausgerudert sei! -- Das nenne ich Courage, liebe Gabriele, denn soviel ich von hier aus beurteilen kann, ist die See bewegt!«

»Und wie bewegt, Frau Gräfin! Für meine Begriffe war es Sturm!«

Gundula lacht und kehrt das junge Mädchen dem Fenster zu.

»Lassen Sie sehen, wie Ihnen diese Extravaganz bekommen ist! Nun ja ... blaß, wie eine weiße Rose! Das konnte ich mir schon denken! Ich begreife meinen Sohn nicht, daß er Sie zum erstenmal bei Wind hinausgefahren hat! Schnell trinken Sie ein Glas Wein, damit Sie wieder Farbe bekommen!«

Jähe Glut stieg in Gabrieles Wangen, sie bemühte sich, so harmlos und heiter zu plaudern, wie sonst, und empfand es doch, daß es ihr heute nicht so leicht wurde, wie zuvor.

»Ihr Herr Sohn war völlig unschuldig, gnädigste Gräfin, und nur ein Opfer seiner großen Liebenswürdigkeit, welche ich hart auf die Probe stellte.« --

»Ah -- so war es _Ihr_ Wunsch, zu fahren?« unterbrach die Herrin von Hohen-Esp und sah noch erfreuter aus, wie erst: »Hat es unser schönes Meer Ihnen nun doch angetan?« --

»Es war in seiner Erregung entschieden viel berückender, wie in seinem =dolce far niente=!« lachte das junge Mädchen und trat noch weiter aus dem Fensterlicht zurück in die dämmrige Halle: »Ja, es war so herrlich anzusehen, daß mich das unwiderstehliche Verlangen ankam, mich einmal mutig hinauszuwagen. Der Graf kam mir just in den Weg, und da er die Gutmütigkeit der Hohen-Esp mit dem Bärenblut geerbt, so erfüllte er stehenden Fußes meinen unbescheidenen Wunsch!«

»Er wird sich gewiß sehr gefreut haben! Man kann ihm ja nichts Lieberes antun, als Interesse für die See und alles, was ihr angehört, zu zeigen!«

»Jedenfalls verstand er es meisterlich, sich in das Unvermeidliche zu fügen!«

»Und wo blieb er? Brachten Sie ihn nicht mit zurück?«

»Nein, liebe Burgfrau --« Gabriele neigte das Köpfchen und küßte beinahe zärtlich die Hand der alten Dame, welche sich auf ihre Schulter legte -- »er muß nun erst wieder die Unordnung beseitigen, welche mein Übermut unter seinen Segeln, Riemen usw. im Boot geschaffen! Ich glaube, der edle Renner soll erst für die Nacht in den Stall geschafft werden!«

Gundula nickte heiter. »Der Wind scheint tüchtig aufzufrischen, da werden sie zur Nacht wohl alles am Strande bergen wollen, falls eine stärkere Boe einsetzt! Wie war Ihre Fahrt? Erwiesen Sie sich seetüchtig?«

»Es schaukelte furchtbar, und ganz unter uns gesagt, Frau Gräfin, ich habe mich schrecklich gefürchtet! Wollte mich nur nicht allzusehr vor dem Grafen blamieren, sonst wäre ich sehr bald wieder ausgestiegen, als ich merkte, wie hoch die Wellen gingen!«

»Fürchten? Wenn Guntram Krafft die Ruder führt?« -- Wie ruhig, wie stolz und zuversichtlich klangen diese Worte. --

Gabriele neigte das Köpfchen: »Der Graf ist gewiß sehr stark und kräftig, aber gegen Sturm und Meer aufkommen, vermag schließlich niemand, und ich glaube, Ihr Herr Sohn wußte es anfangs selber nicht, wie arg der Wind war, sonst hätte er vielleicht die Fahrt gar nicht unternommen!«

Nun lachte die Gräfin ebenso laut auf, wie zuvor Guntram Krafft, als sie von dem Sturm gesprochen.

»Ich wünschte nur, Sie erlebten bald einmal das, was wir hier >grobe See< nennen!« sagte sie dann mit seltsam leuchtendem Blick. »Ich glaube, Sie kennen bisher weder einen echten, rechten Seesturm, noch das Meer, wenn es zornig wird, noch den Bären von Hohen-Esp, wenn er beiden die Zähne weist. -- Was bringen Sie, Anton? -- Wollen Sie Licht anstecken? Wir warten mit dem Abendbrot auf den Herrn Grafen.«

Die Sprecherin war zu dem Kredenzschrank getreten, ein kleines Spitzglas voll Tokayer für Gabriele zu füllen, der alte Kammerdiener aber verneigte sich respektvoll und nahm eilig ein Tablett, dem gnädigen Fräulein den Wein zu servieren.

»Halten zu Gnaden, Frau Gräfin. Soeben bringt einer aus dem Dorfe die Nachricht, daß der Herr Graf nicht rechtzeitig zum Abendbrot kommen könne. Man wisse nicht, was die Nacht bringe, und es seien mancherlei Vorbereitungen zu treffen. Der Herr Graf lassen die Damen bitten, allein den Tee zu trinken, da es spät bis zu seiner Rückkehr werden könne.«

»Gut, Anton; ich dachte es mir schon. Es ist zwar noch keine telegraphische Sturmwarnung an meinen Sohn eingetroffen, aber der Seemann versteht sich schon auf die Anzeichen, welche Vorsicht gebieten. So stecken Sie die Lampe an und sagen Sie der Mamsell, daß für uns angerichtet werde.«

Gabriele hatte hoch aufgeatmet bei der Nachricht, daß Guntram Krafft heute fernbleiben werde. Sie wußte es selber nicht, warum sie ein gewisses Bangen empfand, ihm heute wieder in die Augen zu schauen. Noch schlug ihr Herz zu ungestüm, wenn sie an den Augenblick dachte, wo er sie an der Brust gehalten; es war gut, wenn sie Zeit gewann, ihre törichte Verlegenheit zu überwinden.

»Arme Mike!« fuhr die Gräfin mitleidig fort, »sie bekommt gewiß einen stürmischen Hochzeitstag! Das Heulen, Sausen und Wogenbranden ist zwar für eine wackere Fischerfrau gewohnte Musik, aber es sollte mir leidsein, wenn die kleine Frau ihren jungen Ehemann alsogleich in bös Wetter hinausschicken müßte!«

»Mike?« fragte Gabriele nachdenklich, »ist das nicht das blonde, hübsche Mädel, mit welchem Sie vorgestern im Dorfe sprachen, Frau Gräfin?«