Die Bären von Hohen-Esp: Roman

Part 21

Chapter 213,806 wordsPublic domain

Eine Jahreszahl nennt unsere Wappensage nicht, sie greift weit, weit in die dämmernde Vergangenheit zurück und setzt da ein, wo die Grafen von Hohen-Esp bereits ein ritterliches und turnierfähiges Geschlecht, und als Schirmvögte bereits mit der Burg Hohen-Esp hierselbst belehnt waren. Da hebt sie an, von einer furchtbaren Seuche zu berichten, welche allerorts die Lande verödete und die Menschen dahinraffte wie Grashalme vor dem Messer des Schnitters. Auch hier an die Tore der Burg hatte die Pest mit knöchernem Finger geklopft.

Der Burgherr, seine edle Hausfrau, zwei Söhne und zwei Töchter starben in einer Nacht dahin, im Burgfried lag das Gesinde zu Haufen und hauchte sein Leben aus, und nur der Gräfin jüngstes, neugeborenes Söhnlein, eine alte Schwester des Hausherrn und die Amme des Kindes waren noch am Leben.

Da befahl das alte Fräulein in großer Angst und Sorge, daß die Amme mit dem Neugeborenen sich eilend aufmache und das Kind in das nahe Fischerdorf zu treuen Menschen bringe, welche es aufnehmen und warten sollten, bis daß der Würgeengel sei vorübergezogen in diesem Lande.

Ein Knappe stieg zu Roß, der Magd und dem Knäblein ein sicher Geleit zu geben. Da sie aber kaum eine halbe Stunde durch den Wald geflohen waren, kam den Mann die Todesschwäche an, er sank vom Roß und starb elendiglich am Wege.

Voll Angst und Grausen lief das Weib mit dem Kindlein in den finsteren Tann hinein, und kaum, daß sie das nahe Meer brausen hörte, sperrte ihr eine mächtige Bärin den Weg, stellte sich auf, hob dräuend die Pranken und brüllte aus blutigem Rachen.

Da wußte die Magd in ihrem Schrecken nicht, was sie tat, -- sie warf das Kind, welches sie des kalten Windes wegen in einen warmen Fellsack gesteckt hatte, von sich und entfloh in sinnloser Furcht.

Sie kam in das Fischerdorf und verbarg sich in einer Hütte und wagte es nicht, von dem Ende des Kindleins zu berichten. Die Zeit verging, und eines Tages kam plötzlich das totgeglaubte alte Burgfräulein in das Dorf, erforschte die Magd, trat vor sie und forderte das Kind.

Die Ungetreue sank wehklagend in die Knie und beichtete von dem Tod des Knappen und dem Überfall des Bären, und daß sie bei der Flucht das Knäblein habe aus dem Fellsack verloren.

Ein großes Wehklagen erhob sich, und das Fräulein rief die Fischer und sprach: »Lasset uns im Tann suchen! Die Heiligen im Himmel haben meine Gebete für das Kind erhört, so es ihr gnädiger Wille gewesen, erretteten sie es aus dem Rachen des Bären!«

Die Fischer schüttelten zwar die Köpfe und meinten, das sei vor eines Mondes Länge geschehen und wohl kein Knöchelchen von dem jungen Grafenkind mehr zu finden; aber sie bewaffneten sich und gingen in den Wald.

Und als sie an die Stelle kamen, welche die Magd beschrieben, hörten sie ein gewaltiges Brummen als wie von einem Bären, und als sie durch das Dickicht herzuschlichen, sahen sie ein leibhaftiges Wunder. Da lag die Bärin im Moose ausgestreckt, und an ihr das noch in das Fell gewickelte Knäblein, welches sie säugte.

Sie lockten das Untier mit Geschrei heraus, und ein Beherzter sprang herzu und ergriff das Kind. -- Das war lebend und gesund, stark und bärenkräftig, und solche Kunde drang bis zu dem Fürsten des Landes.

Der lachte der absonderlichen Mär, ließ das Knäblein vor sich bringen, wiegte es auf den Armen und lobte Gott:

>Ei, du Gräflein von Hohen-Esp, so dich Bärenblut gesäuget hat, so wirst du stark und kühn werden, und man wird dich hinfort »den Bären von Hohen-Esp« heißen.<

So sprach er und gab ihm den neuen Namen und den Bären in das Wappenschild, zur Erinnerung an das Gotteswunder, welches sich an dem Kind begeben.« --

Frau Gundula unterbrach sich und ließ momentan die fleißigen Hände ruhen; ihr Blick schweifte voll stolzer Zärtlichkeit nach dem Sohn hinüber und umfaßte seine hohe, markige Gestalt, dann zog sie abermals den feinen Faden aus dem Flachs und lächelte. -- »Und nun gehen Sie hinauf in den Saal, Gabriele, und sehen Sie sich einmal das Bärengeschlecht an! Es ist wirklich ganz auffällig, wie die Bärenamme ihm ihren Stempel aufgedrückt hat! So hoch und kraftvoll gewachsen, so bärenhaft fest und trutzig ist kein zweites. -- Die eckige Stirn und die große Gutmütigkeit haben die Hohen-Esp sicher von den Bären geerbt, vor allen Dingen aber das mutige und kühne Drauf- und Drangehen in Kampf und Gefahr, die Furchtlosigkeit, wenn es gilt, einen Feind zu packen, die zähe Ausdauer im Ringen mit dem Gegner, gleichviel ob derselbe aus Fleisch und Blut oder als Sturm und hohe Flut zum Gang auf Leben und Tod herausfordert!«

Gabriele hatte bisher nur Augen und Ohren für die Sprecherin gehabt, den schlanken, blonden Mann in dem Rittersessel vor dem Kamin schien sie völlig vergessen zu haben.

Jetzt plötzlich hob sie das Haupt, und ihr Blick traf Guntram Krafft.

Auge ruhte in Auge.

Wie wunderlich sah sie ihn an.

So groß, so forschend, so nachdenklich ... und doch brannte es wie ein geheimer Vorwurf in ihrem Auge, wie ein scharfer, ungestümer Widerspruch, welcher verächtlich sagt --: »nein! du irrst, Frau Gundula! Nicht alle Grafen von Hohen-Esp sogen Kraft, Mut und Kühnheit aus der Bärenmilch! -- Hier, dieser letzte seines Geschlechts, ist entartet ganz und gar! -- Er ist kein Held! er imponiert mir nicht! und darum werde ich nun und nimmer diesen ruhm- und tatenlosen Mann freien!« -- Sprach es nicht so aus ihrem Blick? aus den großen, wundersam ernsten Augen?

Guntram Krafft hört und versteht nichts mehr als diese erbarmungslosen Worte, sein Vorurteil ist zu groß ... sein Blick ist verschleiert, er glaubt nicht mehr an das Glück und vermutet es nirgends.

Wieder steigt es heiß empor in Stirn und Schläfen, er senkt finster den Blick und begreift es nicht, daß er soeben noch sich ihres Interesses an seiner Familie gefreut.

Die Hohen-Esp sind keine verwegenen Reiter, welche in Kriegszeiten sich den Lorbeer aus feindlichem Feuer holen, -- und nur solche Heldentaten imponieren dem stolzen Sinn einer Sprendlingen!

Nach wenig Minuten rafft der junge Graf die Zeitungen zusammen, steht auf und empfiehlt sich kurz.

Die Nacht ist so schön und mondhell, -- er will mit den Fischern hinausfahren, wenn sie die Netze auswerfen.

Gabriele sieht ihn erstaunt an.

»Das tut man in der Nacht? -- Warum das? Ist solche Arbeit am Tage nicht müheloser und bequemer?«

Ein herber, beinahe etwas spöttischer Zug liegt plötzlich um seine Lippen.

»Mühelos und bequem ist sie nach Ansicht der Binnenländer stets, gnädiges Fräulein, man rudert ein wenig hin und her und schöpft das Schiff voll Heringe und Dorsche! Ob bei Sonnen- oder Mondenschein -- das ist höchstens eine kleine Abwechslung in dem ewigen Einerlei!«

Gräfin Gundula dreht mit ganz seltsamem Lächeln den Faden, welcher ihr gerissen, wieder zusammen, Fräulein von Sprendlingen aber sieht so harmlos aus, als ob sie von den Worten des Sprechers ganz überzeugt sei, und sagt nur nachdenklich: »Und doch ertrinken so oft die Menschen dabei! Ihre Fischer werden doch vorsichtig sein?«

Da lacht er laut und hart auf. »Unbesorgt, mein gnädiges Fräulein, die See ist wie ein Tischtuch, sie ist so, wie Sie's nicht lieben, träge, ruhig und langweilig, und dann fordert sie keine Opfer!«

»Wird sie nicht bald einmal böse und wild? Ich möchte so gern eine bessere Meinung von ihr bekommen!«

Ein beinahe finsterer Blick aus den sonst so lachenden Blauaugen trifft sie.

»Kurze Zeit müssen Sie sich wohl noch gedulden, die Ruhe scheint allen Wetterberichten nach noch anzudauern, aber in dieser Jahreszeit pflegt sie tatsächlich eine Ruhe vor dem Sturme zu sein!«

Er verneigt sich kurz, unhöflicher wie sonst, und geht, -- Gundula aber schüttelt ernst das Haupt und sagt mit leisem Seufzer: »Sie wissen und verstehen es noch nicht, was Sie da wünschen, Gabriele! Für meinen Sohn bedeutet ein Sturm mehr wie ein schönes Schauspiel, und für seine braven Fischer ebenso! -- Warum wollen Sie diese glücklichen Tage der Ruhe kürzen? Warum soviel Sorge und Not durch ein Unwetter heraufbeschwören? Ist das Meer in seinem ruhigen Schlaf wahrlich so langweilig? -- Gehen Sie morgen einmal an den Strand und sehen Sie den Sonnenuntergang, -- er ist verkörperte Poesie, das schönste Gedicht, welches unser lieber Herrgott mit Farben an den Himmel geschrieben!«

Gabriele nickte mit sinnendem Blick, ihr fielen plötzlich Guntram Kraffts Worte am Strand drunten ein.

Wenn er sie abermals lehren möchte, mit seinen Augen zu schauen! --

Die Gräfin schob ihr Spinnrad zurück und erhob sich. Sie war müde und wollte zur Ruhe gehen, man machte frühen Feierabend auf Hohen-Esp.

* * * * *

Gabriele stand an dem geöffneten Fenster ihres Turmzimmerchens und blickte hinaus in die stille, blütenduftige Pracht des kleinen Gartens, über welchen der Vollmond sein schier taghelles Silberlicht goß. Sie konnte nicht schlafen.

Wundersame Gedanken kreuzten hinter ihrer Stirn und nahmen ihr die Ruhe.

Sie dachte zurück an jene Stunde, wo sie neben Guntram Krafft am Strande stand und seinen so eigenartig poetischen Worten lauschte.

Gerade aus seinem Munde berührten dieselben so seltsam, weil Gabriele sie nicht erwartet hatte, und wenn ihr die Zartheit seines Empfindens zuerst auch etwas unmännlich erscheinen wollte, so ward doch dieser Eindruck schnell verwischt durch die Besichtigung des Rettungsschuppens.

Noch nie zuvor war ihr der Graf so kraftvoll männlich erschienen als wie hier in seiner energischen Art des Erklärens und Zufassens, in seiner so schönen und frischen Begeisterung für die Sache.

Gabriele verstand nicht viel von all den Dingen, aber sie fühlte instinktiv, daß es sich hier um mehr handelte, wie um einen harmlosen Sport.

Vielleicht war es auch das Ungewohnte in dem Anzug des Grafen, welches denselben schon während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit auf Hohen-Esp so verändert erscheinen ließ.

Diese schmuck- und kunstlose, derbe Kleidung paßte so gut zu ihm, sie machte seine Erscheinung ernst und eigenartig, sie gehörte zu dieser Umgebung.

Ein Bär von Hohen-Esp ist keine Nippesfigur, er muß in die Höhle passen, welche er bewohnt. Deucht es ihr nur so, oder ist auch sein ganzes Wesen verändert?

Wie weggewischt ist das scheuverlegene Lächeln, die linkische Unbeholfenheit und Unsicherheit! --

Hier ist er Herr und Gebieter, -- wohl ein gütiger, freundlicher Gebieter, aber dennoch einer, dessen Wort einen festen, stolzen Klang hat!

Das Anschmachten und entzückte Anstaunen hat er vollends verlernt.

Kaum, daß er sie beachtet, ihr die notwendigste Höflichkeit erweist! --

Er sucht ihre Gesellschaft nicht, -- er meidet sie eher.

Und das ist keine Koketterie, kein Anreizen, -- es ist seine ehrliche, schlichte Meinung.

Warum gefällt sie ihm nicht mehr?

Gabriele blickt gedankenvoll in die weißglänzende Pracht der Kirschbäume hinab.

Anfänglich war es ihr so angenehm, von ihm übersehen zu werden, -- jetzt grübelte sie, aus welchem Grunde es geschehen mag.

Daß es so geschieht, ist gut, -- es steht ihm wohl an, er gefällt ihr in dieser kühlen Gelassenheit.

Und wie seltsam schaute er sie heute abend an, als Frau Gundula von dem Mut und der Kühnheit der Hohen-Esp sprach?

Erriet er in jenem Augenblick ihre Gedanken?

Was dachte sie doch?

Sie sah ihn an -- die große, eckige Stirn unter den blonden Haarlocken, die herrliche, »bärenhafte« Gestalt ... und sie dachte ... warum fehlt gerade ihm der Mut und die wilde Kühnheit, welche die verblendete Mutter an ihren Vorfahren preist? Er ist wie geschaffen zu einem Helden! -- Warum ist er's nicht? --

Er schaut drein wie Parzival, der Schildträger -- warum sitzt er ruhmlos daheim bei Frau Herzeleide? Verstand er diese Gedanken?

Las er sie von ihrem Antlitz ab?

Sein Blick ward so finster, so aufsprühend zornig, wie sie ihn noch nie zuvor gesehen -- und er stand auf und antwortete ihr voll spöttischen Trotzes auf ihre Frage ... und ging mit hallenden Schritten davon.

Das war schön! -- da war Jung Parzival ein Mann! -- und sein Bild schwebt ihr vor bis in diese stille, einsame Stunde der Nacht.

Warum ging er? Warum zürnte er?

Woher kennt er die geheimsten Gedanken ihres Herzens?

Er _kann_ sie nicht wissen, -- es war ein Zufall. Horch ... drunten auf dem schmalen Kiesweg, welcher durch den Garten nach dem Wald führt, erschallen Schritte.

Das junge Mädchen neigt sich unwillkürlich vor und schaut hinab.

Der Mond scheint so hell, sie erkennt jeden Grashalm am Wege, und jene Gestalt, welche naht ... wer ist das?

So hoch ist nur einer in der Burg gewachsen, so stolz und elastisch schreitet nur ein Herr unter Knechten!

Es ist Guntram Krafft!

Aber wie seltsam sieht er aus?

Ist's ein Scherz, daß er sich so kostümiert hat, wie man es an den Fischern und Lotsen auf Seebildern so malerisch dargestellt sieht? Nein, dem Grafen Hohen-Esp war es heute gewiß nicht nach Scherzen zu Sinn! Der breite Südwester sitzt ihm weit im Nacken und gibt seinem Antlitz einen eigenartig verwegenen Ausdruck, die Fischerjacke steht über der Brust offen, das weiße Hemd leuchtet breit hervor und fällt in weichem Streifen über den Halskragen hinaus.

Die hohen Wasserstiefel reichen bis über die Knie empor, aber sie sehen nicht plump und häßlich aus, sondern geben der schlanken Gestalt etwas Keckes und Ritterliches, obwohl der Gang sehr ruhig und ernst erscheint.

Mit weitoffenen Augen starrt Gabriele hinab.

Ja, so schaut ein Seemann aus! --

Sie hat früher die Gemälde kaum beachtet, welche ein Stück Seemannsleben vorstellten, sie las keine Romane über Schiffervolk und Matrosen ... was interessierte sie, die Residenzlerin, solch eine fernliegende Welt!

Jetzt mit einem Mal deucht es sie, als habe sie viel, sehr viel versäumt.

Die Schritte drunten verhallen, die Schatten des Gebüsches decken die hohe Männergestalt. Graf Guntram Krafft will mit seinen Fischern hinaus zum Fang fahren, er stellt seine starken Arme in den Dienst der Seinen, so wie sie zu ihm stehen, wenn er sie aufruft zu Schutz und Trutz der Gefährdeten.

Gabriele hat sich das nie so recht vorstellen können, jetzt aber ist es ihr, als ob ein ahnungsvolles Verstehen in ihrem Herzen aufdämmere.

Kreist vielleicht jener Tropfen wilden Bärenbluts dennoch in seinen Adern?

Er schritt still und ernst vorbei, er hob nicht das Haupt und blickte nicht empor zu ihr, und doch wußte er, daß diese Fenster ihrem Zimmer angehörten.

Langsam wich Gabriele zurück.

Drunten rauschten die dunklen Waldwipfel leise im Hauch der Nacht, und fernher glänzte die See wie ein silbernes Märchenland. --

* * * * *

XXII.

»Nun wird es mit dem schönen, stillen Wetter vorbei sein!« sagte die Gräfin an dem Nachmittag des andern Tages: »der Wind hat aufgefrischt, und die See setzt kleine Kämme auf! Ich denke mir, mein Sohn wird dies Wetter benutzen, um mit dem neuen Segelboot hinauszugehen, er wartete auf eine frische Brise, um es ausprobieren zu können.«

»Gehen Sie heute an den Strand, gnädigste Gräfin?«

»Das glaube ich nicht. Der Inspektor hat sich mit den Abrechnungen angemeldet, und ich werde wohl den ganzen Abend mit ihm zu tun haben! -- Wenn Sie aber einen Spaziergang machen wollen, liebe Gabriele, so können Sie getrost auch allein gehen. Hier in unserer Einsamkeit droht keinerlei Gefahr, der Weg zum Fischerdorf ist kurz und nicht zu verfehlen, und wenn mein Sohn noch nicht gegangen ist, wird er Sie gern bis an den Schuppen geleiten!«

»Ich danke, Frau Gräfin, und werde mir wohl einmal das Meer mit seiner grausen Stirn ansehen! Ich kenne es noch gar nicht, wenn es bewegt ist. Der Graf ging bereits nach dem Kaffee zum Strand und wird wohl längst auf hoher See schaukeln; ich fürchte mich aber durchaus nicht, allein zu gehen, und freue mich auf den Sonnenuntergang, von welchem Sie mir gestern so Rühmliches sagten, Frau Gräfin!«

»Das ist recht! Suchen Sie unsere herrliche See zu verstehen und liebzugewinnen! Sie können uns allen durch nichts eine größere Freude bereiten, als durch ein herzliches Einstimmen in unsere Loblieder!«

-- Und Gabriele schritt nachdenklich die moosigen Waldpfade hinab nach dem Strand. Als sie das schützende Laubdach verlassen, brauste ihr der Wind entgegen.

Er riß an ihrem Mantel, er jagte ihr den Hut vom Kopf -- und in lustiger Jagd eilte sie dem Flüchtling nach, ihn wieder einzufangen.

Welch ein Sturm war das!

Das ganze Haar zerzauste er ihr, und das Riedgras und die Seemannstreu bog er tief hinab zum gelben Sande!

Aber es war schön, wunderschön! Solch ein freies, ungestümes Wettlaufen mit dem Wind, das konnte sie in den engen, eleganten Straßen der Residenz freilich nicht! Und jetzt, als sie über die schützenden Dünen emporsteigt, da liegt es vor ihr, das weite Meer, dunkelblau gefärbt, im vollen Strahlenglanz der sinkenden Sonne -- und es dehnt sich nicht mehr so träge und glatt wie ein Präsentierteller, sondern wogt und wallt und wirft hier und dort weiße Schaumköpfchen auf.

Ja, das ist wahrlich ein schöneres Bild denn sonst! Namentlich die Brandung gefällt ihr, welche sich wie duftige, schmale Tüllrüschen an dem Strand entlangschlängelt, spitz auslaufend wie ein zierliches Valenciennemuster, oder breit emporspülend um die Haufen von Seetang und angeschwemmten Gehölz! Ein zarter, silberduftiger Schaum, hier und da von der Sonne mit rosa Dufthauch gefärbt. Ja, die See ist im Sturm schön, fraglos schöner wie in ihrem bleiernen Schlaf, aber etwas sehr Gewaltiges und Imponierendes hat sie auch jetzt noch nicht nach Gabrieles Geschmack, und wenn die Gräfin in dem Sonnenuntergang ein verkörpertes Gedicht erblicken will, so begreift sie das auch jetzt noch nicht. Die rote Glut des Sonnenballs, die buntgefärbten Wolken ... ja, das ist fraglos ein schöner Anblick -- aber _mehr_ darin sehen, wie Sonne, Wolken und Wasser, nein, das kann sie nicht! --

Wie lustig dort ein Boot auf den Wellen schaukelt! Am liebsten möchte sich Gabriele hineinsetzen und auf- und niedergleiten durch die blauen Wogen!

Käme doch eine Menschenseele, welche sie darum bitten könnte!

Und Gabriele wendet sich zurück und blickt nach dem Rettungsschuppen und stößt einen leisen Laut der Überraschung aus.

Dort auf der Düne steht Graf Guntram Krafft! Ebenso gekleidet wie heute Nacht ... und er spricht mit zwei Fischern und scheint ihnen irgendwelche Anweisungen zu geben.

Jetzt sieht er sie, und Gabriele hebt freudig die Hand und winkt ihm zu.

Er scheint einen Augenblick zu zögern, dann verabschiedet er die Männer und schreitet ihr langsam entgegen.

Ein neuer Windstoß läßt den kleinen Filzhut auf Gabrieles Köpfchen abermals flüchtig werden, aber sie fängt ihn noch rechtzeitig auf und behält ihn in der Hand.

Immer langsamer schreitet Guntram Krafft. Sein Herz schlägt wieder heiß und ungestüm bei ihrem Anblick, der ihm reizender dünkt wie je.

Das dunkle Tuchkleid weht in weichen, graziösen Falten um die zierlichen Füßchen, die entzückend zarten Formen ihrer Gestalt zeichnen sich scharf gegen den schimmernden Hintergrund ab, und auf den lockigen Haaren, welche der Wind ihr um die weiße Stirn zaust, flimmert das rotgoldene Sonnenlicht und läßt tausend geheimnisvolle Fünkchen darauf brennen. Wie frisch und rosig ist das süße Gesicht, -- wie lacht sie ihm mit weißen Zähnchen entgegen, wie leuchten die Nixenaugen hinter den langen, dunklen Wimpern hervor!

»Wie gut, daß Sie kommen, Graf!« ruft sie ihm heiter entgegen. »Ich hatte Sehnsucht nach Ihnen, große Sehnsucht! Und wissen Sie auch, warum?«

Er begrüßt sie von weitem, ohne ihr die Hand zu reichen.

»Warum?« wiederholt er beinahe mechanisch und drückt den Südwester fester auf den Kopf. -- »Nein, das weiß ich nicht, mein gnädiges Fräulein!«

»O, Sie kennen meinen Egoismus noch nicht!« fährt sie harmlos fort; »ich möchte gern einmal in einem Boot hinausfahren in die See, weil es sich gewiß herrlich auf dem Wasser schaukelt!«

Seine Augen leuchten unwillkürlich auf, er tritt einen Schritt näher.

»Boot fahren, Fräulein Gabriele? -- Solch ein langweiliges Vergnügen?!«

»So fand ich es ehemals in Heringsdorf, wo sich kein Lüftchen regte! Aber heute, wo solch hohe Wellen sind, wo wir solch argen Sturm haben ...«

Sein lautes Auflachen unterbricht sie.

»Sturm?!«

»Nun ja! Oder wollen Sie ihn ableugnen, wo ich nicht mal den Hut auf dem Kopfe haben kann?«

»Sie kennen noch keinen Sturm, heute weht es nur ein wenig, kaum daß man es eine frische Brise nennen kann!«

Er sieht heiterer aus, während er spricht, und Gabriele blickt überrascht empor.

»Ich wollte Ihnen durch meinen Mut, heute auf dem Wasser zu fahren, imponieren!«

»Sie imponieren mir jederzeit durch solch ein Verlangen!«

»Und werden Sie es erfüllen?«

»Wenn es Ihr Ernst ist, mit großer Freude. Wir sind eben von einer kleinen Probefahrt zurückgekommen, das Boot liegt noch dort an der Buhne --« er deutete mit der Hand strandab -- »wollen Sie mir folgen, so fahre ich Sie gern!«

Er spricht so ruhig wie sonst, und Gabriele sieht nicht, wie seine Lippen beben.

Sie dankt ihm mit der freudigen Hast eines Kindes.

Ihr Wesen deucht ihm überhaupt verändert, sie ist so fröhlich und gesprächig wie noch nie zuvor, und ihre Augen leuchten zu ihm auf ... täuscht er sich? oder ist es wahrlich so?... Aber so warm und innig blickte sie ihn noch niemals an.

»Wissen Sie auch, daß ich das Meer heute wirklich schön finde? Und den Wind auch? -- Nun lebt erst die Welt ringsum! Nun atmet sie Abwechslung, nun wird sie mir verständlicher! Ehrlich gestanden -- habe ich mir das Meer im Sturm noch gewaltiger gedacht, weil ich darüber las, daß seine Wogen Schiffe zertrümmerten und ganze Landstriche wegschwemmten, aber wie Sie sagen, ist es heute noch kein richtiger Sturm --«

»Was nicht ist, kann bald werden --« er wich ein wenig zur Seite, da ihre Kleiderfalten weich und schmeichelnd um seine Füße wehten, und fuhr voll beinahe trockener Geschäftlichkeit fort: »Die Wetterberichte lauten ungünstig, wir erwarten stündlich eine Sturmwarnung. Vielleicht lernen Sie die träge See noch von recht ungemütlicher Seite kennen!«

»Ich liebe alles Gewaltige, Wilde, Trotzige! Am Menschen sowohl wie an der Natur -- daher gefielen mir bislang die Alpen so gut, diese Titanen, welche den Himmel stürmen! Wie gern möchte ich auch hier solche Riesen finden, wilde, brausende Wogen, welche das Herz erzittern lassen ...«

»Und heldenhafte Menschen ... welche mir imponieren!« fügte er leise, mit wunderlichem Zucken der dichten Augenbrauen hinzu, -- »das Meer wird Ihre Wünsche sicher erfüllen, in die Macht der Menschen aber ist es nicht gegeben, gewaltsam einen Himmel zu stürmen, vor dessen Tür das Schicksal sieben Siegel gelegt!«

Sie waren hastig ausgeschritten und standen jetzt vor dem Boot, welches zwei Fischer just an den Strand schieben wollten.

Zur Seite saß ein alter Mann auf einem Holzstamm und war damit beschäftigt, Reservedollen und Ruderklampen zu schnitzen.

Guntram Krafft rief die Männer in plattdeutscher Sprache an, -- sie unterbrachen sich, wateten heran und schienen kurz mit dem Grafen zu beraten.

Ein prüfender Blick nach dem Horizont, eine ruhig zustimmende Handbewegung.

»Wenn dat nich länger wiehrt, a's 'ne half Stunn', dann geiht dat wull noch an'!« -- und sie warfen die Riemen zurecht und bereiteten schweigend das Boot zur Fahrt.

Der alte Mann stand auf, nahm die kurze Pfeife aus dem Mund und fragte: »Sall ik Se beglieten, Herr Graf?«

»Nee, Klaaden, da sull keener mit mi gahn, -- dat düert hüt nich lang.« --

Und dann flüsterte er noch ein paar Worte mit den Schiffern und wandte sich abermals zu Gabriele.

»Es hält sehr lange auf, das Boot an das Land zu ziehen, gnädiges Fräulein; Sie gestatten wohl, daß einer der Leute Sie in das Fahrzeug trägt!«

»Ja, so gehört sich das!« lachte Gabriele ein klein wenig verlegen. »Meine Freundin ward in Helgoland bei dem Landen auch in das Boot getragen.«

Der Bär von Hohen-Esp wandte sich ab und schien sehr interessiert eine zerbrochene Spiere, welche im Sande lag, zu besichtigen, der Fischer aber trat ruhig herzu, nahm Gabriele auf den Arm und watete mit ihr in das Wasser.