Die Bären von Hohen-Esp: Roman

Part 20

Chapter 203,635 wordsPublic domain

Sein Blick streifte die eleganten Anzüge, welche er aus der Welt draußen mit heimbrachte. Soll er sie jetzt wieder zu Ehren kommen lassen?

Ein beinahe rauhes Lachen.

Nein! Jene Zeit ist vergangen und nichts soll ihn mehr daran erinnern.

Kam das Fräulein von Sprendlingen in die Bärenhöhle, je nun, so mag sie sich auch mit dem bärenhaften Anblick ihres Bewohners abfinden!

Und er nimmt die schlichte Düffeljoppe und wirft sie über.

Der Bär von Hohen-Esp ist jetzt daheim! Da duldet sein zottiger Pelz den Tand nicht mehr, welchen man ihm in der Fremde um die Schultern gehängt! --

* * * * *

Guntram Krafft begreift es selber nicht, wie es ihm möglich ist, so ruhig und gleichmütig mit Gabriele zu verkehren.

Sie sehen sich allerdings nicht viel, eigentlich nur während der Tischstunden, und dann vermeidet er es, sie anzusehen, und antwortet ernst und zurückhaltend auf all das, was sie ihn freundlich und unbefangen fragt.

Er sieht und bemerkt es nicht, wie ihr Blick oft voll staunender Befriedigung seine hohe Gestalt streift, welche in der derben und praktischen Kleidung so ganz anders aussieht, so viel sicherer und selbstbewußter einherschreitet, wie dermalen auf dem Parkett.

Er beobachtet es auch nicht, wie erleichtert das junge Mädchen aufatmet, als sie seine Ruhe und Gelassenheit, die große Gleichgültigkeit im Verkehr mit ihr wahrnimmt.

Diese Veränderung deucht ihr eine Wohltat und macht sie fröhlicher und zutraulicher gegen ihn.

Sie redet ihn an, sie sucht ihn in das Gespräch zu ziehen, sie spricht selber lebhafter und heiterer wie zuvor, und wenn sein Blick sie hier und da flüchtig streift, so sieht er ihr sonniges Lächeln und die strahlenden Nixenaugen, welche zwar nicht mit dem Ausdruck auf ihm ruhen, wie ehemals auf dem bewunderten Dragoner, aber doch lange nicht mehr so kalt und abweisend blicken wie damals.

Und gerade dies wird ihm zur Qual und erschwert es ihm doppelt, seine unnatürliche Ruhe an ihrer Seite zu wahren.

Er hält sich beinahe den ganzen Tag am Strand auf und weilt nur so kurze Zeit wie möglich bei den Damen.

Gottlob hat sich die Gräfin schnell erholt, und es deucht Guntram Krafft, ihr sonst so strenges, resigniert dreinschauendes Antlitz habe das Lächeln gelernt, und in ihren Augen leuchte es jetzt oft so warm, wie nie zuvor.

Gabriele kehrt aus dem Garten zurück und schreitet über den Hof.

Da sieht sie den alten Anton im Sonnenschein stehen und eifrig an ganz seltsamen und lederartigen Kleidern hantieren.

Der Alte lächelte sie beinahe zärtlich an, denn die anmutige Schönheit der jungen Dame hat auch sein Herz im Sturm genommen, so wie alle in der Burg voll Entzücken den Zauber empfinden, welcher von ihrem Wesen ausgeht.

Fräulein von Sprendlingen nickt dem treuen Kammerdiener freundlich zu und tritt mit forschendem Blick näher.

»Ei, was haben Sie denn da für einen wunderlichen Anzug vor, Anton?« lacht sie. »Bei diesem schönen Wetter wollen Sie doch nicht Ihren Regenrock hervorholen?«

Anton dienert und freut sich der Gelegenheit, ein wenig plaudern zu können.

»Mein Regenrock? I bewahre, gnädiges Fräulein! Das ist ja das Ölzeug vom Herrn Grafen, welches ich mal wieder nachsehen und in den Rettungsschuppen hinabbringen soll!«

»Ölzeug des Herrn Grafen?« -- Gabriele mustert überrascht den seltsamen Rock, die mächtigen Stiefel und den ganz eigenartigen Hut: »Zu was gebraucht der Graf diese schwere Kleidung? Zieht er die wirklich an?«

Anton reißt die Augen weit auf: »Nun, das versteht sich! Herr Graf muß doch Ölzeug tragen, wenn er in Sturm und Wogenschwall hinausfährt! Bei den Spritzern, die es da setzt, würde er ohne diese Schutzkleidung bald bis auf die Haut durchnäßt sein!«

»Er fährt mit hinaus? -- Auch bei schlechtem Wetter?«

Antons Arm mit dem Putzlappen sinkt herab. Er starrt die Fragerin ebenso überrascht an, wie sie ihn. --

»Wissen denn das gnädige Fräulein nicht, daß unser Herr Graf alle Rettungen und Ausfahrten immer persönlich leitet? Daß er unser kühnster und unerschrockenster Seefahrer ist? -- Seine Lotsen hat er sich alle allein herangebildet -- ebenso wie er jetzt den ganzen Schuppen aus eigenen Mitteln erbaut und ausgerüstet hat! Nun ist er sein eigener Herr, so ein rechter, wahrer Lotsenkommandeur, wie man noch einen zweiten finden soll! Das Hamelwaat hat nun wohl seine Schrecken für die Schiffer verloren, solange der Herr Graf als Retter in der Not die Riemen führt! Wußten das gnädige Fräulein das wirklich noch nicht?«

Gabriele blickt wie im Traum auf den Anzug in Antons Händen nieder.

»Nein, -- das wußte ich nicht!« sagte sie mit leiser Stimme. »Ist solch eine Rettung eigentlich gefährlich? Ich kann mir das gar nicht vorstellen!«

»Gefährlich? Gott im Himmel erbarme sich! Der arme Riek ist das letztemal dabei geblieben, und seine Leiche ist bis zum heutigen Tage noch nicht geborgen! Haben das gnädige Fräulein denn nicht von der kühnen Tat des Herrn Grafen und seiner Lotsen ... ich meine im vergangenen Winter ... gehört? Wie sie die Unglückskerle von dem Wrack der >Sophie Johanne< geholt haben? Nein? Na, die Rettungsmedaille haben sie sich alle dabei verdient -- --«

»Die Rettungsmedaille? -- Auch der Graf?«

»Nun, _der_ doch in erster Linie!«

Gabriele strich langsam mit der Hand über die Stirn: »Nein -- das wußte ich nicht!« murmelte sie, »aber ... ich möchte doch wohl einmal an den Strand gehen und das Meer wiedersehen!«

»Und ob, gnädiges Fräulein! Etwas Schöneres gibt es ja auf der ganzen Welt nicht!«

* * * * *

Bei Tisch war Fräulein von Sprendlingen stiller wie sonst, -- ihr Blick haftete oft sinnend und forschend auf Guntram Krafft, als schaue sie ihn heut zum erstenmal.

Die Gräfin schien ganz mit der Zubereitung des Salats beschäftigt.

»Gehst du heute wieder zum Dorf, Guntram Krafft?« sagte sie plötzlich leichthin, »so habe, bitte, die Güte und nimm Fräulein Gabriele einmal mit! Denk dir, sie hat, seit sie hier ist, noch nicht ein einziges Mal die See in der Nähe gesehen.«

Ein beinahe finsterer Ausdruck lag auf der Stirn des Grafen.

»Damit würde ich Fräulein von Sprendlingen kaum einen Dienst erweisen, -- sie liebt das Meer nicht!«

»Nein, ich liebe es nicht und begreife auch nicht, wie man es so schön finden kann!« bestätigte Gabriele harmlos. »Aber gerade darum möchte ich einmal wieder an den Strand gehen, um zu sehen, ob es hier ebenso langweilig ist wie in Heringsdorf!«

Gundula lachte: »Wie habe ich Ihre Aufrichtigkeit so gern, Gabriele! Wenn Sie sich nun doch einmal zu ein paar anerkennenden Worten über unser liebes Bernsteinmeer hinreißen lassen, so weiß ich wenigstens bestimmt, daß es Ihre wahre Meinung und nicht nur eine höfliche Redensart ist!«

»Ich kann Fräulein von Sprendlingen unmöglich zumuten, so lange drunten zu bleiben, wie ich am Schuppen zu tun habe. Ich bitte dich, uns zu begleiten, Mutter, damit ihr beiden Damen jederzeit heimkehren könnt.« --

»Gut! Ich bin gern bereit!« Gundulas Blick streifte das geneigte Antlitz des Sohnes, und sie lächelte abermals.

Es war ein außergewöhnlich milder, sonniger Frühlingstag.

Kein Lüftchen regte sich.

Blau -- weit ... unendlich lag die See.

Voll kristallener Klarheit spannte sich der Himmel darüber aus und verschwamm am Horizont mit der Wasserflut, daß man kaum die zarte Linie unterscheiden konnte, welche Himmel und Erde trennt.

Der Sonnenglanz lag breit auf dem Wasser, es spiegelte und schimmerte, und die weißen Segel der Fischerboote zogen traumhaft still durch die Ferne.

Der Strandhafer knisterte leis unter den Schritten der Nahenden und über ihnen stiegen zwei Lerchen mit hellem Jubel in den offenen Himmel hinein.

Die Gräfin hatte eine Fischerfrau, welche am Strand saß und Steine und Tang aus den Netzen las, angesprochen und blieb momentan neben ihr stehen, sich nach diesem und jenem zu erkundigen; Gabriele und Guntram Krafft schritten weiter, nahe herzu bis auf den festen, hartgewaschenen Sand, über welchen in graziösen Linien der silberschaumige Saum einer kaum merklichen Brandung spült.

Der Graf hatte den Hut von dem Haupt gezogen und blickte wie verklärt in die sonnige Pracht hinaus, -- es lag ein weicher, beinahe kindlich milder Zug auf dem schönen Antlitz, und Gabriele schaute verstohlen zu ihm auf und fand es zum erstenmal, daß dieser Ausdruck doch nicht so unsympathisch sei, wie es ihr im Ballsaal geschienen.

»Es ist eine köstlich frische Luft hier!« sagte sie nach kurzem Schweigen: »Aber die See liegt ebenso still und träge, wie damals in Heringsdorf, und was Sie daran so schön finden, erklären Sie mir, bitte, Graf!«

Er sah sie nicht an, aber das Entzücken, welches sein Auge spiegelte, vertiefte sich.

»Wie kann man eine derartige Schönheit mit Worten nennen!« sagte er leise, »die analysiert man nicht, sondern empfindet sie! -- Mir deucht, Sie haben sonst so viel Verständnis für Poesie, mein gnädiges Fräulein, und stehen ihr gerade hier, wo sie sich uns am reichsten und vollkommensten entschleiert, so blind gegenüber. Fühlen Sie es nicht mit allen Fasern Ihres Herzens, welch ein Stücklein Gottesfrieden sich rein und unverfälscht hier an der See erhalten hat? -- Bekommen Sie nicht eine Ahnung von der Unendlichkeit, wenn Sie über diese weite -- weite Flut schauen, die so ohne Anfang und Ende scheint, wie der Himmel uns zu Häupten? Und wenn Sie die Wellen schauen, wie sie in ewig gleicher Weise, Tag und Nacht, Jahr um Jahr, hier gegen den Strand rollen, von keines Menschen Kraft bewegt, geheimnisvoll kommend und gehend, dem ewig weisen Willen eines Gottes gehorchend, vor dessen Antlitz tausend Jahre sind wie ein Tag -- -- schauert Ihr Herz nicht zusammen in einem Gefühl unendlicher Andacht, in dem Empfinden jenes scheuen Entzückens: >Jede dieser Wogen ist ein Pulsschlag der Ewigkeit?<«

-- Gabriele stand neben ihm, das Köpfchen lauschend erhoben, den Blick wie in staunendem Sinnen geradeaus gerichtet.

»Nein,« sagte sie leise, »diese Gedanken sind mir noch nie gekommen. In Heringsdorf wurde nur gescherzt und gelacht, aber nicht philosophiert.«

»Dies ist keine Philosophie!« lächelte er, »im Gegenteil, hier spricht nicht der Verstand, sondern lediglich Herz und Gemüt, aber gerade die -- ich glaube es wohl -- kommen überall zu kurz, wo der Lärm der bunten Welt sein Recht behauptet!«

-- Gundula trat herzu, und Guntram Krafft wandte sich, ihr den Arm zu bieten.

»Ich habe in dem Schuppen einen kleinen Auslug anbauen lassen, wo die Damen hinter sicheren Glasscheiben, gegen Zug und Wind geschützt, ausruhen können. Darf ich dich hinführen, Mutter?«

»Macht es Ihnen Freude, die >Rettungsstation< meines Sohnes zu sehen, Gabriele?«

»Ich bitte darum, denn ich interessiere mich dafür.«

»Dann laß uns getrost gehen, Guntram Krafft, und genaue Musterung halten, wir wissen ja, daß Gabriele keine Phrasen sagt!«

In den Augen des jungen Mannes leuchtete es auf, lebhafter wie zuvor unterhielt er die Gräfin, und schweigsamer wie sonst schritt Gabriele an Gundulas Seite.

Der Rettungsschuppen trug äußerlich die Form einer großen, massiv gebauten Scheune.

Zwei breite Tore gewährten den Eintritt, und unter dem spitzen Dach war das Wappen der Hohen-Esp unter dem roten Kreuz im weißen Felde eingefügt.

Alle modernen Errungenschaften auf dem Gebiete des Rettungswesens waren der inneren Einrichtung zugute gekommen.

Das Rettungsboot, eine Mischart der gebräuchlichsten Systeme, war aus Stahlblech gebaut und trug den Namen »Guntram Krafft« in goldenen Lettern.

Ein fester, sehr dauerhaft und widerstandsfähig gebauter Wagen trug es und diente zu dem Zweck, das Boot bequem zum Strand zu transportieren und es unmittelbar in das Meer zu lassen.

Auch ein Raketenapparat war zu schleunigstem Gebrauch auf dem Wagen montiert.

Seitlich und im Hintergrund des Schuppens waren alle erforderlichen Apparate und Gegenstände aufgestellt oder an Gestellen aufgehängt.

Die volle Ausrüstung der bedienenden Mannschaft, welche sich aus den wackeren, unerschrockenen Fischern rekrutierte, und von ihrem selbstgewählten Kommandeur, dem Grafen Hohen-Esp, befehligt wurde, die Rettungsgeschosse verschiedener Art, Raketen, Mörser und Handgewehre, Seelenretter, Korkjacken, Gürtel, Schläuche, Riemen, Schlepper, Segel und Loggleinen, Kompaß, Fernrohr und Handlot, Ölfaß, Eimer, Pfropfe und Reservedollen, Beil, Anker und Signalflaggen.

Gabriele konnte kaum so schnell schauen, als wie der junge Lotsenkommandeur an ihrer Seite mit blitzenden Augen erklärte und beschrieb, und während sie seinen Worten lauschte, streifte ihr Blick sein lebhaft erregtes Antlitz, und sie begriff es nicht, daß es dasselbe war, welches vor wenig Augenblicken noch in träumerischem Schwärmen hinaus auf die blaue See geblickt, dasselbe, welches im Ballsaal so weibisch schüchtern errötete und mit beinahe blöden Augen um sich schaute. Hier reckte und dehnte der Bär von Hohen-Esp die kraftvollen Arme, hier hob er schwere Lasten wie eine Feder hin und her, hier schritt er fest und selbstbewußt in den schweren Fischerstiefeln über einen Grund und Boden, welchem er aus eigener Kraft eine edle und hohe Bedeutung gegeben hatte. Warum hatte ihr kein Mensch zuvor gesagt, daß sich Guntram Krafft die Rettungsmedaille verdient? Warum heftete er sie nicht voll Stolz auf die Brust, so wie Heidler seinen Orden trug? -- Und der war nur ein Kreuzlein, welches ihm ein königlicher Gast des Herzogs, bei dem er als Ordonanzoffizier Dienst tat, in Gnaden verliehen hatte!

* * * * *

XXI.

Der Lenz hatte einen außergewöhnlich frühen Einzug gehalten, und wenn auch die Tage sonnenhell und warm waren, so strich doch am Abend eine noch recht empfindlich kühle Luft von der See herüber und machte den Aufenthalt in warmen Zimmern notwendig.

Guntram Krafft hatte sich anfänglich sogleich nach dem Abendessen empfohlen.

Er saß mit seinen Zeitungen und Büchern in seinem stillen Zimmer, stützte das Haupt träumend in die Hand und las nicht.

Oft war er voll nervöser Unruhe aufgesprungen und noch einmal hinaus in den Wald oder hinab an den Strand gestürmt, aber Ruhe für sein Herz fand er auch dort nicht, wo der silberne Mondschein so bleich und kühl auf den Wogen spielte und ihm immer dasselbe Bild vor die Seele zauberte, Gabriele! --

Je länger er mit ihr zusammenweilte, desto tiefer und inniger ward seine Liebe zu ihr, obwohl seine leidenschaftliche Erregung nachließ und ihr heiteres, gleichmütiges Wesen auch ihm Ruhe und Unbefangenheit gab.

Er gewöhnte sich an ihre Gegenwart, er genoß voll heimlichen Entzücken ihren Anblick, sein Herz erzitterte bei jedem freundlichen Wort, welches sie zu ihm sprach, bei jedem Anzeichen von Interesse an seinem Tun und Handeln, -- und doch klang ihm unausgesetzt das Dichterwort durch die Seele: »Die Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht!«

Auch Gabriele wollte er als einen jener holden, ewig fernen und unerreichbaren Sterne betrachten, welche dem sehnenden Schwärmer wohl freundlich zublicken, ohne jedoch gewillt zu sein, aus ihrer Höhe hernieder an sein Herz zu sinken. --

Als Fräulein von Sprendlingen an seiner Seite durch den Schuppen seiner Rettungsstation schritt und mit großen, staunenden Augen alles betrachtete, was er barg, eifrig um Erklärungen bat und in ihrer aufrichtigen Weise kein Hehl daraus machte, wie fremd ihr alle diese Dinge waren, da stürmte ihm das Herz in der Brust und blitzte aus seinen Augen, und er empfand es als unaussprechliche Wonne, die Teilnahme der Geliebten an dem zu erwecken, was zum heiligen Inbegriff seines Lebens geworden.

Auch während des Abendbrots hatte sich die Unterhaltung sehr lebhaft um seemännische Dinge gedreht, und als Anton die dicke, schwarzlederne Posttasche mit den Zeitungen brachte, erhob sich Guntram Krafft nicht wie sonst, sich in sein Zimmer zurückzuziehen, sondern trat näher an das Kaminfeuer und sagte:

»Es ist abends recht kühl bei mir droben, und ich vermisse jetzt den warmen Ofen doch noch in dem großen Erkerzimmer ...«

»Aber Guntram, so sage doch Anton sofort, daß morgen nachmittag geheizt wird.«

Der Graf warf gerade ein neues Buchenscheit in die Glut und beobachtete angelegentlich, wie die roten Flammen an ihm emporzüngelten.

»Das wird leicht zu heiß, Mutter, und die zu große Wärme geniert mich dann mehr wie die Kälte. -- Am liebsten bliebe ich hier. -- Was unternehmt ihr denn jetzt? Stört meine Anwesenheit?«

Ein ganz feines, schier unmerkliches Lächeln ging um die Lippen der Gräfin, so froh und zufrieden, wie bei einem Menschen, welcher geduldig gewartet hat und nun dafür den gewünschten Lohn erhält.

»Welch eine Frage!« schüttelte sie den Kopf und rückte sich behaglich in ihrem hochlehnigen Sessel zurecht. »Wir freuen uns deiner Gesellschaft. Geheimnisse haben wir durchaus nicht zu verhandeln! Ich lehre Gabriele den Gebrauch des Spinnrades und freue mich meiner fleißigen Schülerin.«

»Spinnen? Sie lernen spinnen?«

Guntram hob ganz betroffen den Kopf, als habe er nicht recht verstanden, Gabriele aber räumte die gemalten Wappenhumpen, aus welchen man zuvor ein Warmbier getrunken und welche Anton soeben wieder aus der Küche zurückbrachte, in den uralten Kredenzschrank und sang lachend, ohne sich umzusehen:

»Ich kann stricken, Ich kann flicken, Feines Leinen Kann ich spinnen ...

So fein, Graf, daß man fürerst noch Kettenhemden daraus schmieden kann!«

Guntrams Augen leuchteten.

»Da ich Ihnen diese Kunst doch nicht ablerne, so können Sie dieselbe neidlos in meiner Gegenwart ausüben!« scherzte er, rückte sich einen kleinen Tisch herzu, breitete die Zeitungen aus und nahm in einem der Rittersessel davor Platz.

Gabriele aber entzündete selber eine kleine Stehlampe, welche neben ihr auf dem Serviertisch stand, hielt sie, einen Augenblick sie stumm betrachtend, in der Hand und stellte sie dann vor dem Grafen nieder.

Dieser dankte durch eine höfliche Verbeugung, griff schweigend nach den Zeitungen und schien schon im nächsten Augenblick völlig in ihre Lektüre vertieft.

Aber er las nicht.

Er starrte wie ein Träumender gedankenlos auf das Papier und gab sich voll und ganz dem süßen Zauber, in Gabrieles Nähe zu weilen, hin.

So konnte er sie unbemerkt ansehen, konnte den weichen Wohllaut ihrer Stimme hören und voll und ganz das süße Behagen empfinden, welches ihre Anwesenheit dem ganzen Hause verlieh.

Wie Frieden zog es in sein sehnendes, gequältes Herz, und ein beinahe wunschloses Genügen, welches nicht mehr von dem Schicksal fordert, als wie es freiwillig gibt. Welch ein reizendes Bild war es, die beiden Damen am Spinnrad zu sehen! Über Gabrieles geneigtes Köpfchen zuckte das rötliche Flackerlicht des Kaminbrandes, das Antlitz trug den Ausdruck lächelnder Nachdenklichkeit, und die weißen Händchen arbeiteten, wenn auch noch unsicher und zaghaft, so doch graziös und anmutig, wie alle ihre Bewegungen es waren.

Neigte sich Gräfin Gundula helfend und erklärend näher, so traf sie der Blick der hellen Nixenaugen so warm und herzlich, daß das Herz des Beobachters schneller schlug in dem entzückten Empfinden: »sie liebt deine Mutter!« -- und stand sie ihm selber auch ewig fremd und fern, diese Liebe zu Gräfin Gundula schlug dennoch eine Brücke zu seinem Herzen, welches ihn mit der Geliebten in gleichem Denken und Fühlen verband.

Die Bärin von Hohen-Esp nestelte an dem Wocken, dessen Flachsgewinde unter den Fingerchen Gabrieles etwas in Unordnung geraten war, und derweil flog der Blick des jungen Mädchens durch die mattbeleuchtete stille Halle und haftete wieder sinnend auf der Lampe vor Guntram Kraffts Platz, deren Fuß durch einen schreitenden Bronzebär gebildet wurde.

Und von da schweifte er weiter zu dem eigenartigen Kronleuchter, welcher von der gewölbten Decke herabhing und in Art der alten Leuchterweibchen gearbeitet war, nur schwebte anstatt des Frauenkörpers der Oberleib eines Bären in den schmiedeeisernen Ketten, und von ihm aus gingen acht mächtige Pranken, welche die Lichter hielten.

Die Sessel, auf welchen man saß, ruhten auf geschnitzten, behaglich ausgestreckten Bären, welche die Füße ersetzten, -- braunzottige Bärenfelle lagen als weicher Teppich über den Estrich, Bären flankierten rechts und links den Kamin, und wohin man nur schauen mochte, zeigte die Täfelung der Wände das Bärenwappen, blickten von Schränken, Truhen und Geräten die Bärenköpfe mit starren Augen auf die einsamen Bewohner der Burg herab.

»Wie kommt es eigentlich, gnädigste Gräfin, daß alles und jedes in Hohen-Esp das Bild eines Bären zeigt?« fragte Gabriele leise und neigte das Köpfchen näher an die alte Dame heran, um den Lesenden nicht zu stören. »Man findet in andern Schlössern auch die häufige Wiederholung des Familienwappens, aber so, bis auf die kleinsten Gegenstände herab, sah ich es noch nie angebracht, und kam mir schon früher der Gedanke, daß dies einen besonderen Zweck haben müßte?«

Gundula schüttelte lächelnd das Haupt.

»Eine Liebhaberei! eine Laune der Besitzer! Die Bären von Hohen-Esp gefielen sich darin, ihre Höhle zu einem wirklich originellen, echten Bärennest zu gestalten. Der Urahne begann damit, und Kind und Kindeskinder führten es weiter und schufen halb im Ernst und halb im Scherz diese eigenartige Burg, in welcher die Nachkommen jenes ersten Bären von Hohen-Esp stets daran erinnert sein sollten, wem sie das Bestehen ihres Geschlechts verdanken!«

»Das Bestehen ihres Geschlechts? -- Was haben die Bären mit Ihrer Familie zu tun, gnädigste Gräfin, und woher kommt es, daß die Hohen-Esp den seltsamen Namenszusatz: die >Bären< von Hohen-Esp erhielten?«

»Wenn es Sie interessiert, so erzähle ich Ihnen gern unsere alte Familiensage, liebe Gabriele!«

Frau Gundula schob das Spinnrad der Genannten wieder zu und setzte ihr eigenes Rädlein abermals in surrende Bewegung, Guntram Krafft aber ließ mechanisch die Zeitung sinken und blickte wie in fragender Spannung zu dem jungen Mädchen hinüber.

»Und ob es mich interessiert, verehrte Frau Gräfin!« nickte Gabriele eifrig; »was könnte mir lieber sein, als wie mit der alten Welt, welche mich hier umgibt, recht vertraut zu werden! O, bitte, erzählen Sie! -- Zu einem Spinnrad gehören seit jeher die Romanzen, wenn nicht die gesungenen, so doch die gesprochenen, und ich vermute, daß die Bärensage dieser Burg ein Stücklein jener poesievollen Ritter- und Heldenzeit ist, in welcher meine Gedanken so gern noch leben!« --

»Nun, so hören Sie, Gabriele! Und wenn Ihr Herzchen sich auch für die brave Bärin erwärmen kann, welche unserm Stammvater einst so große Dienste erwies, so bin ich überzeugt, daß die braunen Schutzpatrone dieser Burg all ihre schirmende Liebe auf Sie, die junge Gastin dieses Hauses, übertragen werden.«

Mit großen, forschenden Augen schaute das junge Mädchen auf, -- ihr Blick hing an den Lippen der alten Dame, als ob sie, nur sie allein in dieser Halle anwesend sei, und Frau Gundulas Stimme klang tief und voll durch das leise, melodische Summen des Spinnrades:

»Unsere alte Familiensage ist anscheinend eine Nachbildung jenes phantastischen Ereignisses, welchem man die Entstehung Roms zu verdanken glaubt, -- also weder neu noch originell, und doch aus jener grauen Vorzeit stammend, von welcher man wohl sicher annehmen kann, daß die Mär von Romulus und Remus ihr noch völlig fremd gewesen. Ein Beweis dafür, wie launig der Götterfunke Poesie um den Erdball blitzt und in Nord und Süd Flammen zündet, welche -- durch eine halbe Welt getrennt -- doch in geschwisterlicher Ähnlichkeit leuchten und ein und dasselbe Bild spiegeln, nur mit dem Unterschied, daß die rauhe, markige Wildheit der Deutschen sich die kraftvolle Bärin zur Amme eines ritterlichen Geschlechts wählte, während der kluge, geschmeidige und listige Römer die schlanke Wölfin dazu ausersah! -- --