Die Bären von Hohen-Esp: Roman
Part 19
Gundula war stehengeblieben und starrte die Sprecherin an, als höre und verstehe sie nicht recht.
»Mein Sohn _sagte_ Ihnen ...« wiederholte sie langsam, »ja, um alles in der Welt, _kennen_ Sie ihn denn, Gabriele?«
Gabrieles große Augen blickten ebenso erstaunt wie die der Gräfin.
»Ja, gewiß! Ich lernte den Grafen in der Residenz auf einem Hofball kennen und nahm an, daß ich es seiner gütigen Fürsprache verdankte, hier im Hause aufgenommen zu sein! Hat Ihr Herr Sohn meinen Namen nicht erfahren?« --
Gundula schüttelte langsam den Kopf. »Kein Wort hat er mir davon gesagt ... und er sah doch sogar Ihr Bild, Gabriele!«
Das junge Mädchen schritt ruhig an der Seite der Sprecherin weiter. »O, so hat er mich wohl gar nicht wiedererkannt! Er hat so unendlich viele fremde Gesichter zu sehen bekommen und so viele Namen gehört, daß es nur ganz natürlich ist, wenn er die einzelnen nicht im Gedächtnis behielt!«
Gundulas Augen bekamen plötzlich einen auffallenden Glanz.
»Aber er tanzte mit Ihnen?«
»Doch nicht, Frau Gräfin. Der Graf kam sehr spät zu mir, da waren meine Tänze vergeben!«
»So bat er wenigstens um einen?«
»Er war so höflich!«
Ruhig und gleichmütig wie stets klang ihre Stimme.
»Und holte sich keine Extratour?«
»Auch dabei waltete ein Mißgeschick. Gerade als wir tanzen wollten, schwieg die Musik.«
»Ach, das hat er gewiß sehr bedauert. Plauderten Sie nicht zur Entschädigung zusammen?«
»Bei Tisch, gnädigste Gräfin. Ihr Herr Sohn saß neben mir. Sehr viel sprachen wir aber nicht, und was wir sprachen, weiß ich nur noch dem Sinne nach. Wir waren verschiedener Ansicht, -- der Graf liebte das Meer, ich nicht. Sehr liebenswürdig erschien ich ihm sicherlich nicht, wenn er überhaupt meinen Worten Wert beilegte, was ich bezweifle.«
»Die Jugend war nicht plaziert bei Tisch?«
»Nein, nur die verheirateten Herrschaften!«
»So wählte Guntram Krafft selber den Platz an Ihrer Seite?«
Gundula sprach heiter und sehr ruhig, wohl nur, um die Unterhaltung fortzuführen.
»Ihr Herr Sohn war sehr fremd in der Gesellschaft, und da ich ihm zufällig schon bekannt war, so dachte er wohl ...«
»Sie waren ihm schon bekannt?«
»Durch einen kleinen Unfall, welchen ich mit dem Schlitten auf der Straße der Residenz erlitt. Der Graf kam mir zu Hilfe, richtete den Schlitten auf und sammelte mich aus dem Schnee empor!« -- Gabriele lächelte.
»Ich dankte meinem Retter in der Not, doch stellte er sich in der Eile nicht vor und erfuhr auch meinen Namen nicht!«
»Und dann sahen Sie sich erst auf dem Hofball wieder?«
»Einmal saß mir der Graf noch im Theater gegenüber, doch lernten wir uns dort nicht kennen.«
Die Burgherrin von Hohen-Esp fragte noch so mancherlei, und Gabriele erzählte von dem Leben und Treiben in der Residenz. Sie kannte so viele Menschen, für welche sich die Gräfin noch lebhaft interessierte, und so legten die Damen den Spaziergang in sehr angeregter Unterhaltung zurück.
In der darauffolgenden Nacht lag Gundula mit weitoffenen Augen schlaflos in den Kissen. Ihre Wangen brannten in heißem Rot, und ihre Lippen lächelten.
Eine außerordentliche Aufregung hatte sich der einsamen Frau bemächtigt, seit sie durch Gabriele erfahren, daß Guntram Krafft sie bereits kannte.
Da war es, als ob plötzlich ein Schleier vor ihren Augen zerrissen sei.
Sie entsann sich plötzlich der seltsamen Veränderung, welche mit dem jungen Mann vor sich ging, als er Gabrieles Bild sah, -- sie rief sich sein Benehmen in das Gedächtnis zurück und hatte den Schlüssel dafür gefunden.
Guntram Krafft hatte sein Herz an das auffallend reizende Mädchen verloren, das bewies ihr sein Verhalten auf dem Balle und seine Erregung bei dem Anblick ihres Bildes.
Gabriele gab es selber ehrlich zu, daß sie nicht sonderlich liebenswürdig zu ihm gewesen sei; das hatte der weltfremde, unerfahrene Mann für eine direkte Abweisung gehalten und ergriff in planloser Verwirrung die Flucht.
Und so wie er damals die Residenz um des jungen Mädchens willen verließ, so kehrte er auch jetzt in der ersten Aufregung Hohen-Esp den Rücken, um ein Wiedersehen zu vermeiden.
Die Gräfin lächelte.
Welch ein Kinderherz! als ob sich diese Flucht auf die Dauer durchführen ließe!
Vielleicht macht ihn seine Liebe auch scheu und befangen -- er flieht aus Verlegenheit. Seine Schwermut, sein so ganz verändertes Wesen seit der Heimkehr, bestätigten diese Ansicht.
Und nun fügt es Gottes Gnade und Barmherzigkeit, daß die Mutter selber die Geliebte des Sohnes unter sein Dach führt!
Welch eine wunderbare, unbegreifliche Fügung! Wäre tatsächlich von Gabrieles Seite eine schroffe und definitive Abweisung erfolgt, so wäre das junge Mädchen nach Anlage ihres Charakters nie nach Hohen-Esp gekommen. Auch hätte sie nie so ruhig und gleichmütig von Guntram Krafft gesprochen.
Gabriele ist durchaus ahnungslos, und ihre Ruhe und Gelassenheit sind echt.
Gundula besitzt Menschenkenntnis, und weil sich ihre liebsten und sehnsüchtigsten Pläne an das junge Mädchen knüpfen, hat sie dasselbe mit dem argwöhnischen Scharfblick einer sorgenden Mutter beobachtet. Das Resultat dieser Beobachtungen war ein sehr günstiges, denn die große Aufrichtigkeit, welche Gabriele hier und da vielleicht etwas schroff erscheinen ließ, schätzte die Gräfin als eine Garantie dafür, daß sie nie aus Heuchelei oder Berechnung nach dem Ehering streben wird.
Guntram Krafft ist noch zu jung und weltfremd, um dies richtig zu beurteilen, und wenn Gabriele selber sagt, daß sie ihm wohl nicht liebenswürdig erschien, weil sie absprechend über Meer und Strand geurteilt, so ist der Schwärmer Guntram möglicherweise tief verletzt vor dieser Offenheit.
Auf alle Fälle ist es seine Absicht, Hohen-Esp um Gabrieles willen fern zu bleiben, und mit Vernunftsgründen richtet man bei verliebten Leuten nichts aus; also muß die Gräfin eine kleine List gebrauchen, den Flüchtling heimzuholen. Der Zweck heiligt die Mittel.
Im Verkehr mit Gabriele wird sie den Sohn alsdann unauffällig beobachten, und es wird ihr nicht schwerfallen, seines Herzens heimlichste Gedanken zu erforschen.
Die Ehen werden im Himmel geschlossen, und wäre Gabriele nicht für ihren Liebling bestimmt, so würde Gott der Herr sie nicht in so wunderbarer Weise hierher in die Einsamkeit geführt haben.
Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief die Gräfin ein, und als sie früh am Morgen erwachte, schrieb sie alsogleich ein paar Zeilen an Guntram Krafft.
Sie teilte ihm mit, daß sie sich nicht wohl fühle, daß sie die Nacht meist schlaflos verbracht, sie sei eine alte Frau, welcher jeden Augenblick etwas zustoßen könne. Die Abwesenheit ihres einzigen Kindes sei ihr ungewöhnt und beunruhige sie, die Sehnsucht nach ihm wirke nachteilig auf ihren Zustand ein. So lieb wie sie Gabriele in der kurzen Zeit schon gewonnen habe, sei ihr dieselbe doch eine Fremde, welche den Sohn nicht ersetzen könne. Außerdem sei der alte Klaaden einige Male dagewesen, um voll Ungeduld nach dem Herrn zu fragen, wahrscheinlich sei seine Anwesenheit aus irgendeinem Grunde dringend notwendig. -- Und zum Schluß bat sie den Sohn, unverzüglich abzureisen und zu kommen, falls er sie nicht noch kränker machen wolle!
Ein beinahe schelmisches Lächeln spielte um Gundulas sonst so herbe und ernst geschlossene Lippen, als sie das Schreiben adressierte und durch einen reitenden Boten sogleich besorgen ließ.
Nun wußte sie es bestimmt, daß Guntram Krafft noch an demselben Tage eintreffen werde. --
Aber ihre kleine Komödie mußte sie nun durchführen, und darum klagte sie auch Gabriele, daß sie eine schlechte Nacht gehabt und sich leidend fühle.
Das junge Mädchen war aufrichtig erschreckt und besorgt und bemühte sich, auf jede Weise die Kranke zu hegen und zu pflegen. Da sah Gundula, welch ein weiches, zärtliches Gemüt sich hinter all der ernsten Gemessenheit ihres Wesens versteckte, und sie freute sich dessen von Herzen.
Auch beobachtete sie es voll Interesse, mit wieviel Verständnis und Umsicht Fräulein von Sprendlingen das ihr so ungewohnte Amt einer Hausfrau übernahm und die Gräfin in Küche und Keller ersetzte.
Da lag es wie ein milder Sonnenglanz auf dem schönen, bleichen Antlitz der »Frau Herzeleide«, und zum erstenmal seit langen, schweren Jahren brannte ihr Herz in lebhafter, freudiger Erwartung auf ein Glück, welches sicher kommen mußte, -- sicher und bald, das fühlte sie.
* * * * *
Als Gabriele in die große, gewölbte Küche trat, sah sie eine dunkel gekleidete, trübselig dreinschauende Frau, welche in einem Topf Essen empfing und mit bescheidenem Dank und Gruß davonschritt.
»Wer war die Frau? Eine Kranke?« fragte Gabriele die Mamsell.
»Nein, gnädiges Fräulein, das war die Witwe des Fischers Riek, welcher bei der letzten Rettung der Schiffbrüchigen von dem Wrack der >Sophie Johanne< ertrunken ist.«
Ertrunken!
Gabriele sah plötzlich die Bilder aus dem Ahnensaal vor sich, unter denen neben schwarzem Kreuz dieses Wort geschrieben stand.
»Es ertrinken wohl viele Männer hier?« fragte sie nachdenklich.
Die Alte nickte laut seufzend. »Daß Gott erbarm! Ach, gnädiges Fräulein, es ist ein gar saures Stückchen Brot, welches die Fischer und Seeleute essen, und trägt wohl jeder alle Stund' sein Totenhemde auf dem Leibe.«
»Ich habe gar nicht gedacht, daß es so sehr gefährlich ist, auf dem Wasser zu fahren!«
»Im Binnenlande kann man sich das wohl meist nicht recht vorstellen! Wenn man die See aber einmal recht bös und grob gesehen und den Sturm aus Nordost pfeifen hörte, dann begreift man's.« --
»Kommt das oft vor?«
»Mehr wie zu oft, Gott sei gelobt, daß es gerade jetzt, wo der Graf abwesend war, nicht arg geweht hat!«
»Der befindet sich ja auf dem Lande in Walsleben! Da ist doch keine Gefahr für ihn!«
Es zuckte wie herber Spott um die Lippen der Sprecherin, aber die Mamsell sah es nicht, sie zerstampfte eifrig die Kartoffeln für den Schweinetrog.
»Für ihn nicht, bewahre! Aber für die Seefahrer! Und wenn was passiert wäre -- meinte noch gestern der alte Klaaden -- so hätten sie mit den neuen Apparaten doch noch nicht ohne den Grafen zuwege kommen können!«
»Ah -- der Graf unterweist sie darin?«
»Wer anders denn er! -- Ja, wenn der junge Herr nicht wäre, gnädiges Fräulein!«
Gabriele sah zwar noch nichts so Unersetzliches und kein so gewaltiges Verdienst darin, die Fischer ein wenig anzuleiten, aber sie nickte zustimmend und schritt weiter nach dem kleinen Küchengarten, welcher im hellen Sonnenschein seine jungen Kräutlein und frischerschlossenen Kirschblüten badete. Fern sah sie einen Strich der blauen See glänzen, so still und blau, wie sie damals in Heringsdorf vier Wochen lang gelegen, und sie schüttelte gedankenvoll den Kopf und begriff es nicht, daß dies glatte Wasser so gefährlich und unheimlich sein sollte.
* * * * *
Da es in dem großen, hallenartigen Speisezimmer noch kalt war, brannte ein loderndes Kaminfeuer, und Gräfin Gundula hatte ihren Sessel nahe hinzurücken lassen und verlangte nach ihrem Spinnrad.
»Ich kann es nicht ertragen, die Hände so müßig zu falten!« antwortete sie auf Gabrieles besorgte Bitte, heute ruhig zu bleiben, und als das Rad fröhlich schnurrte und der Faden lief, ließ das junge Mädchen die feine Stickarbeit sinken und blickte mit leuchtenden Augen zu.
»Wie schön! Wie poetisch das ist! O, das möchte ich auch lernen, Frau Gräfin!«
»Gewiß, liebe Gabriele, meine Mägde spinnen alle und können Ihnen sogleich ein Rad leihen! Ich bin so sehr für das eigengesponnene Leinen! Es ist derb und hält bedeutend länger als gekauftes Gewebe, namentlich in der Küche und für das Gesinde ist es durchaus praktisch!«
»So darf ich mir ein Rad holen?«
»Selbstverständlich; ich unterweise Sie gern!«
Gabriele eilte davon und trug sich nach kurzer Zeit ein Spinnrad herzu.
»Dieses >Radeln< ist mir lieber, wie das moderne,« scherzte die Gräfin; »wir sind hier gut hundert Jahre zurück gegen die neumodische Welt!«
»Das ist schön, darum wohnt hier noch die Poesie in all ihrer unverfälschten Schönheit!«
»Sie lieben dieselbe?«
»Über alles. Mama neckte mich oft, daß es für mich besser gewesen wäre, zu eines König Artus' Zeiten zu leben. Ich begeistere mich so sehr für alles Ritterliche, Edle, Kühne und Herrliche -- und gerade daran ist unsere prosaische Zeit so arm.«
»Nicht arm, Gabriele, -- es tritt nur nicht so auffällig hervor wie ehemals.«
»Gibt es noch Helden im neunzehnten Jahrhundert?«
»Gewiß! Sie ziehen nur nicht mehr in glänzender Rüstung durch das Land und suchen Frau Aventure im Busch.«
»Unsere Männer und Jünglinge ziehen in den Krieg und werden totgeschossen, ehe sie dem Feind nur ins Gesicht schauen konnten; das ist kein heldenhafter Kampf, sondern nur Disziplin und müde Resignation, welche auf Kommando stirbt!«
»Oho, Gabriele! Dieses resignierte, gehorsame Sterben, dieses treue Ausharren auf dem Posten, inmitten des feindlichen Kugelregens, ist die höchste und heiligste Tugend des Soldaten!«
»Das wohl, -- aber mir deucht, dieses kühne Aug' in Auge mit dem Feind, dieses todesmutige Hineingehen in eine Gefahr ist poetischer, und das findet sich im kleinen Überrest wohl nur noch bei der Kavallerie, welche eine schneidige Attacke reitet!« --
»Und der tapfere Infanterist, welcher die Düppeler Schanze -- die Spichererhöhe im Sturme genommen?« --
»Das ist Todesverachtung! Das erkenne ich auch als schöne und glänzende Soldatentat an, aber man hat als Mädchen keine rechte Vorstellung von der Tat des einzelnen! Und gerade diese macht die Poesie des Heldentums aus! Hätte Parzival, Dietrich von Bern, Ekke oder Beowulf in der großen Menge mitgekämpft, man hätte nicht die kühne, heldenhafte Vorstellung von ihren Taten wie so, wo wir jeden ihrer einzelnen Kämpfe bis auf den kleinsten Schwertstreich verfolgen können! Ich tue unseren modernen Tapferen vielleicht sehr unrecht mit solcher Ansicht, aber einem Mädchen verzeiht man es wohl, wenn es sich seine Ideale etwas eigenwillig bildet. Ich möchte einen Helden _sehen_, seine tollkühne Tapferkeit selber schauen, und das ist doch nur noch bei einem waghalsigen Reiter der Fall, welcher alle Gefahren eines Rennens vor unsern Blicken herausfordert und überwindet!«
Gundula lächelte ganz seltsam. »Sprachen Sie über dieses Thema vielleicht auch mit meinem Sohn?«
»Ich glaube ja. -- Möglicherweise verargte er es mir.«
Die Gräfin schob das Spinnrad ein wenig zurück und hob lauschend das Haupt.
Von dem Hof herein tönte Hufschlag, lautes Rufen und eilige Schritte.
Glückselig verklärt blickten Gundulas Augen, sie atmete, wie von Unruhe und Spannung erlöst, auf und sagte leise:
»Er kommt! Es ist Guntram Krafft!«
Gabriele erhob sich und trat eilig an das Fenster, um hinauszublicken.
»Ja, es ist der Graf!« -- rief sie der Burgfrau zu, und ihre Stimme klang nicht um einen Hauch erregter wie sonst.
* * * * *
XX.
Gabriele wollte das erste Wiedersehn zwischen Mutter und Sohn nicht stören, und da bereits der schwere, spornklirrende Schritt Guntram Kraffts auf den Steinstufen der Vortreppe ertönte und sie die Tür der Halle nicht mehr erreichen konnte, ohne von dem Eintretenden gesehen zu werden, blieb sie an dem Fenster stehen und blickte mit nicht gerade sympathischen Empfindungen dem jungen Mann entgegen.
Wie ungeniert und behaglich hatte man ohne ihn hier gelebt!
Nun wird selbstredend ein gewisser Wandel eintreten und das gemütliche Zusammensein beeinträchtigen.
Gabriele wird sich gern einem jeden Zwang fügen, welchen der Verkehr mit einem jungen Herrn mit sich bringt, wenn ihr der Bär von Hohen-Esp nur nicht mit dem anbetenden Entzücken begegnet, wie in der Residenz!
Das würde ihr furchtbar sein und ihren Aufenthalt hier unmöglich machen, und doch tät es ihr leid, von der Gräfin und der Burg hier zu scheiden.
Die Gräfin hat sie bereits sehr liebgewonnen, und das alte Bärennest ist just das, was auf ihr so poetisch veranlagtes Gemüt einen hohen Reiz ausübt!
Guntram Krafft als Freund -- wie schön wäre das! -- Als Bewerber um ihre Gunst und Liebe -- wie unerträglich! --
Mit heimlichem Seufzer schlingt sie die Hände ineinander und blickt der hohen Männergestalt entgegen, welche voll ungestümer Hast über die Schwelle tritt und mit ausgebreiteten Armen der Gräfin entgegeneilt.
Er hat den weichen Filzhut abgerissen, die blonden Haare fallen etwas wirr und von dem eiligen Ritt gefeuchtet in die Stirn, und auf dem heißgeröteten Antlitz liegt ein Ausdruck großer Angst und Sorge, welcher bei dem Anblick der Gräfin schwindet und einer beinahe leidenschaftlichen Zärtlichkeit Platz macht.
»Mutter! Du bist hier! Du liegst, Gott sei Lob und Dank, nicht zu Bett?«
Er ruft es mit halberstickter Stimme, neigt sich über den Sessel und schlingt die Arme um die Gräfin, zart und behutsam, wie man etwas sehr Zerbrechliches anfaßt.
Sein Blick sucht den ihren, und Gundula küßt seine Lippen, streicht über sein Haar und sagt innig: »Du guter Mensch! Bist du den ganzen Weg dahergejagt? Solltest dich ja nicht ängstigen, sondern nur heimkommen!«
Er läßt sich neben ihr auf das Knie nieder, nimmt ihre Hand zwischen die seinen und blickt noch immer besorgt zu ihr auf.
»Was fehlt dir, Mutter? -- Hast du schon zu dem Arzt geschickt? War es etwa wieder Atemnot, wie sie damals nach der Influenza kam?«
Gundula lächelt: »Ich werde alt, Guntram Krafft, und mag nicht mehr allein sein! So treu und lieb Gabriele mich auch hegt und pflegt, gegen die Sehnsucht hat auch sie noch kein Mittel entdeckt!« und die Sprecherin wendet plötzlich den Kopf: »Liebe Gabriele ... wo stecken Sie? -- Sind Sie noch im Zimmer?«
Das junge Mädchen hatte nachdenklich auf das schöne Bild vor dem lodernden Kaminfeuer geschaut. -- Ja, ein schönes Bild, und eine gerechtfertigte Angst und Sorge -- und doch schien sie Gabriele nicht männlich und imponierend! Hatte sie nur ein Vorurteil, daß sie in Guntram Krafft nie mehr erblickte, als wie das bange Muttersöhnchen, welches nach wie vor an der Schürze der Mutter hängt?
Ja, er gleicht dem Wulffhardt auf dem Bilde droben, aber welch anderer Charakter und Mut trotzt auf dem lachenden Gesicht jenes Vorfahren!
Jetzt, als die Gräfin ihren Namen ruft, schrickt er empor, erhebt sich und weicht jäh zurück. Nun wird er sie wieder anstarren, verlegen lächeln und erröten, wie damals in der Residenz.
Gabriele tritt langsam von dem Fenster herzu, reicht dem Grafen sehr gelassen die Hand und sagt zwar freundlich, aber doch sehr förmlich und kühl: »Ich freue mich, Sie wiederzusehen, Graf Hohen-Esp und hoffe, Sie gönnen mir ein Plätzchen an der Seite Ihrer Frau Mutter!«
Sie versucht sogar zu scherzen und ist ein wenig überrascht, daß Guntram Krafft nicht mit entzücktem Lächeln quittiert. Der aber berührt kaum ihre Hand in flüchtigem Gruß, verneigt sich sehr tief, ohne sie anzusehen und sagt so fest und ruhig, wie sie seine Stimme noch nie vernommen: »Ich danke Ihnen, mein gnädiges Fräulein, daß Sie den Opfermut besitzen, in diese Einsamkeit zu kommen und meiner teuren Mutter Gesellschaft zu leisten. Möchte Ihnen Hohen-Esp nicht allzu eintönig erscheinen!«
Und dann küßt er die Hand der Gräfin und bittet: »Gestatte, Mama, daß ich mich umkleide, der Ritt war eilig und der Weg grundlos! In kürzester Zeit stehe ich wieder zu deiner Verfügung!«
»Selbstverständlich, Guntram! Wir warten mit dem Abendbrot auf dich!«
Er verneigte sich noch einmal kurz und spornklirrend vor den Damen und schreitet durch die Halle zurück.
Nachdenklich blickt ihm Gabriele nach. Welch eine Veränderung ist in der äußeren Erscheinung des Grafen vor sich gegangen! Wie stattlich und markig sah er in diesem etwas verwilderten Reitkostüm aus, so ganz anders, wie in dem hocheleganten, gräßlichen Frack und den Lackschuhen, welche so geborgt und ungehörig an ihm aussahen. Gewiß wird er sich jetzt wieder als Dandy zurechtmachen und als sehr schicker, moderner Jüngling wiederkehren. --
Schade darum! --
Währenddessen stürmte Guntram Krafft die gewundene Holzstiege empor, nach seinen Zimmern.
Er stieß ungestüm ein Fenster auf und atmete wie ein Erstickender die kühle Abendluft.
Sein Herz hämmerte zum Zerspringen. Der qualvolle, gefürchtete Augenblick, das Wiedersehn mit Gabriele war überwunden, aber ihm deuchte es, als müßte dasselbe sichtbare Spuren in sein Antlitz gegraben haben. Er hatte es nicht für möglich gehalten, daß er ihre Hand halten, mit höflichen Worten zu ihr sprechen könne.
Er hatte gezittert vor seiner eigenen Schwäche, oder der wilden, leidenschaftlichen Heftigkeit, welche gegen dieselbe revoltierte.
Er glaubte, ihren Anblick nicht ertragen zu können, und hatte doch ruhig und ernst vor ihr gestanden und zu ihr geredet, ohne mit einer Wimper zu zucken.
Wie war das möglich gewesen?
Weil Gabriele selbst ihm so ruhig, so harmlos, so freundlich gelassen entgegenkam.
Da zuckte es ihm plötzlich durch den Sinn: »Du Narr! Warum erregst du dich? Warum fürchtest du es, ihr in die Augen zu sehen? Hast du es nicht auch in der Residenz getan? Und was ist seit jener Zeit anders geworden?«
Nichts!
Gabriele ahnt ja nichts von der Indiskretion, welche Thea an ihr begangen!
Sie läßt es sich nicht träumen, daß der kleine Zettel, auf welchem sie sich so grausam für ewige Zeit von dem ruhm- und tatenlosen Hohen-Esper lossagt, wie fressend Gift auf seiner Brust liegt!
Sie weiß es nicht, welche Qualen sein Herz um ihretwillen erduldet, wie es tropfenweise verblutet ist an dem ersten, großen, namenlos bitteren Leid, welches es erfahren.
Nein, davon ahnt und weiß sie nichts!
Guntram Krafft reckt sich plötzlich empor und drückt die Hände gegen die Brust, als sei ein eiserner Panzer, welcher sie eingepreßt, jählings zersprungen.
Er atmet hoch auf, -- er wirft das Haupt in den Nacken und schließt momentan die Augen.
Daß er sich darüber nicht schon früher klar geworden ist!
Gabriele kam völlig ahnungslos und harmlos hierher, er braucht weder ihr Mitleid noch ihren Spott zu fürchten.
Weiß sie denn, wie sehr, wie unaussprechlich er sie geliebt?
Nein! --
Weiß sie, daß er um ihretwillen die Residenz verließ, wie in wilder Flucht?
Nein! --
Dies alles liegt in seiner Brust versargt, und keines Menschen Seele wird es je erfahren. Was fürchtet er?
Warum will er auch jetzt noch vor ihr, der Ahnungslosen, fliehen?
Das Vergangene ist überwunden.
Daß Gabriele ihn nie lieben und nie heiraten wird, weiß er, und daß er viel zu stolz ist, um die Liebe als Almosen zu erbetteln, das weiß er auch.
»Ritter ... treue Schwesternliebe widmet euch dies Herz --«
Heißt es nicht so im Gedicht?
Und warum soll sie nicht als Schwester neben ihm hergehen, warum soll er künftighin noch mehr in ihr sehen, denn solch eine stille, freundliche, gleichmütige Schwester?
Um der Mutter willen, deren Herz sie auch schon bezaubert und gewonnen hat, -- um der armen, einsamen Mutter willen, muß er sich in das Unvermeidliche fügen.
Der Bär von Hohen-Esp lehnt sich weit vor in dem Fenster und blickt über die blühenden Obstbaumzweige hinweg, über die dunklen, schweigenden Wälder hinaus. Da hinten ... fern hinter den Wipfeln glänzt ein Streifen der See im silbernen Mondlicht! --
Wie hat Guntram Krafft sich in den stillen, einsamen Tagen von Walsleben nach ihrem Anblick gesehnt!
Voll leidenschaftlicher Innigkeit breitet er die Arme nach dem funkelnden Silberstreif aus.
»Du bist meine Geliebte, du blaue, herrliche, unergründliche See! Dir habe ich Treue gelobt, und dir halte ich sie! Auf deinem geheimnisvollen Grunde wohnen Nixen, die blicken aus denselben kristallhellen, wundersamen Augen wie Gabriele! Die haben Mitleid mit liebeskranken Menschenherzen und nehmen sie in die weißen Arme und betten sie drunten zu ewiger Ruhe, wenn ihnen das Leben zu schwer und unerträglich wird! -- Dich will ich lieben, du blaue See -- und du wirst den ruhm- und tatenlosen Mann von dir weisen!«
-- Und Guntram Krafft hob mit finster trotzigem Blick das Haupt, entzündete eine Kerze und warf bei ihrem Flackerlicht die bespritzten Kleider von sich.