Die Bären von Hohen-Esp: Roman

Part 16

Chapter 163,637 wordsPublic domain

Er schrak empor. »Ich danke Ihnen, Gräfin, daß Sie mir jetzt schon erfahren ließen, was mir später wohl noch schwerer angekommen wäre. Ich weiß, daß Sie mir gewiß lieber einen freundlichen Gruß überbracht hätten. Sie haben sich meiner so gütig angenommen, obwohl Ihnen mein Benehmen gewiß äußerst eigenartig erschien. Ich bin ein Fremdling hier, -- ich kenne Ihre Sitten so wenig und handelte nur so, wie es mir just in den Sinn kam. Bitte, vergessen Sie diese traurige kleine Episode.«

»Ich soll sie vergessen?« -- Thea neigte sich vor und sah ihm voll rührender Innigkeit in die Augen: »Nein, Graf, _Sie_ sollen vergessen, und zwar so schnell und so gründlich wie möglich! Blühen nicht so viele andere holde Blumen um Sie her? Warum muß es gerade die Königin Rose sein, welche an Ihrer Brust blühen soll? Glauben Sie mir, Graf, es ist eine traurige Tatsache, daß die schönsten Mädchen nicht immer die besten sind! Sie werden verwöhnt, eitel, egoistisch und tyrannisch, sie lassen sich von ihren Launen beherrschen und urteilen herzlos und oberflächlich ...«

Er hob mit beinahe flehendem Blick die Hand. »Rauben Sie mir nicht den Glauben an die Schönheit, Gräfin!« sagte er weich. »Wer sein Leben lang im Banne eines holden Märchens gestanden, findet sich so schwer mit der herben Wahrheit ab! -- Schön und gut war bislang ein unzertrennlicher Begriff für mich, -- -- und warum soll ein Weib, welches bis zur Schroffheit aufrichtig ist, nicht dennoch gut sein? -- Und nun reichen Sie mir Ihren Arm, Gräfin, das Souper scheint angekündigt zu sein, -- die alten Herren verlassen den Spieltisch!«

Thea erhob sich, -- das ironische Lächeln, welches um ihre Lippen spielte und welches der beinahe lächerlichen Sanftmut ihres schwärmerischen Partners galt, verlor sich.

»Ja, lassen Sie uns gehen! Der Sekt soll Sie auf heitere Gedanken bringen, und wenn die Flöten und Geigen wieder erklingen, wollen wir jedwedem Mißgeschick ein Schnippchen schlagen und uns doppelt und dreifach des Lebens freuen! Sie haben mir das Ehrenamt einer Vertrauten übertragen, Graf, und deren erste Verpflichtung ist es, ein trauriges Herz zu trösten und zu erheitern! =Carpe diem=!«

Sie nickte lustig dem Vortänzer, welcher in die Tür trat und winkte, zu, hing sich wie ein rosiges Flöckchen an den Arm ihres bärenhaften Tischherrn und schritt mit ihm, Triumph und Zuversicht im Herzen, zum Souper.

* * * * *

XVI.

So schweigsam wie Graf Hohen-Esp bei Tische war, so sprudelnd heiter und amüsant war seine Nachbarin.

Die kleine Ecke der langen Tafel war bald eine recht fidele, und Thea beobachtete es voll Genugtuung, daß Guntram Krafft energisch seine Mißstimmung bezwang und, wenn auch nicht fröhlich, so doch etwas gesprächiger wurde.

Als Komtesse Sevarille das Thema sehr geschickt auf die See lenkte und die umsitzenden Damen aufs eifrigste in ihr schwärmerisches Entzücken einstimmten, leuchtete es sogar in Guntram Kraffts ernsten Augen wie heiße Sehnsucht auf, und als man gar anfing, ihn um seemännische Dinge zu befragen und seinen Bemühungen, die Damen und Herren für das Rettungswesen Schiffbrüchiger zu interessieren, ein lebhaftes Verständnis entgegenbrachte, da bemächtigte sich seiner sogar eine gewisse freudige Erregung, welche für den Augenblick die Schatten von seiner Stirn scheuchte.

Dieses Gespräch währte freilich nicht lange, dazu war die Jugend zu übermütig gestimmt, ja, ein Referendar sagte sogar mit sehr tragischer Geste: »Es ist seltsam, daß man hier auf dem Festland so wenig Sinn und Teilnahme für das Rettungswesen hat! Die Küste mit all ihren drohenden Gefahren, ihrem >Seemann in Not< und ihrer schauerlich-schönen Sturmpoesie liegt den Leuten hier zu fern, um sie zu interessieren! Eine Gefahr, welche sie sich nicht vorstellen können, existiert nicht für sie, und ein Eisenbahnunglück wird ihnen stets mehr zu Herzen gehen wie eine Schiffskatastrophe. Für die Waisenkinder, das Blindenasyl und Findelhaus zahlt wohl jede Mutter gerührten Herzens ihr Scherflein, aber eine wackere Gesellschaft, welche manch tapfern Seehelden den Wogen entreißen und manch unglücklichen Schiffer von seinem Wrack einholen möchte, für die findet sich kaum eine offene Hand!« --

»Und wie not tun unserm Vaterlande gerade die guten, starken Hilfen am Strand!« nickte Guntram Krafft mit finsterm Blick; seine vergeblichen Besuche des heutigen Morgens, seine gescheiterten Bemühungen kamen ihm mit all ihrer niederdrückenden Erfolglosigkeit in das Gedächtnis zurück: »Deutschlands Zukunft ruht auf der See! und jeder gute Patriot sollte bemüht sein, im Sinne seines Kaisers zu handeln und dem Seewesen in vollem Umfang, sei es der Marine, dem Lotsen- und Rettungswesen oder den Seemannsheimen, sein tatkräftiges Interesse zuzuwenden! Hier tut Hilfe not! Hier trägt jede gute Tat ihren reichen Segen! Warum begeistern sich die deutschen Frauen so viel dafür, die Vergangenheit zu ehren, gründen Schiller- und Bismarckvereine -- und denken so wenig an die Zukunft ihres Vaterlands? Diese ist wichtiger wie alles andere! Einmal haben sich Deutschlands Frauen allerdings schon treu bewährt, haben das Schiff >Frauenlob< von dem Ertrag ihrer Sammlungen gebaut und es bewiesen, daß selbst die kleinste Hand kräftig genug ist, an Deutschlands Macht und Herrlichkeit mitzuarbeiten! Jetzt aber ist -- mit wenigen Ausnahmen -- so gut wie gar kein Interesse für die dringende Not an der Küste vorhanden, und doch steht unser Rettungswesen noch auf recht schwachen Füßen, obwohl gerade in letzter Zeit so manche Kunde über das tragische Schicksal Schiffbrüchiger wie ein mächtiger Hilfeschrei durch das Land hallte!«

Mit erstaunten Blicken hatte man den Sprecher gemustert, welcher in seiner Erregung ein Bild edlen Eifers schien und in nichts mehr an den ungewandten, tolpatschigen Bären von Hohen-Esp erinnerte!

Die Damen stimmten lebhaft zu und ließen nur zum Schluß die etwas ängstliche Frage laut werden: »Wer soll aber so etwas in die Hand nehmen?«

Und die Herren zuckten zweifelnd die Achseln und versicherten: »Das ist ja ganz unmöglich! Ein einzelner kann dabei gar nichts tun, wenn die Sache nicht von maßgebender Seite angeregt wird!«

Ein grimmes Lächeln zuckte um die Lippen Guntram Kraffts.

»Diese Antwort ist mir heute schon öfters geworden,« sagte er beinahe verächtlich, »und ich fürchte, ich werde sie noch mehrfach hören müssen. Gerade in dieser Ansicht liegt der Fehler, welchen alle begehen, weil keiner den Anfang machen will. Warum >von maßgebender Seite?< Dies ist die Schanze, hinter welcher sich die Tatenlosigkeit verkriecht! Wenn jeder einzelne und jede einzelne das Ihre täten, wäre uns geholfen.« --

Die letzten Worte verklangen bereits in dem Lärm, welchen das Zurückschieben der Stühle und die lebhaftere Konversation bei Aufbruch der Tafel verursachten -- der Graf von Hohen-Esp schwieg und verneigte sich vor seiner Dame, sie in den Saal zurückzuführen.

Thea flüsterte begeisterte Worte der Anerkennung zu ihm auf, sie versicherte, daß sie noch mehr über dieses Thema hören müsse, welches ihr bis jetzt unbegreiflicherweise noch so fremd geblieben sei, -- der Graf aber schien zerstreut, weit ab mit allen Gedanken. Er sah seltsam verändert aus, er hatte so gar keine Ähnlichkeit mehr mit dem ehedem so linkischen, bei jedem Wort errötenden Jüngling, welchen die Spottlust der Großstädter den modernen Parzival genannt.

Er neigte flüchtig den Kopf.

»Ich tanze keinen Walzer, Komtesse, gestatten Sie, daß ich Ihnen einen zuverlässigeren Tänzer besorge!«

»O nicht doch -- ich möchte tausendmal lieber mit Ihnen plaudern, Graf! Jener Platz am Fenster dort ist so gemütlich ...«

Er schien ihre Worte zu überhören, wandte sich zu einem seiner Tischnachbarn, welcher keine Dame geführt hatte, und bat ihn, bei Komtesse Sevarille zum Tischwalzer für ihn einzutreten, da er nicht tanze.

»Selbstverständlich, mit größtem Vergnügen!« versicherte der Angeredete, nachdem er den Grafen ein wenig erstaunt gemustert hatte, verneigte sich vor der jungen Dame und flog auf wiegenden Klängen mit Thea davon.

Guntram Krafft aber wandte sich kurz um und schritt dem Ausgang zu.

Er dachte nicht daran, ob er sich verabschieden müsse oder nicht; es gingen verschiedene Damen und Herren schon jetzt nach dem Souper. So ging auch er, nahm hastig Pelz und Hut und trat in die kalte, stürmische Winternacht hinaus.

Seine Verpflichtungen gegen Thea hatte er erfüllt, nun hielt ihn nichts mehr. Wie ein Verdürstender atmete er die klare, kalte Luft, -- sein gequältes Herz hämmerte in der Brust, und seine Augen brannten so heiß, als glühten ungeweinte Tränen darin. Welch eine Beherrschung hatte die letzte Stunde von ihm verlangt!

Als er Gabrieles Worte gelesen, war es ihm zumute wie einem Menschen, welchem das Glück jählings aus den Händen gleitet und in Scherben zerbricht.

Es war der erste große, leidenschaftliche Schmerz, welcher sein Herz traf, es war die erste tiefe, unaussprechlich wehe Wunde, welche ihm geschlagen ward.

Seine Seele, welche bisher nichts anderes gekannt hatte als den stillen Frieden der Heimat, als die Treue, Liebe und Aufrichtigkeit der Seinen, sie lernte zum erstenmal alle Bitterkeit einer Enttäuschung, alle Qual einer hoffnungslosen, unerwiderten Neigung kennen.

Wie Feuer brannte der kleine Zettel auf seiner Brust, wie verzehrendes Feuer glühte ihm das Leid im Herzen.

Jetzt erst, nachdem er Gabriele für immer verloren, begriff er es, wie voll, wie ganz und innig er sein Herz an sie gehängt hatte. So auf den ersten Blick! --

So gläubig und vertrauend wie ein Kind, welches die Schönheit in seinem Märchenbuch liebgewonnen und voll sehnenden Entzückens die Arme nach ihr ausbreitet, wenn sie ihm im Leben unverhofft begegnet. Welch ein schwerer, tosender Kampf in seinem Innern, nach all dem friedlichen Glück vergangener Jahre! --

Dazu kam die herbe Enttäuschung, welche er in der Angelegenheit seiner ersehnten Rettungsstation erfahren.

Dieser Mißerfolg allein hatte schon etwas sehr Niederdrückendes für ihn und trug auch noch dazu bei, seine Stimmung zu verdüstern.

Eine Mutlosigkeit, ein Widerwillen gegen Welt und Leben, wie er ihn zuvor kaum geahnt, überkam ihn plötzlich.

Die Luft in dem Ballsaal war so schwül, so heiß gewesen, die Menschen so ungewohnt, die Musik so schrill und laut.

Hier war es still und einsam in den verschneiten Parkanlagen, und der Wind sauste ihm so frisch und gewaltig entgegen, wie ein alter, treuer Freund, welcher in toller Wiedersehensfreude die Arme um ihn wirft, ihn reißt und schüttelt und ungestüm ruft: »Wo bleibst du so lange? Komm heim! Komm heim!«

Und über ihm das kahle Gezweig knarrt und greint wie Rahe und Segel ... und die fernen Wipfel rauschen wie brandende See ...

Da überkommt ihn ein wildes, unbändiges Heimweh! Ein übermächtiges Sehnen nach der stillen Heimat, nach allem, was er liebt und was auch ihm in treuer, schlichter Liebe ergeben ist!

Guntram Krafft breitet jählings die Arme aus und stöhnt aus tief verwundetem Herzen: »Heim! -- ja, ich will heim! -- Was soll ich noch hier? Meines Schicksals Würfel sind gefallen. Ich bin kein Held! -- Nie und nimmer mehr wird Gabriele mir ihre Liebe schenken ... was hält mich noch hier?«

Und er stürmt mit hämmernden Pulsen in das Hotel und kündet dem äußerst betroffenen Anton an, daß er die Koffer packen solle, -- am nächsten Tage kehre er nach Hohen-Esp zurück.

»Herr Graf!« stottert der alte Mann mit sorgenvoll prüfendem Blick in das verstörte Gesicht seines Herrn: »Was wird Ihre Gnaden, die Frau Gräfin sagen?«

»Gleichviel. -- Ich reise heim.«

Anton hört es dem halberstickten Klang der Stimme an, hier gibt es kein Widersprechen. Was mag geschehen sein?

Eine Dame ist wohl nicht im Spiel, -- es ist allein der Ärger über die Mißerfolge bei dem Minister und Geheimen Rat, -- der Graf sprach ihm ja selber davon, wie wenig Verständnis und Teilnahme er für sein Projekt finde.

Man nimmt den Bären von Hohen-Esp nicht ernst, man legt den Worten und Wünschen des verbauerten Krautjunkers keinen Wert bei!

»Haben der Herr Graf daran gedacht, daß wir zuvor Abschiedsbesuche machen müssen?«

»Ja; ich bestellte bereits bei dem Portier den Wagen. Wir werfen nur Karten ab; einzig bei der Gräfin Sevarille wünsche ich gemeldet zu sein. Ich werde jetzt noch die neu eingelaufenen Einladungen beantworten.«

Und der Graf wirft Pelz und Hut ungeduldig ab und tritt mit umwölkter Stirn in das Nebenzimmer.

Dort sitzt er und erledigt voll nervöser Hast die Einladungen.

Es ist schon spät in der Nacht, -- Anton lugt besorgt durch die Tür.

Da sieht er Guntram Krafft über einen kleinen zerknitterten Zettel geneigt, das Antlitz bleich und verfallen, wie bei einem Kranken. »Wollen Herr Graf nicht zur Ruhe gehen?«

Er schrickt empor, streicht langsam über die Stirn und nickt.

»Du hast recht, -- ich gehe.«

Er ging -- aber den Zettel nahm er mit sich. -- -- --

Am nächsten Morgen wurden in großer Eile die Besuche abgefahren.

Da es eine ungewöhnlich frühe Stunde war, nahm Gräfin Sevarille noch keine Besuche an.

»Frau Gräfin sind bei der Toilette, und Komtesse schlafen noch.«

Guntram Krafft nickte. »Weiter!« befahl er kurz. --

In seiner großen Harmlosigkeit fiel es ihm nicht einen Augenblick auf, daß Gräfin Thea ebenso großstädtisch lange schlief, wie ihre Freundin Gabriele, -- und sie hatte das doch gestern abend noch so scharf verurteilt. Zum Bahnhof! Fort! Fort von hier! -- Er stirbt vor Sehnsucht nach der Heimat.

Der Zug setzt sich langsam in Bewegung und fährt in den kalten, nebligen Wintermorgen hinein, und als die Häuser und Türme der Stadt hinter dem modernen Parzival versinken, da atmet er tief auf, wie erlöst von einer unseligen Last. --

Da wird es allmählich wieder still und ruhig in seinem Herzen, -- und als er endlich im Schlitten sitzt und durch die heimatlichen Wälder dahinjagt, als er mit aufleuchtendem Blick und weitgeöffneten Armen das bleigrau rollende Meer begrüßt ... da schaut er plötzlich um sich, wie ein Mensch, welcher aus tiefem Schlaf erwacht, wie ein Mensch, welchen ein böser, quälender Traum befangen hielt.

* * * * *

Gräfin Thea war nie so aufgeregt, so übellaunig und nervös von einem Balle heimgekehrt, wie von dem Tanzfest in dem Hotel St. Petersburg.

Ihre Augen brannten wie im Fieber, mit unsicheren Händen riß sie den Kranz aus ihrem Haar. --

Warum hatte der Graf das Fest so unvermittelt hastig, ohne ein Wort des Abschieds verlassen? --

Wohin ging er? --

Wird er tatsächlich verschwiegen sein?

Hat sie vielleicht zu kühn gehandelt? Sprach sie zu unbedacht die Unwahrheit und grub sich selber eine Grube? --

Wenn Gabriele nun gar nicht krank war? Wenn der Hohen-Esper vielleicht schon nähere Beziehungen zu Gabriele hatte, als sie ahnte? -- Wenn Frau von Sprendlingen des Grafen Bewerbung unterstützt hatte? --

Theas Zähne schlugen wie im Schüttelfrost zusammen.

Er war so seltsam verändert, als er den Zettel gelesen, -- auch gegen sie verändert, kühl, zerstreut ... zum Schluß, als er ohne Abschied ging, sogar unhöflich.

Zweifelte er an der Echtheit des Zettels? Wollte er der Wahrheit nachforschen? War der junge Bär doch nicht so naiv und harmlos, wie sie angenommen? Was soll daraus werden, wenn ihre Intrigue an den Tag kommt?

O, welch entsetzliche Blamage!

Thea wühlt das Gesicht in die Kissen und beißt vor Aufregung die Lippen blutig.

Wie im Fieber rasen neue Gedanken, neue Pläne durch ihr Hirn.

Wenn jede Schuld ihre Strafe in sich schließt, so erleidet sie Gräfin Thea in dieser dunklen, endlosen Nacht.

Sie schläft nicht, sie ist aufgeregt bis zum Wahnsinn. --

Erst spät am Morgen, als das Mädchen schon im Ofen das Feuer anzündet, schläft sie ein.

Und als sie erwacht, erhält sie die Nachricht, daß Graf Hohen-Esp bereits dagewesen sei. -- Sie starrt die Sprecherin an wie eine Vision.

»Er war hier?« -- Das klingt wie ein heiserer, jubelnder Aufschrei.

Sie preßt die Hände gegen die Schläfen, sie lacht jählings auf, wie aus Todesängsten erlöst. Dann macht sie in rasender Eile Toilette, frühstückt und geht in sehr gehobener Stimmung auf das Eis.

Als sie wiederkommt, sieht sie trotz der Kälte blaß und verstört aus.

Um ihre Augen liegen tiefe Schatten, und der Mund zeigt die Linien, welche man im ganzen Hause fürchtet, -- sie zeigen an, daß die Komtesse sich in höchst gereizter und schwer geärgerter Stimmung befindet.

Dann wirft und schleudert sie alles.

So auch jetzt.

Sie bringt zwei Neuigkeiten mit nach Hause.

Die erste ist die, daß Fräulein von Sprendlingen persönlich sehr wohl und gesund ist, daß aber ihr Vater, gerade, als er im Begriff stand, für das Tanzfest im Hotel St. Petersburg Toilette zu machen, von einem Schlaganfall getroffen wurde.

Er liegt seit gestern abend bewußtlos, und die Ärzte fürchten das Schlimmste.

Das würde Komtesse Sevarille ziemlich gleichgültig sein, im Gegenteil, wenn »die Königin der Feste«, Fräulein Gabriele, Trauer bekäme und keine Bälle besuchen könnte, würde es für die Freundin Thea nur vorteilhaft sein.

Aber die zweite Neuigkeit!

Graf Hohen-Esp ist Knall und Fall abgereist. Kein Mensch weiß warum. -- Man vermutet, daß er Nachrichten von zu Hause erhielt.

Ob er wiederkommen wird?

Viele behaupten »ja«, manche »nein«. -- Gräfin Thea weiß es genau, -- nein, er kommt nicht wieder. Und diese Überzeugung kann sie wütend machen -- wütend! -- Sie schließt sich in ihr Zimmer ein und tobt.

* * * * *

XVII.

General von Sprendlingen war begraben, und in der Residenz wurde nur ein einziges Thema besprochen, die finanzielle Lage seiner Gattin und Tochter.

Wie ein Lauffeuer war es durch die Stadt gegangen, daß der alte Herr infolge einer ungeheuren Aufregung den Schlaganfall erlitten hatte.

Viele behaupteten, es sei längst kein Geheimnis mehr gewesen, daß der pensionierte Offizier spekuliert hatte, um den Ausfall des hohen Gehaltes durch reichere Zinsen auszugleichen.

Seine Damen sowohl wie er selbst waren so sehr verwöhnt, ein Bankkrach hatte ihm vor kurzem schwere Verluste gebracht -- was Wunder, wenn der alte Herr dem Beispiel so vieler folgte, welche das Geld für sich arbeiten ließen, nachdem sie selber als verabschiedete Offiziere die Hände in den Schoß legen mußten?

Das Glück ist aber heutigentags noch dasselbe wetterwendische und launische Weib, welches es stets gewesen, und so wandte es Herrn von Sprendlingen treulos den Rücken, um seinen Goldregen über andere zu streuen, welche für den Augenblick seine Günstlinge waren.

Der General erhielt die verzweifelte Nachricht, daß alles verloren sei, just in dem Augenblick, als er sich anschickte, mit Frau und Tochter den Kavalierball im Hotel St. Petersburg zu besuchen, und sie traf ihn derart, daß er als ein zu Tode getroffener Mann unter ihr zusammenbrach.

Frau von Sprendlingen schien nicht ganz so unvorbereitet gewesen, wie man anfänglich angenommen; sie war gefaßter, als man glaubte, und Gabriele blickte so ruhig und zuversichtlich aus den tränenglänzenden Augen, daß man wohl annehmen konnte, ihre Zukunft sei durch eine nahe bevorstehende Heirat gesichert.

In Villa Monrepos vollzog sich voll grausamer Hast und Nüchternheit die traurige Wandlung, welche derartigen Ereignissen zu folgen pflegt. Die notwendige Auktion hatte stattgefunden, und die Damen bereiteten sich zur Abreise vor; denn da sie über keine weiteren Mittel als die karge Witwenpension verfügten, schien es fraglich, ob sie ein eigenes Heim in der Residenz gründen konnten. Vorläufig folgten sie der Einladung einer kinderlosen Verwandten, welche Frau von Sprendlingen und Gabriele für die Dauer des Trauerjahres zu sich gebeten hatte.

Zum letztenmal saßen Mutter und Tochter in den liebgewordenen Räumen, in welchen sie so viele, glückliche Jahre verlebt, beisammen. Von allen Seiten waren ihnen viele herzliche Zeichen von Liebe und Teilnahme geworden, und fast ununterbrochen kamen und gingen die Visiten, -- lauter gute Freunde, welche den so allgemein beliebten Damen vor dem Abschied noch die Hand drücken und ihnen Hilfe, Rat und Tat anbieten wollten. Frau von Sprendlingen stand am Fenster, und ihr erst so ruhiges, bleiches Antlitz sah plötzlich so verstört, so verzweifelt und verfallen aus, als sei eine letzte Hoffnung, welche sie im Herzen gehegt, für immer vernichtet worden.

In der ersten Zeit des Schmerzes und der Aufregung hatte sie an den Grafen von Hohen-Esp gedacht wie an einen Retter in der Not, welcher sicher kommen muß, das bitterste Elend von ihnen abzuwenden.

Sie hoffte von Tag zu Tag auf seinen Kondolenzbesuch, -- er blieb aus. --

Sie brachte es nicht über sich, nach ihm zu fragen, und so erfuhr sie erst heute zufällig durch eine befreundete Dame, daß Guntram Krafft am Morgen nach dem Hotelball Knall und Fall abgereist sei, ohne daß jemand einen Grund für diesen fluchtartigen Abschied wußte. Den Tod des Herrn von Sprendlingen habe er wohl gar nicht erfahren.

Tränen tiefster Hoffnungslosigkeit glänzten in den Augen der verwitweten Frau, und als Gabriele an ihre Seite trat, zärtlich den Arm um die Weinende zu legen, da schluchzte sie laut auf und flüsterte: »Ach, meine arme, arme Gabriele! Was soll nun aus dir werden?«

Das junge Mädchen hob das Antlitz wie in seligem Vertrauen zum Himmel, -- es sah in all dem Leid so verklärt und ruhig aus, als sei ihr nie ein Zweifel an dem Glück der Zukunft gekommen.

»Er liebt mich, Mama!«

»Wer?« --

Da senkte Gabriele das Köpfchen.

»Hans Heidler! -- O, Mütterchen, du ahnst es ja nicht, wieviel liebe Worte er mir noch auf dem letzten Hofball sagte, wie er mir die Hand drückte, wie unaussprechlich viel sein Auge mir gestand --«

»Sein Auge, aber nicht seine Zunge!« murmelte Frau von Sprendlingen bitter. -- »Gabriele, glaubst du wahrlich, daß Heidler je an Heiraten gedacht -- und daß er sogar _jetzt_ noch daran denkt?«

Das junge Mädchen atmete hoch auf, preßte wie in begeisterter Versicherung die Hände gegen die Brust und nickte.

»Ja, ich glaube es, ich weiß es bestimmt! Ein Mann, der so ritterlich, so heldenhaft, so edel ist wie Hans, betrügt kein Mädchenherz.«

»Sprachst du ihn nach Papas Tode?« --

»Ich sah ihn nur bei der Beerdigung! Aber die Weise, wie er mir die Hand küßte ... wie er mich ansah ...«

Frau von Sprendlingen machte eine ungeduldige Bewegung.

»O Kind! Kind!!«

»Er sagte mir, daß er in den nächsten Tagen kommen werde --«

»Aber er kam nicht!«

»Er wird kommen!«

»Morgen reisen wir ab!«

»So kommt er heute noch! Warum mißtraust du ihm so sehr, Mama? Warum zweifelst du an seiner Aufrichtigkeit?« --

Frau von Sprendlingen schlang krampfhaft die Hände ineinander. »Weil ich die Menschen besser kenne wie du, Kind!« sagte sie gepreßt.

»Du bist jetzt nervös und verbittert, Mamachen, du wirst einsehen, wie unrecht du ihm tust!«

Das scharfe Klingeln der Hausglocke drang zu ihnen herauf, -- Gabriele zuckte mit leuchtenden Augen empor, und auch die Baronin blickte wie in jäher Hoffnung nach der Tür. --

Nach wenigen Minuten stand der Portier auf der Schwelle, er hielt einen köstlichen Strauß von Orchideen und Tuberosen sowie eine Visitenkarte in der Hand.

»Eine schöne Empfehlung von dem Herrn Leutnant von Heidler, und er ließe den Damen herzlichst Lebewohl sagen und eine glückliche Reise wünschen! Der Herr Leutnant wäre gern selber noch vorgekommen, er ist aber zu seinem großen Bedauern verhindert!« --

Da die beiden Damen bleich und schweigend wie zwei Marmorsäulen vor ihm standen und keine Hand sich hob, den Strauß in Empfang zu nehmen, legte ihn der Sprecher seitlich auf den Tisch.