Die Bären von Hohen-Esp: Roman

Part 10

Chapter 103,627 wordsPublic domain

»Lies einmal die deutschen Heldensagen nach! Gamuret fiel im Kampf, hinterließ seine Gemahlin Herzeleide, welche an allem Glück ebenso verzweifelte, wie die Gräfin Gundula, und einen ganz jungen Sohn, den er ebensowenig heranwachsen sah, wie weiland Graf Friedrich Karl seinen Erben in der Bärenburg! Und so steht es nun wörtlich bei Gustav Schalk zu lesen: >O<, schluchzte Herzeleide und drückte den schönen Knaben Parzival voll Zärtlichkeit an das Herz, >O, sähen dich, du liebes Kind, die Augen deines Vaters, wie würden sie so innig lachen ob deiner Schönheit! Wehe, wehe uns beiden, daß er dahinfahren mußte! Dich aber will ich behüten vor solchen Fährlichkeiten. Du sollst nicht ein Ritter werden! Fern von der Welt sollst du aufwachsen und später als friedlicher Landmann den Acker bauen!<

... So! Und nun ziehe den Vergleich! Die Gräfin Gundula sprach gewiß ebenso, mit etlichen kleinen Veränderungen nur! >Wehe, daß er dahinfahren mußte nach Monte Carlo! -- Dich aber will ich vor solchen Versuchungen und Fährlichkeiten wahren, mein Guntram Krafft! Du sollst kein Leutnant werden, sondern fern in den Wäldern von Hohen-Esp aufwachsen und als friedlicher Landmann deinen Acker bebauen!<«

»Vortrefflich! Du weißt ja großartig Bescheid!«

»Seit ich in Bayreuth war, ist Parzival mein Liebling, mein Ideal, meine Leidenschaft!«

»Sehr begreiflich, denn der Bayreuther Parzival ist auch aller mütterlichen Schlappheit zum Trotz _doch_ ein Ritter geworden, hat Heldentaten getan und die Welt mit seines Namens Ruhm erfüllt, -- dahingegen Graf Guntram Krafft? Was tat er?«

»Er achtete und respektierte eine gramgebeugte Mutter zu sehr, um ihr durch trotziges Scheiden das Herz zu brechen, wie der >ritterliche< Parzival es tat!«

Gabriele zuckte die Achseln.

»Der gute Sohn! Wenn ihm Mutter Herzeleide von Hohen-Esp nur kein Taschenmesser mitgegeben hat, daß er sich hier in die Finger schneidet!«

»Spotte nur, Gabriele! Ich kenne ja deinen Widerwillen gegen Männer, welche sich nicht aus Patriotismus spießen und hängen lassen! Mag Graf Guntram Krafft in deinen Augen keine einzige von all jenen hohen Tugenden besitzen, welche du so gebieterisch forderst, -- _eins_ mußt du ihm dennoch zugestehen, daß er hübsch ist! Bildhübsch! Reichlich so schön wie jener Parzival, welcher auf den weltbedeutenden Brettern unter Schminke und Lampenlicht alle Welt bezauberte!«

Thea hatte mit beinahe schwärmerischer Ekstase gesprochen, sie preßte die Hände gegen die Brust und schaute träumerisch in das Schneetreiben hinaus, Gabriele aber lachte ein wenig erstaunt und schüttelte den Kopf.

»Du scheinst ihn gestern abend genauer angesehen zu haben wie ich! Fürerst finde ich es nur schade, daß so männlich edle Züge einen solch weichlich naiven Ausdruck tragen! Das kommt bei der Erziehung in Waldeinsamkeit heraus! Aber gleichviel, -- er gefällt dir! Und das ist viel Glück für den Bärenhäuter ...«

»Nenn' ihn nicht so, Gabriele! Du tust ihm unrecht, und ich mag es nicht hören!«

»Ei, ei! So gewaltig hast du schon Feuer gefangen? So ganz =prima vista= dich erobern lassen?!«

Komtesse Sevarille schlang leidenschaftlich den Arm um die Sprecherin und drückte ihr Gesichtchen mit den nervös bebenden Lippen an die Schulter der Freundin.

»Ach, Gabriele, du hast gut spotten und dich über einen neuauftauchenden Heiratskandidaten lustig machen!« sagte sie leise, sehr innig und sehr aufrichtig, »du Glückliche hast dein Teil erwählt, du wirst geliebt und liebst wieder! Wenn du es auch noch ableugnest, -- wir wissen es doch, daß du mit Heidler einig bist! Warum auch nicht? Wenn man so reich ist wie du, kann man sich den Luxus gestatten, den Löwen der Saison an die Rosenkette zu legen -- ich armes Wurm muß bescheidener sein und Gott danken, wenn es nur ein Bär ist, dessen Herz ich bändige! -- Und er gefällt mir schon jetzt so gut, dieser Bär! -- Gabriele! Du hast stets gesagt, daß du meine treue, aufrichtige Freundin bist, betätige es! Hilf mir, daß ich auch so glücklich werden möchte, wie du!« Ein seltsamer Ausdruck lag auf dem reizenden Antlitz mit den hellen Nixenaugen.

Gabriele sah aus, als wolle sie sagen: »Wie schnell hat sich schon eine gefunden, die dem Freier aus der Bärenhöhle mit offenen Armen entgegenläuft!« -- -- aber sie sprach ihr Empfinden nicht aus, kämpfte auch den Widerwillen, welcher sie überkam, nieder, und antwortete so freundlich, wie es ihr möglich war: »Wenn ich jemals etwas dazu tun kann, dir das Herz des Grafen zuzuwenden, so soll es gewiß geschehen, obwohl ich glaube und hoffe, daß er ohne fremdes Zutun solch einen guten Geschmack entwickeln wird! Was aber Heidler anbelangt« -- -- die Sprecherin erglühte bis auf den weißen Hals hinab, -- »so bist du gewaltig im Irrtum, wenn du glaubst, daß ein einziges Wort zwischen uns gefallen ist, was mehr besagt, wie freundschaftliches Interesse. Wir sind gute Kameraden, -- weiter nichts.« --

»Je nun, was noch nicht ist, wird desto sicherer werden! -- Apropos ... der Hohen-Esper fährt heute Besuche. -- War er schon hier, und habt Ihr ihn angenommen?«

Wieder brach ein lauernder Blick unter den dunklen Augen hervor und forschte in dem Antlitz des Fräulein von Sprendlingen, Gabriele aber griff gelassen nach ein paar Karten, welche zwischen den Büchern des Nebentischchens lagen und reichte sie dar.

»Vor einer halben Stunde schickte mir die Mama die Karten herüber, soviel ich weiß, hat sie den hohen Besuch empfangen, -- ich selber ließ mich entschuldigen, ich sei noch bei der Toilette!«

»Und spieltest Klavier? Du bist zum Totlachen, Gabriele! So etwas brächte keine andere fertig!« --

Mit beinahe gierigem Blick hafteten die Augen der Komtesse auf der Karte, sie war plötzlich sehr guter Laune, strahlend heiter und vergnügt. »Guntram Krafft, -- Graf Bär von Hohen-Esp«, las sie mit viel Pathos. »Wie entzückend das klingt! Das mußt du selbst eingestehen, Liebste!«

»Der kleinste Titel darunter würde mir mehr imponieren wie der ganze Namen!« klang es trocken zurück.

»Du bist unverbesserlich, aber himmlisch amüsant, ich bewundere dich! Doch nun =addio, cara mia=, ich muß heim!« -- und Thea schob die Visitenkarte in ihren Muff und griff hastig nach der Jacke.

»Bleib' doch noch! es gibt gewiß noch mancherlei zu berichten?!« --

Aber Komtesse Sevarille hatte es plötzlich sehr eilig.

»War der Graf denn schon bei euch?« fragte Gabriele noch zum Abschied.

Sie nickte flüchtig. »Die Tournee fängt ja meistens in unserer Straße an! -- Empfiehl mich bitte deiner lieben Mutter ... und nochmals -- =addio!=« --

Wie ein Schatten, schnell und lautlos, flog sie die Treppe hinab.

Auf der Straße überlegte sie einen Augenblick. Sie wußte genau, nach welcher Liste die Visiten zumeist abgefahren wurden, ihrer Berechnung nach mußte Graf Hohen-Esp jetzt bis zu dem Hause des Oberjägermeisters gekommen sein. Hastig schritt sie aus.

Ihr Gesicht sah so zufrieden und triumphierend aus wie selten zuvor.

Von weitem sah sie die Equipage, in welcher Guntram Krafft saß, in eine Nebenstraße einbiegen.

Vortrefflich! Auch sie wird einen Besuch bei der Oberjägermeisterin machen und noch einmal mit dem Grafen zusammentreffen, -- »doppelt genäht reißt nicht!« sagt ein altes Sprichwort, und außerdem möchte sie es dem Erben von Hohen-Esp nahe legen, daß sie heute nachmittag auf dem Eis zu treffen ist. Auch Gabriele wird sie nennen, -- als Lockvogel. --

* * * * *

X.

Der erste Hofball!

Die ganze Residenz ist voll Interesse und Anteilnahme.

Alter Tradition gemäß muß es an Hofballtagen besonders kalt sein, ein frisches, fröhliches Schneegestöber muß die Luft erfüllen, und die Parkbäume und Bosketts rings um das herzogliche Schloß herum haben die Verpflichtung, weiß bereift, wie ein glitzernder Zauberwald, das Auge zu erfreuen, denn niemals sieht der malerische Rokokobau schöner und märchenhafter aus, als wie mit strahlend erleuchteten Fenstern inmitten der verschneiten Winterlandschaft.

Dann malen die rotgelben Lichter ihre langzitternden Streifen über die weißen Samtdecken der Rasenflächen, werfen flimmernde Reflexe auf dem gefrorenen Teich und glühen wie starre Augen durch die immergrünen Taxushecken, welche ihre mannigfachen Schatten in den fleckenlosen Hermelin des Winters zeichnen. --

Pechfackeln schweben zu beiden Seiten der Einfahrt, wo ein mächtiges, eisernes Tor in kunstvoller Schmiedearbeit den inneren Schloßhof abschließt. Da staut sich die Menge und ist hochbefriedigt, einen Blick in das glänzend erleuchtete Vestibül zu werfen, wo mächtige Palmengruppen in feuchtwarmer Treibhausluft die verträumten Blattwedel über Marmorfiguren breiten.

Lakaien in roten Galaröcken, weißseidenen Strümpfen und Schnallenschuhen, mit gepudertem Haar und geschmeidig-gleitenden Bewegungen huschen her und hin, neigen sich tief vor den eintreffenden Gästen und stehen an den Windungen der Treppen, voll nachdenklicher Andacht auf all die köstlichen Schleppen herniederstarrend, welche wie ein farbenschillernder Strom mit leisem Knistern über die Purpurteppiche rauschen.

Guntram Krafft stand noch immer zögernd neben dem Sockel einer Karyatide und umfaßte mit staunendem Blick das üppige Bild, welches sich seinen Augen bot.

Was er sein Leben lang in den einsamen, sturmumbrausten Hallen und Gemächern von Hohen-Esp gesehen, glich so ganz und gar nicht dieser strahlenden Pracht, wie sie wohl in seinen Märchenbüchern geschildert war, wie sie sich seine Phantasie aber nun und nimmer vorzustellen vermocht. Welch ein Lichtgefunkel! Welch ein Meer von Kerzen! Daheim brannte höchstens das Bärenweibchen von der getäfelt-dunkeln Decke, oder schaukelte sich ein Öllämpchen in schwerem Kettengehäng, einem Fünkchen gleich, über den gewundenen Stiegen. Unter den Fischerdirnen gab es wohl junges, schmuckes Blut, solch eine Blütenlese reizender, vornehm-schlanker Mädchengestalten wie hier aber hatte er nie zuvor geschaut, und die süße, herzbetörende Poesie einer Balltoilette deuchte ihm vollends ein Rätsel, welches sein armer, nüchterner Verstand nicht zu lösen vermochte! --

Anton hatte ihm gesagt: »Nun möchte ich mir erlauben, dem Herrn Grafen einen guten Rat zu geben. Da wird heute so viel Neues und Fremdes auf Euer Gnaden einstürmen, daß es den Kopf verwirren muß!! Das darf aber nicht geschehen. Am besten wäre es, wenn der Herr Graf diesen ersten Ball nur mehr wie eine Schaustellung an sich vorübergehen ließen! Sie stellen sich auf irgendeinen hübschen Platz, sehen sich alles erst mal genau an, mustern die Damen und lassen sich ein bißchen über die einzelnen orientieren. Auf diesen großen Bällen ist es nicht nötig, daß man sich jeder einzelnen Person vorstellen läßt, nur den Kammerherren und Adjutanten müssen Sie Ihre Verbeugung machen; die stellen Sie dann den Staats- und Hofdamen, den Marschällen und dem Zeremonienmeister vor, und die sorgen dafür, daß der Herr Graf den hohen Herrschaften präsentiert werden! -- Alles hübsch in Ruhe und gemächlich! Man wird alles im Leben gewöhnt, auch das Leben und Treiben in Fürstenschlössern, und da Euer Gnaden noch nicht gut Bescheid wissen, so lernen Sie erst ein bißchen durch das Zusehen! Wenn man eine sichere Wand im Rücken hat, ist man stets gedeckt, und wenn man sich nicht in den Strom stürzt, kann man nicht darin ertrinken! -- Das nächste Mal mischen Sie sich dann schon mit viel ruhigerem Blut unter die Tanzenden, lernen die Damen kennen und amüsieren sich herrlich!«

Er hatte Antons Rat sicher sehr gut gefunden, befolgte ihn allsogleich und stand fürerst schon hier in der Treppenhalle still, um mit einem Gefühl der Verzauberung um sich zu schauen.

Langsam streifte er die Handschuhe an; das war eine gute Beschäftigung und ein schöner Vorwand, länger verweilen zu können.

Da schwebten sie an ihm vorüber, lachend und scherzend und die guten Bekannten begrüßend, all die wunderholden Frauen und Mädchen, mit schimmernd-weißen Nacken und Armen, welche ihm in ihrer indiskreten Nacktheit zuerst ganz betroffen das Blut in die Wangen getrieben.

Aber das Auge gewöhnt sich auch an das Ungewohnteste, und fürnehmlich, wenn es so sinnbetörend und hübsch ist, wie eine junge Dame in großer Toilette.

Nein, das waren nicht die schweren, düstern Wollfalten, welche daheim der Mutter majestätische Gestalt umwallen, nicht die schweren Düffel-, Fries- und Warpstoffe, in welche sich die Fischerfrauen des Dorfes kleiden, das waren Wolken von Duft und Glanz, von Schaum und silberglitzernden Spinngeweben, das war kaum noch Wirklichkeit, das war ein Traum!

Wie das glänzt und gleißt und rieselt von Atlas, Seide und Samt, -- wie die flaumigen Spitzen wogen, wie die Tüll-, die Gaze- und Florkleider wehen! -- Silber- und Goldstreisen darin, Metalltupfen und Tautropfen, welche blinken und zittern und doch nicht zerrinnen!

Blumen in allen Farben und Arten, zart eingeschmiegt in die Kreppwogen und in die reizend frisierten Haare, keine frischen, lebenden Blumen, wie Guntram Krafft zuerst geglaubt, sondern wunderbar täuschend nachgeahmt, mit Blättern und Knospen, Blüten, wie man sie in gleicher Schönheit kaum im Lenz beisammensieht! --

Und welch ein Gefunkel von Edelsteinen!

Über Nacken, Brust und Arme sind sie gestreut wie ein versteinerter Funkenregen, in allen Farben der Iris leuchtend, -- Diademe über der Stirn, goldene Spangen um die zarten Handgelenke, und wo die Frauenaugen besonders tief und schwärmerisch blicken, da glänzen die zauberschönen Schätze des Meeres, die Tränen der Nixen und Meerfrauen, welche die Menschen Perlen nennen!

Gar mancher Blick hat den Bär von Hohen-Esp gestreift, gar manch leises Wort ist über ihn gewechselt und manch rote Lippe hat seinen Namen genannt, -- auch hat des jungen Grafen Blick sich selber im hohen Wandspiegel gestreift und voll beinahe scheuer Unsicherheit sein fremdes Bild gemustert.

Er trägt zum erstenmal einen Frack -- die weiße Binde und Weste -- zum erstenmal die spiegelnden Lackschuhe an den Füßen.

In Hohen-Esp war solch ein Luxus unbekannt, und weil sich der Einsiedler aus der Bärenhöhle so ungewohnt darin vorkommt, fühlt er sich beklommen und geniert.

Die Zahl der Gäste lichtet sich, es scheint nun die höchste Zeit zu sein, die Säle zu betreten, und langsam steigt Guntram Krafft die Treppe empor.

Er mustert die überlebensgroßen Gemälde fürstlicher Ahnherrn an den Wänden, er atmet schwer und tief den berauschenden Duft, welcher ihn geheimnisvoll umweht. Sind es die Veilchen, welche Gabriele jüngst im Schlitten getragen? --

Wie haben seine Blicke Fräulein von Sprendlingen gesucht, -- wie zuckte sein Herz empor, als er sie noch im letzten Moment droben an der Treppenbiegung erblickte. Sie wandte just das Köpfchen und schaute zurück, ein paar jungen Damen drunten zuzunicken.

Ihr Blick streift auch ihn, -- aber so fremd, so kühl, als habe sie ihn nie im Leben gesehen.

Wieder überkommt ihn ein Gefühl banger Ungeduld.

Er sehnt sich danach, ihr vorgestellt zu werden, damit sie auch mit ihm plaudert und ihn abermals anlächelt wie damals auf der Straße, als er ihre schlanke Gestalt in den Armen emporhob und sie sekundenlang an seinem Herzen hielt. Bei dem Eingang an der Bildergalerie steht ein diensttuender Kammerherr, um die Ankommenden zu begrüßen.

Er tritt auch dem jungen Grafen sehr liebenswürdig entgegen, nennt seinen Namen und spricht seine Freude aus, wieder einen Vertreter der Familie von Hohen-Esp hier begrüßen zu dürfen.

Er spricht mit leiser Stimme, sehr höflich und verbindlich, dennoch liegt etwas Zeremonielles in seinem Wesen, und sein Händedruck ist mehr förmlich wie herzlich.

Er geleitet den Neuling auf höfischem Parkett bis zu dem nächsten Saal, welcher seinen Namen von den kostbaren alten Gobelins, die seine Wände schmücken, erhalten hat, und in welchem sich die tanzende Jugend bis zu dem Eintritt der hohen Herrschaften versammelt. Zwei Adjutanten in großer Uniform halten sich in der Nähe der Tür auf, treten eilig herzu, und der Kammerherr stellt ihnen den Grafen vor, mit der Bitte, ihn bei den jungen Damen bekannt zu machen.

Ein paar sehr liebenswürdige Worte der vielbeschäftigten Herren, welche Guntram Krafft mit der ehrlichen Versicherung, daß er sich freue, diesem Feste beiwohnen zu können, quittiert, und dann murmelt ein sehr junger Leutnant hinter ihm einen unverständlichen Namen und offeriert die silberne Schale mit den Tanzkarten.

Der Graf stellt sich seinerseits vor und nimmt eins der eleganten Kartonblätter, auf welchem unter dem farbigen Fürstenwappen eine Anzahl Tänze notiert ist, von welchen er kaum die Namen kennt.

»=The lancers=« -- »Menuett der Königin« -- »Ouadrille =à la cour=« -- nein, diese Kunstwerke sind ihm in Hohen-Esp fremd geblieben.

Polka und Walzer, -- ja, die hat er voll fröhlichen Übermuts bei dem Hauslehrer gelernt und zeitweise in der »blauen Woge« praktisch angewandt, wenn irgendein besonderes Fest die Anwesenheit des gräflichen Schirmvogts erforderte, -- er hat da unwillkürlich ebenso mitgetanzt wie die wetterharten Fischer, Matrosen und Seeleute es vorgemacht; und daß man in Lackschuhen, auf höfischem Parkett doch ein bißchen anders walzt wie in dem weltfremden Fischerdorf -- das sieht der Bär von Hohen-Esp nur allzugut ein. Er verzichtet darum darauf, zu engagieren, obwohl einer der Adjutanten sich mit ihm durch die Menge drängt und den Versuch macht, ihn den Damen vorzustellen.

Lauter fremde Gesichter, -- wie rosige Nebel wallt es vor den Augen des Grafen, er verneigt sich stumm und vermag kaum, die einzelnen jungen Mädchen mit dem Blick zu umfassen, geschweige all die Namen zu merken, welche, kaum verstanden, vor seinen Ohren schwirren.

Wozu auch? -- Er sucht nur ein einziges Antlitz, er lauscht nur auf einen einzigen Namen, und just darauf vergeblich.

Noch sind sie nicht weit gekommen, als ein lautes, hartes Klopfen auf dem Parkett ertönt, die lachenden, schwatzenden Stimmen wie mit Zauberschlag verstummen und die Damen hastig nach der einen Seite des Saales, die Herren nach der andern zurückweichen.

Adjutanten und Kammerherrn schreiten geschäftig »die Fronten« auf und ab, herüber und hinüber werden noch ein paar Scherzworte und Grüße getauscht, dann klopft es abermals, die vergoldeten Flügeltüren schlagen auf, und unter Vortritt der obersten Hofchargen betreten die hohen Gastgeber, von den Privatgemächern kommend, den Saal. --

Tiefe, feierliche Verbeugungen rechts und links.

Die Herrschaften grüßen voll gewinnendster Leutseligkeit, lächeln und schreiten langsam durch die spalierbildende Jugend.

»Bleibt die herzogliche Familie nicht anwesend?« fragt Guntram Krafft den jungen Leutnant, an dessen Seite er zufällig steht, ein wenig betroffen, als der Hof in der gegenüberliegenden Tür verschwindet, und der Angeredete klappt mit etwas wunderlichem Ausdruck in dem bartlosen Gesicht die Hacken zusammen.

»Herrschaften treten fürerst in den Thronsaal, um die älteren Damen und Herren zu begrüßen! Findet in der Regel kleiner Cercle statt, aber dann geht es sofort los! -- Werden uns gleich hier durch die Galerie in den Tanzsaal begeben. -- Haben der Herr Graf schon alle Tänze besetzt?«

»Nein! Noch nicht einen einzigen.«

»Ah ... fatal ... sind ein wenig spät gekommen, ist aber kein Mangel an Tänzerinnen! Im großen Saal läßt sich das erst richtig übersehen.«

»Ich möchte heut nicht tanzen, sondern das Fest nur als Schauspiel auf mich wirken lassen!«

»Sehr wohl! Ist auch kaum ein Vergnügen, auf einem wie ein Präsentierteller großen Raum zu tanzen! Furchtbare Fülle heut! Man findet sich kaum durch! Aber immerhin engagiert man, um ein wenig mit den Damen zu plaudern. Superbe Erscheinungen heute ... alle Stars sind vollzählig vertreten.«

»Wer gilt für die schönste der Damen?«

Der junge Offizier lacht: »=Mon Dieu=, Verehrtester, das ist schwer zu sagen! Der Geschmack ist unberechenbar! Da ist die Hofdame der verwitweten Prinzeß Amalie, -- Gräfin Dollen, eine vielgerühmte Schönheit, aber kühl ... kühl bis ans Herz hinan ... dann Fräulein von Lochau, pikant ... amüsant ... kapriziös.., Baronesse Sprendlingen, bezaubernd hübsch, aber rasend verwöhnt und anspruchsvoll ... Fräulein Karola von Erlau-Föhrbach, Tochter des Ministers ... ein Tanagra-Figürchen voll größten Charmes ... aber pardon ... wir wollen uns in den Tanzsaal begeben, damit die höchsten Herrschaften allzugleich das Zeichen zum Beginn des Tanzes geben können ... Sie gestatten, Herr Graf ...« und der Sprecher verneigt sich ein paarmal hastig nacheinander und schießt davon, um einer zierlichen kleinen Blondine den Arm zu bieten und sich dem »Zug nach dem Westen« anzuschließen.

Da hastet es abermals lachend und scherzend an ihm vorüber, und Guntram Krafft steht -- um eines Hauptes länger denn alles übrige Volk -- ruhig beiseite und überfliegt mit suchendem Blick die bunte Menge.

»Fräulein von Sprendlingen, -- bezaubernd hübsch, aber rasend verwöhnt und anspruchsvoll!« klingt es noch wie ein Echo vor seinen Ohren, und dann denkt er wie in jubelnder Freude daran, daß er nicht zu tanzen braucht, sondern auch eine Dame zum Plaudern engagieren kann.

Und wie er mechanisch über die Menge hinblickt, -- da zuckt er plötzlich empor und ahnt es nicht, daß ihm alles Blut in die Wangen steigt.

Dort taucht endlich, endlich Gabrieles Köpfchen auf. Sie scheint es nicht eilig zu haben, den Tanzsaal zu erreichen.

Sie hat einen großen, zartduftigen Marabu-Fächer entfaltet und bewegt ihn mechanisch vor dem Busen auf und nieder.

Die Spitzen des Ausschnitts wogen leise, wie ganz zarter, maigrüner Hauch, durch welchen sich ein Silbergekräusel zieht, und die wunderschönen Arme gleißen im Licht und sind ihm so bekannt ... ja, wo sah er sie schon?

Im Traum! Es sind die Arme jener Meerfrau, welche ihm die Perlenschnur entgegenreichten. Perlen!

Nein, diesmal träumt er nicht!

An ihrem schlanken Hals schimmern sie in mattem Glanz, eine Kette mit einem Brillantschloß ... und sie neigt den Nacken graziös zurück und lächelt zu einem Dragoneroffizier empor, welcher ihr gar schöne Worte zu sagen scheint.

Langsam, ganz langsam schreiten sie heran, als die letzten im Saal, und Guntram Krafft begreift es in dem Augenblick selber nicht, woher er den Mut nimmt, aber er steht in dem nächsten Augenblick vor den beiden, verneigte sich etwas linkisch und stammelt seinen Namen.

»Darf ich um einen Tanz bitten, mein gnädiges Fräulein?«

Sie schaut ihn mit den großen hellen Augen einen Moment sprachlos an, das Lächeln schwindet, ihre Lippen zucken ein Gemisch von Stolz und schroffer Abweisung.

»Bedaure, meine Tänze sind vergeben!« sagt sie kurz, klappt den Fächer zu und legt ihre Hand auf den Arm des Offiziers, um hastig weiterzuschreiten. Herr von Heidler hat seinen Namen ebenfalls mit kurzer Verneigung genannt und den Bär von Hohen-Esp mit etwas ironischem Blick gemustert, dann flüstert er seiner Tänzerin ein paar Worte zu, und beide entschwinden in die Galerie.

* * * * *

XI.

Einen Augenblick stand Guntram Krafft regungslos und starrte der entzückenden Erscheinung des jungen Mädchens nach.

Alles Blut, welches ihm zuvor nach dem Herzen gestürmt war, schoß ihm in die Wangen, und ein Gefühl tiefster Mutlosigkeit überkam ihn.

Er war viel zu harmlos und weltfremd, um in dem Benehmen der beiden eine Zurücksetzung oder Unhöflichkeit zu sehen; es erfüllte ihn nur mit tiefer Betrübnis, daß er zu spät gekommen war, und sein erster Gedanke war der, daß Gabriele wohl erwartet hatte, er werde früher den Weg zu ihr finden, um sie zu engagieren.

Fraglos war sie über sein langes Zögern ungehalten, denn zuvor hatte sie ihn doch nicht mit diesen stolz und kühl schimmernden Augen angesehen!

Sie lächelte ihm so wonnig zu, als er sie aus dem Schnee emporhob, und als sie zuerst in das Theater trat und seiner ansichtig wurde, da spiegelte es sich in ihrem Gesicht, daß sie ihn wiedererkannte, und abermals flog das süße, bezaubernde Lächeln um ihre Lippen. Nun zürnt sie ihm!

Wie soll er sich ihr wieder nähern, um sie zu versöhnen?

Er ist so fremd hier, unter all den vielen Menschen doch so allein.