Chapter 4
Baron (wie oben). Karoline! Sind Sie nicht hier? (Er steigt herein.) Stille! Wo bin ich? Dass ich nicht fehlgehe. Gleich dem Fenster gegenüber ist des Vaters Schlafzimmer, und hier rechts an der Wand die Türe in der Mädchen Kammer. (Er tappt an der Seite hin und trifft die Tür.) Hier ist sie, nur angelehnt. O, wie gut sich der blinde Kupido im Dunkeln zu finden weiß! (Er geht hinein.)
Breme. In die Falle! (Er schiebt die Blendlaterne auf, eilt nach der Kammertüre und stößt den Riegel vor.) So recht, und das Vorlegeschloss ist auch schon in Bereitschaft. (Er legt ein Schloss vor.) Und du, Nichtswürdige! So verrätst du mich?
Karoline. Mein Vater!
Breme. So heuchelst du mir Vertrauen vor?
Baron (inwendig). Karoline! Was heißt das?
Karoline. Ich bin das unglücklichste Mädchen unter der Sonne.
Breme (laut an der Türe). Das heißt: Dass Sie hier schlafen werden, aber allein.
Baron (inwendig). Nichtswürdiger! Machen Sie auf, Herr Breme, der Spaß wird Ihnen teuer zu stehen kommen.
Breme (laut). Es ist mehr als Spaß, es ist bitterer Ernst.
Karoline (an der Türe). Ich bin unschuldig an dem Verrat!
Breme. Unschuldig? Verrat?
Karoline (an der Türe kniend). O, wenn du sehen könntest, mein Geliebter, wie ich hier vor dieser Schwelle liege, wie ich untröstlich meine Hände ringe, wie ich meinen grausamen Vater bitte!--Machen Sie auf, mein Vater!--Er hört nicht, er sieht mich nicht an.--O, mein Geliebter, habe mich nicht im Verdacht, ich bin unschuldig!
Breme. Du unschuldig? Niederträchtige feile Dirne! Schande deines Vaters! Ewiger schändender Flecken in dem Ehrenkleid, das er eben in diesem Augenblicke angezogen hat. Steh auf, hör' auf zu weinen, dass ich dich nicht an den Haaren von der Schwelle wegziehe, die du, ohne zu erröten, nicht wieder betreten solltest. Wie! In dem Augenblick, da Breme sich den größten Männern des Erdbodens gleichsetzt, erniedrigt sich seine Tochter so sehr!
Karoline. Verstoßt mich nicht, verwerft mich nicht, mein Vater! Er tat mir die heiligsten Versprechungen.
Breme. Rede mir nicht davon, ich bin außer mir. Was! Ein Mädchen, das sich wie eine Prinzessin, wie eine Königin aufführen sollte, vergisst sich so ganz und gar? Ich halte mich kaum, dass ich dich nicht mit Fäusten schlage, nicht mit Füßen trete. Hier hinein! (Er stößt sie in sein Schlafzimmer.) Dies französische Schloss wird dich wohl verwahren. Von welcher Wut fühl' ich mich hingerissen! Das wäre die rechte Stimmung, um die Glocke zu ziehen.--Doch nein, fasse dich, Breme!-- Bedenke, dass die größten Menschen in ihrer Familie manchen Verdruss gehabt haben. Schäme dich nicht einer frechen Tochter und bedenke, dass Kaiser Augustus in ebendem Augenblick mit Verstand und Macht die Welt regierte, da er über die Vergehungen seiner Julie bittere Tränen vergoss. Schäme dich nicht, zu weinen, dass eine solche Tochter dich hintergangen hat; aber bedenke auch zugleich, dass der Endzweck erreicht ist, dass der Widersacher eingesperrt verzweifelt, und dass deiner Unternehmung ein glückliches Ende bevorsteht.
Sechster Auftritt (Saal im Schlosse, erleuchtet.)
Friederike mit einer gezogenen Büchse. Jakob mit einer Flinte.
Friederike. So ist's recht, Jakob, du bist ein braver Bursche. Wenn du mir die Flinte zurecht bringst, dass mir der Schulfuchs nicht gleich einfällt, wenn ich sie ansehe, sollst du ein gut Trinkgeld haben.
Jakob. Ich nehme sie mit, gnädige Gräfin, und will mein Bestes tun. Ein Trinkgeld braucht's nicht, ich bin Ihr Diener für ewig.
Friederike. Du willst in der Nacht noch fort? Es ist dunkle und regnicht; bleibe noch beim Jäger.
Jakob. Ich weiß nicht, wie mir ist; es treibt mich etwas fort. Ich habe eine Art von Ahnung.
Friederike. Du siehst doch sonst nicht Gespenster.
Jakob. Es ist auch nicht Ahnung, es ist Vermutung. Mehrere Bauern sind beim Chirurgus in der Nacht zusammengekommen; sie hatten mich auch eingeladen, ich ging aber nicht hin; ich will keine Händel mit der gräflichen Familie. Und jetzt wollt' ich doch, ich wäre hingegangen, damit ich wüsste, was sie vorhaben.
Friederike. Nun was wird's sein? Es ist die alte Prozessgeschichte.
Jakob. Nein, nein, es ist mehr! Lassen Sie mir meine Grille; es ist für Sie, es ist für die Ihrigen, dass ich besorgt bin. (Ab.)
Siebenter Auftritt Friederike, nachher die Gräfin und der Hofrat.
Friederike. Die Büchse ist noch, wie ich sie verlassen habe; die hat mir der Jäger recht gut versorgt. Ja, das ist auch ein Jäger, und über die geht nichts. Ich will sie gleich laden und morgen früh bei guter Tageszeit einen Hirsch schießen. (Sie beschäftigt sich an einem Tische, worauf ein Armleuchter steht, mit Pulverhorn, Lademaß, Pflaster, Kugel, Hammer und lädt die Büchse ganz langsam und methodisch.)
Gräfin. Da hast du schon wieder das Pulverhorn beim Licht; wie leicht kann eine Schnuppe herunterfallen. Sei doch vernünftig, du kannst dich unglücklich machen!
Friedericke. Lassen Sie mich, liebe Mutter, ich bin schon vorsichtig. Wer sich vor dem Pulver fürchtet, muss nicht mit Pulver umgehen.
Gräfin. Sagen Sie mir, lieber Hofrat, ich habe es recht auf dem Herzen: Könnten wir nicht einen Schritt tun, wenigstens bis Sie zurückkommen?
Hofrat. Ich verehre in Ihnen diese Heftigkeit, das Gute zu wirken und nicht einen Augenblick zu zaudern.
Gräfin. Was ich einmal für Echt erkenne, möchte' ich auch gleich getan sehn. Das Leben ist so kurz, und das Gute wirkt so langsam.
Hofrat. Wie meinen Sie denn?
Gräfin. Sie sind moralisch überzeugt, dass der Amtmann in dem Kriege das Dokument beiseite gebracht hat--
Friederike (heftig). Sind Sie's?
Hofrat. Nach allen Anzeigen kann ich wohl sagen, es ist mehr als Vermutung.
Gräfin. Sie glauben, dass er es noch zu irgendeiner Absicht verwahre?
Friederike (wie oben). Glauben Sie?
Hofrat. Bei der Verworrenheit seiner Rechnungen, bei der Unordnung des Archives, bei der ganzen Art, wie er diesen Rechtshandel benutzt hat, kann ich vermuten, dass er sich einen Rückzug vorbehält, dass er vielleicht, wenn man ihn von dieser Seite drängt, sich auf die andere zu retten und das Dokument dem Gegenteile für eine ansehnliche Summe zu verhandeln denkt.
Gräfin. Wie wär' es, man suchte ihn durch Gewinst zu locken? Er wünscht, seinen Neffen substituiert zu haben; wie wär' es, wir versprächen diesem jungen Menschen eine Belohnung, wenn er zur Probe das Archiv in Ordnung brächte, besonders eine ansehnliche, wenn er das Dokument ausfindig machte? Man gäbe ihm Hoffnung zur Substitution. Sprechen Sie ihn noch, ehe Sie fortgehen; indes, bis Sie wiederkommen, richtet sich's ein.
Hofrat. Es ist zu spät, der Mann ist gewiss schon zu Bette.
Gräfin. Glauben Sie das nicht. So alt er ist, passt er Ihnen auf, bis Sie in den Wagen steigen. Er macht Ihnen noch in völliger Kleidung seinen Scharrfuss und versäumt gewiss nicht, sich Ihnen zu empfehlen. Lassen wir ihn rufen.
Friederike. Lassen Sie ihn rufen, man muss doch sehen, wie er sich gebärdet.
Hofrat. Ich bin's zufrieden.
Friederike (klingelt und sagt zum Bedienten, der hereinkommt). Der Amtmann möchte doch noch einen Augenblick herüberkommen!
Gräfin. Die Augenblicke sind kostbar. Wollen Sie nicht indes noch einen Blick auf die Papiere werfen, die sich auf diese Sache beziehen? (Zusammen ab.)
Achter Auftritt Friederike allein, nachher der Amtmann.
Friederike. Das will mir nicht gefallen. Sie sind überzeugt, dass er ein Schelm ist, und wollen ihm nicht zu Leibe. Sie sind überzeugt, dass er sie betrogen, ihnen geschadet hat, und wollen ihn belohnen. Das taugt nun ganz und gar nichts. Es wäre besser, dass man ein Exempel statuierte. --Da kommt er eben recht.
Amtmann. Ich höre, dass des Herrn Hofrats Wohlgeboren noch vor ihrer Abreise mir etwas zu sagen haben. Ich komme, dessen Befehle zu vernehmen.
Friederike (indem sie die Büchse nimmt). Verziehen Sie einen Augenblick, er wird gleich wieder hier sein. (Sie schüttet Pulver auf die Pfanne.)
Amtmann. Was machen Sie da, gnädige Gräfin?
Friederike. Ich habe die Büchse auf morgen früh geladen, da soll ein alter Hirsch fallen.
Amtmann. Ei, ei! Schon heute geladen und Pulver auf die Pfanne, das ist verwegen! Wie leicht kann da ein Unglück geschehen.
Friederike. Ei was! Ich bin gern fix und fertig. (Sie hebt das Gewehr auf und hält es, gleichsam zufällig, gegen ihn.)
Amtmann. Ei, gnädige Gräfin, kein geladen Gewehr jemals auf einen Menschen halten! Da kann der Böse sein Spiel haben.
Friederike (in de vorigen Stellung). Hören Sie, Herr Amtmann, ich muss Ihnen ein Wort im Vertrauen sagen: --Das Sie ein erzinfamer Spitzbube sind.
Amtmann. Welche Ausdrücke, meine Gnädige!--Tun Sie die Büchse weg.
Friedericke. Rühre dich nicht vom Platz, verdammter Kerl! Siehst du, ich spanne, siehst du, ich lege an! Du hast ein Dokument gestohlen--
Amtmann. Ein Dokument? Ich weiß von keinem Dokumente.
Friederike. Siehst du, ich steche, es geht alles in der Ordnung, und wenn du nicht auf der Stelle das Dokument herausgibst oder mir anzeigst, wo es sich befindet, oder was mit ihm vorgefallen, so rühr' ich diese kleine Nadel, und du bist auf der Stelle mausetot.
Amtmann. Um Gottes willen!
Friederike. Wo ist das Dokument?
Amtmann. Ich weiß nicht--Tun Sie die Büchse weg--Sie könnten aus Versehen--
Friederike (wie oben). Aus Versehen oder mit Willen bist du tot. Rede, wo ist das Dokument?
Amtmann. Es ist--verschlossen.
Neunter Auftritt Gräfin. Hofrat. Die Vorigen.
Gräfin. Was gibt's hier?
Hofrat. Was machen Sie?
Friederike (immer zum Amtmann). Rühren Sie sich nicht, oder Sie sind des Todes! Wo verschlossen?
Amtmann. In meinem Pulte.
Friederike. Und in dem Pulte! Wo?
Amtmann. Zwischen einem Doppelboden.
Friederike. Wo ist der Schlüssel?
Amtmann. In meiner Tasche.
Friedericke. Und wie geht der doppelte Boden auf?
Amtmann. Durch einen Druck an der rechten Seite.
Friederike. Heraus den Schlüssel!
Amtmann. Hier ist er.
Friederike. Hingeworfen!
Amtmann (wirft ihn auf die Erde).
Friederike. Und die Stube?
Amtmann. Ist offen.
Friederike. Wer ist drinnen?
Amtmann. Meine Magd und mein Schreiber.
Friederike. Sie haben alles gehört, Herr Hofrat. Ich habe Ihnen ein umständliches Gespräch erspart. Nehmen Sie den Schlüssel, und holen Sie das Dokument. Bringen Sie es nicht zurück, so hat er gelogen, und ich schieße ihn darum tot.
Hofrat. Lassen Sie ihn mitgehen; bedenken Sie, was Sie tun.
Friederike. Ich weiß, was ich tue. Machen Sie mich nicht wild, und gehen Sie. (Hofrat ab.)
Gräfin. Meine Tochter, du erschreckst mich. Tu das Gewehr weg!
Friederike. Gewiss nicht eher, als bis ich das Dokument sehe.
Gräfin. Hörst du nicht? Deine Mutter befiehlt's.
Friederike. Und wenn mein Vater aus dem Grabe aufstünde, ich gehorchte nicht.
Gräfin. Wenn es losginge!
Friederike. Welch Unglück wäre das?
Amtmann. Es würde Sie gereuen.
Friederike. Gewiss nicht. Erinnerst du dich noch, Nichtswürdiger, als ich vorm Jahr im Zorn nach dem Jägerburschen schoss, der meinen Hund prügelte, erinnerst du dich noch, da ich ausgescholten wurde, und alle Menschen den glücklichen Zufall priesen, der mich hatte fehlen lassen, da warst du's allein, der hämisch lächelte und sagte: Was wär' es denn gewesen? Ein Kind aus einem vornehmen Hause! Das wäre mit Geld abzutun. Ich bin noch immer ein Kind, ich bin noch immer aus einem vornehmen Hause; so müsste das auch wohl mit Geld abzutun sein.
Hofrat (kommt zurück). Hier ist das Dokument.
Friederike. Ist es? (Sie bringt das Gewehr in Ruh.)
Gräfin. Ist's möglich?
Amtmann. O, ich Unglücklicher!
Friederike. Geh! Elender! Dass deine Gegenwart meine Freude nicht vergälle!
Hofrat. Es ist das Original.
Friederike. Geben Sie mir's. Morgen will ich's den Gemeinden selbst zeigen und sagen, dass ich's ihnen erobert habe.
Gräfin (sie umarmend). Meine Tochter.
Friederike. Wenn mir der Spaß nur die Lust an der Jagd nicht verdirbt. Solch ein Wildpret schieß' ich nie wieder!
Fünfter Aufzug (Nacht, trüber Mondschein.)
Das Theater stellt einen teil des Parks vor, der früher beschrieben worden. Raue steile Felsenbänke, auf denen ein verfallenes Schloss. Natur und Mauerwerk ineinander verschränkt. Die Ruine, sowie die Felsen mit Bäumen und Büschen bewachsen. Eine dunkle Kluft deutet auf Höhlen, wo nicht gar unterirdische Gänge.
Frederike, Fackel tragend, die Büchse unterm Arm, Pistolen im Gürtel, tritt aus der Höhle, umherspürend. Ihr folgt die Gräfin, den Sohn an der Hand. Auch Luise. Sodann der Bediente, mit Kästchen beschwert. Man erfährt, dass von hier ein unterirdischer Gang zu den Gewölben des Schlosses reicht, dass man die Schlosspforten gegen die andringenden Bauern verriegelt, dass die Gräfin verlangt habe, man solle ihnen aus dem Fenster das Dokument ankündigen und zeigen und so alles beilegen. Friederike jedoch sei nicht zu bewegen gewesen, sich in irgendeine Kapitulation einzulassen, noch sich einer Gewalt, selbst nach eigenen Absichten, zu fügen. Sie habe vielmehr die Ihrigen zur Flucht genötigt, um auf diesem geheimen Wege ins Freie zu gelangen und den benachbarten Sitz eines Anverwandten zu erreichen. Eben will man sich auf den Weg machen, als man oben in der Ruine Licht sieht, ein Geräusch hört. Man zieht sich in die Höhle zurück.
Herunter kommen Jakob, der Hofrat und eine Partei Bauern. Jakob hatte sie unterwegs angetroffen und sie zugunsten der Herrschaft zu bereden gesucht. Der Wagen des wegfahrenden Hofrats war unter sie gekommen. Dieser würdige Mann verbindet sich mit Jakob und kann das Hauptargument, dass der Originalrezess gefunden sei, allen übrigen Beweggründen hinzufügen. Die aufgeregte Schar wird beruhigt, ja sie entschließt sich, den Damen zu Hilfe zu kommen.
Friederike, die gelauscht hat, nun von allem unterrichtet, tritt unter sie, dem Hofrat und dem jungen Landmann sehr willkommen, auch den übrigen durch die Vorzeigung des Dokuments höchst erwünscht.
Eine früher ausgesendete Patrouille dieses Trupps kommt zurück und meldet, dass ein Teil der Aufgeregten vom Schlosse her im Anmarsche sei. Alles verbirgt sich, teils in die Höhle, teils in Felsen und Gemäuer.
Breme mit einer Anzahl bewaffneter Bauern tritt auf, schilt auf den Magister, dass er außen geblieben, und erklärt die Ursache, warum er einen teil der Mannschaft in den Gewölben des Schlosses gelassen und mit dem andern sich hieher verfügt. Er weiß das Geheimnis des unterirdischen Ganges und ist überzeugt, dass die Familie sich darein versteckt, und dies gibt die Gewissheit, ihrer habhaft zu werden. Sie zünden Fackeln an und sind im Begriff, in die Höhle zu treten. Friederike, Jakob, der Hofrat erscheine in dem Augenblicke, bewaffnet, sowie die übrige Menge.
Breme sucht der Sache eine Wendung durch Beispiele aus der alten Geschichte zu geben und tut sich auf seine Einfälle viel zugute, da man sie gelten lässt, und als nun das Dokument auch hier seine Wirkung nicht verfehlt, so schließt das Stück zu allgemeiner Zufriedenheit. Die vier Personen, deren Gegenwart einen unangenehmen Eindruck machen könnte: Karoline, der Baron, der Magister und der Amtmann, kommen nicht mehr zum Vorschein.
Ende dieses Projekt Guetnberg Etextes Die Aufgeregten, von Johann Wolfgang von Goethe.