Chapter 2
Albert. Hat sie nicht den großen Garten und die Wasserfälle anlegen lassen, worüber ein paar Mühlen haben müssen weggekauft werden? Das getraut sie sich alles in Vormundschaft zu tun, aber das Rechte, das Billige, das getraut sie sich nicht.
Breme. Albert, du bist ein wackerer Mann; so hör' ich gern reden, und ich gestehe wohl, wenn ich von unserer gnädigen Gräfin manches Gute genieße und deshalb mich für ihren untertänigen Diener bekenne, so möcht' ich doch auch darin meinen König nachahmen und euer Sachwalter sein.
Peter. Das wäre recht schön. Macht nur, dass unser Prozess bald aus wird!
Breme. Das kann ich nicht, das müsst ihr.
Peter. Wie wäre denn das anzugreifen?
Breme. Ihr guten Leute wisst nicht, dass alles in der Welt vorwärts geht, dass heute möglich ist, was vor zehn Jahren nicht möglich war. Ihr wisst nicht, was jetzt alles unternommen, was alles ausgeführt wird.
Martin. O ja, wir wissen, dass in Frankreich jetzt wunderliches Zeug geschieht.
Peter. Wunderliches und Abscheuliches!
Albert. Wunderliches und Gutes.
Breme. So recht, Albert, man muss das Beste wählen! Da sag' ich nun: Was man in Güte nicht haben kann, soll man mit Gewalt nehmen.
Martin. Sollte das gerade das beste sein?
Albert. Ohne Zweifel.
Peter. Ich dächte nicht.
Breme. Ich muss euch sagen, Kinder: Jetzt oder niemals!
Albert. Da dürft Ihr uns in Wiesengruben nicht viel vorschwatzen; dazu sind wir fix und fertig. Unsere Leute wollten längst rebellern; ich habe nur immer abgewehrt, weil mir Herr Breme immer sagte, es sei noch nicht Zeit, und das ist ein gescheiter Mann, auf den ich Vertrauen habe.
Breme. Gratias, Gevatter, und ich sage euch: Jetzt ist es Zeit.
Albert. Ich glaub's auch.
Peter. Nehmt mir's nicht übel, das kann ich nicht einsehen; denn, wenn's gut Aderlassen ist, gut Purgieren, gut Schröpfen, das steht im Kalender, und darnach weiß ich mich zu richten; aber wenn's just gut Rebellern sei, das, glaub' ich, ist viel schwerer zu sagen.
Breme. Das muss unsereiner verstehen.
Albert. Freilich versteht Ihr's.
Peter. Aber sagt mir nur, woher's eigentlich kommt, dass Ihr's besser versteht als andere gescheite Leute?
Breme (gravitätisch). Erstlich, mein Freund, weil schon vom Großvater an meine Familie die größten politischen Einsichten erwiesen. Hier dieses Bildnis zeigt euch meinen Großvater Hermann Breme von Bremenfeld, der, wegen großer und vorzüglicher verdienste zum Bürgermeister seiner Vaterstadt erhoben, ihr die größten und wichtigsten Dienste geleistet hat. Dort schwebt sein Andenken noch in Ehren und Segen, wenngleich boshafte, pasquillantische Schauspieldichter seine großen Talente und gewisse Eigenheiten, die er an sich haben mochte, nicht sehr glimpflich behandelten. Seine tiefe Einsicht in die ganze politische und militärische Lage von Europa wird ihm selbst von seinen Feinden nicht abgesprochen.
Peter. Es war ein hübscher Mann, er sieht recht wohlgenährt aus.
Breme. Freilich genoss er ruhigere Tage als sein Enkel.
Martin. Habt Ihr nicht auch das Bildnis Eures Vaters?
Breme. Leider, nein! Doch muss ich euch sagen: Die Natur, indem sie meinen Vater Jost Breme von Bremenfeld hervorbrachte, hielt ihre Kräfte zusammen, um euren Freund mit solchen Gaben auszurüsten, durch die er euch nützlich zu werden wünscht. Doch behüte der Himmel, dass ich mich über meine Vorfahren erheben sollte; es wird uns jetzt viel leichter gemacht, und wir können mit geringern natürlichen Vorzügen eine große Rolle spielen.
Martin. Nicht zu bescheiden, Gevatter!
Breme. Es ist lautre Wahrheit. Sind nicht jetzt der Zeitungen, der Monatsschriften, der fliegenden Blätter so viel, aus denen wir uns unterrichten, an denen wir unsern Verstand üben können! Hätte mein seliger Großvater nur den tausendsten Teil dieser Hilfsmittel gehabt, er wäre ein ganz anderer Mann geworden. Doch, Kinder, was rede ich von mir! Die Zeit vergeht, und ich fürchte, der Tag bricht an. Der Hahn macht uns aufmerksam, dass wir uns kurz fassen sollen. Habt ihr Mut?
Albert. An mir und den Meinigen soll's nicht fehlen.
Peter. Unter den Meinigen findet sich wohl einer, der sich an die Spitze stellt; ich verbitte mir den Auftrag.
Martin. Seit den paar letzten Predigten, die der Magister hielt, weil der alte Pfarrer so krank liegt, ist das ganze große Dorf hier in Bewegung.
Breme. Gut! So kann was werden. Ich habe ausgerechnet, dass wir über sechshundert Mann stellen können. Wollt ihr, so ist in der nächsten Nacht alles getan.
Martin. In der nächsten Nacht?
Breme. Es soll nicht wieder Mitternacht werden, und ihr sollt wieder haben alles, was euch gebührt, und mehr dazu.
Peter. So geschwind? Wie wäre das möglich?
Albert. Geschwind oder gar nicht.
Breme. Die Gräfin kommt heute an, sie darf sich kaum besinnen. Rückt nur bei einbrechender Nacht vor das Schloss und fordert eure Rechte, fordert eine neue Ausfertigung des alten Reverses, macht euch noch einige kleine Bedingungen, die ich euch schon angeben will, lasst sie unterschreiben, lasst sie schwören, und so ist alles getan.
Peter. Vor einer solchen Gewalttätigkeit zittern mir Arm' und Beine.
Albert. Narr! Wer Gewalt braucht, darf nicht zittern.
Martin. Wie leicht können sie uns aber ein Regiment Dragoner über den Hals ziehen. So arg dürfen wir's doch nicht machen. Das Militär, der Fürst, die Regierung würden uns schön zusammenarbeiten.
Breme. Gerade umgekehrt. Das ist's eben, worauf ich fuße. Der Fürst ist unterrichtet, wie sehr das Volk bedruckt sei. Er hat sich über die Unbilligkeit des Adels, über die Langweiligkeit der Prozesse, über die Schikane der Gerichtshalter und Advokaten oft genug deutlich und stark erklärt, so dass man voraussetzen kann: Er wird nicht zurück, wenn man sich Recht verschafft, da er es selbst zu tun gehindert ist.
Peter. Sollte das gewiss sein?
Albert. Es wird im ganzen Lande davon gesprochen.
Peter. Da wäre noch allenfalls was zu wagen.
Breme. Wie ihr zu Werke gehen müsst, wie vor allen Dingen der abscheuliche Gerichtshalter beiseite muss, und auf wen noch mehr genau zu sehen ist, das sollt ihr alles noch vor Abend erfahren. Bereitet eure Sachen vor, regt eure Leute an und seid mir um Sechse beim Herrenbrunnen. Dass Jakob nicht kommt, macht ihn verdächtig; ja, es ist besser, dass er nicht gekommen ist. Gebt auf ihn acht, dass er uns wenigstens nicht schade; an dem Vorteil, den wir uns erwerben, wird er schon teilnehmen wollen. Es wird Tag; lebt wohl und bedenkt nur, dass, was geschehen soll, schon geschehen ist. Die Gräfin kommt eben erst von Paris zurück, wo sie das alles gesehn und gehört hat, was wir mit so vieler Verwunderung lesen; vielleicht bringt sie schon selbst mildere Gesinnungen mit, wenn sie gelernt hat, was Menschen, die zu sehr gedruckt werden, endlich für ihre Rechte tun können und müssen.
Martin. Lebt wohl, Gevatter, lebt wohl! Punkt Sechse bin ich am Herrenbrunnen.
Albert. Ihr seid ein tüchtiger Mann! Lebt wohl.
Peter. Ich will Euch recht loben, wenn's gut abläuft.
Martin. Wir wissen nicht, wie wir's Euch danken sollen.
Breme (mit Würde). Ihr habt Gelegenheit genug, mich zu verbinden. Das kleine Kapital zum Exempel von zweihundert Talern, das ich der Kirche schuldig bin, erlasst ihr mir ja wohl.
Martin. Das soll uns nicht reuen.
Albert. Unsere Gemeine ist wohlhabend und wird auch gern was für Euch tun.
Breme. Das wird sich finden. Das schöne Fleck, das Gemeindegut war und das der Gerichtshalter zum Garten einzäunen und umarbeiten lassen, das nehmt ihr wieder in Besitz und überlasst mir's.
Albert. Das wollen wir nicht ansehen, das ist schon verschmerzt.
Peter. Wir wollen auch nicht zurückbleiben.
Breme. Ihr habt selbst einen hübschen Sohn und schönes Gut; dem könnt' ich meine Tochter geben. Ich bin nicht stolz, glaubt mir, ich bin nicht stolz. Ich will Euch gern meinen Schwäher heißen.
Peter. Das Mamsellchen ist hübsch genug; nur ist sie schon zu vornehm erzogen.
Breme. Nicht vornehm, aber gescheit. Sie wird sich in jeden Stand zu finden wissen. Doch darüber lässt sich noch vieles reden. Lebt jetzt wohl, meine Freunde, lebt wohl!
Alle. So lebt denn wohl!
Zweiter Aufzug
Erster Auftritt (Vorzimmer der Gräfin. Sowohl im Fond als an den Seiten hängen adlige Familienbilder in mannigfaltigen geistlichen und weltlichen Kostümen.)
Der Amtmann tritt herein, und indem er sich umsieht, ob niemand da ist, kommt Luise von der andern Seite.
Amtmann. Guten Morgen, Demoiselle! Sind Ihro Exzellenz zu sprechen? Kann ich meine untertänigste Devotion zu Füßen legen?
Luise. Verziehen Sie einigen Augenblick, Herr Amtmann. Die Frau Gräfin wird gleich herauskommen. Die Beschwerlichkeiten der Reise und das Schrecken bei der Ankunft haben einige Ruhe nötig gemacht.
Amtmann. Ich bedaure von ganzem Herzen! Nach einer so langen Abwesenheit, nach einer so beschwerlichen Reise ihren einzig geliebten Sohn in einem so schrecklichen Zustande zu finden! Ich muss gestehen, es schaudert mich, wenn ich nur daran denke. Ihro Exzellenz waren wohl sehr alteriert?
Luise. Sie können sich leicht vorstellen, was eine zärtliche sorgsame Mutter empfinden musste, als sie ausstieg, ins Haus trat und da die Verwirrung fand, nach ihrem Sohne fragte und aus ihrem Stocken und Stottern leicht schließen konnte, dass ihm ein Unglück begegnet sei.
Amtmann. Ich bedaure von Herzen. Was finden Sie an?
Luise. Wir mussten nur geschwind alles erzählen, damit sie nicht etwas Schlimmeres besorgte; wir mussten sie zu dem Kinde führen, das mit verbundenem Kopf und blutigen Kleidern dalag. Wir hatten nur für Umschläge gesorgt und ihn nicht ausziehen können.
Amtmann. Es muss ein schrecklicher Anblick gewesen sein.
Luise. Sie blickte hin, tat einen lauten Schrei und fiel mir ohnmächtig in die Arme. Sie war untröstlich, als sie wieder zu sich kam, und wir hatten alle Mühe, sie zu überführen, dass das Kind sich nur eine starke Beule gefallen, dass es aus der Nase blutet, und dass keine Gefahr sei.
Amtmann. Ich möchte' es mit dem Hofmeister nicht teilen, der das gute Kind so vernachlässigt.
Luise. Ich wunderte mich über die Gelassenheit der Gräfin, besonders da er den Vorfall leichter behandelte, als es ihm in dem Augenblick geziemte.
Amtmann. Sie ist gar zu gnädig, gar zu nachsichtig.
Luise. Aber sie kennt ihre Leute und merkt sich alles. Sie weiß, wer ihr redlich und treu dient; sie weiß, wer nur dem Schein nach ihr untertäniger Knecht ist. Sie kennt die Nachlässigen so gut als die Falschen, die Unklugen sowohl als die Bösartigen.
Amtmann. Sie sagen nicht zu viel; es ist eine vortreffliche Dame, aber ebendeswegen! Der Hofmeister verdiente doch, dass sie ihn geradezu wegschickte.
Luise. In allem, was das Schicksal des Menschen betrifft, geht sie langsam zu Werke, wie es einem Großen geziemt. Es ist nichts schrecklicher als Macht und Übereilung.
Amtmann. Aber Macht und Schwäche sind auch ein trauriges Paar.
Luise. Sie werden der gnädigen Gräfin nicht nachsagen, dass sie schwach sei.
Amtmann. Behüte Gott, dass ein solcher Gedanke einem alten treuen Diener einfallen sollte! Aber es ist denn doch erlaubt, zum Vorteil seiner gnädigen Herrschaft zu wünschen, dass man manchmal mit mehr Strenge gegen Leute zu Werke gehe, die mit Strenge behandelt sein wollen.
Luise. Die Frau Gräfin! (Luise tritt ab.)
Zweiter Auftritt Die Gräfin im Negligé. Der Amtmann.
Amtmann. Euer Exzellenz haben zwar auf eine angenehme Weise, doch unvermutet Ihre Dienerschaft überrascht, und wir bedauern nur, dass Dieselben bei Ihrer Ankunft durch einen so traurigen Anblick erschreckt worden. Wir hatten alle Anstalten zu Dero Empfang gemacht: Das Tannenreisig zu einer Ehrenpforte liegt wirklich schon im Hofe; die sämtlichen Gemeinden wollten reihenweise an dem Wege stehen und Hochdieselben mit einem lauten Vivat empfangen, und jeder freute sich schon, bei einer so feierlichen Gelegenheit seinen Festtagsrock anzuziehen und sich und seine Kinder zu putzen.
Gräfin. Es ist mir lieb, dass die guten Leute sich nicht zu beiden Seiten des Wegs gestellt haben; ich hätte ihnen unmöglich ein freundlich Gesicht machen können und Ihnen am wenigsten, Herr Amtmann!
Amtmann. Wie so? Wodurch haben wir Euer Exzellenz Ungnade verdient?
Gräfin. Ich kann nicht leugnen, ich war sehr verdrießlich, als ich gestern auf den abscheulichen Weg kam, der gerade da anfängt, wo meine Besitzungen angehen. Die große Reise hab' ich fast auf lauter guten Wegen vollbracht, und eben, da ich wieder in das Meinige zurückkomme, find' ich sie nicht nur schlechter wie vorm Jahr, sondern so abscheulich, dass sie alle Übel einer schlechten Chaussee verbinden. Bald tief ausgefahren Löcher, in die der Wagen umzustürzen droht, aus denen die Pferde mit aller Gewalt ihn kaum herausreißen, bald Steine ohne Ordnung übereinander geworfen, dass man eine Viertelstunde lang selbst in dem bequemsten Wagen aufs unerträglichste zusammengeschüttelt wird. Es sollte mich wundern, wenn nichts daran beschädigt wäre.
Amtmann. Euer Exzellenz werden mich nicht ungehört verdammen; nur mein eifriges Bestreben, von Euer Exzellenz Gerechtsamen nicht das mindeste zu vergeben, ist Ursache an diesem üblen Zustande des Wegs.
Gräfin. Ich verstehe.--
Amtmann. Sie erlauben, Ihrer tiefen Einsicht nur anheim zu stellen, wie wenig es mir hätte ziemen wollen, den widerspenstigen Bauern auch nur ein Haarbreit nachzugeben. Sie sind schuldig, die Wege zu bessern, und da Euer Exzellenz Chaussee befehlen, sind sie auch schuldig, die Chaussee zu machen.
Gräfin. Einige Gemeinden waren ja willig.
Amtmann. Das ist eben das Unglück. Sie fuhren die Steine an; als aber die übrigen, widerspenstigen sich weigerten und auch jene widerspenstig machten, blieben die Steine liegen und wurden nach und nach, teils aus Notwendigkeit, teils aus Mutwillen, in die Gleise geworfen, und da ist nun der Weg freilich ein bisschen holprig geworden.
Gräfin. Sie nennen das ein wenig holprig?
Amtmann. Verzeihen Euer Exzellenz, wenn ich sogar sage, dass ich diesen Weg öfters mit vieler Zufriedenheit zurücklege. Es ist ein vortreffliches Mittel gegen die Hypochondrie, sich dergestalt zusammenschütteln zu lassen.
Gräfin. Das, gesteh' ich, ist eine eigne Kurmethode.
Amtmann. Und freilich, da nun eben wegen dieses Streites, welcher vor dem Kaiserlichen Reichskammergericht auf das eifrigste betrieben wird, seit einem Jahr an keine Wegebesserung zu denken gewesen, und überdies die Holzfuhren stark gehen, in diesen letzten Tagen auch anhaltendes Regenwetter eingefallen, so möchte denn freilich jemanden, der gute Chausseen gewohnt ist, unsere Straße gewissermaßen impraktikable vorkommen.
Gräfin. Gewissermaßen? Ich dächte ganz und gar.
Amtmann. Euer Exzellenz beleiben zu scherzen. Man kommt doch noch immer fort--
Gräfin. Wenn man nicht liegen bleibt. Und doch hab' ich an der Meile sechs Stunden zugebracht.
Amtmann. Ich, vor einigen Tagen, noch länger. Zweimal wurd' ich glücklich herausgewunden, das dritte Mal brach ein Rad, und ich musste mich noch nur so hereinschleppen lassen. Aber bei allen diesen Unfällen war ich getrost und gutes Muts; denn ich bedachte, dass Euer Exzellenz und Ihres Herrn Sohnes Gerechtsame salviert sind. Aufrichtig gestanden, ich wollte auf solchen Wegen lieber von hier nach Paris fahren, als nur einen Fingerbreit nachgeben, wenn die Rechte und Befugnisse meiner gnädigen Herrschaft bestritten werden. Ich wollte daher, Euer Exzellenz dächten auch so, und Sie würden gewiss diesen Weg nicht mit so viel Unzufriedenheit zurückgelegt haben.
Gräfin. Ich muss sagen, darin bin ich anderer Meinung, und gehörten diese Besitztümer mir eigen, müsste ich mich nicht bloß als Verwalterin ansehen, so würde ich über manche Bedenklichkeit hinausgehen, ich würde mein Herz hören, das mir Billigkeit gebietet, und meinen Verstand, der mich einen wahren Vorteil von einem scheinbaren unterscheiden lehrt. Ich würde großmütig sein, wie es dem gar wohl ansteht, der Macht hat. Ich würde mich hüten, unter dem Scheine des Rechts auf Forderungen zu beharren, die ich durchzusetzen kaum wünschen müsste, und die, indem ich Widerstand finde, mir auf lebenslang den völligen Genuss eines Besitzes rauben, den ich auf billige Weise verbessern könnte. Ein leidlicher Vergleich und der unmittelbare Gebrauch sind besser als eine wohl gegründete Rechtssache, die mir Verdruss macht, und von der ich nicht einmal den Vorteil für meine Nachkommen einsehe.
Amtmann. Euer Exzellenz erlauben, dass ich darin der entgegen gesetzten Meinung sein darf. Ein Prozess ist eine so reizende Sache, dass, wenn ich reich wäre, ich eher einige kaufen würde, um nicht ganz ohne dieses Vergnügen zu leben. (Amtmann tritt ab.)
Gräfin. Es scheint, dass er seine Lust an unsern Besitztümern büßen will.
Dritter Auftritt Gräfin. Magister.
Magister. Darf ich fragen, gnädige Gräfin, wie sie sich befinden?
Gräfin. Wie Sie denken können, nach der Alteration, die mich bei meinem Eintritt überfiel.
Magister. Es tat mir herzlich Leid; doch, hoff' ich, soll es von keinen Folgen sein. Überhaupt aber kann Ihnen schwerlich der Aufenthalt hier so bald angenehm werden, wenn Sie ihn mit dem vergleichen, den Sie vor kurzem genossen haben.
Gräfin. Es hat auch große Reize, wieder zu Hause bei den Seinigen zu wohnen.
Magister. Wie oftmals hab' ich Sie um das Glück beneidet, gegenwärtig zu sein, als die größten Handlungen geschahen, die je die Welt gesehen hat, Zeuge zu sein des seligen Taumels, der eine große Nation in dem Augenblick ergriff, als sie sich zum ersten Mal frei und von den Ketten entbunden fühlte, die sie so lange getragen hatte, dass diese schwere fremde Last gleichsam ein Glied ihres elenden, kranken Körpers geworden.
Gräfin. Ich habe wunderbare Begebenheiten gesehen, aber wenig Erfreuliches.
Magister. Wenngleich nicht für die Sinne, doch für den Geist. Wer aus großen Absichten fehl greift, handelt immer lobenswürdiger, als wer dasjenige tut, was nur kleinen Absichten gemäß ist. Man kann auf dem rechten Wege irren und auf dem falschen recht gehen-- --
Vierter Auftritt Die Vorigen. Luise.
(Durch die Ankunft dieses vorzüglichen Frauenzimmers wird die Lebhaftigkeit des Gesprächs erst gemildert und sodann die Unterredung von dem Gegenstande gänzlich abgelenkt. Der Magister, der nun weiter kein Interesse findet, entfernt sich, und das Gespräch unter den beiden Frauenzimmern setzt sich fort, wie folgt.)
Gräfin. Was macht mein Sohn? Ich war eben im Begriff, zu ihm zu gehen.
Luise. Er schläft recht ruhig, und ich hoffe, er wird bald wieder herumspringen und in kurzer Zeit keine Spur der Beschädigung mehr übrig sein.
Gräfin. Das Wetter ist gar zu übel, sonst ging' ich in den Garten. Ich bin recht neugierig, zu sehen, wie alles gewachsen ist, und wie der Wasserfall, wie die Brücke und die Felsenkluft sich jetzt ausnehmen.
Luise. Es ist alles vortrefflich gewachsen; die Wildnisse, die Sie angelegt haben, scheinen natürlich zu sein; sie bezaubern jeden, der sie zum ersten Mal sieht, und auch mir geben sie noch immer in einer stillen Stunde einen angenehmen Aufenthalt. Doch muss ich gestehen, dass ich in der Baumschule unter den fruchtbaren bäumen lieber bin. Der Gedanke des Nutzens führt mich aus mir selbst heraus und gibt mir eine Fröhlichkeit, die ich sonst nicht empfinde. Ich kann säen, pfropfen, okulieren; und wenngleich mein Auge keine malerische Wirkung empfindet, so ist mir doch der Gedanke von Früchten höchst reizend, die einmal und wohl bald jemanden erquicken werden.
Gräfin. Ich schätze Ihre guten häuslichen Gesinnungen.
Luise. Die einzigen, die sich für den Stand schicken, der ans Notwendige zu denken hat, dem wenig Willkür erlaubt ist.
Gräfin. Haben Sie den Antrag überlegt, den ich Ihnen in meinem letzten Briefe tat? Können Sie sich entschließen, meiner Tochter Ihre Zeit zu widmen, als Freundin, als Gesellschafterin mit ihr zu leben?
Luise. Ich habe kein Bedenken, gnädige Gräfin.
Gräfin. Ich hatte viel Bedenken, Ihnen den Antrag zu tun. Die wilde und unbändige Gemütsart meiner Tochter macht ihren Umgang unangenehm und oft sehr verdrießlich. So leicht mein Sohn zu behandeln ist, so schwer ist es meine Tochter.
Luise. Dagegen ist ihr edles Herz, ihre Art, zu handeln, aller Achtung wert. Sie ist heftig, aber bald zu besänftigen, unbillig, aber gerecht, stolz, aber menschlich.
Gräfin. Hierin ist sie ihrem Vater--
Luise. Äußerst ähnlich. Auf eine sehr sonderbare Weise scheint die Natur in der Tochter den rauen Vater, in dem Sohne die zärtliche Mutter wieder hervorgebracht zu haben.
Gräfin. Versuchen Sie, Luise, dieses wilde, aber edle, Feuer zu dämpfen. Sie besitzen alle Tugenden, die ihr fehlen. In Ihrer Nähe, durch Ihr Beispiel wird sie gereizt werden, sich nach einem Muster zu bilden, das so liebenswürdig ist.
Luise. Sie beschämen mich, gnädige Gräfin. Ich kenne an mir keine Tugend als die, dass ich mich bisher in mein Schicksal zu finden wusste, und selbst diese hat kein Verdienst mehr, seitdem Sie, gnädige Gräfin, so viel getan haben, um es zu erleichtern. Sie tun jetzt noch mehr, da Sie mich näher an sich heranziehen. Nach dem Tode meines Vaters und dem Umsturz meiner Familie habe ich vieles entbehren lernen, nur nicht gesitteten und verständigen Umgang.
Gräfin. Bei Ihrem Onkel müssen Sie von dieser Seite viel ausstehen.
Luise. Es ist ein guter Mann; aber seine Einbildung macht ihn oft höchst albern, besonders seit der letzten Zeit, da jeder ein Recht zu haben glaubt, nicht nur über die großen Welthändel zu reden, sondern auch darin mitzuwirken.
Gräfin. Es geht ihm wie sehr vielen.
Luise. Ich habe manchmal meine Bemerkungen im stillen darüber gemacht. Wer die Menschen nicht kennte, würde sie jetzt leicht kennen lernen. So viele nehmen sich der Sache der Freiheit, der allgemeinen Gleichheit an, nur um für sich eine Ausnahme zu machen, nur um zu wirken, es sei, auf welche Art es wolle.
Gräfin. Sie hätten nichts mehr erfahren können, und wenn Sie mit mir in Paris gewesen wären.
Fünfter Auftritt Friederike. Der Baron. Die Vorigen.
Friederike. Hier, liebe Mutter, ein Hase und zwei Feldhühner! Ich habe die drei Stücke geschossen, der Vetter hat immer gepudelt.
Gräfin. Du siehst wild aus, Friederike; wie du durchnässt bist!
Friederike (das Wasser vom Hute abschwingend). Der erste glückliche Morgen, den ich seit langer Zeit gehabt habe.
Baron. Sie jagt mich nun schon vier Stunden im Felde herum.
Friederike. Es war eine rechte Lust. Gleich nach Tische wollen wir wieder hinaus.
Gräfin. Wenn du's so heftig treibst, wirst du es blad überdrüssig werden.
Friedericke. Geben Sie mir das Zeugnis, liebe Mama! Wie oft hab' ich mich aus Paris wieder nach unsern Revieren gesehnt. Die Opern, die Schauspiele, die Gesellschaften, die Gastereien, die Spaziergänge, was ist das alles gegen einen einzigen vergnügten Tag auf der Jagd, unter freiem Himmel, auf unsern Bergen, wo wir eingeboren und eingewohnt sind.--Wir müssen ehesten tags hetzen, Vetter.
Baron. Sie werden noch warten müssen, die Frucht ist noch nicht aus dem Felde.
Friederike. Was will das viel schaden? Es ist fast von gar keiner Bedeutung. Sobald es ein bisschen auftrocknet, wollen wir hetzen.
Gräfin. Geh, zieh dich um! Ich vermute, dass wir zu Tische noch einen Gast haben, der sich nur kreuz Zeit bei uns aufhalten kann.
Baron. Wird der Hofrat kommen?
Gräfin. Er versprach mir, heute wenigstens auf ein Stündchen einzusprechen. Er geht auf Kommission.
Baron. Es sind einige Unruhen im Lande.
Gräfin. Es wird nichts zu bedeuten haben, wenn man sich nur vernünftig gegen die Menschen beträgt und ihnen ihren wahren Vorteil zeigt.
Friederike. Unruhen? Wer will Unruhen anfangen?
Baron. Missvergnügte Bauern, die von ihren Herrschaften gedruckt werden, und die leicht Anführer finden.