Die Armen: Ein Roman

v. Popp sagte:

Chapter 221,604 wordsPublic domain

»Eherne Mauer? Komischer Kauz. Das hängt immer von den Gründen ab, die man hat, ehern zu sein.«

»Die Welt!« seufzte ironisch die Anklam. »Sie ist so mißtrauisch und an das Böse zu glauben leider sehr geneigt.«

Gretchen, mittlerweile ganz nahe bei Leni, streckte ihren langen Hals vor, und unter dem Katerblick Klotzsches wisperte sie bleich:

»Wollen Sie Kokotte werden?«

»Dummes Luder!« erwiderte Leni; und Gretchen, die Augen verdreht:

»Es muß reizend sein.«

»Also nicht!« stellte der Generaldirektor fest. »Ihr Wille. Sie haben das Dokument gestohlen, ich zerschmettere Sie.«

»Ihnen glaubt man auch nicht alles,« sagte der Arbeiter, -- und Heßling fühlte, eben dies lag zutage in der Haltung v. Popps, wie auch in den peinlich berührten Mienen der Seinen. Dieser Vorwand, elend wie er war, der Welt kam er dennoch gelegen, den Neidern, den Erpressern . . . . Da sagte der Blick seiner alten Guste ihm, was der seine ihr; sie verstanden sich. »Vorsicht! Ballast auswerfen!«

»Hier sind hundert Em,« -- und er drehte den Arbeiter am Arm herum, niemand sah sie.

»Blödsinn,« -- und der Arbeiter kehrte in seine Stellung zurück.

»Tausend,« bot Heßling geschäftsmäßig. Balrich, finster lächelnd:

»Sehen Sie wohl? Sie müssen daran glauben.«

»Zweitausend?« bot Heßling, und erfaßt von Spielerangst:

»Fünftausend . . . Mein letztes Wort: zehn.«

Immer nur finsteres Lächeln und Kopfschütteln; -- ermattet fragte Heßling:

»Ja, was wollen Sie denn?«

»Das Ganze,« sagte Balrich. »Aber nicht geschenkt.«

»Sie sind verrückt!« Der Generaldirektor fuhr auf; dann ward er kleiner und lallte.

»Sie erreichen nichts, wenn Sie Lärm machen. Ich, hier, heute, biete hunderttausend. Schluß.«

Guste dahinten machte sich süß. »Liebe Frau v. Anklam, Ihre Perlen, ein Zauber,« -- obwohl sie falsch waren. Die Anklam sagte ironisch:

»Und Ihre, sind sie echt?«

Guste hüpfte auf, ließ sich aber mit Majestät wieder auf den Sitz.

»Versuchen Sie doch!« Gnädig hängte sie selbst der Person die Schnur um. Der kleinen Anklam hing sie bis zwischen die Kniee.

»Nun?« fragte Guste.

»Wirklich sehr nett,« sagte die Anklam. »Onkel Popp, was meinst du?«

»Firlefanz,« sagte v. Popp, aber man merkte, in der rauhen Schale stak ein weicher Kern.

Dort vorn der Generaldirektor sah es, Guste kam zum Abschluß. Da schlug er einen anderen Ton an.

»Jetzt schlagen wir einen anderen Ton an,« verkündete er. »Bisher habe ich mit Ihnen sozusagen verhandelt.«

»Und haben hunderttausend Mark geboten.«

»Weil ich sehen wollte, wie weit Ihre Frechheit geht. Jetzt verhandle ich nicht, ich bin dein Vorgesetzter und befehle: Stramm stehen! Her mit dem Brief!«

Der Rechtsanwalt Buck hatte es sich zur Aufgabe gemacht, besänftigend einzuwirken auf Leni, die schon mehrmals vom Stuhl aufspringen und Lärm schlagen wollte. Jetzt begab er sich in kleinen Schritten nach der Türnische, zu seiner Frau. Er hob ihr die Stirn aus der Hand; bittend suchte er ihre Augen. Der junge Hans, wie er dies sah, ging beiseite.

»Ich habe uns in eine schwere Gefahr gebracht,« sagte Buck seiner Frau ins Ohr. Sie sah ihn an mit Bewunderung.

»Du warst es wirklich, der dem Arbeiter geholfen hat?«

»Gegen deinen Bruder.«

»Er kann es tragen.«

»Aber wir?«

Sie fragte schüchtern lächelnd:

»Sind wir verloren? Wenn Diederich von uns die Hand zieht?«

»Wir werden nachlassen müssen von unseren Ansprüchen.«

»Gern.«

»Ich -- nicht gern. Auch werde ich ihn wohl am Seil behalten. Nach wie vor wird er alles aus schlechtem Gewissen tun, -- weil zu viele sich erinnern, wie er meinen armen Vater in den Sumpf manövriert hat. Ich war für ihn eine Mahnung. Künftig werde ich auch eine Drohung sein,« -- wobei sein dickes Schauspielergesicht wirklich drohte.

»Du würdest gegen ihn --?«

»Soweit bin ich noch gesund. Geht es um das Ganze, übernehme ich die Sache des Proletariers, und er soll sehen, ich räche alles auf einmal.«

Emmi senkte schon wieder den Kopf.

»Er wird uns weiter Geld geben. Auch das ist schlimm.«

»Schlimm ist alles,« murmelte Buck.

»Einen Spiegel!« befahl Guste; und als der Diener ihn herausbrachte, wollte sie selbst ihn der Anklam vorhalten. »Erst an Ihnen, Liebste, kommen die Perlen zur Geltung,« sagte sie entsagungsvoll. »Meine weißen Haare . . . Aber wie glücklich bin ich! Ein Gastgeschenk, wenn auch bescheiden, nach den so schönen Sommertagen, für die wir Ihnen und Ihrem verehrten Onkel zu danken haben.«

»Bitte, bitte,« warf v. Popp hin.

Aber am Rande der Terrasse brach offenes Kampfgetümmel aus, war es zu glauben, zwischen dem Generaldirektor und seinem anspruchsvollen Knecht. Heßling, unter Berufung auf die Gewalt des Vorgesetzten, hatte es unternommen, in die Tasche Balrichs zu greifen. Hierauf ein leichter Stoß vor seine Brust, die halbe Treppe stolperte er rückwärts hinunter, -- und zum Angriff zurückkehrend, heulte er auf:

»Er hat mich angerührt!« -- heulte und schlug um sich: »Vergriffen hat sich der Hund an mir!«

»Vergriffen hat sich der Hund!« machte ein Echo, es war der Sohn Kraft; für sich selbst aber, bebend: »Der süße Hund!« Der Sohn Horst wollte dem Arbeiter zu Leibe, flog aber im Bogen gegen den Teetisch. Da war alles auf den Beinen, nur Leni nicht. Atemlose Pause, nichts als das verhaltene Wimmern Gustes, die den Gatten und die Söhne vom Feinde umdroht sah . . . Inzwischen zog Hans Buck seine Mutter an der Hand, bis sie aufstand und mitging.

»Jetzt kommt das Schändlichste,« sagte er, bleich und zitternd. Auch Buck Vater, mit kleinen Schritten, folgte ihnen.

Wer zuerst sich faßte, war Assessor Klotzsche. »Hier liegt Hausfriedensbruch vor! Außerdem Bedrohung und tätlicher Angriff!« Er keifte mit Weiberstimme.

»Und Erpressung!« heulte der Generaldirektor. Seinerseits schrie v. Popp: »Komischer Kauz!« -- und einem eisernen Gartentisch versetzte er einen Faustschlag. Er donnerte furchtbar, Guste, die Anklam und Gretchen kreischten und hielten sich vor dem eigenen Gekreisch die Ohren zu.

Der Arbeiter Balrich brach jäh eine Bahn durch die feine Welt. Er stieß und trat, so kam er hindurch. Als seine Schwester Leni ihn zur Seite hatte, schleuderte sie ihre Teetasse der Hausfrau zwischen die Füße, und vor dem Bruder her, der den Rückzug deckte, humpelte sie, in ihrem engen Rock gefangen, die Treppe hinab.

»Sie sind entlassen!« brüllte der Generaldirektor dem Arbeiter nach. »Sie und Ihre ganze Sippschaft!«

»Ganze Sippschaft!« machte hohl das Echo Kraft, -- und entfesselt schrie alles mit. Guste, entfesselt:

»Begriffe haben die Leute! Das ist die elende Religionslosigkeit!«

Donnerschlag des Generals auf den eisernen Tisch, und Kraft, ohne Tisch, donnerte auch. Die Anklam verfiel in einen Schreikrampf.

»Ich zerschmettere den Umsturz!« schrie der Sohn Horst im Namen seines Vaters, der keine Stimme mehr hatte. Klotzsche keifte dasselbe, um Eindruck zu machen auf Gretchen, die selbstvergessen kreischte:

»Kokotte will sie werden!«

Die vier kleinen Heßlings, durch das Getöse der Großen fortgelockt von ihren kindischen Spielen, sprangen herbei und taten mit, Wolfdieter, Ralph, Bernhard und Fritzheinz, -- bliesen Trompete, machten Muh, krähten; und der zweijährige Wolfdieter mit seinem pfeifenden Stimmchen rief unermüdlich »Drecksau!«

»Begriffe haben die Leute!« Guste, leidenschaftlich über die Treppe gebeugt, streckte den blitzenden. Finger vor. »Ausziehen wollen sie uns!« -- und da sie das Gleichgewicht verlor, griff sie um sich, in die Perlenschnur, die jetzt an der Anklam hing. Die Schnur zerriß, zwei Lakaien stürzten herbei und lasen die Perlen auf. Die Anklam, ihren Schreikrampf vergessend, paßte auf, daß sie keine verschwinden ließen. Als sie alle zurück hatte, kam auch der Schreikrampf wieder.

Vorgebeugt sämtlich nach dem Beispiel der weißhaarigen Hausfrau, mit verwilderten Gesichtern, Augen wie Mord, Stimmen wie das Vieh, -- Damen, Herren, die Kinder, ihre Lakaien, alle in Ausfallstellung gegen den Rücken des abziehenden Feindes, Bedrohers, Enteigners. Donnerschlag; Geheul; -- und in der Spannung dieser Schlacht um ihr Vorrecht und Eigentum fanden sie, mitsammen dem Schlaganfall nahe, keinen höheren Ausdruck mehr für ihre Seele, keine Entladung . . . Da aber, der Tochter Gretchen ward es gegeben. Sie hörte auf mit dem Schimpfen, sie begann zu singen, kommt ein Vogel geflogen. Ausgereckt den dünnen Hals und drehende Kreise vor den entgeisterten Augen, noch im Umfallen sang sie, und alles durchdrang ihr Geplärr:

»Kommt ein Vogel geflogen!«

Erst hinter dem Gitter der Villa blickten die beiden Armen zurück auf die Besitzenden und ihre bewegte Kampfstellung. Leni zeigte ihnen die Zunge. Balrich sah in den Abendschatten, die heraufzogen, noch einmal aufschimmern das Haus und die Kränze schwanken.

Sie gingen. »Die haben es von dir bekommen,« sagte Leni. »Aber auch von mir! Hast du mich gesehen?«

Fieberhaft lachend: »Das war das Beste vom ganzen Tag.« Und sogar in die Hände klatschend: »Einmal mußte man es erleben, soll man schon hinausfliegen.«

Sie gingen lange, im Staub und in der rot rauchenden Dämmerung. Immer zögernder gingen sie. Die Schwester endlich versuchte zaghaft:

»Du sagst nichts. Ach! du bist müde. Und erst ich.«

In seinem Arm lehnend, den engen Seidenfetzen hinaufgezerrt bis zum Knie, schleppte sie sich. Der Bruder sagte:

»Komm! Ich trage dich.«

»Um die ganze Welt habe ich heute getanzt,« murmelte sie, indes er sie hinaufhob. Da entstand fern ein Brausen, schon nah das Hupengeheul, und hier und vorbei war es, das Auto, das sie beide hingetragen hatte nach Villa Höhe. Staub nahm es auf, war es je gewesen? Eingehüllt in Staub geht der Arbeiter Balrich, auf den Armen seine Schwester, ihre schlafschweren Arme um seinen Hals, und sie, einschlafend, murmelt:

»Ach! lieber Karl, uns hilft nichts, wir sollen verloren sein.«

In Gausenfeld das Fest ging weiter bei Lichtern. Er kam ungesehen mit ihr in das Haus, über die leeren Treppen, -- und hinter dem Bretterverschlag legte er sie auf ihr Bett. Sie seufzte im Schlaf; er wagte es nicht, ihre Füße, die um eine Welt getanzt hatten, freizumachen von den Schuhen. Aber er drückte seine Lippen ab, in dem Staub auf ihren Schuhen.

Vor der Tür stand Thilde, auf seiner Spur wie je, bittend wie je. Er hörte noch immer: Wir sollen verloren sein, -- und nahm sie um die Hüfte.

»Hast du mich denn lieb?« -- worauf er, zu der Armen:

»Ja.«

So gingen sie hinaus in die Nacht. Aus stürmenden Wolken kämpfte ein sanfter Mond sich hervor.

VI

Geh' nicht fort!

Was tun? Die Entlassung ernst nehmen? Sie war es schwerlich. Wollte Heßling den Brief seines Vaters schon vergessen und alle Drohungen in den Wind schlagen, -- übrigblieben die Arbeiter. »Die hat er nicht, die habe ich. Was ich ihnen biete, er kann es nicht.«

In der Frühe endlich fand er Ruhe und wollte arbeiten; aber da trat in seine Tür der Rechtsanwalt Buck. Balrich stand nicht auf.

»Ich sehe, daß Sie sich wundern,« sagte Buck und setzte sich auf das Bett. »Sie wundern sich grundlos. Ich habe Ihnen schon immer gesagt, daß ich mich zum Märtyrer nicht geboren fühle.«

Er machte es sich bequem, tat wie ein alter Bohémien, der zu einem jüngeren kommt. Balrich blieb steif.

»Ihre Art, es zu treiben, mag ich nicht,« sagte er. Buck wandte sanft ein:

»Sie kennen sie aber nur durch mich selbst.«

»Das Wissen nützt nichts. Bessern Sie sich!« sagte der Arbeiter; und dem anderen, der lächeln wollte, verging das Lächeln. Die Augen gesenkt, leise brachte er vor:

»Ich wollte Ihnen sagen, Sie täten gut, sogleich hier auszuziehen, mit allen Ihren Leuten.«

»Das habe ich mir selbst überlegt, und danke dafür. Was kann er gegen mich machen. Der Streik ist ihm sicher -- und Schlimmeres!«

Buck schüttelte den Kopf, so heimlich, als sähe jemand zu. Heßling habe sich etwas ausgedacht, raunte er, mit Blicken nach der Tür; damit werde er die Arbeiter zum besten halten -- vorläufig; »Ihre Zeit kommt wieder. Sehr bald; die Arbeiter brauchen den Unrat nur zu riechen. Bis dahin treten Sie einen strategischen Rückzug an!«

Balrich, unter finsteren Brauen, maß ihn lange.

»Wer sagt mir,« äußerte er, die Silben abteilend, »daß Sie nicht von ihm kommen?«

Hiernach sah Buck eine Weile seine Kniee an, seufzte und stand auf. »Nichts zu machen,« damit wollte er gehen. Balrich holte ihn zurück.

»Nein. Dafür halte ich Sie nicht.« Und rauh: »Dann soll ich gehen, bevor ich hinaus muß?«

»Mit Ihren Leuten,« ergänzte Buck. »Er hat sie sich alle nennen lassen, gleich gestern. Mit Ihren beiden Brüdern, Ihren beiden Schwestern, Ihrem Schwager, den Kindern, dem alten Gellert, und dem alten Dinkl. Ausgenommen sind die Verwandten Ihres Schwagers.«

»Polsters? Wohl wegen des Inspektors Salzmann, der mit der Frau etwas hat.«

»Sie sehen, wie die Tugend belohnt wird,« bemerkte Buck und wollte sich ein wenig freuen, doch ließ er es.

»Alle werden Sie leben müssen,« sagte er. »Das wird schwer sein, besonders für Sie selbst, mit Ihrem Studium. Auf mich dürfen Sie leider nicht rechnen.«

Das läge ihm fern, brummte Balrich. Trotzdem erklärte Buck ihm noch, daß er ihm auf keine Weise von Heßling unbemerkt etwas zukommen lassen könne: »Und Sie kennen meine Feigheit,« sagte er ironisch, -- worauf er ging. Balrich dachte: er überlege sich wohl nicht, daß man ihn hier könne gesehen haben.

Dann weckte er seine jungen Brüder, wir müssen fort, und machte sich auf zu Dinkls, wir müssen fort, entlassen sind wir. Malli erhob ein Jammern. Dinkl stellte den Fuß vor und drohte, das werde man sehen. »Wo ist Leni,« fragte der Bruder; schon seit den ersten Eröffnungen Bucks dachte er im Grunde nur: Was wird aus Leni . . . Sie schlief noch. Er atmete auf, -- als hätte sie schon wissen können und könnte schon getan haben, was er fürchtete, so sehr fürchtete.

Was Dinkl betraf, er war seiner Sache gewiß. Heßling mochte noch eine Weile Schindluder treiben mit uns, seine Zeit war doch herum und Gausenfeld gehörte uns. Daß er uns austrieb, bewies nur, wie sehr er Angst hatte. Auch der alte Gellert, der hierüber sich einfand, war überraschender Weise die Zuversicht selbst. Er machte sich anheischig, bei Klinkorum Unterkunft zu schaffen für alle. Klinkorum habe auf Heßling einen Haß!

Dies erwies sich sogleich als richtig. Der Professor erlaubte dem Gellert, in das Souterrain aufzunehmen, wen er wollte. Seinem Schüler Balrich räumte er sogar eine Kammer im Erdgeschoß ein.

Sie zogen um, als gerade die Arbeiter in die Fabrik aufbrachen. Umringt mußten sie anhalten mit ihren Karren auf dem Weg um die Wiese. Das Karussell ward aufeinandergenommen. Dinkl, den Arm erhoben, rief aus: »Wie die Zigeuner packen wir zusammen, Genossen! Aber was unser ist, bleibt unser, und bald macht ein anderer den Zigeuner.« Alle stimmten murrend bei.

Da ward ein Anschlag entdeckt, zwischen den Häusern A und B im Torbogen ein großer gelber Zettel, darauf sollte etwas stehen, von der Generaldirektion. »Natürlich wegen Balrich,« sagten sie rückwärts. »Wer streikt wegen Balrich, wird auch entlassen. Das findet sich, zuerst streiken!« Und sie riefen: »Ausstand erklären!« Vorn aber, in dem Torbogen, riefen sie etwas anderes; und je mehr Leute sich hineindrängten und gelesen hatten, um so viele weniger riefen noch Ausstand.

Herbesdörfer kam zurück, er sagte zu Balrich:

»Er hat sich etwas ausgedacht. Wer dich im Stich läßt, bekommt die Gewinnbeteiligung.«

Balrich fuhr auf. »So weit ist er? Gewinnbeteiligung? Dann gibt er bald noch mehr her. Wer will mich jetzt noch im Stich lassen!«

Sie sahen ihn zweifelnd an. Er selbst wagte kaum zu glauben, was er sagte. »Solche Angst hat er seit gestern. Schickt mich fort zum Schein, und tut doch was ich will.« Der Sieg, fühlte er, wäre zu leicht, dafür daß er so ungeheuer wäre . . . Er sprang, brach durch bis in den Bogen, las . . . Laut lachend kam er zurück. Sie drängten herbei, warum er lache; sie waren es nicht gewohnt von ihm.

»Eure Löhne sollen gedrückt werden! . . . Das habt ihr nicht gelesen; natürlich, ist auch ganz klein gedruckt.«

»Aber die Gewinnbeteiligung!«

»Die ist groß gedruckt. Ob sie aber an die kleingedruckten Löhne heranreicht? Muß überhaupt ein Gewinn kommen?«

Dies erbitterte sie.

»Gausenfeld! Hunderttausende werden verdient!«

»Auch wenn ihr beteiligt seid?«

Da wurden Stimmen halblaut, die sagten, er sei neidisch. Sobald er sie hörte, schwieg er. Sie wollten glauben, nur glauben: ihm oder dem Heßling. Wer ihnen das nähere Glück versprach, dem glaubten sie.

Der Maschinenmeister Polster stellte sich wohlhäbig auf und lehrte: »Die Gewinnbeteiligung ist eins der wirksamsten Mittel zur Hebung des Arbeiterstandes und das wirksamste Mittel zur Versöhnung von Arbeiter und Unternehmer.« Er wußte den Anschlag schon auswendig.

Herbesdörfer erwiderte ihm:

»Den Unternehmer kennen wir.«

Dies machte viele stutzig; -- und eben jetzt wagte der Jauner sich hervor: Die Herren dort oben hätten ihn zwar falsch beschuldigt und beinahe einsperren lassen, hier aber müsse er sagen Hut ab! Worauf viele erwiderten: Schnauze! -- und ernüchtert den Weg zur Fabrik antraten.

Einige sagten zu Balrich:

»Wenn es wirklich etwas ist mit der Beteiligung, es ist noch nicht alles. Wir brauchen dich weiter, Balrich.«

Händeschütteln. »Hoch Balrich!« Auch »Ausstand!« ward gerufen. Er aber sagte ihnen:

»Laßt das nur! Ich weiß den Weg! Abwarten!«

Und er zog seinen Karren weiter; hinter ihm Dinkl und Malli mit den ihren, auf einem das Letztgeborene; und am Schluß schoben die jungen Brüder Balrichs. Die Kinder nebenher; Leni war nicht mehr zu sehen; -- so führte der alte Gellert sie in ihr neues Heim.

Es waren zwei Zimmer mit Fenstern in der Höhe des Erdbodens. Die Kammer im Parterre, nach Norden auf das Haus C hinaus, war nicht weniger dunkel, nur trockener. Balrich arbeitete darin, schlafen aber mußte dort Leni. Sie hatte sogleich eine Stellung als Modistin und kam erst abends heim. Dinkl, ebenso schnell, kam bei der Städtischen Abfuhr unter; Malli durfte ihm sein Essen einfach auf die Landstraße hinaustragen. Sie selbst tat die groben Arbeiten bei Klinkorum, alle hatten ihr Auskommen, Gellert sogar mehr Wände anzustreichen als sonst.

Ja; -- aber Dunkelheit, alles feucht, und der Geruch nach Unrat, den Dinkl heimbrachte, als sei es die Essenz von Gausenfeld, seines Elends, langfristigen Elends. Balrich, der droben Horaz las, hörte unter sich die Dinklschen Kinder einander quälen und Schmutzereien treiben. Zuweilen kam Gellert, man wußte nicht wann, denn er machte Schicht nach Belieben; betrank sich und gab Schnaps auch den Kindern. Dann, regelmäßig, vergaß er sich noch weiter. Balrich hörte von oben, wie sie kreischten, vor ihm hinausflüchteten, und das Einjährige, das sie fallen ließen, schrie dann, bis Malli kam . . . Balrich schämte sich, er ging dem alten Lumpen aus dem Weg, um nicht sprechen zu müssen. Nur seiner Schwester sagte er, sie solle achtgeben; was für Augen mache schon die elfjährige Liesel! Da weinte sie bitter und senkte ihren grauen Kopf. Sie wußte noch mehr als er; was aber soll werden, quartiert der Gellert uns aus.

»Dann verdiene ich es euch, für eine bessere Wohnung,« erwiderte er, und sogleich ging er hinauf zu Klinkorum: die angebotenen Nachhilfestunden, jetzt sei er bereit, sie zu übernehmen. Er hatte bisher nur so viele gehabt, daß sein Unterhalt bezahlt war, jetzt belegte er damit den ganzen Tag, Klinkorum verschaffte sie ihm mühelos; -- und Balrich saß wieder die Nächte bei der Lampe.

Er tat es für Leni. Die Dinklschen Kinder waren das Ärgste nicht. Unerträglich war es, hier Leni zu sehen, wie sie daherkam, schnell, leicht, in ihrem Mantel, der einen Pelz imitierte, ihrem Modehut, auf den Stöckeln, die Schenkel abgezeichnet unter dem raschelnden Rock, -- und schon im Garten bekam sie eine widerwillige Miene die Stufen hinunter zu der Tür, die aussah wie ein wackliger Kleiderschrank, schritt sie vorsichtig, um in keinen Kot zu treten; mit Selbstüberwindung nahm ihre weiß behandschuhte Hand den Griff . . . Der Bruder ging mit ihr aus, er führte sie zum Essen. So wenige Augenblicke wie möglich sollte sie in der Höhle der Armen sein. Eines Abends dann, als sie das Zimmer im Erdgeschoß betrat, fand sie es neu möbliert, in Weiß, mit rosa Vorhängen am Bett und über dem Toilettenspiegel. Eine Minute staunte sie; dann wandte sie sich um, in der Tür stand der Bruder; und er sah, sie hatte mit ihm Mitleid. Da wußte er, nichts half mehr, und seine größte Furcht, eben jetzt, da er auch dies noch gegen sie versucht hatte, traf sie ein.

Seine Schwester umarmte ihn, als dankte sie. Aber er wußte, sie erbat Verzeihung und nahm Abschied. Er wollte nicht heucheln. »Geh nicht fort!« sagte er rauh und so flehentlich. Ihre Augen waren voll Tränen, ihre Goldaugen; sie stammelte:

»Wenn ich könnte. Der Weg ist so weit. Am Abend die Arbeit dauert oft lange.« -- Im Schluchzen küßte sie ihn: damit er dies hinnehme, nicht frage.

Drunten an einem geöffneten Kellerfenster saß er und horchte, ob bei ihr es still würde. Der alte Gellert schimpfte, weil es ihn fror im Bett . . . Und als es still war droben, begann er schon auf ihr Erwachen zu horchen. Noch längst nicht Tag, -- war dies ein anderes Geräusch als das vom Wind, Ästeknacken oder dem Rieseln in den Wänden? Doch! Die Tür geht. Im Garten springt ein Kiesel. Auf, ihr nach! Hasten, fliegen wollen und das Gefühl haben, du steckest im Boden, nie mehr erreichest du die, die fortgeht.

Das Gitter fällt, sie hört den Verfolger, sie läuft . . . Ein Sprung, er hält sie. Auf der Landstraße, kalt und noch vor Morgengrauen, standen die Geschwister und suchten ihre Gesichter, das Leiden und den Haß darin, um die sie wußten, die sie nicht sahen. Der Bruder griff nach der Schachtel in ihrer Hand, sie zerrten. Er, im zerren:

»Du grade, für die ich es tue -- alles tue. Sie verleugnen mich, sie gehn mit Heßling. Du aber mit dem Sohn.«

»Nein!« schrie sie entsetzt.

»Ich weiß, wohin du gehst in der Stadt. Du bist schon nicht mehr im Geschäft, keine Arbeiterin mehr, du bist --«

Leni, beschwörend dazwischen:

»Es ist alles nicht wahr!«

»Du bist seine Hure!«

Sie schluchzte, ein letztes Mal. Plötzlich hart: »Dann ist es wahr . . . Jetzt laß mich!«

Sie ging; aber er blieb an ihrer Seite und beschimpfte sie weiter. Sie antwortete.

»Betrüger du! Betrügst die Leute um ihr Leben. Ich soll wohl werden wie Malli?«

Da schlug er nach ihr, aber schlug in die Luft. Dort lief sie, nur noch ein Schatten in der Nacht. Er rief ihr nach: »Du hast mich immer nur belogen,« -- machte kehrt und redete doch weiter, als sei sie noch da.

Aber sie war fort. Fort das Rascheln hinter ihm, wenn er vertieft saß. Vorüber die Begegnungen, er auf dem Weg zu einer Stunde, sie zu einer Kundin, und zwei Straßen weit gingen sie zusammen. Kaum ihren Rücken fing er jetzt auf, schon war sie dahin um die Ecke. Dahin, tödliche Verräterin! Dahin, süße Schwester! -- und er saß in dem Zimmer, das sie verschmäht hatte und an dem er abzahlte, saß und wollte nichts wissen, als was in diesen verachteten Büchern stand.

Er verachtete die Bücher, welchen Ersatz konnten sie ihm noch bringen statt der Verlorenen, welche Rache ihn lehren für ihr Geschick! . . . Damit nicht alles umsonst sei, sorgte er besser für seine zwei jungen Brüder, gab Unterhalt und Lehrgeld, wenn sie nur hinausgelangten, dieser in einer Buchhandlung, der andere als Monteur. Sie sollten ihm nicht sagen, wie Leni, er betrüge sie um ihr Leben. Da allen sein Werk zu lang währte, -- diese beiden mochten kleine hartherzige Bürger werden und Pfennige fuchsen. Er sah, nichts anderes ersehnten die Genossen, alle, wie sie waren, für nichts anderes lebten sie. Die Gerechtigkeit? Das Glück aller? Ein gefüllter Bauch war ihnen lieber. Nicht einmal, wahrhaft zu hassen, seid ihr stark genug! Gehaßt hätten sie den Heßling? Und er braucht nur das Wort Gewinnbeteiligung hinzuschreiben, da glauben sie so gern ihm, wie vorher mir. Erfahre, armer Mensch, daß du zwecklos kämpfest! Sie brauchen dich nicht, viel lieber wollen sie betrogen sein. Was immer du tust, mach ab mit dir und deinem Haß. Du hast nur ihn.

Das Gewissen sagte ihm, er verleumde sie; ruchlos und verstiegen sei die Forderung, sie sollten, nur um seinetwillen, alles hinwerfen, streiken, hungern. Er selbst hatte es ihnen widerraten, und wartete dennoch darauf. War die Schuld bei seiner Beschäftigung? den Büchern, die nicht vom Brot, immer nur von Ideen wußten und ihn langsam abtrennten von seiner Klasse -- ihn in seinem bürgerlichen Zimmer, seinem schwarzen Rock, ihn mit seinem Denken, das keinen Ausgleich mehr hatte durch die körperliche Arbeit . . . Kein Arbeiter mehr! -- und er fing an, ihnen auszuweichen. Heimkehrend aus der Stadt von seinem Broterwerb, drückte er sich in den Garten, in das Haus, und hörte nicht, riefen sie ihm nach. Er sah den Heßling um das Haus Klinkorum her gewisse verdächtige Wege gehn, aber ihn verlangte es nicht, ihn abzufangen. Er eilte vorüber an Buck, den er nicht achtete, an den Genossen, die ihn im Stich ließen, und vermied trotzig die Begegnung mit dem jungen Hans, so oft auch das Bürschlein ihm nachlief oder an seine Tür klopfte. Einmal verlegte es sich darauf, durch die Tür zu sprechen; Balrich hörte: »Leni«; da vertrieb er es, mit einem Unflat geschriener Worte. Nachher dachte er: »Schade. Es war ein gutes Bürschlein.« Aber die Leidenschaft seines Menschenhasses war stärker. Er erinnerte sich wohl des jungen Blonden in dem Irrenhaus, der ihm gesagt hatte: »Lieben Sie denn?« Er wollte es nicht; und er glaubte sich stärker so.

Da kam im Dezembersturm seine Schwester Malli, brach ein bei ihm, schlug um sich, fiel hin und heulte zum Entsetzen. Geschehen war es mit der Liesel und dem Alten. Eben noch ein Kind, und jetzt? »Wir waren doch so gut daran hier!« jammerte Malli. »Jetzt müssen wir fort.« Diese Worte erbitterten ihn mehr als das andere.

Er ging mit hinunter. Das Kind war davongelaufen, der alte Gellert hatte sich ins Bett gelegt, spielte den Kranken und sprach weinerlich. »Reiche mir doch nur den Wacholder her, sonst ist es aus,« -- und die Mutter mußte ihn mit Schnaps tränken. Da Balrich gegen ihn losbrüllte, verkroch er sich vollends unter das karierte Bett; nur seine tränenden Äuglein zeigten sich noch, und er wimmerte: »Weiß schon, ihr seid herzliche Leute, haltet euch zum alten Gellert und rührt euch nicht fort.« Er zwinkerte sie an. »Gebacken und gebraten zusammen, da drückt jeder ein Auge zu.«

Balrich spie nach ihm, der Alte duckte den Kopf in die Federn. Balrich schrie: »Für deinen Stall hier, wenn wir fortziehen, schaffe ich uns noch eine Menschenwohnung.«

Gellert sagte zerknirscht:

»Das wird wahr sein. Auch Arbeit schaffst du der Malli, dem Dinkl, und dir deine Stunden. Wen geht es an? Wer hat dir geschenkt so lange? Doch nicht der Buck, der arme Herr.«

Er zwinkerte nur; Balrich aber, erbleicht, stand mit Mühe noch fest.

»Nimm ruhig den Stuhl,« sagte der Alte und kroch aus dem Bett, wobei es sich erwies, daß er angekleidet war. Er streckte die langen Beine von sich, das Greisengesichtchen mit den violetten Sprüngen zeigte wieder Mut. Listig gab er zu verstehen: »Für den alten Gellert hat aber mancher ein Herz übrig, nicht ihr bloß. Der liebe alte Gellert braucht nur einmal seinen Namen zu schreiben, dann hat er Geld bis an das Ende seiner Tage.«

Balrich, die Fäuste geballt, stürzte vor, der Alte wollte zurück in das Bett; aber Balrich packte ihn an, er schüttelte ihn. »Tu es doch! Verrate uns! Verkaufe dem Heßling unsere Rechte! Liefere sie aus, deine Klassengenossen, und zieh ab mit dem Blutgeld!«

»Gib acht, was du selbst tust!« Der Alte höhnte noch im Ersticken: »Wenn erst die liebe Seel entfleucht, was habt ihr dann?«

Balrich stieß ihn fort, beide brachten sich in Ordnung. Der Alte, mit Ächzen:

»Der Buck, der Klinkorum, alle die Herren wollen es dem Heßling anstreichen. Stelle dich nicht dumm, die sind es, die machen dich zum Advokaten. Ist aber der alte Gellert tot und sein Recht verfallen, wozu noch der Advokat.«

Balrich ergab sich; ja, er wußte es, hätte er es noch niemals sich eingestanden. Gebrochen wich er gegen die Tür zurück, -- sie sprang weit auf im Sturm, Herbesdörfer und Polster kamen, sie wollten den Balrich hier überraschen. Schon hatten sie draußen gehört von einem Krach im Hause Dinkl, die Kinder draußen schwatzten.

»Und Dinkl!« jammerte Malli, in neuem Entsetzen. »Wenn er draufkommt, erschlägt er mich.«

Sie wollte sich anvertrauen und Trost suchen bei den Gästen; aber Gellert, wieder ganz auf der Höhe, warf sie hinaus.

Sogleich fragte Herbesdörfer: »Was wird jetzt?«

Balrich, die Hände in den Taschen, lehnte neben der Tür. Er fragte schlaff: »Womit?«

Herbesdörfer, aufschnellend: »Mit uns! Mit unserem Recht!«

Balrich betrachtete ihn von unten. Polster indes, stattlich und gefestigt wie er dastand, erwiderte:

»Was, Recht. Die Menschen sind was sie sind, und wie einer sich bettet, liegt er.«

Höhnisch sagte Balrich: »Sehr richtig,« und dachte an die Polster. Herbesdörfer hielt sich allein an Balrich. Hinter seinen runden Brillen stierte er fanatisch. »Du mußt handeln! Alle fallen ab. Sie wissen es schon wieder nicht anders, als daß ein Elend sein muß. Wozu hattest du sie aufgebracht!«

Balrich höhnisch: »Die Gewinnbeteiligung!«

»Ist das wirksamste Mittel, --« setzte Polster ein, und er sagte den Anschlag her; auch erläuterte er die Folgen. »Wir werden uns stehen, als ob jeder einzelne ein eigenes kleines Geschäft hätte, -- und dabei keine Verantwortung.«

»Euer Traum,« sagte Balrich. Herbesdörfer stammelte wild:

»Hätte kein einziger eine Verantwortung, du, Balrich, hast sie! Soll Betrug und Schmutz sein wie vorher? Eher« -- er stierte und stammelte -- »mußt du, Balrich, die Fabrik anzünden.«

Balrich stieß sich von der Wand ab und stand.

»Dafür habe ich nicht gekämpft,« sagte er drohend. Herbesdörfer war erstaunt.

»Nicht für uns?«

»Laßt es euch gesagt sein, meinen Weg kenne ich, was schiert mich euer ganzer Betrieb.« Damit ging er hinaus.

»Verräter!« rief Herbesdörfer ihm nach.

»Vernünftiger Mensch,« sagte Polster.

Balrich, in der Jacke und barhäuptig, drang vor gegen den Sturm. »Die bekommen mich nicht,« sagte er laut. »Ich, anzünden und in das Zuchthaus für die? Sie möchten mich ganz fortschaffen, das ist es. Ich störe sie in ihrer Zufriedenheit; da schicken sie mir den Pinsel Herbesdörfer.« Er lachte auf. »Das glaube ich euch, auch euer Genosse Heßling würde mich gern fortschaffen, ich komme ihm noch auf seine heimlichen Gänge.«

Da stieß er an jemand. Der alte Dinkl war es. Zerfranzter Umhang flatternd im Sturm und am erfrorenen Finger das Blechgefäß, schlich er sich in die Kantine, betteln. Sein Hut flog fort bei dem Anprall, Balrich sprang und brachte ihn, -- ein kleiner alter Hut, so schlecht wie die weggeworfenen in den Gräben, aber schwer, sonderbar schwer: Balrich begriff, von dem vielen Staub, der dem alten Dinkl an den Kopf geweht war auf den weiten Straßen und sich vermischt hatte mit dem Wasser, hervorgetreten aus seinem Kopf. Der Greis sagte demütig:

»Viel Ehre, Herr;« -- und Balrich erinnerte sich, als er ein Junge war, hatte dieser ihn einst geschlagen. Da sagte er: »Ich habe Geld für Sie von Ihrem Sohn,« und gab ihm, was er bei sich trug. Weiter irrend dachte er: »Sie sind zu elend, was will ich von ihnen. Wir sind viel zu elend, wer darf fordern oder rechten.«

Er sah, er war wie alle. Nicht seine Sendung hatte ihn anders gemacht, die Prüfungen nicht, noch der Kampf des Geistes. Geklammert bleibst du an die Not des Lebens, Armer. Dir ist versagt der Aufschwung, dich zu opfern, Armer. Bevor du dich empörst, müssen vor dir und hinter dir die Gewehre starren und die Wahl muß heißen: sterben oder sterben. Sonst lebst du weiter von jedem Brot. Sie werfen es dir hin, du darfst nicht fragen, wer und woher. »Wozu wirft der Buck mir das Brot hin, bezahlt den Klinkorum und den Gellert? Einen Versuch macht er, ein Kunststück. Denkt sich, was heißt Kampf oder Recht oder Sieg; aber es ärgert manchen, und ein Arbeiter soll Jurist werden. Dann werden wir sehen, was noch übrig ist von seinem Ideal.«

Er schrie in den Sturm vor Qual.

»Das Ideal im Hause Gellert! In sauberen Pfützen schwimmt es. Vor gar nichts muß es den grausen, der es herausfischt.«

Von den Schneefeldern sauste ihm eisige Nässe entgegen. Dahinten im Arbeiterwald entschwand eine Gestalt, -- kaum streifte er ihren Umriß. Er ging, verloren in seinen Zusammenbruch.

»Zwei Jahre bald, da fand ich hier die arme Thilde. Sie hatte viel Kummer; ich machte sie glücklich. Das war etwas. Seitdem, was hab' ich vollbracht?«

Er besann seinen Kampf und wie er nun stehe. »Gut,« sagte er grimmig, »wenn man genug hat am Träumen. Die Wirklichkeit aber? Der feste Boden zum Kämpfen? Ein altes Stückchen Papier in meiner Brusttasche ist alles; das soll zum Schwert werden und die Welt niederringen, zum Evangelium und sie umwälzen.« Alle die Mächte, aufgetürmt zwischen ihm und dem Feind, sie erschienen ihm erst jetzt leibhaftig. Dort hindurch! -- und du bist nichts, als der verstobene Funke eines Gedankens.

Er stand, hielt sich den Kopf und stöhnte. »Was war es mit mir? So hatten sie recht, daß sie mich dorthin schickten, wo der junge Blonde so mitleidig war, mir meinen Wahn zu erlauben? Namenloser Wahn!«

Er rang um den Glauben, der ihn verließ. Er erblickte ihn unter den Zügen Lenis, und sie wandte sich ab. »Geh nicht fort!« rief er wieder, die Arme hingereckt. Aber auch dieses Mal ging sie.

Am Waldrand die kahlen Äste kreischten im Sturm; erst drinnen ward es stiller: kalte Moderluft; den Schritten widerstand die zähe Masse verfaulten Laubes. Dort unten der See, dünn beeist, und im Wind auf seiner Decke kreisend Blätter und schwarze Zweiglein -- kreisend und dann verschwindend in den Löchern. Da streifte in solcher Wüste sein Blick einen menschlichen Umriß, Thilde; -- er hatte sie nicht erkannt vorhin und doch schon gewußt um sie. Die Bank war schwarz von Nässe, an dem Pfad beim See. Sie hatte, zusammengekrümmt, ihr schwarzes Tuch bis über das Haar gerafft. Auf der grauen Fläche des Eises erschien ihm ihr graues Profil. Bleichen Himmel um sich, standen Bäume darin wie Trauergäste.

Er wollte rufen und tat es nicht, sah sie Schultern und Knie noch tiefer beugen, und wollte es nicht glauben. Jetzt sank sie zu Boden -- bog die Arme und ließ das Tuch entgleiten, schaudernd, als würfe sie mehr ab. Der Wind trug es ins Wasser; und sie, auf die Brust gelegt, rutschte hin, wie aus Durst, oder als glaubte sie, dort sei ein Bett.

Er lief; er meinte auch, daß er schreie und nur der Wind mache, daß sie nichts hörte. Hinab warf er sich den Abhang, fiel in eine Grube voll braunen Schnees, arbeitete sich hervor, stürzte dahin . . . Ihr Gesicht und auch schon die Brust waren im Wasser gelegen. Eissplitter hatten ihr die Wange zerschnitten. Er brachte sie zu sich, zog unter der Jacke seine Wollweste aus, trocknete und bedeckte sie, führte sie zurück auf die Bank. Ihr breitknochiges, hohles Gesicht blickte unbeteiligt, noch nicht zurückgekehrt von dort. Er nahm ihre harte, kalte Hand. Er starrte dorthin, wie sie; so saßen sie lange, stumm. Leise sich nähernd legte er über sie den Arm und flüsterte rauh:

»Tu mir es nicht an!«

»Dir?« sagte sie, aufstehend. Aber er mußte sie stützen. Kaum auf ebener Straße, machte sie sich los von ihm. Er sah an ihr hin und sah sie verändert, die Brust gesunken, den Leib hoch zugespitzt.

»Darum?« fragte er.

»Darum,« sagte sie gradeaus in die Luft. »Es sollte nicht hungern. Es sollte nicht schlechter daran sein als das andere, im Friedhof.«

»Hungerst du denn, Thilde?«

»Du wolltest es nicht wissen,« sagte sie hart, -- und er senkte die Stirn, er trat fort von ihrer Seite. Ich bin ihr ausgewichen. Ich wollte es nicht wissen, daß auch sie entlassen war um meinetwillen und Not litt mit dem Kind, das von mir ist. Ich handle wie mein ärgster Feind, ein Bourgeois handelt nicht schlechter. Was wird aus mir!

Er fand kein Wort, das zu sprechen er wert wäre. Sie langten an bei der Hütte auf weitem Feld, da fiel sie nieder. Er trug sie auf das Bett unter der Treppe, wartete sie und blieb, bis sie schlief. Er ging Essen zu holen, gab den Hausleuten Geld und versprach ihnen mehr. Alles ihr. Er hatte nicht zu arbeiten für die, die gegangen war, noch für jene, die ihn verrieten, und auch für sich nicht, seit er ohne Glauben war. Für diese.

Sie war erwacht und hatte gegessen, da sagte er: »Ich will dich heiraten, Thilde.«

Sie blieb hart. »Das tust du nicht.« Er sagte es bittend noch einmal. Zuletzt ergab sie sich, ward sanft, weinte, und nun mußte er schwören, daß er sie liebhabe. Er schwur es, und sie nahm es hin. Dann ging er, im Herzen gewiß, daß er gelogen habe und, vollends der Liebe verlustig, verdammt sei zum Haß.

Eines Abends, früher in der Dunkelheit heimkehrend, stieß er auf Heßling. Der Generaldirektor in Person stand wartend im Garten Klinkorums. Sein Auto hielt neben dem Haus, im Schatten der Mauer, als hätte er es versteckt. Einen Zweiten sah Balrich verschwinden, er dachte, es sei Gellert, schon wieder habe der Reiche ihn versucht. Auch fiel es ihm ein, daß letzthin in seinem Schreibtisch, wie er heimkam, die Papiere anders lagen als er sie gelegt hatte. Er trat drohend ein. Heßling, wider Erwarten, drückte sich nicht, er kam entschlossen unter dem beschneiten Busch hervor und keuchte:

»Mensch, wie lange treiben Sie sich hier noch umher?«

»Und Sie, Mensch?« erwiderte der Arbeiter und ging den Weg weiter, als stände niemand darauf. Heßling taumelte unter seinem Anprall in den Busch zurück, -- indes droben ein Fenster klirrte. Die Stimme Klinkorums erscholl: »So ist es nicht zu machen, Herr Geheimrat,« rief sie, -- und aus dunkler Höhe, aber einen ungewissen Glorienschein um das redende Haupt, tönte sie fort, in eintöniger Größe.

»Der Reiche hat sich vergriffen am heiligsten Menschentum -- und will nicht einmal bezahlen.«

»Doch,« rief der Reiche.

»Aber nicht reell,« tönte die unerbittliche Richterstimme. »Darum wehe! Der Rächer steht hinter dir!«

Die Stimme sagte du. Auch Balrich ward von ihr geduzt.

»Du aber, mein Rächer, packe zu, pack ihn an!« Dies wartete der Reiche nicht ab, er nahm Reißaus.

Balrich sah jäh: »Auch um den steht es nicht gut.« Er hatte gemeint, das sei ein Sieger, -- da er selbst doch besiegt war. Aber sind wir besiegt, wenn der Sieger Furcht hat? Der Heßling hat nun die Gewalt, ich bin verlassen, ihm glauben sie. Nur glaubt er sich selbst nicht. Die Sieger wissen, sie bleiben es nicht. Sie müssen immer schlechter werden, damit sie es eine Weile noch bleiben. Abhängen von Gellert und mit Klinkorum einen dunklen Handel haben: sieht so der Sieg aus, um was kämpft man?

Indessen glühte es auf, durch den kahlen Garten, als bräche Feuer aus. Klinkorum stürzte auf seinen Balkon hinaus, und Balrich, der umkehrte, sah es lodern über die Wiese her: Fackeln. Da schmetterte auch Blechmusik los, zum Empfang des Autos; denn mit vielem Schnauben hatte es sich aus dem Feldweg losgearbeitet und kam zum Vorschein. Es fuhr langsam, voran die Musik, und die Fackeln umringten es. Welch sieghafter Anblick; Heßling, aus dem Wagen heraus den Zylinderhut hebend und sein überall hin dankendes Gesicht, glutüberflogen wie von den Bränden einer Schlacht! Die Arbeiter, grell ausgeschnitten aus der Nacht, mit toten Schatten unter den Wangenknochen und hölzern klappenden Mündern, brüllten ihm zu. Vorn brüllte Jauner, und Polster hinten, in der Mitte aber brüllte der Sohn Kraft. Eine geschwenkte Fackel warf Streiflichter in sein wankendes Gebiß, in die Nasenlöcher, gebläht, um den Geruch dieser Menge von Männern aufzunehmen, -- und wohin verlangten seine verstörten Augen? Zu Balrich; ihn suchte er, ihm winkte seine schwache Hand, ihm selbstvergessen jauchzte der Sohn Kraft . . . »Abgesehen, ich weiß, ist es auf mich,« sagte Balrich. »Die ganze Mache doch nur auf mich!« Das Gebrüll um den Heßling verfing sich in dem der Musik, Takt ward das Stampfen, dahin zog Heßling, welch sieghafter Anblick!

Jemand war im Schatten zurückgeblieben, Herbesdörfer; er trat zu Balrich. »Da hast du es,« stammelte er wild. »Du hast ihm kein Feuer machen wollen, jetzt machen die es ihm. Einen Fackelzug dem edlen Spender der Gewinnbeteiligung. Was willst du tun. Mit den niedrigen Löhnen beziehen sie heute mehr als sonst mit den höheren. Da fährt er hin auf sein Fürstenschloß und hat uns alle in der Tasche.«

»Da hat er etwas Rechtes,« sagte Balrich und trat fort, in die Nacht, die sich schloß.

Der Generaldirektor hielt noch, von der Terrasse seiner Villa Höhe, ein berauschter Herrscher, die Ansprache, befahl Bier für alle aufzufahren in den Räumen der Dienerschaft und rühmte noch feierlich vor den Seinen das Hochgefühl der Verantwortung, die er trage. Dann aber, er hatte mit seinen Söhnen »die Runde« gemacht und im Haus nach den Selbstschüssen gesehen, schloß auch um ihn sich die Nacht.

Er lag im Bett und geschwellt bedachte er, daß die Liebe des Volkes wert sei was sie koste. Ergreifend diese Menschen in ihrem Vertrauen, die Gewinnbeteiligung werde dauern, das Leben friedlich und glücklich bleiben. Ach! so war es nicht gewollt von Gott. »Ich wäre reif, erledigt zu werden, verstände ich mein Interesse so schlecht. Was sie sich wünschen, würde das in meiner Person verkörperte Ganze verzwergen, ich aber bin von meinem Gewissen verpflichtet, es zu erweitern, immer zu erweitern, mag der einzelne bestehen oder nicht. Was zählt, ist nur das Ganze; das Ganze um seiner selbst willen; und ich bin das Ganze.«

Dem einzelnen, erklärlicherweise, machte allein der Zwang dies begreiflich. Waren jene großen Kinder ergreifend, nicht weniger waren sie gefährlich, denn der Glaube an Frieden und Glück ist äußerst gefährlich. Sie waren, bis sie verstanden was nottat, noch rauhe Wege zu führen, vielleicht blutige. Inzwischen trage der Verantwortliche Sorge, ihren Wahn einzuschläfern durch eine Gewinnbeteiligung. Schon haben sie den Aufwiegler vergessen -- vergessen den, der ihnen das Ganze versprach, und das Ganze als Mittel zum Frieden und Glück!

Der Generaldirektor drehte das Licht an und ab, es half nicht, er selbst vergaß nicht jenen. Dahinten saß er, ein heller Punkt in der Nacht, saß wach und arbeitete für den alten Brief in seiner Tasche. Ein Wisch Papier, zum Lachen wertlos vor der angesammelten Macht, die besteht, -- aber wenn Tausende eines Tages in seinem Namen das Recht anriefen, was gab es dagegen? Es gab die Aussperrung, v. Popp, das Zuchthaus. Das war nicht genug. Er hatte immer geglaubt, es sei genug, -- bis jener kam. Der mußte fort, um jeden Preis. Freilich, Klinkorum, der ihn beherbergte, erriet die Lage und verlangte für seine Baracke jetzt einen Betrag, -- wer ihn bezahlt hätte, gestand offen ein, er fürchte sich . . . Aber er mußte fort zum Heil des Ganzen, und damit nicht länger ein Phantom umgehe, das sie Recht nannten -- ungreifbar, verderblich den Gemütern, wesenlos vor der Macht, die besteht, und dennoch sie lähmend.

Grausig, träumte ächzend der Generaldirektor, als sie noch ihr Geheimnis behüteten, mystische Sage vom Erbrecht der Enterbten, überliefert durch einen alten Tunichtgut, vertreten von dem Arbeiter, der Latein lernt. Man ging wie auf geladenen Minen, kein Schritt ohne Angst. Jetzt wissen wir. Die Minen sind entladen, der geheime Feind ein Nachhilfslehrer im blanken Gehrock. Die Welt kann nur die Achseln zucken, würdest du glauben. Statt dessen --

»Statt dessen!« stöhnte der Aufgeschreckte; -- und er sah Gesichter, hörte Stimmen, er kämpfte in seinem zerwühlten Bett gegen den Alpdruck der Gerüchte, die ihm zugingen, den Stachel der Fragen, die man stellte, gegen die Verleumdungen und ihren würgenden Griff. Viel Feind, viel Ehr'! Aber wenn jeder, der ihm die Hand drückte und noch der an seinem Tisch zum Gichtkranken gewordene v. Popp ihn als bedroht hinstellte, seinen Besitzstand anzweifelte und in Gausenfeld, diesem ehernen Fels, nichts Festgegründetes mehr sehen wollte: dann kam ein Augenblick -- und war er nicht schon da? Bei den Verhandlungen über große Aufträge, ja, mit den Behörden, gebrauchten die Gegner die Waffe, die jener Arbeiter in der Tasche trug. In seiner eigenen Aktionärsversammlung war es erwähnt worden. Dies war nicht Mystik mehr, nicht Utopie; die Wirklichkeit selbst will dir an den Hals. Herangewühlt haben sich die Feinde. Katilinarische Existenzen reißen an sich, was heilig in deine Hand gelegt ist, Besitz und Macht!

Der Generaldirektor warf die Decke ab und trank Wasser. Er wußte Bescheid um solche Existenzen und was die Begehrlichkeit, so arm sie sei, vermag, -- die Lebensgier. Da bringt man die Beneideten wegen eines Wortes ins Gefängnis und enteignet sie. Was du selbst gekonnt hast, wird auch jener können! . . . Jetzt klapperte er, das Fieber kam . . . Damals warst du jung, jetzt ist er es. Der Feind schwingt das Messer, was rettet dich noch. Komm ihm zuvor, kein Mittel, das nicht gut wäre! Bluten soll er! Auf ihn!

Der Generaldirektor drückte den Knopf, er läutete Sturm. Indes im Hause ein Laufen begann, wappnete er sich mit der geballten Seidendecke, schwang ein Rasiermesser und brüllte »Auf ihn!« Frau und Söhne, die ihn in ganz erschöpftem Zustand vorfanden, schickten zum Arzt. Das Auto raste.

Balrich, wach sitzend, hörte es rasen, sein Lichtkegel fiel in die Finsternis und zerfiel, -- und so schnell und so klar wußte Balrich: jetzt ängstigt sich der Feind. Dies gilt dir, -- wie zuletzt nur dir der Fackelzug galt. Der Reiche hat alles für sich, er liegt auf dem Grab der Gerechtigkeit wie ein Tier aus Stein, zu schwer, um es fortzuwälzen. Aber das Tier, obwohl aus Stein, hat Angst, gern würde es dir dein Recht abkaufen. »Ihm war es ernst mit den Hunderttausend, die er bot; ich kann sie haben.«

Da stand er auf und drückte sich in den Winkel. Das Recht deiner Brüder verkaufen, -- dahin führten dich deine Zweifel. Zum eigenen lichtscheuen Vorteil! Für das Recht nicht mehr kämpfen, es nur gebrauchen wie einen Dietrich -- und sein, wozu sie dich machen, ein Erpresser! . . . Er hielt sich die Stirn. »Das dachte nicht ich! Aber ich muß doch schlau werden wie er. Ich kann ihm eine Fälschung verkaufen, oder kann heimlich Zeugen bestellen zu dem Handel, dann halte ich ihn. Jedes Mittel ist gut. Das Messer in seinen Bauch!«

Die Nacht inzwischen verging, die auch dem anderen verging.

Am Tag in der Stadt hatte Balrich wieder einmal den Hans Buck hinter sich, das Bürschlein ließ sich nicht abschütteln. »Ich kann dir etwas verraten,« sagte es. »Er hat Angst.«

»Lassen Sie mich in Ruhe!« verlangte Balrich. Das Bürschlein sagte trotzdem Du.

»Es geht dich an. Er gibt her, was du willst.«

»Er soll nur hergeben, was mein Recht ist.«

»Hunderttausend Mark hat er wieder gesagt.«

Balrich fuhr auf. »Du lügst!« worauf das Bürschlein befriedigt lächelte.

»Du weißt es also noch. Nimm sie!«

Rauh drohend sagte Balrich: »Auf solche Gedanken kommt nur ein reiches Bürschlein.« Haßerfüllt gegen seine eigenen Nachtgedanken stieß er hervor:

»Diebe seid ihr, jeder für sich. Mein Recht ist das Recht aller!«

Da ward der Sechzehnjährige rot und sagte fest:

»Sei nicht zu stolz! Du sollst noch sehen, ob ich schlechter bin als du. Ein Enterbter bin ich auch, und ich hasse den Heßling. Du aber --«

Er reckte sich.

»-- kannst nur noch hassen. Du liebst niemand.«

Jetzt versuchte Balrich nicht mehr zu entkommen, er ging ganz langsam. »Nicht einmal sie,« sagte leise der Knabe.

»Hast du sie gesehen?« fragte der Bruder, auch leise. »Geht es ihr denn schlecht?«

Er war bei dem Haus, wo er eine Stunde geben sollte, aber er ging vorüber. Der Knabe flüsterte jagend sein brünstiges Geheimnis.

»Ich würde für sie betteln oder die Leute anfallen. Ich liebe sie, wie noch kein Mensch geliebt hat. Wenn ich von weitem sie kommen sehe, zittern mir die Knie; ich bin schon hingefallen, wo sie ging. Vorüber -- da lauf' ich, will sie packen und forttragen. Um vier Jahre älter zu sein als ich bin, gäbe ich den ganzen Rest meines Lebens! Du weißt noch nicht, was ich tue. Nachts schleiche ich mich in das Haus und liege vor ihrer Tür.«

»Sie läßt dich nicht ein?« fragte der Bruder angstvoll; denn er fragte für sich.

»Ich war bei ihr. Ihr wurden die Sachen verkauft, Möbel und Kleider. Er gibt ihr nichts mehr. Er hat nichts mehr. Er liebt sie nicht, der Schuft. Im Gedränge kam ich mit hinein. Ich sah sie weinen wegen eines Kleides und habe es mit meiner Uhr bezahlt, damit sie es behielt. Da hat sie mich umarmt.«

Der Knabe blieb stehen, bleich und die Augen geschlossen.

»Dann hat sie mich fortgejagt.«

»Warum?« fragte der Bruder. Der Knabe machte plötzlich lange Schritte. »Ich weiß es nicht,« sagte er hastig, -- aber er hatte es vor Augen, wie sie ihn fortstieß und ihm nachrief: »Dich kann ich nicht brauchen, du hast nichts!« . . . Er sagte:

»Weil ich bezahlt hatte«; -- und bei dem Wort zu ihren Ehren war es ihm, als küßte er sie.

Plötzlich mit Zorn: »Du aber, ihr Bruder, kannst Geld haben und bringst es ihr nicht. Was weißt du also!«

Dabei lief er schon, -- lief davon. Der Zurückgebliebene dachte: »Weiß ich denn nichts? Das Bürschlein wüßte mehr? Es spricht, als habe es den Trojanischen Krieg gesehen, und sei selbst ein Held, der für Helena stirbt. Was nützt es Leni . . .

Aber alle sind für sie in die Unterwelt gestiegen, Ajax, der so stark war, Hektor, der so schön war, -- und endlich kam wohl auch sie. Soll es nicht für sie sein, wozu dann all mein Bemühn!«

Er sah, es war schwer, lange, lange und gar das Leben lang nach einem Gedanken zu zielen, und inzwischen, abseits von unserem einzigen Weg altern und verderben die, die wir lieben sollten. Der Versucher kam nachts, er sagte nur immer, daß es kein Recht und kein Gewissen gäbe vor dem Leben, seinem und ihrem. Bei Tage, neu erstarkt, fürchtete er einzig, sie wiederzusehen.

Nach Neujahr 1914 ließ er sich zum letzten Mal von Klinkorum prüfen. Hiernach hielt Klinkorum ihn, ungewöhnlicherweise, zurück, er ließ sogar Kaffee bringen; und dann eröffnete er dem Schüler, seine Gönner seien besorgt um ihn. Er sehe überanstrengt aus und stehe nun vor dem Examen. In den drei Monaten, die fehlten, habe er soviel zu lernen, wie andere in dem ganzen letzten Jahr. Klinkorum wolle ihm keine übertriebenen Hoffnungen machen. Nach seinen schulmännischen Erfahrungen --. Hierüber verbreitete er sich. Als Balrich ihn unterbrach, schnappte er nach Luft und sagte: »Ach so. Sie bekommen ein Theaterbillett.«

Was das solle? Zur Ablenkung und Auffrischung. Klinkorum würde es nicht empfohlen haben, aber die Gönner --. Welche Gönner? Nun, sie seien unter den Vätern seiner jungen Schüler. Balrich aber erriet wohl, wie immer war es Buck. Vielleicht konnte auch Klinkorum dies nur erraten. Der Professor rief ihm nach über die Treppe: »Auch einen neuen Anzug bekommen Sie.«

Neu gekleidet begab Balrich sich in das Apollo-Theater. Es hatte schon im Vestibül geschliffene Spiegel nebst vergoldeten Stukkaturen, und unter diesen die Hauptrollen spielten Kronen und Füllhörner. Der Platz sodann, der ihm auf die Nennung seines Namens an der Kasse ausgefolgt ward, war ein Balkonplatz, der teuerste im Hause, -- was ihn zuerst sehr drückte, als sei es Hohn und Versuchung. Die Treppe war weich belegt und ganz flach, man kam hinauf wie von selbst. Die warme Luft, schon im Gang vor den Logen, duftete. Den Duft verbreiteten die Damen, die aus ihren Pelzen mit nackten Schultern hervorkamen. Von weicher Hand wird dir der Mantel abgenommen; sanft, hinter einer Tür, die nicht klappt, läßt dich der glatte Diener in deinen samtenen Sessel. Lau und wohlverwahrt wie im Bade sitzt man. Ein jeder hier bewegt sich gelassen, niemals kann es ihm fehlen. Die Herren im Frack erstiegen heimisch die Stufen zu den rot gepolsterten Logen, sie küßten den Damen die langen Handschuhe, und wurden diese abgestreift, die beängstigend weißen Hände. Manche Dame neigte sich so dreist hervor, als hätte sie gar nichts zu fürchten für ihre Blöße; und an ihren langen Perlenketten spielten sie alle so satt und unachtsam, als könnte in alle Ewigkeit niemand sie ihnen entreißen. »Ihr seid nicht so sicher, wie ihr denkt,« dachte Balrich -- und wich ihnen doch aus, wenn sie das Lorgnon auf ihn richteten. Buck hatte ihn wohl hergeschickt, damit er sich seine Opfer ansehe? Oder sollte er nur irre gemacht werden -- irrer noch, als schon so vieles ihn machte?

An ihm wollte einer vorbei. Um Platz zu machen, stand er auf, fand sich nicht schnell genug in die Lage und drehte sich um, -- was jener übel zu nehmen schien. Er wartete, bis Balrich wieder Front machte und musterte ihn mit toten Augen frech durch sein Monokel. Balrich zeigte finstere Brauen und eine Faust, worauf der Herr, den Versuch zu lächeln in seinen starren Mundfalten, weiter ging. »Ihr seid reif,« dachte Balrich. »Doch gut, daß ich hier sitze, einer von uns, auf deren Kosten ihr euer freches Leben führt.« Das Orchester begann zu spielen in seinen Haß hinein, das reizte noch mehr. Den leeren Sessel neben ihm wollte jemand aus der Reihe ziehen, aber Balrich lag auf der Balustrade und rührte sich nicht. »Na wollen Sie oder wollen Sie nicht?« sagte da zornig eine Stimme -- ihn lähmte der Schrecken -- die Stimme Lenis. Sie schob ihn fort, daß es krachte; »hat man das erlebt,« sagte sie, so kam sie auf ihren Platz. Hier aber machte sie plötzlich »Ach!« -- und warf sich zur Seite, als suchte sie zu fliehen. Inzwischen ging der Vorhang auf.

Da zeigte es sich, daß die Bühne nur eine Fortsetzung des Saales war. Zwischen feinen Möbeln bewegten sich dort dieselben Herren und Damen, benahmen sich wie diese hier und redeten. Was sie redeten, schien fein zu sein wie die Möbel, es schien feiner als es in Wirklichkeit bei Heßlings gehört ward, und war wohl auch unterhaltend und leicht, wenigstens für sie, die es so hurtig sprachen und verstanden. Balrich folgte nur langsam, war immer in Gefahr, den Faden zu verlieren, und kaum daß er die Gefahr einen Augenblick überlegte, hatte er ihn wirklich verloren. »Ich stehe vor dem Abiturium,« überlegte er; »und ich habe nicht nur gelernt, habe auch erlebt. Hat der Herr mit den Mundfalten so viel erlebt? Dennoch kann er folgen. Sie haben etwas, das ich nicht ersetzen kann« . . . Eingeschüchtert hielt er still, -- indes neben ihm Leni immer unruhiger ward. Endlich wandte sie den Kopf nach ihm, zog ihn aber zurück und sagte laut zu sich selbst:

»Was ist hier denn los heute? Wo sind die Amerikaner?«

»Welche Amerikaner?« fragte Balrich, bevor er es bedacht hatte.

»Die komischen. Hier wird wohl jemand begraben?«

»Kann sein,« sagte Balrich, um zu schließen. Aber ihr schien das Gespräch nun angeknüpft. Sie sah ihn an.

»Zu merkwürdig doch. Ich komme her, weil ich denke, hier ist noch das Variété, sonst komme ich natürlich nicht her, -- und da sitzt du.«

Auch er fand dies merkwürdig, mehr als sie es wissen konnte in ihrem leichteren Herzen; aber da er sich nicht rührte, mußte sie weiter versuchen. »Wie das Leben spielt,« sagte sie, schüchtern lächelnd; und sogleich, damit nur das Gespräch nicht einschlafe:

»Bist du mir noch böse?«

Auch er sah nun hin, in ihr Gesicht, das sie verführerisch machte. Aber da erschrak es; sie sah, er weinte. »Karl!« rief sie unterdrückt. Nie hatte sie ihn weinen gesehen. Und flehentlich: »Wenn ich gewußt hätte, so sehr geht es dir nach, ich hätte es nicht getan.«

»Doch,« sagte er und sah sie immer an. »Aber nicht das geht mir nach. Mir geht es nach, daß ich dir nicht soll helfen können.«

Sie begriff, er hatte erfahren, wie es mit ihr stand. Er fühlte, sie sei nun gedemütigt. Beide ratlos, sahen sie auf die Bühne, wo mittlerweile ein Herr und eine Dame aufeinander losgingen, bis er die Tür warf und sie hinfiel.

»Was haben sie?« flüsterte Leni. »Sie sind doch reich?«

Statt seiner Antwort fiel der Vorhang, -- und nun es hell ward, schrak links von ihm jemand auf, er sah hin, eine Dame, halb alt und noch schön -- wie die Frau Buck; und auch verstört und schmerzensreich wie jetzt diese, hatte die Mutter des Bürschleins wohl schon ausgesehen . . . Leni zog ihn am Arm und raunte:

»Sieh her, der Mensch mit den Leichenaugen.«

Balrich überzeugte sich, daß der Herr von vorhin ihn anstarrte.

»Der ist hier, weil ich hier bin,« raunte Leni. »Ich brauche nur zu pfeifen,« sagte sie schon lauter und spitzte wirklich nach dem dort die Lippen. Er lächelte wie eine Maske, und Leni sagte erfreut:

»Du siehst, auf einen, der sich dünn macht, kommt es nicht an.« Schnell fragte Balrich: »Dann liebst du den Heßling nicht?« Hierüber erschrak sie. Ihre schönen Goldaugen zuckten, er hatte Mitleid mit ihr, noch bevor sie sprach. Sie sagte aber, ergeben wie eine Magd:

»Einen lieben? Das darf ich noch nicht. Das darf ich erst, wenn ich reich bin.«

Worauf sie zum erstenmal die Augen senkte.

»Man weiß doch schon viel,« murmelte sie, und hiernach schwieg er. Eine lange Weile, dann erst bemerkte sie, daß die Musik längst aufgehört hatte und daß auf der Bühne wieder gespielt ward. Die Herren und Damen gingen durcheinander, drehten und rieben sich wie die Teile einer Maschine, -- die man aber kennen mußte. Jeder hatte mit jedem etwas vor; und obwohl doch alles nur Worte waren, lauerten vorgeblich überall die aufreibendsten Schwierigkeiten und Gefahren. Hörte man jenen Herrn mit seinen Markzigarren, diese schmuckbedeckte Dame, es ließ sich für sie kaum leben. »Warum? Was wollen sie,« fragte Balrich. Leni hatte wohl schon Wind bekommen, sie erklärte:

»Es juckt sie innerlich -- sie suchen einander die Flöhe ab.«

Dazu lachte sie höhnisch, und ihr Bruder lachte mit. Links von ihm die Dame, bei der man an Frau Buck dachte, beugte sich vor und zischte ihm in das Gesicht. Leni, um ihn zu rächen, zischte zurück. Halblaut machten sie sich so lange lustig über die Alte, bis auch der zweite Akt aus war und sie sich eilends davon machte.

Dies erhöhte die Stimmung der Geschwister. »Bin ich schön?« fragte Leni; und in ihrem Kleid, das die reichen Frauen genau nachahmte, machte sie schaukelnde Schritte, die Arme vom Leibe, das Gesicht in der Luft, -- als spaziere sie noch durch Gausenfeld, am Sonntag, wenn alle ihre Verehrer unterwegs waren. Der Bruder lachte, tief überzeugt. Ob sie schön war! Bedeckt die Hüften und die Schenkel mit gestickten Silberblumen, die Büste prahlerisch glänzend aus den Spitzen und falschen Perlen, das Gesicht aber, nie hatte es so freche Farben gehabt. Der Bruder unwillkürlich schaukelte wie sie und trug den Kopf hoch. Einige Gänse an ihrem Wege wollten Gesichter schneiden und die zu ihnen gehörigen Hämmel wollten aufmucken; da machte der Bruder seine drohenden Brauen und die Ellenbogen hielt er steif, so ging es. Die Schwester sagte:

»Ich kaufe uns Bier. Die Alte dort, mit dem massierten Busen, hat es auf dich abgesehen. Sie denken, dich halte ich mir aus. Du kannst dein Glück machen,« worauf er leichtsinnig mitlachte.

»Wir müssen grade so gemein werden wie sie,« sagte die Schwester, in dem spiegelnden Foyer, weithin reiche Leute. »Du willst ihr Recht studieren, damit du sie enteignen kannst. Auch ich tue nichts, was ihre eignen Weiber nicht schon tun. Die Nichte des Generals --«

»Die Anklam?«

»Die hat eine andere Klaue.«

Flüchtig sah sie ihre geschminkten Nägel an.

»Solche Rechnungen, bei Gott, hat er für mich nicht bezahlt. Ich habe ihm, zu meiner Strafe, die Quittungen gestohlen und lese sie manchmal.«

Zweites Glockenzeichen, das Gedränge lief ab, noch blieben die Geschwister. Da sah er ihre gefärbte Lippe wanken, auf den schwarzen Rand der Augen trat ein heller Tropfen. Hilfesuchend griff sie nach seinem Arm, -- und ihm sagte ihr Zittern, dieser kurze Atem, die Hast: sie liebt jenen Mann! Was immer sie tut, was aus ihr noch wird, die Schuld hat der Mann. Nur ihn hat sie geliebt -- und hat durch ihn nun schon ein Herz, das nur noch haßt.

Brüderliches Schicksal! Erschreckend wie ein Vorzeichen! Stumm aneinander gedrängt hasteten sie durch den leeren Gang und kamen als letzte auf ihre Plätze. Da fragte die Schwester noch einmal wie zu Anfang:

»Bist du mir noch bös?« -- aber er hörte es diesmal, als fragte sie: »Jetzt, da du weißt? Jetzt, da du sogar vorausweißt?«

Er ergriff ihre Hand. Auf der Bühne trugen sie nachgerade schon Trauer, infolge von Schmerzen, die man nicht begreifen konnte, -- und waren sie es wert, daß man sie begriff? Meine Schwester, sah Balrich, liebt einen Reichen. Er hat sie gehabt. Jetzt verläßt er sie, denn sie ist arm . . . Er stieß hervor:

»Er soll dich heiraten! Sonst --!«

»Was sonst?« Sie lächelte erfahren. »Auch ich habe schon auf ihn schießen wollen -- erst heute früh. Und abends bin ich hier. Das Leben spielt,« sagte sie nachlässig. Er sagte streng:

»Das soll es nicht. Komm heim! Du mußt wieder heimkommen!«

»Und du, würdest du wieder in die Fabrik gehen? Ich kann nicht mehr so werden wie Malli.«

Er wollte widersprechen, sie ließ ihn nicht. »Heirate doch Thilde!« Er versicherte, er tue es, aber darauf achtete sie nicht. »Wir können uns die Hand reichen!« Hochtrabend streckte sie ihm die Hand hin. Er wandte sich zornig ab. Bevor sie es sich versahen, war das Theater aus.

»Was denn,« machte Leni. »Die Schauspielerin ist wirklich ins Wasser gegangen?«

»Mit einem Autopelz,« sagte Balrich. »Damit es nicht so kalt ist.«

Er wußte, wie man ins Wasser geht. Es war zu schwer für die Reichen . . . Nun sie aber aufstanden, sah er rückwärts unter den Logen die Dame noch sitzen, die ihn an Frau Buck erinnerte. Vor ihm und seiner Schwester hatte sie sich dorthin geflüchtet, saß als letzte noch da und sah auf den geschlossenen Vorhang . . . Da sie nahe vorbeikamen: nein, sie sah nicht, auch ihre Augen waren geschlossen, und aus den Lidern hervor weinte sie.

Er brachte Leni zu einem Mietsauto. Sie sagte:

»Nun, es war schön. Es war doch etwas anderes . . . Fährst du nicht mit?«

Da er es ablehnte, sagte sie, wieder einmal demütig:

»Also auf ein anderes Mal. Alles kommt, wie es muß.«

Trotzdem wartete sie noch. In seine Augen spähend endlich wagte sie sich heraus.

»Du weißt, wenn du vielleicht Geld brauchst --«

Da sie die Antwort schon las, sprach sie schnell weiter. »Obwohl erst gestern bei mir der Gerichtsvollzieher war.«

Sie lachte; und damit es ihr leichter sei, lachte auch er. So fuhr sie.

Balrich, nach Gausenfeld wandernd, das Gesicht zerschnitten von der Eisluft, dachte: »Warum weinte die Frau? . . . Die ins Wasser ging in dem Stück, war eine Junge. Weinte die Alte, weil sie selbst einmal fast gegangen wäre? Oder im Gegenteil, weil sie nie den Mut gehabt hat? Was fehlt ihr? Hat sie wirklich ihr ganzes Leben verfehlt, obwohl sie doch reich ist?« Eine andere Welt, dir unzugänglich; nur dieses siehst du, auch die dort leiden. So wären sie denn nicht die Unwissenden, auf jeden Fall Glücklichen. Was immer sie wirken oder tun, das Leiden würde selbst sie rechtfertigen, du hast es jetzt schwerer, ihre Vernichtung zu wollen.

Da erschrak er tief. Du hast nun schon erfahren, daß die Nächsten dich verlassen und daß es unmöglich ist, mit ihnen eins zu sein. Du weißt schon, der Sieg -- der Sieg, für den du doch lebst, bleibt immer zweifelhaft und ist nichtswürdig. Du weißt, dein Kampf hat dich nicht besser gemacht. Jetzt sollst du auch noch lernen, daß die Feinde so viel Recht haben wie du . . .

Er war in seinem Zimmer, aber er machte nicht Licht, und noch im Dunkeln verhüllte er sein Gesicht. So stand es, so und nicht anders trat er nächstens in die Prüfung ein, jene Schulprobe, die für die meisten vor allen ihren Lebensproben liegt.

Fortan arbeitete er schwerer als sonst und um so heftiger. Er wollte nichts wissen von den Schmerzen, die ihm den Kopf in Reifen spannten, noch von den schlaflosen Stunden der Todesangst. Er sagte: »Ich will nicht wehrlos werden. Sie sollen mich nicht entwaffnen. Mögen sie leiden, sie sind dafür bezahlt! Ihr Leiden ist nicht genug, sie müssen gutmachen! Herausgerissen aus ihren Samtlogen, sollen sie werden wie alle. Mit allen aber soll es besser werden. Vielleicht, im Grunde hat dann auch die Dame es besser, die im Theater geweint hat.«

Und nachdem er aufgetrumpft hatte und um sich gedroht in seiner Einsamkeit, kam es endlich doch so, daß er sich hinbeugte und weinte. Auch er, wie jene Fremde, weinte, weil wir zu sterben nicht wagen, zu sterben nicht einmal wünschen, wennschon wir erkannt haben. Beweine uns Armen, und auch die Reichen! Du wendest nicht ihr Geschick, und unser Elend ist unsterblich. Herausgerissen diese aus den Logen des Übermuts, werden andere sich hineinsetzen. Die Armut aber ist mehr, viel mehr, als ein Gesetz der Wirtschaft; die Seele will sie.

Nie hatte er sich so schwach gefühlt, -- da sprachen draußen vor dem Hause bekümmerte Genossen ihn an. Sie hatten, nach der ersten Üppigkeit, nun weniger mit der Gewinnbeteiligung als früher ohne sie. Das Geschäft ging reißend zurück. Sie waren betrogen und darbten wie nie. Herbesdörfer verlangte den Ausstand, Polster wollte noch hoffen; wer sie hetzte, war Gellert. »Bedankt euch bei dem Balrich! Er hat euch die Gewinnbeteiligung verschafft, er bringt euch noch weiter fort!«

Balrich zuckte auf, er wollte rufen: »Der Alte sinnt nur, euch zu verkaufen!« Aber er selbst? Worauf hatte er selbst schon gesonnen? . . . Er stammelte demütig:

»Ich habe mich wohl geirrt und es falsch gemacht. Wollt ihr, so gehe ich und bitte den Heßling, er möge es sein lassen wie früher.«

»Das wird uns helfen!« murrten sie.

»Er verhöhnt uns noch!« stieß wie einen Tierlaut der Herbesdörfer hervor. Sie drängten Balrich in den Feldweg, wo das Automobil des Generaldirektors sich bereit gehalten hatte, damals für den Fackelzug. Der Jauner war da und stieß mit. Gegen die Mauer warfen sie den Verlassenen, sprangen zurück und hoben Steine auf. Nach demselben Stein griffen Herbesdörfer der Fanatiker und der Spitzel Jauner. Balrich hielt still und wartete. Aber Polster mit Dinkl riß ihre schon erhobenen Arme herab.

Balrich trat wieder unter sie, mit der festen Miene, die sie kannten.

»Sogar jetzt noch bin ich mit euch. Euer Recht habt ihr abgelegt und mich verlassen.«

»Wenn unsere Kinder Hunger leiden! Ein feines Recht!«

Polster, vernünftig und breitbeinig, faßte ihr Geschrei in richtige Worte.

»Du, Balrich, denkst nicht mehr wie wir. Du hast etwas gelernt, brauchst nicht zu sorgen, und willst durch dick und dünn, weil du eine Idee hast. Wir aber sollen hungern für deine Idee.«

»Nein!« rief Balrich.

»Hättest du einem einzigen geholfen auf der Stelle, wir würden mehr von dir halten, als selbst wenn du uns alle endlich reich machst in zwanzig Jahren.«

»Es ist wahr!« riefen sie. »Nimm, was du kriegst!«

Da sagte auch Balrich: »Es ist wahr«; und zur Bekräftigung ging er mit ihnen trinken.

Als Erster heraustretend aus der Kantine, stieß er auf Napoleon Fischer. Der Abgeordnete machte sein weltkundigstes Gesicht.

»Da sind wir,« sagte er. »Ich muß den Karren aus dem Dreck ziehen, worin Sie ihn verfahren haben, Sie junges Talent.«

Er grinste, -- und Balrich sah ihn schon wieder auf der Tribüne, geschäftsmäßig keifend, in seinem Herzen aber kaltblütig und ganz ohne Glauben. Der Abgeordnete seinerseits hatte Balrich gemustert.

»Sie haben wohl auch schon manches erlebt diesen Winter?« fragte er, mit einem falschen Blick.

Balrich nickte. Auch schon! Dies alles erlebte man demnach üblicherweise: Sendung, Verrat, Erkenntnis und Abdankung, -- bis endlich du dich darein ergibst, nur eben dein Schäfchen zu scheren, gewöhnlicher Mensch, der du bist . . . Er bäumte sich auf.

»Sie aber lügen! Sie halten uns Arme hin, und Ihr Geschäft ist Tücke. Sonst würden Sie sagen: Glaubt nichts, aber handelt!«

Napoleon Fischer lehnte ab.

»Dann wäre ich kein zielbewußter Sozialdemokrat, sondern gradezu ein Anarchist.«

»Das bin ich!« sagte Balrich.

VII

Ultima ratio

Die Kinder schrieen tosend vor dem großen Arbeiterhaus, rannten, zappelten, prügelten sich; nur polterten sie nicht mehr gegen den Zaun der Villa Klinkorum, denn die Planken waren jetzt bedeckt mit Stacheldraht. Die alten Männer, die nicht mehr arbeiteten, wärmten sich an der Mauer, in der Sonne des Vorfrühlings. Dann wuchsen die Schatten, die Greise verschwanden mit den Kindern, von der Arbeit kamen die, die Kraft hatten; -- nur Balrich verharrte noch immer in dem feuchten Garten, ging und stand, grübelte, horchte. Malli drinnen im Keller saß beisammen mit Thilde, sie bejammerten das Geschick und wurden erzürnt, übertönte sie einmal das Lachen der Kleinen. Der alte Gellert lachte mit den Kleinen.

Da streckte Balrich den Kopf durch einen Busch; nun galt es, dort kam er. Horst Heßling kam daher, ohne Monokel, mit einem dummen Gesicht, und sein Gang sah aus wie stotternd vor Verlegenheit. Dies war der Moment! Balrich tat einen Gleitschritt, unvorhergesehen stand er vor ihm.

»Sie haben mich erwartet,« sagte er rauh. »Früher oder später. Jetzt bin ich da und fordere. Heiraten Sie meine Schwester!«

Horst Heßling lächelte schlaff, als sagte er: »Hätte ich sonst keine Sorgen!« Dann gab er sich einen Ruck, sogar nach dem Monokel faßte er und bemerkte: »Komisch, das müßte doch ihr selbst einfallen.«

»Oder Ihnen,« sagte Balrich. »Denn Sie haben die Schuld.« Er ließ sich nicht unterbrechen. »Nur Sie! -- obwohl sie schon vorher nicht mehr unschuldig war. Ein Reicher kann keine Unschuld verlangen. Aber was ihr geschieht und was immer aus ihr wird, kommt alles auf Sie; denn Sie --«

Die gekrampften Fäuste hob er bis unter das Gesicht des Andern.

»-- sind der, den sie liebt.«

Horst Heßling fuhr zurück. »Sie sind außer sich,« sagte er und wollte weiter. Balrich, ihm nach mit einem Sprung, warf ihn an den Schultern herum. Horst Heßling war plötzlich tiefrot, den Angreifer stieß er fort.

»Achtung! Hier ist mein Stockdegen;« -- und er zog ihn. »Ich bin in Notwehr.«

»Lump!« sagte Balrich. »Feigling!« Mit Schimpfworten wich er vor den gereizten Ausfällen des Feindes zurück, immer zurück, bis an die Planke. Da, ein Schlag, der Degen klirrte und fiel hin, die Handgelenke des Feindes wanden sich unter den Fäusten Balrichs.

»Los!« sagte Balrich. »Stoßen Sie mich in den Stacheldraht! Wer übt jetzt Notwehr? Mit den Stichen im Nacken darf ich Sie totschlagen.«

Horst Heßling sah es ein, er hörte auf, sich zu winden. »Verhandeln wir!« keuchte er, worauf Balrich ihn losließ. Sogleich hatte der Reiche wieder seine überlegene Fresse. »Hunderttausend,« warf er hin. Balrich schnob: »Heiraten!«

»Hunderttausend. Ich fange dort an, wo mein Vater aufgehört hat.«

»Ihr Vater hat beileibe nicht aufgehört. Er bietet mir noch ganz Gausenfeld.«

»Also ganz Gausenfeld,« bot der Sohn, korrekt und höhnisch. Balrich schnob:

»Wenn Sie auch könnten, es wäre noch nicht genug. Heiraten!«

»Ihre Schwester ist mehr wert als ganz Gausenfeld?« -- Hierbei streckte er den Kopf vor, um das Gesicht des Bruders zu unterscheiden in der Dämmerung. Der Bruder schrie auf. »Das wissen Sie noch nicht?«

Leise, schnell und mit Knirschen sprach er.

»Wenn Sie es nicht wissen, müssen Sie es lernen. Heiraten Sie nicht Leni, soll Ihr Leben, verstehen Sie mich, Ihr ganzes Leben nur noch Angst sein. In kurzem bin ich Student, dann fordere ich Sie; aber Sie dürfen nicht sterben, nur Krüppel werden sollen Sie. Versuchen Sie nicht, zu lachen! Sie sind der Feigste nicht, ich weiß. Gegen mich aber können Sie nichts, denn ich will, hören Sie, ich will.«

Da der Feind zurückbebte, folgte er ihm mit dem Körper.

»Sie sollen mich finden, wo immer Sie zu atmen wagen. Stückweis sollen Sie absterben unter meiner Hand. Sie sollen erfahren, was einer kann, der nur noch lebt, um Ihr Feind zu sein.«

»Prahlerei,« stammelte der Feind, aber er wich, wie vor einem Feuer. »Auch Sie,« stammelte er, »haben etwas zu verlieren.«

»Aber gerächt ist meine Schwester.«

»Was nützt es Ihnen?«

Balrich, aufgereckt:

»So lieb werden Sie nie jemand haben, daß Sie mich verstehen.«

Da sah er im Schatten den Feind kleiner werden. Horst Heßling fragte, raunend:

»Wie sollen wir es denn machen?«

»Ihre Sache, Geld zu beschaffen.«

»Sie haben gesehen, in welchem Zustand ich aus der Stadt kam. Die Wucherer lassen sich kaum noch hinhalten.«

»Ihre Sache,« wiederholte Balrich. »Beschaffen Sie Geld, fahren Sie nach England mit meiner Schwester, heiraten Sie sie!«

Eine schwankende Handbewegung, der Reiche sagte:

»Ich will es versuchen.«

»Und glauben Sie nicht, Sie könnten mir entkommen! Ich treffe Sie noch im hintersten Versteck der Erde -- leichter als hier. Ich habe mich aus der Lohnsklaverei befreit, sagen Sie sich das! Wo sind für den die Grenzen.«

Vor sich hin sagte der Sohn: »Was bleibt übrig, ich breche in die Kasse ein.«

»Und Sie reisen erst, wenn kein Verdacht gegen uns mehr aufkommen kann.«

»Gegen uns,« wiederholte Horst Heßling, von unten. Dann wuchs er wieder. »Aber wieviel verlangen Sie eigentlich selbst?«

»Sie bekommen keinen Fußtritt. Meinem Schwager gebe ich keinen.« Und Balrich drehte sich schroff um.

Er wollte um die Ecke, da vertrat ihm den Weg ein machtvoller Wuchs.

»Ei ei,« sagte die Schattengestalt Klinkorums. »Erpresser, Mordbube und Dieb, ei ei! Das wäre nun der Prophete.«

Balrich, überrascht, sah ihn eine Art Tanz beginnen, als wackelte ein Turm . . . Aber Klinkorum bezwang sich, er senkte die Hand auf die Schulter Balrichs. »Mein Sohn!« rief er aus.

Erschreckt durch dies sein Bekenntnis, horchte er in das Dunkel, es schwieg tief. Da legte er los.

»Sohn meines Geistes! Hast ererbt von mir, was ich als Letztes, Tiefstes in mir trug, den Haß der Mächtigen, die Todfeindschaft gegen die Macht.«

Er umfaßte auch die zweite Schulter Balrichs.

»Sohn! Was hat sie aus mir gemacht. Ein Narr ich, ein Spielzeug der Reichen, -- ich, der Intellektuelle! Der Geist selbst ihr Spielzeug, verhöhnt und benutzt! Räche mich! Ich werde gelebt haben durch dich!«

Hier fiel er vollends über Balrich her; auf der Wange Balrichs schallte ein Kuß. Balrich ließ es vorbeigehen. Dann sagte er:

»Tue ich es aber, wer weiß, so verleugnen Sie mich.«

»Nie! Bei den Flügeln des heiligen Geistes, nie!«

Wie ein Turm in der Nacht. Balrich tastete sich um ihn herum und schnell zur Pforte. Noch nicht erreicht, und einem Vorsprung im Zaun, entstieg noch einer.

»Ich habe den Drang, Ihnen zu sagen --« Es war Kraft Heßling.

»-- daß ich meinen Bruder nur mißbilligen kann. Er ist nicht feinfühlig, nicht edelgesinnt. In Ihnen vermute ich eine verwandte Seele.«

Da Balrich zweifelte, woran er sei, beteuerte Kraft: »Sie dürfen mir glauben. Nie wäre ich so unzart gewesen, Ihre Schwester zu verführen.«

Allerdings. In dieser Beziehung war ihm zu glauben. »Was wollen Sie denn?« fragte Balrich.

»Ihnen helfen, Sie Lieber.«

»Die Reichen sind verrückt,« dachte Balrich. »Kommst du ihnen mit Gewalt, geben sie nicht nur ihr Geld her, sondern sogar ihr Herz.«

Kraft versuchte seiner hohlen Stimme Wohllaut zu verleihen. »Ihnen ist es doch wohl lieber, wenn man nicht erst die Kasse erbrechen muß? Da weiß ich nun Rat. Mein Bruder Horst weiß sich keinen mehr, er ist verkauft an die Weiber. Ich aber habe Ersparnisse.«

»Und Sie wollen ihm helfen,« stellte Balrich fest, »daß er handeln kann wie ein anständiger Mensch.«

»Das ist schön, nicht wahr? Ich liebe so sehr die Schönheit der Menschen, die seelische -- und auch die des Körpers,« -- wobei, Kraft, leicht rankend, den Arm um die Schulter Balrichs schlang. Balrich schüttelte ihn ab, Kraft lispelte noch: »Darf ich denn nicht den Freundeslohn erhoffen?« -- da hatte er eine Ohrfeige, und sofort drohte er dem Seelenfreund, ihn anzuzeigen auf der Stelle, zu zeugen gegen ihn, ihn zu vernichten. Hierbei lief er schon.

Kraft eilte heim, in Finsternis gehüllt und seine Rache bedenkend. Der Mut, den sein stärkerer Bruder hier nicht hatte, Kraft fand ihn in seiner enttäuschten Liebe . . . Er meldete sich krank und ging ohne Essen schlafen. Stundenlang harrte er in Geduld, bis Horst kam. Horst tat, als entkleidete er sich, wobei er aber Blicke auf den Schläfer warf. Kraft atmete seufzend, darauf gab Horst es auf, sich zu verstellen, zog das Jackett wieder an, und beim Mondschein wartete nun auch er. Das letzte Licht in der Fassade war erloschen, da machte er sich auf, in biegsamen Hausschuhen.

Kraft, kaum war sein Bruder fort über die Treppe, schlug einen anderen Weg ein. Das Schlafzimmer betrat er unhörbar, woraus das Stöhnen seines Vaters drang. Die Lampe brannte auf dem Betttisch des Generaldirektors, sie beschien sein vom Traum zerrüttetes Gesicht; mit dumpfem Murmeln aus seinen Lippen kamen Worte, kamen Zahlen . . . Da lief ein jäher Schrecken durch alle Massen seines schlafenden Leibes, hoch fuhr er, und gestützt auf beide Hände, starrte er weiß. Wie zum Angriff krümmte dort sich ein schwarzer Mensch. »Lieber Gott!« hauchte er und sank hin.

Kraft sagte heiser: »Papa;« da sah der Vater ihn sich an, den schwarzseidenen Schlafanzug, die hohlen Augen und den Schatten unter der Höckernase, -- worauf er in Zorn geriet und noch nachträglich zu dem Revolver griff. Kraft, erfüllt von seinem Geschäft, wich keinen Fußbreit. »Komm, Papa!« sagte er beharrlich und winkte langsam, winkte knochig. »Komm, Papa, du sollst dich wundern.«

Der Generaldirektor, ohne mehr zu erfahren, stand endlich auf und folgte. Kraft, eins mit der Dunkelheit, führte ihn an der Hand über die Treppe. Drunten schien der Mond in die golden bespannte Halle. Kraft wich ihm aus; die Wände entlang schlichen sie in den weißseidenen Barocksaal. Hier nun, grauenvoll, lag Lampenschimmer! Aus der angelehnten Tür fiel er, vom Herrenzimmer! Der Generaldirektor wollte einwurzeln, Kraft riß ihn mit. Der eine lang und schwarz, überquellend aus seinem weißen Hemd der andere, so traten sie auf. Horst sah ihnen entgegen, mit dummem Gesicht. Er stand halb versteckt hinter der geöffneten Schiebetür, die das Allerheiligste barg, mit dem Kassenschrank, -- und der Kassenschrank klaffte, und in den Fingern Horsts zitterten Banknoten.

Der Generaldirektor, bei diesem Anblick, ward ein Anderer. Sicherheit und Tatkraft prägten sein Gesicht, »Hände hoch!« rief er stark und erhob den Revolver.

»Pardon,« äußerte Horst, »ich bin es nur.«

Der Generaldirektor, der hieran nicht zweifelte, trat sachlich vor, er untersuchte den Kassenschrank.

»Unverletzt,« sagte er. »Wie hast du das gemacht?«

Horst konnte sich der Auskunft nicht entziehen. Er hatte die Zahl, die den Kassenschrank öffnete, aus dem Schlaf seines Vaters erlauscht, aus dem von seinem Feind beschwerten Schlaf des Arbeitgebers -- schon längst. »Schon längst?« Denn Horst, dessen erlaubte Hilfsquellen nicht ausreichten, sah keineswegs erst seit heute der Tat in die Augen, die nun vorlag. Er zeigte keine unangemessene Reue, er beklagte nur, in männlicher Form, die Kargheit der ihm gewährten Lebenshaltung. Der Generaldirektor, als Antwort, entnahm dem Kassenschrank ein Buch, stellte Ziffern zusammen und nannte eine Summe, der er zuzutrauen schien, sie werde Horst zum Wanken bringen. Horst aber wankte nicht. Statt seiner fiel der Vater in einen Klubsessel, er seufzte auf, ganz Vater.

»Was schiert mich das Geld, soll es nehmen wer will, nur gerade du! Mein Sohn ein Einbrecher! Mein Ältester ein Dieb! Nagel zu meinem Sarge, nur noch totschlagen mußt du jemanden, dann liegt deine Verbrecherlaufbahn abgeschlossen hinter dir.«

Dies hörte der Sohn mit aller gebotenen Achtung an. Dem Vater hingen die Arme wie abgehackt von den Lehnen, er war so tief verfallen in seinem Klubsessel, daß der Bauch auf dem Sitz lag wie ein Luftkissen. Da er sich wiederholte und von neuem bei dem Geld anfing, das jeder nehmen könne, sah Horst diesen Teil der Zeremonie für beendet an und beschäftigte sich damit, die Banknoten in den Geldschrank einzuordnen. Eine Note entfiel ihm, flatterte fort und glitt unter eine Tür -- die Verbindungstür nach der Wohnung der Bucks. Horst ließ sie vorläufig dort liegen, in Voraussicht jedes möglichen Verlaufes, den der Auftritt des Vaters etwa nahm.

»Und alles wäre noch verzeihlich,« winselte der Vater, »hätte mein Sohn nicht als Kanal für die Vergeudung meines Besitzes jene Person gewählt. Denn glaube nur nicht, dein Vater täuschte sich über den Grad deiner Gemütlosigkeit. Die Schwester meines ärgsten Feindes, gerade um ihretwillen hast du den Kassenschrank deines leiblichen Vaters nicht mehr für heilig erachtet.«

Endlich etwas Neues, Horst sah die Möglichkeit, das unfruchtbare Feld der Gefühle zu verlassen. »Ich muß dich aufmerksam machen, Papa,« äußerte er, »daß deine Informiertheit, so sehr ich sie bewundere, hier gerade in der Hauptsache versagt: Der Posten, auf den du anspielst, hat in meinem Haushalt eine verhältnismäßig unbedeutende Rolle gespielt; Ehrenwort. Bei weitem das meiste nahm andere und ich darf sagen, rühmlichere Wege.«

»Welche?« fragte der Vater, aber weiter zu gehen in seinen Eröffnungen, erklärte Horst aus Kavaliersgründen für unzulässig. Kraft sagte höhnisch: »Ich kann vielleicht aushelfen«; aber ein Griff, und Horst schickte ihn in einen entfernten Winkel. Dort ward seine hohle Stimme verschlungen von dem Gepolter der Möbel, die sein Vater in Bewegung setzte. Denn der Vater winselte nicht mehr, sondern brüllte, und aufgesprungen warf er mit den Möbeln. Horst, dem gegenüber, fand es um so leichter Kavalier zu bleiben. Schon sein korrekter Jackettanzug setzte ihn in Vorteil vor den schwach Bekleideten . . . Da erschien, von dem Lärmen angelockt, in einem Schlafrock mit Spitzenschleppe Guste, die Gattin und Mutter. Sie sah, ahnte, griff ein.

»Es ist die kleine Anklam, daß du es nur endlich weißt, du Ärmster,« herrschte sie. »Nun also, da machst du andere Augen. Von meinen Söhnen wirst du nicht erleben, daß sie sich wegwerfen!«

Der Vater versuchte: »Er gibt zu, daß er auch jene Person --«

»Es ist nicht wahr,« herrschte Guste.

»Aber Mama, ich habe doch ihre Einrichtung gesehen«; -- und auch Gretchen fand sich ein, süß verschlafen in ihrem langen Nachtkleid. »Ich war bei der Auktion, denn Horst gab ihr unanständig wenig, das muß wahr sein.«

Dies bekam Gretchen schlecht. »Unanständig?« fragte der Bruder und erhob die Hand. Die Mutter drang gegen sie vor. »Ein junges Mädchen weiß das nicht. Es glaubt es nicht einmal, wenn es dabei ist. Fort, unpassendes Geschöpf!« -- und Gretchen war entwichen so schnell wie aufgetaucht.

Der Generaldirektor inzwischen sah Licht, einen Weg und offenen Himmel. In voller Manneskraft riß er die Zügel an sich.

»Die Dinge stehen so,« befahl er, »daß mein Sohn den niederträchtigsten Erpressungen unterliegt.«

»Mann!« kreischte Guste. »So spricht man nicht von einer Dame. Unser Sohn hat Glück bei der Nichte des Generals.«

Aber der Generaldirektor blitzte furchtbar. »Schweig! und folge deiner Tochter. Wo der Ernstfall eintritt, ist nicht der Ort für Weiber.« Er fuhr fort zu blitzen, bis Guste es einsah, sie habe ausgespielt, und sich, rauschend so gut sie konnte, zurückzog. Der Generaldirektor schloß selbst die Tür.

»Du unterliegst den niederträchtigsten Erpressungen,« befahl er.

»Zu Befehl, Papa,« sagte Horst

»Und zwar von seiten einer liederlichen Person, deren Bruder gegen mich den Umsturz mobil macht. In seine Hände gelangen die Unsummen.«

Horst verstand. »Wenn wir das beweisen können --«

»Wir beweisen es,« befahl der Generaldirektor. »Er hat dich tätlich angegriffen. Er hat dich bedroht, falls du nicht seinen Willen tust.«

Erschreckend sagte Horst: »Das ist sogar wahr.« Der Generaldirektor blühte auf. »Wo sind deine Zeugen?«

»Wie viel bekomme ich?« fragte Kraft, dumpf von hinten. Schon hatte der Generaldirektor ihn beim Wickel.

»Maulschellen nach Belieben, oder du redest. Was hast du gesehen, wie kamst du dorthin. Deine Beziehungen zu dem Menschen will ich wissen.«

Kraft, die Gefahr erkennend, leugnete alles. Klinkorum sei es gewesen. »Gleich nach Horst hat er verhandelt mit dem Balrich.«

»Er ist Mitwisser!« Der Generaldirektor frohlockte. »Vielleicht Mittäter. Auch ihn hab' ich in der Hand. Los! Wir räumen auf in einem. Morgen früh die Verhaftung.«

Er hielt sich das Herz.

»Ah! es wurde Zeit. Ich dachte wahrhaftig schon --«. Der Generaldirektor faßte Fuß seinem Kassenschrank gegenüber. Feierlich nickte er ihm zu.

»Der Brief! Der Brief, der mich enteignen soll! Ihn zurückholen und dort einsperren, -- damit noch meine spätesten Enkel gewarnt werden durch den Anblick der entsetzlichen Drohung, die über dem Haupt ihres Ahnen hing. Dafür bin ich zu allem entschlossen.« Höher gereckt und lauter: »Ich schwöre es, zu allem; -- denn der mir aufgezwungene Kampf um mein Dasein rechtfertigt auch das härteste Mittel. Und sollte ich den Brief aus rauchenden Trümmern hervorziehen . . .« Er brach ab.

»Drei Stunden können wir noch schlafen,« stellte er fest. »Ich brauche es.«

Zwischen Kraft, der voranging, und Horst, der folgte, machte er sich auf den Rückweg, durch den weißseidenen Barocksaal und die golden bespannte Halle. Auf der Treppe wiederholte er noch: »Entschlossen zu allem,« -- da hielt Horst ihn an. Kraft war droben verschwunden. »Erlaube, Papa,« sagte Horst leichthin. »Nur zu deiner persönlichen Information. Er hat nichts weiter gewollt, als daß ich seine Schwester heirate.«

Der Generaldirektor sah ihn schroff an. »Ich habe keinen Grund, dir zu glauben. Wir sind übereingekommen, daß er Geld von dir wollte. Der Wert geschäftlicher Abschlüsse scheint dir noch nicht klar zu sein.«

Horst schluckte hinunter. »Als Kavalier,« begann er wieder, »empfinde ich es peinlich --.« Der Generaldirektor machte »Haha! Die Ehre des Fräulein Balrich. Sie muß wiederhergestellt werden.«

»Nicht mehr und nicht weniger,« sagte der Sohn; er war erbleicht; »und im Weigerungsfall ist nichts gewonnen, im Gegenteil.«

Der Generaldirektor sah angestrengt in die Augen des Sohnes. Was drohte hier, oder was ließ sich in Anschlag bringen? Er fragte lieber nicht. Vielleicht, daß auf eine gewisse Art die Sache sich stillschweigend abtat. Sicherer und endgiltiger, als durch eine leichte Gefängnisstrafe des Erpressers. »Ich werde schwer getroffen,« überlegte der Generaldirektor, »wenn dem Jungen ein Unglück zustößt. Aber bezahlen muß jeder, und es gibt Geschäfte, die nicht zu teuer liquidiert wären mit der Darangabe eines Sohnes.« So kaufte man dem Feinde sein Recht ab, und die Macht verblieb, wo sie war. Der Vater blinzelte, der Sohn erriet ihn; es durchschnitt ihn kalt . . . Beide zugleich traten voneinander zurück, -- worauf der Generaldirektor etwas beschleunigt in sein Zimmer drang.

Der Sohn setzte, obwohl allein in der Weite, das Monokel ein, und in leidlicher Haltung kehrte er wieder um. Was auch Entscheidendes vorgefallen war, die Banknote unter der Tür hatte es ihn nicht vergessen lassen. Da lag sie noch, -- wie er aber hingriff, riß sie aus und war drüben, bei den Bucks. Eine neue Gefahr. Er kauerte und wagte sich nicht zu rühren. Dann kam von drüben ein Pfiff -- der bedrohliche Pfiff, den man in dunklen Nächten wohl hörte, aus einem Graben oder Busch, war man allein noch unterwegs. Horst begriff, Hans Buck war es, und er drohte. Er konnte weitersagen, was er erhorcht hatte hinter dieser Tür. Rätlich war es, ihn stillschweigend abziehen zu lassen mit dem Schein. Horst, in seiner Lage, sah keinen Anlaß, sich tiefer einzulassen in die halsbrecherische Politik des Generaldirektors. Noch immer kauernd, zog er sich sacht zurück.

Hans Buck, der durch das Schlüsselloch dies feststellte, tat einen Sprung, und dann lief er. Sie konnten ihn fangen wollen, -- rasch fort, nach hinten durch den Park, den Wald, den Arbeiterwald und querfeldein über Gausenfeld hin, fliegen zu ihr! In die Stadt, jene Straße, das Haus und zu ihr! Ihre Arme, ihr Mund! Du hast Geld. Lauf', lauf', mit dem Geld zu der Liebe!

Er war schon durch den Torweg zwischen den Arbeiterhäusern; die Wiese; die Landstraße, -- da hielt er an, wollte weiter, stockte -- und trat endlich doch ein in das große Haus der Armen. Das Tor ward gerade geöffnet, es dämmerte; sie standen auf, schon waren sie auf den Treppen. Hans Buck hielt an, wen er traf. Schnell ein Wort, und auch dort eins. Zurück nun, und zu Klinkorum. Die Lampe Balrichs glomm gelb im Morgen. An das Fenster gepocht und hastig hinein geraunt, was nottat. Schon lief er, es spritzte der Kies. Zwischen ihm und ihr nichts mehr als der Lauf.

Er lief, und ihm voran lief sein Herz. Es war schon angelangt, es sah sie schon, sein Herz sah ihr Gesicht schon, das es so sehr fürchtete um seiner Schönheit willen, -- und wie sie ihre weißen Arme auseinanderschlug . . . Plötzlich fand er sich auf der Landstraße, noch immer hier, kaum hinaus über Klinkorum. Am Himmel, der sich erhellte, flitzten Schwalben dahin bis über die Stadt, bis über ihr Haus, -- kehrten um, waren zurück und bebten noch. So war sein Herz.

»Wenn ich hinkomme,« fühlte er, »wenn ich noch hinkomme!« Nur dies, dann nichts mehr. Nach diesem das Ende, was sonst. Ihr Haus, auf das er zulief, von jenseits lief der Tod auf es zu, -- sie mußten sich treffen in ihren Armen. Jauchzend lief er auf den Tod zu, der die Liebe war.

Aber kaum eine Stunde, da schlich er hilflos wieder herbei. Sein Herz war unbeflügelt, in den Staub auf seinem Gesicht rannen Tränen. So kam er zu der Villa Klinkorum. Im Garten stand Polizei; auch die Familie Dinkl, die aus ihrem Keller herausstrebte, ward im Zaum gehalten von einem Schutzmann. Hans Buck gab an, sein Lehrer erwarte ihn, und durfte hinaufgehn. Droben begegnete er Männern ohne Uniform und mit schlechteren Gesichtern als die Uniformierten; sie suchten oder lauerten auf. Ein Höherer stand in dem Studierzimmer vor Klinkorum. Der Generaldirektor Heßling saß sogar auf dem Schreibtisch und warf Papiere durcheinander, wer weiß wegen welches Papiers. Beide herrschten Klinkorum an. Mit Würde hielt er ihnen stand. Den Balrich, den sie suchten, habe er nicht gesehn. Er wisse nichts von Attentaten des Balrich. Er, sein Helfershelfer? Er würde lachen, -- wenn er nicht fürchten müßte, noch mehr verkannt zu werden in seiner staatstreuen Gesinnung.

Der Generaldirektor sagte schneidend: »Die wird an einem anderen Ort geprüft werden. Wir haben Zeugen für Ihre staatstreue Gesinnung;« -- und er zeigte in jenen dunklen Winkel, wo nichts zu erkennen war. Klinkorum aber, noch immer unerschüttert, ging hin und legte jemandem die Hand auf die Schulter. Kraft Heßling war es, mit dem er hervorkam. »Zeugen,« sagte Klinkorum nicht ohne Ironie, »hat jeder, und wäre es nur Gott. So dunkel sind selbst nicht die verstohlensten Herzenstriebe. Wohlan, deutscher Jüngling!« Mit einem leichten Schub schickte er Kraft seinem Vater zu -- und hatte dabei um seinen Haifischrachen einen so vielsagenden Zug, daß der Generaldirektor ohne weiteres vom Tisch rutschte. Wohl brachte er noch einige Drohungen hervor, war aber schon im Rückzug begriffen, mitsamt Kraft und den Kriminalern.

Die Luft war rein; Hans Buck, hinter der Tür, machte Huhu! -- um zu sehen, wie Klinkorum erschräke. Doch erschrak er nicht, er hob gegen seinen Schüler den Finger und lehrte: »So hast du denn mit angesehen, Knabe, was aus den armseligen Machthabern wird, wenn das Wissen gegen sie aufsteht. Wir Intellektuellen tragen in unserem Geist den Sprengstoff für sie alle.«

Hiermit entlassen, machte der junge Buck sich aus dem Hause, das er inzwischen umringt fand, nicht mehr von Polizei, vom Volk, zumeist Frauen. Sie drangen in den Garten, Dinkls berichteten ihnen, -- und schon, von ihnen herbeigeholt, liefen Männer über die Wiese. Sie hatten, von der Arbeit weg, die Fabrik verlassen, sie wollten selbst sich überzeugen, ob der Heßling es wagte, den Balrich zu verhaften, ihren Balrich, ihren Führer, den, auf den sie hofften. Denn sie hofften wieder auf ihn allein. In Gruppen standen sie und sagten halblaut, als würden sie bewacht: »Er ist der Wahre. Er hat es immer gewußt, der Heßling mit seiner Gewinnbeteiligung werde uns nur hineinlegen. Jetzt hat er etwas vorgehabt, wozu verhaften sie ihn sonst.«

»Was wird er vorhaben.« Herbesdörfer wühlte umher. »Den Streik, was sonst soll uns helfen. Er hat ihn nie gewollt. Will er ihn jetzt, dann weiß er das Seine, dann los!«

Sie teilten sich, die einen zogen nach der Fabrik, die Genossen zu holen. Andere, leis eingeweiht von den Frauen, kamen mit in das Haus, sie verteilten sich über Treppen und Gänge. Den Spitzel Jauner drängten mehrere in ein Gelaß und versprachen ihm für diesmal das Schlimmste, falls er sehe oder höre. Es währte lange, bis alle sich wiederfanden, vor dem Zimmer 101 im Haus B. In seinem alten Zimmer saß Balrich.

Er sah ihnen entgegen, die Hand auf seinem fichtenen Tisch, an einem Revolver.

»Ich kann hier nur Freunde gebrauchen,« sagte er, die Brauen gefaltet. »Wenn andere mich hier finden, ich habe etwas zu viel für euch getan, mir bleibt nur der da.«

Hierauf, so wild sie waren, schwiegen sie, -- bis einer sagte, es sei nun gleich, so stünd' es um sie alle, sie seien die Seinen. Auf Gedeih und Verderb, sagte Herbesdörfer. Nicht einer mache flau, sagte Polster.

Da riet er ihnen: die Arbeit niederlegen und still sein. »Keine Gewalt -- nur warten, bis er tut, was ihr wollt.«

»Tarif!« verlangten sie. »Mindestlohn 28 Mark.« Er riet ihnen:

»Keinen Tarif, aber fünfunddreißig . . . Das tut er nicht? Abwarten! Ich habe eine Sache mit seinem Sohn.« Eindringlich fragte er umher.

»Ihr glaubt doch nicht, er läßt seinen Sohn im Stich. Wo nichts von ihm verlangt wird, als daß er euch nicht mehr betrügt und euer Blut saugt, da sollte er es ausschlagen, seinen Sohn zu retten? Wer glaubt das!«

Ein alter Arbeiter legte auf die Schulter eines jungen seine Hand und sagte: »Das glaubt keiner.«

»Das gibt es in der Welt nicht,« sagte einer nach dem andern; -- und einzeln und umsichtig brachen sie auf.

Ein Geräusch hinter dem Bett, Balrich faßte nach der Waffe; aber hervor kam das Bürschlein. Da lief Balrich hin und umarmte ihn. »Du gutes Bürschlein! Ohne dich wäre es nun schon aus mit mir.« Aber er fühlte einen Widerstand. Der junge Reiche wollte dies nicht hören, er machte sich los.

»Danke mir nicht,« sagte er zornig, mit Augen, groß und von Tränen schimmernd wie die eines Mädchens. »Nur nebenher und nicht gern habe ich mich aufgehalten bei den Arbeitern und bei dir. Ich lief zu einer Anderen --«

Er krümmte sich über den Bettpfosten.

»-- und die war es nicht wert.«

Schluchzen, über dem Bettpfosten. Dann stellte er sich vor ihrem Bruder auf und fragte:

»Sie hat mich weggeschickt, kannst du es ihr verzeihn, der du mein Freund bist?«

»Du Bürschlein,« sagte der Bruder mit Nachsicht. Der Siebenzehnjährige rang die Hände.

»Welch ein Unglück! So ist es denn möglich, daß ein Mädchen nicht fühlt, kein Mensch, in ihrem ganzen Leben kein Mensch werde so sehr sie lieben! Ich hätte es nie geglaubt. Für mich geht die Welt unter.«

Der Bruder umspannte seine gerungenen Hände. Es rang auch in ihm, er sagte gequält: »Laß sie! Du bist der Bessere. Ich liebe sie auch, aber wir sind nicht gut, wir lieben das Geld.«

Da schäumte der Liebende auf gegen ihn. »Das Geld? Das hatte ich, und sie wollte es nicht!« Er zeigte den Schein her. »Nicht einmal den, -- und welche würde den ausschlagen. Wir Reichen haben sie erzogen, daß sie Geld nehmen, warum beschimpfst du nun sie?«

Jetzt weinte der Bruder. Er legte dem Siebenzehnjährigen die Hand auf die Locken und murmelte: »Du Bürschlein.« Jener warf die Arme zum Himmel.

»Wir würden geflohen sein und wären in der Welt nun allein. In der Menge der Menschen nicht einer wüßte um uns. Ich würde arbeiten, harte Arbeit, schmutzige Arbeit, ich würde arbeiten für sie, um jedes ihrer süßen Glieder zu bekleiden und ihrem süßen Mund die Nahrung zu bringen. Ich würde leben für ihre Küsse, -- und wäre es nicht erlaubt, so selig zu leben, würde ich sterben in ihrem Kuß. Wir wären gestorben, besiegt und arm; aber so viel Leben, so unvergängliches Glück wäre ausgeströmt aus uns, daß unsere Dachkammer, lägen wir tot, noch strahlen sollte!«

Er war niedergesunken; vor dem Bett kniete er und sagte sein Herz der einen, die er sah. Balrich, hinter ihm, fragte mitleidig:

»Warum wollte sie dein Geld nicht?«

Der Knabe stand auf, er sah zu Boden. »Weil es gefährlich sei für mich. Weil ich es gestohlen habe, und ich solle es zurückgeben. Aber ich weiß --«

Feindlich richtete er sich auf. »Sie meinte: gefährlich für dich. Ich? Was kümmere ich sie! Einen Kuß hat sie mir gegeben -- für dich. Aber du bekommst ihn nicht. Ich behalte ihn, damit ich nicht doch die Lust verliere, zu sterben.«

Heftig wandte er sich fort. Balrich zog ihn wieder herum. »Was sprichst du denn!« Der Knabe machte einen Mund, bitter wie ein Greis.

»Du denkst wohl, das alles soll hingehen und vergebens sein? Eines Tages soll ich sie vergessen haben? Für wie schlecht und feige hältst du mich denn? Könntest etwa du selbst vergessen, was dein Ziel und Leben ist?«

Hierauf schwieg Balrich. Hans Buck streckte wild die Hand hin. »Sie will mich nicht, jetzt bin ich dein -- bis an das Ende. Du sollst sehen, was ich kann.«

Er sah nach, ob niemand horchte.

»Du gehst nicht aus dem Zimmer, niemand wird dich finden, ich bürge dir. Ich führe sie auf falsche Fährten. Deine Leute sollen wieder so fest zusammenhalten wie damals, als sie das Geheimnis hatten und Heßling sich fürchtete.«

»Auch jetzt hat er etwas zu fürchten,« sagte Balrich. Hans Buck schüttelte den Kopf. »Jetzt treibt er zum äußersten, er kann nicht anders. Alles treibt zum äußersten, auch du, auch ich. Nicht länger darf es ohne Gewalt gehen und ohne daß ich sterbe.« Bleich und feierlich; -- aber er faßte sich und sagte mit Beweglichkeit:

»Laß alles mir! Ich melde dir alles, was vorgeht. Durch mich befehligst du sie. Du sollst nur mich sehen. Ich bin der einzige, der überall durchkommt, und niemand bemerkt ihn.«

Er flüsterte, spähte, glitt aus der Tür.

Balrich hatte auf seinem Tisch die Bücher, er wollte arbeiten wie immer; aber ihm klopfte das Herz. Hierher hatte er sie geführt, auf Wegen, die an soviel Größerem enden sollten, unwissentlich nun doch hierher; und konnte bei ihnen nicht sein. Gewalt stiften -- und dann zusehen, wie sie sich vollzog: eine Führerrolle. »Aber ich bin kein Führer; das war. Ich will nur noch dreinschlagen, es soll nur noch drunter und drüber gehn -- zu welchem Ende? Zu keinem.«

Er versteckte sich hinter dem Vorhang des Fensters. »Die Pfennige, um die ihr kämpft, sind meine Strafe. Wie sehr habe ich einst euch geliebt, und das ist nun alles. Wie groß war meine Sendung, und nun die Pfennige.«

Er sah durch den Vorhang, sie kämpften schwer und täglich schwerer. Gegenüber am Hause C hing einer der Zettel, worauf die Verwaltung Stellung nahm zum Streik. Von weitem lesbar ein großes Wort: Erpressung. Arbeiter standen davor, die ersten Tage lachten sie. Vor der Fabrik hin und her gingen Streikposten; sie wurden verhaftet für das Verbrechen, die Arbeitswilligen aufzureizen. Sie mußten im Dunkeln werben, -- indes auf offener Straße die Herren ihren Kriegsrat hielten, der Heßling und sein Freund v. Popp. Der Heßling und seine Leute gingen in die Arbeitervillen, dort wohnten jetzt die fremden Streikbrecher, -- und brachten ihnen Geschenke. Laßt aber nur einmal zwei Streikende hingehen, das ist Hausfriedensbruch. Die Gerichte haben Arbeit, und hier denken sie: was du tun willst, tue gleich. Ein Arbeiter, vorbestraft, stiehlt eine Wurst, sie kostet anderthalb Jahre. Kleine Kohlenstücke, von den steifen Fingern der Frauen in ihre Schürze gelesen, sind ein halbes Jahr wert.

Grau schlichen drunten die Frauen, am gestreckten Arm Kinder nachschleppend mit hohlen Augen. Wenige Wochen erst, und nicht einer lachte mehr von den Männern. Vor den Befehlen und Drohungen auf den Mauern spieen sie aus, aber mit einem Blick rundum nach dem Schutzmann. Hungere doch, und bleibe stark! Hungere, und behaupte dein Recht! Der Heßling auf seiner Villa Höhe tafelte mit v. Popp. Dabei verging ihm die Zeit, -- und inzwischen ließ er in der Fabrik neue Maschinen aufstellen, Maschinen von einer Art, die man nicht kannte. In einem eigenen Gebäude, ganz hinten am letzten Hof standen sie, wie ein Geheimnis, eine neue Gefahr, über die man raunte, die noch mehr aufhetzt.

Als alle schon müde waren, erschien Napoleon Fischer und wollte vermitteln. Er riet ihnen, anzunehmen, was Heßling bot, dreißig Mark ohne Tarif. Es sei gerecht; die Partei lehne es ab, Streikgelder zu geben zugunsten gewissenloser Hetzer. Napoleon wisse, wen er meine. Wo sei der Mensch, wohin habe er sich verkrochen . . . Dies erfuhr er nicht, und er ward, zum erstenmal in seinem parlamentarischen Leben, von seinen Wählern fortgeprügelt. Das Bewußtsein nahm er mit, er habe gerecht gesprochen, -- und heimlich wußten auch sie es. Dreißig Mark Mindestlohn, das war mehr als früher. Aber dazwischen lag jener Betrug der Gewinnbeteiligung, lagen Erbitterung, Gewalt und Hunger. Dazwischen lag mehr. Wir haben den Kopf erhoben einmal im Leben und haben geglaubt, nahe bevor, uns und den Kindern bevor stehe der Tag der Gerechtigkeit. Gezählt seien die Tage der Reichen. Wir wären, mit dem, was so lange sie uns kosteten, nun selbst bald reich, hätten in gelüfteten Sälen gemeinsam unser gutes Essen, und Maschinen, die uns gehörten, arbeiteten für uns. Wir haben geglaubt, es gebe das Glück, und es sei da. Dies büßet nun, Arme!

Karl Balrich, in seiner Brust das Abbild ihres gemeinsamen Herzens, fühlte: wir büßen mit Trotz, mit der Verzweiflung unseres Lebens, und will es Gott, mit unserem Untergang. Vom Feind umringt, stündlich enger bedrängt und zum Ausbruch bereit, zum Todeskampf, so leben wir. Die fremden Streikbrecher mit ihren Knütteln marschieren in Reihen und wollen uns überrennen. Frech höhnen sie uns für ihren Schandlohn, sie werfen alte Brotrinden nach unseren hungernden Frauen. Da, eines Abends stellt Polster, der Maschinenmeister, sich auf, bei dem Torweg, wo sie hindurch müssen. »Ihr Lumpenhunde!« sagt er laut. Keinen hat er hinter sich als einige Frauen, die vor Schwäche an der Mauer lehnen, die Kinder in ihren Rockfalten. Was kommt ihn an, den ruhigen Mann? Er steht, die Fäuste geballt, und läßt sie heran, als sei es nichts und ihn schütze sein Recht. Gibt sich Halt, der gesetzte Mann, stemmt sich fest auf seine Beine, die mutig in diesem harten Leben standen. Ihm schlottern die Kleider seit diesen Wochen, die Wangen hängen ihm grau herab. »Ihr Lumpenhunde!« Da prallen sie an ihn, entblößt wird sein kahler Kopf, seine Fäuste stoßen in sie hinein, sie werfen sich auf ihn, er verschwindet.

Als sie sich zerteilten, lag er da, ein Messer in der Brust, und röchelte. Balrich droben riß das Fenster auf, er wollte schreien. Umklammert und zurückgezogen schlug er zu und traf das Bürschlein. »Du bist gesehen,« sagte es. »Flieh!« Er wollte nicht, aber es drang in ihn. »Vor der Nacht noch kommen sie und fangen dich. Aber heute nacht geht es los. Du siehst doch, es kann nicht länger dauern. Willst du den Deinen in den Arm fallen? Sollen sie niemals dreinschlagen?«

Das Bürschlein drückte ihm die Mütze in die Hand, es spähte aus der Tür: alles leer, alle drunten bei dem Getöteten. Balrich brach auf. »Du weißt, wohin,« flüsterte zitternd das Bürschlein; -- so entkam er, über die Wiese, im Abendgrau.

Er suchte Deckung die Landstraße entlang, machte Umwege in der Stadt durch die leersten Gassen, schlich hervor, unter ihr Haus . . . Sie selbst öffnete ihm, zog ihn wortlos bis in das letzte Zimmer und zeigte ihm das Fenster. »Drunten ist der Hof. Du kannst auf das Waschhaus springen und über die Mauer.« Dann ihm zugewendet, als träte er jetzt erst ein: »Daß du gekommen bist!« Da wich sie zurück. »Aber du bist grau geworden.«

Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Mein lieber Karl!« sagte sie, die Hand vor dem Mund, »was ist mit dir geschehen.«

Er fragte: »Waren sie schon hier?« Und da sie nickte: »Ich wollte doch kommen.«

Sie sprang auf. »Ich wußte es! Ich habe dich erwartet, du sollst nun essen.« Und als sie ihm am Tisch gegenübersaß: »Die ganze Zeit habe ich Angst gehabt, jetzt nicht mehr. Alles ist gleich, solange wir beisammen sind.«

Er hatte gegessen, sie schob ihren Stuhl neben seinen. An seine Schulter gelehnt: »Weißt du noch, wie wir als Kinder in einem umgeworfenen Faß saßen? Es war unser Haus, wir warteten auf den Mann aus dem Wald, der uns holen wollte. Ich hatte große Furcht, aber wie tapfer warst du, ich hoffte nur auf dich.« Sie machte ihr mit dem Leben bekanntes Gesicht. »Jetzt können wir wieder so spielen. Der Mann aus dem Wald kommt mich zu holen, -- oder hat er mich schon geholt. Aber du kannst mir nicht helfen, sie werden dich fangen.«

»Sie werden mich nicht fangen.«

»Du bist schön, wenn du das sagst. Du bist das Beste von mir, ich werde wohl nie jemand lieb haben, nur dich, immer und wo ich auch ende.«

Plötzlich sah er den Koffer, der dastand. »Sie schicken dich fort! Sie drohen dir! Alles um meinetwillen.«

»Du aber duldest für mich,« sagte sie feierlich. Beide schwiegen . . . Da zuckte sie zusammen, sie horchte. Schnell ausgedreht die Lampe; »sie sind wieder da;« -- und zurück mit ihm in das letzte Zimmer. »Du mußt nun fort.« Im Fieber des letzten Augenblicks: »Lauf! Aber die Reichen sind schneller. Auch ich werde ins Gefängnis kommen durch sie. Ich werde durch sie immer schlechter werden. Vergiß nur du nicht, wer ich war!« An seinem Hals: »Ich war deine Schwester.«

Hinaus, sie klingelten schon. Der Bruder sah noch die Tür sich schließen vor ihrem Gesicht. Er fühlte: noch seh' ich sie, noch, noch. Da sah er sie nicht mehr.

Er sprang aus dem Fenster, entkam über eine Mauer und durch dunkle Gärten ins Freie. Vor dem Stadttor aus der Kaserne rückte die Truppe aus, er wußte wohin. Er ließ sie voran und wandte sich laufend nach Beutendorf. Von weitem loderte ein Schein in der Nacht, und von Beutendorf läuteten sie. Nun stand das Feuer seitwärts ihm gegenüber. Läufst du jetzt darauf zu, wohin kommst du? Er wußte es schon, wohin, und er lief. Von weitem, im Licht des Brandes, sah er etwas sich bewegen, wie eine wandelnde Mühle: Klinkorum, der um sein brennendes Haus her die Arme durch den Himmel drehte. Als Balrich unversehens hinter dem Hause C hervorkam, riß jemand aus, am Boden, wie ein Hase. Aber bei dem Aufflammen des Balkons, der grade stürzte, erkannte Balrich den Hasen; es war Jauner, der Spitzel, Dieb, Verräter und Brandstifter.

»Seht ihn laufen!« rief er den Dinkls zu; sie saßen auf gerettetem Plunder am Grabenrand, starrten in den Brand und wandten sich nicht um. Der alte Gellert aber, mit nichts Gerettetem als einer Flasche, schwenkte sie drohend. »Niemand läuft! Gefälligst läuft niemand!«

Balrich ließ den Betrunkenen, er sagte zu Klinkorum, der herbeiirrte: »Der Brand kommt dem Heßling sehr gelegen. Ihnen muß er jetzt nichts mehr zahlen, -- und dann mein Brief. Er denkt, dort brennt der Brief, der ihn enteignen soll.«

»Brennt er denn nicht?« fragte Gellert, viel weniger betrunken als vorher.

»Sei ein ausgemachter Schurke,« sagte Klinkorum dumpf, »du kannst mehr, als selbst der heilige Geist.« Die Arme drehend, irrte er weiter. Gellert rief ihm nach: »Der Heßling, ein Mann wie Gold! Er kauft alles, was Ihnen übrig bleibt. Er kauft sogar uns unnützes Pack!« -- und Balrich, der schon fort war, sah ihn noch feixen gegen die Lohe.

Vor sich, unterwegs nach Villa Höhe, fühlte Balrich ein Stampfen, als schritte sein wildes Herz. Davon dröhnte die Straße, die nun die seine war, seine einzige, seine letzte. Dorthin! Das Dunkel ward dunkler, es ballte sich zu einem stürmenden Menschenhaufen, ausgeschleudert wie ein Arm, stumm wie ein erstickter Schrei, -- der Haufe der Armen. In ihm verschwand Balrich.

Sie waren tausend, hinter ihnen die Kasernen der Armut, ihre erbrochenen Gefängnisse, und die Stadt mit den Mächtigen, deren Hand ihnen nachgriff noch jetzt; hinter ihnen die Soldaten. Sie waren tausend und doch nur ein Windstoß. Stürmten ausgeschleudert in das Land vor ihnen, das dunkle und unermeßliche, das sie nicht kannten, und worin andere ihresgleichen ihnen unbekannt stürmten wie sie, nach einer Villa Höhe, die sie niemals erreichten. Nie kommen wir hinein, nie wird sie unser; aber dennoch, wir stürmen. Wir sind beisammen im Sturm, wissen nichts, als unsern Sturm, nichts vorher, nichts nachher. Halt! da ist Villa Höhe. Wir wären über sie hinausgestürmt. Das Tor auf! Wir können nicht warten. Warteten zu lange. Wir sehen das Gitter nicht, stoßen uns blutig, zerstechen uns beim Hinübersteigen an den Lanzen. In den Garten springen wir, stampfen in den Beeten, nehmen Anlauf . . . Auweh, Schießen! Kugeln um uns her schlagen in die Gartenerde. Geteilt den Haufen, und jeder einzeln tappen, kriechen, rennen wir. Auweh, Schießen! Auch von der Straße. Wir sind zwischen zwei Feuern. Da hilft nur eins noch, Tapferkeit. Zurück, das Tor geöffnet, und hindurch zwischen der Truppe und um sich schlagen, stechen, beißen. Im Dunkeln wissen sie nicht, sind wir es, sind sie es. Sie schreien: »Licht!« -- aber als nun die Bogenlampe angeht über dem Tor, sind wir hindurch und weit, bis auf die, die liegen. Auch Soldaten liegen. Das Maschinengewehr im Garten der Reichen hat nicht unterschieden zwischen uns und ihnen.

Die Truppe ordnete ihre Reihen. Vom Waldrand kam wüstes Gebrüll, noch sprangen welche hervor aus den Fichten, wollten es nicht verloren geben, schimpften, drohten, und einer schoß. Die Truppe legte an. Flucht; -- aber grell beleuchtet ein verwilderter Mensch, nackt die Brust und mit einer Brille, schleppte etwas heraus auf die Straße -- einen andern, der schrie und sich wehrte. Ein Schwung, der Kleine flog vor die Gewehre. Die Truppe gab Feuer. Zwischen Getroffensein und Hinfallen zappelte der da knieend noch in die Luft und kreischte: »Nicht schießen! Ich bin ein guter Mann!« Dann fiel er auf den Magen, kratzte den Staub mit den Füßen, den Händen und war tot, der Spitzel Jauner.

Im Wald riefen sie: »Bravo Herbesdörfer!« -- und stolperten, wohin sie konnten. Auch Balrich; -- aber da setzte er sich schwer in einen Graben, neben einen andern, fast auf ihn. Der stöhnte, und schon von seinem Stöhnen wußte Balrich: das Bürschlein. »Du, Bürschlein?« Er zündete ein Streichholz an. »Warst bei uns -- und blutest?« Nun sah er auch, das Bürschlein lag in Ohnmacht. »Blutest für uns,« murmelte er, »ich aber bin unverwundet,« -- und lud es sich auf. Kroch hervor mit ihm und tastete nach den Stämmen, damit es sich nicht anschlage. Licht fiel herein, dort lag Villa Höhe, weiß, verlassen und von der Truppe abgesperrt. »Ich trag' es hin,« dachte Balrich. »Sollen sie mich haben!« Schon setzte er den Fuß aus dem Waldrand, da erwachte das Bürschlein. »Was tust du denn! Fort!« -- und es zog ihm den Kopf in den Nacken, das Genick würde es ihm gebrochen haben. »Zu dir!« verlangte es. »In das Haus B!« Und da sie an einen Stein stießen, fiel es wieder in Ohnmacht.

Balrich gehorchte und nahm einen Umweg, es kostete die halbe Nacht. Umstellt der Wald, die Straße, alles, nur nicht die Kasernen. Wen sollten sie hier suchen. Noch niemand war heimgekehrt; sogar das Tor stand offen. Sanft legte er das Bürschlein auf sein Bett, stand davor und faltete die Hände. Er fühlte: »Das ist nun ein Held. Denn wer zwang ihn, und was ging es ihn an . . . Sind so die Helden? Dann können wir Armen auch das nicht sein.«

Da stand er und sah den Knaben an, als habe nicht er ihn die halbe Nacht getragen und hier gebettet, sah ihn an unter gefalteten Brauen, -- bis er aufschrak und eilends daranging, den Schlafenden zu verbinden. Es war geschehen. Nun sagte Balrich vor sich hin: »Ist siebenzehnjährig, ist reich, und geht mit uns Armen, uns Verzweifelten.« Hierauf, mit noch geschlossenen Augen, fragte das Bürschlein:

»Verzweifelt? Warst du nicht glücklich?«

Balrich antwortete: »Ja; wie man glücklich ist, wenn endlich der Selbstmord kommt, nach dem langen Elend.«

Der junge Reiche, die Augen geschlossen, lächelte. »Es war schön -- wie ein Fest. Wie hatten wir es nur so hell und solche Rosenpforten.«

Balrich legte ihm die Hand auf die heiße Stirn. »Triumph,« sagte der Fiebernde. »Wir laufen durch den Himmel.«

Balrich sagte: »Wir gehen über die schwere Erde und sind gewiß, nur ihr Schoß ist unser Ziel.«

»Alles ist unser, die Freiheit, das Glück!«

»Worte,« sagte Balrich. »Wer glaubt daran.«

Da öffnete der Reiche die Augen. Der heiße Rausch in ihnen ward überwölkt von Trauer. »Ihr glaubt nicht daran? Nicht einmal heute nacht?«

»Für uns sind keine Götterfeste.«

»Wozu dann stürmtet ihr?«

»Und du?« fragte Balrich. Er stand mahnend da. »Schon hast du vergessen?«

Auf einmal ward das gerötete Gesicht des Kranken weiß, er flüsterte mit Grauen: »Leni! Ich wollte sterben für sie, und konnte sie vergessen.«

Um Balrich, der sich schmerzensvoll neigte, warf er die Arme, brach in Tränen aus an seiner Brust: »Wie wir elend sind!« -- und durch nichts getrennt, weinten sie.

Der Morgen wollte grauen, Hans schrak auf. »Du mußt fort, sie werden dich suchen.« Balrich bewegte gleichgültig die Hand. »Wohin? Es ist unnütz.«

»Mein Rock dort, nimm das Geld heraus --«

Hans stockte; die Miene des Freundes erinnerte ihn daran, welches Geld er meine. »Gib es deinem Vater,« riet Balrich. »Dein Vater ist dein Freund.« Da er den Mund des Knaben zucken sah: »Willst du nicht heim?« Der Knabe senkte den Kopf, er schämte sich; aber er ließ es zu, daß Balrich ihn ankleidete.

»Schicke hin,« sagte er ihm ins Ohr. »Die Soldaten werden abgezogen sein und der Heßling noch nicht zurück.«

»War er denn fort? War gar nicht dort in der Nacht?« Balrich lachte auf. »Wir hätten es wissen können, wir Stürmer.«

»Er ist schlau,« sagte der Knabe; »wenn du ihm begegnest, hüte dich.«

»Jetzt kommt er zurück? Schon gut, ich gehe. Deine Leute werden dich holen. Lebe wohl, mein Bürschlein, mache es gut.«

»Mache du es gut,« sagte Hans Buck tiefernst. Sie schüttelten einander die Hände, wie Männer, die weiter nichts sagen müssen.

Balrich schickte ein Kind zu dem Vater des Verwundeten; dann ging er hinüber nach der Brandstätte. In den Trümmern bewegte sich nur der Rauch; er sah umher. Die Nacht des Aufruhrs hob sich von diesen Trümmern, dieser Leere, -- die Streikenden versteckt, fortgekrochen auch Dinkls, aber Klinkorum dahinten stand mit den Armen kreisend als leere Windmühle vor all dem Seinen. Balrich ließ ihn laut in die Luft plappern, er suchte in den Bäumen an der Straße nach einem Versteck.

Hinaufsteigend in die Krone, erkannte er sie. Dies der Ast, an dem er einst sich erhängen wollte. So hatte es angefangen, und hierher führte es zurück. Was dazwischen lag, war Kampf, Prüfung, Erliegen und Aufstehn, Kampf bis aufs Messer und bis zum bittern Ende. Du hast es vorausgesehen damals, Armer, das Ende sei die Verzweiflung. Wärest du doch gegangen, schon damals! Jetzt ist es schwer; das ganze Leben, das du erlittest seitdem, tobt jetzt in dir und sträubt sich gegen den Griff deiner Hand. Stirbst du, muß es im Kampf sein, und der Feind muß mit!

Er spähte durch die kahlen Zweige. Damals wogten die Kronen und entsandten den lauen Duft ihrer Blüten. Der Verzweifelte fühlte: »Mir duften sie nie mehr. Ich soll es nie wieder warm haben, nie wieder satt sein, kein Weib mehr lieben.« Er entsann sich, nun er am Äußersten war, nur seiner Sinne noch. Wirf es hin, lauf, rette dich, lebe! Da erscholl der Schritt.

Heßling ward sichtbar, weit hinten unter den letzten Bäumen, auf der Straße allein. Balrich hielt sich bereit, er prüfte den Revolver. Aufgepaßt, keine Schwäche mehr! Das ist der Mensch, der dir einzig im Weg stand. Hat dich zum Hungern bringen wollen und zum Wahnsinn. Ein Dieb solltest du sein, ein Zuhälter, solltest gefangen werden und in Schanden untergehn. Bin hier, aufgepaßt, bin hier! -- und er legte an. Aber der Heßling verschwand.

Hinter dem Baum dort mußte er stecken! Balrich sprang herab; die Waffe ausgestreckt, rannte er; -- da stak er fest. Noch dachte er, er sei gegen ein Hindernis gerannt, zappelte noch und wollte weiter. Dann erkannte er, von jeder Seite hielt ihn ein Mann. Ein dritter entwand ihm schon den Revolver; ihm ward es klar, hinter jedem Baum hatte einer gestanden. Es war wie ein Traum, weithin kamen welche hervor; -- und erst als er vorn und rückwärts ganz zweifellos beschützt war von bewaffneten Gestalten in Zivil und mit schlechten Gesichtern, verließ auch Heßling seine Deckung. Gebläht, gehoben, die Wangen nicht mehr hängend, die Augen nicht mehr matt, mit Kraft geladen wie je, schritt er durch das Spalier seiner Garde los auf seinen ohnmächtigen Attentäter. Da war er, der Mensch, der ihm den Schlaf genommen, ihn verfolgt und krank gemacht, in gottloser Vermessenheit angetastet hatte sein Heiligstes, Besitz und Macht, -- da war er zwischen Detektiven, die Handgelenke kräftig gepackt, und hier halfen keine finsteren Brauen mehr, man hätte ihm können in das Gesicht spucken.

Indes aber der Sieger den Anblick genoß, stieß der Besiegte rauh aus: »Lassen Sie mir die Waffe zurückgeben! Ich will mich töten!«

Gelächter der schlechten Gesichter. »Und wen noch?« fragte der Generaldirektor fein. Balrich stieß aus: »An Ihnen liegt mir nichts mehr. Nur mich!«

Der Generaldirektor sagte herablassend: »Mensch, ich hätte Sie nicht für so dumm gehalten. Sehen mich allein, zu Fuß daherkommen und denken in kindlicher Unschuld, dahinter steckt nichts. Wenigstens haben Sie jetzt einen wirksamen Abgang.«

Balrich maß ihn. »Sie wollen großtun? Ihren Sohn haben Sie nicht so gut bewachen lassen. Ihren Sohn hätte ich abschießen dürfen und mich damit erledigen.« Er sah ihm in die Augen. »Sie rechneten damit.« Worauf Heßling auswich. Auf einmal schien er nicht mehr so zielbewußt, -- sah die schlechten Gesichter an, tat schon den Mund auf, damit sie sein Opfer abführten; aber dann entschloß er sich anders.

»Wollen Sie vernünftig sein?« fragte er, nahe an Balrich. Der Besiegte sagte: »Was ich getan habe, ist vernünftig.«

»Ich habe mit dem Mann zu reden,« herrschte der Generaldirektor. »Aber legen Sie ihm Handschellen an.« Dies geschah; darauf Balrich: »Ich mit Ihnen nichts, oder Sie lassen mir die Hände freimachen.«

Der Generaldirektor wehrte sich, aber Balrich sprach ihm zu: »Wozu soll ich Sie eigentlich beseitigen. Sie kommen doch mit, wohin ich gehe, auch ohne Schießen.«

»Drohen gilt nicht!« rief der Generaldirektor, aber er bat die Herren, dem Menschen die Handschellen vorläufig wieder abzunehmen. Er begab sich sogar mit ihm abseits, hinter einen Trümmerhaufen der Villa Klinkorum. Die Organe der bürgerlichen Ordnung sahen es mit Staunen, der Generaldirektor trat in vertrauliche Verhandlungen mit seinem Attentäter.

»Augenblicklich lassen Sie mich frei!« verlangte Balrich.

»Augenblicklich geben Sie mir den Brief!« heischte Heßling. Balrich bemerkte: »Also zweifeln Sie doch, daß er mit verbrannt ist?«

»Gellert schwört ihn ab,« raunte Heßling. »Hat ihn nie gesehen. Ich will es ihm raten, nach seinen Seitensprüngen mit der kleinen Dinkl. Vor seiner Abreise habe ich ihm den Brief bezahlt, was er wert ist. Behalten Sie ihn ruhig.«

»Und die Arbeiter?« fragte Balrich. »Die alles wissen aus seinem Munde? Und die Sie, Mensch, betrogen haben mit der Gewinnbeteiligung?«

»Von meinem Sohn haben Sie Geld erpreßt;« -- leise, hastig.

»Ihr Dasein, Heßling, ist eine einzige Erpressung.«

»Redensart der Tribüne! Aber ein Mordversuch, mein Lieber . . .«

»Wie viele wollten Sie ermorden, als Sie dem Klinkorum sein Haus anzündeten?«

Dem Generaldirektor verschlug es den Atem. Inzwischen stieg aus seinen Trümmern Klinkorum hervor, beschmutzt und zerrissen, in den Händen eine Flasche. Mit einem großartigen Lächeln begrüßte er seine Gäste. »Auf gerettetem Kahn,« sagte er und zeigte die Flasche her. »Die Herren belieben?« Da sie nicht antworteten, tat er selbst einen langen Zug. »Die Gastfreundschaft und das Studium,« sagte er, Atem schöpfend, »das war mein Leben.« Er versuchte sich aufzurichten, so majestätisch wie einst, und seine Zierden hervorzukehren, die sieben Bartsträhnen, den Spitzbauch in dem klaffenden Wollhemd. Aber er wankte und zitterte. Dennoch schwang er die Flasche und sprach.

»Generaldirektor unser aller!« rief tönend Klinkorum. »Sie haben gezeigt, wer Sie sind. Ich kann Sie nur hochachten und verehren. Sie sind die Ordnung. Sie sind die Macht. Sie sind die Herrlichkeit.« Klinkorum breitete, sich neigend, die Arme hin. Hierauf feierlich, getragen von seiner Erkenntnis: »Zu mißbilligen ist der Empörer! Die Welt kann nur bestehen in Strenge und Ungerechtigkeit. Bereit bin ich, auszusagen gegen ihn!«

Hier ging dem Generaldirektor vor Spannung der Mund auf. Klinkorum sah ihm hinein, nicht ohne Ironie; dann nahm er zuerst noch einen Schluck, worauf er leichthin schloß. »Oder es wenigstens für mich zu behalten, wer es war, der wie ein Hase davonlief, als mein Haus brannte.«

Auch dies befriedigte den Generaldirektor. Er bekümmerte sich nicht weiter um Klinkorum; denn erschöpft setzte Klinkorum sich auf seine Trümmer und nahm nicht mehr teil. Er raunte wieder nahe an Balrich: »Sie haben verstanden?«

»Aber Sie nicht,« sagte Balrich. »Der tote Jauner redet noch weniger als der abgebrannte Klinkorum. Aber darum sind Sie noch immer geliefert.«

»Mensch, was wollen Sie!« Der Generaldirektor fing heiser zu kreischen an. »Ihre Rechnung stimmt. Erpressung! Aufruhr! Mordversuch!«

»Ihre!« schnob Balrich. »Enteignung! Betrug! Brandstiftung!«

»Sollten sich die beiden Rechnungen nicht ausgleichen?« fragte jemand. Der Rechtsanwalt Buck, sie hatten ihn nicht kommen gesehen. Das Auto hielt auf der Straße.

»Ich habe meinen Sohn schon geholt,« sagte Buck zu Balrich; und zu Heßling: »Auch Hans hat etwas abbekommen heute nacht . . . Genug, ich hörte die Herren verhandeln und biete meine Dienste an.«

»Werden nicht benötigt,« herrschte der Generaldirektor und sah sich drohend nach seinen Leibwächtern um. »Meine letzte Antwort sind die Handschellen.«

Aber Buck fiel ihm in den Arm, mit einem unerwarteten Griff. Heßling erschrak. »Mein Hans sitzt im Wagen,« sagte Buck, leise und fest. »Er hat von seiner Wunde etwas Fieber, er spricht. Er spricht von einer Unterredung, die du eines Nachts mit deinen Söhnen gehabt haben sollst, vor deinem Kassenschrank. Ein Schwur soll sie beendet haben, ein Schwur von einem Brief und rauchenden Trümmern.«

Der Generaldirektor bäumte sich. »Ich zerschmettere euch!« schnob er. »Ich werfe euch auf die Straße.« Hierauf aber ward er kleiner und machte sich ohne Umstände wieder an Balrich heran. »Was wollen Sie noch?« fragte er sachlich. »Ihren Mordversuch könnte sogar ich nicht aus der Welt schaffen.«

»Dann bringe ich Sie wegen Brandstiftung ins Zuchthaus,« erwiderte der Feind, nicht weniger sachlich. Der Generaldirektor verfiel zusehends. Sein Schwager Buck breitete die Arme aus, um ihn aufzufangen, da hauchte er: »Was macht das Zuchthaus Ihnen. Aber mir!«

»Die Herren sind beide zu weit gegangen,« bemerkte der Rechtsanwalt. »Von ihrem Recht zu siegen überzeugt, haben Sie, einer dem andern zuvorkommend, immer zweifelhaftere Kampfhandlungen begangen, und so stehen Sie nun da.«

»Ich habe ihn in der Hand,« beteuerte Balrich, den Arm ausreckend.

»Ich ihn,« schnob Heßling und reckte den Arm aus.

»Dann bleibt den Herren nur übrig, die Faustpfänder auszutauschen,« riet der Rechtsanwalt. Aber sie sträubten sich.

»Ich weiß mehr,« drohte Balrich.

»Ich kann mehr,« behauptete Heßling.

»Lassen Sie mich frei!« verlangte Balrich noch einmal. »Sonst kommen Sie mit mir.«

Da brüllte der Generaldirektor auf. »Kann ich denn? Sie soll ich laufen lassen, mit dem was Sie wissen, mit Ihrem Brief, mit Ihren Plänen gegen mich? Lieber gleich ins Zuchthaus . . . Bleiben Sie hier und kuschen Sie, dann wollen wir sehen.«

»Lieber ins Zuchthaus,« sagte auch Balrich. Jetzt nahm der Generaldirektor die Zuflucht zu seinem Schwager. »Ich verspreche dir --« sagte er dringlich. »Berede ihn! Er soll hierbleiben -- nahe bei mir -- in Gausenfeld -- wie immer. Im Arbeiterhaus dort, im Haus B, als Arbeiter. Er soll wieder arbeiten in der Fabrik, unter meinen Augen. Sonst bin ich keine Stunde mehr meines Lebens sicher. Berede ihn!«

Und Buck, der gesonnen hatte, machte sich auf. Watschelnd ging er auf Balrich zu, nahm ihn beim Arm, und im Bogen einherwandelnd mit ihm, sprach er. Heßling inzwischen saß auf einem Trümmerhaufen, gegenüber Klinkorum.

Balrich hörte zu, wollte nicht mehr hören, und mußte doch weiterdenken, was er vernahm von dieser befreundeten und unerbittlichen Stimme. Er mußte denken, des Kampfes sei es genug und gut wäre der Friede . . . Aber alles umsonst gewesen, das erworbene Wissen, die verbrauchte Kraft! Aber zurück, dorthin wo du anfingst! Kann es sein? . . . Buck sagte: »Ja. Sie hoffen nicht mehr, zu siegen über Ihre Feinde, die Reichen. Sie könnten nur noch erwerben und hinausgelangen in ihren Diensten, als Mitwisser, Helfershelfer --« Buck bewegte den Finger, unbestimmt wohin, vielleicht auf seine Brust? »Als Verräter,« schloß er. Balrich sagte noch:

»Und immer ein Besiegter? Nie anders leben bis zum Tode, als im Schatten dessen, der die Macht hat?«

Da sagte Buck und lenkte schon ein, auf den Generaldirektor zu:

»Die Macht -- das ist mehr als Menschenwerk; das ist uralter Widerstand gegen unser Atmen, Fühlen, Ersehnen. Das ist der Zwang abwärts, das Tier, das wir einst waren. Das ist die Erde selbst, in der wir haften. Frühere Menschen, zu Zeiten, kamen los aus ihr, und künftige werden loskommen. Wir heutigen nicht. Ergeben wir uns.«

So ging denn Balrich heim, in das Haus B. Nur über eine Wiese brauchte er zu gehen. -- --

An der Maschine stand wieder der Arbeiter Balrich, aß wieder das Brot des Heßling, um Kraft zu haben für den Heßling. Vor sechs, den Rockkragen hinauf und los, den fröstelnden grauen Weg nach der Fabrik, zu Hunderten schweigend und trabend, Trab hinter sich, vor sich, in sich, Trab wie Maschinenlauf. Abgerackert zurück am Abend in seinem Zimmer, wollte er wohl einmal auch denken, sich erinnern, klarstellen; aber die vielen Geräusche des Hauses übertönten, wie einst, bei weitem seine Gedanken; und er fand es gut. Gut, einzuschlafen, gut, still zu sein. Nicht länger ein arbeitender Kopf, von dem die Chimären das Fleisch nagen. Nur Arbeit unserer Hände bezwingt den Sinn des Lebens, so daß er weniger furchtbar wird. Der Arbeiter Balrich heiratete das Mädchen Thilde, nahm sie zu sich mit ihrem Kind, ihrer Mutter, und ernährte sie alle.

Von da an saß er auch wieder in der Kantine mit den Genossen. Sie sahen endlich, er war ganz wie sie, niemand mußte vor ihm sich zurückhalten. Dennoch erfuhr er weder Feindschaft noch Undank. Er fühlte, dankbarer sind sie mir jetzt, da es vergebens war. Ein Händedruck sagte ihm manchmal, es ist in Ordnung mit dir und uns. Wir lieben uns, verraten uns, kämpfen, werden müde, ergeben uns. Wir haben viel gelernt, und vergessen es schon wieder.

Bei der Taufe ihres Kindes trug Thilde schon ein zweites. Balrich sagte: »Wir sind Proletarier,« -- und als einziger verstand er das Wort. Da es ein Sonntag war, ging er und zog aus dem fichtenen Tisch seine lateinischen Bücher, die wenigen, die dem Brande Klinkorums entgangen waren. Er sah sie an, die Brust ein wenig beklommen, aber entschlossen, sie wegzutun und zu vergessen. Wem sie Kraft genug gaben, den Heßling zu besiegen, der mochte sie lesen. Du hast es doch versucht, durfte Balrich sich sagen. Hättest du sie gelesen wie Klinkorum, du lasest sie fruchtlos und zu Unrecht. Das Wissen, das nicht hilft, ist eitel und schlecht. Der Geist, der nicht handelt, ist strafbarer als die Tötung keimenden Lebens. Wer denkt, soll auf das Glück der Menschen denken.

Er hatte sich ergeben, -- aber einmal schrieb Leni. Gleich der Duft des noch geschlossenen Umschlages rührte alles auf in dem Bruder. Was ist aus ihr geworden? Du bist schuldig, du hast sie verlassen. Für sie mußtest du weiterkämpfen . . . Aber ihr ging es gut, sogar glänzend, behauptete sie. Ihr Verkehr in Berlin waren Baroninnen, und sie ging zum Theater. Er dachte zurück. Kampf ist Kampf, dem Elend entrinnst du auch so nicht, ohne Blut zu lassen. Ich hätte ihr ein leichteres Leben zugedacht . . . Der Glanz aber, schrieb sie, freue sie nicht mehr, gedenke sie ihres lieben Karl. Die Worte warfen ihn nieder, mit der ganzen Wucht eines verfehlten Lebens. Fremd hier bei Frau und Kind, und alles verloren! Da weinte er, bis sie ihn fanden.

Weggesteckt den Brief, -- aber als er ihn später noch einmal las, begegneten ihm Wendungen, die er nicht recht erfaßte. Dahinter stand wohl eine unbekannte Welt, wie damals im Theater hinter den schwierigen Reden der Schauspieler. Villa Höhe nannte sie »Provinz«, und sein höchster Traum für sie war einst doch Villa Höhe. Wie nannte sie heute wohl ihn selbst? »Schließlich hat jeder sein Leben. Sie hat ihres, und dies ist nun meins.« Er schrieb ihr plump, sie solle sich nur Geld sparen, das lustige Leben werde auch nicht immer dauern.

Darauf antwortete sie nicht mehr; und er, wenn er dachte, jetzt seien es drei, jetzt sechs Wochen, dachte hinzu, es müsse sein. Sie dort oben wird immer höher steigen, du hier unten sinkst täglich weiter zurück. Was ihr noch wißt voneinander, soll immer weniger werden. Fünfzig Jahre könnt ihr fortleben, -- Zeit genug, um zu vergessen, wie es war, als du sie, die um die ganze Welt getanzt hatte, auf deinen Armen einst trugst durch den Staub der Landstraße. Sieh, du weinst schon nicht mehr.

Aber träge floß das Leben. Des Kampfes, der doch beendet und verloren ist, vergißt du nicht und rufst ihn zurück in Sommer und Frieden. Er ist noch da, eine geheime Unruhe erfüllt die Luft. Was fern liegt, rückt herbei und läßt dich auffahren, als wollte dir einer an Weib und Kind. Rußland! das ist der Feind. Frankreich! England! das ist er. Wer fragt noch nach Heßling. An Heßling konnten wir nicht hinan, -- mit ihm denn gegen die, die uns überfallen! Dort winkt der Sieg. Krieg muß sein, damit endlich wir Armen das Glück erraffen, das kein Kampf des Lebens uns bringen wollte. Heßling zahlt bis 80 Prozent unserer Löhne an die Familien der Einberufenen. Was Proletarier, was Bourgeois, -- das Vaterland! Dem Generaldirektor lag es schon längst im Sinn, beizeiten hat er seine neuen Maschinen aufgestellt. Jetzt machen sie Munition.

Einberufen unter den ersten! Balrich, Dinkl, alle sahen den hohen Tag der Erfüllung, als wir ausrückten. Durch beflaggte Straßen, Feldküchen säumten sie, eine Mutter trug uns Blumen nach oder Würste, in der kleinen roten Faust unserer Schwester hing unser Köfferchen, und sie weinte in ihre Schürze, indes wir sangen. Wir sangen und hatten auf dem Helm einen Kranz. Wo unsere Regimentsmusik um die Ecke bog, flogen die Straßen entlang alle Fenster auf. Die Autos hielten und ließen uns vorbeimarschieren. Auch am Bahnhof hängen Fahnen und Kränze. Werden wir noch einmal die sehen, die uns suchen? Wo ist Thilde?

Einsteigen, es kostet nichts. Das Bürschlein ist da, es hat helle, aufgerissene Augen, hat sich freiwillig gemeldet, es wird nachkommen. »Paris dürft ihr nehmen, bevor ich dabei bin, aber London noch nicht! Bitte, noch nicht!« Dinkl macht Witze und faßt schon die zweite Tasse Fleischsuppe umsonst von einer Dame. Noch kommt Thilde nicht. Welch ein Gedränge! Wer einander nicht am Arm hat, findet sich nie wieder. Die Züge entlang Haufen Gepäck, für Beförderung keine Garantie. Geschrei aus den Zügen: »Sie, Herr Leutnant, nun sorgen Sie doch bitte dafür, daß wir abfahren, wir wollen die Kerls verdreschen.« Die Bande gelöst, Tränen und Lachen in einem, Prahlerei und Herzweh, Pfiffe gellen, ein Zug fährt ab, jemand liegt unter den Rädern, -- keine Garantie; und auch die Unordnung wirkt begeisternd und selbst das Elend. Wo bleibt Thilde? Auf einem Sack sitzt, den Rücken rund wie ein Pilz, eine Greisin, sauber und arm, und ringt die Hände: »Ich hab' ihn nicht mehr gesehn.« Balrich weiß, wen: Herbesdörfer. Dahin ist er, keinen Spitzel wird er mehr vor die Gewehre werfen . . . Balrich reicht die Hand seiner Schwester Malli, nun los! Aber Thilde? Das Kind und Thilde?

Da, von der Stufe des Wagens her, erblickte er Thilde, seine Frau, und sie ihn. Er ward bleich, schon wie der Tod, so sah sie ihn. In ihrem braunen Tuch, mit ihrem hohlen grauen Gesicht, auf dem Arm das Kind und neben dem blonden Haar des Kindes das ihre verstaubt, eine alternde Arbeiterin, so sah er sie. Er winkte; keine halbe Minute mehr! Mit ihrem gewölbten Leib hastete sie beschwerlich hindurch. Er winkte, auf einmal fühlte er: keine halbe Minute mehr, und so vieles drängt. Ich habe sie nicht genug geliebt, nicht genug die Armut geliebt, unser einfaches Menschentum, das ebenso gut wie schlimm ist, -- wollten wir nur nicht hart sein, nicht schonungslos begehrlich, alle, die von oben und daher auch die von unten, die Schlechten unter uns und auch wir Besseren. Er fühlte: »Keine halbe Minute mehr, und versäumt ist, so sehr ich auch kämpfte, das wahre Leben, das nur Vernunft und Güte ist. Wir planten Kampf, suchten Kampf, lebten Kampf, schon längst bevor wir in diesen Kampf ziehn. Auf Feindschaft waren wir gestellt, und finden nun Feinde. Ich hatte teil an meiner Zeit und büße für sie. Dies ist das Ende.«

Nun trafen sich ihre Hände. Die Räder, langsam und unwiderruflich, machten die erste Drehung. Ein Kuß dem Kind, und ineinandergeschlossen die beiden harten Hände, diese Sekunde noch und noch diese. Er sagte, dringend vorgebeugt:

»Alles wird besser, wenn ich wiederkomme.«

Sie, nachhastend, die Angst des ganzen Lebens in ihrem Gesicht und in der Stimme keinen Trost, sagte:

»Wenn du wiederkommst.«

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 59]: ... sollte beibringen können gegen einen Reichen, geignet, ... ... sollte beibringen können gegen einen Reichen, geeignet, ...

[S. 89]: ... Thilde und ich. Euch andere geht es nichts an. Dies ... ... Thilde und ich. Euch andere geht es nichts an.« Dies ...

[S. 199]: ... es die Essenz von Gausenfeld, seines Elends, langlangfristigen ... ... es die Essenz von Gausenfeld, seines Elends, langfristigen ...

[S. 228]: ... Abiturium,« überlegte er; und ich habe nicht nur ... ... Abiturium,« überlegte er; »und ich habe nicht nur ...

[S. 234]: ... »Er soll dich heiraten! Sonst --! ... ... »Er soll dich heiraten! Sonst --!« ...

[S. 240]: ... »Sie aber lügen! Sie halten uns Armen hin, ... ... »Sie aber lügen! Sie halten uns Arme hin, ...