Die Anthropophagie

Part 4

Chapter 43,424 wordsPublic domain

+Äquatoriales Westafrika.+ Unzweifelhaft ist auch das äquatoriale Westafrika eine Stätte der Anthropophagie. Schon bei den alten Schriftstellern, wie ~Battel~ und dem Compilator ~Dapper~, finden wir verschiedene darauf bezügliche Stellen, und ~Huxley~ macht darauf aufmerksam, daß in ~Ph. Pigafetta~s Uebersetzung von ~Edoardo Lopez~ „Regnum Congo“ (Frankfurt 1598) von dem landeinwärts vom Ogowé wohnenden Anziquen[84] die Rede ist, welche einander essen und weder Freunde noch Verwandte schonen. „Ihre Fleischerläden, so heißt es in dem Bericht, sind mit Menschenfleisch gefüllt statt mit Ochsen- oder Schaffleisch; denn sie essen die Feinde, die sie im Kampfe gefangen nehmen. Sie mästen, schlachten und verzehren auch ihre Sklaven, wenn sie nicht glauben, einen guten Preis für sie noch zu erhalten; überdies bieten sie sich zuweilen aus Lebensmüdigkeit oder Ruhmsucht -- denn sie halten es für etwas Großes und für das Zeichen einer edlen Seele, das Leben zu verachten -- selbst als Speise an. Es giebt allerdings viele Kannibalen, wie in Ostindien, in Brasilien und anderswo, aber keine solchen wie diese; denn die andern essen nur ihre Feinde, diese aber ihre eigenen Blutsverwandten.“[85]

Dieser offenbar übertriebene Bericht ist denn auch mit einer Illustration versehen, die von den Gebrüdern ~de Bry~ herrührt, und bei der ein Frankfurter Metzgerladen als Modell gedient hat; nur daß hier statt der Teile von Ochsen oder Schweinen menschliche Glieder zur Schau gestellt sind.

Auch ~Edward Bowdich~, derselbe, der sich durch seine Reise nach Aschanti um die Völkerkunde verdient machte, bringt uns Belege für den Kannibalismus der Völker am Gabon. Einige Tagereisen weit im Innern, erzählt er, liegt das Land Kaylee, dessen Bewohner eine vergleichsweise hohe Stufe einnehmen; aber sie sind Menschenfresser und essen nicht allein ihre Gefangenen, sondern auch ihre Toten, deren Leichname sogleich nach ihrem letzten Atemzuge feilgeboten werden. Häufig ißt ein Vater sein eigenes Kind. Geflügel und Ziegen giebt es hier in Menge, aber sie werden nicht gegessen, so lange man noch Menschenfleisch haben kann.[86]

~Bowdich~s „Kaylee“ vermag ich mit keinem Völker- oder Ländernamen auf unsern heutigen Karten zu identifizieren, indessen dürfte der immerhin übertriebene Bericht auf die Fan zu beziehen sein. Als ~Du Chaillu~ deren grauenvollen Kannibalismus betonte und das erzählte, was er mit eigenen Augen gesehen, erhob sich arges Kopfschütteln. Und doch hatte er nichts neues gesagt.[87]

Als ~Du Chaillu~ von der Corisco-Bai aus vordringend auf die ersten Fandörfer traf, begegneten ihm sofort Spuren von Kannibalismus; er traf ein altes Weib, das einen Menschenschenkel schleppte, „gerade als wollte sie zu Markte damit gehen“, und in einem Palaverhause war ein Körper verteilt worden; der Kopf wurde für den König aufbewahrt.[88] Später sah er beim Fankönige Ndiayai, wie der Leichnam eines Menschen, der an einer Krankheit gestorben, zum Verspeisen verteilt wurde, worüber er sich nicht wenig entsetzte. „Sie sprachen frei und offen über die ganze Sache und man sagte mir, daß sie regelmäßig die Toten der Oscheba kaufen, die umgekehrt wieder die ihrigen kaufen. Sie kaufen auch die Toten anderer Familien ihres eigenen Stammes und erhandeln die Körper vieler Sklaven von den Nbichos und Mbondemos, wofür sie gern Elfenbein geben, einen kleinen Stoßzahn für einen Leichnam.“ Auf die Autorität des Missionars ~Walker~ am Gabon gestützt, erzählt ~Du Chaillu~ ferner, daß Fan, die aus dem Innern an den Gabon kamen, dort einen frischbegrabenen Toten ausgruben, kochten, verzehrten. Andre räucherten das Fleisch eines Menschen und nahmen es mit sich als Vorrat. Ohne alle Scham und Scheu betreiben sie die Menschenfresserei ganz offen; ~Du Chaillu~ sah bei ihnen hochgeschätzte Messer, deren Heft mit Menschenhaut überzogen war.[89] Noch weiter nach dem Innern hin verzeichnet ~Du Chaillu~ außer den bereits erwähnten Oscheba auf seiner Karte noch die Moschobo als Kannibalen.

Mag einige Färbung in diesen, übrigens mit ~Bowdich~ übereinstimmenden Erzählungen unterlaufen, so sind sie nichtsdestoweniger im allgemeinen wahr, und an Kontrolle fehlt es keineswegs. ~Winwood Reade~ berichtet ähnliches, und er bestätigt ausdrücklich die Geschichte, daß die Fans am Gabon Leichen ausgegraben und verzehrt haben. Nur darin weicht er von ~Du Chaillu~ ab, daß er angiebt, die Fan schämten sich ihres Kannibalismus und jedes Dorf schiebe die Sache auf sein Nachbardorf. Doch bleibt die Thatsache selbst dadurch unberührt, und im Gespräch mit einem „Veteran-Kannibalen“ erfuhr er, daß Menschenfleisch so gut und fett wie Ochsenfleisch sei. Der Alte verneinte aber auf das bestimmteste, daß die Fan ihre Verwandten verzehrten, obgleich alle Nachbarstämme dies von ihnen behaupten.[90] Jene Menschenfresser ihrerseits hielten alle Weißen für Kannibalen und glaubten fest, daß die Sklaven nur darum von ihnen fortgeführt würden, um in fernen Landen verspeist zu werden. „Warum die Schwarzen besser als die Weißen schmeckten“, wurde ~Winwood Reade~ gefragt, worauf er „aus Politik“ zur Antwort gab, das Fleisch der Weißen sei giftig.[91]

Wäre noch weitere Bestätigung des Kannibalismus der Fan notwendig, so finden wir diese bei französischen Reisenden. Der Marinearzt Dr. ~Griffon du Bellay~, der mit dem Lieutenant ~Serval~ mehrere Fahrten vom Gabon aus ins Innere machte und von 1861 bis 1864 vollauf Gelegenheit hatte, die Fan kennen zu lernen, giebt uns weitere bestätigende Nachrichten, indessen mit dem Zusatze, die Fan hielten die Sache geheim und schlössen selbst ihre Kinder bei den Kannibalenschmausereien aus.[92] Nach ~Griffon du Bellay~ sind auch die Bakalai am Gabon Anthropophagen.[93]

Noch weiter südlich treffen wir in Angola auf die Kissama (Quissama) am Koanza, die 1870 ~Charles Hamilton~ besuchte. Unter diesem Volke fand der Reisende noch Kannibalen „weiter nach dem Innern hin“: bei denjenigen Kissama jedoch, welche am Koanza und dessen Nähe wohnen, kommt die Anthropophagie nur selten vor. Die wenigen Menschenfresser, mit welchen Hamilton in Berührung kam, sahen häßlich und ungesund aus. Interessant ist es von Hamilton zu erfahren, daß die Menschenfresserei, ähnlich wie bei den Batta auf Sumatra, bei den Kissama als eine Strafe ausgeübt wird. Wer unter den Kannibalen seine Schulden nicht bezahlen kann, oder wer ein Verbrechen begangen hat, wird ohne weiteres getödtet und verzehrt. In neuer Zeit kommt es aber vor, daß „die Aufgeklärteren“ dem Verbrecher die Wahl lassen, ob er sterben oder als Sklave an die Portugiesen verkauft werden wolle; in der Regel zieht er den Tod vor, denn die Portugiesen sind außerordentlich verhaßt.[94] Es ist das Innere des portugiesischen Westafrika von altersher ein bevorzugter Boden für die mit Anthropophagie verknüpften Greuel gewesen, denn dort war der Sitz der mit Sagen umwobenen Jagas, worunter Herrscher und Volk verstanden werden.

Mit Opfergebräuchen vermischt ist die gelegentliche Anthropophagie bei den Kimbunda (portugies. Westafrika). Damit die Regierung des Fürsten glücklich ausfalle, wird der Ouri-Kongo geopfert, der tapferste unter allen Kriegsgefangenen. Durch das Verzehren seines Fleisches wird auch der Fürst tapfer. ~Ladislaus Magyar~ berichtet als Augenzeuge: Der Wahrsager zerlegt den Rumpf, reißt die Eingeweide heraus und wahrsagt daraus. Dann werfen seine Gehilfen die Eingeweide weg, mit Ausnahme des Herzens. Endlich wird der Kadaver in kleine Stücken zerschnitten und unter den anwesenden Hokaführern verteilt, wobei der Wahrsager Sorge trägt, daß jeder außer dem Stück Fleisch auch etwas vom Herzen bekomme (wohl weil letzteres als Sitz der Tapferkeit gedacht ist). Der Fürst und die Kriegshäupter mischen das erhaltene Menschenfleisch mit Hunde- und Rindfleisch, kochen es an den vielen Feuern und essen es. Sie glauben nun infolge dessen eine solche Kraft zu erlangen, daß sie immer mit Erfolg gegen ihre Feinde kämpfen werden.[95]

Menschenopfer mit Anthropophagie verknüpft fanden am Hofe der Jagas bei der Sambamento genannten Festlichkeit noch zur portugiesischen Zeit in Kassanje statt. Wenn der Nicango, das Schlachtopfer, auserwählt war, wurde er bei Hofe mit denselben Ehren wie der Fürst selbst behandelt, ein Verfahren, daß wir auch anderweitig bei den dem Tode geweihten Opfern finden (Mexiko, Brasilien). Am Tage des Festes wurde der Nicango vor den Jaga geführt mit dem Rücken dem letzteren zugewendet, worauf der Jaga mit einem halbmondförmigen Messer den Rücken des Nicango durchschnitt, bis er zum Herzen gelangt, das er herauszog. Er nahm einen Bissen davon, den er dann wieder ausspuckte und ließ dann das Herz verbrennen. Unterdessen hielten die Macotas (Hofwürdenträger) das Schlachtopfer so, daß sein Blut über die Brust und den Bauch des Jaga strömte; nachdem dieses geschehen, rieben sie sich selbst den Körper damit ein, dabei ausrufend: Groß ist der Jaga! Der Leichnam des Nicango wird dann abseit enthäutet, in kleine Stücken zerhackt und mit Ochsen-, Hunde- und Hühnerfleisch zusammen gekocht. Dieses Gericht wird zuerst dem Jaga, dann seinen Würdenträger und zuletzt allem Volk zur Speise vorgesetzt. Wer sich weigert davon zu essen, verfällt der Sklaverei. Mit Gesang und Tanz endigte das Sambamentofest. Früher erhielt auch der portugiesische Direktor der Messe in Kassanje sein Teil von dem Gericht, wofür er ein Fäßchen Branntwein spendete.[96]

+Südafrika.+ Erst in der letzten Zeit haben wir Nachrichten von dem Vorhandensein der Anthropophagie auch an der Südspitze Afrikas erhalten, und die Kannibalenhöhlen im Basutolande haben nicht geringes Aufsehen erregt. Das Basutoland liegt zwischen dem Oranjefreistaat und den englischen Besitzungen mitten inne und war der Schauplatz fortwährender Kriege zwischen den Weißen sowohl und den Basuto, als zwischen eingebornen Stämmen selbst. Während der Verwilderung und Hungersnot, die infolge dieser Kriege eintrat, soll erst der Kannibalismus entstanden sein. Die ausführlichsten Nachrichten über denselben erhielten wir durch ~James Henry Bowkwer~, Dr. ~Bleek~ und Dr. ~John Beddoe~.[97] ~Bowker~ besuchte 1868 eine der Höhlen, die in der Nähe der verlassenen Missionsstation Cana gelegen ist. „Der Eingang, sagt er, liegt unter weit vorstehendem und überhängendem Gestein und bildet so ziemlich in der ganzen Breite der Höhle einen weiten, von der Natur gewölbten Bogen. Die Länge der Höhle beträgt etwa 130, die Breite 100 Ellen. Die hohe, gewölbte Decke ist von Rauch und Ruß geschwärzt; auf dem Fußboden lagen ganze Haufen von Menschenknochen umher, teils förmlich aufgeschichtet, teils überall zerstreut. Auch vor der Höhle lagen auf dem Abhange, soweit das Auge reichen konnte, Knochen und Schädel umher, letztere in außerordentlich großer Menge und zumeist von Frauen und Kindern. Sie waren vermittels stumpfer Äxte oder auch geschärfter Steine in Stücke geschlagen worden, gleich den Markknochen, welche man dann der Länge nach gespalten hatte. Nur an einigen wenigen waren Spuren von Feuer zu bemerken; die Höhlenmänner zogen das Kochen dem Braten vor.“

„Man kann sich denken, unter welcher Aufregung ich diese düstere Höhle untersuchte. Der Führer geleitete mich an eine Stelle, wo einige rauhe, unregelmäßige Stufen in eine dunkle Galerie führten; dort wurden die Schlachtopfer aufbewahrt, bis an sie die Reihe kam. An ein Entrinnen von dort war nicht zu denken. Bei Wilden, welche etwa durch Hungersnot zum äußersten getrieben werden, um ihr nacktes Leben zu fristen, findet der Kannibalismus eine Erklärung. Mit dem Volke hier aber verhält sich die Sache ganz anders. Diese Menschen bewohnen ein fruchtbares Land, in welchem auch Wild in Menge vorhanden ist. Aber trotzdem machten sie nicht bloß Jagd auf ihre Feinde, um dieselben aufzufressen, sondern sie verzehrten sich untereinander, sie machten Gefangene von ihrem eigenen Stamme, und wenn eben keine anderen Schlachtopfer vorhanden waren, dann kamen ihre eigenen Kinder und Weiber an die Reihe. Eine träge oder zanksüchtige Frau wurde sofort schnell abgethan und gab ein leckeres Mahl; ein Kind, das zu viel schrie, wurde ohne weiteres still gemacht und abgekocht; Kranke und Schwache ließ man nicht etwa des natürlichen Todes sterben, sie hätten ja dann nicht den Magen stillen können. So war es mit diesem Volke beschaffen. Man sagt zwar, daß sie den Kannibalismus schon seit vielen Jahren aufgegeben hätten, ich fand aber in der Höhle ganz untrügliche Beweise dafür, daß die Praxis noch nicht verloren gegangen ist, denn einige Knochen waren sehr frisch; sie hatten augenscheinlich einem starkknochigen Mann angehört, dessen Schädel hart wie Erz war; an den Gelenken befand sich noch Mark und eine fettige Substanz. Er konnte erst vor einigen Monaten geschlachtet worden sein.“

„Diese Höhle gehört zu der größten in der ganzen Gegend und diente den Kannibalen als eine Art Hauptquartier. Vor dreißig Jahren war übrigens das ganze Land vom Molutaflusse bis zum Caledon, dann auch ein Teil der Region am Putesanaflusse von Anthropophagen bewohnt, welche Schrecken unter den umwohnenden Stämmen verbreiteten. Sie schickten Jagdpartien aus, welche sich in der Nähe betretener Pfade oder Gärten, Triften und Trankplätze in den Hinterhalt legten und es vorzugsweise auf den Fang von Frauen und Kindern abgesehen hatten.“

„Noch heute leben viele alte Kannibalen, und an demselben Tage, an welchem ich jene Höhle besuchte, machte ich mit einem derselben Bekanntschaft. Er ist nun etwa sechzig Jahre alt. Als er noch in der Höhle hauste, fing er einst drei junge Weiber; davon nahm er eines zu seiner Gefährtin, die beiden andern wurden gekocht. Jene Ehe ist dann eine recht glückliche gewesen, und die Frau Gemahlin hat sich bald an die neue Lebensweise gewöhnt; man zeigte mir den Winkel, welcher dieser glücklichen Familie zum Aufenthalt gedient.“

So weit ~Bowker~. Der deutsche Sprachforscher Dr. ~Bleek~ fügte dem Aufsatze einige Bemerkungen hinzu, welche für die Geschichte dieses Kannibalismus von Interesse sind. Danach findet man weiteres darüber in dem Werke: „Relation d’un voyage d’exploration au nordest de la colonie du Cap de bonne Espérance par ~Arbousset~ et ~Daumas~“, Paris 1842, 105-123. Die Reise fällt in das Jahr 1836. Ferner kurze Notizen in ~Edward Salomon~s „Two lectures on the Native Tribes of the interior“, Capstadt 1855, 62 bis 64. ~Salomon~ zufolge fand sich der Kannibalismus bei vier Stämmen; zwei davon, die Bakufeng und Makatla, sind Betschuanen; die beiden andern, Bamakakana und Bamatlapatla, sind Kaffern. Höchst wahrscheinlich wurden sie Kannibalen infolge der Kriege, durch welche jene Gegenden arg verwüstet wurden. Die Liebhaberei nach Menschenfleisch blieb, als die Not längst vorüber war, und der Kannibalismus hielt sich dann längere Zeit. Die einheimische Sage der Zulu wie der Betschuanen weiß viel von den Amazimu und Marimo, den Menschenfressern, zu erzählen.[98]

Dr. ~John Beddoe~ endlich berichtet über die Art und Weise, wie die Anthropophagen mit ihren Schlachtopfern umgingen, und zwar war das Verfahren ein außerordentlich regelmäßiges, man kann sagen mit Fleischerkunst ausgeübtes. Jeder Schädel ist vermittels einer Axt am Nasenbein querüber auseinander gehauen; die Backenknochen wurden als unbrauchbar weggeworfen. Dann wurde in den Oberkopf ein Loch geschlagen und das Hirn herausgezogen. Die Rippenstücke wanderten in den Kochtopf. Die Röhrenknochen wurden der Länge nach gespalten, und dann nahm man das Mark heraus. Vielfach bemerkte man noch die Knorpel und sah man Spuren von Messerschnitten an den Schädeln, von denen das Fleisch streifenweise abgelöst wurde. Alle Europäer (Boers), welche bei dem Angriffe auf Thaba Bosiu (Moscheschs Feste im Basutolande) fielen, wurden sofort aufgefressen, weil man wähnte, daß dadurch ihr Mut in den Leib der Kannibalen übergehen würde.

Daß die Anthropophagie in Südafrika nicht bloß auf die Basuto beschränkt bleibt, hat ~Karl Mauch~ angedeutet.[99] Er selbst hat zwar keinen Fall von Kannibalismus darthun können, indessen fand er, daß die Eingebornen allgemein davon sprachen. „Am glaubwürdigsten, schreibt er, scheint mir noch die Aussage meines Dolmetschers 1871 zu sein. Als wir nämlich in die Nähe von Lomando, einem Baromapulana-Häuptling in den östlichen Zoutpansbergen kamen, riet mir der Dolmetscher ja recht vorsichtig zu sein, insofern Lomando ein unversöhnlicher Feind der Boers sei. Unter andern erwähnte er auch, daß er (Lomando) sich öfter junge Mädchen im Felde fangen lasse, um sie zu schlachten und aufzuessen; besonders sollen die Schamteile für ihn das Leckerste daran sein. Was das Aussehen dieses Häuptlings betrifft, so entspricht es ganz solcher Möglichkeit; ich habe nirgends eine Physiognomie beobachtet, welche so sehr der tierischen sich nähert: breite, aufgeworfene Lippen mit ungemein stark ausgebildeten Freßwerkzeugen; die Lider bedecken zur Hälfte die kleinen blutrünstigen Augen; eine sehr niedrige Stirne, rohes Geschwätz bei kreischender Stimme; roh gebaut und äußerst schmutzig; eine treffliche Kreatur, einen Kannibalen darzustellen, wie ich in meinem Journal sagte.“

„Ein Missionär, der seine Station in der Nähe des westlichen Endes der Zoutpansberge hat, sagte mir, alle Baromapulana seien Kannibalen; er bewache deshalb seine Kinder ängstlich, damit sie nicht gestohlen würden.“

„Albasini, portugiesischer Konsul in derselben Gegend, wollte ebenfalls bemerkt haben, daß in den Zoutpansbergen noch Menschenfresser wohnen.“

Auf diese Zeugnisse gestützt mag es wohl erlaubt sein, die Baromapulana unter die Anthropophagen einzureihen. Weiter nördlich bei den Matebele fand ~Mauch~ keine Spuren von Kannibalismus, und ebenso wenig erzählen andere Reisende, die mit diesem mordlustigen Kaffernstamme in Berührung kamen, wie z. B. ~Mohr~, etwas davon. „Gegen Nordosten -- also nach dem untern Sambesi hin -- habe ich nie etwas von Kannibalen gehört“, schrieb mir ~Mauch~.

Alle diese Mitteilungen über den Kannibalismus unter südafrikanischen Bantu-Stämmen reichen aber nicht hin dieselben im ganzen zu gewohnheitsmäßigen Kannibalen zu stempeln und es muß, in Übereinstimmung mit ~Fritsch~[100] dargethan werden, daß die Menschenfresserei unter ihnen sporadisch wohl vorgekommen, nie aber zur Stammessitte geworden ist.

+Centralafrika.+ In vorislamischer Zeit hat die Anthropophagie am Nile weiter abwärts geherrscht, wenigstens im Bereiche der Neger, und Spuren davon sind bis auf unsere Zeit gekommen, soviel der Islam auch hier aufräumte.

In Darfor war es Brauch bei der Thronbesteigung des Sultans und dann an einem bestimmten Festtage in der Residenz zwei Knaben, Söhne der gleichen Eltern, zu opfern; das Fleisch wurde vom Sultan und den höchsten Beamten verzehrt; wer sich dessen weigerte, wurde als Verräter betrachtet. Dieses aus der Heidenzeit stammende Opfer hat sich selbst lange in dem islamitischen Darfor erhalten und ist erst vom Sultan Husseïn (regierte in den fünfziger Jahren) abgeschafft worden.[101]

Unsicher ist die Anthropophagie der Burum, die zwischen 11° und 12° nördl. Br. in mehreren Stämmen die innere Dschesireh (Insel, das Land zwischen dem blauen und weißen Nil) bewohnen. Sie zeigen „den vollendeten Negertypus, sind meist von kolossalem Bau und großer Wildheit, ja es wird ihnen sogar allgemein Anthropophagie zur Last gelegt“, meldet von ihnen ~Ernst Marno~, welcher 1870 an die Grenze ihres Gebietes gelangte.[102] Wie ~Marno~ mir mündlich berichtete, besaß er einen Diener, der diesem Stamme angehörte und ihm offen eingestand, daß bei seinem Volke Kannibalismus herrsche, doch konnte der Reisende sich nicht persönlich hiervon überzeugen.

Desto sicherer ist die Anthropophagie der Niam-Niam, deren Gebiet zwischen 4° und 7° n. Br. von 29° östl. L. v. Gr. nach Westen hin an den Zuflüssen des weißen Nil sich erstreckt, und die sich selbst Sandeh nennen. Alle Reisenden, die an den weißen Nil kamen, hörten von ihnen und berichteten neben manchem Märchen -- man gab sie ja lange Zeit für „geschwänzte“ Menschen aus -- auch daß sie Kannibalen seien. ~Theodor von Heuglin~, der von Norden her ihrem Lande am nächsten kam, sucht sie vom Verdachte der Anthropophagie zu reinigen[103], indessen sollten bald vollgültige Beweise hierfür beigebracht werden.

Ein italienischer Handwerker, ~Carlo Piaggia~, trieb sich mehrere Jahre lang mit nubischen Elfenbeinhändlern und Sklavenjägern im Niam-Niamlande herum und brachte ein volles Jahr, bis Februar 1865, bei dem Häuptlinge Tombo zu, wo er nicht nur Nachrichten über die Anthropophagie einzog, sondern selbst Zeuge war, wie das Fleisch der erschlagenen Feinde verzehrt wurde.[104] Hätten an ~Piaggia~s Berichten noch Zweifel aufkommen können, so sind wir über den Kannibalismus der Niam-Niam durch ~Georg Schweinfurth~ völlig aufgeklärt, welcher auf seiner epochemachenden Reise 1870 sie genau kennen lernte. Der Name Niam-Niam ist der Sprache der Dinka entlehnt und bedeutet „Fresser, Vielfresser“, auf die Anthropophagie dieses Volkes anspielend. „Im großen und ganzen darf man getrost die Niam-Niam als ein Volk von Anthropophagen bezeichnen, und wo sie Anthropophagen sind, sind sie es ganz und ohne Reserve um jeden Preis und unter jeder Bedingung. Die Anthropophagen rühmen sich selbst vor aller Welt ihrer wilden Gier, tragen mit Ostentation die Zähne der von ihnen Verspeisten auf Schnüre gereiht wie Glasperlen am Halse und schmücken die Pfähle bei den Wohnungen mit Schädeln ihrer Opfer. Am häufigsten und von allgemeinstem Gebrauche wird das Fett von Menschen verwertet. Dem Genusse ansehnlicher Mengen schreiben sie allgemein berauschende Wirkung zu. Verspeist werden im Kriege Leute jedes Alters, ja die Alten häufiger noch als die Jungen, da ihre Hilflosigkeit sie bei Überfällen zur leichten Beute des Siegers gestaltet. Verspeist ferner werden Leute, die eines plötzlichen Todes starben und in dem Distrikte, wo sie lebten, vereinzelt und ohne den Anhang einer Familie dastanden; es ist das jene Kategorie von Menschen, welche bei uns der Anatomie verfallen. -- -- Nach den von Niam-Niam selbst eingezogenen Nachrichten und Erklärungen verabscheuen diejenigen, welche überhaupt Anthropophagen sind, nur dann den Genuß von Menschenfleisch, wenn der Körper einem an ekelhaften Hautkrankheiten Verstorbenen angehörte“.[105]

Die Details, welche ~Schweinfurth~ über den Kannibalismus der Niam-Niam beibringt, sind haarsträubender Natur. Das Fett der Babuckr, eines Negerstammes, der vorzugsweise den Niam-Niam Fleisch liefert, dient allgemein als Speiseöl, und der Reisende mußte seine Lampe damit speisen, da anderes Öl nicht aufzutreiben war. „Im Niam-Niamlande war ich selbst Zeuge, daß man die Krieger, welche die Nubier auf einem Sklavenraubzug ins Babuckr-Gebiet begleitet hatten, mit alten untauglichen Weibern beschenkte -- zum Essen, und mir gab man nach einiger Zeit die Köpfe.“ Ebenso sah ~Schweinfurth~ neugeborene Kinder von Sklavinnen, die als Leckerbissen zum Fressen bestimmt waren. „Diese Wahrnehmung war das Ungeheuerlichste, was ich gesehen; ich hätte sofort meinen Revolver in Thätigkeit setzen mögen, doch wandte ich schnell der gräßlichen Scene den Rücken“.[106]