Part 2
Nach dem altertümlichen serbischen Volksglauben fressen die Hexen das Herz aus dem Leibe des Menschen. In einem Liede[17] ruft ein Hirtenknabe, den seine Schwester nicht erwecken kann: Hexen haben mich ausgegessen, Mutter nahm mir das Herz, Base leuchtete ihr. Daß der nämliche Wahn unter den alten Deutschen herrschte, bezeugen Stellen der Volksrechte: _si stria hominem comederit_.[18] Unsere heutigen Märchen stellen die Hexen als Waldfrauen dar, die sich Kinder zur Speise füttern und mästen[19], also rein materiell das Fleisch genießen.
Die Striglen der Neugriechen hingen mit den Strigen des griechisch-römischen Altertums zusammen, jenen boshaften Zauberfrauen des populären Aberglaubens, von denen man erzählt, daß sie des Nachts in Vogelgestalt zu den Wiegen der Kinder flögen und diesen das Blut aussaugten. In einer unter Johannes’ von Damaskus Namen überlieferten Abhandlung werden die στριγγαι nach damaliger volkstümlicher Auffassung geschildert als nachts durch die Luft fahrende Frauen, welche die kleinen Kinder erwürgen oder ihnen die Leber ausfressen. Der altertümliche Strigenglaube hat sich noch an einzelnen Orten Griechenlands erhalten.[20]
Auch jener Zug, welcher bei den heutigen Anthropophagen charakteristisch ist und häufig wiederkehrt, die völlige Vernichtung des gehaßten Feindes dadurch, daß man ihn verspeist, ist schon vorhanden in unseren Volksmärchen. Die Stiefmutter Schneewittchens verzehrt Leber und Lunge von einem Frischlinge im Wahne es seien Leber und Lunge des von ihr gehaßten Schneewittchen.
Es zeigen sich desgleichen in der Volkslitteratur jene abergläubischen Vorstellungen, die mit dem Genusse von Menschenfleisch noch heute bei den anthropophagen Naturvölkern verknüpft sind, nämlich, daß der Verspeisende besondere Kräfte und Eigenschaften dadurch erhalte. „Wer ein gekochtes Menschenherz ißt, wird unsichtbar.“[21]
Nicht anders die Chinesen noch heute, bei denen dieser Aberglaube bis zur Ausführung herrscht. _The people in the district Cheung-lok seized a youth, carried him to the top of a hill, where they killed him and ate his heart_ (1871).[22] Ein englischer Kaufmann in Schanghai betraf seinen chinesischen Diener darüber, wie er ein Menschenherz nach Hause brachte, um es dort zu kochen und zu verzehren. Es sei das Herz eines Taipingrebellen, sagte er, und er esse es, um tapfer zu werden.[23]
Auch dämonische Verwandlungen werden durch den Genuß von Menschenfleisch bewirkt. So wird bei den Indern der Knabe Vijayadatta dadurch, daß ihm Menschenhirn an die Lippen spritzt, zum mörderischen, leichenzerfleischenden Rakschasa[24] und nach dem Volksglauben im Braunschweigischen, muß jeder, der Menschenfleisch kostet, auf immer Menschenfresser werden. Bei Seesen ging ein Mädchen durch den Wald, dem begegnete eine Menschenfresserin, die der Kleinen Wurst anbot. Da kam eine weiße Katze, die warnte das Mädchen, ja die Wurst nicht anzunehmen, denn sie war aus Menschenfleisch. Die Katze hängte hierauf die Würste an die Büsche, da kamen Raben und Wölfe und fraßen sie auf. Seit jener Zeit mögen Raben und Wölfe am liebsten Menschenfleisch.[25]
Daß in der russischen Volkslitteratur Spuren vorhanden sind, die auf alte Menschenopfer und Kannibalismus hindeuten, hat ~Wojewodsky~ nachzuweisen unternommen. Er führt ein Volkslied an, in welchem ein Rätsel aufgegeben ist: Ein menschlicher Körper wird in seine Teile zerlegt und diese werden zu allerlei verbraucht, z. B. aus dem Blut wird Bier gebraut, aus dem Fette macht man Lichter u. dergl. Mit Rücksicht auf die einzelnen Teile werden einzelne Fragen vorgelegt, wie: Was ist das? Etwas Liebes brennt vor mir als Licht. ~Wojewodsky~ leitet die Entstehung jener Gedichte aus einer Zeit her, in welcher noch Kannibalismus herrschte.[26] Auch das russische Märchen von der schönen Wasilissa gehört hierher. Sie kommt zu einer Hexe, Baba-Jaga, welche im dichten Walde eine Hütte bewohnt. Der Zaun um die Hütte besteht aus Menschenknochen, auf denselben sind Menschenschädel befestigt, an der Thür statt der Pfosten Menschenbeine, statt der Riegel Hände; in der Nacht leuchten an den Schädeln die Augen u. s. w. Den knöchernen Schädeln werden auch heute noch magische Wirkungen in Rußland zugeschrieben.[27]
Die Märchen und Sagen der finnischen Völker im Innern des europäischen Rußland zeigen ebenfalls Anklänge an ehemalige Menschenfresserei. Ein wotjäkisches Märchen[28] berichtet von dem schlauen Knaben Wanka, den eine Hexe durch ihre Tochter braten lassen will. Die Tochter befiehlt ihm sich auf die Schaufel zu setzen, um ihn in den geheizten Backofen zu schieben; er stellt sich aber ungeschickt und als die Tochter es ihm vormacht, schiebt er diese schnell in den Ofen, wo sie gebraten wird. Nun kommt die Alte zu Hause, sieht in den Ofen und spricht: „Ach, Wanka, wie schön du gebraten bist.“ Sie zieht den Menschenbraten hervor und verzehrt ihn. Sie verspeist somit ihr eigenes Kind und diesen Zug finden wir auch anderweitig und die Backofengeschichte spielt gleichfalls in deutschen Märchen.
In den Märchen und Sagen der Turkvölker Südsibiriens leben auch die Menschenfresser fort, wiewohl wir bei den heutigen Viehzüchtern jener Gegenden keinerlei Spuren von Kannibalismus nachzuweisen vermögen. In dem von den Altajern erzählten Märchen von Tardanak und Täktäbäi Märgän werden deutliche Menschenfressergeschichten erzählt, wie in unseren Kindermärchen.[29]
Tardanak wird von dem siebenköpfigen Jälbägän in einen Sack gesteckt um als Speise zubereitet zu werden; mit List befreit er sich daraus, schneidet den Kindern Jälbägäns die Köpfe ab und kocht deren Leiber in einem Kessel. Da kehrt Jälbägän zurück:
Sah das Fleisch, welches im Kessel gekocht war. Als er das Fleisch sah, sprach er: Meine Kinder haben gut gethan, Den Tardanak haben sie getötet Und gekocht, das ist gut. Das im Kessel befindliche Fleisch nahm und aß er.
So ist also auch hier der Menschenfresser geprellt und verzehrt die eigenen Kinder im Wahne, einen Fremden zu essen.
Die Anschauungen, wie sie in den Märchen und im Volksaberglauben hier uns entgegentreten, namentlich der Wahn, dass im menschlichen Fleische und Blute Heilkraft vorhanden sei, sie bestehen noch jetzt beim gemeinen Volke und äußern sich praktisch.
Als die Hinrichtungen in Deutschland noch öffentlich waren, ist es häufig vorgekommen, daß Zuschauer ihre Taschentücher in das Blut hingerichteter Verbrecher eintauchten, um sie dann zu Heilzwecken zu benutzen, gerade so wie der arme Heinrich des Hartmann v. d. Aue durch das Herzblut einer reinen Jungfrau vom Aussatz geheilt werden sollte. Bei Daber in Pommern wurde eine Kindsmörderin hingerichtet; als ihr Blut umherspritzte, drängten sich alle Leute, die etwas zu verkaufen hatten, besonders Bäcker und Brauer, heran, um in einem Lappen einige Tropfen davon aufzufangen. Der Lappen mit solchem Blut wurde von den Bäckern in den Brotteig, von den Brauern in das Bier getaucht, damit sie Kundenzulauf erhielten.[30]
Mit solchem Aberglauben hängen auch sich wiederholende Grabschändungen zusammen, wobei den Leichen Blut oder Stückchen Fleisch entnommen werden, um sie Erkrankten einzugeben, wie derlei Fälle 1871 und 1877 festgestellt sind zu Rostasin bei Lauenburg (Pommern) und Heidemühl (Kreis Schlochau). Gottfried Dallian aus Neukirch bei Elbing ermordete und beraubte am 31. Dezember 1865 die ledige Elisabeth Zernickel und verzehrte, wie die Gerichtsverhandlung ergab, einen Teil ihres ausgebratenen Bauchfleisches „um Ruhe in seinem Gewissen zu finden“. Die Herzen ungeborener Kinder gelten vielfach als Schutzmittel für Räuber und Diebe. Sie werden roh, sowie sie dem Leibe der Mutter entrissen waren, gegessen.[31] Berliner Zeitungen vom 13. November 1879 meldeten:
„In einem Gebüsch im Friedrichshain, gegenüber der Elbinger Straße, fand man gestern früh um 8 Uhr einen Sarg, dessen Deckel abgehoben war und in welchem die nur spärlich bekleidete Leiche eines etwa ein Jahr alten Mädchens lag. Die sofort benachrichtigte Polizei des 51. Reviers konstatierte eine grausige Verstümmelung der Leiche: Brust und Leib waren aufgeschnitten und Herz, Leber und Lunge gewaltsam aus dem Körper gerissen. Die sofort angestellten Ermittelungen ergaben, daß das Kind die erst am Mittwoch der vorigen Woche am Keuchhusten verstorbene, Sonntag begrabene Emma Schönberg, das Töchterchen des in der Fischerstraße 29 wohnenden Schuhmachermeisters Schönberg, ist. Die Bestattung hatte auf dem katholischen Kirchhof in Weißensee stattgehabt. Der Chef der Kriminalpolizei, Graf Pückler und der Staatsanwalt haben alle zur Entdeckung der Thäter führenden Maßregeln selbst angeordnet.“ Offenbar liegt hier ein ähnlicher Fall vor, wie die bereits oben gemeldeten. Man sieht also, wie die düstern Anschauungen, die mit ehemaliger Anthropophagie zusammenhängen, bis auf unsre Tage in der Hauptstadt des deutschen Reichs in niederen Volksschichten fortbestehen, Anschauungen, denen wir bei ganzen Völkern im folgenden noch sehr häufig begegnen werden. Ich nehme, der Parallele wegen, hier einen Fall vorweg.
Die mohammedanischen Nubier, mit denen ~S. W. Baker~ seinen Eroberungszug 1872 nilaufwärts nach Unjoro unternahm, waren nicht frei von dem schrecklichen Aberglauben, dass das Verzehren von Menschenfleisch besondere Eigenschaften verleihe. „Diese abergläubischen Leute hatten die Vorstellung, dass jede abgeschossene Kugel einen Mann aus Unjoro töten würde, wenn sie nur ein Stückchen von der Leber ihrer Feinde verzehren könnten. Sie hatten daher die Leber eines Erschossenen herausgeschnitten, unter sich verteilt und positiv roh verzehrt. Den Körper hatten sie mit ihren Schwertbajonetten in Stücken zerlegt, welche sie, zur Warnung für die Leute von Unjoro, auf die Büsche gehängt hatten.“[32]
[14] ~Jahn~, Volkssagen aus Pommern. No. 19 und 21.
[15] ~Veckenstedt~, Wendische Sagen. Graz 1880. 43.
[16] ~Kuhn~ und ~Schwartz~, Norddeutsche Sagen. No. 32.
[17] Vuk. Nr. 363.
[18] In der lex sal. 67. ~Grimm~, D. M. 611.
[19] ~Grimm~, Kindermärchen. 51. 56. 113. Auch der siebenbürgische Menschenfresser mästet die drei Schwestern mit Stritzeln und Nüssen. ~Haltrich~, Deutsche Volksmärchen aus Siebenbürgen.³ No. 38.
[20] ~B. Schmidt~, Volksleben der Neugriechen. 136.
[21] ~Grohmann~, Aberglauben aus Böhmen. No. 1448.
[22] ~W. Lobscheid~, Evidence of the affinity of the Polynesians and American Indians. Hongkong 1872. 62.
[23] ~Tylor~, Early history of Mankind. London 1865. 131.
[24] ~Brockhaus~, Somadeva. 142.
[25] ~Colshorn~, Märchen und Sagen. Hannover 1854. No. 8.
[26] Parallel läuft eine tschechische Sage, mitgetheilt von ~G. Krek~, Einleitung in die slawische Literaturgeschichte. Graz 1874. 265.
[27] Nach einem Referat von ~L. Stieda~ im Archiv f. Anthropologie. XI. 348.
[28] ~M. Buch~, Die Wotjäken. Helsingfors 1882. 116.
[29] ~Radloff~, Volkslitteratur der türkischen Stämme Süd-Sibiriens. St. Petersburg 1866. I. 28. 32.
[30] ~Jahn~, Volkssagen aus Pommern. No. 440.
[31] ~Mannhardt~, Die praktischen Folgen des Aberglaubens. Berlin 1878. 17 ff.
[32] ~S. W. Baker~, Ismailia. London 1874. II. 354.
+Alte geschichtliche Nachrichten über Anthropophagie+.
Den Übergang aus der vorgeschichtlichen Zeit zum Kannibalismus der Gegenwart vermitteln uns eine große Anzahl historischer Belegstellen in den Schriften der Alten, die sämtlich, mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit, einzelne Völker oder Völkerstämme der alten Welt des Kannibalismus bezichtigen, in ihrer Gesamtheit aber jedenfalls den Beweis herstellen, daß die Anthropophagie im Altertum eine Thatsache war. Hier, wo der Schwerpunkt auf die Anthropophagie bei den Völkern der Gegenwart gelangt ist, kann dieses Kapitel nur kurz behandelt werden, um so mehr, als dasselbe schon wiederholt bearbeitet worden ist.[33]
~Herodot~ wie ~Strabo~ sind eine wahre Fundgrube von Nachrichten über alte Anthropophagen; bemerkbarer Weise beschuldigen sie jedoch meistens solche Völker, die an der Peripherie ihres geographischen Wissens wohnten, Stämme im heutigen Rußland und in Mittelasien. Wenn unter den Massageten, so heißt es beim ~Herodot~[34], Jemand ein sehr hohes Alter erreicht, so kommen seine nächsten Blutsverwandten zusammen und opfern ihn und mit ihm mehrere Schafe. Nach vollbrachtem Opfer kocht man sowohl den geopferten Anverwandten, als die geschlachteten Schafe und verzehrt beide gemeinschaftlich. Die Massageten halten diese Behandlung ihrer Anverwandten für ein großes Glück. Solche Personen jedoch, die an Krankheiten sterben, verzehren sie nicht, sondern begraben sie; dies wird aber als ein Unglück beklagt, da dem Gestorbenen nicht die Ehre des Begräbnisses im Leibe seiner Verwandten zu teil geworden. Gleichfalls nach ~Herodot~[35] war es unter den Nachbarn der Massageten, den Issedonen, Sitte, daß die Söhne nach dem Tode der Väter Opfertiere schlachteten, dann die gestorbenen Väter wie die geschlachteten Tiere zerstückelten, beides kochten und verzehrten. Besonders aber hoben sie die Schädel der Verstorbenen als große Heiligtümer auf, fassten sie in Gold und brauchten sie bei ihren jährlichen Opfern. ~Herodot~ nennt selbst in Indien mehrere Völker[36], unter welchen entweder die Kinder ihre verstorbenen Eltern verzehrten, oder wo man jeden kranken Verwandten bald umbrachte, damit das Fleisch sich nicht verschlechtere, weil es zum Verzehren bestimmt war. ~Aristoteles~ hebt die Anthropophagie einiger Völker am Pontus hervor; es sei dieses, sagt er, tierische Wildheit (θηριότης), krankhaftes Gelüste wie bei den Schwangeren. ~Strabo~ berichtet ganz ähnliches von den Derbikern in Margiana. Sie erwürgen Greise, sobald sie das siebzigste Jahr zurückgelegt haben und die Verwandten verzehren deren Fleisch. Alte Frauen von gleichem Alter werden zwar erwürgt, aber nicht gegessen, sondern begraben.[37]
Von Irland (Ἰέρνη) erzählt ~Strabo~[38], daß seine rohen Bewohner „sowohl Menschen- als Vielfresser sind und es für rühmlich halten, ihre verstorbenen Eltern zu verzehren und sich öffentlich zu begatten, sowohl mit andern Frauen, als mit ihren Müttern und Schwestern. Doch auch dieses erzählen wir nur so, ohne glaubwürdige Zeugen zu haben; obgleich wenigstens die Menschenfresserei auch eine Skythische Sitte sein soll und in Belagerungsnöten auch die Kelten, Iberer und mehrere andere dasselbe gethan haben.“ Desgleichen bemerkt ~Diodorus Siculus~, daß unter den wilden Bewohner des Nordens und an den Grenzen Skythiens es Menschenfresser gäbe, wie unter den Briten, welche die Iris genannte Insel (das heutige Irland) bewohnen.[39] Bei den blutigen Bacchanalen, die Omophagien genannt wurden und die man alle drei Jahre beging, geschah es nach dem Zeugnis des ~Porphyrius~,[40] daß man, namentlich auf Chios und Tenedos, einen Menschen gliedweise zerstückelte und dessen Fleisch roh verschlang. Aber nicht allein auf Griechenland beschränkten sich solche Mysterienbräuche. Nach ~Sallust~[41] tranken Catilina und seine Genossen zur Bekräftigung ihres Bundes nicht bloß Menschenblut unter Wein gemischt, sondern es wurde auch nach den bestimmten Versicherungen der Alten ein Knabe geopfert, auf seine Eingeweide geschworen und davon gegessen. ~Juvenal~ redet von den Knabengedärmen, welche der Haruspex durchwühlt. Kleine Kinder zu religiösen Zwecken geopfert zu haben macht ~Horaz~ in seiner fünften Epode der vormals geliebten Canidia zum Vorwurf. Unter den christlichen Vätern erwähnt ~Tertullian~ die Schauerlichkeit, wie man bis auf seine Zeit im Bunde des Jupiter Menschenblut getrunken.[42] ~Juvenal~, welcher unter Domitian nach Ägypten verbannt wurde, warf auch den Ägyptern vor, dass sie den Genuß von Menschenfleisch gestatteten.[43] Noch in die ersten christlichen Jahrhunderte hinein hören wir die Beschuldigung des Kannibalismus vorgetragen. Der heilige ~Hieronymus~, welcher gegen Ende des vierten und im Anfang des fünften Jahrhunderts schrieb, schildert als Augenzeuge, daß die Atticoten sich von Menschenfleisch nährten und den Busen der Weiber und den Hintern als besondere Leckerbissen genossen.[44]
Das Angeführte genügt immerhin, um das Vorhandensein der Anthropophagie im Gesichtskreise der Alten nachzuweisen und den Zusammenhang festzustellen, welcher zwischen den Kannibalen der vorgeschichtlichen Zeit und jenen der Gegenwart besteht. Eine nur zu reiche Ausbeute auf diesem Felde werden wir aber halten, wenn wir uns den Völkern der Gegenwart zuwenden und unsern Rundgang mit Asien beginnen.
[33] ~Petrus Petitus~, De natura et moribus anthropophagorum. Utrecht 1688. Eine im Archiv für Anthropologie IV. 245-286 befindliche Abhandlung darf nur mit der allergrößten Vorsicht benutzt werden. Eine sehr gute und klare Übersicht giebt Dr. ~Leonard Korth~ „Geschichtliches und Geographisches über den Kannibalismus“. Ausland 1883. 1001. Aus dieser Übersicht habe ich im nachstehenden einiges entlehnt.
[34] ~Herodot~ I. 216.
[35] ~Herodot~ IV. 26.
[36] ~Herodot~ III. 38. 97. 99.
[37] ~Strabo~ p. 520 ed. Casaub.
[38] p. 201 ed. Casaubon.
[39] Editio ~Dindorf~ et ~Müller~. Paris 1855. p. 273.
[40] abst. II. 55.
[41] Catil. 22.
[42] Adv. gnost. c. 7. Et Latio in hodiernum diem Jovi media in urbe humanus sanguis ingustatur.
[43] Sat. XV. Noch im 13. Jahrhundert werden die Ägypter, und zwar das ganze Volk, der Menschenfresserei angeklagt. Damals bereiste ein Arzt aus Bagdad, ~Abd-Allatif~ ihr Land: „Als die Armen Menschenfleisch zu essen begannen, waren Abscheu und Erstaunen darüber so außerordentlich, daß die fürchterlichen Berichte nicht aufhörten, das Tagesgespräch zu bilden. Endlich gewöhnte sich aber das Volk daran und erlangte solchen Geschmack an der schrecklichen Nahrung, daß selbst reiche und geachtete Leute sie als gewöhnliche Speise zu sich nahmen und selbst Vorräte von Menschenfleisch anlegten.“ Winwood Reade, Savage Africa. London 1863. 157. Bei dem alten Kulturvolke der Ägypter läßt sich dagegen keine Spur von Anthropophagie darthun.
[44] Sanctus ~Hieronymus~, adversus Jovinianum. lib. II. t. IV. 2ᵃ pars. p. 202 der Folioausgabe. Paris 1706. Quum ipse adolescentulus in Gallia viderim Atticotos, gentem britannicam, humanis vesci carnibus; et quum per sylvas porcorum greges et armentorum pecudumque reperiant, pastorum nates et feminarum et papillas solere abscindere, et has solas ciborum delicias arbitrari. Daß diese Stelle sich auf Anthropophagie beziehe, ist bestritten worden (Archiv für Anthropol. IV. 252).
+Asien+.
+Malayischer Archipel.+ Die Zeugnisse für die Anthropophagie im indischen Archipel beginnen mit dem 13. Jahrhundert, mit ~Marco Polo~, welcher die verschiedenen Inseln desselben erwähnt und die sechs „Königreiche“ von Giava minore (Sumatra) schildert, die er besuchte. Dagroian, sagt er, ist eins der Königreiche, welches eine besondere Sprache hat. Man erzählte mir von einem abscheulichen Gebrauche, daß, wenn einer krank ist, sie zum Zauberer senden, ob er wohl genesen könne; sagen diese Teufel nein, so schicken die Verwandten zu einem besonders dafür Angestellten, welcher den Kranken erwürgen muß. Hierauf schneiden sie ihn in Stücken, und die Verwandten verzehren ihn mit vielem Vergnügen, selbst bis auf das Mark der Knochen; denn -- sagen sie -- wenn irgend etwas von ihm übrig bleibt, werden daraus Würmer entstehen, welchen Nahrung mangelt und die so, zur großen Qual der Seele des Verstorbenen, sterben würden. Die Knochen werden dann in irgend eine Felsenhöhle getragen, damit die wilden Tiere sie nicht berühren können. Wenn sie einen Fremden gefangen nehmen, so verzehren sie ihn auch.[45] Ob nun hier speziell die heutigen menschenfressenden Batta gemeint sind, läßt sich nicht mehr nachweisen.
Die Anthropophagie hat sicher in früherer Zeit weit ausgedehnter als jetzt auf Sumatra geherrscht, und erst als der Islam sich an den Küsten verbreitete und eine Anzahl kleiner mohammedanischer Staaten entstand, wurden die Anthropophagen nach dem Innern zurückgedrängt, wo wir nun in den Batta den letzten Rest derselben finden. Es ist der Venetianer ~Nicolo di Conti~, der uns wohl die früheste bestimmte Nachricht bringt, daß die Batta entschiedene Anthropophagen seien. Er hatte 25 Jahre lang Asien bereist und erhielt 1444 vom Papste ~Eugenius~ IV. Absolution dafür, daß er während dieser Zeit seinen Christenglauben verleugnet hatte. Auf Sumatra verbrachte ~Conti~ ein Jahr, er berichtet, was damals von großer Wichtigkeit, daß dort vortrefflicher Pfeffer wachse, und daß in einem Teile des Landes, „Batech“ genannt, das Volk Menschenfleisch esse.[46]
Die Batta, ein vergleichsweise hochstehendes malayisches Volk, mit eigentümlicher Schrift und Litteratur, bewohnen im Innern Sumatras die Hochebenen von Tobah, Sipirok, Sikunna und erstrecken sich nordwärts bis über Singkel, wo das Pupa- und Duragebirge die Grenze zwischen ihnen und den Atschinesen bildet. Im Süden reichen sie bis in die Gegend von Ajer Bangis. Bei ihnen ist die Anthropophagie, wie aus den mannigfachsten Zeugnissen hervorgeht, so eigentümlicher Art und entspringt aus so merkwürdigen Motiven, daß wir hier etwas ausführlicher uns damit beschäftigen müssen. Oft angezweifelt, hat ~William Marsden~ in seinem immer noch brauchbaren Werke über Sumatra die Thatsache, daß die Batta immer Anthropophagen sind, festbegründet.[47] Die Batta, sagt er, essen nicht Menschenfleisch, um den Hunger zu stillen, oder aus Mangel an anderen Nahrungsmitteln, ebenso wenig wird es, wie unter den Neuseeländern, als ein Leckerbissen gesucht. Sie essen es bloß als eine Art von Ceremonie, um ihren Abscheu gegen das Laster durch eine schmähliche Strafe an den Tag zu legen und als einen schrecklichen Beweis des Hasses und der Verspottung ihrer unglücklichen Feinde. Die Gegenstände dieser unmenschlichen Mahlzeiten sind im Kriege gemachte Gefangene und Missethäter, die großer Verbrechen überwiesen sind. -- -- Nachdem das Urteil vollzogen, wird der Unglückliche an einen Pfahl gebunden; das versammelte Volk wirft seine Lanzen nach ihm in einer gewissen Entfernung, und sobald er tödlich verwundet ist, laufen sie wüthend hin, schneiden Stücken aus seinem Leibe mit ihren Messern, tauchen sie in die Schüssel mit Salz und Citronensaft, rösten sie ein wenig über einem Feuer, das zu dem Zweck bereitet wird, und verzehren die Bissen mit einem wilden Enthusiasmus. Zuweilen verzehren sie den ganzen Körper, und man hat Beispiele, daß sie mit noch erhöhter Barbarei das Fleisch mit den Zähnen abgerissen haben. Folgen bei ~Marsden~ einzelne Belege.
Der Botaniker ~Charles Miller~, der gleichzeitig mit ~Marsden~ über Sumatra schrieb[48], bestätigt gleichfalls, daß die Batta „Menschenfleisch eher zur Erschreckung der Feinde, denn als gewöhnliche Nahrung essen; demungeachtet ziehen sie es allem übrigen vor und sprechen mit besonderer Entzückung von den Fußsohlen und flachen Händen als herrlichen Leckerbissen“.